Lasst die Kinder träumen - Jan-Uwe Rogge - E-Book

Lasst die Kinder träumen E-Book

Jan-Uwe Rogge

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Beschreibung

Ein Plädoyer gegen elterlichen Förderwahn Immer mehr Eltern möchten alles dafür tun, ihre Kinder möglichst früh möglichst breit kognitiv zu bilden. Aber für die kindliche Entwicklung ist genau das eben nicht entscheidend, sondern die Fähigkeit, offen und kreativ zu denken. Das magisch-phantastische Denken von Kindern ist die altersgemäße Form, die Welt zu begreifen und ihre Intelligenz zu entwickeln. Mit ihrer Phantasie besitzen sie eine Sprache, die Erwachsene allzu oft nicht verstehen. Aber im richtigen Umgang damit liegt ein größeres Potential für die Persönlichkeitsbildung als in intellektueller Frühförderung. Eltern sollten deshalb das natürliche Denken ihrer Kinder fördern und ihnen Raum für Phantasie und Kreativität schaffen. Dieses Buch will dabei helfen, dass sie einen besseren Zugang zu der fantastischen Welt ihrer Kinder finden und die Möglichkeiten erkennen, die darin schlummern.

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Seitenzahl: 345

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Jan-Uwe Rogge • Angelika Bartram

Lasst die Kinder träumen

Warum Phantasie wichtiger ist als Wissen

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ein Plädoyer gegen elterlichen Förderwahn.

Über Jan-Uwe Rogge • Angelika Bartram

Angelika Bartram hat sich mit witzig-phantastischer Unterhaltung in Theater, Hörfunk und Fernsehen einen Namen gemacht. Sie ist Begründerin des phantastischen Erlebnistheaters, arbeitete für die Sesamstraße und schrieb zusammen mit Jan-Uwe Rogge diverse Titel, die alle bei rotfuchs erschienen sind. Außerdem entwickelte die Kölner Autorin das phantastische Erzähltheater.

 

Inhaltsübersicht

Vorwort – Lasst die Kinder träumenWarum Phantasie wichtiger ist als WissenDas Recht auf PhantasieOffenheit statt BegrenzungDas Glück der LangeweileLebenskräfte, Phantasie, Neugier und KreativitätTräume: Bilder für Emotionen und kreativer IdeenpoolPhantasie: Die eigene Welt erfindenImagination: Vorstellungskraft, die Phantastisches schafftDas magische Land der KinderPhantasie verleiht FlügelDer unsichtbare Mister XWer beizeiten spinnt, beherrscht auch virtuelle WeltenMärchen machen Kinder starkMagie und SelbstvertrauenDer Spiegel des kindliches DenkensMärchen, Mythen und das Herzenswissen der MenschheitMuster der kindlichen WelterfassungDie Reise des HeldenGrausame MärchenVon Helden, Prinzessinnen und ZauberernNeue Medien – Angriff auf die Phantasie?Film und FernsehenWundertüte ComputerweltenHörweltenKinder und KommerzKein Angriff auf die Phantasie?Spielen bildet – Toben macht schlauOhne Bewegung wenig PhantasieFrüh übt sich – Spielerisch an Stärke gewinnenFürs Leben lernen – Rollenspiele und TheaterKreativität ohne LeistungsdruckMalen, Zeichnen, KritzelnBastelnSprechen, Singen, MusikWie viel Phantasie braucht Erziehung?Phantasien und Träumereien ernst nehmenMit Phantasie geht vieles leichterDas Innere Kind – Die eigene Phantasie neu entdeckenEmpfehlungenZwei GeschichtenGemeinsame Bücher der AutorenHörbücher (Jumbo Verlag)Bücher und Theaterstücke von Angelika BartramBücher und CDs von Jan-Uwe RoggeCDs von Jan-Uwe RoggeMärchen, Kinderbuchklassiker und phantastische GeschichtenTipps und Adressen im InternetFilm, Fernsehen, Hör-CDsComputerspieleBücher, die uns inspiriert und auf die wir uns bezogen habenZitatnachweiseDie Autoren

Vorwort – Lasst die Kinder träumen

«Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung.»

Eugène Ionesco

Dieses Buch ist für uns ein Herzensthema, weil wir glauben, dass Phantasie und Kreativität mit die stärksten Lebens- und Überlebenskräfte sind – und weil wir glauben, dass genau diese Kräfte in der so rationalen Nutzen- und Erfolgsorientierung vieler Eltern nur noch wenig Platz haben. Dinge, die die Welt bewegen, existierten erst in der Phantasie, wurden geträumt und aus dem Raum der unendlichen Möglichkeiten geholt , ehe sie allen real zugänglich wurden. So soll Einstein in einem Klartraum auf seine Formel zur Relativitätstheorie gestoßen sein. Unmögliches zu träumen bedeutet, die Realität zu überwinden. Und indem ich sie träumend umgestalten kann, schaffe ich sie neu.

Während wir so über den Stoff nachdachten, tauchte mit einem Mal Jau-Jau auf. Das ist eine Erzählerfigur, die wir in unsere Geschichtenbände «Kleine Helden» eingebaut hatten. Jau-Jau ist ein Weiser und kennt sich aus in der Welt der Phantasie. Er ist ein Wanderer zwischen allen Welten, der immer erschien, wenn jemand eine besondere Aufgabe zu meistern hatte. Dass er jetzt auch uns zu Hilfe kommen wollte, verblüffte uns zunächst. Für dieses Buch war er gar nicht vorgesehen. Jau-Jau sah das anders und machte uns klar, dass er als Spezialist in Fragen zur Phantasie hier ja wohl nicht fehlen dürfte. Wir zierten uns erst ein wenig. Es sollte ja ein «ernstzunehmendes» Buch werden. Dieses Argument brachte ihn ganz schön auf die Palme, und als er fertig war mit seiner Standpauke, hatte er uns überzeugt.

Und damit Sie, liebe Leser, verstehen, warum er nun doch in diesem Buch auftaucht, lassen wir Sie jetzt erst einmal teilhaben an seiner «Standpauke». Denn Jau-Jau sprach:

«Jau, ihr wollt also ernstgenommen werden mit euren Abhandlungen, warum Phantasie so wichtig ist, warum es so wichtig ist, Kinder träumen zu lassen, wollt es theoretisch begründen, wissenschaftlich belegen, wollt die Leser mit Thesen überschütten, bis ihnen vor lauter Theorie die Lust am Träumen und Phantasieren total vergeht. Vielleicht gibt es dann auch noch wertvolle Tipps zum ‹richtigen› Träumen. Jau, damit schindet ihr vielleicht Eindruck. Aber was ändert es? Phantasie kann man nicht verordnen. Träumen kann man nicht wie Schullektionen lehren. Beobachtet die Kinder. Sie sind die geborenen Träumer. Von ihnen könnt ihr lernen, wie das geht. Und hört auf, ihre Träume zu beschneiden und sie zu Klötzen formen zu wollen, mit denen ihr dann kreativitätsfördernde Spielchen machen könnt. Geht achtsam mit den magischen kindlichen Kräften um. Nehmt sie wahr und fördert sie. Versucht nicht länger, sie nach euren Vorstellungen zu formen. Lasst ihnen Raum für ihre Träume und Phantasien, wertschätzt sie, unterstützt sie, wenn sie etwas für euch Unmögliches denken. Und versucht zu verstehen und traut euch, selbst mal wieder zu träumen.»

 

Wir haben Jau-Jau daraufhin versprochen, ihn als Spezialisten für Träume und Phantasien in diesem Buch regelmäßig zu Wort kommen zu lassen. Und er hatte noch einige Überraschungen für uns, die er dann aus seinem Hut gezaubert hat oder aus einer seiner vielen Taschen seines weiten Umhangs. Davon später mehr …

Auf jeden Fall haben wir mit Jau-Jau auch unsere Träume wieder neu entdeckt. Wir hoffen, Ihnen geht es genauso. Und wir wünschen uns, dass Sie mit diesem neuentdeckten Gefühl für das Träumen auch die Träume und Phantasien Ihrer Kinder in einem neuen Licht sehen können.

Warum Phantasie wichtiger ist als Wissen

Bücher haben eine Vorgeschichte – eine thematische wie eine biographische. Fangen wir mit der biographischen an. Angelika Bartram hat Anfang der achtziger Jahre in Köln ein phantastisches Kindertheater begründet, das weit über die Stadt hinaus bekannt wurde. Sie hat die Stücke geschrieben, sie hat sie inszeniert und mit großem Erfolg auf die Bühne gebracht. Angelika Bartram hat Hörspiele für den WDR geschrieben und als Headautorin für die Sesamstraße gearbeitet. Und immer stand die kindliche Phantasie dabei im Mittelpunkt. Jan-Uwe Rogge hat zu vielen Familienthemen erfolgreich Elternratgeber formuliert, in denen er die Sichtweise der Kinder ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Beide – Angelika Bartram wie Jan-Uwe Rogge – haben Kinderbücher geschrieben, in denen es um kindliche Phantasien, die Bedeutung der Magie geht. Was in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts angefangen hat, das findet nun ein Ergebnis – ein Buch mit praktischen Anregungen, das sich an alle richtet, die es mit Kindern zu tun haben, die erfahren möchten, wie man auf Kinder eingeht und deren phantastische Möglichkeiten unterstützen und begleiten kann.

 

Vor mehr als 20 Jahren hat die Therapeutin Linde von Keyserlingk ein Buch geschrieben mit dem Titel: «Wer träumt, hat mehr vom Leben», längst vergriffen, wohl auch vergessen, zumindest in den bildungspolitischen Diskussionen.

Alles dreht sich mittlerweile um Bildung, aber die ist meist reduziert auf Wissensvermittlung, auf das Erlernen von Fakten. Wenn in der Schule, egal, ob in der Grundschule oder den Gymnasien, den Gesamtschulen oder der Gemeinschaftsschule, Fächer gestrichen oder reduziert werden, dann betrifft das in erster Linie Sport, Musik, Kunst oder Religion, die «weichen», nicht ganz so «wichtigen» Fächer eben. Bildung – im Sinne einer Humboldt’schen Auffassung von Bildung – versteht sich aber ganzheitlich. Alle Persönlichkeitsanteile eines Kindes müssen ausgebildet und gefördert werden: die körperlichen ebenso wie die geistigen, die emotionalen ebenso wie die seelischen, die sozialen ebenso wie die sprachlichen.

Als Georg Picht Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts von einer «Bildungskatastrophe» sprach, in einem Buch, das hohe Wellen schlug und eine Menge an Innovationen und Anstrengungen im Bildungssystem nach sich zog, wollte man einen Weg beschreiten, Kinder wieder in den Mittelpunkt pädagogischer Bemühungen zu stellen. Der Unterricht sollte nicht auf die Vermittlung purer Fakten verkürzt sein. Sichtbar wurde das, indem man sich auf humanistische Pädagogen in der Bildungsgeschichte besann, die das Kind als Persönlichkeit betrachteten: Pestalozzi, Fröbel oder Montessori seien hier angeführt. Ohne dabei Rudolf Dreikurs, Thomas Gordon oder die vielen anderen Autoren zu übersehen, die das Kind in all seinen Persönlichkeitsanteilen betrachteten, es nicht auf einen «Faktenhuber» reduzierten. Mit einem Male gewann das Kind an Bedeutung, es wurde sogar von einem «Jahrhundert des Kindes» gesprochen.

Die Bedürfnisse der Kinder gerieten in den Mittelpunkt, man betrachtete alles vom Kind aus, was dann zu extremen Auswüchsen führte: Alles drehte sich um das Kind. Erwachsene hatten sich unterzuordnen, damit dem Kind ja nichts passiert.

Das Recht auf Phantasie

Wer träumt, hat mehr vom Leben: «Phantasie an die Macht» – so lautete eine Parole, hastig an die Mauern der französischen Metropole geschrieben, denn Sprays gab es noch nicht. Doch Phantasie, Phantasien zu haben, ihnen Ausdruck zu verleihen, das hat nichts mit Macht ausüben, mit Unterdrückung, mit Rechthaben zu tun. Wer Phantasien hat, der überwindet Wirklichkeiten, der spürt, dass es jenseits der erfahrbaren Realität eine andere, eine erdachte gibt, die nur einem selber gehört: Man spinnt, man erfindet, man dichtet, man träumt, gibt sich seinen Tagträumen hin. Da gibt es ein Land, das nur einem selber gehört, ein Land, in dem alles möglich ist, ein Land, nach dem man sich sehnt. Kinder sind sehn-süchtig nach einem Leben, in dem alles möglich ist, nichts unmöglich erscheint, in dem sie sich ernstgenommen fühlen, so wie sie sind. Mit einem Mal wurden Bücher wichtig, die lange verschüttet waren, ungelesen, unbeachtet: «The Magic Years», 1959 von der Psychoanalytikerin Selma Fraiberg verfasst, das man in Deutschland unter dem Titel «Die magischen Jahre in der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes» veröffentlichte, ein faszinierendes Buch, weil es Kinder als Persönlichkeit beschreibt, ausgestattet mit vielen Kompetenzen, die ihren Eltern im Laufe der Entwicklung wohl verlorengegangen sind: die Fähigkeit zu träumen, mit allem und jedem in Kontakt zu treten, in sich hineinzuhorchen. Das Kind, so Selma Fraiberg, ist Zauberer und Forscher zugleich, es vereint in sich Magie und Wissenschaft. Da waren dann Theater und Verlage, die sich auf die Kinder stürzten, die in das Hohelied der Phantasie einstimmten. Dieter Richter und Johann Merkel gaben 1974 ihrem Buch den Titel: «Märchen, Phantasie und soziales Lernen», argumentierten überzeugend vom Recht des Kindes auf Phantasie, stellten dar, wie Phantasie in der (Literatur-)Pädagogik seit dem 18 Jahrhundert allmählich diskreditiert wurde, weil man meinte, sie beeinträchtige die Entwicklung des Kindes.

Es war dann der Kinderbuchautor James Krüss, der sich in einer Veröffentlichung Ende der sechziger Jahre vehement für «Das Recht auf Phantasie» einsetzte: «Weil Kinder Phantasien haben (und mehr als die Erwachsenen), kann man ihnen Geschichten erzählen, wo der Erwachsene Erklärung verlangt. Weil Kinder Phantasie haben, darf man zu ihnen in Bildern reden, wenn der Erwachsene Definitionen erwartet (…). Wer für Kinder schreibt, hat nicht nur das Recht auf Phantasien. Man muss es viel deutlicher sagen: Er hat die Pflicht, die Phantasie zu nutzen.»

Ein wunderbarer Satz, der Kopfnicken hervorrief, der aber kaum in die pädagogische Praxis, in schulische Lehrpläne oder Kindergartenkonzeptionen übersetzt wurde. Leider! Doch dazu später!

Lasst Kindern Zeit

Wer Kinder in den Mittelpunkt seiner pädagogischen Bemühungen stellt, der schießt nicht selten über das Ziel hinaus. «Kinder an die Macht» oder «Kindern das Kommando zu geben» – solch Zeilen sind ähnlich problematisch wie die Parole «Phantasie an die Macht». Wenn es sich nur um die Kinder dreht, um deren Wohlbefinden, entstehen nicht allein «kleine Egozentriker», die alles meinen, im Griff zu haben, dann bildet sich zugleich der omnipotente Gedanke heraus, alles und jedes wäre planbar, man müsse nur die Puzzleteilchen, die zu einer Erziehung gehören, entsprechend ordnen. Welch Irrtum!

So kamen dann Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Veröffentlichungen auf den Markt, die parallel zu den Beiträgen über Phantasie vor einer völligen Verplanung der Kinder warnten, darauf hinwiesen, dass das Ergebnis von Erziehung wirkungsunsicher ist. Kinder bringen ihre Persönlichkeitsanteile in die Erziehung ein: Das betrifft ihre Phantasie, ihre Magie ebenso wie ihr Wissen. Jedes Kind kommt mit einem ihm eigenen Tempo in diese Welt, das nicht, besser: kaum zu verändern ist. Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler hat darüber in den sechziger Jahren ein Buch geschrieben und dazu zentrale Gedanken geäußert: «Lasst mir Zeit!» Das bezieht sich bei ihr auf die «selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen». Doch gilt dieser Satz für die Entwicklung des Kindes generell. Sie ist keine stete Vorwärtsentwicklung. Natürlich wollen Kinder fort vom Erreichten, sie möchten zu neuen, zu unbekannten Ufern. Doch mit einem Male bleiben sie stehen, überlegen, wohin der Weg wohl führen mag, ob sie das Unbekannte aushalten, stellen sich vor, wie das wohl aussieht oder was sie da erwartet. Wieder andere gehen in ihren Entwicklungsschritten zurück, weil es früher geborgener war, weil man wusste, woran man war. Es war einfacher, überschaubarer. Kinder gehen – wie die Helden und Heldinnen in den Märchen – eigene Wege, ihr Rucksack ist voll mit Erfahrungen, und doch ist der Wunsch nach neuen Erfahrungen unbändig stark. Sie müssen ja nicht unbedingt ganz real sein, ein Krokodil, was sich einem drohend in den Weg stellt, das kann man auch erträumen und in omnipotenten Phantasien vernichten.

Persönlichkeit Kind

Phantasie, das Eingehen auf die Phantasien der Kinder – das hatte es immer in sich. Phantasien waren mit Ideologieverdacht belegt, weil sich die Kinder in ihnen verlaufen, gar verirren konnten. So kommt es nicht von ungefähr, dass autoritäre oder angepasste Charaktere immer zur Askese, zur Verdammung von Genuss, Vergnügen und Sinnlichkeit neigen. Die von Georg Picht geforderte, aber nicht wirklich umgesetzte Bildungsreform als Konsequenz aus der «Bildungskatastrophe» mündete alsbald in einer technokratischen Bildungsreform. Es ging vor allem um Wissen, um Inhalte, um Curricula, um überprüfbare Lehrpläne, darum, wie man schnell und effizient Kinder klüger machen, sie zu tauglichen Arbeitskräften erziehen konnte. Zwar wurde häufig vom Kind als einer Persönlichkeit gesprochen, die es ernstzunehmen und zu fördern gilt. Was das in konkreten Zusammenhängen aber bedeuten kann, darüber finden sich nur wenige Hinweise. Wie Wissensvermittlung schon lebenszeitlich früh in das Zentrum pädagogischer Bemühungen trat, kann man an den Diskussionen über die Vorschule in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts feststellen.

Einerseits wertete man den Kindergarten pädagogisch auf, verlangte und entwarf Konzeptionen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erfuhren eine qualifizierte Aus- und Fortbildung, um angemessen auf die Kinder eingehen zu können. Andererseits trug das aber zu einer Verschulung bei. Anders ausgedrückt: Die Kindergärten sollten auf die Schule vorbereiten, damit der Übergang nicht so abrupt verläuft, Kinder besser qualifiziert dem Unterricht folgen konnten. Mit einem Male war Schulreife das bestimmende Ziel, wobei man übersah, dass Schulreife nicht Reife des Kindes für die Schule darstellt – dazu sind die Entwicklungsverläufe von Kind zu Kind zu verschieden. Die Unterschiede von Kind zu Kind können bis zu zwei Jahre betragen – konkret: Man darf Kinder nicht über einen Kamm scheren, eingedenk der Formulierung von Pestalozzi: «Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, es sei denn mit sich selbst.» Jedes Kind entwickelt sich anders, das eine schneller, das andere langsamer. Dies hat Auswirkungen auf die Betrachtung des Kindes, auf die Definition von Schulreife: Sie ist also mitnichten Reife des Kindes für die Schule, vielmehr Reife der Schule, des Bildungssystems für das Kind. Und dabei darf das Kind nicht auf kognitive Kompetenzen beschränkt werden, denn damit reduziert man das Kind, nimmt seine körperlichen, seine sozialen, nicht zuletzt seine emotional-seelischen Fähigkeiten nicht ernst. Eine Sichtweise von oben, die Perspektive des Erwachsenen, der alles weiß, vor allem besser weiß, dominiert und übersieht, was Kindheit auch ausmacht.

Offenheit statt Begrenzung

Hier setzt unser Buch an. Es stellt einen Gesichtspunkt in den Mittelpunkt, der bei der aktuellen Diskussion über Bildung und Erziehung zu kurz kommt, meist gar nicht erwähnt wird: die magisch-phantastische Phase des Kindes, die sich – folgt man Selma Fraiberg – vom Säuglingsalter bis in das sechste Lebensjahr erstreckt. Und neuere Forschungen zeigen, dass diese Phase da noch nicht zu Ende ist. Spuren scheinen in der Pubertät durch, sieht man sich nur die Omnipotenzphantasien der Heranwachsenden an. Auch Erwachsene sind nicht frei davon. Sie träumen jedoch mit schlechtem Gewissen, verbieten sich Gedanken, die die Realität übersteigen, Bilder, mit denen sie in andere Welten abdriften. Daraus ergeben sich Probleme, wenn man es mit Kindern zu tun hat. Man verleugnet alles, was die Wirklichkeit übersteigt, verurteilt Tagträume, weil man auf dem Boden der Tatsachen bleiben muss – nach dem Motto: «Wo kommt man denn da hin, wenn man allen Phantasien nachgibt!»

Genau das machen Kinder, sie zeigen den Erwachsenen, was möglich ist, selbst wenn alles noch so unwahrscheinlich scheint. Kinder glauben an die Kraft der Phantasie, an die Chancen, die die Magie ihnen bietet: Man kann im Bett liegen, an die weiße Decke starren, die mit einem Male zu einem blauen Himmel wird, ein erträumtes Raumschiff besteigen, um den Mars zu erkunden. Da geht nichts schief, weil man ja letztlich in seinem Bett, in einem geborgenen Hafen, liegt. Die Einzigen, die erschrecken, sind Vater und Mutter, die in die verträumten Augen der Kinder sehen und rufen: «Spinnst du mal wieder rum!»

Kinder sind Geschenke – natürlich nicht immer, vor allem wenn sie quengeln, uneinsichtig sind, sich an der Supermarktkasse auf den Boden schmeißen, nicht so sein wollen, wie die Eltern es gerne hätten. Einverstanden! Auf solche Geschenke kann man in solchen Situationen verzichten!

Aber Kinder halten eben das «Noch-Nicht», das, was möglich sein wird, nicht sofort, aber bald – ganz im Sinne des Philosophen Ernst Bloch – wach. «Noch-Nicht» – das ist Utopie, aber Utopien, die vielleicht in die Wirklichkeit drängen. Kinder halten Erwachsenen den Spiegel vor – «Wenn ihr nicht werdet wie Kinder», wie es im Matthäusevangelium heißt, doch «Kinder liefern uns nicht», so der Pädagoge Michael Pfister, «den Gegenentwurf zu unserer eigenen Misere. Was wir von ihnen lernen können, ist ihre Offenheit.» Und dann schreibt er weiter: Die größte Bedrohung für Kindheit bestehe darin, «dass die Bewegung ins Leben hinein allzu früh kanalisiert und an verbindliche, standardisierte Ziele gebunden wird. Wer das Lernen dem Gebot der ‹Nützlichkeit› unterstellt und Frühenglisch nicht um des Spaßes am Lernen willen auf den Stundenplan schreibt, sondern um (dem Kind) eine ‹bessere› Zukunft zu garantieren, der schüttet genau jene Offenheit zu, die Kindheit ausmacht.»

Offenheit, das meint, offen zu sein dem magisch-phantastischen Denken gegenüber. Doch diesem wird in der Erziehungsdebatte der letzten Jahrzehnte ein nachrangiger Stellenwert eingeräumt. Zu sehr stehen kognitive Lernziele, stehen jene Schulfächer, die sich messen und austesten lassen, schon im Vorschulalter an vorderster Stelle. Hier wird der Leistungsgedanke auf das intellektuelle Vermögen beschränkt, es wird betrachtet, was vermeintlich objektiv erfasst werden kann. Wer Kindern, vor allem jüngeren, gerecht werden will, der muss eine ganzheitliche Betrachtung versuchen und Kompetenzen von Kindern in den Blick nehmen, die deren ganze Persönlichkeit ausmachen – eben nicht nur (und immer mehr) zu wissen, vielmehr zu fühlen, zu träumen, zu spielen, den Körper zu erproben, die Realität zu überwinden, sich auszudenken, was sein kann, wenn man einmal groß ist, sich Dinge vorzustellen, die sich hinter Wänden verstecken, sich zu bemühen, mit allem und jedem in Kontakt zu treten, Kinder in jüngeren Jahren sind «allverbunden», alles ist möglich, nichts unmöglich. Sie erfinden «unsichtbare Gefährten», die ständig ein offenes Ohr haben, immer für einen da sind, denen man sich mit allen Problemen anvertrauen kann, die zuhören, ohne sofort alles zu wissen, es besser zu wissen.

Wer den Leistungsgedanken auf das Kognitiv-Rationale reduziert, der wertet die motorischen, sozialen und gefühlsmäßigen Potenziale von Kindern automatisch ab, nimmt sie nicht wahr, verkennt sie in ihrer Bedeutung für die Persönlichkeitsentfaltung der Kinder. In der Phantasie, in der Magie in Tagträumen besitzen die Kinder eine eigene Ausdrucksform, eine Ausdrucksform voller Märchen und geheimnisvoller Geschichten, eine Ausdrucksform, die Erwachsene nur allzu wenig verstehen, weil sie sich nicht darauf einlassen können oder wollen.

Etwas vom Kind aus zu denken, es in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zu stellen – das sind Sätze, Ideen, Formulierungen, die so schnell gesagt, aber nicht in allen Einzelheiten durchdacht und begriffen werden. Eine Erzieherin erzählte von den Konsequenzen, die sie nicht zuletzt aus der Erfahrung mit der Mutter des fünfjährigen Jonas gezogen hat:

«In meiner Einrichtung wird kaum mehr gebastelt oder gemalt, wenn die Kinder es nicht ausdrücklich wollen. Sonst drückt man ihnen da doch nur von außen etwas aufs Auge. Und das Ergebnis wird kaum wirklich gewürdigt.» Gerade von Jonas’ Mutter habe sie häufig Sätze gehört wie: «Das hast du aber schon mal schöner gemalt!», oder: «Was soll denn das sein?» Und nach diesen Feststellungen habe sie für sich beschlossen, mehr Wert auf die körperlichen, die geistigen oder die sozialen Bedürfnisse von Kindern zu legen. Warum «denn so ergebnisorientiert, wenn es den Eltern dann doch nicht recht ist», habe sie für sich entschieden: «Kinder wollen spielen, sich bewegen, sich ausprobieren!» Sie würden sich am Produkt ihrer Bemühungen erfreuen und bedeutsamer noch als das Ergebnis «ist der Prozess, wo alles entsteht, und das, diesen Spaß dabei, dieses Vergnügen», das könne man den Eltern sowieso nicht vermitteln. Eines Tages wäre Jonas nach Hause gegangen. Als er dann seine Mutter sah und diese gefragt habe, was er denn im Kindergarten gemacht hätte, antwortete Jonas freudestrahlend: «Gespielt!» Daraufhin habe die Mutter gerufen: «Was, nur gespielt? Nur gespielt!» Ganz offensichtlich war sie der Überzeugung, Deutschland würde in der PISA-Studie noch weiter hinter Japan und Korea absinken, weil nun nur noch gespielt, aber nicht «richtig gelernt» werden würde. Jonas schaute in das versteinerte, zu einer Maske erstarrte Gesicht seiner Mutter, lächelte sie an, um es wieder mit Leben zu erwecken. Und dann, so erzählte er der Erzieherin, habe er mit einer Schnecke geredet, die im Gras lag: «Und als ich sie vorsichtig gestreichelt habe, da hat sie sich bewegt.» Jonas blickte in das ungläubige Gesicht seiner Mutter, wusste nicht, ob er etwas Richtiges oder Falsches gesagt hatte. Nach ein paar Schocksekunden stand die Mutter kopfschüttelnd auf, sprachlos, verwirrt, dem Gedanken nachhängend, wo das mit Jonas wohl alles enden würde: Jetzt könne er sich schon mit einer Schnecke unterhalten. Und zu sich selbst: «Dabei ist er doch selber eine.» Jonas würde träumen, so beschreibt die Mutter ihren Sohn, mit sich selber reden, die Blätter der Hecke im Garten streicheln und zu ihnen sprechen. Schon häufig habe sie sich gefragt, ob das normal wäre.

Es ist normal. Und so wollen wir mit unserem Buch dazu beitragen, dass Eltern einen verständnisvollen Zugang zu der magisch-phantastischen Welt ihrer Kinder finden und Mittel und Schlüssel an die Hand bekommen, jene Möglichkeiten auszuschöpfen, die darin liegen. Der rote Faden unserer Überlegungen lautet: Nutzt die Kraft kindlicher Kreativität, nutzt das Schöpfungspotenzial von Phantasien, nutzt die Magie als Kompass, unentdeckte Welten zu erkennen.

 

Kinder haben vom Säuglingsalter bis hin zum zehnten Lebensjahr vielfältige Entwicklungsaufgaben zu erledigen und zu erfüllen. Das Wissen über die Welt nimmt zu, das macht einerseits Lust auf Neues, andererseits beunruhigt es aber auch: Warum gibt es Kriege? Können die auch zu uns kommen? Was ist Terror? Warum brennt das Haus ab? Was ist, wenn der Blitz bei uns einschlägt? Wer hilft dann? Fragen über Fragen! Es gibt zwar Antworten, aber die hören sich so vernünftig an, damit können Kinder oft nichts anfangen. Denn: Kriege gibt es! Und wenn die zu uns kommen? Wer hilft dann? Und was ist, wenn das Gewitter über uns ist, es blitzt und donnert? Ein Satz: «Da passiert schon nichts!» beruhigt Kinder nicht. Im Gegenteil: Diese Formulierung verwirrt sie, sie fühlen sich nicht ernst genommen, mit ihrer Angst alleingelassen. Und diese nicht erklärbaren Lücken in ihrem Verständnis füllen Kinder mit eigenen phantastischen Erklärungsmodellen.

Denken in Bildern

Das magisch-phantastische Denken stellt nichts Wirres, Irres oder Weltabgewandtes dar. Es ist eine altersgemäße Form von Intelligenz, mit der Kinder schöpferisch tätig sind, um ihre Umgebung, ihre Nah- und Umwelten zu begreifen. Nicht selten ist das junge Kind überzeugt, Dinge passierten nur, weil es sich dies gewünscht hat. Das Kind ist fasziniert von seiner Energie und Kraft.

Kinder denken in Bildern. Und diese vom Kind konstruierten Bilder – seien es das Monster, der Schatten, der imaginäre Räuber – können genauso wahrhaftig sein wie die Wirklichkeit, die das Kind umgibt.

Kinder glauben an die Kraft der Phantasie, daran, dass man mit ihr zaubern kann. Das Kind ist Schöpfer seiner inneren und äußeren Wirklichkeit. Das gibt den Kindern Kraft, um Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit zu demonstrieren. Aber durch eine magische Besetzung können aus harmlosen Gegenständen oder Situationen auch fürchterliche Monster werden, durch die unbewusste kindliche Erfahrungen Gestalt annehmen. Da entstehen aus dunklen Schatten Geister, da werden aus wehenden Gardinen Einbrecher. Aber mit der Phantasie – der Kraft, die sie geschaffen hat – können diese unsicher machenden Gestalten auch verjagt werden. Denn wenn die Phantasie Monster und Räuber erscheinen lässt, kann man mit ihr auch Mittel und Wege erfinden, sie zu besiegen und zu bekämpfen. So hilft die Phantasie, verschiedenartige Irritationen in den Griff zu bekommen, und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur emotionalen Bildung der Kinder.

In der magisch-phantastischen Phase werden bestimmte Genres für Kinder wichtig: das Märchen, die Zauber- und Phantasiegeschichte (vorgelesen, als Buch, als Theaterstück). Es gibt eine Entsprechung zwischen den formalen Strukturen dieser Produkte und der psychischen Verfassung von Kindern zwischen dem vierten und achten Lebensjahr. Ja, es scheint so, als unterstützten diese Produkte die Kinder dabei, ihre Entwicklungsaufgabe in dieser Phase zu durchleben. Der Märchenforscher Max Lüthi hat Gesichtspunkte entwickelt, die diese Verbindung bestätigen und die später ausführlicher beschrieben werden:

Das Märchen ist eindimensional. Dies meint, dass alles mit allem in Kontakt treten kann. Es ist normal, wenn leblose Gegenstände oder Tiere reden, wenn Phantasiegestalten auftreten. Sie unterstützen, helfen und retten den Helden auch aus höchster Not. Und niemand wundert sich darüber.

Märchen sind flächenhaft. Dies umschreibt die Aufhebung von Raum und Zeit, von Naturgesetzen, von Schwerkraft und Logik. Märchen folgen ihren eigenen Gesetzen, alles ist möglich, nichts unmöglich.

Der Märchenheld, die Märchenheldin besteht Abenteuer allein, isoliert von der Außenwelt. Unsichtbare Hände oder die helfende Außenwelt greifen nur dann ein, wenn er oder sie in größter Gefahr ist. Im Märchen geht es um Reifung, Identitätssuche und Entwicklung. Der Märchenheld, die Märchenheldin steht am Ende geläuterter, entwickelter, schlichtweg reifer da.

Phantasien und Konflikte

Die kindliche Phantasie stellt eine ungeheure Produktionskraft dar. Die Phantasie gibt Mut, ohne übermütig zu sein, sie verleiht Macht, ohne übermächtig zu sein, sie macht vorsichtig, ohne in Übervorsichtigkeit zu erstarren. Die Phantasie ist ein Schlüssel, besser Dietrich, den Kinder immer bei sich tragen, mit dem sie jedes noch so geheimnisvolle Schloss knacken können. Die Phantasie erzeugt Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Kräfte. So können Phantasiespiele die kindliche Persönlichkeit stärken. Hier schlüpfen die Kinder in die Rollen von Heldinnen und Helden und gehen dann auf emotionale Abenteuerreisen. Zielsicher suchen sie sich dabei genau die Abenteuer aus, in denen sie sich mit ihren Phantasien, Träumen, Ängsten und Wünschen am besten wiederfinden. In diesem von realen Gefahren freien «Spiel»-Raum können sie sich «übermenschlichen» Herausforderungen stellen und sinnlich konkret den Triumph erleben, sie zu meistern.

Und wenn Eltern die magisch-phantastischen, kreativen Lebenskräfte ihrer Kinder ernst nehmen, fühlen Kinder sich bestärkt und ermutigt. Wenn Eltern ihre Kinder begleiten auf dem Weg, sich mit den Bildern und Symbolen aus ihrem Innersten auseinanderzusetzen, dann fühlen sie sich verstanden. Dadurch sind rationale und realistische Formen der Konfliktbewältigung und andere Techniken im Umgang mit Unsicherheiten im Alltag nicht ausgeschlossen. Insbesondere bei der Bewältigung sozialer Probleme, die durch Erziehung entstehen, haben magisch-phantastische Mittel der Verarbeitung nicht nur Chancen, sondern auch Grenzen. Dann müssen andere pädagogische, beratende oder therapeutische Techniken zum Einsatz kommen.

«Unarten» der Kinder

Erziehung bedeutet auch, Kindern den Raum und die Zeit zu geben zu wachsen. Entschleunigung ist das Gebot der Stunde – nicht Beschleunigung. «Eine entschleunigte Gesellschaft», so der Pädagoge Fritz Reheis in seinem Buch über «Die Kreativität der Langsamkeit», «ist eine Gesellschaft, in der nicht das Haben von Sachen, sondern das Sein der Menschen im Mittelpunkt stehen wird. Alles wird sich um ihr Wohlbefinden, um die Entfaltung und Erfüllung ihrer Möglichkeiten drehen. Und das ist der Kern menschlichen Glücks. Die entschleunigte Gesellschaft wird eine Gesellschaft der Muße und der Faulheit sein, verstanden als ‹kluge Lust›.» Ein ganz und gar anarchistischer Satz, für manche Eltern eine Herausforderung, die man nicht aushalten kann – Muße und Faulheit als «kluge Lust».

Man erschrickt: Hatte man dem Kind nicht gerade vorgehalten: «Träumst du schon wieder?» «Träum nicht ständig!», «Trödel nicht herum!» Es sind solche vorwurfsvollen Sätze, die Kinder ständig wieder hören, Bemerkungen von Erwachsenen, die die Träume, das Trödeln, die Langeweile oder die Zerstreuung abwerten, die zugleich zeigen: Man hat verlernt, vom Kind aus zu denken, es in seiner Entwicklung ernstzunehmen, es zu begleiten. Erziehung hat nichts mit ziehen zu tun, sie hat zu tun mit Begleitung. In einem afrikanischen Sprichwort heißt es: Man schaut dem Gras beim Wachsen zu. Wer am Halm zieht, damit es schneller wächst, der zieht ihn mitsamt seiner Wurzel aus der Erde. Der Halm welkt, er verdorrt. Erziehung stellt sich als Begleitung der Kinder ins Leben dar, sie ist keine gezielte Vorbereitung auf das Leben.

Die Entwicklung verläuft in Phasen, und in jeder hat das Kind Entwicklungsaufgaben zu erfüllen. Erwachsene können Kinder dabei unterstützen, sie können Kinder fördern, indem sie entwicklungsangemessen auf sie eingehen. Sie können sie aber auch überfordern, indem man sie wie kleine Maschinen, wie kleine Erwachsene behandelt, ihre Eigenart, ihre Individualität, ihre Persönlichkeit nicht ernst nimmt.

Es gibt in der indischen Philosophie das Bild von drei Lehrertypen und ihrer Haltung zum Kind: Da ist jener Erwachsene, der Kinder als ein leeres Gefäß betrachtet und der versucht, dieses Gefäß mit seinem Wissen zu füllen. Da gibt es einen anderen, der Kinder als ein Stück ungeformten Lehms ansieht und der nun bemüht ist, das Kind nach seinen Vorstellungen zu modellieren. Und dann existiert da noch der Typ des Gärtners, der spürt, jede Pflanze ist anders: Die eine braucht Sonne, die andere eher den Schatten, die andere benötigt viel Wasser, eine andere würde in dieser Menge ersaufen.

Übertragen auf die Kinder und ihre Entwicklung: Natürlich brauchen sie den Wissensvermittler, zweifelsohne die haltgebende Persönlichkeit, die versucht, Orientierung zu geben, die Strukturen anbietet, ohne die man sich verlieren würde. Vor allem aber brauchen sie den Gärtner, der von Kindern aus denkt, der Verständnis zeigt, ohne dabei seine Erziehungsverantwortung zu vergessen.

Wer Kinder in den Mittelpunkt seiner Haltung stellt, tritt in Kontakt zu ihnen, hört ihnen zu, versucht, sich in sie hineinzuversetzen, weiß nicht alles und sofort besser, kann in den Kindern auch einen meist geduldigen Lehrer erblicken. Ja, die Kinder sind Lehrmeister.

Unterhält man sich mit Kindern, dann wird Eltern, wird den Erwachsenen Respekt und Achtung entgegengebracht. Aber es werden fraglich auch kritische Töne laut. Sie fühlten sich ständig beobachtet und bewertet, so lautet ein Vorwurf. Ein anderer macht auf den Zeitstress aufmerksam, dem Kinder in einem durchorganisierten und verplanten Alltag unterworfen sind.

Kinder artikulieren das nicht, weil sie es nicht können oder wollen. Aber Kinder zeigen durch ihr Handeln, dass ihnen manches nicht passt. Aus der Perspektive der Erwachsenen sind solch störende Hinweise dann «Unarten», die es zu unterbinden gilt. Dabei ist es für den Erwachsenen viel bedeutsamer, die Botschaften hinter den «Unarten» zu erkennen. Um diesen wunderbaren Begriff nochmals kurz zu beleuchten: Viele Eltern wollen das eigenständige, mutige, neugierige, unangepasste Kind, aber zu viel Autonomie, zu viel Mut, gar Übermut, zu viel forschendes Entdecken, zu viel «Gegen-den-Strich-Bürsten», das will man dann doch nicht.

Es sind drei «Unarten», die Eltern häufig verzweifeln lassen: Das ist die Zerstreuung, das ist die Langeweile, da gibt es den Rückzug, das Bedürfnis, nur für sich zu sein. Und da ist dann noch das Eintauchen in Phantasie- und Traumwelten, verbunden mit der elterlichen Angst, das heranwachsende Kind könne nicht zu einem lebenstüchtigen Mitglied der Gesellschaft werden, könne nicht am sozialen Miteinander teilhaben.

Von «Hand und Fuß»

«Das hat Hand und Fuß» – wer kennt nicht diesen Satz! Er stand für: Alles in Ordnung! Wunderbar! Hervorragend! Doch wer sich den Satz genau anhört, entdeckt zwischen den Zeilen jene Botschaften, die schon Pädagogen vor Jahrhunderten formuliert haben. Mit der Hand begreift man, fasst man an, mit den Füßen steht man fest auf der Erde.

Das Verstehen setzt – so Pestalozzi, Fröbel oder Montessori – das Stehen, das In-der-Welt-Sein voraus. Der abstrakte Begriff entsteht über das unmittelbare Begreifen; was man intellektuell erfassen will, muss zuvor angefasst werden. Jeder intellektuellen Anstrengung geht also eine körperliche voraus. Wer den Körper stilllegt, der legt Entwicklung still. Kinder zeigen das: Sie lieben körperbetonte Spiele. Spiele, in denen sie sich austoben, aus sich herausgehen können. Und was beim Spiel auf einer physiologischen Ebene geschieht, passiert in Phantasie und Traum ähnlich. Auch hier überwinden die Kinder Grenzen: Alles ist möglich. Man ist – wie im Märchen – mit allem und jedem im Kontakt, man begleitet den Helden, die Heldin auf einer Reise ins Ungewisse, auf ihren Abenteuern mit bekanntem, eben mit gutem Ausgang. Man steigt aus der Zeit aus: «Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.» Sie leben in den Kindern von heute fort. Da herrscht ein stilles Einverständnis, eine fraglose Nähe.

Märchen sind wie ihre Protagonisten zeitlos, sich ausklinken aus zeitlichen Zusammenhängen, sich wegbeamen in andere Welten. Dies wollen auch die Kinder, sie wollen für sich sein. Das war sicherlich zu allen Zeiten so. Märchen, Phantasiegeschichten haben immer fasziniert, aber vielleicht haben sie gegenwärtig eine besondere Bedeutung. Kinder sind in feste zeitliche Strukturen mehr denn je eingebunden. Aber mit einer Portion Eigensinn, mit widerständiger Hinterlist schaffen sie sich ihren Raum, bauen sie eigene Zeiten auf, die nur ihnen gehören. Erwachsene haben keinen Zutritt, und je mehr diese sich echauffieren, umso mehr spüren die Kinder, dass sie auf dem richtigen Pfad sind, ihre Eigenständigkeit zu beweisen.

Das Glück der Langeweile

Kinder sind eigenständig, sind widerständig. Sie eignen sich, wie es der Soziologe Rainer Zoll einmal für die Erwachsenenwelt formuliert hat, ihre Zeit auf ihre Art und Weise an. Sie lassen sich nicht so ohne weiteres beschleunigen. Entschleunigen ist das Gebot der Stunde. Um es an den Begriffen der Zerstreuung und Langeweile zu veranschaulichen.

Vor über 200 Jahren galt Langeweile als wichtig und notwendig. Nun ist sie wichtiger und notwendiger, aber verkannter und abgewerteter denn je. Sich aus den Vorgaben auszuklinken, der organisierten und vorgeplanten Freizeit die kalte Schulter zu zeigen, Zeit für eigene Ideen zu entwickeln, auf dem Bett zu liegen, die Hausaufgaben genauso zu ignorieren wie das pädagogisch wertvolle Spiel, das achtlos in der Ecke liegt, weil man hier nur das spielen kann, was vorgeplant und vorbestimmt ist.

Wenn Kinder ständig formulieren, ihnen «sei so langweilig», «einfach nur noch fad», dass sie keine eigenen Ideen entwickeln, kann das in zwei Richtungen deuten: einerseits eine verdeckte Botschaft an die Eltern, sich mehr mit ihnen zu beschäftigen, in ihre Welt, ihre Träume einzutauchen, «mitzuspinnen», Logik und Rationalität beiseitezulassen, sich mit den Kindern auf einen gemeinsamen Weg zu machen. Kinder mögen Eltern, die nicht als Vater und Mutter «vernünftig» daherkommen, nur den geraden, den richtigen Weg beschreiten, die versteckten Oasen, die jenseits liegen, unbeachtet lassen. Umwege, und seien sie noch so verrückt, erweitern nicht allein die Ortskenntnis, Umwege dienen zugleich dazu, Persönlichkeitsanteile – eben die Phantasie – in sich zu entdecken, die verschüttet sind, die man beiseitegeschoben hat. Phantasie, so hat es der Neurologe Gerald Hüther ausgedrückt, ist das «Zusammenfügen von Erinnerungsspuren und Erfahrungen zur Kreation einer eigenen Gedankenwelt». Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene.

Doch weist der stereotyp formulierte Satz, es wäre alles so langweilig, noch auf einen anderen Sachverhalt hin. Es fällt auf: Kinder, bei denen alles verplant ist, oder aber jene, die keine Alltagsstrukturen erfahren, die nicht wissen, woran sie sind, die sich alleingelassen fühlen, diesen Kindern ist es eben auch sehr schnell langweilig, weil sie keine Bindung, keine Beziehung haben. Hier stellt Langeweile einen Hilferuf dar. Langeweile ist eben nicht Langeweile, es kommt darauf an, in welchen Bezügen sie erlebt wird.

Fühlt ein Kind sich in Beziehungen aufgehoben, dann ist Langeweile für die Persönlichkeitsentwicklung ausgesprochen wichtig. Sie stellt eine Zeit dar, die nur dem Kind gehört. Deshalb reagiert es so vehement, so barsch, wenn ihm vorgeworfen wird, es langweile sich wohl wieder. Solchen Satz deutet es als Eingriff in seinen Wunsch nach Autonomie, danach, die Eigenzeit so zu gestalten, wie man es selber möchte. Langeweile, das heißt, auf dem Bett zu liegen, an die Decke zu starren, das heißt, gedankenverloren im Sessel zu sitzen, vor sich hin zu träumen, das heißt, Zeit für eigene Ideen zu haben, diese zu vertiefen, Zeiten, in denen nichts, aber rein gar nichts ge- und verplant ist. Langeweile ist eine Quelle der Kraft. Aber wer zu dieser Quelle will, so heißt es in einem chinesischen Sprichwort, der muss gegen den Strom schwimmen.

Ähnliches trifft auf die Zerstreuung zu. Ein zerstreutes Kind, so die landläufige Meinung, ist ein Kind, was nicht bei der Sache ist. Stimmt! Doch warum müssen Kinder bei jeder Sache sein, die von außen vorgegeben wird: Da ist der siebenjährige Malte, der im Schulunterricht aus dem Fenster schaut, weil auf dem Fensterbrett ein Zaunkönig hockt. Der ist doch viel wichtiger als die Buchstaben, die die bemühte Lehrerin ihm anbietet. Der Zaunkönig fliegt gleich weg, die Buchstaben aber bleiben. Da ist die vierjährige Anna, die in ihrem Zimmer hockt wie eine Prinzessin, eine umtriebige Mutter um sich herum, die sie zum Aufräumen bewegen will. Doch sieht Anna keinen Anlass dazu, findet sie doch in ihrem Chaos alles wieder. Die Einzige, die durchdreht, ist ihre Mutter. Kinder lieben die «Streu-Ordnung», denn in der Zerstreuung sind strukturierende Momente enthalten, die nur die Kinder, aber nicht die Erwachsenen erblicken und zu deuten wissen.

Und da ist dann noch der knapp sechsjährige Benjamin, der in den Kindergarten muss, aber «der aus dem Anziehen seiner Schuhe», so seine Mutter, «ein Projekt macht. Der untersuche jeden Morgen seine Schuhe, die Schnüre, die Lasche, «einfach alles!» Sie würde durchdrehen, Benjamin säße da wie «ein kleiner Wissenschaftler», durchdenke alles, käme vom «Hundertsten ins Tausendste», der könne sich mit allem beschäftigen, würde allen Dingen auf den Grund gehen. Albert Einstein hat einmal von «der heiligen Neugier des Forschens» gesprochen, die in Kindergarten und Schule, aber nicht nur da, wieder angesagt ist. Kinder wollen hinter die Dinge schauen, sie begreifen, sie erfassen – und das so lange, bis sie Zusammenhänge begriffen haben. Mag das aus der Sicht von Erwachsenen noch so zusammenhanglos, noch so zerstreut daherkommen, für Kinder macht das Sinn, macht Zusammenhänge erfahrbar.

Bleibt da noch die Phantasie: Phantasie und Wissen darf man nicht als sich ausschließende Gegensätze betrachten. Phantasie baut auf Wissen, Erfahrung und Verständnis auf. Je jünger die Kinder sind, umso mehr verwischen sich Phantasie und Wirklichkeit. Wenn jüngere Kinder sich Realität nicht erklären können, wenn da Wissenslücken sind, dann werden diese Lücken durch die Vorstellungskraft der Kinder erklärt. Phantasie ist eine Kraft, die Kindern Stärke verleiht, wenn man ihnen dann die Möglichkeit gibt, zu phantasieren. «Nun, spinn hier nicht rum!», das ist so ein Satz, mit dem Kinder reglementiert oder belächelt werden.

Dann ist da noch die andere Seite: Einerseits beklagt man, dass Kinder phantasielos sind, keine «blühenden Phantasien» mehr haben, andererseits werden phantasiebegabte Kinder schnell als problematisch beschrieben, weil sie Realitäten überwinden.

Kinder lieben Phantasiewelten, weil sie nur ihnen gehören und nur jene Erwachsenen Zutritt haben, die Kind geblieben sind. Wer Phantasien hat, der kann sich fortträumen, kann andere Welten erobern. In der Phantasiewelt ist alles möglich, hier herrschen keine Regeln, die in der Wirklichkeit eingehalten werden müssen.

Damit fangen die Probleme an. Die Fähigkeit zum Phantasieren nimmt schon mit der Pubertät ab. Der Realitätssinn gewinnt die Übermacht. Das gilt für das Erwachsenenalter allemal. Wir hatten es betont: Was Phantasie und Tagträume anbetrifft, sind Kinder die Lehrmeister der Erwachsenen. Sie fordern ihre Eltern auf, in ihre Welten, ihre Phantasiegeschichten einzudringen, sie lassen sie teilhaben an einer Welt, in der Zeit und Raum verschwinden.

Phantasien schützen und stärken

Das ist leichter gesagt als getan. Lernen – immer früher, immer intensiver, immer mehr. Das ist das Gebot der Stunde! In Kindergärten, die Englisch für Dreijährige, Chinesisch für Vierjährige anbieten, da geht der Daumen nach oben. In jenen, in denen «nur» gespielt, «nur» getobt wird, da senkt er sich unbarmherzig nach unten. Frühförderung ist angesagt. Sie fängt bei manchen Eltern schon in der Schwangerschaft an. Und der Erfolgsdruck beginnt schon mit der Geburt. Besorgte Mütter und Väter vergleichen ihre Kinder mit anderen, fragen sich besorgt, ob sich ein Kind «plangemäß» entwickelt, achten darauf, was ein Kind nicht kann, und übersehen dessen Stärken und Fähigkeiten. Der Ge