Lassiter - Folge 2308 - Jack Slade - E-Book

Lassiter - Folge 2308 E-Book

Jack Slade

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Beschreibung

Das Brautkleid war mit einem halben Dutzend Juwelen besetzt, die Bessie Brown ebenso wenig beeindruckten wie der Schleier aus französischer Seide. Die junge Missourierin betrachtete sich in dem großen Standspiegel und kämpfte gegen die Tränen an. "Kleines?" Die Stimme der Gouvernante hatte ihren gewohnt lieblichen Klang, dessen mütterliche Wärme nicht zu dem .44er Dragoon-Kavalleriecolt passen wollte, der in Bessies Händen lag. Der schwarze Stahllauf glänzte wie poliertes Ebenholz und ruhte auf ihrem linken Knie. "Ich komme gleich zu dir!", log Bessie und setzte den Colt an die rechte Schläfe. Sie schloss die Augen und legte den Finger an den Abzug...

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Seitenzahl: 132

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Inhalt

Cover

Impressum

Flucht aus Virginia City

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelfoto: Boada/Norma

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-3678-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Flucht aus Virginia City

Das Brautkleid war mit einem halben Dutzend Juwelen besetzt, die Bessie Brown ebenso wenig beeindruckten wie der Schleier aus französischer Seide. Die junge Missourierin betrachtete sich in ihrem großen Standspiegel und kämpfte gegen die Tränen an.

»Kleines?« Die Stimme der Gouvernante besaß ihren gewohnt lieblichen Klang, dessen mütterliche Wärme nicht zu dem .44er Dragoon-Kavalleriecolt passen wollte, der in Bessies Händen lag. Der schwarze Stahllauf glänzte wie poliertes Ebenholz und ruhte auf ihrem linken Knie.

»Ich komme gleich zu dir!«, log Bessie und setzte den Colt an die rechte Schläfe. Sie schloss die Augen und legte den Finger an den Abzug.

Vater unser im Himmel …

Der Landstreicher auf dem hölzernen Sidewalk trug eine zerrissene Hose und vor Dreck starrende Leinenhosen. Er lag mit dem Gesicht zur Häuserseite hin, sodass County Sheriff August Wellbroke und seine beiden Deputies nicht sehen konnten, ob er tot war oder nur seinen verdammten Rausch ausschlief.

»Bringt ihn herüber!«, knurrte der Gesetzeshüter und riss sich ein Zündholz an der Schuhsohle an. »Aber gebt Acht, dass er euch keinen Streich spielt!«

Die beiden Männer stapften quer über die Straße, ließen die Hände auf den Coltgriffen und packten den Landstreicher an den Schultern. Der groß gewachsene Fremde mit dem sandblonden Haarschopf wurde nicht einmal wach, als sie ihn vom Fußgängersteg schleiften.

»Verdammter Dreckshund!«, knurrte Wellbroke und zündete sich den Zigarillo an. Er verzog den Mund, spuckte aus und schob sich den Glimmstängel zwischen die Lippen. »Schläft sich tatsächlich auf unseren Straßen aus!«

»Den Kerl kenne ich, Sheriff!«, behauptete einer der Deputies und trat dem Landstreicher in den Rücken. »Sein Name ist Lassiter! Ist erst seit ein paar Wochen in Virginia City! Er hat sich gestern beim Washoe Club herumgetrieben!«

Wellbroke hob den Kopf und starrte die Straße hinauf. Der Washoe Club befand sich gleich neben dem Gerichtsgebäude und zählte zu den vornehmsten Herbergen der Stadt. »Dem Washoe Club? Zum Teufel, wie ist er dort hineingekommen?«

Der Fremde ächzte und hob mühsam den Kopf. Er hielt sich die Seite und rollte auf den Rücken.

»Heiliges Kanonenrohr!«, stieß der Deputy neben ihm hervor. »Seht euch das verfluchte Blut an!«

Der Sheriff ging in die Knie und betrachtete die beiden tiefen Wunden, die unter den Rippen des Landstreichers klafften. Sie konnten nur von einem Messer oder einem Dolch stammen. »Bringt ihn auf die Beine! Ich muss wissen, wer ihm das angetan hat! Ein Ripper in der Stadt hat uns gerade noch gefehlt!«

Die Deputies ergriffen den Fremden erneut unter den Achseln und hievten ihn in die Höhe. Aus der Kehle des Verwundeten drang ein tiefer Seufzer.

»Hörst du mich?«, herrschte Wellbroke den Landstreicher an. »Wer hat dich so zugerichtet? Rede mit mir!«

Statt einer Erwiderung spie der Angesprochene einen Schwall Blut aus. Er sackte in die Arme der Deputies und verlor das Bewusstsein. Wellbroke fasste ihn ungeduldig beim Kinn und drehte ihm den Kopf zur Seite. »Wir schaffen dich zum Doc, wenn du den Mund aufmachst! Wer hat dich abgestochen, Junge?«

Erneut floss Blut von den Lippen des Landstreichers. Er blinzelte erschöpft und zog sich an den beiden Männern, die ihn festhielten, in die Höhe. »Bringen … bringen Sie mich ins North Virginia Mining Bureau! Mr. Todd Burnett wird Ihnen alles erklären.«

»Todd Burnett?«, echote Wellbroke erstaunt. Er dämpfte die Stimme, als sich einige Männer auf der anderen Straßenseite nach ihm umwandten. »Burnett, der Direktor der North Virginia Mining? Was hat ein gottverdammter Herumtreiber wie du mit einem Mann seines Standes zu schaffen?«

Vom anderen Ende der Straße näherte sich ein Pferdefuhrwerk, das unter kräftigen Peitschenhieben vorüberratterte. Die Deputies brachten Lassiter zurück zum Sidewalk und drückten ihn grob gegen die Hauswand.

»Gib dem Sheriff Antwort!«, zischte der Deputy und verpasste dem Verwundeten einen Stoß in die Seite. »Oder sollen wir dich verrecken lassen? Für Gesindel wie dich gibt es in Virginia City keinen Platz! Ein anständiger Mann arbeitet in den Minen oder sitzt hinter einem Schreibtisch!« Er holte zu einem neuerlichen Stoß aus. »Aber er lungert nicht auf den Sidewalks herum!«

»Lass ihn zufrieden, Ben!«, brummte Wellbroke und schritt vor dem Landstreicher auf und ab. »Lassiter, sagst du, sei dein Name? Wahrscheinlicht gibt’s irgendwo ’nen Lassiter Creek oder ’nen Lassiter River, dem du den Namen gestohlen hast! In meiner Stadt leidet niemand ohne Grund.« Er lächelte bissig. »Du musst dich mit den falschen Leuten eingelassen haben.«

Der Fremde öffnete die Augen nun ganz und rieb sich das Blut von den Brauen. Er sah die Deputies an und richtete den Blick auf den Sternträger. »Bringen Sie mich zu Todd Burnett, Sheriff! Er wird für alle Unannehmlichkeiten aufkommen. Er wird mir auch den Doc zahlen.«

Wellbroke fühlte Zorn in sich aufsteigen. Er schätzte es in keiner Weise, dass dahergelaufene Halunken ihm sagten, was er zu tun und zu lassen hatte. »Schon so bei Kräften, dass du mich herumkommandieren kannst? Ich schwöre dir, Freundchen, dass du hinter Gittern verrottest, sobald ich auch nur den kleinsten Makel an deiner Geschichte finde.« Er lächelte dünn. »Diese Stadt ist ein Quell des Reichtums und der Freude. Ich lass mir nicht drauf spucken, verstanden?«

Eine Gruppe Minenarbeiter war auf der Straße stehengeblieben und beobachtete die Deputies und ihren Vorgesetzten. Sie redeten leise miteinander und deuteten verstohlen zu dem Fremden.

»Was gibt’s da drüben zu tuscheln!«, fuhr Wellbroke die Arbeiter an. Er fuchtelte mit der rechten Hand. »Sucht euch ’ne andere Gelegenheit, um euch das Maul zu zerreißen! Ich hab zu tun!« Er wandte sich an die Deputies. »Bringt ihn rüber in die E Street! Mir wird der Auflauf zu viel!«

Die Kräfte des Fremden schwanden wieder und ließen den Landstreicher zusammenbrechen. Die Deputies fassten nach und zogen ihn in die nächste Seitengasse. Als Sheriff Wellbroke wieder bei ihnen war, versetzten sie dem Fremden einige scharfe Ohrfeigen. »Rede endlich, Hurensohn! Der Sheriff will wissen, wer dir die Rippen gekitzelt hat!«

Aus einer der Stichwunden in der Seite floss frisches Blut und lief einem der Deputies über die Hand. Der Gehilfe des Sheriffs wischte sich die Finger an der Hose trocken und spuckte angeekelt aus.

»Wird Zeit, dass wir ihn zur North Virginia Mining bringen!«, meinte Wellbroke und presste ärgerlich die Lippen zusammen. »Aus dem kriegen wir sonst nichts mehr raus. Schlimmer als ein Landstreicher ist ein krepierter Landstreicher!«

Die Deputies pflichteten ihrem Boss mit einem Nicken bei und legten sich die Arme des Verwundeten über die Schulter. »Vorwärts! Liefern wir ihn bei Burnett ab!«

***

Virginia City, zwei Tage früher

Mathilde, die Sekretärin des Coroners im North Virginia Mining Bureau gab einen spitzen Schrei von sich, als Lassiter von Neuem zustieß. Sie lag vornübergebeugt auf den beiden Kisten Mr. Derley’s Soap Powder, die übereinandergestapelt in der Lagerkammer standen, und reckte dem Mann der Brigade Sieben ihre Rückpartie entgegen. Die schöne Kalifornierin mit dem leuchtend roten Haar hatte selbst um das Rendezvous gebeten.

»Still, Liebes!«, hauchte Lassiter und hielt die porzellanweißen Hinterbacken seiner Geliebten umfasst. »Burnett wird uns hören!«

»O Lassiter!«, stöhnte die Sekretärin und keuchte vor Lust. »Mr. Burnett kommt nie vor zwei Uhr zurück. Du hast alle Zeit der Welt, mir … mir die Tore zum Paradies aufzustoßen.«

Die Tore zum Paradies hatten sich für Lassiter schon eine knappe Stunde zuvor geöffnet, als er dem Rotschopf die Kleider vom Leib gerissen hatte. Die Kalifornierin hatte ein Bein um seine Lenden geschlungen und ihn in die Lagerkammer neben ihrem Büro geschoben. Sie hatte ihm heiße Küsse auf den Mund, dann auf den Hals und zuletzt auf den Hosenbund gehaucht. »Gut, dann lehn dich nach vorn! Ich habe noch ein paar Pfeile im Köcher.«

Die schmale Lagerkammer im Gebäude des North Virginia Mining Bureau füllte sich mit den Seufzern der Rothaarigen, die nun ihre Beine so weit spreizte, wie es die beiden Regale zu ihrer Rechten und Linken zuließen. Mathilde nahm den steifen Pint des großen Mannes nahezu vollständig in sich auf und verlangte zitternd nach heftigeren Stößen.

Lassiter kam der Bitte seiner Geliebten natürlich gerne nach. Er hatte seit Wochen keine Frau mehr gehabt und spürte die heiße Begierde in den Lenden, die jeden Mann zum Tier werden ließen. Er starrte auf den schmalen Rücken der Sekretärin, der sich schlangenförmig vor ihm hin und her wand, griff die zierlichen Hüften und setzte zum Endspurt an.

Nach einer Weile kam es ihnen zur gleichen Zeit. Sie stöhnten vor gegenseitiger Erregung und klammerten sich aneinander, bis sich Lassiter mit mächtigen Schüben in Mathilde entlud.

»Halleluja«, flüsterte die Sekretärin und warf den Kopf herum. Sie hatte ein gerötetes Gesicht. »Du nimmst mich besser als jeder Mann zuvor. Ich wette darauf, dass du es mit einer Menge Frauen treibst.«

»Keine war so schön wie du«, erwiderte Lassiter mit einem Lächeln. Er schloss den Gürtel und legte das Holster mit dem.38er-Remington um. »Aber jetzt muss ich muss mit Burnett sprechen, Kleines. Ich bin seinetwegen aus Carson City gekommen.«

Mathilde streifte das Kleid wieder über die Schenkel und brachte ihr Haar in Ordnung. Sie schob die Tür zum Büro ein Stück auf und sah nach dem Rechten. »Er hat am Nachmittag ein Gespräch mit den Bossen der Consolidated Virginia Mining.«

Vom hölzernen Sidewalk auf der Straße drangen schwere Stiefeltritte heran. Die Silhouette eines Mannes erschien im Glaseinsatz der Tür und verharrte davor, bis das Klappern eines Schlüsselbundes zu vernehmen war.

»Zwei Uhr?«, brummte Lassiter und deutete mit dem Kinn zur Standuhr in der Ecke. »Um ein Haar wären wir ertappt worden.«

»Burnett ist nie vor zwei Uhr zurück«, wisperte die Sekretärin und verschwand hinter ihrem Schreibtisch. Sie kramte geschäftig nach ihrem Nasenkneifer. »Irgendetwas in der Stadt muss ihm die Laune verhagelt haben.«

Der Mann der Brigade Sieben konnte sich nur allzu gut vorstellen, was dem Direktor des North Virginia Mining Bureau auf den Magen geschlagen war. Das Telegramm aus Washington, das Lassiter in Carson City erhalten hatte, war in scharfem Ton verfasst worden. Es musste in dem Auftrag um die Granden der Erzminen in Virginia City gehen.

»Mahlzeit, Mathilde!«, grüßte Burnett und trat in den Raum. Er war ein mittelgroßer Mann mit schütterem Haar und schlechtsitzender Weste. »Mir ist nicht danach, am Nachmittag die Herren von Consolidated Virginia Mining zu sehen.« Er starrte verständnislos zu Lassiter. »Wer sind Sie? Wollen Sie zu mir?«

»Lassiter, Sir«, sagte der Mann aus Carson City. »Mein Name ist Lassiter.« Er zog das Telegramm der Brigade Sieben aus der Tasche und reichte es Burnett. »Sie müssen von meiner Ankunft Kenntnis haben.«

Der Direktor des North Virginia Mining Bureau blickte Lassiter prüfend an und schritt auf sein Büro zu. Er hielt seinem Gast die Tür auf und seufzte. »Treten Sie ein, Mr. Lassiter! Ich hatte nicht damit gerechnet, derart rasch Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Die geschmackvolle Einrichtung von Burnetts Büro ließ darauf schließen, dass Lassiter es mit einem kultivierten und gebildeten Gesprächspartner zu tun hatte. Über dem Schreibtisch an der Wand hing ein Ölgemälde von Sitting Bull, daneben ein polierter Dragonerdegen und ein gerahmter Brief des Präsidenten. »Gehören die Stücke Ihnen, Sir? Äußerst ungewöhnlich für das North Virginia Mining Bureau.«

Burnett ließ ein trockenes Lachen vernehmen und bot Lassiter einen Stuhl an. »In Nevada gibt es einige ungewöhnliche Dinge. Ich möchte nicht den ganzen Tag auf Fördertürme und Erzschmelzen starren.« Er trat unter das Ölgemälde und sah zu ihm hinauf. »Sitting Bull erinnert mich jede Stunde daran, dass wir in diesem Land nur Gäste sind. Ich bin ihm vor einigen Monaten begegnet. Er ist ein weiser Mann.«

Die beiden Männer nahmen an dem großen Besprechungstisch Platz, von dem der Raum dominiert wurde, und kamen gleich auf Lassiters Auftrag zu sprechen. Burnett legte ein Kuvert mit dem Siegel des Justizministeriums vor sich ab.

»Was haben Sie für mich?«, fragte Lassiter und schob das Telegramm aus Carson City in die Westentasche zurück. »Aus Washington scheint ein scharfer Wind zu wehen.«

»Washington schlottert vor Angst«, meinte Burnett und schob das Kuvert zu Lassiter herüber. »Man fördert derzeit in Virginia City die Hälfte des nationalen Silberaufkommens. Ich muss Ihnen nicht sagen, was es für die Handelsbörsen in New York und London bedeuten würde, käme es zum Zusammenbruch einer der großen Minengesellschaften in der Stadt.«

Mit zwei Fingern hob Lassiter die Lasche des Kuverts an und spähte darunter hindurch. »Steht eine Gesellschaft vor dem Bankrott?«

»In der Tat«, bejahte Burnett mit ernstem Gesichtsausdruck. »Die O’Neal Mine erwirtschaftet seit Jahren ernste Verluste, ist jedoch im Besitz einer erheblichen Anzahl von Schürfrechten. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass der Auktionshammer für Herman O’Neal fällt.«

»Die Mine wird versteigert.«

Der Direktor beugte sich nach vorn und legte die Hände ineinander. Er blies stoßweise den Atem zwischen die Finger. »Eine Versteigerung würde das sorgsame Gleichgewicht der Minen auf der Comstock Lode ins Wanken bringen. Es würde ein Hauen und Stechen um Schürfrechte einsetzen, in deren Verlauf der Silbermarkt wie ein Kartenhaus einstürzen könnte. Die Regierung möchte keine Unruhe in Zeiten wie diesen.«

Schweigend griff Lassiter nach dem Kuvert und öffnete es. Es enthielt eine Kollodiumplatte mit dem Konterfei einer jungen Frau, eine Reihe von Geheimpapieren und eine Urkunde der National Liquor Association. »Wie kann ich der Brigade Sieben helfen, Mr. Burnett? Wer ist diese Frau?«

Burnett reckte den Hals, um einen Blick auf die Kollodiumplatte zu erhaschen. »Die Photographie zeigt eine Frau namens Bessie Brown. Sie ist eine Chansonnière aus Missouri und hat jüngst eine Stellung in Piper’s Opera House angetreten.«

Die Frau auf der Kollodiumplatte hatte mit gleichgültiger Miene in die Kamera geblickt. Sie trug einen aufwendigen Kopfschmuck aus getriebenem Silber, an dem eine Feder angebracht war. »Bessie Brown?«

»Ganz recht«, sagte Burnett und nickte. »Sie ist die mutmaßliche Verlobte von Herman O’Neal und ist gewiss über dessen Pläne eingeweiht. Es ist uns zugetragen worden, dass er die O’Neal Mine anstecken wird, um die Versicherungssumme zu kassieren.«

Unschlüssig drehte Lassiter die Kollodiumplatte hin und her. »Aus welchem Grund schnappen wir uns nicht O’Neal selbst?«

»Diskretion, Mr. Lassiter«, lautete Burnetts Antwort. »Diese Operation muss unter größter Vorsicht und völliger Geheimhaltung verlaufen. Sie werden diese Frau über die Staatsgrenze nach Kalifornien bringen. Ms. Brown wird von den hiesigen Agenten verhört und anschließend außer Landes gebracht werden.«

Auf Lassiters kantigen Zügen erschien ein schmales Lächeln. »Um ihretwillen möchte ich hoffen, dass sie in diesen Plan eingeweiht ist.«

»Sie hat keinen blassen Schimmer davon, was ihr bevorsteht«, erwiderte Burnett kühl. Er deutete auf die Urkunde unter Lassiters Hand. »Die Berechtigung der National Liquor Association wird Ihnen Zutritt zu Piper’s Opera House verschaffen. Sie müssen diese Frau binnen Wochenfrist nach Kalifornien bringen.«

Der Mann der Brigade Sieben trommelte mit zwei Fingern auf den Rand der Kollodiumplatte. »Ich habe verstanden, Sir.«

***

Flink wie der Wind sprang der elfjährige Thomas Brown über die Straße und zwängte sich durch den schmalen Fensterspalt ins Innere des Piper’s Opera House. Er hatte Ruß und Öl im Gesicht, den ihm die Arbeiter im Depot der Virginia & Truckee Railroad auf die Wangen geschmiert hatten, und wusste, dass seine Schwester Bessie darüber alles andere als begeistert sein würde. Sie sah Thomas am liebsten frisch gebadet und parfümiert, sodass er umgehend zur Sonntagsschule konnte.

»Wo ist Bessie?«, fragte Thomas eine vorübereilende Tänzerin. Die Sechs-Uhr-Vorstellung im Opernhaus war stets bis zum letzten Platz gefüllt. »Hast du sie gesehen?«

»Bessie ist in ihrer Garderobe!«, hauchte das Mädchen und berührte Thomas flüchtig am Arm. Als es mit fliegenden Röcken davonstob, wünschte sich der Junge abermals, dass ihn die Tänzerinnen endlich wie einen Mann behandelten.

»Thomas!«

Die Verärgerung seiner zwölf Jahre älteren Schwester war bereits in der ersten Silbe zu hören. Sie verknappte den Namen zu einem strafenden Th-mass!, das ihn an die stampfenden Kolben der Dampfmaschinen oben an der Comstock Lode erinnerte.