Land in Sicht - Kristina Steffan - E-Book

Land in Sicht E-Book

Kristina Steffan

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Beschreibung

Das Glück schmeckt nach Äpfeln und Schokolade

Lotta hasst Veränderungen. Blöd nur, dass das Leben darauf keine Rücksicht nimmt. Als ihre Oma stirbt, ist sie plötzlich Hausbesitzerin. Auf dem Land. Gemeinsam mit ihrer ungeliebten Schwester. Von nun an kämpft Lotta mit Kühen im Garten, mit den Dorfbewohnern und mit Handwerkern, die gern mal die falsche Wand einreißen. Und dann ist da auch noch der geheimnisvolle Graf im Nachbarhaus, der ihre Gefühle ganz schön durcheinanderbringt …

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Seitenzahl: 421

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Kristina Steffan

Land in Sicht

Roman

 

 

Kristina Steffan im Gespräch

Wenn es nach Lotta ginge, sollte ihr Leben so bleiben, wie es ist. Doch als ihre Oma stirbt, ändert sich schlagartig alles …

Oh ja. Lotta erbt zusammen mit ihrer Schwester Lea das Haus der Oma, mit dem sie viele Kindheitserinnerungen verbindet. Lotta trauert, muss einen Umzug organisieren und sich mit ihrer Schwester ­arrangieren. Keine leichten Aufgaben, denn Lea ist grundsätzlich dagegen, kommt immer zu spät und kümmert sich um nichts. Und das gemütliche Häuschen hat einen zarten Renovierungsstau von einigen Jahrzehnten. Am Anfang des Romans ahnt Lotta noch gar nicht, wie viel Aufregung da wirklich auf sie zukommt – denn in all dem Chaos begegnet sie auch noch einem Grafen, der gar keiner ist …

Was mögen Sie an Lotta am liebsten?

Ihren Mut. Mir gefallen mutige Protagonisten. Jetzt könnte man glauben, das läge ja in meiner Hand, aber das stimmt nicht. Manche Figuren weigern sich einfach, ihren Job in der Geschichte zu erfüllen. Da guckt man dann als Autorin recht blöd aus der Wäsche und muss sich etwas einfallen lassen. Bei Lotta war das zum Glück nicht so.

Wo und wie schreiben Sie?

Ich brauche zwei Dinge zum Schreiben: Ruhe und Kaffee. Beides finde ich in meinem Büro. Manchmal allerdings schnappe ich mir meinen Laptop, gehe in ein Café und fahnde dort nach Inspiration. (Sollten Sie mal eine blonde Frau mit verzweifelter Miene vor einem Laptop sitzen sehen: Das könnte ich sein. Bitte sprechen Sie mich an, vielleicht bringen Sie mir den gesuchten Funken der Inspiration!)

Über die Autorin

Kristina Steffan lebt und schreibt in Norddeutschland. Im Diana Verlag erschienen ihre Romane Nicht die Bohne! und Land in Sicht. Als Kris­tina Günak ist sie die Autorin der Elionore-Brevent-Serie Eine Hexe zum Verlieben. Mehr erfahren Sie unter www.kristina-steffan.de.

 

Originalausgabe 06/2014

Copyright © 2014 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion | Dr. Katja Bendels

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv | © plainpicture/Lubitz + Dorner

Satz | Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-13199-9

www.diana-verlag.de

 

Kapitel 1

Oma ist tot!«

»Hm?«, nuschle ich in mein Handy und sitze im nächsten Moment kerzengerade im Bett. Verwirrt blinzle ich in das gedämpfte Licht meiner Nachttischlampe. Es ist drei Uhr. Nachts.

»Mama. Ich habe doch letzte Woche noch mit ihr Schnitzel gegessen.« Was für ein Gedanke. Meine Oma kann nicht sterben. So etwas tun nur andere Omas.

»Nun ist sie tot«, sagt meine Mutter mit tränen­erstickter Stimme und schnaubt dann so beherzt ihre Nase, dass ich fast einen Hörsturz erleide. Der Schmerz in meinem Gehörgang fegt allerdings den letzten Rest von schläfriger Verwirrtheit weg.

»Was ist passiert?«, unterbreche ich das Schluchzen meiner Mutter unsanft, aber sie antwortet nicht, sondern weint vorerst nur weiter.

Es ist natürlich ausgeschlossen, dass auch ich mich jetzt heulend um mein Handy krümme. Das tut ja schließlich meine Mutter schon.

Wir haben da bei den Frauen der Familie Ellenberg eine klare Aufgabenteilung. Meine Mama weint, meine kleine Schwester ist dagegen, und ich nehme die Dinge in die Hand.

Aus diesem Grund bekommt meine Stimme plötzlich wieder, trotz der nachtschlafenden Zeit, diesen sehr geschäftigen Ton. Absolut unpassend, falls meine Oma wirklich tot sein sollte.

Aber wenn jemand stirbt, gibt es sicherlich sehr viele Dinge in die Hand zu nehmen. Nicht, dass ich davon viel Ahnung hätte. Mein Vater galt zwar offiziell als tot, war aber, nachdem er auf der kalten Ostsee beim Krabbenfischen über Bord gegangen war, nicht mehr aufzufinden.

»Jetzt beruhige dich, Mama! Woher weißt du, dass Oma gestorben ist?« Vielleicht ist das ja auch alles nur ein Irrtum? Meine Mutter wohnt schließlich in Thailand, also Tausende von Kilometern entfernt. Vielleicht hat sie es nur geträumt. Sie neigt nämlich zu seltsamen Träumen und Visionen, die nicht immer mit der Realität im Einklang stehen.

Einmal, da waren wir noch sehr klein, scheuchte sie uns des Nächtens aus dem Bett, weil sie im Traum die Vision hatte, innerhalb der nächsten zwei Stunden würde die Welt untergehen. War natürlich nichts, aber wir haben die ganze Nacht am Küchentisch gesessen, Kekse gegessen und der Dinge geharrt, die kommen würden. Als unser Vater allerdings von der tosenden Ostsee verschluckt wurde, hat sie ­selig geschlummert.

Insofern erscheint jetzt ein kleiner Hoffnungsschimmer am dunklen Horizont meines Schlafzimmers. Alles ein Irrtum. Meine Mutter ist wieder komisch. So wird es sein. Oma Elsa schläft friedlich in ihrer Blümchenbettwäsche.

»Ihr Hausarzt hat mich angerufen.«

Okay, das klingt jetzt nicht nach Vision, das klingt nach knallharter Realität. Mir wird augenblicklich eiskalt.

»Und den wiederum hat Hildegard, die Nachbarin, angerufen. Oma hat sich wohl gestern Nachmittag in ihre Holly­woodschaukel gelegt, und Hildegard hat dann am Abend in den Garten geschaut und da lag sie immer noch dort. Weil sie nämlich einfach gestorben ist. In ihrer Hollywoodschaukel. Unter dem Sternenhimmel. In ihrem Garten, den sie so geliebt hat.«

Meine Mutter weint jetzt so sehr, dass ich die letzten Worte nicht mehr richtig verstehe. Ich bastle mir den Inhalt mehr oder weniger zusammen. Meine Oma ist gestorben, in ihrer Hollywoodschaukel, in der sie vor sich hin schaukelnd die Sommer verbracht hat.

Eine Weile schweigen wir. Also ich schweige und starre aus dem Fenster in die dunkle Nacht, und meine Mutter weint.

»Mama, buch dir einen Flug. So schnell wie möglich. Oder soll ich das für dich machen?«, frage ich nüchtern und lenke mich damit von dem plötzlichen Schmerz in meiner Brust ab.

»Oleang-Do macht das für mich.« Der kleine Mann mit dem großen Herz, mit dem meine Mutter in Thailand eine Pen­sion betreibt. Also er betreibt sie und achtet darauf, dass meine Mutter kein Chaos auslöst, und meine Mutter sorgt für das gute Qi und die spirituelle Betreuung der Gäste.

»Ich, äh, kümmere mich um alles Weitere. Es muss ja eine Beerdigung geben und so …«

»Danke, Schatz! Ich melde mich, sobald ich weiß, wann ich in Hamburg lande.« In ihren Worten schwingt unverhohlene Erleichterung mit. Erleichterung, dass ihre tatkräftige Tochter Charlotta Ellenberg sich schon um alles kümmern wird.

Ich will schon auflegen, da fällt mir noch etwas ein. »Mama?«, rufe ich in das Handy.

»Was?«, antwortet sie.

»Kannst du bitte Lea anrufen?«, frage ich hoffnungsvoll.

Meine Mutter schweigt ein paar Sekunden. Dann sagt sie schlicht »Nein, Schatz. Das schaffe ich nicht«, und legt auf.

Für einen Moment starre ich die Zimmerdecke an. Dann lasse ich, die tatkräftige Charlotta Ellenberg, mich rücklings auf das Bett fallen und fange endlich an zu weinen.

 

 

Kapitel 2

Wir haben Modell Santana und Modell Isolde im Angebot«, erklärt mir die Bestattungs-Fachfrau, während ich ein Gähnen unterdrücke. Allerdings entgleisen mir just in diesem Moment die Gesichtszüge, denn ich entdecke die Preisschilder neben den feilgebotenen Särgen im Katalog.

Modell Santana ist nicht nur wirklich hässlich, nein, Modell Santana kostet auch knackige 1598,20 Euro. Wo genau ist da jetzt das Angebot?

»Das hätte ihrer Oma sicherlich gefallen«, flötet die Dame im schwarzen Kostüm mit der sonderbarsten Dauerwelle, die mir je zu Gesicht gekommen ist, und deutet mit ihrem kurzgefeilten Fingernagel auf das Modell Isolde. Eiche, Messingbeschläge, vermutlich so schwer wie ein Mittelklasse­wagen und preislich davon auch nicht mehr so weit entfernt. Ob ich Frau Herz vom Bestattungsunternehmen »Herz« wohl sagen kann, dass meine Oma mir einen Vogel gezeigt hätte, wenn sie Modell Isolde jemals zu Gesicht bekommen hätte? Meine Oma war einfach nicht der Eiche-brutal-Typ mit Messing-Gedöns. Meine Oma liebte Weiß, Rosa und Blumenmuster. Sogar ihr Klopapier war mit kleinen weißen und rosafarbenen Blumen bedruckt, und sie war im Besitz von »Hello-Kitty«-Bettwäsche.

»Gibt es das auch in Rosa?«, frage ich und deute auf ­Modell Isolde. Bedauernd schüttelt Frau Herz den Kopf. »Wird leider nicht nachgefragt.«

»Ich muss darüber nachdenken«, sage ich und trinke den letzten Schluck Kaffee, der mir unerwartet kalt durch den Hals läuft. Kalt, weil ich hier schon bestimmt zwei Stunden sitze und mir erklären lasse, wie eine ordnungsgemäße deutsche Bestattung abzulaufen hat. Dabei habe ich erst vor sieben Stunden von Omas Tod erfahren, und jetzt sitze ich schon hier und gucke mir Särge an. Ich bin wirklich vorbildlich in Sachen Organisation.

»Gut, das verstehe ich. Aber den Termin für die Trauer­feier halten wir erst mal fest?« Ich nicke, mit einem Kloß im Hals. Besagter Termin zum öffentlichen Trauern wird in zwei Wochen stattfinden. So lange dauert es offensichtlich, bis alles organisiert ist. Und so wird es auch meine Mutter auf jeden Fall schaffen, ihre Wahlheimat trotz Fluglotsenstreik, Unwetter und anderen Unpässlichkeiten zu verlassen, um dieser Feierlichkeit beizuwohnen.

Bis dahin allerdings muss der Sarg ausgewählt sein. Der ist elementar für den Fortgang der ganzen Angelegenheit. Wir werden bei dem Termin in zwei Wochen nämlich die Urne meiner Oma betrauern. In der dann der Sarg einschließlich meiner Oma steckt. Ob das besser war als die Kühlkammer, ihr aktueller Aufenthaltsort, über den Frau Herz mich mit einem herzlichen Lächeln in Kenntnis gesetzt hat, weiß ich nicht. Das alles kommt mir irgendwie surreal vor, und ich habe auch den freundlichen Vorschlag von Frau Herz, der Kühlkammer einen Besuch abzustatten, abgelehnt.

Mir läuft es kalt den Rücken runter, und ich spüre den Druck der drängelnden Tränen in meinen Stirnhöhlen, dem ich aber unter keinen Umständen nachgeben werde. Die Frau Bestatterin ist natürlich ein Profi im Umgang mit Tränen, erkennt mein Ansinnen, nicht zu weinen, und tätschelt mir sogleich tröstend die Hand. Ihre Worte sind allerdings weit weniger tröstlich.

»Sehen Sie, Frau Ellenberg, es ist eigentlich schon üblich, sich ab einem gewissen Alter mit der Vorsorge und Planung des letzten Ganges zu befassen«, sagt sie leise und schaut mich ernst an.

Oma Elsa hat sich aber wohl lieber mit anderen Dingen befasst, und das obwohl sie schon fünfundachtzig Jahre alt war. Vielleicht hat sie einfach nicht glauben können, dass sie wirklich irgendwann stirbt. Tun ja eigentlich auch immer nur die anderen.

Bedröppelt fahre ich nach Hause. Mit einem Sarginnenausstattungs-und-Sterbehemd-Katalog unter dem Arm betrete ich meine Drezimmerwohnung am Stadtrand von Kiel, schmeiße den Katalog auf das kleine Tischchen vor dem goldenen Spiegel im Flur und streife mir die Pumps von den Füßen. Ich fand den dunkel­blauen Hosenanzug heute Morgen der Situation sehr angemessen. Jetzt allerdings finde ich, dass ich aussehe wie eine Stewardess der Lufthansa nach vier Interkontinentalflügen ohne Pause mit zwei Herzinfarkten und einer Geburt an Bord. Meine braunen Haare, die eigentlich freiwillig recht akkurat in der ihnen durch den Frisör genötigten Form bleiben, sind irgendwie wirr. Und ich habe dunkle Schatten unter den Augen. Die rein farblich immerhin hervorragend mit der Farbe des Anzuges harmonieren.

Ich sehe mal richtig beschissen aus.

»Lotta!«, ruft es im nächsten Moment scharf aus meinem Wohnzimmer. Ich schließe für einen Atemzug die Augen. Ich sehe nicht nur richtig beschissen aus, ich bin auch unfassbar müde.

Langsam streife ich mir die steife Anzugjacke von den Schultern, hänge sie sorgfältig auf, schnappe mir den Katalog und lehne mich gegen den Türrahmen.

Erschöpft betrachte ich meine ganz in schwarz gekleidete Schwester mit den lilafarbenen Strähnen im braunen Haar, wie sie der vollen Länge nach ausgestreckt auf meinem Parkett liegt.

Lea scheint meine Abwesenheit genutzt zu haben, um sämtliche auffindbaren Kerzen zu entzünden. Da Kerzen bei strahlender Frühlingssonne nicht so wirklich zur Geltung kommen, hat sie die Jalousien heruntergelassen und starrt jetzt mit zusammengekniffenen Augen einen Punkt an der weißen Zimmerdecke an. Sie schenkt meinem Auftauchen keinerlei Beachtung.

Ich habe es leider erst heute Morgen um sieben geschafft, sie anzurufen. Schließlich war ich die ganze restliche Nacht nach dem Anruf meiner Mutter mit intensivem Weinen beschäftigt. Ich musste die Zeit nutzen. Man weiß nie, wann man wieder dazu kommt.

Lea tauchte dann auch umgehend bei mir auf, weigerte sich allerdings standhaft, mit mir die Bestatterin aufzusuchen.

Als meine Mutter ihre Tochter Lea genannt hat, dachte sie sicher an eine Sommerkleider tragende und Buch lesende Teetrinkerin mit blonden Locken.

Herausgekommen ist allerdings Lea Ellenberg. Seitdem sie der Pubertät anheimgefallen ist, die sie mit ihren mittlerweile sechsundzwanzig Jahren leider immer noch nicht wieder verlassen hat, ist sie anstrengend und grundsätzlich dagegen.

Lea ist gegen alles im Allgemeinen, besonders aber gegen Menschen, die eine halbwegs gesellschaftlich akzeptierte Lebensführung pflegen. Also Menschen, die eine eigene Wohnung bewohnen (sie lebt in einer WG voller Mitbewohner ohne Nachnamen), berufliche Perspektiven haben (Lea wechselt gefühlt monatlich ihr Studienfach), einer geregelten Arbeit nachgehen (sie kellnert manchmal, und das auch nur, wenn es wirklich sein muss) und Steuern zahlen. Lea ist also gegen mich. Damit lässt sich die grundsätzliche Situation unserer schwesterlichen Existenz doch mal ganz gut umschreiben. Lea ist gegen mich, und wir können uns so dolle streiten, dass ich ein paarmal schon die Befürchtung hatte, mir irgendwelche lebenswichtigen Organe aus dem Leib zu brüllen.

»Ich will nicht, dass Oma tot ist! Scheiße!«, faucht sie in diesem Moment die Zimmerdecke an und klingt dabei wirklich Furcht einflößend.

»Und ich will sie nicht im Sarg Isolde in Eiche-brutal mit Samtausschlag in Weiß in den Ofen schieben lassen!«, fauche ich zurück. Verdammt! Ich will auch nicht, dass Oma tot ist. Jetzt sind wir nur noch zu zweit. Mama zählt nicht, sie ist nicht da. Und zwei ist einfach zu wenig für eine Familie.

»Sag mal, spinnst du? Einen Eichensarg? Für meine Oma?« Lea setzt sich so abrupt auf, dass sie mich aus meinen düsteren Überlegungen reißt, und starrt mich böse an. Das viele Metall in ihren Augenbrauen klirrt leise bei dieser Aktion. Die Zimmerdecke ist sicherlich erleichtert, ihrem bösen Blick entkommen zu sein.

»Ich? Die deutschen Bestatter wohl eher. Und es ist unsere Oma!«, entrüste ich mich und lasse mich neben sie auf den Boden plumpsen.

Mr. Boo kommt unter meinem Sofa hervorgekrochen und springt freudig erregt um mich herum. Wenigstens einer, der sich freut, mich zu sehen, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit zwischen Ausstellungssärgen und vertrockneten Blumengestecken herumgesessen habe.

Ich werfe meiner Schwester den Sarg-Katalog zu und lasse den kleinen, hässlichen und leicht zerfledderten Hund auf meinen Schoß klettern. Mr. Boo ist eine Mischung aus bestimmt acht verschiedenen, vermutlich auch sehr hässlichen Rassehunden. Er hatte ein wirklich schweres Leben, ­bevor ihm meine Schwester ein neues Zuhause gegeben hat. Genau wissen wir das nicht, aber da sie ihn in einem Karton neben einem Strommast gefunden hat, ist das anzunehmen. Lea hängt mit fast schon kindlicher Liebe an diesem Hund, und das, obwohl Mr. Boo nicht so einfach im Umgang ist. Er hat Angst vor Autos, Männern, sämtlichen Küchengeräten, Computern, Handys und Tageszeitungen. Er befindet sich also fast immer in einem Zustand der furchtsamen Erstarrung, und jemand muss ihn ermutigen weiterzuatmen. Vermutlich wäre er in einem Nonnenkloster ohne elektrischen Strom am besten aufgehoben, aber so etwas gibt es in Kiel nicht. Deshalb muss er mit Lea vorliebnehmen, und manchmal eben auch mit mir.

»Du hättest einfach mitkommen können, dann wärst du an der Entscheidung, die ich übrigens noch nicht getroffen habe, beteiligt gewesen«, sage ich spitz, was Lea nur mit ­einem Achselzucken quittiert.

»Du machst so etwas besser alleine. Du bist doch schließlich Superwoman.«

Ich beiße mir auf die Wange, um nicht sofort etwas ebenso Böses zu er­widern. Manchmal fühlt es sich an, als wären wir gar keine Schwestern, sondern als käme sie von einem fernen Planeten, auf dem alle lila, klein und bösartig sind.

»Ich bin nach wie vor dafür, Oma unter dem alten Apfelbaum im Garten einzubuddeln.«

»Sehr hübscher Gedanke, Schwester. Ist aber verboten«, knurre ich düster.

»Na und? Es würde ihr aber gefallen.« Sie grunzt, um ­ihren Missmut über mich, die offensichtliche Oberspießerin der Nation, zum Ausdruck zu bringen. Lea ist nicht nur grundsätzlich dagegen, sie ist darüber hinaus auch mit dem genetischen Fluch der Weltfremdheit meiner Mutter gesegnet.

»Du willst jetzt aber nicht das sonntägliche Rasenmähen mit dem Eingraben der toten Oma unter dem Apfelbaum gleichsetzen?«, frage ich herausfordernd.

Vernichtender Blick von Lea. Stille. Die Anwesenden machen sich kampfbereit.

»Ich würde es tun!« Lea blinzelt mich an.

»Du hast ja auch einen an der Waffel«, gebe ich zurück. Wir bräuchten ab diesem Punkt nur noch ungefähr drei Worte, um die absolute Hölle losbrechen zu lassen. Aber stattdessen schlucke ich trocken und sage nur: »Ich kann mich jetzt nicht streiten.«

Lea schweigt einen Moment. Dann murmelt sie erstaun­licherweise »Okay!«, sämtlicher Kampfeswille fällt von ihr ab, und sie fängt an zu weinen. Sehr bitterlich. Ihr dünner Körper schüttelt sich wie die Wellen der Ostsee bei Orkan­böen ab Stärke acht.

Ich weine nicht mit, obwohl mir wirklich der Sinn danach steht. Aber einer muss in dieser Familie ja handlungs­fähig bleiben und einen kühlen Kopf bewahren. Und das bin ich.

 

Kapitel 3

Wir passieren schweigend das gelbe Ortsschild »Droggendiel«, und ich schalte einen Gang runter.

Mir ist ganz mulmig zumute, denn im selben Augenblick wird mir bewusst, dass mir jetzt sehr viele erste Male be­vorstehen. Das erste Mal vor der Haustür von Oma stehen, und sie wird nicht öffnen. Das erste Mal donnerstagmittags nicht zu ihr fahren und Schnitzel essen. Der erste Winter, an dem sie mich nicht um Mitternacht anruft, um mir voller Freude mitzuteilen, dass sie den ersten Schnee gesichtet hat.

Mein Herz wird plötzlich so schwer, dass ich fast spüre, wie es von innen gegen meine Fußsohlen schlägt. Oma ist tot. Sie ist einfach nicht mehr da.

Wir rollen die Hauptstraße hinunter, und ich werfe Lea einen verstohlenen Blick zu. Neben mir sitzt ein Uhu, der finster durch die Windschutzscheibe starrt. Ihr immer sehr großzügig aufgetragener Mascara hat der Tränenflut nicht standgehalten und sich flächendeckend unter ihren Augen verteilt. Am Ende der Hauptstraße biege ich in den Sonnenblumenweg ab und halte mitten auf der Straße an. Gezwungenermaßen.

»Was’n hier los?«, raunt Lea verrotzt. Ja! Gute Frage! Was um alles in der Welt ist hier los? Der Sonnenblumenweg ist nur ein schmaler, schlecht geteerter Weg am Ortsrand von Droggendiel, auf dem normalerweise ziemlich tote Hose ist. Schließlich gibt es dort ja nur fünf Häuser. Heute ­allerdings brennt hier die Luft. Gelinde ausgedrückt. Es scheint eine Party zu geben. Eine große Party, zu der sämtliche 258 Einwohner des Dorfes eingeladen wurden. Und die Partygäste drängen sich allesamt in trauter Eintracht auf dem Sonnenblumenweg. Es sieht ein bisschen aus wie kurz vor einem Rockkonzert.

Auf einmal taucht ein Feuerwehrmann in kompletter Montur vor uns auf und macht energische Handbewegungen, mit denen er uns wohl irgendwohin zu lotsen versucht. Fassungslos starre ich ihn an, bis er zu den hektischen Armbewegungen auch noch eine sehr böse Miene aufsetzt. Offensichtlich glaubt er, dass ich versuche, mich seinen Anweisungen zu widersetzen. Ich lasse das Fenster herunter und frage: »Was ist denn hier los?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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