Lassie, Rex & Co. klären auf - Dr. Pasquale Piturru - E-Book

Lassie, Rex & Co. klären auf E-Book

Dr. Pasquale Piturru

4,4

  • Herausgeber: Kynos
  • Kategorie: Lebensstil
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Wenn Ihr Hund reden könnte, wenn er berichten könnte über Stärken und Schwächen von uns Menschen, wenn er uns das Hundeleben aus Sicht eines Hundes schildern würde: Was würde Ihr Hund Ihnen sagen? Wohl ungefähr das, was in diesem Buch steht! Pasquale Piturru gelingt es sehr unterhaltsam und lesefreundlich, etliche neue Fakten zur Ethologie des Hundes "bestens verpackt" zu übermitteln. Ich habe dieses Buch mit viel Vergnügen und Gewinn gelesen. Dr. D. U. Feddersen-Petersen

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Dr. Felicia Rehage / Eiko Weigand

Lassie, Rex & Co.

klären auf

Wege zur erfolgreichen Hundeerziehungund Verhaltenstherapie

KYNOS VERLAG

© KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3 • D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: +49 (0) 6592 957389-0

Telefax: +49 (0) 6592 957389-20

www.kynos-verlag.de

eBook-Ausgabe der Printversion

5. Auflage 2013

ISBN gedruckte Ausgabe: 978-3-938071-78-6

eBook-ISBN: 978-3-95464-020-1

Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie die

Kynos Stiftung Hunde helfen Menschen

www.kynos-stiftung.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Valentina

INHALT

Vorwort von Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen

1... und der Hund traf den Menschen – Wie alles einst begann

2Ich, Hund, erzähle Dir mein Leben

3Am Anfang war der Wolf – Die Ahnen

4Wie ich Euer Begleiter wurde – Domestikation und Entstehung unserer Rassen

5Meine Sprache, meine Stellung – Kommunikation und soziale Hierarchie

6So werde ich, was ich bleibe – Sensible Phasen, Sozialisation und Habituation

7Nicht immer bin ich stark – Angst, Furcht, Phobie

8Manchmal kann ich auch böse sein ... – Die Aggressionen des Hundes

9Meine Nerven sind so fein – Die Neurophysiologie des Hundes

10Anders kann ich manchmal nicht – Stereotypen und Zwangsverhalten

11So lerne ich rasch und gern – Erziehungsprobleme vermeiden

12Steht zu mir, bitte! – Trennungs- und Aufmerksamkeitsprobleme

13Auch in mir steckt ein Jäger – Jagd und Jagdhunde

14Für meinen Menschen bin ich diensteifrig – Diensthunde und ihre Spezialisierung

15So verstehe ich Euch besser – Gehorsamsübungen

16Mein Sofa, ich und Ihr – Die Grenzen der Toleranz

17Ich verdiene Euren Schutz! – Hundeschutz heute ... und morgen?

18... und das solltet Ihr noch beachten! – Eine letzte Bitte

Danksagung

Bibliographie

Index

Vorwort

Pasquale Piturru, Fachtierarzt für Verhaltenskunde und Tierverhaltenstherapeut, klärt in der Tat auf. Dieses von leichter Hand und mit großer Wirkung, indem er "aus Sicht eines Hundes erzählt" und es versteht, gut verständlich, sehr lesefreundlich und abwechslungsreich sehr viel Wissenswertes zur Ethologie der Hunde zu vermitteln.

Was sich leicht liest und oft schmunzeln macht, ist jedoch weit davon entfernt, banal oder hoch bekannt zu sein, vielmehr geht Pasquale dem Verhalten nach heutigem Stand des Wissens durchaus auf den Grund und befasst sich mit wissenschaftlichen Fakten, ohne dass er jemals "oberlehrerhaft" wirkt oder nicht zu verstehen wäre. Die Sicht der Dinge wird zudem immer wieder unterschiedlich vermittelt, so dass sich die berühmten Aha-Effekte einstellen.

Die vielen Fallbeispiele, eben das, "was anderen Hunden so geschah", anekdotisch aufbereitet, lockern auf und veranschaulichen, was wissenschaftlich fundiert beschrieben wurde, die herausragenden Illustrationen von Eiko Weigand illustrieren das Geschriebene perfekt – sie sind einfach sehr gelungen.

So erfahren wir viel zur Biologie, zur Psychologie und zur Verhaltenssteuerung von Hunden, zu ihrem Lernen, ihrer Entwicklung und zu sinnvollen Verhaltenskorrekturen, wenn Hund-Mensch-Beziehungen Probleme bereiten oder Hunde wirkliche Verhaltensstörungen zeigen.

Die Abgrenzung dessen, was Menschen am Hundeverhalten stört von einer Störung des Tieres wird kenntnisreich und klug dargestellt. Hinzu kommen immer wieder Beispiele, warum zu oft wir es sind, die letztendlich verursachen, was uns stört.

Pasquale Piturru schafft Klarheit bezüglich irreführender Benennungen, erklärt die neuronalen Grundlagen des Verhaltens wie dessen hormonelle Beeinflussung sehr detailliert und liefert die gesetzlichen Vorschriften bezüglich der Hundehaltung, erweitert damit den Wissenshorizont eines jeden Hundehalters ganz beträchtlich.

So gelingt es ihm sehr unterhaltsam und leserfreundlich, etliche neue Fakten zur Ethologie des Hundes "bestens verpackt" zu übermitteln.

Ich habe dieses Buch mit viel Vergnügen und Gewinn gerne gelesen.

Kiel, im März 2009

Dorit Urd Feddersen-Petersen

1

... und der Hund traf den Menschen –

Wie alles einst begann

Wau ... Wau ..., die Geschichte dieses Buches begann vor langer, langer Zeit, genauer: vor etwa 18.000 Jahren. Ein Feuer brennt vor dem Höhleneingang. Eine Horde Menschen frisst. Essen kann man es nicht nennen. Wölfe beobachten das Treiben aus der Entfernung. Die Menschen sehen die Wölfe, die Wölfe die Menschen. Keine Angst, doch gegenseitiger Respekt voreinander. Es scheint, als ob ein Pakt geschlossen wäre: Die Wölfe bleiben in der Nähe, ohne die Menschen zu attackieren. Und die Menschen lassen Nahrungsreste übrig, für die Wölfe nützlich.

So geschieht es über eine lange Weile. Eines Tages werden die Wölfe plötzlich unruhig. Kurze, laute Warngeräusche, Knurren und Schnaufen; die Wölfe weichen. Angespannte Stille kommt auf.

Die Menschen werden aufmerksam. Eine große Raubkatze mit extrem lang ausgebildeten Eckzähnen schleicht sich heran. Raubkatzen werden von den Menschen sehr gefürchtet; lautlos angreifend, von immenser Kraft, machen sie leicht Beute. Nun erstmals war die Menschenhorde vorbereitet: Die Wölfe haben den Menschen das bedrohliche Raubtier signalisiert. Die Raubkatze kann dank der Wölfe nicht überraschend angreifen. Die Menschen sind bewaffnet und können sich zur Abwehr strategisch formieren. Der Katze bleibt nur der Rückzug. Leichtere Beute als diese vorbereiteten Menschen sucht sie sich besser anderswo.

Das Wolfsrudel taucht wieder auf seinem Beobachtungsposten auf. Die Menschen schauen zu den Wölfen, deren Nutzen erkennend; schon fast dankbar. Die Wölfe verstehen das nicht. Doch sie profitieren davon, dass die Menschen am Leben bleiben: Leichter zu ergatterndes Fressen als deren Nahrungsreste gibt es für sie nicht. Und die Menschen meinen, dass die Wölfe sich diesmal die Futterreste redlich verdient haben.

Einige Tage später jagt ein Teil der Menschenhorde einen Riesenhirsch. Dieses Tier ist über zwei Meter hoch und ist mit einem über drei Meter breiten Geweih bewaffnet. Zudem ist es schnell und wehrhaft. Die vier zweibeinigen Jäger sind von der Hatz bereits erschöpft. Der Hirsch lässt sich zwar immer wieder blicken, doch er ist nicht zu erlegen. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich das Wolfsrudel auf. Der Hirsch wittert die Wölfe und will fliehen. Aber es gibt für ihn nur eine Richtung, den Wölfen auszuweichen: Er hetzt in Richtung der vier Jäger. Die Wölfe scheinen das betrieben zu haben. Die Menschen nutzen die unerwartete Hilfe: Zwei Jäger postieren sich oberhalb des Fluchtweges und stürzen am Hang einen Felsbrocken auf das Tier. Der Hirsch kommt zu Fall. Die anderen beiden Jäger sind jetzt zur Stelle. Eine Lanze trifft ins Herz, die andere die Lungen: Die Jagd war erfolgreich. Kein Mensch kam zu Schaden.

Die Wölfe lauern in der Nähe. Drei der vier Menschen zerlegen das Riesentier. Der vierte achtet darauf, dass das Wolfsrudel Distanz wahrt. Jeder der Menschen wirft sich einen Wildbret-Teil über die Schulter, bevor die Gruppe sich auf den Rückweg begibt. Und die Wölfe bekommen die Reste, die Innereien, Hufe, den Schädel. Die symbiotische Beziehung zwischen Wolf und Mensch nimmt ihren Anfang.

Tage darauf, am Abend: Das Lagerfeuer der Menschen spendet Licht und Wärme, wie in so vielen Nächten, und hält bedrohliche Raubtiere fern. In der Nähe des Feuerplatzes ist es wohlig, das Lager trotzt der Kälte. Einer der Wölfe wagt sich heute einige Schritte näher an das Lager heran. Die anderen Rudelwölfe zögern. Auch einer der Menschen ist mutiger, traut sich, sich dem Wolf vorsichtig zu nähern. Die anderen Menschen bleiben in Anspannung auf Abstand, beobachten das Geschehen angestrengt.

Die beiden Mutigen sind getrennt von Horde und Rudel. Sie begegnen sich auf neutralem Niemandsland, die anderen Menschen und Wölfe beobachten argwöhnisch. Nur vier Meter trennen Mensch und Wolf. Der Mensch sinkt behutsam auf seine Knie, eine Hand an seiner Streitaxt. Der Wolf vermeidet, dem Menschen in die Augen zu schauen, kommt näher und näher. Ein knapper Meter trennt sie noch. Der Wolf schnuppert aufgeregt, angeregt, aufmerksam den Odem des Menschen. Friedlich waren sie einander noch nie so nah.

Der Mensch streckt langsam, vorsichtig den linken Arm mit offener Hand dem Wolf entgegen. Die rechte Faust umklammert sorgsam die Waffe. Der Wolf beschnuppert die offen dargebotene Hand. Und, tatsächlich, der Mensch streichelt mit den Fingern vorsichtig das Kinn des Vierbeiners. Und der lässt es sich gefallen. Kaum eine halbe Minute, länger nicht; doch beiden erscheint es wie eine Ewigkeit. Mit einem ekstatischen Gefühl, ungläubig, angerührt, stolz kehren die Beiden zu Horde und Rudel zurück. Die anderen Mitglieder ihrer Gruppen staunen, sie beriechen und beschnüffeln, beschauen und begucken.

Der Bann zwischen Mensch und Wolf scheint gebrochen. Allnächtlich wiederholt sich, was beiden gefiel. Das Vertrauen keimt, die Dauer der Zusammenkünfte nimmt zu. Auch tagsüber treffen sich die Beiden nun oft. Es erwächst eine symbiotische Beziehung, die Mensch wie Wolf gefällt und nützt. Andere Menschenhorden- und Wolfsrudel-Mitglieder folgen der Erstbeziehung, ermutigt durch deren Gelingen. Die einzigartig feste Freundschaft auf höchstem Austauschniveau, die es zwischen Mensch und einer Tierart gibt und nicht besser geben wird, nimmt ihren Anfang. Wau ... Wau ..., so könnte es begonnen haben!

2

Ich, Hund, erzähle Dir mein Leben ...

Der Name, den mir meine Menschen gegeben haben, ist Dik. Ich bin ein Hund. Ich bin kein Rassetier, sondern eine Promenadenmischung. Rasse oder Mix – uns Hunden ist's egal. Wir bellen, also sind wir. Ich habe etwas, was meine Artgenossen nicht kennen: Ein außergewöhnlich chaotisches Herrchen.

Als junger Bursche las mein Herrchen in einem Buch von Konrad Lorenz, dass der biblische König Salomon einen Ring besaß, mit dem er die Sprache der Tiere verstehen konnte. Herrchens Lebensziel war von da an, diesen Ring zu finden. Nach einigen Jahren verstand mein Mensch, dass die Existenz des Salomonischen Ringes leider nur eine Legende war. Der Gedanke an diesen Ring weckte in ihm aber einen immensen Wissensdurst – er wollte, er musste dem Verständnis der Tiere so nahe wie möglich kommen: Neben seinem praxisorientierten akademischen Werdegang besuchte er als Wissenschaftler ständig Fort- und Weiterbildungen. Mein Mensch tat viel, sehr viel, um uns Hunde zu ergründen. Schließlich wurde er Fachtierarzt für Kleintiere, Fachtierarzt für Verhaltenskunde, Master of Small Animal Science und außerdem wurden ihm die Zusatzbezeichnungen "Tierschutzkunde" und "Verhaltenstherapie" zuerkannt. Sehr nahe kam er seinem Ziel, die Sprache von uns Caniden zu verstehen. "Wir Caniden" sind die zoologische Familie der Canidae, Hunde. Zu der zählen neben mir Haustier und meinen Kumpels auch die Wildarten Wölfe, Schakale, Kojoten, Rotfüchse und Marderhunde.

Als meines Herrchens Hund wurde ich, Dik, als Vermittler gewählt, Euch Menschen uns Hunde verständlich zu machen. Im Interesse von Lassie, Rex und anderen Artgenossen. Mein Mensch und ich beschlossen, zusammen dieses Buch zu schreiben. Da wir Hunde nicht wie Ihr Menschen Gesprächskreaturen, sondern Beobachtungstiere sind, wollte ich mich zunächst nicht äußern. Ich rede ohnehin nicht gern; ich beobachte lieber alles, und das stets und ständig. Aber es ist dringend nötig, dass die Menschen uns endlich verstehen. Deshalb stimmte ich dem Buch zu. Die einzige Bedingung war: Mein Herrchen musste mir hoch und heilig versprechen, dass er alles, was meine Freunde und ich ihm erzählten, so gut wie möglich in Eure Sprache übersetzen würde. Damit jeder Mensch uns Hunde verstehen kann. Ehrlich gesagt, eine, meiner Meinung nach, der größten Herausforderungen der Menschheit.

3

Am Anfang war der Wolf – Die Ahnen

Wir Caniden haben Euch Menschen vor etwa 18.000 Jahren getroffen; nicht Ihr uns. – Wieso? Nun, ganz einfach: Wir waren vor Euch Menschen auf diesem Planeten! Das werde ich Euch jetzt beweisen.

Die ersten Hominiden, die menschenähnlichen Tiere, stammten aus Hadar, einer Region des heutigen Äthiopiens in Ostafrika. Ein archäologischer Fund in dieser Region bewies das im Jahr 1974.

Weil die Archäologen während ihrer Ausgrabungsarbeiten den Beatles-Song "Lucy in the sky with diamonds" hörten, wurde die gefundene, etwa 115 Zentimeter große und etwa 25 Kilogramm schwere junge, weibliche Hominide auf den Namen 'Lucy' getauft.

Vor etwa 4 Millionen Jahren begannen die Hominiden der Art "Australopithecus afarensis" von den Bäumen zu steigen, lebten und jagten auf der Erde. Eigentlich wollten diese Hominiden ihren Lebensraum nicht wechseln, aber sie wurden dazu gezwungen: Vor etwa 40 Millionen Jahren trieb ein riesiges Landstück, das sich vom heutigen Afrika abgespalten hatte, durch den Pazifischen Ozean. Am jetzigen Asien setzte es sich fest. Dieses Landstück heißt heute Indien. Durch die Verbindung mit Asien entstand eine rund 5.000 Kilometer lange Gebirgskette, der Himalaya. Als sich die bis zu 8.000 Meter hohen Berge aufschoben, wirkten ungeheure Naturkräfte. Der geologische Umbruch führte zu andauernden, extremen klimatischen Veränderungen auf unserem Planeten. Die Wälder in Ostafrika schwanden nach und nach, eine baumarme Savanne bildete sich.

Affen und Menschen haben gemeinsame Ahnen, die sich bereits vor etwa 5 Millionen Jahren genetisch auseinander entwickelten. Lucy zählte zu den ersten Formen der Menschenähnlichen. Vor etwa 4 Millionen Jahren begannen die Urmenschen aufrecht zu laufen, auf zwei Beinen. Von Lucy, dem "Australopithecus afarensis", bis zu dem vor 35.000 Jahren entstandenen heutigen Menschen "Homo sapiens sapiens" habt Ihr Hominiden Euch immens weiterentwickelt.

Okay, ganz gut; meinen Respekt dafür!

Die Vorahnen von uns Hunden allerdings kann man sogar auf 120 Millionen Jahre zurückverfolgen. Sie waren Fleischfresser, die auf dem nordamerikanischen Kontinent lebten. Meine hündischen Vorfahren spezialisierten sich auf das Jagen von Huftieren. Vor etwa 55 Millionen Jahren entwickelten sich die ersten Säugetiere mit Ansätzen von Fangzähnen. Diese Fleischfresser waren die gemeinsamen Ahnen der heutigen Fleischfresser, so der Wölfe, Katzen, Hyänen und Bären. Der direkte Vorfahre der Wölfe heißt "Cynodictis" und entwickelte sich vor etwa 40 Millionen Jahren. Er hatte bereits die gleiche Anzahl an Zähnen wie unsere heutigen Wölfe, war aber insgesamt kleiner und hatte einen flexibleren Körperbau. Von Cynodictis über "Cynodesmus" und "Tomarctus" entwickelte sich der heutige Wolf: "Canis lupus", der vor etwa 2 Millionen Jahren seine heutige Form und Größe erreichte. Auch während der Eiszeit lebte ein enger Verwandter des heutigen Wolfes, der Direwolf (Canis dirus). Er war sehr viel größer als der Lupus und starb gegen Ende der Eiszeit aus.

Der Wolf Canis lupus jedoch entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Raubtiere der Erde. Er konnte sich, ähnlich wie die Menschen, den unterschiedlichsten Umgebungen und Lebensbedingungen anpassen. Vergesst nicht – Anpassungsfähigkeit ist die Garantie zum Überleben!

Also haben die Menschen erst vor 5 Millionen Jahren begonnen, sich von den Affen zu unterscheiden. Der Cynodictis aber ist 40 Millionen Jahre alt! Den heutigen Wolf gibt es bereits seit 2 Millionen Jahren; der Homo sapiens sapiens dagegen ist erst 35.000 Jahre alt. Seht also bitte ein: Die Welt war längst schon unsere, als Ihr Zweibeiner zu uns gekommen seid! Unser direkter Stammvater ist der Wolf. Es ist schwierig, die Grenze zwischen Wolf und Hund zu ziehen: Die Unterschiede liegen in den für Hunde typischen kleineren Zähnen und in unserem geringeren Hirngewicht, natürlich stets relativ zu unserer Größe gesehen. Im Mesolithikum waren wir Hunde im Zuge der Wanderungen der Menschen bereits weltweit verbreitet. Über die während der Eiszeit frostfeste und damit passierbare Behringstraße kamen wir nach Amerika. Bis zum Auftauchen von Mohrmäusen waren wir dort die einzigen Haustiere und Kulturfolger.

Die Wölfe erspürten als erste Tierart, dass die Spezies Mensch diesen Planeten beherrschen würde. Denn der Mensch konnte als einziger Erdbewohner die Naturräume nicht nur erleben, sondern sie gestalten und zu seinem Nutzen formen: Allein der Mensch war befähigt, zu abstrahieren. Er konnte nicht nur Feuer machen, sondern sogar aus Rohmaterial Werkzeuge für die Jagd und den Alltag erstellen. Er konnte Wasserstraßen erschließen oder an geeigneten Orten Nutzpflanzen kultivieren. Der Mensch nutzte die Natur für sich. Er bebaute, pflegte, verehrte – was die Übersetzung des lateinischen Wortstamms "Kultur" ist.

Die Wölfe sahen bei alledem als erste ihre Vorteile. Der römische Kaiser Julius Caesar schrieb Jahrzehnte vor Christi Geburt: "Wenn der Feind zu stark ist, muss er dein Freund werden." Diesem Motto folgten die Wölfe bereits vor 18.000 Jahren. Zwei Aspekte waren dabei besonders wichtig: Der Umstand, dass Mensch wie Wolf in einer hierarchischen Gesellschaft lebten und voneinander profitieren konnten. Und dass wir Caniden uns dem Rhythmus der menschlichen Evolution am besten anzupassen verstanden.

Gut so – sonst würde es heute mich, Dik, und Eure Hunde nicht geben. Was wäre Euch entgangen!

4

Wie ich Euer Begleiter wurde –

Domestikation und Entstehung unserer Rassen

Durch diese körperlichen Veränderungen hat sich auch unser Verhalten modifiziert: Das Scheuverhalten und die Wahrnehmungsfähigkeit haben nachgelassen. Und folglich auch unsere Reaktionen auf Umweltreize, ebenso Angst und Furcht. Die Stresstoleranz hingegen nahm zu. Nur durch diese Verhaltensänderungen war es uns Hunden möglich, uns Eurem Lebensstil anzupassen. Keine andere Tiergruppe vermochte dieses so gut wie wir. Wir haben uns so große Mühe gegeben! Deshalb sind meine Artgenossen und ich der Meinung: Wir verdienen es, dass unsere Menschen und Ihr, die Leser dieses Buches, uns ein bisschen besser verstehen lernen!

Nach unserer Domestikation begannen die Menschen, uns nach besonderen Merkmalen zu selektieren. Die Besten aus unseren Reihen aus unterschiedlichen Bereichen – nach der Begabung zu Jagd, Arbeit, Feldkämpfen in Kriegen, Wachsamkeit oder einfach die Schönsten – wurden ausgewählt und miteinander gekreuzt. Leider wurde unser Wert dabei nur von den Menschen beurteilt. Es entstanden die ersten Hunderassen. Als älteste Rassengruppe gelten heute die Windhunde, die bereits auf gut viertausend Jahre alten ägyptischen Darstellungen zu finden sind. Dann erst folgten andere Rassen.

Die Phase der Hundezucht, die sich vorwiegend auf unser äußeres Erscheinungsbild konzentrierte, begann im 19. Jahrhundert. Hierbei schlichen sich die ersten gravierenden Fehler ein, denn bei der Schaffung unserer Rassen wurden von Euch viele Kriterien übersehen. Einer Eurer Wissenschaftler erkannte im Jahre 1971 dann, dass bei der Auswahl auf ein bestimmtes Merkmal auch viele andere mit verändert werden können. Demnach entstanden durch Züchtungen art- und rassetypische Verhaltenseigenschaften.

Häufig sind diese Verhaltenseigenschaften "selbstbelohnend". Das bedeutet: Wir brauchen kein spezielles Lob, um ein rassetypisches Verhalten zu zeigen. Das Verhaltensmuster in uns motiviert uns so sehr, dass es die tollste Belohnung ersetzt. Diese rassetypischen Eigenschaften sind durch späteres Lernen und Konditionieren nur schwer zu beeinflussen. Sie können deshalb ein Riesenvorteil sein, weil manche von uns für bestimmte Aufgaben wie das Jagen oder Schafehüten unheimlich begabt sind, aber auch große Probleme bei unserer Erziehung bereiten. Deshalb entstanden in Euren Kreisen auch mit der Zeit rassetypische Sprichwörter, etwa: "Ein Terrier ist und bleibt ein Terrier" oder "Dickköpfig wie ein Chow Chow" ...

Aufgrund unserer einstigen gezielten Paarung für ehemals wichtige, spezielle Verwendungszwecke sind in uns auch heute noch selbstbelohnende Verhaltensweisen erhalten. Deshalb ist es für Euch sehr wichtig, zu wissen, für welche Zwecke wir eigentlich einst gezüchtet wurden. Man kann uns Hunde heute nach unserem ursprünglichen Verwendungszweck einteilen:

Vom Bauernhund bis zum Terrier

Bauernhunde, wie zum Beispiel der Bernhardiner, sind groß und mächtig. Da sie ursprünglich zum Bewachen und Verteidigen des Hofes nahe am Haus bleiben sollten, haben sie keine Neigung zum Streunen. Sie verfügen dafür über ein ausgeprägtes Territorialverhalten. Es kann daher vorkommen, dass Hunde dieser Rassen einfach etwas Anderes, für sie Interessantes, verteidigen: So wie mein Freund Alof, ein Berner Sennenhund, der die Sitzbank seines Herrchens im Stadtpark gegen jeden verteidigt ...

Hirten- und Herdenschutzhunde wurden Bauernhunde, die nicht direkt am Hof lebten. Zu ihnen zählen der Maremmano-Abruzzese, der Anatolische Hirtenhund, Pyrenäenberghund oder der Kuvasz. Sie finden ihre rassenspezifischen Aufgaben noch in den Gebirgsregionen Süd- und Osteuropas sowie in Asien, wo es noch oder wieder Wölfe und Bären gibt, vor denen die Schafherden geschützt werden müssen. Sie sind ebenfalls sehr groß und haben ein mindestens ebenso ausgeprägtes Territorialverhalten wie die Bauernhunde. Außerdem leben sie selbständig und sind misstrauisch gegen alles Fremde. Denn sie sollten ursprünglich Vieh- und Schafherden gegen Wölfe, Bären, Luchse und auch Nutztierdiebe verteidigen.

Treibhunde sind etwas kleiner, dafür aber sehr wendig, denn sie mussten den Tritten der Rinder beim Treiben ausweichen können. Sie verfügen über Ausdauer, viel Temperament und Mut, da sie sich von einem wehrhaften Rind nicht beeindrucken lassen durften. Typisch für diese Rassen sind das laute Bellen und das "Zwicken" in die Fesselgelenke. Appenzeller- und Entlebucher Sennenhund sind Vertreter dieser Rassen; auch der Rottweiler, der jedoch das meiste dieses ursprünglichen Verhaltens heute bereits verloren hat.

Schäferhunde, auch Hütehunde genannt, arbeiten ähnlich. Wie der Name sagt, hüten diese Hunde einfach alles. Der Border Collie Guar und der Australian Shepherd Diano beispielsweise hatten an ihrem ersten Hundeschultag nichts Besseres zu tun, als ihre Artgenossen zu hüten, denn Schafe gab es leider nicht. Die Hundetrainerin war deshalb ziemlich genervt. Schäferhunde sind mittelgroße Hunde, die sehr schnell sind und über eine ausgeprägte Ausdauer verfügen. Sie arbeiteten ähnlich wie die Hirtenhunde, jedoch weniger selbständig und deshalb immer in enger Bindung an ihren Menschen.

Sie sind sehr wachsam und bellfreudig. Um sich gegen wehrhafte Schafe durchzusetzen, mussten sie die Schafe auch packen können. Dieses Packen durfte aber keinesfalls zu fest ausfallen, damit die Schafe nicht verletzt wurden. Das feinnervige Differenzierungsvermögen führte dazu, dass viele unserer heutigen Diensthunderassen aus den alten Schäferhunden entstanden sind. Häufige Vertreter der Diensthunde sind beispielsweise Hovawart, Deutscher Schäferhund, Dobermann, Airedale Terrier und der für militärische Zwecke genutzte Schwarze Russische Terrier. Diese Rassen wurden speziell für den Schutzdienst selektiert. Ihre Vertreter müssen deshalb in Konfliktsituationen übermäßig aggressiv reagieren und auch beißen.

Um diesen Schutztrieb unter Kontrolle zu halten – vor allem, wenn solche Hunde in einer Familie leben – müssen sie sehr früh, gut und lange in ihrem Umfeld sozialisiert und eingewöhnt werden.

Doggenartige Hunde, auch Molosser genannt, wurden zwar auch als Wachhunde, vorwiegend jedoch zum Kampf gegen Bären und Bullen gehalten. Einige von ihnen, zum Beispiel der Broholmer, dienten auch als schwerere Jagdhunde für die Wildschwein- oder Bärenjagd. Die große Körpermasse ist das typische Merkmal dieser Rassen. Hinzu kommt bei fast allen der relativ breite, aber dafür im Schnauzenbereich kurze Schädel. Bekannteste Vertreter dieser Rassen sind der Mastiff, der Mastino Napoletano und der Boxer.

Die Spitze machen ebenfalls eine große Rassengruppe im Hundekanon aus. Hört man "Spitz", so hat man ein bestimmtes Erscheinungs bild eines Hundes vor sich: Kurze Stehohren, spitze Schnauze und eine Ringelrute. Bei den Spitzen ist zwischen den Nordischen Hunden und den asiatischen und europäischen Spitzen zu unterscheiden.