Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Lass mich (nie mehr) los E-Book

Nicola J. West  

4.42222222222222 (45)
Bestseller Neu

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 495

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Lass mich (nie mehr) los - Nicola J. West

"Ich kann keinen einzigen Gedanken, kein Gefühl greifen. In mir ist eine so laute Leere, dass ich nichts und alles zugleich fühle." Neill Benett wird nie wieder Single sein! Er würde Brief und Siegel darauf geben und jeden in den Schwitzkasten nehmen, der daran zweifelt. Von einem Moment auf den anderen aber steht er wieder alleine da. Seine Welt gerät vollkommen aus den Angeln und als er dann auch noch seine Bandmitglieder verliert, droht er endgültig unterzugehen. Maria Carmichael weiß, wie er sich fühlt, denn nach dem Verlust ihres Mannes stand sie am gleichen Punkt. Seit dem sind drei Jahre vergangen und Maria hat vieles verwunden. Sie verliebt sich in Neill, doch was so schön sein könnte, droht, sich in die gleiche Hölle zu verwandeln, die sie schon einmal durchgemacht hat. 'Lass mich (nie mehr) los' - ein Roman über innige Freundschaft, tödliche Schicksalsschläge und Berge versetzende Liebe. *** Auszug: Neill nickte und schlüpfte in die Ärmel des Hemdes. Gänsehaut hatte sich auf seinen Armen gebildet. »Wieso hast du Maria nicht zurückgerufen? Sie hat sich Sorgen um dich gemacht.« Neill holte tief Luft und ließ die Hände sinken, anstatt sein Hemd weiter zuzuknöpfen. »Was soll ich dir da sagen?«, fragte er ausweichend. »Maria hat dich wirklich gerne und sie hat es nicht verdient, vor den Kopf gestoßen zu werden.« »Maria ist in mich verliebt, Lance. Und ich kann ihr gerade so gar nichts geben. Mein Kopf ist voll mit so viel Dreck, den ich nicht sortieren kann. Immer, wenn ich denke, dass ich schon am Boden bin und es nicht mehr schlimmer kommen kann, passiert etwas, das das Gegenteil beweist. Ich fühle mich einfach nur noch leer und ich brauche eine Pause von allem und jedem. Es wäre nicht fair, ihre Nähe zu suchen. Ich kann das zwischen uns nicht enger werden lassen, ohne zu wissen, ob ich ihr jemals geben kann, was sie sich von mir verspricht.« »Dann sag ihr das so.« Lance erhob sich schwerfällig vom Bett und glättete seinen Mantel. »Dann sag ihr, dass du im Moment keine Nähe willst und alleine sein musst, um dich wieder zu finden.« Neill nickte und biss sich auf die spröde Unterlippe. »Im Moment klingt, als wäre ich sicher, dass ich es in nächster Zeit wieder kann. Damit würde ich ihr Hoffnung machen, oder?« Lance wandte sich erneut zu ihm um, sah ihn mit so durchdringendem Blick an, dass Neill sich unbehaglich fühlte. »Ist Hoffnung nicht das, was wir alle gerade am meisten brauchen?«

Meinungen über das E-Book Lass mich (nie mehr) los - Nicola J. West

E-Book-Leseprobe Lass mich (nie mehr) los - Nicola J. West

Lass mich (nie mehr) los

Überblick über die Charaktere1. Kapitel - Maria2. Kapitel - Neill3. Kapitel - Neill4. Kapitel - Maria5. Kapitel - Neill6. Kapitel - Maria7. Kapitel - Neill8. Kapitel - Maria9. Kapitel - Maria10. Kapitel - Neill11. Kapitel - Maria12. Kapitel - Neill13. Kapitel - Maria14. Kapitel - Neill15. Kapitel - Maria16. Kapitel - Neill17. Kapitel - Maria/Neill18. Kapitel - Neill19. Kapitel - Neill20. Kapitel - Maria21. Kapitel - Neill22. Kapitel - Maria23. Kapitel - Neill24. Kapitel - Maria25. Epilog27. Danke28. Besonderer Dank29. Liebe besiegt alles30. LeseprobeImpressum

Überblick über die Charaktere

Um den Überblick zu erleichtern, gibt es hier eine Auflistung der Bandmitglieder, ihrer Techniker und weiterer handelnder Personen.

Lances Band besteht aus Frontman Lance Davy, dem Schlagzeuger Levis Quintin, den Gitarristen Neill Benett und Toby McIntosh, sowie Bassist Brandon Thorne.

Die Techniker hinter der Band sind Carl Belmont (Lances), Marco Castillo (Levis’), Gabriel Dearing (Neills), Killian Hendrickson (Tobys) und Daniel Wilson (Brandons).

Chef der Roadcrew ist Aaron Harper.

Neills Band besteht aus Neill Benett, Levis Quintin und Billy Pearson (Bass). Wenn Neills Band im Rahmen von Lances Tour auftritt, spielt anstatt Billy für gewöhnlich Brandon.

Lances Manager heißt Stan Burke und Neills Managerin ist Maria Carmichael.

Kathryn Jewell ist Lances Exfrau. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Leyla und Paul. Lances neue Freundin heißt Gillian Wolff.

Olivia Winters Familie besteht aus ihrem Vater Malcom und ihrer Mutter Eris. Neills Bruder heißt Nathan.

1. Kapitel - Maria

Maria war sich sicher, dass sie eines Tages in der Irrenanstalt enden würde. Schuld daran wäre ein Mann. Natürlich. Männer waren doch ohnehin die Wurzel allen Übels. Zugegebenermaßen musste sie selbst über diesen Gedanken lachen und kopfschüttelnd probierte sie ein weiteres Mal, Neill Benett am Telefon zu erreichen.

Es musste das hundertste Mal an diesem Vormittag sein, dass sie die Nummer des Musikers wählte und wie schon zuvor nur auf seiner Mailbox landete.

Sicherlich konnte jeder einmal so beschäftigt oder anderweitig verhindert sein, dass er einen Anruf nicht entgegennehmen konnte, dieses Gespräch aber hatten sie verabredet. Um zehn kannst du mich anrufen, hatte er gesagt. Bis dahin bin ich wieder wach.

Möglich war es schon, dass er auch um kurz vor 13 Uhr noch schlief, das würde dem blonden Lockenkopf ähnlich sehen. Oh, Maria kannte ihn und seine Gewohnheiten viel zu gut. Seit nunmehr drei Jahren war sie seine Managerin und somit bestens mit seinen Macken vertraut. Mit den Liebenswerten ebenso wie mit den Nervigen.

Neill gehörte zu jenen Menschen, die im Normalfall Anrufe niemals entgegennahmen. Meist war sein Handy lautlos oder er trug es nicht bei sich. Dass er seine Mailbox nicht abhörte, verstand sich dabei von selbst.

Als es halb zwei war, reichte es Maria endgültig und sie griff zum letzten ihr bekannten Mittel: Sie rief seine Verlobte an.

»Winter«, zischte es mit kühler, geschäftsmäßiger Stimme aus dem schon etwas abgeschrabbelten iPhone.

Maria fragte sich, ob der weiche Name Benett bei Olivia auch wie ein Kugelblitz klingen würde. Es war wohl offensichtlich, dass sie die brünette Frau mit den ebenso dunklen Mandelaugen nicht besonders gut leiden konnte. Etwas, das allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte.

»Hi Olivia, hier ist Maria. Bist du Zuhause?« Sie bemühte sich, nett zu bleiben und ganz zwanglos zu plaudern.

»Ja.« Mehr sagte die andere nicht. Schon von Beginn an hatte Olivia Maria als mögliche Konkurrentin gesehen, dabei hatte diese nie das geringste Interesse an einer Beziehung dieser Art mit Neill gehabt. Sie war seine Managerin und nicht mehr. Jeder, der sie ein bisschen besser kannte, wusste auch, dass sie nicht vorhatte, sich jemals wieder zu verlieben. Schon gar nicht erneut in einen Musiker! Sie hatte das hinter sich und war seit nunmehr drei Jahren alleinerziehende Mutter eines mittlerweile sechsjährigen Jungen.

»Ist Neill auch da?« Maria kam sich vor, als wäre sie wieder Grundschülerin und hätte bei ihrem damaligen besten Freund geklingelt, um zu fragen, ob dieser zum Spielen herauskommen konnte.

»Ja.«

Mühsam hielt sie das Seufzen zurück, und bemühte sich, nicht nervös mit den Fingern auf den Küchentresen zu trommeln. »Könntest du ihm bitte sagen, dass ich seit dem späten Vormittag versuche, ihn zu erreichen? Sein Handy ist offensichtlich auf lautlos geschaltet.«

»Nein, das klingelt in seiner Reisetasche im Flur.«

Und warum bist du dann nicht mal rangegangen?

Es hätte Maria Stunden des Wartens und Probierens erspart, und Olivia hätte sich nicht mit dem Gedudel herumärgern müssen. »Und Neill-«

»-schläft vermutlich noch. Ich habe jedenfalls noch nichts von ihm zu sehen bekommen. Gestern Abend als er nach Hause kam, haben wir einen Film angeguckt. Gucken wollen! Am Ende habe ich ihn alleine gesehen, weil er nach fünf Minuten eingeschlafen war.«

Was Olivias schlechte Laune wenigstens zum Teil erklärte. Zu Neills Verteidigung musste man allerdings sagen, dass er gemeinsam mit dem Rest von Lance Davys Band erst am Vortag aus Europa zurückgekehrt war, und ganz sicher unter einem gewaltigen Jetlag litt. »Okay, kannst du ihm dann bitte sagen, dass er mich zurückrufen möchte, sobald er aufgestanden ist?«

»Mach ich.« Und dann legte Olivia einfach auf.

Es war unschwer vorstellbar, dass Neill Maria auch bis zum späten Nachmittag nicht zurückgerufen hatte. Ganz sicher hatte er mittlerweile ihre unzähligen Anrufe in Abwesenheit gesehen und Maria ahnte, dass er sich auch vorgenommen hatte, nach dem Duschen, dem Essen oder einer Joggingrunde zurückzurufen. Nur hatten bis dahin vermutlich dutzende andere Leute irgendwas von ihm gewollt und Maria war wieder einmal in Vergessenheit geraten.

Bis um siebzehn Uhr gab sie ihm Zeit, sich zu erinnern, dann genügte es ihr und sie rief ihn abermals an.

Erstaunlicherweise nahm er das Gespräch diesmal an. »Maria! Entschuldige! Ich habe dich wirklich vollkommen vergessen.«

Natürlich hatte er das. Maria seufzte unterdrückt auf. »Ich habe nichts anderes erwartet.«

Aus dem Hintergrund erklang deutlich tiefes männliches Lachen. Neill hatte also den Lautsprecher an und war vermutlich mit anderen Musikern zusammen essen, berichtete ihnen von den Erlebnissen auf dem Europa-Arm ihrer Tournee.

»Hast du morgen Vormittag schon etwas geplant? Es wird höchste Zeit, dass wir über deine nächsten Auftritte sprechen.« Der erste war immerhin schon am kommenden Abend.

»Morgen hat Olivia frei und ich muss mir jetzt unbedingt Zeit für sie nehmen. Sie hat mich viel zu lange nicht für sich gehabt.«

Es war nichts, das Maria ihm ankreiden konnte. Sie hätte an seiner Stelle kaum anders gehandelt. Im Hintergrund erklang Gemurmel, dann knackste es in der Leitung.

»Maria? Bist du noch dran?«

Sie gab einen zustimmenden Laut von sich.

»Kannst du jetzt?«

»Unmöglich. Ich bin auf dem Sprung, um Henry bei seinem besten Freund abzuholen.«

»Bring ihn mit. Lance hat sicher kein Problem damit. Weißt du, wo er wohnt?« Erneut erklang Gemurmel. »Lance sagt, Paul langweilt sich eh. Also?«

Woher sollte sie wissen, wo Lance Davy wohnte? Er war einer der Country-Musik-Superstars der Stadt, und ihr Schützling Neill hatte das Glück, seit etwas mehr als sieben Jahren Gitarre für ihn zu spielen. Seit dreien managte Maria ihn nun schon, Lance aber war sie bisher nicht ein einziges Mal begegnet.

Wenn man sie zwingen würde, zu raten, würde sie allerdings auf Belle Meade tippen, denn dort wohnten die Taylor Swifts, Keith Urbans und Blake Sheltons dieser Welt. »Also ja«, sagte sie schließlich, da es nicht schien, als hätte sie noch eine Wahl. »Wir kommen vorbei, aber du erinnerst dich daran, dass Henry ziemlich schüchtern gegenüber anderen Kindern ist?«

»Paul macht das schon. Die Adresse lautet-«

Natürlich befand sich das Haus - oder besser die Prachtvilla - in Nashvilles schönstem Stadtteil. Das silbrig glänzende Tor zum riesigen umliegenden Park war videoüberwacht und gerade als Maria ausgestiegen war, um einen Klingelknopf zu suchen, öffnete es sich automatisch. Ganz offensichtlich hatte Neill sie auf dem Monitor erkannt und Lance das Okay gegeben.

»Mama«, sagte Henry mit piepsiger Stimme vom Rücksitz, als sie wieder einstieg. »Ist der Paul auch wirklich nett?« Seine Nasenwurzel hatte sich gekräuselt und er sah aus, als hätte er sich die schon wieder zu langen blonden Locken gerauft.

»Ich kenne ihn auch nicht, Schätzchen, aber ich denke doch, dass sein Papa ihn gut erzogen hat. So wie deiner dich.«

Marias verstorbener Mann war auf dem besten Wege gewesen, ihnen beiden und ihrem gemeinsamen Sohn in nicht allzu ferner Zukunft auch ein solches Leben zu ermöglichen. Dann aber war alles anders gekommen und zu dem dunkelsten Kapitel ihres bisher 27-jährigen Lebens geworden.

Henry nickte mit verkniffenem Mund. »Ist seine Mama auch im Himmel?«

»Nein«, sagte Maria und ließ ihren Ford Fiesta langsam über den mit weißem Kies bedeckten Parkplatz in Richtung des marmornen Springbrunnens rollen. »Seine Mama hat sich nur nicht mehr so gut mit seinem Papa verstanden und deshalb leben sie in unterschiedlichen Häusern.«

»Das ist doch doof.« Henry blinzelte. »Meinst du, Paul war sehr traurig darüber?«

»Bestimmt. Und das ist er wahrscheinlich auch jetzt noch. Ich denke, es ist besser, wenn du ihn nicht danach fragst.«

»Hm«, machte Henry nachdenklich und schwieg dann. Genau wie seine Mutter betrachtete er mit großen Augen die Gartenanlage.

Einige Minuten später standen sie beide auf den dunklen Granit-Stufen, die ins Haus führten und Maria bat Henry, den Klingelknopf zu betätigen. Der Ton erinnerte nicht nur sie an eine Schulglocke, auch Henry verzog das Gesicht. Seine Sommersprossen tanzten Lambada.

Fast im selben Moment wurde die Tür geöffnet. Nicht von Lance selbst, wie sie es erwartet hatte, und auch nicht von einer Haushälterin. Vor ihnen stand Neill. In einem verwaschenen roten T-Shirt und Leinenhosen, die sicherlich einmal kräftiger schwarz gewesen waren. Seine Füße waren nackt und seine Augen so müde, wie Maria es erwartet hatte.

»Nach wie vielen Stunden Schlaf siehst du so aus?«, fragte sie, statt ihn ordentlich zu begrüßen. Neill und sie kannten einander seit etwas mehr als drei Jahren und oft genug kam es ihnen beiden so vor, als wäre es eigentlich schon ein ganzes Leben. Als hätten sie schon im Sandkasten zusammen Burgen gebaut und sich mit der Schippe gehauen.

»15 ungefähr. Ich hasse Jetlags, wie du weißt.« Kein böses Wort kam von ihm, keine Spitze und keine Retourkutsche. Neill war der gute Zwilling. Der böse war sein Bandkollege Levis, der ihm, obwohl nicht verwandt, fast aufs Haar glich. Neill streckte die Hand aus und wuschelte Henry über den Kopf. »Na, Kleiner, hast du mich vermisst?«

Henry nickte und schmiegte sich an Neills Bauch. Wenn er sich einen Ersatzpapa aussuchen könnte, wäre es vermutlich Neill. »Hast du mir was mitgebracht?«

»Henry!«, ermahnte Maria ihn. »So etwas fragt man nicht.«

Neill winkte ab. »Na klar habe ich das. Aber es liegt noch bei mir zuhause, ich wusste ja nicht, dass ich dich heute sehe. Kommst du mich morgen nach der Schule besuchen?«

»Morgen sieht es schlecht aus, Neill. Ich habe etliche Termine«, mischte Maria sich ein.

»Weswegen du vermutlich auch wieder nicht zum Auftritt meiner Band kommst.« Das Seufzen, das über seine Lippen kam, wirkte wahrlich theatralisch. »Aber ich bin ja Kummer gewohnt.« Sein Blick fiel erneut auf Henry. »Was meinst du? Soll ich dich von der Schule abholen und wir backen dann Pizza bei mir?«

Henry nickte mit leuchtenden Augen und klatschte sich dann mit Neill ab. Es schien, sie beide hatten Marias Anwesenheit gänzlich vergessen. Niemand fragte sie, ob das für sie in Ordnung war. Man bedachte sie nicht einmal mit einem Augenaufschlag. »Und wie kommt Henry dann wieder zu mir?«

»Du holst ihn in der-« Neill zögerte. »Wo spielen wir morgen?«

»Vergiss es. Mein Sohn betritt keine Bar, bis er 21 ist. Du spielst um neun in der Mercy Lounge und wir treffen uns um sieben auf dem Parkplatz. Bevor du auch nur einmal den Kopf dort durch die Tür gesteckt hast.«

Neill salutierte grinsend. Dann ließ er sie beide in die Villa, als wäre er der Herr im Haus. »Lasst die Schuhe an, wir sitzen eh draußen«, sagte er über seine Schulter und führte Maria und Henry durch das, was in anderen Häusern ein Flur gewesen wäre, hier aber eher einem Ausstellungsraum glich.

An den mit dunkelrotem Teppich tapezierten Wänden hingen etliche teuer aussehende Kunstwerke, die im weitesten Sinne mit Musik zu tun hatten. Auf einem war ein abstraktes Saxophon zu sehen, auf einem anderen eine zerlaufene schwarz-weiße Gitarre, die an ein Gemälde von Dalí erinnerte. In den Ecken standen riesige chinesisch anmutende Vasen mit künstlichen Rosen und einer anderen Art langstieliger Blume, die Maria noch nie zuvor gesehen hatte. Gärtnern gehörte allerdings auch nicht gerade zu ihren Leidenschaften.

Sie hatte einen Job, der sie voll ausfüllte und ein Kind, das den Rest ihrer Aufmerksamkeit für sich beanspruchte. Oder viel eher den Löwenanteil, denn Henry kam für Maria immer an erster Stelle. Er war ein Wunschkind. Ihres und das ihres verstorbenen Mannes.

Von der Lobby aus kamen sie ins Esszimmer, in dem ein voluminöser Eichentisch bestimmt auch für zwölf Leute Platz bot. Die Stühle waren mit Stoff, der die gleiche Farbe wie der Wandteppich aufwies, bezogen. Auf den Regalen stand teuer aussehender Nippes, den, so vermutete Maria, noch seine Exfrau dort aufgestellt hatte. Dies hier war nicht die Handschrift eines Mannes. Die Vasen nicht und auch nicht die kleinen verspielten Porzellan- und Metallfiguren.

Henrys Augenbrauen spielten. Der große Raum, der durch einen Torbogen zum Wohnzimmer hin offen war und die Gitarren, die auf Ständern aufgestellt eine ganze Wand säumten, beeindruckten ihn, und die Weite des Hauses schien ihm Respekt einzuflößen.

Etwas, das auch Neill zu bemerken schien. »Hey, Sportsfreund, Lust auf nen Ritt?« Neill ging, ohne Henrys Antwort abzuwarten, in die Knie und bot sich ihm als Pferd an. Nur kurz überlegte der Junge noch, dann machte er einen Satz vorwärts und ließ sich von Neill hochziehen. Im wilden Galopp preschten sie dann durch den Torbogen und durch eine breite weiße Flügeltür hinaus.

Langsamen Schrittes folgte Maria und bekam gerade noch mit, wie Neill auf der mit schwarzem Marmor gefliesten Terrasse zu bocken begann und den vor Freude kreischenden Henry immer wieder fast in den riesigen Pool fallen ließ. Maria war sich sicher, er würde es nicht wahr machen, obgleich er wusste, dass Henry schwimmen konnte, denn er hatte es ihm beigebracht. Nur wusste er hoffentlich auch, dass Maria nicht gut darauf reagieren würde, wenn er ihn samt seiner Kleidung tauchen würde.

Maria ließ den Blick durch den Garten schweifen und bewunderte von Ferne die bunte Blütenpracht, bis sie aus dem Augenwinkel Lance Davy wahrnahm. Er hatte die Hand als Sonnenschutz an die Stirn gelegt und beobachtete grinsend und kopfschüttelnd seinen Gitarristen und den kleinen blonden Jungen.

»Hallo«, rief Maria, um den adretten Musiker nicht einfach nur anzustarren.

Er hob die Hand zum Gruß, bedeutete ihr dann, zu ihm zu kommen. »Setz dich«, sagte er, als sie nah genug war, dass er die Stimme nicht mehr heben musste. Sie war ganz weich und klang, auch wenn er sprach, melodisch. Musik lag ihm im Blut und unwillkürlich überzog eine Gänsehaut Marias Arme.

Mit seinen dunkelbraunen kinnlangen Haaren und den saphirblauen Augen war er Ross - Henrys Vater - ziemlich ähnlich. Sein Körper war etwas drahtiger, seine Oberarme muskulöser und auf dem rechten trug er ein schwarz-rotes Tattoo - einen Notenschlüssel mit einem Herz im unteren Schnörkel, in den kunstvoll ein K eingearbeitet war. K für Kathryn, seine Exfrau. »NEILL«, rief er dann und brachte das bockende Pferd immerhin dazu, innezuhalten.

Neills Wangen waren knallrot und Schweiß stand auf seiner Stirn. Es war bereits Oktober, Nashville aber bedachte seine Einwohner mit einem zauberhaft warmen Herbst.

»Wenn du da fertig bist, könntest du deinem Gast ein Glas holen. Und bring für Henry einen Plastikbecher mit.«

Neill gab nur ein Zeichen, dass er verstanden hatte, und ließ Henry dann sachte zu Boden. Er kniete sich herab und band dem Jungen den linken Schuh wieder richtig zu, während er sich leise mit ihm unterhielt. Kurz darauf verschwanden sie beide erneut im Wohnhaus. Dass er auch Paul dazu rufen sollte, hatte er vermutlich schon nicht mehr gehört.

»Maria, schön, dass wir uns endlich mal kennenlernen.« Lance legte seine feingliedrigen Finger sachte auf ihre, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Seine Hand war angenehm kühl auf ihrer erhitzten Haut. »Ein Wunder, dass es drei Jahre gedauert hat.«

»Freut mich auch«, erwiderte sie. »Ich hätte dafür wohl dann und wann zu Neills Auftritten kommen müssen, aber ich lasse Henry abends nur ungern mit einem Babysitter alleine. Er hat oft Albträume und dann bin ich lieber bei ihm, um ihn zu trösten.«

»Das hätte vielleicht auch häufiger meine Priorität sein sollen. Ich habe Kathryn ziemlich oft mit den Kindern alleine gelassen.«

»Hattest du denn eine Wahl? Die paar Nächte auf der Bühne strapazieren deinen Körper ohnehin schon. Ich weiß nicht, ob Kathryn oder die Kinder etwas davon gehabt hätten, wenn du für die paar Stunden pro Nacht nach Hause geflogen wärst.«

»Ich weiß.« Lance nickte bedächtig und schloss dann für einen Moment die Augen. Den Schmerz in ihnen hatte Maria dennoch lesen können. »Und Kathryn wusste und weiß das ebenso. Nur hätte ich mir oft selbst mehr Zeit für Privates gewünscht. Ich hab bei Paul und erst recht bei Leyla vieles verpasst.« Paul war gerade neun geworden und Leyla war sechs.

»Das hat Ross bei Henry leider auch.« Eigentlich alles. Seine ersten tapsigen Schritte, wie er Daddy gesagt hatte und auch den ersten Zahn.

»Es bleibt nicht aus. Dafür warst du für ihn da und bist es noch.« Lance biss sich auf die Unterlippe, kaute einen Moment darauf herum. In diesem Augenblick wirkte er weit jünger als die dreißig Jahre, die er auf dem Buckel hatte. Er hatte nicht nur bei seinen Kindern und in seiner Ehe vieles verpasst. Auf der Bühne war ihm auch die Zeit für das genommen worden, was andere in ihren Zwanzigern für selbstverständlich hielten.

Aus Erfahrung wusste Maria, dass man außerhalb des Klangzirkus nicht viele Freunde hatte, selbst der erweiterte Umkreis bestand fast ausschließlich aus Musikern, Produzenten und Managern.

»Das mit Ross’ Unfall tut mir sehr leid. Er war auf dem Weg, einer der ganz Großen zu werden.«

Maria nickte, sah sein liebes stets schlecht rasiertes Gesicht vor sich und schluckte hart. »Das war er ganz sicher. Aber der Erfolg ist ihm so zu Kopfe gestiegen, dass er sich selbst nur noch im Vollsuff ertragen konnte.«

Und in jenem war er auch mit dem Auto vom Weg abgekommen, in einen Fluss gestürzt und dort jämmerlich ertrunken. Maria hatte nichts davon gesehen - nicht einmal das Autowrack-, aber sie hatte die gemachten Bilder in ihrem Kopf und oft träumte sie, dass sie neben ihm saß und mit ihm unterging.

»Ross war zu sensibel für das Geschäft«, sagte sie. »Etwas, das ich hätte sehen müssen. Als seine Managerin hätte ich ihn bremsen und schützen müssen.«

»Du gibst dir aber nicht die Schuld an seinem Unfall, oder?« Lance sah sie eindringlich an, kämmte sich die langen Strähnen mit gefächerten Fingern aus der Stirn. »Es wäre nicht richtig.«

»Man gibt sich immer einen Teil der Schuld, wenn der Ehepartner Leid ertragen muss.«

Lance nickte. »Das ist wahr.« Er blickte zur Terrassentür, durch die Neill und Henry schon vor einer recht langen Zeit verschwunden waren. Dass er ablenken wollte, war offensichtlich, und Maria war taktvoll genug, um nicht nachzuhaken. »Ich wette die beiden plündern meinen Schokoladenvorat. Ich hoffe, du hast kein Problem damit.«

»Nein.« Maria schüttelte den Kopf. »Henry darf naschen, wenn er es möchte. Er ist ohnehin so dünn, da ist das schon in Ordnung.«

»Beruhigend, dass du keine von diesen Müttern bist.« Er wischte sich über das leicht stoppelige Kinn. »Wo wir gerade schon hier zusammensitzen, hast du noch Kapazitäten frei und Lust, dich um einen weiteren aufstrebenden Musiker zu kümmern? Eigentlich wollte ich ihn Stan anbieten, aber ich denke, du wärest die bessere Wahl. Er braucht jemanden, der ihn auch emotional noch ein bisschen leiten und festigen kann und nicht jemanden, der ihn gleich ins Haifischbecken wirft.«

»Auch ein Country-Musiker, nehme ich an?« Sie vergewisserte sich lieber gleich. Auch wenn ein paar Indie-Künstler bei ihr unter Vertrag standen, und sie diese gerne managte, wäre ihr ein weiterer zu viel.

»Ja, und was für einer! Seine Lieder sind sogar noch mehr Old School als das, was ich in jungen Jahren geschrieben habe. Seine Stimme ist erschreckend klar und er ist auf jeden Fall was für die Mädchen. Da du nicht nachts in Nashvilles Bars unterwegs bist, sagt dir der Name Gabriel Dearing vermutlich nichts, oder?«

»Nein, leider nicht.« Eine helle Stimmfarbe und dass er ein Mädchenmagnet war, klang allerdings wirklich gut. Sie war neugierig und wollte ihn kennenlernen. »Gibt es ein Demo-Tape oder hat er schon irgendwas veröffentlicht?«

»Weder noch.« Das Grinsen auf Lances Gesicht wurde immer intensiver und sein Blick ging zur Terrassentür, durch die Neill gerade - alleine - getreten war. »Du wirst lachen, der Junge ist sein neuer Gitarren-Techniker. Soviel ich weiß, ist er noch keine 21, aber-« Und ab hier sprach er lauter. »-ich habe schon überlegt, ob ich nicht statt Neill Gabriel nächstes Jahr in meine Band nehmen möchte.«

Neill stellte Marias Glas auf den Tisch und war nicht scheu, seinem Boss mit der flachen Hand an den Hinterkopf zu hauen. Lances Haare flogen wirr in sein markantes Gesicht. »Tu doch nicht so, als ob du ohne mich könntest!«

Lance grinste und wiegte den Kopf, strich sich erst dann die dunklen Strähnen wieder hinter die Ohren. »Ziemlich gewagt, mich zu provozieren, findest du nicht?«

Neill zuckte selbstbewusst die Schultern. »Ich bin deine linke Hand. Oder deine rechte. Manchmal auch dein Mund, wenn du den Text vergisst. Du kannst gar nicht ohne mich. Genauso wenig, wie du auf Levis verzichten kannst.«

Als seine Managerin sollte Maria Neill vielleicht auffordern, still zu sein, da er aber tatsächlich nicht nur Lances Gitarrist, sondern zugleich auch dessen bester Freund und der Patenonkel seiner Tochter Leyla war, sah sie davon ab. Lance würde Neill niemals feuern, es sei denn, er würde mit dessen Freundin oder vielleicht auch seiner Exfrau anbandeln.

Das allerdings war nichts, was Neill tun würde. Er heiratete im Dezember und würde für den Rest seines Lebens treu sorgender Ehemann und bald auch Vater mindestens dreier Kinder sein. Das jedenfalls war, was seine Verlobte Olivia sich von ihm wünschte, und der treudoofe Part dieses Mannes würde ihr jeden Wunsch erfüllen - selbst dann, wenn er selbst etwas ganz anderes wollte.

»Maria, der Kerl hier wird eindeutig zu frech.« Entgegen seinen Worten grinste Lance über das ganze Gesicht. »Ich denke, er ist nicht ausgelastet und braucht dringend mehr eigene Auftritte. Da kannst du doch was machen, oder?«

»Sicher.« Können konnte sie schon. Sie bekam viele Anfragen von Clubs und Bars aus Nashville und der näheren Umgebung. Daran scheiterte es nicht. »Aber wenn ich nur an zwei oder maximal drei Tagen in der Woche über ihn verfügen kann, sieht es doch recht dürftig aus. Mehr als vier Gigs im Monat sind nicht möglich.«

Lance nickte bedächtig. »Neill könnte doch an den Anreisetagen an den Orten spielen, an denen wir gerade sind, oder? Und wenn wir einen Ruhetag haben, gäbe es auch da sicher Möglichkeiten.«

»Du willst mich unbedingt sieben Tage die Woche beschäftigt wissen, oder?« Neill sah den Freund entrüstet an. »Ich habe ohnehin kaum-«

»Was du hast, ist vor allem ein immenses Potenzial, das du einfach nicht nutzt«, sagte Lance und tätschelte Neills Schulter. »Versteh mich nicht falsch, ich werde dich auch in den nächsten 50 Jahren nicht aus meiner Band entlassen und vor allem nicht zulassen, dass du nur noch dein eigenes Ding machst, aber deine Musik ist zu gut, um der Masse unbekannt zu sein. Meine Fans sind auch deine und du würdest jeden Club füllen, da die meisten ebenso wie wir früher anreisen oder aber ohnehin in der Nähe der Konzertstätten wohnen.« Auffordernd sah er anstatt Neill Maria an.

»Möglich wäre es sicher, da wir deinen Namen dann in der Werbung für Neills Auftritte verwenden können. Wenn du es erlaubst, könnten wir es auch auf die Tourplakate und auf deiner Website mit aufnehmen.«

»Sprich mit Stan, ich bin offen für alles, solange es Neill zugutekommt.«

Neill sah nur zwischen Maria und seinem Chef hin und her. »Ihr habt nicht vor mich zu fragen, was ich will, oder?«

»Nein«, beschied Lance. »Wir wissen am besten, was gut für dich ist.« Und wieder traf sein Blick Maria. Lance war zweifelsohne gewohnt, zu bekommen, wonach es ihn verlangte, und der Erfolg gab ihm recht. Er hatte ein gutes Gespür.

»Das Problem ist, dass wir dann auch jemanden brauchen, der vor Ort mit den Leuten ins Gespräch geht, der Neill präsentieren und repräsentieren kann. Sonst wäre es einzig eine weitere Einnahmequelle, aber würde seine Karriere nicht vorantreiben. Und ohne dich übergehen oder bevormunden zu wollen, Neill, es mangelt dir nicht gerade an Geld.«

Neill schüttelte den blonden Lockenkopf. »Nein, Lance zahlt ausgezeichnet, wie wir alle hier wissen.«

»Eben. Dir fehlt es an Aufmerksamkeit oder wenigstens an einer gesicherten Fanbase, die auch bereit wäre, mal ein T-Shirt oder eine CD zu kaufen oder dich auf Spotify zu streamen.«

»Gut dann kümmere ich mich darum, dass-«

»Wieso kommst du nicht mit uns auf die Tournee?«, unterbrach Lance Maria mitten im Satz, blickte sie erst entschuldigend an, als er ausgesprochen hatte.

»Ich?« Es war gänzlich unmöglich. Unvorstellbar. Sie konnte hier nicht weg und sie würde nie wieder mit einem Musiker auf irgendeine Tour gehen. Das hatte sie sich selbst geschworen. »Nein, das geht nicht. Ich muss mich um Henry kümmern.«

Lance winkte ab. »Das ist das geringste Problem. Henry kommt einfach mit. Ihr könnt beide in einem der Crewbusse unterkommen.«

Nein, sie würde sich auf keinen Fall darauf einlassen. Nichts auf dieser Welt würde sie dazu bringen. Es war ausgeschlossen und würde es auch für alle Zeit bleiben. »Lance, ich weiß das Angebot zu schätzen, aber mein Sohn ist in der ersten Klasse und ich kann ihn dort unmöglich nur an zwei Tagen hinschicken.«

»Meine Exfrau und ich haben Paul in den ersten beiden Jahren selbst unterrichtet. Er möchte auch Musiker werden und ich habe ihn öfter mitgenommen. An den anderen Tagen hat Kathryn zuhause mit ihm gearbeitet und er ist seinen Mitschülern heute noch deutlich voraus. Mit Leyla haben wir es nur anders gehalten, weil sie als Mädchen unter so vielen Männern verloren gewesen wäre. Hätte ich noch einen Sohn, würde ich es in jedem Fall wieder so machen. Was sagst du?«

Maria sagte nichts, denn Neill übernahm das Sprechen für sie: »Ich finde das gar nicht so dumm, Maria. Punkt eins: Meine Karriere würde sich besser entfalten - und bevor du auf den Gedanken kommst: Ich möchte keine andere Managerin. Punkt zwei: Henry fühlt sich doch auch immer noch nicht wirklich wohl in der Schule und hat in seiner Klasse keine Freunde. Und Punkt drei: Du würdest endlich mal wieder herauskommen und neue Leute kennenlernen, statt hier zu versauern.« Er sagte es, als ob Nashville ein Kaff wäre und man dort keine Menschenseele treffen würde.

»Und«, fügte Lance an, »Punkt vier: Gabriels Karriere kannst du auch viel besser in Gang bringen. Er könnte den Opener für Neill machen.«

Marias Kopf wollte jedem Argument zustimmen. Es war logisch, es war alles richtig, und es wäre professionell. Zu einem Teil schlichtweg ihr Job. Ihr Herz aber schrie laut, wehrte sich, kämpfte, schlug von innen schmerzhaft an die Brust. »Ich-«, brachte sie mühsam hervor. Ihr Mund war ganz trocken geworden und sie fühlte sich schwindlig. »Kann ich darüber nachdenken?«

Und dann Nein sagen? Damit es wenigstens so aussah, als ob ich mit mir gerungen hätte?

»Natürlich«, riefen beide Männer wie aus einem Mund.

»Nur nicht zu lange.« Neill grinste wie ein Lausbub.

»Ich gehe jetzt besser mal nach Henry gucken.« Maria stand auf und deutete zum Haus. »Wo ist denn Pauls Zimmer?«

»Oben. Die dritte Tür auf der linken Seite.« Auch Neill kam auf die Füße. »Aber da wirst du ihn nicht finden. Paul hat ihn mit in Lances Musikzimmer geschleppt, als er gehört hat, dass Henry Keyboard spielt.«

»Ach?« Lance erhob sich nun auch. »Das muss ich mir anhören. Neill, wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald nur noch die Vorgruppe von den Zweien.«

2. Kapitel - Neill

Als Neill am Abend nach Hause kam, war von Olivia keine Spur. Etwas verwundert trabte er durch alle Räume und auch hinaus in den Garten, um schließlich mit dem Blick am Kalender hängen zu bleiben. Nacht stand dort in feinsäuberlicher Schreibschrift eingetragen. In Dunkelrot. Vermutlich hätte er das wissen müssen und ganz sicher hatte sie es ihm auch zwischen Tür und Angel erzählt. Wie so oft aber war es ihm entfallen.

Er war ein Schussel, und das gab er selbst auch zu. Er konnte sich kaum seine eigenen Termine merken und hatte für alles einen Alarm im Handy, nur damit er keinen seiner Auftritte, keine Bandprobe und kein Konzert mit Lance verpasste. Alle zogen ihn permanent damit auf - und das war schon immer so gewesen. Nicht nur in der Band. Auch in seinem Freundeskreis zu Schulzeiten - und selbst sein Bruder Nathan hatte einen Heidenspaß daran gehabt, ihn auch noch permanent auflaufen zu lassen. Er hatte regelmäßig seinen Kalender verschwinden lassen, oder die Zettel, auf denen er tagtäglich Dinge notiert hatte.

Nun, Olivias Nacht zu lesen, forderte ihn nicht gerade und auch die Interpretation ließ keine Zweifel zu. Seine zukünftige Ehefrau war Polizistin und arbeitete im Schichtdienst. Noch, musste man dazu sagen, denn sie wollte möglichst bald eine Familie gründen. Wir, dachte Neill, wir wollten eine Familie gründen.

Natürlich ließ er sich auch am frühen Nachmittag des Mittwochs daran erinnern, dass er Henry von der Schule abholen musste. Eilig klickte er den Ton aus, denn Olivia schlief nach ihrer Schicht noch.

Neills Verlobte war absolut kein Freund von Fast Food, und von ihm als Hobbykoch besseres und gesünderes als Pizza gewöhnt. Er hatte er sich daher vorgenommen, ihre Hälfte mit viel Gemüse zu belegen. In den Küchenschränken und der Kühlung war nach seiner langen Abwesenheit allerdings nicht viel Brauchbares, da Olivia nur ungern den Herd einschaltete. Wann immer Neill nicht Zuhause war, aß sie wahlweise in der Kantine oder in einem der nicht zu teuren Restaurants in Nashvilles Innenstadt.

Neill blieb zum Glück noch genug Zeit, Tomaten, Paprika, Zucchini, Eier und andere grundsätzlich notwendige Lebensmittel einzuholen, bevor er sich auf den Weg zur tatsächlich fußläufigen Schule machte. Diesen Luxus hatte kaum jemand in der Stadt. Fast alle Kinder wurden von Schulbussen abgeholt oder von den Eltern mit ihren meist dicken BMW oder SUV morgens hin- und nachmittags zurückgekarrt.

Maria war nach Ross’ Tod mit Henry in ein kleineres Haus gezogen, das nur wenige Minuten vom Kindergarten und der Elementary School entfernt lag. Schon in der Pre-School aber hatte Henry sich nicht wohlgefühlt, und es hatte sich auch bis zu diesem Tag nicht verändert, dass er oft schlecht gelaunt herauskam und manchmal sogar weinerlich war.

Lance hat recht, für Marias Sohn wäre es sicher von Vorteil, wenn sie beide mit auf die Tournee kämen.

Davon, was es für Neills Karriere bedeuten könnte, einmal abgesehen.

Natürlich hätte er sich auch einen anderen Manager suchen können. Er hätte jemanden an seiner Seite haben können, der ihn längst dorthin gebracht hätte, wo ihn das nun hinführen könnte. Allerdings fühlte er sich pudelwohl in Lances Band und hatte Maria viel zu verdanken. Eigentlich alles, wenn es um seine eigene Musik, seine kleine Band ging. Ohne ihre Überzeugungskünste hätte er sich nicht wieder mit seinem Material auf die Bühne gestellt. Eine lange Geschichte, die für sie sehr viel schmerzhafter war als für Neill selbst.

Gemeinsam mit anderen Elternteilen - größtenteils Müttern - wartete Neill vor der Schule. Neill war es gewohnt von der Frauenwelt in Augenschein genommen zu werden, aber hier war es immer am extremsten. Intensiver als auf der Bühne. Aus einem ihm nicht erklärlichen Grund wurde er oft für einen alleinerziehenden Vater gehalten. Lance war sich sicher, dass es an Neills jugendlichem Aussehen lag.

Er wirkte nicht wie 31 sondern dank seiner wirren Locken, deren Bändigung er vor Jahren aufgegeben hatte, eher wie Anfang 20. Er trug die Haare schulterlang und nicht selten zu einem unordentlichen Zopf gebunden. Neill war der unkonventionelle Typ, den viele Frauen scharf fanden. Die wenigsten aber konnten ihn sich als den Vater ihrer Kinder vorstellen. Zum Glück konnte Olivia es, und in zwei Monaten würden sie sich das Jawort geben und sie würde genau wie er Benett heißen. Oh, er konnte es kaum mehr erwarten!

Wie immer kam Henry ganz alleine aus dem Gebäude. Er sah sich um und Neill winkte, bis der Junge ihn erkannte. »Hallo Onkel Neill!« Henry umarmte ihn fest und sprach leise direkt gegen seinen Bauch. Dennoch konnte Neill sein Lächeln hören.

»Na mein Großer?« Er sah davon ab, ihm durch die Haare zu wuscheln, die genauso blond und lockig waren wie seine. Ja, Henry könnte vom Aussehen her Neills Sohn sein, aber als der Junge gezeugt wurde, hatte er Maria noch gar nicht gekannt. »Ich frag dich nicht, wie die Schule war, oder?«

»Nein. Wie immer.«

Neill nahm ihm den Ranzen ab. Am linken Oberarm hatte Henry einen bläulichen Fleck, der ihm am vergangenen Nachmittag nicht aufgefallen war.

»Was hast du denn da gemacht?« Er deutete darauf und Henry zuckte, obwohl er ihn gar nicht berührte.

»Das war der dumme Ben, der hat mich in der Pause geschubst und ich bin gegen einen Tisch gefallen.« Henrys Mundwinkel zuckten verdächtig.

»Ich sollte das nicht sagen, aber ich hoffe, du hast ihn zurückgeschubst?«

»Hm ... nein, das traue ich mich nicht. Außerdem darf man das nicht.« Aus großen blauen Augen sah er Neill von unten herauf an.

»Du hast recht. Man darf das nicht. Gut, dass du es nicht gemacht hast.«

Ich eigne mich kein bisschen als Vater. Nicht einmal fast.

»Also sollen wir zu mir fahren und Pizza backen?«

»Jaa!« Und schon strahlten Henrys Äuglein wieder.

Neill fragte sich still, ob Pizza backen mit seinem ›Sohn‹ ihn zu einem guten Dad machen würde?

Henry und Neill verteilten gerade die letzten Pilze und Mandarinenscheibchen auf dem Teig, als Olivia noch im Morgenmantel und mit nur mäßig - vermutlich mit den Fingern - gekämmten Haaren zu ihnen in die Küche kam. Irritiert blickte sie Neill an, lächelte Henry dann aber freundlich zu. Freundlicher als ihrem Verlobten.

»Na wen haben wir denn da?«, fragte sie in dieser Stimme, in der viele Menschen mit jüngeren Kindern sprachen. »Du bist doch Henry, oder?«

Henry nickte schüchtern, obwohl er Olivia schon einige Male begegnet war. Dass sie beide nicht auf einer Wellenlänge lagen, wusste Neill schon lange.

»Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du bestimmt noch so viel-« Sie deutete mit den Händen etwa zwanzig Zentimeter an. »-kleiner.« Sie übertrieb, aber sie tat es gut, denn Henry grinste nun.

»Ich bin ja jetzt auch schon sechs und geh in die Schule.«

»Wow!«, rief Olivia und kämmte sich erneut durch die dicken dunklen Haare. »Und macht es Spaß?«

»Ja, manchmal schon«, sagte Henry und Neill war sich nicht sicher, ob er es auch so meinte oder ob er schon gelernt hatte freundlich an der Wahrheit vorbeizureden. »Ich rechne gerne.«

»Rechnen mochte ich auch immer sehr.« Olivia schaltete die Kaffeemaschine ein. Etwas, das für gewöhnlich Neill tat. Wenn er es nicht vergaß. »Weißt du denn schon, was du mal werden willst, wenn du so groß wie Neill bist?«

»Tierarzt!«, kam es wie aus der Pistole geschossen. Dann sah er zu Neill auf. »Oder ich werde Musiker wie Neill! Ich hab gestern mit Paul ein Lied komponiert!«

»Paul?« Olivia sah zwischen den beiden ›Männern‹ hin und her. »Davy?«

»Ja, Maria und Henry waren gestern auch bei Lance.«

Olivias Stirn furchte sich, aber sie sagte nichts.

»Sind wir da fertig, Neill?« Henry deutete auf die Pizza. »Ich muss nämlich mal aufs Klo.«

»Ja, lauf. Ich schieb die nur noch in den Ofen.«

Er flitzte los und Neill war mit Olivia alleine.

»Ich hatte gedacht, wir machen uns heute einen ruhigen Nachmittag?«

»Ja«, sagte er und tat, wie er Henry gesagt hatte, schaltete gewissenhaft Gradzahl und Umluft am Backofen ein. »Das machen wir doch auch.«

»Ich meinte zu zweit. Du und ich, nachdem du so lange weg warst.« Es klang wie ein Vorwurf. Wie derselbe, den er schon vor seiner Abreise nach Europa gehört hatte.

»Henry stört uns doch wirklich nicht. Der ist so ein lieber Junge.«

Olivia sah Neill an, als würde er von einem anderen Planeten kommen.

Nicht gut, gar nicht gut.

»Na bei dem, was ich vorhatte, stört er mich schon.«

Dass er sie fragend ansah, quittierte sie mit einem Augenrollen. Der Groschen fiel nun auch bei ihm. Sex. Es ging um Sex. Nichts, was Neill nicht wollen würde, um Himmels willen. Fast vier Wochen waren eine lange Zeit und er liebte Olivia. Er war bei seinen Freunden aber auch bekannt dafür, dass er half, wo er nur konnte. Dafür hatte er selten genug Zeit, und es war umso schöner, wenn er wirklich mal etwas für jemanden tun konnte.

Seine Exfreundin Rachel hatte einmal gesagt, dass man ihn nicht für sich alleine haben konnte, und letzten Endes war die Beziehung vor allem daran zerbrochen. Olivia hingegen bewunderte an den meisten Tagen, wie Neill diesen Spagat schaffte. Nur in letzter Zeit - ziemlich genau, seit sie ihm von ihrem Kinderwunsch erzählt hatte - wollte sie ihn am liebsten permanent für sich haben. Etwas, das leider nicht möglich war.

»Heute Nacht bin ich ganz dein«, sagte er und empfand seine Worte als recht gut gewählt.

»Du kommst doch erst um Mitternacht von deinem Auftritt heim und ICH habe morgen Frühschicht.«

»Es tut mir leid, Livi, wirklich«, lenkte er ein, bevor es zu spät war. »Ich habe deinen Dienstplan nicht im Kopf gehabt, als Maria mich gebeten hat, auf Henry aufzupassen.« Das war nur ein bisschen an der Wahrheit vorbei. »Und Maria tut so viel für mich, da muss ich auch manchmal was zurückgeben.«

»Maria-« Olivia sprach ihren Namen gerne so aus, als wäre er eine ansteckende Krankheit. Sie beteuerte stets, nicht eifersüchtig zu sein, aber so ganz war Neill davon nicht überzeugt. »-bekommt einen Teil deines hart verdienten Geldes. Damit seid ihr, denke ich, quitt.«

»Das ist richtig.« Neill griff in den Schrank über sich und reichte Olivia den Süßstoff für ihren Kaffee. Sie griff so hektisch danach, dass er beinahe am Boden landete. Etwas, das ihrem Blick nach auch Neills Schuld war. »Allerdings muss ich gerade ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, damit meine Karriere den nächsten Schritt machen kann.«

Olivia stellte die Tasse ruckartig auf der Anrichte ab. Kaffee spritzte über den Rand. »Wie, den nächsten Schritt?« Ihre Stimme klang schriller als gewöhnlich. Neill befand sich auf dünnem Eis, ohne zu wissen, wieso. Er fragte sich, ob Olivia vielleicht schon schwanger war und sie beide es nur noch nicht wussten. Zu ihren Stimmungsschwankungen würde es passen.

»Na ja«, begann er vorsichtiger. »Sie nimmt vermutlich meinen neuen Tech - Gabriel - unter Vertrag und Lance kam auf die Idee, dass Maria uns beiden ein paar mehr Auftritte verschaffen könnte.«

»Ein paar mehr? Willst du jetzt denn gar nicht mehr nach Hause kommen?«

»Nein.« In ihren intensivgrünen Augen tauchten Blitze auf und er begann zu schwitzen. »Ich meine ja. Du weißt, was ich meine. Ich will bei dir sein. Es wäre ja auch nicht hier, sondern auf der Tournee. Maria würde mitkommen und Gabriel und mir ein paar Auf-«

»Mitkommen? Maria kommt mit euch mit?«

»Äh, ja?«

Olivia schnaubte und warf die Hände in die Luft. »Das ist ja toll. Dann sieht sie dich ab jetzt ja öfter als ich! Toll Neill, ganz ehrlich, wieso heiratest du dann nicht einfach gleich sie?«

»Ich-« Nein, weiter kam er nicht, Olivia war bereits aus dem Raum gerauscht und im Bad verschwunden, aus dem Henry gerade eben getreten war.

Mit betretener Miene kam der Junge zu ihm. »Habt ihr Ärger, Onkel Neill?«

Neill tat, was Erwachsene in so einem Moment eben taten: Er log. »Nein, Olivia ist nur im Moment sehr im Stress mit ihrer Arbeit. Sonst ist alles okay.«

3. Kapitel - Neill

Als Henry und Neill das Haus verließen, war Olivia - die lieber einkaufen gegangen war, als mit ihnen ungesundes Zeugs zu essen - noch nicht zurück. Neill ahnte, dass sie kaum zehn Minuten später dort auftauchte, machte sich aber nicht die größten Gedanken darum. Nach mehr als zwei Jahren Beziehung kannte er Olivias Launen zu genüge und wusste auch sie auszusitzen. Seine Liebe zu ihr schmälerten diese Momente kein bisschen. Er selbst hatte auch genug Macken, die sie ihm verzeihen musste - und sie hatte in einem Punkt so oder so recht: Er verbrachte nur wenig Zeit Zuhause.

Als sie an der Mercy Lounge ankamen, wartete Maria schon direkt vor der Tür. Automatisch fiel Neills Blick auf die Uhr. »Hey, wir sind überpünktlich!«, rief er ihr zu und brachte sie zum Lachen.

»Vermutlich nur, weil Henry die Uhr so gut kennt, oder?«, foppte sie ihn zurück und auch er musste lachen. Henry hüpfte ihr in die Arme und sie zog ihn hoch.

»Du denkst so furchtbar schlecht von mir. Unfassbar. Wo kann ich mich beschweren?«, fragte Neill, als er mit der geschulterten Gitarre bei ihr ankam.

»Mein Chef bin ich selbst. Also bei mir?«

Neill nickte und versuchte, einen Platz im Eingang der Bar zu finden, an dem ihn die Sonne nicht so blendete. Er wollte nicht die ganze Zeit eine Hand über die Augen schirmen, um Maria ansehen zu können.

»Vielleicht besänftigt dich aber, dass ich lange drüber nachgedacht habe, ob ich mit euch auf die Tournee komme, und kurz davor bin, doch über meinen Schatten zu springen.«

»Okay«, sagte er, obgleich ihn die Aussicht auf mehr Gigs und anderes Publikum eigentlich wirklich freudig stimmte. Der Streit mit Olivia war noch zu frisch.

Maria zog die dünnen Augenbrauen hoch. »Nur okay? Ich hatte jetzt ehrlich gesagt etwas enthusiastischeres als Okay erwartet.«

»Tut mir leid. Ich war gedanklich woanders. Wenn du dich durchringst, würde mich das wahnsinnig freuen! Ich hab wirklich große Lust drauf, öfter zu spielen, und wenn wir ein bisschen die Aufmerksamkeit der Plattenindustrie wecken könnten, wäre das das Nonplusultra.«

Noch immer musterte sie ihn ganz genau und er hatte das Gefühl, sie las in ihm wie in einem offenen Buch. »Das wollte ich hören«, sagte sie dann dennoch. »Danke fürs Aufpassen.«

»Gar kein Problem.«

»Nur Olivia hatte schlechte Laune«, plapperte Henry aus, was Neill lieber nicht in Marias Ohr gewusst hätte. Böse konnte er ihm nicht sein, Kinder erzählten das Leben, wie es war.

»Ach ja?« Maria sah ihn an. In ihren dunklen Augen las er eine Mischung aus Neugier und Entschuldigung.

»Alles gut, sie hat nur viel Stress in ihrem Job und sie hatte Nachtschicht.«

»Wenn ich zu lange arbeite, bin ich auch so ähnlich drauf, schätze ich.«

Neill glaubte ihr kein Wort. Er hatte Maria in schon sehr vielen Gemütszuständen erlebt, aber niemals in dem, in dem Olivia am Nachmittag gewesen war. »Ich ruf dich morgen an und sag dir, wie ich mich entschieden habe. Oder soll ich lieber Lance informieren?«

»Beides wäre gut.« Er deutete auf die Bartür. »Ich muss jetzt rein. Meine Managerin sagt, ich muss immer pünktlich sein, weißt du?«

»Scheint ne kluge Frau zu sein.« Marias Augen blitzten amüsiert.

»Aber du bist doch seine Managerin, oder Mama?«

Und Henry hatte gewiss keine Ahnung, warum Maria und Neill beide nun in ehrliches Gelächter ausbrachen. Für ihn waren Erwachsene komisch. So viel war sicher.

Levis’, Billys und sein Auftritt lief zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Neill und seine Band konnten die hier in Nashville sehr verwöhnten Barbesucher dazu bekommen, mitzugehen. Die Anwesenden hatten ihre privaten Gespräche tatsächlich auf ein Minimum beschränkt und der dargebotenen Musik gelauscht. Neill selbst hatte nicht das beste Gesichtergedächtnis, aber Billy - der Bassist - war davon überzeugt, dass er einige von ihnen schon öfter gesehen hatte. Das sollte etwas heißen, wenn man wusste, dass in der Mercy Lounge, genau wie in den anderen Nashviller Clubs, oft sehr viele Touristen saßen.

Auf Nachfrage bekam man häufig die exotischsten Länder und entferntesten Staaten genannt. Wenn man Pech hatte, war nicht ein einziger Gast aus der Stadt. Das klang auf Anhieb zwar nicht wie ein Problem, aber es reichte eben nicht, über Tennessees Grenzen hinaus bekannt zu werden. Geschafft hatte man es als Country-Musiker erst, wenn Nashville einen liebte. Vorher konnte man von einem Plattenvertrag nur träumen.

Nach ihnen spielte noch eine weitere Band, das Publikum wechselte zu einem großen Teil, Neill, Levis und Billy aber blieben auf ein Bier und Fingerfood. Sie gesellten sich zu Lance und seiner Freundin Gillian, die Sitzfleisch bewiesen, schon zu Beginn der Show erschienen waren.

Als sie beide das letzte Mal bei einem von Neills Auftritten aufgetaucht waren, hatte er sie still und heimlich verflucht. Dieses Mal dankte er ihnen ehrlich für ihr Kommen. Dieses Mal hatten sie auch nicht alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Dass es ungeschickt gewesen war, seine neue Freundin ausgerechnet bei einem Gig seines Gitarristen zu präsentieren, hatte Lance hinterher auch selbst eingesehen und sich entschuldigt. Seinen 100 Dollar Schein für entgangenes Trinkgeld hatte Neill allerdings nicht akzeptiert. Bei Billy - dem Einzigen von ihnen, der sein Geld nicht hauptberuflich mit der Musik verdiente - waren sie dann dennoch angekommen. Lance war der großzügigste Mensch, den Neill kannte, und er war es schon immer gewesen und nicht erst geworden, seit er Millionen im Jahr scheffelte.

Bei ihnen am Tisch hatten sich auch Toby und Brandon - die anderen Mitglieder von Lances Band - eingefunden und zwei Plätze weiter rechts saßen Gabriel und Tobys Bruder Killian mit Marco - Levis’ Schlagzeugtechniker - und seiner Freundin, deren Name Neill wieder einmal entfallen war. Die erste gemeinsame Runde ging auf ihn, so war er dann von seiner Schuld als Quasi-Gastgeber für den Rest des Abends entbunden und konnte genießen, was noch kam. Whiskey & Coke zum Beispiel, als Lance bestellte.

»Wer fährt mich nachher nach Hause?«, hakte Neill nach, als die Gläser erneut geleert waren und Toby anbot, eine weitere Runde auszugeben.

»Wir können dich mitnehmen«, erwies Billy sich als Freund. Er hatte eine wundervolle Stimme, die ganz weich ausklang und sein Nordstaaten-Akzent verlieh ihr etwas Exotisches. Die meisten, die in den Süden zogen, begannen irgendwann den dort typischen Drawl zu übernehmen, Billy aber schien stolz auf seine Wurzeln. Etwas, das merkwürdig erschien, wenn man bedachte, dass er genau wie Levis niemals über seine Familie sprach. Verwandt waren sie nicht, beteuerten sie immer wieder, aber sie waren beide schweigsam über alles, was vor mehr als zehn Jahren geschehen war.

Niemand wusste, ob Levis - so wie er behauptete - tatsächlich aus Nashville stammte. Wann immer er den Mund aufmachte, wollte man es ihm glauben, denn er klang keinen Deut anders als Neill oder Lance. Aber da er beharrlich schwieg und niemals jemandem seinen Ausweis zeigte, war sich keiner wirklich sicher. Als Neill ihn kennenlernte und nach seinem Alter fragte, hatte er ihn in jedem Fall beschummelt. Fast 21, hatte er gesagt und war zwei Nächte darauf gerade 19 geworden. Richtig hatte er es gemacht, denn Neill hatte ihm zuvor gesagt, er würde nur jemanden als Schlagzeuger in seine Band holen, der bereits volljährig war.

»Heißt wir, dass du fährst, oder meintest du mit wir ich? Mich?« Levis blickte erst nur Billy fragend an, dann alle anderen. Levis - aussehenstechnisch beinahe Neills Ebenbild - war ein brillanter Schlagzeuger und in der Theorie auch ein mehr als passabler Texter, in der Grammatik aber versagte er dann und wann gewaltig.

»Mit wir meinte ich mich«, grinste Billy, ohne Levis aufzuziehen. »Aber du wolltest vermutlich auch mitfahren, also habe ich spontan wir gesagt.«

»Olivia wird sicher begeistert sein«, Lance nickte Neill zu, »wenn sie dich dann morgen wieder hierher fahren darf, damit du dein Auto abholen kannst.«

»Ich schätze, ich nehme ein Taxi, bevor es ihr überhaupt auffällt. Sie ist sowieso gerade etwas angesäuert.« Freundlicher hätte er es wirklich nicht in Worte fassen können.

»Dann würde ich an deiner Stelle den Chevy aus dem Parkverbot nehmen«, mischte Brandon mit. »Heute Abend schleppen sie dich nicht ab, aber morgen früh ist der weg. Brief und Siegel.«

»Als ob so ein braver Junge wie du Erfahrungen mit so etwas hätte.«

Brandons Mundwinkel zuckten nach oben, aber er schwieg. Seine dunklen wuscheligen Haare überdeckten seine Ohren und Wangen. Falls diese also gerötet waren, behielt er es geschickt für sich.

»Stille Wasser sind tief, Bran?« Toby war der Jüngste in Lances Band und in der Runde, und der, der zuletzt zu ihnen gestoßen war. Erst seit dem Sommer war er zweiter Gitarrist.

»Und so was von dreckig.« Brandon nickte Toby zu. »Was ist denn nun, lässt du uns hier verdursten oder wird das noch was?«

Gillian erhob sich, bevor Toby antworten konnte. »Für mich bitte nichts mehr, Toby. Ich muss morgen früh raus und würde jetzt gerne gute Nacht sagen.«

Auch Lance legte die Hände als Zeichen der Ablehnung über sein Bierglas. »Für mich dann auch nicht.« Sein Gesicht wirkte starr. Allen war klar, dass er gerne noch geblieben wäre. Hier in der Mercy Lounge kam nie jemand an den Tisch, um ihn um ein Autogramm oder Foto zu bitten, hier war er kein Superstar, obgleich vermutlich jeder im Raum ihn erkannte.

»Oh, ich will dir nicht den Abend verderben, Lance.« Gillian legte eine Hand auf seinen Oberarm, verdeckte mit ihren feinmanikürten Fingern das Liebestattoo zur Hälfte. »Ich bin ein großes Mädchen und kann mir ein Taxi nehmen.« Sie war eines dieser großen Mädchen, das sich auch alleine die Jacke anzog und finanziell nicht von Lance abhängig war.

Gillian saß im Management eines Molkereiprodukte-Konzerns und verdiente so gut, dass sie, schon bevor sie Lance kennengelernt hatte, an jedem einzelnen Tag auswärts zu Abend gegessen hatte. Lance hatte seinen Freunden im Vertrauen erzählt, dass Gillian keine Nudelsuppe kochen könnte, ohne sie im Topfboden einzubrennen. Es war allerdings nichts, womit sie die rothaarige selbstbewusste Frau jemals aufziehen würden.

»Bist du dir sicher, dass ich nicht mitkommen soll?«

»Lance-« Gillian sagte niemals Schatz oder nutzte überhaupt irgendwelche Kosenamen für ihn. »Der Rest meines Abends wird weder lang noch spannend sein. Genieß du ihn für mich, ich rufe dich morgen nach Feierabend an.«

»Gerne«, sagte Lance und erhob sich dann, küsste sie nur angedeutet auf den rot geschminkten Mund.

»Komm gut nach Hause und schlaf gut, Liebes«, flüsterte er nicht leise genug, als dass die anderen es nicht auch hörten. Er streichelte über ihre Wange und ließ sie dann gehen. Während sie dem Ausgang entgegenstrebte, bedeutete Lance ihnen allen, dass er die Toiletten aufsuchen würde.

Im nächsten Augenblick war auch Neill auf den Beinen und folgte ihm. Die fragenden Blicke seiner Kollegen und Freunde ignorierte er gekonnt. Das hier war nicht der Lance, den er kannte.

An die Waschbeckenreihe angelehnt, wartete Neill auf ihn, überraschte ihn sichtlich, als er die Kabine verließ. »Die sind alle frei.« Lance deutete zurück.

Neill nickte nur und blieb stehen.

»Deshalb bist du nicht hier.«

Neill nickte erneut.

»Spuck es schon aus.«

»Du hast Kathryn niemals alleine nach Hause gehen lassen. Ganz gleich was war, du hast sie immer begleitet. Ob du gerade den größtmöglichen Spaß hattest oder dich in einer hitzigen Diskussion mit einem oder uns allen befunden hast. Wenn Kathryn gehen wollte, bist du mit ihr gegangen.«

Lance wusch sich die Hände gründlich und sah Neill über seine Schulter hinweg an. »Was willst du mir damit sagen?«

»Nichts, was wir beide nicht ohnehin schon ausgesprochen haben. Du wirst Gillian niemals so lieben, wie du Kathryn geliebt hast.«

»Gillian ist eine klasse Frau.« Fast kam es Neill vor, als hätte Lance ihm nicht im Mindesten zugehört. Geflissentlich überging er dessen Kommentar vollends. »Sie akzeptiert mich, wie ich bin. Sie meckert nicht rum, weil ich nur selten Zuhause bin und noch weniger Zeit für sie habe.«

Er machte eine bedeutungsschwere Pause, die dazu führte, dass Neill sich angegriffen fühlte und dazu, dass er sich verteidigte. »Wenn du von Olivia spr-«

»Ich spreche von niemandem, Neill. Wenn der Schuh aber passt, solltest du darüber nachdenken, dass du derjenige bist, der sich fest binden will.« Lance lehnte sich an den Waschtisch an und musterte Neill von der Seite.

»Greif nichts an, von dem du nichts verstehst.«

Alles was er tat, war, die dunklen Augenbrauen anheben.

Neill wurde heiß. »Ich habe gerade nichts anderes getan«, erkannte er. »Tut mir leid.«

Lance wiegte den Kopf bedächtig. Nachtragend war keine seiner Eigenschaften. Dafür trug er jede Menge Besonnenheit in sich. »Ich selbst habe in Europa zu dir gesagt, dass ich immer noch Gefühle für Kathryn habe. Du hast dir nichts ausgedacht.« Er schüttelte ganz leicht den Kopf und sich die dunklen Strähnen, die Neill bisher für festbetoniert gehalten hatte, ins Gesicht. »Gillian hat mich mit einem Kuchen empfangen und Kathryn mit Vorwürfen.«

»Gillian hat einen- Wir reden von einem gekauften Kuchen, oder?« Neill kam damit vollkommen vom Thema ab, aber das musste er einfach genauer wissen.

»Nein, sie hat selbst gebacken.« Lance grinste breit. »Gut, er war ein bisschen salzig, aber sie hat sich Mühe gegeben und das zählt. Sie überrascht mich, sie versteht mich, sie hat das eben genauso gemeint, wie sie es gesagt hat, und wird mich nicht morgen anrufen und mir sagen, dass sie mein Verhalten unmöglich fand.« Seine blauen Augen fixierten Neill. »War es das denn? Unmöglich? Habe ich irgendwo den Sinn für die Realität verloren und hätte eigentlich mit ihr gehen müssen?«

»Nein«, ruderte Neill zurück. »Müssen nicht. Ich bin derjenige, der noch hier mit euch sitzt, statt nach Hause zu seiner Zukünftigen zu gehen und mit ihr nachzuholen, was wir in vier Wochen verpasst haben. Ich sollte also wohl kaum mit Steinen schmeißen.«

»Sie hätte mitkommen können.«

»Du weißt genau, was sie von Abenden in Bars und Clubs hält. Du kennst sie keinen Tag weniger als ich.«

»Sollte sie dich aber nicht nach deiner Logik stützen und akzeptieren, wie du bist? Bei dir sein, wenn die Hütte so bebt wie vorhin, als ihr auf der Bühne wart?«

Das Leben warf so viele Fragen auf. Sollte Neill auf ein Fortschreiten seiner Karriere verzichten, um mehr bei Olivia sein zu können? Vielleicht ganz darauf verzichten, neben seinen Verpflichtungen bei Lance, noch seine eigene Musik zu machen? Sollte er möglicherweise sogar, wenn sie irgendwann ein Baby hatten, als Studiomusiker in Nashville oder wieder als Songwriter arbeiten, statt die Straße sein Zuhause zu nennen? Müsste Olivia wenigstens dann und wann mit zu seinen Gigs kommen oder wenigstens Interesse an seinen neuen Liedern zeigen? Müsste sie, statt über Marias Angebot zu meckern, nicht eher ihm auf die Schulter klopfen, und ihn anfeuern alles nur Mögliche zu tun, um seinen Traum leben zu können?

Fragen, die Neill sich stellte, nachdem Billy ihn direkt vor der Haustür aussteigen ließ, während er duschte und noch immer, als er schließlich zu Olivia ins Bett krabbelte. Es war fast ein Uhr und natürlich schlief sie bereits. Die Sonne war untergegangen und sie hatten sich nicht ausgesprochen. Etwas, das Neill wachhielt, während Olivia vermutlich schlecht träumte.

Als Neill um neun Uhr am Morgen nach zu wenigen Stunden Schlaf vollkommen gerädert das Schlafzimmer verließ, duftete es von der Küche her nach würzigem Speck, Eiern und Toastbrot. Kaffee blubberte fröhlich in der altmodischen Maschine. Die neuere war nur für die Tassen zwischendurch. Und das hier war Olivias Art, sich zu entschuldigen. Etwas, das für gewöhnlich ein- bis zweimal in der Woche geschah.

Nicht, dass Neill sich nicht ebenso häufig entschuldigte. Wenn er während eines Streits spürte, dass er im Unrecht gewesen war, stand er im Gegensatz zu ihr aber auch sofort dazu. Später kaufte er dann Blumen, bereitete ihr Lieblingsgericht zu oder brachte Pralinen mit nach Hause.

»Morgen Schatz«, rief sie ihm vom Herd aus zu. »Ich habe gedacht, ein deftiges Frühstück ist genau das Richtige, bevor ihr heute Abend wieder startet.«

»Du kannst Gedanken lesen!«, rief Neill. Er fühlte sich erleichtert und ging zu ihr herüber, um sie zu küssen. Etwas, das sie nur zu gerne zuließ.

»Hat Maria sich schon entschieden, ob sie mit euch reisen wird?« Olivia löste die Eier von der Pfanne, blickte ihn aber aus dem Augenwinkel weiter an.

Vorsicht, Neill!

»Nein, noch nicht. Wenn, dann kommt sie allerdings ohnehin dieses Wochenende noch nicht mit. Das wäre etwas zu kurzfristig mit Henry.«

»Stimmt.« Olivia füllte die Teller. »Wie macht sie das überhaupt?«

Eine gute halbe Stunde nach dem Frühstück, saß Neill gesättigt noch immer am Tisch und betrachtete über sein Handy hinweg die Pfannen, Teller, das Besteck, die leeren Verpackungen, Eierschalen und Küchenhelfer. Selbstverständlich würde er den Abwasch übernehmen, es war nur die Frage, wann. Vielleicht begann er besser damit, bevor Olivia im Bad und mit Umziehen fertig war, damit er sich nichts darüber anhören musste?

Seufzend erhob er sich und ließ warmes Wasser in eines der beiden Becken. Als er nach dem Spülmittel griff, fiel sein Blick auf den Kalender, der an der Wand angebracht war. Rote Kringel markierten einzelne - zusammenhängende - Tage. In diesem, im nächsten und auch im übernächsten Monat. Kringel, die für ihn keinen Sinn ergaben und die auch nie zuvor Platz dort gefunden hatten. »Schatz?«, rief er in Richtung Flur, nicht sicher, wo Olivia sich gerade befand.

»Ja?«, kam es dumpf. Vermutlich hing sie halb in ihrem überdimensionalen Kleiderschrank.

»Was bedeuten die roten Kringel im Kalender?«, fragte er, die Hände im Seifenwasser. Schließlich war er nebenbei fleißig.

»Das sind keine Kringel«, rief sie und kam zurück in die Küche. Geschäftig spülte Neill Gabeln und Messer. »Das sind Herzen.«

Er verengte die Augen für eine bessere Sicht zu Schlitzen und fragte sich, ob er doch noch kurzsichtig wurde. Wenn das Herzen waren, war er selbst Picasso. »Okay«, sagte er dennoch. »Und was bedeuten die?«

»Die stehen für meine fruchtbaren Tage.«

Neill ließ den gerade aufgenommenen Teller etwas ungeschickt ins Wasser plumpsen. Er schepperte gegen das Besteck, überlebte zum Glück aber unversehrt.

Interessant, so ein Teller.

»Ist heil geblieben«, brachte er hervor und verschaffte sich damit Zeit, um über das eben Gehörte nachzudenken. Wirklich lichten tat sich der Nebel allerdings nicht. »Wieso sind die da?«

»Das hast du mich nicht wirklich gerade gefragt, oder?« Olivia sah aus, als würde sie wieder auf einem Pulverfass sitzen. Ihre Bluse war nur zur Hälfte zugeknöpft. »Was denkst du, was an fruchtbaren Tagen besser funktioniert als an den anderen?«

Neill verdrehte die Augen. »Danke, ich wurde aufgeklärt. Ich weiß, was fruchtbare Tage sind.«

»Und warum fragst du dann so?« Ohne auf ihre Finger zu blicken, schloss sie die weiteren Knöpfe, sah ihn an, wie er mit den Händen im trüben Wasser fischte.

»Weil ich wissen wollte, warum du sie dort so offen einsichtig eingetragen hast?«

»Damit du weißt, wann du hier sein musst. Wann du wenigstens genug Zeit für mich haben musst, damit es reicht, um mit mir zu schlafen.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging.

Neill blieb mit dem Gefühl zurück, gegen eine Wand gelaufen zu sein und wieder einmal alles falsch gemacht zu haben.

4. Kapitel - Maria

Eine ganze Woche später war die Entscheidung gefallen: Sie würde mit Neill auf Tournee gehen. Und sie tat es nur seinetwegen. Seit sie ihn kannte, hatte sie das Gefühl ihm etwas Großes schuldig zu sein.

Neill war einer der Ersthelfer am Unfallort gewesen. Beherzt - wie man ihr später erzählte - und ohne zu zögern, war er durchs kalte Wasser gewatet und hatte versucht, die Tür des Autowracks zu öffnen. Zwei weitere Männer waren ihm zur Hilfe gekommen und hatten die Rettung unterstützt. Gemeinsam hatten sie es geschafft und Ross, der zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr geatmet hatte, heraus- und an Land gezogen.

Neill war auch derjenige gewesen, der versucht hatte, Ross’ Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Er hatte alles richtig gemacht und kurz, ganz kurz war wieder Leben in Marias Mann gewesen. Die Rettungskräfte hatten übernommen, ihn in die Klinik gebracht und auch Neill mitgenommen, der am linken Unterarm noch heute eine fünfzehn Zentimeter lange rötliche Narbe trug. Das gesplitterte Metall der Autotür hatte sich dort verewigt.

Im Krankenhaus hatte er mit seinem gerade genähten, frisch verbundenen Arm trotz starker Schmerzen in der Notaufnahme gewartet, um herauszufinden, wie es Ross ging. Man hatte Maria auf ihn aufmerksam gemacht und gemeinsam hatten sie gebetet, gebangt und gehofft.

Vergeblich.

Ross war nicht wieder zu Bewusstsein gekommen, sein Gehirn hatte keinerlei Regungen mehr gezeigt. In Neills Armen war Maria zusammengebrochen und hatte für Wochen geweint. So jedenfalls fühlte es sich rückblickend bis heute an.

Es war Donnerstagmorgen und Maria hatte Lance am Vorabend informiert, dass sie dabei sein würde. Sie hatte probiert, Neill zu erreichen, war aber wieder einmal pausenlos auf seiner Mailbox gelandet und hatte schließlich aufgegeben. Henry würde von nun an nur an zwei bis drei Tagen in der Woche in die Schule gehen. Für die anderen würde er die Aufgaben, Zettel und zu lesenden Seiten aufgeschrieben bekommen, sodass Maria am Wochenende alles mit ihm durchgehen konnte. Natürlich musste sie noch einige Anrufe tätigen und Papierkram ausfüllen, dann aber waren sie auf der sicheren Seite.

Henry hätte am liebsten gleich mit dem Packen begonnen. Für ihn war es ein Abenteuer und ihm würde es vermutlich leichter fallen sich einzugewöhnen als Maria.

Alleine stopfte sie alles, was sie beide benötigen würden, in eine kleine Reisetasche und legte Henrys liebstes Kuscheltier - Elefant Simon - oben auf. Natürlich ließ sie den Reißverschluss ein Stück offen, damit er noch Luft bekam. Für Henry lebte Simon. Er war so etwas wie ein Freund für ihn geworden und Maria belächelte es nicht, wenn er sich dem kleinen Plüschtier anvertraute. Neill hatte ihn mitgebracht, ihn Henry an jenem Tag geschenkt, an dem sie beide ihm vorsichtig beigebracht hatten, dass sein Papa nicht wieder nach Hause kommen würde.

Maria wusste heute noch, dass sie nach nur wenigen Worten - eigentlich schon nach nur einem - nicht weitergekommen war. Tränen waren in Sturzbächen über ihre Wangen gelaufen - Tränen, die Henry so noch gar nicht hatte verstehen können. Er war erst drei gewesen, so klein und so zerbrechlich und der Tod war in seinem Herzen noch nicht annähernd existent. Neill hatte ihm dann eine lange Reise beschrieben, auf die Ross gegangen war. Er hatte ihm ein Märchen von Gitarren, Engeln und den buntesten Farben erzählt. Eines, das Maria später noch oft für Henry hatte wiederholen müssen, das sie aber laut ihm niemals so schön erzählte wie Onkel Neill.

Neill war Henrys Held, sein Vorbild, seine Vaterfigur und zugleich sein großer Bruder. Er vergötterte ihn und eiferte ihm in jedem Moment nach. Wenn er aufschnappte, dass Neill irgendwas nicht aß oder ein Lied nicht mochte oder ein Schulfach ihm nicht so gelegen hatte, dann wollte, konnte, mochte auch ihr Sohn es schlagartig nicht mehr. Maria ahnte, mit Neill auf Tournee zu gehen, würde vor allem dazu führen, dass Henry ihm nur noch ähnlicher wurde, als er es ohnehin schon war.

Mit einem vollkommen überdrehten Henry traf Maria am späten Nachmittag am Parkplatz von Soundcheck Nashville ein. Der in blau und rot lackierte Bus stand mit geöffneten Ladeklappen bereits dort. Ihn zierte auf beiden Seiten der Name der Tour - Out in the sticks - und Lances Konterfei. Henry entdeckte im Nu auch Neills Auto. Neill selbst war allerdings nirgendwo zu sehen. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass er bereits im Bus saß, die einzige Tür, die in den Innenraum führte, war allerdings verschlossen. Maria vermutete, dass die Klimaanlage auf Hochtouren lief, denn obgleich es Mitte Oktober war, waren die Temperaturen erneut hochsommerlich. Keine einzige Wolke zierte den Himmel.

Als sie mit Lance telefoniert hatte, hatte er ihr gesagt, dass sie umdisponiert hatten, und Henry und sie mit in seinem Bus fahren sollten, statt in einem der beiden Crewbusse. Dass das nicht sein musste und er sich keine Umstände machen sollte, hatte er nicht hören wollen.

»Mrs. Carmichael?« Maria wandte sich augenblicklich um. Fast als hätte man sie bei etwas Unerlaubtem ertappt, wurde ihr ganz heiß. Ihr gegenüber stand ein Mittvierziger mit noch sattem schwarzen Haar und einem Schnauzer. Er war rundlich und trug ein etwas zu enges Flanellhemd.

»Ja«, brachte sie schließlich hervor. »Das bin ich.« Sie nickte hinab. »Und das ist mein Sohn Henry.«

»Hallo«, piepste Henry hervor.

»Hi, ich bin Martin, der Busfahrer. Oder vielmehr einer von acht.« Sie hatten vier Busse in der Flotte und die Fahrer wechselten sich auf längeren Strecken immer ab. Er deutete auf die Tasche und die beiden Rucksäcke. »Soll davon irgendwas ins Gepäckfach oder möchten Sie alles mit in den Innenraum nehmen?«

»Ich bin mir nicht sicher.« Als Maria mit Ross auf Tournee gewesen war, war es kein Problem gewesen, selbst wenn sie noch mehr mitgeschleppt hatte. Die Ehefrau des Musikers aber hatte einen vollkommen anderen Stand als die Managerin des Gitarristen. »Kann ich das denn alles mit reinnehmen?«