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Nachdem ihre jüngere Schwester Eileen nach Boston gezogen ist, quälen die Journalistin Jazmin Nacht für Nacht schlimmste Albträume. Dann ein Anruf: Eileen ist plötzlich verschwunden. Jazmin weiß nur, dass ihre Schwester sich vor kurzem in einen Künstler verliebt hat. Sie beginnt ihre Suche in Bostons Kunst-Szene - einer Welt extravaganter Galerien und charismatischer Künstler. Doch hinter der schillernden Fassade entdeckt Jazmin das unvorstellbare Grauen, aus dem es schon bald kein Entrinnen mehr gibt ...
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Über dieses Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
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Nachdem ihre jüngere Schwester Eileen nach Boston gezogen ist, quälen die Journalistin Jazmin Nacht für Nacht schlimmste Albträume. Dann ein Anruf: Eileen ist plötzlich verschwunden. Jazmin weiß nur, dass ihre Schwester sich vor kurzem in einen Künstler verliebt hat. Sie beginnt ihre Suche in Bostons Kunst-Szene – einer Welt extravaganter Galerien und charismatischer Künstler. Doch hinter der schillernden Fassade entdeckt Jazmin das unvorstellbare Grauen, aus dem es schon bald kein Entrinnen mehr gibt …
Kay Forster ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die in der Nähe von Hannover auf einem idyllischen Bauernhof lebt. Sie liebt Bücher und Filme mit Spannung und Nervenkitzel genauso wie ruhige Ausritte in die Natur. Als Kim Landers schreibt sie erfolgreich erotische Geschichten und Fantasy.
Kay Forster
LÄCHLE,BEVOR DUSTIRBST
Thriller
beTHRILLED
Digitale Neuausgabe
»be« - Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Redaktion: Dr. Arno Hoven
Lektorat/Projektmanagement: Stephan Trinius
Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-7916-7
www.be-ebooks.de
www.lesejury.de
Sie war noch immer nicht tot. Regungslos lag sie da, gefangen in ihrem eigenen Körper. Es gab kein Entrinnen. Das Warten wurde zur Qual. Nichts sehnte sie sich mehr herbei als das Ende. Wie lange noch bis zum letzten Atemzug? Fünf Minuten, eine Stunde? Die Mordlust in seinen Augen verriet ihr, wie viel Spaß es ihm bereitete, sie leiden zu lassen. Sie hasste ihn dafür. Alles führte er langsam und mit Bedacht aus.
Es war kein Albtraum: weder der Mann neben ihr, der vom Engel zum Teufel mutiert war und kichernd mit dem Skalpell vor ihrer Nase herumfuchtelte, noch das Feldbett, auf dem sie nackt vor ihm lag. Der raue Stoff drückte sich in Rücken und Gesäß. Sie wollte aufspringen, wollte wegrennen und um Hilfe schreien … Aber ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr und blieben schlaff auf der Pritsche liegen. Leblos. Einzig ihre Augen bewegten sich noch. Sie wünschte sich, sie hätte die Lider schließen können, dann wäre ihr der Anblick der blitzenden Klinge über ihr erspart geblieben. Sie fürchtete sich entsetzlich vor dem Schmerz. Bitte nicht noch einmal, flehte sie in Gedanken. Die Angst kroch eisig ihr Rückgrat hinauf und krallte sich in ihrem Nacken fest. Ein Entkommen war nicht möglich, selbst wenn sie es sich noch so sehr wünschte. Sie wusste nicht, wie lange die Lähmung anhalten würde.
Mit den geschmeidigen Bewegungen eines Jongleurs warf er das Skalpell in die Höhe und fing es auf, bevor er ihr die Klinge langsam ins Bein stach. Zuerst brannte es. Als sich die Spitze des Skalpells tiefer in ihren Muskel bohrte, drohte der Schmerz sie zu überwältigen. Ihr Atem beschleunigte sich, Punkte tanzten vor ihren Augen. Doch so sehr sie es auch hoffte – sie wurde nicht ohnmächtig. Sie hielt die Luft an, als er mit geschickten Fingern den Schnitt vollendete. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen. Ein Gurgeln entwich ihrer Kehle. Sie spürte das warme Blut über ihr Bein rinnen. Es war sinnlos zu hoffen, dass jemand sie befreien würde. Keiner wusste, dass sie hier war. Keiner würde sie retten. Mit jedem Tropfen Blut wich das Leben aus ihr.
Seine Worte klangen noch immer in ihren Ohren: »Meine Prinzessin, leg dich hin.« Sie hatte ihn über alle Maßen geliebt und ihm vertraut. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, er könnte ihr etwas antun. Weshalb hatte sie nicht gespürt, dass mit ihm etwas nicht stimmte? Wie konnte der Mensch, mit dem sie zusammengelebt hatte, sie derart täuschen? In seinen Augen spiegelten sich nicht länger Verlangen und Sehnsucht wie noch wenige Stunden zuvor, sondern blanker Wahnsinn. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie sich in den letzten Minuten dafür verflucht hatte, es nicht früher erkannt zu haben, dass hinter der Fassade des attraktiven und charmanten Mannes ein Psychopath steckte.
Flehend sah sie zu ihm auf – hoffte, er würde zumindest Mitleid für sie empfinden. Alles, was sie erhielt, war sein Grinsen, das aus seinem hübschen Gesicht eine Fratze werden ließ. Wenn sie nur ihre Hände gebrauchen könnte! Ihre Fingernägel hätten sich in seine Wangen gebohrt, und das Grinsen wäre ihm vergangen. Waren alle früheren Geliebten ein Opfer seiner perversen Neigungen geworden? Noch vor einer Stunde hatte sie sich in Sicherheit befunden. Eine trügerische Sicherheit, wie sie jetzt wusste. Blankes Entsetzen hatte sie gepackt. Aber auch Hass brodelte in ihr. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie bereit, einen Menschen zu quälen, so wie sie es gerade erleiden musste, und zu töten.
Die Lippen zu einem Strich zusammengepresst, zog er das Skalpell aus ihrem Bein und wischte das Blut ab. Er polierte die Klinge, bis sie das Deckenlicht reflektierte. Ihr Puls hatte zu rasen begonnen. In ihrer Kehle steckte ein Kloß. In Todesangst konzentrierte sie sich auf ihre Glieder und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, das ihr helfen sollte, sich gegen das grausame Ende zur Wehr zu setzen. Doch es war vergeblich! Sie blieb regungslos liegen. Es war ihr nicht einmal möglich, ihre Verzweiflung hinauszubrüllen. Die Tränen rannen stumm und unaufhaltsam über ihre kalten Wangen.
Ihr Peiniger beugte sich zu ihr hinunter, bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit von ihrem entfernt war.
»Du bist zäher, als ich dachte, Prinzessin. Schade, wirklich schade. Aber es dauert nicht mehr lange«, flüsterte er. Er spitzte die Lippen und deutete einen Kuss an. Schließlich richtete er sich wieder auf und streichelte begehrlich mit einer Hand ihre Brüste, dann ihren Bauch, wie er es immer getan hatte, bevor sie miteinander geschlafen hatten.
Ihre Augen folgten jeder seiner Bewegungen. Seine andere Hand, die noch immer die Klinge hielt, senkte sich. Wieder spürte sie das kalte Metall auf ihrer Haut, das langsam über ihre Hüfte strich, ohne auch nur die Haut zu ritzen. Sie hatte das Gefühl, als würde sie am ganzen Leib zittern. Sein Lächeln wurde breiter, als er ihre Todesangst bemerkte. Zur Hölle, er spielte mit ihr! Als die Hand mit dem Skalpell erneut über dem Oberschenkel verharrte, überzog eine Gänsehaut ihren Körper. Er kannte kein Erbarmen. Die Klinge ritzte diesmal nur den Wundrand, doch es genügte, dass sie vor Schmerz mit den Augen rollte und sich wieder ein Gurgeln aus ihrer Kehle löste.
»Na, endlich.« Er schien offensichtlich erleichtert zu sein. Achtlos warf er das Skalpell auf den Beistelltisch neben der Pritsche. »Niemand kann mir meine Prinzessin mehr wegnehmen. Niemand.«
Er tätschelte ihre Wange, bevor er sie auf die Stirn küsste. Ekel stieg in ihr auf. Machtlos und voller Entsetzen beobachtete sie, wie er eine Venüle in ihre Armbeuge stach. Blut tröpfelte heraus. Danach zog er einen Ständer mit einem Infusionsbeutel an die Pritsche heran. Die trübe Flüssigkeit darin begann, durch einen Schlauch zu rinnen, den er an die Venüle befestigte.
Nein! Nein! Ihre Schreie blieben stumm, da ihre Kehle sie nicht artikulieren konnte. Aufgrund des Unterdrucks in der Venüle rann die Flüssigkeit nur zäh durch den Schlauch nach unten, sodass er ihn knetete. Sie hatte das Gefühl, als würde die Infusion ihre Adern sprengen. Erst nach einer Weile hatte sie sich ein wenig an den Druck gewöhnt.
Mit jedem Tropfen Blut, der aus ihrem Bein quoll, schwanden ein wenig ihre Sinne. Jedes Geräusch klang nun gedämpft. Gleichgültigkeit erfasste sie, alles verlor seine Bedeutung.
Die Bilder der letzten Stunde zogen wie ein Film vor ihrem inneren Auge vorbei. Sie betrachtete das Geschehen, als wäre es das Leben einer Fremden gewesen.
Sie hatten beide gemütlich zusammengesessen und Wein getrunken. Erst ein Glas, dann zwei, drei, bis die Flasche leer war. Danach hatten sie sich ekstatisch geliebt. Er war ein einfühlsamer und zugleich fordernder Liebhaber gewesen, in dessen Armen sie stets Erfüllung gefunden hatte.
»Prinzessin, du darfst mich nie verlassen«, hatte er zu ihr gesagt. Voller Inbrunst. »Wir gehören für immer zusammen.«
Seine Worte hatten Glücksgefühle in ihr aufkommen lassen – in einer Intensität, die sie lange nicht mehr verspürt hatte. Sie hatte darauf gehofft, dass er sie bitten würde, seine Frau zu werden.
»Ich werde dich nie verlassen.« Nach diesen Worten hatte sie sich an ihn geschmiegt. Ihr nicht enden wollender Kuss sollte ihr Versprechen besiegeln.
Lange hatten sie nebeneinandergelegen, bis er sie gebeten hatte, ihm ins Dachgeschoss zu folgen. Kaum war sie aufgestanden, spürte sie die Wirkung des Alkohols. In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen. Mit jeder Stufe, die sie hochstieg, gehorchten ihre Beine weniger. Es fiel ihr schwer, die Bewegungen zu koordinieren. Dann begann sie zu taumeln. Vergeblich versuchte sie, mit der Hand das Geländer zu ergreifen, und schlug hin. Er fing sie nicht auf, reichte ihr auch nicht die Hand, sondern beobachtete sie nur. Es gelang ihr nicht, sich aus eigener Kraft wieder aufzurichten, und schließlich gab sie es auf. Ihre Zunge war schwer und pelzig, und sie lallte, als wäre sie stockbesoffen. Er legte ihr den Finger auf die Lippen und bedeutete ihr so, zu schweigen. Dann packte er sie grob unter den Achseln und zerrte sie die letzten Stufen hinauf. Sie wollte protestieren, aber ihr fehlte jegliche Kraft zur Gegenwehr.
Oben trug er sie in dieses Zimmer und legte sie auf die Pritsche. Sie wollte ihn fragen, was das sollte, brachte aber keinen Ton heraus. Alle Gliedmaßen, sogar ihre Stimmbänder waren gelähmt.
Erst jetzt bemerkte sie, dass er seinen Bademantel trug, während sie noch immer nackt war. Er strich ihr über den Kopf wie ein Vater seinem Kind.
»Ich verspreche dir, dass wir ab jetzt für alle Ewigkeit zusammenbleiben. Du wirst keine Schmerzen spüren, vertraù mir.« Plötzlich verfinsterte sich seine Miene. Ein Ruck ging durch ihren Körper, und sie spürte, wie sich ihre Muskeln verhärteten.
Das Funkeln in seinen Augen versetzte sie in Panik.
»Warum wehrst du dich? Du wolltest doch immer bei mir bleiben!«
Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie zu wimmern begonnen hatte.
Ihre Gedanken kehrten in die schreckliche Gegenwart zurück. Es schien, als bohrte sich der Schlauch tief in ihre Adern und dehnte sie, bis sie zu platzen drohten. Der Schmerz überrollte sie in Wellen. Sie fühlte sich wie aufgepumpt. Der Druck im Arm stieg nach oben in ihren Kopf, und sie hatte das Gefühl, als würde ihre Schädeldecke angehoben.
Sie hörte sein tiefes Lachen dicht an ihrem Ohr, das sie erschaudern ließ. Immer wieder strich er ihr über den Kopf, während er dabei murmelte: »Stirb, meine Prinzessin.«
Sie hatte es längst aufgegeben, gegen den Schmerz zu kämpfen. Der Druck in ihren Adern wuchs ins Unerträgliche und schüttelte ihren Körper. Ihre Augäpfel quollen aus den Höhlen, und ihre Zunge schwoll an.
Er zog ihre Mundwinkel nach oben. »Du musst lächeln … Lächle, bevor du stirbst, meine Prinzessin.«
Doch ihre Gesichtsmuskeln waren erschlafft. Er bohrte seine Finger schmerzhaft in ihre Wangen.
»Du sollst lächeln, Prinzessin!«, brüllte er sie an.
Seine Stimme dröhnte in ihrem Kopf. Sie wollte nur noch, dass es aufhörte.
Allmählich verschwamm sein Gesicht vor ihren Augen zu grauen Schlieren, und seine Stimme wurde leiser, bis sie ganz verstummte. Ihr Leben zog in schnellen Sequenzen vor ihren Augen vorbei. Dumpf und langsam pochte ihr Herz gegen die Rippen. Plötzlich hörte sie ihre Mutter rufen. Ich komme, Mum! Schwerelos glitt ihr Körper in die Dunkelheit …
Ausgerechnet Boston! Fünfhundert Meilen, die sie trennten. Was hatte Eileen sich nur dabei gedacht, so weit wegzuziehen? Gut, es war nur für ein Jahr, um Bühnenerfahrung zu sammeln, bevor sie die Schauspielausbildung abschloss. Aber ein Jahr konnte lang werden. Und was wäre, wenn Eileen auf die Idee kommen sollte, dort eine weitere Schauspielschule zu besuchen, anstatt zurückzukehren?
Jazmin war von Anfang an gegen das Vorsprechen an diesem Bostoner Theater gewesen, das ziemlich unbedeutend war und an dem Gagen nur einem Taschengeld glichen. Dafür hatte ihre Schwester das lukrative Angebot des Baltimore Theaters ausgeschlagen. Nichts hatte Jazmin unversucht gelassen, es ihr auszureden. Doch das Vorhaben war im Kopf der Schwester zu einer fixen Idee geworden.
Sie ist vor dir geflüchtet, weil du sie mit deiner Liebe und Fürsorge erdrückst. Sie ist längst erwachsen, und du bist nicht ihre Mutter. Lass endlich los, meldete sich ihr Gewissen. Doch solche vernünftigen, selbstkritischen Überlegungen halfen nichts gegen das Gefühl der Verärgerung darüber, dass Eileen ihren gut gemeinten Ratschlägen nicht gefolgt war. Wütend zerknüllte Jazmin den Brief ihrer Schwester und starrte durchs Fenster in den Regen hinaus. Sie war enttäuscht von Eileen und vermisste sie bereits jetzt. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern hatte sie sich unentwegt bemüht, Eileen Vater und Mutter zu ersetzen. Eine Bürde, die sie so manches Mal zu erdrücken drohte. Seufzend lehnte sie die Stirn gegen die kühle Scheibe. Es war schwer genug gewesen, Vater und Mutter auf einen Schlag zu verlieren. So manche Nacht hatte sie ihre Einsamkeit in die Kissen geheult.
Der tödliche Autounfall lag jetzt bereits zehn Jahre zurück. Er hatte ihrem unbeschwerten Leben ein jähes Ende gesetzt und viel zu früh die Last der Verantwortung für die Schwester auf Jazmins Schultern geladen. Eileen war damals gerade vierzehn gewesen, ein Teenager in einem eh schon schwierigen Alter. Jazmin, nur acht Jahre älter, steckte mitten im Jura-Studium. Sofort war ihr klar gewesen, dass sie es nicht weiterführen konnte, wenn sie für Eileen sorgen wollte, und so hatte sie es wenige Wochen nach dem Tod der Eltern abgebrochen. Ihre geliebte Schwester in einem Waisenhaus aufwachsen zu lassen, wäre für sie nie infrage gekommen. Selbst auf eine feste Beziehung hatte sie ihretwegen verzichtet – und das oft bereut. An Verehrern hatte es nicht gemangelt. Eileen hingegen hatte immer nur ihr eigenes Leben im Sinn.
Hast du etwa Dankbarkeit von ihr erwartet?
Nein, das konnte sie nicht. Eileen war noch jung: Ihre Schwester sollte das Leben genießen und sich nicht an ihr ein Beispiel nehmen – an jemandem, für den das Leben nur aus Verantwortung und Verpflichtungen bestand.
Jazmin stand noch lange grübelnd am Fenster, bis schließlich die Dämmerung hereinbrach. Sie leerte ihr Weinglas mit einem Zug und warf den zerknüllten Brief in den Papierkorb, bevor sie zum Bad schlurfte. Es wurde Zeit, ins Bett zu gehen.
Der Wein hatte sie so schläfrig gemacht, dass ihr bereits die Augen zufielen, als sie aufs Bett sank. Jazmin kuschelte sich unter die Decke und schlief sofort ein.
Mitten in der Nacht erwachte sie. Ein Schrei! Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie es gewesen war, die geschrien hatte. Benommen öffnete sie die Augen. Die Lichtreklame von der Gaststätte gegenüber flammte auf und warf bizarre Schatten an die Wand.
Ihr Albtraum hatte sie aufgewühlt. Sie hatte Eileens Tod gesehen. Die Bilder waren so real gewesen, dass sie einen Augenblick lang darüber nachdenken musste, ob sie das Ganze nicht doch wirklich erlebt hatte. Ihr Herz hämmerte wild, und sie rang nach Atem. Ihre Schwester war der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war. Der Gedanke, Eileen könnte etwas zugestoßen sein, brachte Jazmin um den Verstand. Sie zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Sie zog die Knie an und schlang die Arme um die Beine.
Eileen geht es gut, sie schläft in ihrem Bett. Das war nur ein blöder Traum. Jazmin versuchte sich mit diesen Gedanken zu beruhigen. Doch die Zweifel und Sorge waren nicht totzukriegen. Und wenn Eileen doch etwas geschehen war? Sie griff nach dem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und wählte Eileens Nummer. Nach drei Freizeichen wurde Jazmin bereits nervös. Sie malte sich Furchtbares aus.
»Hallo?«
Jazmin unterdrückte einen Ausruf der Erleichterung, als sie Eileens verschlafene Stimme hörte. In Gedanken sah sie ihre Schwester vor sich, wie sie früher vor ihrem Bett gestanden hatte. Das vom Schlaf zerzauste schwarze Haar, das schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen. Ein Anblick den sie vermisste.«Ich bin`s – Jaz. Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht.«
Jazmin hörte, wie Eileen gähnte. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Weit nach Mitternacht!«
Der Vorwurf war berechtigt. Jazmin fand es plötzlich albern, die Schwester aus dem Schlaf gerissen zu haben, nur weil sie einen Albtraum hatte.
»Ist was passiert?«, fragte ihre Schwester besorgt, als eine Erklärung für den nächtlichen Anruf ausblieb.
»Nein, nichts. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe …« Einen Moment lang überlegte Jazmin, ob sie ihrer Schwester von den Albträumen erzählen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Eileen hätte sie nur ausgelacht und behauptet, dass sie sich wie eine Mutter benehmen würde. Und damit hatte sie verdammt recht.
»Ich bin aufgewacht und habe dich vermisst«, fuhr Jazmin fort. Das war nicht mal gelogen, auch wenn es natürlich nicht der Grund ihres Anrufs gewesen war. Sie dachte an die gemeinsamen Abende, an denen Eileen in den letzten Jahren bei ihr übernachtet hatte. Sie hatten bis weit in die Nacht hinein miteinander geredet und wie zwei kleine Mädchen unter der Bettdecke gekichert. Durch Eileens Umzug würde es auch das nicht mehr geben.
»Und deswegen klingelst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett? Ich bin doch erst seit zwei Wochen weg. Wenn ich auf Studienreise war, hast du nie solch einen Stress gemacht.«
Da gab es ja auch nicht diese verdammten Albträume, fuhr es Jazmin durch den Kopf.
Eileen wirkte genervt, und Jazmin bereute, die Schwester angerufen zu haben. Es war egoistisch und auch irgendwie albern gewesen, Eileen mitten in der Nacht zu stören, nur um sich zu vergewissern, dass ein Traum nichts weiter als ein Traum war.
»Ja, du hast recht«, gab Jazmin kleinlaut zu. »Also, dann will ich dich auch nicht länger vom Schlafen abhalten. Gute Nacht, Liebes.«
Eileen gähnte erneut. »Gute Nacht, Jazzie. Ich ruf dich die Tage mal an.«
»Ich freue mich.« Jazmin hatte Sehnsucht nach Eileen. Obwohl es oft genug Streit gab, fehlte ihr die chaotische Art der Schwester, die ihre Sachen in der ganzen Wohnung verteilt hatte – ebenso wie die Zeichentrickserien, die sie ständig im TV gesehen hatte.
»Pass auf dich auf«, schob Jazmin hastig nach, aber da hatte Eileen schon aufgelegt. Seufzend legte sie das Handy auf den Nachttisch zurück und kroch wieder unter die Bettdecke. Lange Zeit wälzte sich Jazmin grübelnd im Bett hin und her. Am übernächsten Wochenende hatte sie frei; das wäre die Gelegenheit für einen Besuch in Boston. Sicher würde es sie beruhigen, wenn sie sah, wie Eileen lebte.
Über diesen Gedanken schlief Jazmin endlich ein.
Jazmin hatte verschlafen und erreichte das Pressehaus erst nach neun. Viel zu spät! Die Standpauke des Chefredakteurs war ihr gewiss, zumal sie aufgrund der Verspätung einen Interviewpartner versetzt hatte. Sicher würde ihr Chef, Dick Zeldon, sie zu sich bitten, wenn er sie durch die geöffnete Tür seines Büros aus dem Fahrstuhl treten sah. Zeldon schien mit sich und der Welt immer unzufrieden zu sein und ließ seinen Frust gern an seinen Mitarbeitern aus. Jazmin hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, sich um einen anderen Job zu bewerben, es aber jedes Mal Eileens wegen auf eine unbestimmte Zukunft verschoben. Denn der Verdienst hier war vergleichsweise hoch, besser als bei anderen Zeitungen in der Stadt. Und das Geld brauchte sie, weil sie Eileens Unterricht an der Schauspielschule finanzieren musste, die einen guten Ruf besaß und sich deshalb auch ebenso gut bezahlen ließ. Wegen der Schwester hatte Jazmin auf vieles im Leben verzichtet: nicht nur auf ihre berufliche Selbstverwirklichung, sondern auch auf ihren Exfreund Ron, der in ihrer kleinen Schwester nur einen Störenfried für ihre Beziehung gesehen hatte.
Als sich die Aufzugtüren im sechsunddreißigsten Stockwerk des Pressehauses der Baltimore Sun öffneten, wurde Jazmin wie jeden Morgen mit dem Geruch von frisch gebrühtem Kaffee empfangen. Schwarzer, starker Kaffee – genau das, was sie heute nach der unruhigen Nacht brauchte, denn sie würde sich sogleich in die Arbeit stürzen müssen. Ihr Terminkalender war randvoll. Ein Interview jagte das nächste. Zwischendurch noch Recherchearbeit, Telefonate und jede Menge E-Mails. Jazmin stöhnte innerlich auf. So war das heutige Berufsleben. Nur ein einziger Recherchefehler in einem Artikel, und der Nächste würde ihren Job bekommen.
Sie trat aus dem Aufzug und blickte direkt in Zeldons finstere Miene. Bei seinem Anblick verging ihr gleich der Durst auf Kaffee. Augen zu und durch, sprach sie sich selbst Mut zu. Sie zögerte, und weil ihr Chef nicht auf sie zukam, nickte sie ihm kurz zu und lief am Empfangstresen vorbei in Richtung ihres Büros.
Mit weit ausholenden Schritten stellte sich ihr der Mittvierziger in den Weg. Das Tempo hätte sie dem übergewichtigen Zeldon nicht zugetraut, der sonst eher behäbig durch die Redaktionsräume schlenderte. Eine Locke seines braunen Haares klebte an seiner feuchten Stirn. Er geriet schnell ins Schwitzen und trug immer ein überdimensioniertes, kariertes Taschentuch in seiner Hosentasche, mit dem er sich regelmäßig den Schweiß aus dem Gesicht wischte.
»Du hast deinen Interviewpartner eine geschlagene Viertelstunde warten lassen!«, herrschte er sie an. Jazmin ließ sich nicht von seinem Tonfall beeindrucken. Im Laufe der Jahre hatte sie sich an seine Art gewöhnt und wusste, dass er sich nie ändern würde.
»Guten Morgen, Dick«, antwortete sie betont freundlich und lächelte ihn an; Zeldon hingegen kniff die Lippen zusammen. Jazmin hob beschwichtigend die Hand. »Sorry, ich habe verschlafen. Ist er noch da?« Sie deutete mit dem Kinn auf ihre Bürotür.
»Ach, die Dame hat verschlafen.« Zeldons Stimme triefte vor Hohn, und sein Gesicht war puterrot. Er war nicht nur verärgert, sondern stinksauer. Doch sein spöttischer, herablassender Tonfall weckte in ihr das Verlangen, sich zu verteidigen. Normalerweise machte er nie so viel Aufheben wegen eines unbedeutenden Interviews. Sie hätte seine Aufregung verstanden, wenn ihr Besucher eine stadtbekannte Persönlichkeit gewesen wäre. Dennoch musste ihr Interviewpartner irgendwelche Beziehungen haben, sonst hätte Zeldon ihn nicht in die Redaktion eingeladen. Sie hatte ihren Chef nicht danach gefragt.
»Ja, habe ich. Übrigens das erste Mal in all den Jahren«, entgegnete sie. Wegen des Schlafmangels hatte sie Kopfschmerzen und daher keine Lust, sich weiter mit Zeldon auseinanderzusetzen.
»Jaz, er ist noch da«, schaltete sich Tina hinter dem Empfangstresen ein und nickte ihr lächelnd zu.
»Danke, Tina. Ich werde mich bei ihm entschuldigen.« Mehr konnte sie wirklich nicht tun.
Zeldon schnaubte verächtlich, sagte aber nichts mehr, und Jazmin eilte ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.
Der Mann in ihrem Büro blickte auf, als Jazmin eintrat. Seine grauen Augen musterten sie anzüglich. Er trug ein Holzfällerhemd und eine abgetragene Jeans, die unten im Saumbereich vor Schmutz starrte; die Beine hatte er lässig übereinandergeschlagen. Sogleich fiel ihr auf, dass es in ihrem Büro stark nach Schweiß roch. Jazmins Magen rebellierte bei dem Geruch, und sie drückte im Vorbeigehen auf den Entlüftungsknopf, der sich unter dem Lichtschalter neben der Tür befand. Diesen kleinen Luxus hatte man einrichten lassen, weil in dem Hochhaus aus Sicherheitsgründen keine Fenster geöffnet werden konnten. Die Klimaanlage hätte es zwar auch getan, aber bei dieser kalten Jahreszeit wäre Jazmin wohl gleich zu einem Eiszapfen erstarrt. Das leise Summen der Entlüftung ließ sie aufatmen.
»Hallo, Mr. Radon, bitte entschuldigen Sie, dass ich zu spät gekommen bin.« Der Kerl war ihr auf Anhieb unsympathisch, was sein lüsterner Blick noch verstärkte.
»Ja, ja, schon gut«, antwortete er mit heiserer Stimme.
Jazmin hatte im Laufe der Jahre gelernt, ihre Gefühle hinter der Maske journalistischen Interesses zu verbergen. Sie umrundete ihren Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl.
