Verlag: Hybrid Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung La Casa de Ayer - Alexander Drews

Können Träume die Realität verändern? Der Aufenthalt bei seinem Freund Rick im spanischen Niemandsland sollte für Zach eine entspannte Auszeit werden. Doch eine skurrile Villa und die Begegnung mit einer Psychopathin ziehen ihn bald in einen eigenen Albtraum, in dem sich Realität und Wirklichkeit kaum mehr voneinander unterscheiden lassen. Bald liegt es an ihm, eine weltweite Katastrophe zu verhindern.

Meinungen über das E-Book La Casa de Ayer - Alexander Drews

E-Book-Leseprobe La Casa de Ayer - Alexander Drews

HYBRID VERLAG

Ebookausgabe

09/2018

© by Alexander Drews

© by Hybrid Verlag, Homburg

Umschlaggestaltung: © 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Lektorat: Sylvia Kaml, Diana Spitzer

Autorenfoto:

Coverbild ›Weltenwacht‹

© 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Halbwesen‹

© 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Die letzte Melderin‹

© Umschlaggestaltung: © Katharina Netolitzky

Bilder: Stocksnap.io

ISBN 978-3-946-82042-0

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

Alexander Drews

La Casa De Ayer

Fantasy

Für Sabine

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Ankunft in der Villa Linda

2. Der Poet

3. Das graue Haus

4. Albträume

5. Suencuerdos

6. Grube und Pendel

7. Flammen der Wut

8. Am Ende

Epilog

Prolog

»Okay!«

Nur ein Wort, aber genau jenes kostete fast 600 Menschen das Leben. Dabei war es dieses »Okay!«, auf das Flugkapitän Van Zanten so lange gewartet hatte.

Sie hätten schon längst wieder auf dem Rückflug sein sollen. Aber irgendwelche Spinner mit einer Bombendrohung und die übervorsichtige Guardia Civil, die daraufhin den gesamten Airport Gran Canarias gesperrt hatte, waren offensichtlich anderer Meinung. Und nun saßen sie hier auf einem Provinzflughafen Teneriffas fest. Wenigstens hatte Van Zanten die Zeit zum Volltanken nutzen können. Mit dieser Tankfüllung würden sie locker bis Gran Canaria und danach zurück nach Amsterdam kommen, ohne noch einmal Sprit nachschütten zu müssen. Das reduzierte die Verspätung immerhin um eine halbe Stunde.

Van Zanten blickte auf seine Armbanduhr und sah dem Sekundenzeiger bei seinem Lauf zu. Es würde trotzdem knapp werden. Zeit dominierte seinen Beruf. Wenn sie nicht bald abhoben, würden sie zu spät auf Gran Canaria landen. Dann würden er und seine Crew die Zehn-Stunden-Regel brechen müssen, wollten sie heute Abend noch nach Hause kommen – und die KLM verstand da relativ wenig Spaß.

Und weshalb?

Weil heute einer dieser Tage war, an dem alles zum anderen kam.

Erst die Bombendrohung. Zeitverzögerung.

Dann die Sperrung inklusive Umleitung. Riesen Zeitverzögerung. Dann die junge Frau, die unbedingt hier aussteigen wollte, obwohl sie beim Start der Maschine gar nicht hatte wissen können, dass sie heute auf Teneriffa landen würden. Eigentlich keine Zeitverzögerung, da sie ohnehin warten mussten, aber trotzdem nervig.

Dazu die Enge des Flughafens, den sich nun sechs Großflugzeuge teilen mussten, obwohl er dem Anschein nach nur für Sportflugzeuge, bestenfalls noch für die Mini-DCs ausgelegt war, aber nicht für eine Boeing. Der einsetzende Nebel, der den Flughafen langsam aber sicher in eine Waschküche verwandelte. Und um das Maß vollzumachen: Die Piloten der Pan-Am-Maschine, die kurz nach ihm gelandet war. Sie waren ihm und seiner Maschine schon beim Tanken auf die Pelle gerückt, als ob sie sich an ihm vorbeiquetschen wollten. Als wenn man hier mit einer Passagiermaschine überholten könnte wie auf einer dreispurigen Autobahn.

Van Zanten schnaubte und zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. Einer nach dem anderen. Wer zuerst landet, hebt auch als Erster wieder ab. So ist das. Er spähte nach vorne aus dem Cockpitfenster. Jetzt rollten die Boys von der Pan Am da vorne in der Erbsensuppe irgendwo herum und blockierten die einzige Startbahn, weil sie zu dusselig waren, die Abzweigung zum Taxiway zu finden. Aufgrund der Interferenzen verstand Van Zanten zwar nur die Hälfte von dem, was die Amis da von sich gaben, aber auch der spanische Lotse klang schon reichlich genervt.

Da knisterte es wieder aus dem Funkgerät. »Hier ist die Pan Am 1736 Clipper Victor – bitte bestätigen Sie, dass wir Abfahrt 3 zum Taxiway benutzen sollen.«

Van Zanten verdrehte die Augen.

»Pan Am, wir bestätigen, nehmen sie Exit 3. Exit 3!«, knarzte es über Funk.

»In der dichten Suppe sieht man aber auch wirklich nicht mehr viel«, bemerkte der Funker.

Van Zanten spähte nach links. Von den Bergen hinab rollte eine weitere Nebelwand auf den Flughafen zu. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie die Startbahn erreichte.

»Pan Am 1736 Clipper Victor. Wir rollen noch immer die Startbahn hinab und bitten nochmals um Bestätigung, Exit 3 zu nehmen«, knarrte der Lautsprecher wieder los.

Van Zanten schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

»Ja, Pan Am, wir bestätigen. Zählen sie einfach durch, Exit 1, Exit 2, und der Nächste ist es dann. Eins, zwei, drei. Ganz einfach«. Die Stimme des spanischen Fluglotsen drückte deutlich aus, dass auch er die Pan-Am-Piloten inzwischen für zurückgeblieben hielt.

»Die Amis scheinen mir etwas begriffsstutzig«, grinste der Co-Pilot.

Van Zanten nickte nur und starrte weiter nach vorne. In den letzten Minuten hatte die Sichtweite bedenklich abgenommen. Wenn das so weitergeht, lassen die uns wegen des Nebels nicht mehr hoch, dachte er.

»Na ja«, der Co-pilot blickte auf den Instrumenten umher, dann schlug er die Hände ineinander und verschränkte die Finger. »Warten wir eben noch eine Runde.«

»Warten, warten, warten«, murrte Van Zanten und fuhr sich mit der Hand durch seine grauen, akkurat geschnittenen Haare. »Als ob wir das nicht schon den ganzen Tag gemacht hätten. Ich will heute noch zurück!«

»Wird knapp werden!« Die Stimme des Co-Piloten ließ deutliche Skepsis erkennen.

»Ach nein!«, brauste Van Zanten auf. »Erzähl mir lieber etwas, das ich noch nicht weiß.«

In diesem Moment meldete sich der Tower erneut. »Pan Am 1736 Clipper Victor, bitte melden Sie Startbahn frei, wenn Sie die Hauptrollbahn verlassen haben.«

»Okay, wir melden dann Startbahn frei«, kam nach ein paar Sekunden die Antwort, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Quietschen.

Van Zanten warf seinem Co-Piloten einen Blick zu, dann holte er tief Luft. »Na endlich«, sagte er und drückte den Beschleunigungshebel nach vorn. Das schwere Flugzeug setzte sich in Bewegung.

»Ist sie denn weg?«, rief der Funker.

»Wer?«

»Ist sie denn weg, die Pan Am?«

»O ja«, sagte Van Zanten, während die Beschleunigung ihn in den Sitz presste. Hatte die Pan Am nicht eben Startbahn frei gemeldet?

»Aber …«

»Die Pan Am ist weg, worauf sollen wir da noch warten?« Van Zanten lächelte grimmig. Es würde zwar knapp werden, aber wenn jetzt alles wie am Schnürchen liefe, dann könnten sie es doch noch bis Amsterdam schaffen. Selbst wenn der Tower noch in letzter Sekunde auf die Idee käme, den Flughafen wegen des Nebels zu sperren: Gleich würden sie auf und davon sein.

Die schwere KLM-Maschine jagte über die nebelfeuchte Startbahn. Inzwischen betrug die Sicht weniger als fünf Meter. Dichte Nebelschwaden streiften die Cockpitfenster.

Van Zanten warf einen Blick zu seinem Co-Piloten, der angestrengt durch das Glas nach draußen starrte, obwohl es dort mittlerweile nichts mehr zu erkennen gab. Er selbst lehnte sich gemütlich zurück. Bei der Geschwindigkeit konnten sie den Start so oder so nicht mehr abbrechen und in ein paar Metern Höhe sollte die Sicht auch wieder aufklaren. Bis dahin mussten sie eben Instrumentenflug machen.

Der gellende Schrei seines Co-Piloten riss Van Zantens aus seinen Gedanken. Starr vor Schreck blickte er nach vorn.

Direkt vor ihm tauchten aus dem Nebel Lichter auf. Weiß, grün, rot – die Positionsleuchten der Pan Am!

Van Zanten reagierte sofort. Bremsen würde nichts mehr helfen. Er beschleunigte soweit es ging und riss den Steuerknüppel bis zum Anschlag nach hinten.

»Komm, komm«, rief er.

Die Nase der KLM-Maschine hob sich bereits, aber noch hatte das Flugzeug nicht genügend Geschwindigkeit für das Take-off. Aus der Kabine hinter ihnen drangen die Angstschreie der Passagiere an Van Zantens Ohr, aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

Er musste die Maschine in die Luft kriegen. So schnell wie möglich.

Die Schnauze des Jumbos hob sich immer weiter, während das Heck schon die Rollbahn streifte. Kreischend und funkensprühend kratzte es über den Asphalt, aber so sehr Van Zanten auch beschleunigte, er bekam den Jet einfach nicht hoch.

Immerhin hatten auch die Pan-Am-Piloten erkannt, was da frontal auf sie zukam, und versuchten nun ein Ausweichmanöver. Sie rissen das Steuer herum und leiteten eine 45-Grad-Kehre ein. Stück für Stück drehte sich die Pan Am vor der heranrasenden KLM-Maschine quer zur Rollbahn, um dann – irgendwie – von der Piste herunterzukommen, notfalls über die Wiese.

»Verdammt noch mal, komm endlich hoch!«, schrie Van Zanten verzweifelt.

Nur noch Sekunden trennten sie von der unvermeidlich scheinenden Kollision.

Buchstäblich in letzter Sekunde schaffte es der Jumbo, seine Nase so weit zu heben, dass sie wenige Meter über der Pan-Am-Maschine hinwegbrauste.

Und mit leerem Tank und damit weniger Gewicht hätten sie es auch geschafft.

Man könnte auch sagen: Hätte es die Funkstörung nicht gegeben und Van Zanten gehört, wie der Satz des Pan-Am-Piloten weiterging – »… wenn wir die Startbahn verlassen haben!« –, dann wäre er gar nicht gestartet. Aber Van Zanten hatte es nicht hören können.

Und er hatte vollgetankt.

Weshalb die KLM-Maschine aufgrund des zusätzlichen Gewichtes in ihren Tanks die Pan Am doch noch streifte und ihr das komplette Oberdeck abriss. Die KLM-Piloten verloren die Kontrolle über ihr Flugzeug, das einige hundert Meter weiter aufschlug und völlig ausbrannte.

Das Kerosin aus der KLM-Maschine ergoss sich in das nun mehr offene Flugzeug der Pan Am und entzündete sich dort ebenfalls.

Die bis heute größte Flugzeugkatastrophe der zivilen Luftfahrt hatte ihren Lauf genommen – auf dem Flughafen Los Rodeos auf Teneriffa, am 27. März 1977 um 17:46 Uhr Ortszeit.

1. Ankunft in der Villa Linda

Ich habe noch immer das Bild vor Augen, selbst heute, dreißig Jahre später, erscheint es klar und gestochen scharf. Eine Landstraße irgendwo in Neukastilien, hundert Kilometer südlich von Toledo. Pinienwälder zu beiden Seiten, ein schmales Asphaltband, das sich durch die Landschaft schlängelt, und ein abzweigender Schotterweg, markiert mit einem Pappschild mit der Aufschrift »Villa Linda«.

Unwillkürlich musste ich grinsen. Das sah Rick ähnlich, das Ferienhaus seiner Eltern mal eben umzutaufen. Ich schlug das Lenkrad hart nach links ein und bog ab. Die Räder meines Opel Kadetts knirschten über den Rohschotter und ich fürchtete einen Moment lang um meine Reifen. Aber nun hatte ich es ja bald geschafft. Noch fünf Kilometer durch die Einöde – das war eine Strecke, die man notfalls auch zu Fuß zurücklegen konnte. Mit Gepäck wäre es zwar deutlich mühseliger, aber das konnte ich ja im Wagen und später von Rick holen lassen.

Der Weg führte weiter durch den Pinienwald. Wohin ich auch schaute, es gab nichts weiter zu sehen als Bäume, Steine und Grasinseln. Das Licht der Herbstsonne, deren Strahlen nur mit Mühe den wolkenverhangenen Himmel durchdrangen, malte helle Flecken auf das Grün und verwandelte die einsame Umgebung in eine malerische Landschaft. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wieso jemand Mitte Oktober Ferien in Neukastilien machte. Aber Rick war schon immer jemand, der gerne genau das tat, was andere nicht machten. In der Schule war er derjenige gewesen, der prinzipiell auf dem Klo rauchte, anstatt den dafür vorgesehenen Hof zu benutzen, einfach, weil ihn das Risiko reizte, erwischt zu werden. Eines Tages war das tatsächlich passiert, allerdings nicht beim Rauchen, sondern bei einer anderen Tätigkeit, die man normalerweise ebenfalls nicht auf Schultoiletten praktiziert.

Ein andermal hatte er das Kunststück fertiggebracht, eine Musikstunde zu sprengen – er bezog einfach in dem Zimmer über dem Musikraum Position. In dem Moment, als Frau Quarkteich – sie hieß tatsächlich so – ihren Musikunterricht in der 7B begonnen hatte, stieg er aus dem Fenster seines Zimmers, klammerte sich an das Fensterbrett und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Natürlich drehten sich alle Schüler der 7B um und auch Frau Quarkteich starrte nach draußen. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Rick am Fenster vorbeifiel.

Er hatte Glück und sich genau in dem Moment fallen gelassen, als Frau Quarkteich hinsah. Natürlich hatte er sich bei dieser Aktion nichts getan, denn der sorgsam vor dem Fenster platzierte Haufen Stroh fing seinen Sturz ab.

Was ihn aber absolut zum Coolsten der ganzen Schule werden ließ, war, dass Marie Quarkteich, des vermeintlichen Unfalles angesichtig, hinter dem Lehrerpult in Ohnmacht fiel.

Es gibt noch andere Begebenheiten, die ich schildern könnte, aber ich glaube, diese beiden reichen schon aus, um zu zeigen, dass Rick jemand war, der am liebsten die Nonkonformistenuniform trug und an alle Grenzen ging, die sich ihm boten. Manchmal auch darüber hinaus. Ferien im Oktober waren für ihn daher selbstverständlich, und er konnte sie sich leisten. Schon während unserer Schulzeit witzelten wir darüber, dass er bereits in der Ausbildung war, nur nicht als Lehrling, sondern als reicher Sohn, um dann eines Tages den ehrenwerten Beruf des schwerreichen Tagediebes zu ergreifen. Und genau so schien es auch zu kommen.

Nach dem Abitur machte er erst einmal ausgiebig Ferien. Ich verbrachte meine Zeit damit, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, was im Jahr 1986 noch nicht so ganz einfach war. Er hingegen reiste erst einmal durch halb Europa, um Inspiration zu suchen für seinen weiteren Lebensweg, wie er es nannte. Jeder andere hätte gesagt, er übe schon einmal für das Jetset-Leben. Anders als er musste ich mich erst einmal mit mürrischen Amtspersonen herumschlagen, denen ich zu erklären hatte, weshalb ich auf alle Fälle ein Kriegsdienstverweigerer sei. Es stand ziemlich auf der Kippe und in der mündlichen Anhörung entschloss ich mich für die Flucht nach vorn. Auf die Frage, was ich denn unternähme, wenn ein Russe beim Einmarsch in die Bundesrepublik meine Schwester vergewaltigen würde, entgegnete ich rüde, dass ich mir solche Gräuelmärchen über die glorreiche Rote Armee verbitten würde und dass diese westdeutsche Hass-Propaganda bei mir nicht fruchtete, Bund hin oder her. Danach war seltsamerweise Ruhe und ich ein künftiger Zivi.

Rick hatte es natürlich einfacher. Sein neuer Erstwohnsitz bei einem Onkel in Zehlendorf, Westberlin, bewahrte ihn vor dem Bund, und so gab es nichts, was ihn aufhalten konnte, Städte wie Bordeaux, Rom oder London unsicher zu machen. Am Ende beschloss er dann, sich im Ferienhaus seiner Eltern von den anstrengenden Reisen auszuruhen.

Als ich ihm erzählte, dass ich meinen Zivildienst erst Anfang Dezember antreten würde, war er sofort Feuer und Flamme und meinte, ich müsse ihn unbedingt besuchen kommen.

Ich war anfangs skeptisch, aber am Telefon hörte er sich so an, als ob es ihm wirklich ernst sei. Vielleicht wollte er auch nur hören, wie es mir so ergangen war. Wir hatten uns seit dem Abitur nicht mehr gesehen.

Ich lenkte meinen Wagen im Schritttempo um ein paar scharfe Kurven und erreichte dann eine schmale Brücke, die über einen kleinen Bach führte. Sie sah noch recht stabil aus, bestand aber nur aus einem schmalen Steg, ohne Geländer. Unvorsichtige Lenkbewegungen würden unweigerlich ins Bachbett führen. Allmählich bekam ich ein Gespür dafür, was Rick immer gemeint hatte, wenn er seinen Vater als eremitischen Schriftsteller beschrieb. Sicher, die meisten Schriftsteller lebten vermutlich recht zurückgezogen, aber das hier war der Gipfel. Die nächste Ansiedlung war dreißig Kilometer entfernt. Ich konnte es mir nur so erklären, dass Ricks Vater für seine Bücher wirklich sehr viel Ruhe brauchte. Aber der Erfolg gab ihm zugegeben recht. Was dieser Autor hier zu produzieren pflegte, wurde fast ausnahmslos zu Bestsellern. Nicht, dass er diesen Erfolg gebraucht hätte, zumindest nicht finanziell. Wenn man aus einer reichen Familie stammt, spielt so etwas kaum eine Rolle. Aber eventuell gefiel er sich in der Rolle des Intellektuellen. Ich muss zugeben, ich hatte nie ein Buch von ihm gelesen.

Je weiter ich durch die Ödnis fuhr, desto mehr drängte sich mir eine ganz andere Frage auf: Was machte Rick hier eigentlich?

Mir fiel das Schild wieder ein. »Villa Linda«.

Vermutlich war das der Grund für die Abgeschiedenheit – mit einer Frau an seiner Seite kann man jede Einsamkeit viel besser ertragen. Es gibt sogar eine Zeit, da kann es einem frisch verliebten Paar nicht einsam genug sein, wie ich heute weiß. Und von Linda hatte er mir am Telefon schon vorgeschwärmt. Ich fand es daher etwas seltsam, dass er mich trotzdem eingeladen hatte. Ich sah mich schon als fünftes Rad am Wagen. Aber nach der ganzen Aufregung mit der Kriegsdienstverweigerung kamen mir Ruhe und Frieden gerade recht.

Nach der kleinen Brücke musste ich noch einen Kilometer weit fahren und dann tauchten, direkt vor einer hohen Felswand gelegen und am Rande des kleinen Baches, ein zweistöckiges, kastenartiges Gebäude auf. Es hatte an jeder Seite weite, französische Fenster, die Wände waren abwechselnd weiß verputzt oder gelb verklinkert, und aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Es passte in die Landschaft wie ein gelbes Bauklötzchen in einen Teller Erbsensuppe, wirkte aber trotz seiner eklektischen Gestaltung irgendwie gemütlich. Das also war die Villa Linda, ehemals Villa Lanzarote. Ricks Vater hatte eine Vorliebe für die Kanarischen Inseln, ohne jemals dagewesen zu sein. Aber schon Karl May hatte seine Western-Romane geschrieben und das Land selbst lediglich in seiner Phantasie besucht.

Ich ließ den Wagen ausrollen und parkte ihn schließlich auf der anderen Seite des Weges, der von hier aus weiter in die Berge zu führen schien. Ich war kaum aus dem Auto ausgestiegen, da öffnete sich schon die Haustür der Villa und Rick kam heraus. Er schien kaum verändert – seine grünen Augen strahlten noch immer in diesem leicht belustigt süffisanten Schimmer, seine dunkelbraune Haarpracht präsentierte sich als stolze Vokuhila, um die ich ihn wirklich beneidete. Mein eigener schwarzer Wuschelschopf weigerte sich nämlich beharrlich, in irgendeine Frisur gezwängt zu werden. In seiner Begleitung eine junge Frau mit flachsblonden Haaren, die von einer Schleife zusammengehalten wurden. Sie war zierlich, etwas kleiner als Rick und hatte sich bei ihm eingehakt, als suche sie Schutz. Ihre blauen Augen blickten mich freundlich an, aber es lag auch etwas leicht Melancholisches in ihnen. Linda, nahm ich an.

Noch ehe ich die beiden weiter betrachten konnte, kam ein kleiner Hund auf mich zugelaufen.

Ein West Highland White Terrier, ein Paradeexemplar seiner Art: Klein, weiß, vierkantig, mit schwarzen Knopfäuglein, spitzen Ohren und einer rosa Zunge, die er, an mir hochspringend, meiner Hand entgegenstreckte.

»Chewie, hierher!«, rief Linda. Aber Chewie dachte nicht daran, zu ihr zu kommen, sondern hopste weiter vor mir herum.

Ich ging in die Knie und kraulte den kleinen Hund hinter dem Ohr. Es schien ihm zu gefallen, denn er legte den Kopf leicht schief und schloss die Augen.

»So«, sagte ich, »nu ist aber gut, ich muss jetzt erst mal Hallo sagen.«

Vorsichtig richtete ich mich auf und ging auf die beiden zu, Chewie umsprang mich weiterhin.

»Alter, schön, dass du da bist«, sprach Rick mich auf Spanisch an und streckte mir die Hand entgegen. Wir verbeugten uns leicht – unsere Begrüßung seit wir Kinder waren und die Erwachsenen nachmachen wollten. Sein Händedruck war fest und unnachgiebig, aber nicht unangenehm. »Jetzt lassen wir es krachen, aber richtig. Ach ja, das hier ist übrigens Linda.« Rick trat einen Schritt zur Seite und machte eine Handbewegung von oben nach unten. Mit derselben Geste hätte er mir auch eine neue Luxuslimousine präsentieren können, und sein Tonfall verriet einerseits Besitzerstolz, andererseits schwang aber auch etwas Herablassendes mit. »Linda, das da ist mein alter Kumpel, von dem ich dir schon erzählt habe und der mit dem schlimmsten Namen gestraft ist, den man sich denken kann: Zacharias.«

Ich verzog das Gesicht. Mir läuft noch heute jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn man meinen Vornamen ausspricht. Die Kurzform Zach ist auch nicht viel besser, aber sie hat wenigstens einen internationalen Touch.

Rick machte es ja nicht anders – mit Richard hätte er bestimmt auch Probleme. Ob Linda wusste, dass er in Wirklichkeit so hieß?

»Aber du darfst ihn sicherlich Zac nennen«, grinste Rick. Ich erinnerte mich daran, dass Rick Linda in England kennengelernt hatte. Vermutlich tat sie sich mit dem ch-Laut schwer. Mit ihren blonden Haaren und der sonnengebräunten Haut hätte sie eigentlich als kalifornisches Surfergirl durchgehen können. Aber ihr Lächeln wirkte leicht melancholisch. Ihre Stupsnase hingegen verlieh ihr etwas ausgesprochen Niedliches.

»Freut mich sehr, Zac«, sagte sie und reichte mir ihre Hand. Sie war schmal und feingliedrig, an ihrem Ringfinger steckte ein kleiner Goldring mit einem einzelnen Aquamarin, der in derselben Farbe glänzte wie ihre Augen. Ihr Spanisch klang weich und melodisch.

»Ganz meinerseits.« Ich nahm ihre Hand und wollte sie ebenso begrüßen wie Rick, aber der protestierte. »He. Wie begrüßt man eine Dame?«

Ich war mir nicht sicher, ob Linda darauf Wert legte, aber ich wollte Rick nicht den Spaß verderben, also lächelte ich sie entschuldigend an und deutete einen Handkuss an. Rick nickte zufrieden, während Linda sichtlich verlegen ihre Hand zurückzog. »Und, wie war die Fahrt?«, wollte sie wissen.

»Na ja, es ging. Die letzten Kilometer waren die interessantesten. Fährst du echt mit der Kutsche da über den Steg?« Ich deutete auf den Geländewagen, der neben dem Haus geparkt war.

»Na logo, Alter. Einmal aufs Gas und schwupp ist man drüber!«

»Oder drunter«, warf Linda ein.

Rick legte seinen Arm um ihre Hüften und zog sie an sich. »Linda ist ein bisschen ängstlich. Stimmt’s, Süße?«

»Vorsichtig«, korrigierte sie ihn.

»Vorsicht ist die Schwester von öde«, grinste Rick und legte seinen Arm um Lindas Schultern.

»Dann bin ich wohl ziemlich öde gefahren. Auf der Brücke ist mir fast der Schweiß ausgebrochen«, sagte ich.

»Kein Problem. Du hast eine eigene Dusche im Gästezimmer. Aber ich geb dir recht, mit deiner Karre da würde ich auch nicht unbedingt durch die Sahara wollen.«

»Ich wollte ja gar nicht durch die Sahara, sondern nur nach …« Ich brach ab und sah mich um. »Hat der Ort eigentlich einen Namen?« Rick zuckte mit den Schultern. »Ja, die Gegend hier heißt wohl Campo de los Recuerdos. Der Kerl, der meinem Vater das Grundstück hier verkauft hat, hieß auch Recuerdo. Vermutlich daher.«

»Und gibt es hier noch mehr außer eurer Villa?«

»Hm«, machte Rick, »nicht viel. Wenn du den Weg weitergehst, dann kommst du nach fünf Minuten an ein verlassenes Bauernhäuschen oder was das war, und noch mal fünf Minuten später an eine andere Villa, ein ziemlich schräges Ding, und das ist es dann auch. Schätze, der alte Recuerdo wollte hier in den Siebzigern eine Urbanisation hochziehen. Hat seinen Grund parzelliert, ist aber nur zwei Grundstücke losgeworden. Kein Wunder, hier gibt es nur Ruhe und nochmals Ruhe, davon aber besonders viel.«

»Und was macht ihr hier den ganzen Tag?«

»Hee«, Rick grinste von einem Ohrläppchen zum anderen, dann presste er sein Gesicht kurz in Lindas Haare und wuschelte in ihnen herum. »Willst du etwa Details?«, fragte er, als er damit fertig war.

»Nicht unbedingt«, meinte ich.

»Roy spielt sehr viel mit dem Computer, wenn er nicht gerade seine Hanteln stemmt«, sagte Linda.

»Roy? Der ist auch hier?«

Roy war Ricks Cousin und hieß in Wirklichkeit Robert. Aber wenn der große Cousin sich Rick nennt, kann der kleine Cousin nicht Robert heißen.

»Ja, der verbringt die Herbstferien hier. Meine Alten haben ihn mir aufgezwängt. Zwei ganze Wochen. Na ja, positiv denken, fünf Tage davon sind schon rum. Nochmals neun Tage und ich liefere ihn in Madrid wieder ab. Da kann die Iberia ihn nach Hause fliegen.«

»Na ja, dann bin ich ja nicht der Einzige, der die traute Zweisamkeit stört«, wagte ich einen Scherz.

»O bitte, mach dir keine Sorgen. Wir lassen uns nicht stören, stimmt’s, Sweetie?«

Linda lächelte unsicher. »Fühl dich hier wie zu Hause«, meinte sie.

»He, das ist mein Spruch! Immerhin gehört die Bude meinen Alten. Aber sie hat recht, Zac, fühl dich wie zu Hause. Und jetzt zeigen wir dir erst mal dein Zimmer.«

Den beiden folgend, betrat ich das Haus. Im Eingangsbereich zweigte rechts ein langer Flur ab, der offenbar zu den anderen Räumen führte, das Gästezimmer lag jedoch direkt links neben der Haustür.

»Damit du deine Ruhe hast«, grinste Rick, als er mir die Tür aufhielt. »Wird nämlich manchmal etwas laut im Haus. Vor allem abends und nachts, wenn du verstehst.« Er zwinkerte mir zu, was überflüssig war, denn ich verstand ihn auch so nur zu deutlich.

»Okay, dann lass ich dich mal auspacken, und wenn du fertig bist, komm einfach ins Wohnzimmer. Den Flur lang gleich die erste Tür links.«

»Erste Tür links«, wiederholte ich mechanisch.

»Äh, ja, genau. Immer noch der Alte, bisschen zerstreut, wie?«

»Lass ihn doch, es war bestimmt eine anstrengende Fahrt«, sagte Linda. Wenigstens einer, der Mitleid mit mir hatte. Das Dröhnen in meinen Ohren klang nur langsam ab.

»Ich sag ja nur. Also bis gleich, Alter!«

Das Gästezimmer der Villa Linda befand sich im Erdgeschoss und verfügte über ein großes Fenster, aus dem man eine wunderbare Sicht auf den hinter dem Haus entlangfließenden Bach hatte. Wenn man ganz genau lauschte, konnte man sogar das Glucksen und Sprudeln hören. Es war ein wirkliches Highlight des ansonsten recht schmucklosen Raumes. Ein Bett, direkt an der Wand stehend, ein Nachtschränkchen, ein Stuhl, ein Tisch und ein kleiner Wandschrank stellten neben einer altmodischen Stehlampe die gesamte Einrichtung dar. Etwas eigenartig fand ich hingegen die Dekoration. Die Wände waren in einem knalligen Rot gestrichen, die Vorhänge und Lampenschirme hingegen waldgrün, die Möbel schneeweiß. Einen Moment lang fühlte ich mich, als sei ich in eine Texaco-Tankstelle eingezogen.

»Mach Station bei Texaco«, sagte ich zu mir selbst, nachdem Rick und Linda gegangen waren, um mir Gelegenheit zu geben, meine Sachen einzuräumen.

Ich stellte meine Reisetasche auf den kleinen Tisch ab und begann, sie auszuräumen. Als ich damit fertig war, schaute ich mir das kleine Bad an. Es hatte ein vergittertes Fenster, das zum Weg hinging. Als ich durch die Stäbe hindurchspähte, konnte ich meinen Wagen sehen. Außerdem gab es eine kleine Duschecke, Toilette und Waschbecken - bei weitem mehr, als ich erwartet hätte, aber Ricks Vater hatte seinen Gästen wohl auch ein Höchstmaß an Privatsphäre gönnen wollen. Wer weiß, vielleicht beherbergte er hier ab und zu seinen Verleger oder Lektor oder wen auch immer aus der Verlagswelt.

Möglicherweise wollte er seine Besucher aber auch einfach nur in den Wahnsinn treiben, denn das kleine Bad war orangefarben gekachelt, die sanitären Installationen waren dunkelgrün, Boden und Decke weiß. Ich war, als ich den Raum betrat, von Texaco zu Fanal übergewechselt und stellte mich insgeheim schon darauf ein, den Abend in einem Aral-blauweißen Wohnzimmer zu verbringen.

Ich drehte den Hahn auf und spritze mir das kalte Wasser ins Gesicht. Die Kühle schlug mir die Mineralölgesellschaften wieder aus dem Kopf, dann ging ich zurück nach nebenan und stellte mich erneut vor das Fenster. Die Sonne hatte sich inzwischen in einen rotgoldenen Ball verwandelt, der langsam hinter dem bewaldeten Horizont versank. Ich kniff die Augen zusammen, aber soweit der Blick reichte, es war nirgendwo die Spur einer menschlichen Ansiedlung zu erkennen. Ganz weit hinten vermochte ich ein paar Felder auszumachen, aber selbst die schienen meilenweit entfernt. Campo de los Recuerdo war der abgelegenste Ort, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht konnten Einsiedler wie Ricks Vater es hier aushalten, aber ein quirliger Mensch wie Rick musste hier doch über kurz oder lang durchdrehen.

Ein Klopfen an der Zimmertür schreckte mich aus meinen Gedanken. »Herein«, rief ich.

Die Tür ging auf, und ein siebzehnjähriger Junge mit wirren, mausbraunen Haaren, braunen Augen und von Akne gezeichnetem Gesicht trat ein. Sein eng anliegendes T-Shirt betonte die muskulösen Oberarme und den mächtigen Brustkorb. Offenbar hantelte er wirklich viel.

»Hallo Roy«, sagte ich.

»Hi!«

»Na, alles klar?«

»Joh«, machte er und ansonsten aber keine Anstalten näherzutreten. »Was hast du verbockt?«

»Ich?«, fragte ich überrascht. »Wieso verbockt?«

»Na, weil du hier bist. Mich haben sie hierher abgeschoben, weil ich hier Ruhe zum Lernen haben soll. Na ja, die hab ich ja auch. Ruhe.« Er schob seine Hände, zu Fäusten geballt, in die Taschen seiner verwaschenen Jeans. »Falls die beiden nicht gerade am Ficken sind.«

»Hört man das so deutlich?«

»Na, hier unten wohl nicht. Aber mein Zimmer liegt oben, direkt neben ihrem. Ich sag dir, Rick röhrt wie ein Hirsch, wenn er abgeht.«

»Und Linda?«

»Hm!« Roy schob seine Unterlippe vor und dachte nach. »Ne, von der hört man eigentlich gar nichts. Die liegt wohl einfach nur da. Engländerin eben.«

»Aber dann sag denen doch, dass sie etwas leiser sein sollen.«

»Pah. Sag du das doch Rick. Dann wird er dir erzählen, dass nur Spießer schweigend bumsen.«

»Und wenn du einfach ein anderes Zimmer –«

»Is nicht«, unterbrach er mich. »Dann müsste ich ja Rick sagen, wieso ich denn umziehen will. Und dann kriege ich doch nur wieder seine Sprüche zu hören. Hab ich nicht wirklich Bock drauf.«

Ich atmete tief ein. Ja, das sah Rick ähnlich.

»Aber wenn du lernen sollst, dann muss er eben mal Spießer werden. Sag ihm doch einfach, ein Gentleman genießt – und schweigt.«

»Pah. Ich will ja gar nicht lernen. Scheiß auf Schule. Das Abi pack ich eh nicht.«

»Als ob es bei dir schon ums Abi ginge.«

»Na, sag ich doch. Und so kann ich immer behaupten, tut mir leid, aber wenn man nachts kein Auge zukriegt, weil Rick so viel rumrammelt, da kann man eben nicht lernen.«

»Und tagsüber?«

»Bin ich müde!«

»Hast du dir ja gut ausgedacht. Und was soll ich da jetzt tun?«

Roy nahm die Hände aus den Taschen. Seine rechte streckte er mir entgegen. »Nix. Ich wollte bloß Hallo sagen.«

»Ach so, na ja dann«, ich ergriff die Hand und schüttelte sie.

Mein »Hallo Roy« klang etwas gequetscht, weil meine Hand gerade in einen Schraubstock geriet.

»Hallo Zac.«

»Scheint sich ja einzubürgern, Zac statt Zach.«

»Musst du mit leben. Linda kriegt es ja anders nicht hin.«

»Wie hat Rick sie eigentlich kennengelernt?«

Roy winkte ab. »Keine blasse Ahnung. Interessiert mich aber auch nicht. Vermutlich hat er sie in dieser Sprachschule aufgegabelt.«

»Sprachschule?«

»Ja, da in London. Drei Wochen Englisch. Und sie so drei Wochen Deutsch. Und jetzt beide zusammen Spanisch. Na ja, ich meine, wozu lernt jemand Deutsch? Genitiv und Dativ und so ein Scheiß. Die muss doch einen an der Klatsche haben.«

»Weil sie Deutsch lernt?«

»Und weil sie sich von Rick nageln lässt. Allein, dass er es geschafft hat, sie hierherzubringen. Ich hätte die Tussi bestimmt nicht hergeschleppt. Die kann doch gar nichts. Bei Quest for tyres kommt sie nicht mal über den See! Ich meine, hallo? Über den See! Weil sie den Joystick behandelt wie einen Schaltknüppel.«

»Wie alt ist sie eigentlich?«

»Neunzehn.«

»Na ja, da kann sie ja tun und lassen, was sie will.«

»Ich weiß«, seufzte Roy. »Ich wünschte, bei mir wäre es auch schon so weit.«

»Kommt früher, als du denkst«, antwortete ich und kam mir bei der Bemerkung unglaublich alt vor. Aber aus Sicht eines Siebzehnjährigen war ich es mit meinen einundzwanzig Lenzen vermutlich auch. »So«, ich ging an Roy vorbei durch die Tür, »dann wollen wir uns bei der jungen Liebe mal zurückmelden.«

»Junge Liebe«, gluckste Roy und kam mir hinterher.

Das Wohnzimmer nahm zusammen mit einer kleinen Garage, einem Hauswirtschaftsraum, der Küche, dem Gästezimmer und einem separaten Gäste-WC das komplette Erdgeschoss ein, und entgegen meiner Befürchtung war es nicht aralisch eingerichtet. Stattdessen versprühte es mit dem Kamin, dem riesigen Panoramafenster und der cremeweißen Stoffcouch durchaus eine Art moderne Gemütlichkeit. Die Couch nahm fast die gesamte Mitte des Raumes ein und war ein Ecksofa. Je nachdem, wo man Platz nahm, konnte man entweder die Aussicht über das Tal oder den Blick auf die züngelnden Kaminflammen genießen. In einer Ecke des Raumes stand zudem ein Phonowagen, beladen mit Fernseher, Videorekorder und Stereoanlage, den man vor das Fenster schieben konnte, falls einem nach Unterhaltung war. Die dritte Seite des Zimmers wurde von einem übergroßen Bücherregal eingenommen. Fast drei Viertel des Platzes war davon tatsächlich für Bücher reserviert, der Rest für allerlei Nippes. Dieser befand sich auch auf den Kaminsims. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten, aber ich weiß noch, dass eine Blechpfeife darunter war.

Womit die drei – oder vier, rechnete man Chewie mit – derzeitigen Bewohner der Villa Linda sich die Zeit vertrieben, war unschwer zu erkennen.

Auf dem flachen, gläsernen Couchtisch standen zahllose Näpfe mit Erdnussflips, Chips und Salzstangen. In anderen fanden sich Weingummi und Schokolade und dazwischen standen Gläser mit Resten diverser Getränke. Der Boden allerdings war von jeglichem Knabberkram gesäubert.

Ob Linda jeden Tag saugte? Oder ob Chewie, der inzwischen auf die Couch gesprungen war und sich dort zusammengerollt hatte, sich als Staubsauger betätigte?

»Ich räume jeden Tag auf, aber am Abend sieht es wieder so aus«, entschuldigte sich Linda, als sie meinen Blick bemerkte.

»Nein, ist völlig okay«, beeilte ich mich zu sagen. Schließlich war sie ja nicht Ricks Haushälterin.

Tatsächlich hatte ich meine Aufmerksamkeit eher auf die Video- und Musikkassetten gerichtet, die ebenfalls auf dem Tisch verstreut lagen. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte ich, dass die Kassetten in Wirklichkeit für einen Computer gedacht waren. Und dann fiel mir auch der kleine, schwarze Kasten mit der Tastatur auf, der vor dem Phonowagen auf dem Boden lag.

Roy, der sich nach Rick, Linda und mir ins Wohnzimmer gedrängelt hatte, bemerkte meinen Blick. Er ging vor, deutete auf das schwarze Ding und erklärte, dass das sein bester Freund in Spanien sei, ein ZX Spectrum 128.

»Lindas Bruder hat auch einen Spectrum. Die sind ganz groß bei den Briten«, warf Roy ein.

»Von meinem Bruder stammen auch die ganzen Kassetten.« Linda deutete auf den Tisch.

»Und der spielt nicht mehr?«

»Nein, er programmiert jetzt lieber selber. Er studiert seit diesem Semester Informatik. Da hat er wohl nicht mehr so viel Zeit oder Lust zum Spielen.«

»Umso besser«, meinte Roy und starrte gebannt auf den Fernsehschirm.

Rick nahm die Kassettenhülle zur Hand. »Och ne, nicht Elite, oder?«, sagte er und ließ das Plastik fallen.

»Elite ist doch cool«, fand Roy.

»Das spiele selbst ich manchmal«, lächelte Linda.

»Na toll. Das wird dann jetzt ja wohl eine Weile dauern«, ätzte Rick. »Komm, Zac, dann zeig ich dir jetzt mal den Rest des Hauses und das Drumherum. Lass die beiden mal ihr Babyspiel spielen.«

Der Rest des Hauses bestand aus dem ersten Stock, wo es drei weitere Zimmer gab, zwei davon wiederum mit eigenem Bad. In Ricks und Lindas Schlafzimmer warf ich nur einen kurzen Blick, sah ein gemachtes Bett mit weißem Bezug und himmelblaue Wände, was mich dann doch noch an Aral erinnerte.

Roys Zimmer befand sich in einem Zustand heillosen Durcheinanders, seine Sachen waren auf dem Boden verstreut, sein Bettzeug lag als wüster Haufen vor dem offen stehenden Kleiderschrank und auf seinem Schreibtisch stapelten sich Bücher, die jedoch alle geschlossen waren. Die Farben des Zimmers: die der Elf-Tankstellenkette – Rot und Türkis.

Mittlerweile fragte ich mich wirklich, ob diese Farbgebungen bloß Zufall waren.

»Ist nur der Vollständigkeit halber«, meinte Rick, als wir von der Türschwelle aus das Chaos betrachteten. »Ich weiß selber, dass die Dreckwäsche meines Cousins keine Sehenswürdigkeit ist.«

Man sah von der Dreckwäsche eh nicht so viel, da das Zimmer völlig von der riesigen Pinie verdunkelt wurde, die direkt vor dem Haus stand. Außerdem wich die Dämmerung langsam der Nacht. Es reichte aber aus, um zu verstehen, weshalb Linda sich dazu entschlossen hatte, sich um den Haushalt zu kümmern. Wenn sie es Roy und Rick überlassen hätte, dann würde das Haus bald aussehen wie eine Mülldeponie. Und wie ich die beiden kannte, würden sie nicht mal verstehen, was daran so schlimm wäre.

»Und dann hätten wir hier noch das Schreibzimmer meines Alten«, kündigte Rick das letzte Gemach an. Auch hier warfen wir nur einen kurzen Blick hinein. Der Raum wurde beherrscht von einem wuchtigen, dunklen Schreibtisch, zwei großen, französischen Fenstern und riesigen Buchregalen, die drei Seiten des Zimmers einnahmen. Viel mehr war nicht zu erkennen, da Rick darauf verzichtete, das Licht einzuschalten.

»Sehr hübsch«, sagte ich trotzdem.

»Ha, ich zeig dir mal was richtig Hübsches. Hast du dich nicht gefragt, warum die Karre draußen steht und nicht in der Garage?«

»Na, ich vermute, die Garage ist voll?«

Rick lachte auf. »Das ist gut. Sie ist voll. O ja, und wie voll sie ist.« Er zwinkerte mir zu, dann stiegen wir die Treppe wieder hinab.

Im Erdgeschoss gingen wir den Flur entlang und kamen an der offen stehenden Tür zum Wohnzimmer vorbei. Ich konnte einen Blick auf Linda und Roy erhaschen, die vor dem Fernseher hockten und gebannt verfolgten, was sich auf dem Schirm tat. Roy zwirbelte und wirbelte mit dem Joystick umher, während Linda aufgeregt Warnlaute von sich gab und auf den Schirm deutete. Der Gang führte weiter an Küche und Hauswirtschaftsraum vorbei auf die Tür zu, die die Garage vom Rest des Hauses abtrennte. Rick öffnete sie mit einem Lächeln, dann trat er ein und schaltete das Licht ein. Was es eigentlich gar nicht bedurft hätte – die Neonröhren, die dicht über den Pflanzkübeln hingen, spendeten auch so genügend Licht. Ich kniff die Augen zusammen. Sicher, es war eine Garage wie zigtausend andere auch. An den Wänden standen Regale mit allerlei Dosen und Gläsern, offenbar wurde sie gleichzeitig als Vorratsraum benutzt. An einer Seite, dem Tor gegenüber, fand sich eine Werkbank mit Werkzeugen und was man sonst noch so brauchen könnte. In einer Ecke stand ein Regal mit mehreren Kartons, deren Inhalt ich nicht einmal erahnen konnte.

Das wirklich Bemerkenswerte fand sich mitten im Raum, direkt auf dem kalten Betonfußboden. Hier hatte jemand – und es sprach viel dafür, dass es Rick gewesen war – sechs Plastikpflanzkübel, jeder gut einen Meter lang, fein säuberlich im exakt gleichen Abstand und parallel zueinander aufgestellt. Über jedem dieser Kübel hing eine Neonröhre und in den Kübeln selbst zeigten sich, als ich näherkam und einen Blick riskierte, erste zartgrüne Pflänzchen.

Man musste mir nicht erst sagen, was das darstellen sollte.

Ich wandte mich zu Rick um, der stolz wie ein frischgebackener Vater noch immer in der Zarge stand und mich erwartungsvoll ansah.

»Ist das nicht toll?«

»Ist das der Grund für Ferien in der Einöde?«