Lasst mich eure Stimme sein - Soon Ok Lee - E-Book

Lasst mich eure Stimme sein E-Book

Soon Ok Lee

4,5

Beschreibung

Sie glaubte der Propaganda: Die Menschen in Nordkorea waren mit dem besten System und dem besten Regenten der Welt gesegnet. Sie hatte eine gute Position in der Wirtschaft: Sie bestellte und teilte begehrte Importgüter aus dem Ausland zu. Da gerät sie durch eine Intrige in einen Machtkampf zwischen Partei und Sicherheitsapparat. Trotz ihrer Treue zur Partei wird Soon Ok Lee zu 13 Jahren Arbeitslager verurteilt und erträgt dort unvorstellbare Leiden. Nach 6 Jahren wird sie überraschend entlassen. Zusammen mit ihrem Sohn gelingt ihr die Flucht nach Südkorea. In ihrem Herzen hat sie den 6000 Gefangenen ihres Lagers versprochen: Sie würde im Ausland von ihren Qualen erzählen. Sie würde Zeugnis ablegen für die Hölle, durch die diese Menschen gehen. Jetzt hat sie ihr Versprechen eingelöst.

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Soon Ok Lee

Lasst micheure Stimme sein!

Sechs Jahre in Nordkoreas Arbeitslagern

Die amerikanische Ausgabe erschien unter dem Titel „Eyes of the Tailless Animals – Prison Memoirs of a North Korean Woman“ bei Living Sacrifice Book Company

© Soon Ok Lee 1999

Die koreanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Kori Upnen Gymseung Deuleui Noonbit“ 1996 bei Chunji Media, Seoul

Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Dr. Friedemann Lux

© der deutschen Ausgabe

Brunnen Verlag Gießen 2005

www.brunnen-verlag.de

Umschlagfotos: IFA, Düsseldorf; Open Doors

Umschlaggestaltung: Ralf Simon

Satz: DTP Brunnen

ISBN 978-3-7655-3848-3

eISBN 978-3-7655-7158-9

Inhalt

1.Aus der Grube des Todes

2.Der Abgrund des Bösen

3.Folter und Verrat

4.Für meinen Mann und meinen Sohn

5.„Ab jetzt bist du kein Mensch mehr“

6.Zwangsarbeit, Kälte, Hunger

7.„Arbeit macht frei“ auf Koreanisch

8.Nordkoreanische Exportfabriken – die schlimmste Sklavenarbeit der Welt

9.Wenn Sterben leichter ist als Leben

10.„Dreh dem Balg den Hals um!“

11.Für einen Bissen Lehm

12.Der Strafblock

13.Alles für den Führer

14.Die Menschen, die an Gott glaubten

15.Der Sohn aus Amerika

16.Der schwarze Schatten des Paradieses

17.Die wirklichen Diebe

18.Entlassung

19.Flucht

20.Ich werde nie vergessen

Nachwort zur deutschen Ausgabe von Markus Rode

Ein besonderer Dank geht an:

Chunji Media in Seoul

Cornerstone Ministries und Pastor Bahn-Suk Lee

Jin Young Choi

Cheryl Odden und VOM Communications

Lynn Copeland

Joette Whims

Betty Slonczewski

1. Aus der Grube des Todes

Ich kann es immer noch nicht recht glauben, dass ich noch lebe. Wenn ich in Südkorea durch die Straßen gehe, sitze oder schlafe, muss ich immer wieder daran denken, was ich durchgemacht habe. Das Gefängnis, in dem ich war, kann ein normal Sterblicher sich nicht vorstellen. Es war eine Grube des Todes, ein Ort, wo die Wächter von einem verlangten, dass man sein Menschsein ablegte, wenn man durch die Tür kam.

Mein Leben begann privilegiert und voller Hoffnung. Ich wurde 1947 in der Stadt Chungjin im Nordosten Nordkoreas geboren, als einziges Kind einer Familie, die nach den Maßstäben dieses kommunistischen Landes wohlhabend war. Mein Großvater hatte in China, im Norden der Mandschurei, in der chinesischen Armee gedient. Während Korea eine japanische Kolonie war, hatte mein Vater an der Seite von Kim Il Sung, dem späteren Diktator von Nordkorea, für die Unabhängigkeit unseres Landes gekämpft. Mein Großvater und Vater waren geachtete Männer.

Seit meiner Geburt war ich sozusagen mit der kommunistischen Partei verheiratet. Da es in der Familie seit vier Generationen keine Söhne gegeben hatte, ruhten alle Hoffnungen auf mir, und ich wurde gründlich in der kommunistischen Lehre unterwiesen. Als Tochter solch wichtiger Männer wurde ich bevorzugt behandelt und durfte später an der angesehenen „Wirtschaftsuniversität des Volkes“ studieren. Nach meinem Examen verhalfen meine Eltern mir zur Mitgliedschaft in der Kommunistischen Arbeiterpartei (Noh-dong). Ich bekam einen Posten als Inspektorin im Materialverteilungszentrum. Es war eine Bilderbuch-Karriere.

Jeden Augenblick meines Lebens, ob ich wachte oder schlief, diente ich der Partei. Ich hinterfragte ihre Lehren nie, sie waren für mich die absolute Wahrheit. Ich arbeitete von ganzem Herzen und mit aller Kraft für die Regierung.

Während des Koreakrieges (1950-53, d. Übers.), als ich noch ein Kind war, war meine Familie nach Onsung im äußersten Nordosten umgezogen, nahe an die Grenze zur Sowjetunion. Dort war ich auf die Wirtschaftsoberschule gegangen und hatte 1963 mein Studium begonnen. Nach meinem Examen hatte ich eine Lizenz als Wirtschaftsprüferin bekommen und 1969 begonnen, als Inspektorin in der Handelsbehörde des Bezirks Onsung zu arbeiten. 1978 war ich die Leiterin des Materialverteilungszentrums des Bezirks geworden. Es war selten, dass eine Frau Anfang zwanzig Mitglied der Partei und Leiterin einer Behörde war. Im Bezirk Onsung war ich die einzige.

Mein Mann, der sieben Jahre älter war als ich, war Lehrer. Auch seine Familie galt als gut kommunistisch. Mit noch nicht einmal dreißig Jahren wurde er Direktor der Mittelschule und Oberschule – auch dies eine Seltenheit in Nordkorea.

Wir hatten einen Sohn, Kim Dong Chel. Er war ein aufgeweckter Bursche, der es verstand, die Älteren zu achten. Schon mit sechzehn Jahren war er Geheimpolizist, zwei Jahre später arbeitete er für die Militärpolizei in der Nähe eines Lagers für politische Gefangene. Er bestand die Aufnahmeprüfung für die Kim-Il-Sung-Universität, die angesehenste Hochschule des Landes. Mein Mann und ich waren sehr stolz auf ihn. Was konnte eine Familie sich mehr wünschen? Doch dann begann die Wolke des Unglücks sich über unser Leben zu legen.

Verhör und Gefängnis

Mein Martyrium begann, nachdem ich von einer Dienstreise nach China zurückgekehrt war. Ich hatte dort Uniformstoff für Beamte der Regierung und der Partei eingekauft. Ein Offizier der Staatssicherheit (dies entspricht in etwa dem sowjetischen KGB) hatte mehr Uniformstoff von mir haben wollen, als ihm zustand. Ich konnte ihm seinen Wunsch nicht erfüllen, da meine Vorräte begrenzt waren. Weil ich seiner Gier nicht nachgab, wurde ich in die Unterwelt des nordkoreanischen Archipel Gulag geworfen. Es war eine unvorstellbar grausame „Strafe“.

Während der vierzehn Monate meiner Untersuchungshaft erlitt ich unglaubliche körperliche und seelische Qualen. Als eine eher zarte Frau konnte ich sie fast nicht ertragen. Nach einer Orgie der Drohungen, Folterungen, Versprechungen und Lügen wurde ich zu dreizehn Jahren in einem so genannten Resozialisierungslager verurteilt. In solche Lager kommen in Nordkorea Menschen, die nicht nach der Pfeife des Regimes tanzen.

Mein ganzes Leben lang hatte man mir eingetrichtert, dass der nordkoreanische Kommunismus jeden einzelnen Menschen ehrt und schätzt. Was ich in diesem Lager erlebte, mochte ich zuerst nicht glauben. Die Gefangenen durften nicht miteinander sprechen, nicht lachen, nicht singen oder in einen Spiegel schauen. Beim Verhör mussten sie kniend und mit gesenktem Kopf die Fragen beantworten. Jeden Tag hatten sie achtzehn Stunden Zwangsarbeit zu leisten. Wer sein Tagessoll nicht erfüllte, kam in eine Strafzelle.

Das Lager war der Ort, wo die „Tiere ohne Schwänze“ hausten. So nannte man die Gefangenen. Wie die kommunistische Partei Menschen so behandeln konnte, war mir mehr als unbegreiflich. Wie konnte sie – und das in Friedenszeiten – Menschen, die zu den Ihren gehörten, foltern und ihre eigenen Lehren und Ideale verraten?

Wunder der Freiheit

Im Dezember 1992 konnte ich durch das schwere Tor des Lagers in Khechen hinaus in die Freiheit treten. Gott hatte ein Wunder getan, wie es bis dahin in dreißig Jahren nicht geschehen war. Von der ersten Minute an war ich entschlossen, der Welt von den nordkoreanischen Gefängnissen und Lagern und den Menschen dort zu erzählen. Ich wollte nicht über das schweigen, was ich erlitten und gesehen hatte.

Kaum dass ich in Südkorea war, suchte ich nach einer Gelegenheit, zu reden. Ich musste sie hinauslassen, die Wut und die Trauer, die sich in mir in den Jahren im Archipel Gulag mit seinen Demütigungen und dem erzwungenen Schweigen angesammelt hatten. Ich wollte eine Stimme sein für die Tausenden und Millionen Gefangenen, die unter unerträglichsten Bedingungen leben müssen, vor allem aber für meine Brüder und Schwestern im Glauben. Ich wollte an ihrer Statt verkünden: „Auch wir sind Menschen, und wir haben ein Recht, gehört zu werden!“

Nach meiner Flucht aus Nordkorea fand ich zu Gott, den ich heute in Freiheit loben darf. Worte können es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich, wie Gott mich führte und was für Wunder er für mich tat.

Bittende Augen

Ich bin nicht nur deswegen nach Südkorea geflohen, damit ich selbst frei werde. Ich habe eine Verantwortung für all die, die noch in den Lagern sitzen. Ich kann sie nicht vergessen. Als ich „mein“ KZ verließ, sah ich die Augen der 6 000 „Tiere ohne Schwänze“, die ich zurückließ. Ich spürte, wie diese Augen mich anflehten: „Du, die lebendig wieder nach draußen kommt: Sag den Menschen, wie es uns hier geht!“ Immer wenn ich beim Schreiben müde werden wollte, sah ich diese Augen wieder – und konnte weiterschreiben.

Heute bricht mir das Herz, wenn ich von den Hungersnöten in Nordkorea höre. Wenn schon die Menschen außerhalb der Lager hungern – wie mag es denen ergehen, die hinter ihren Mauern leben? Und am allermeisten leiden die Christen.

Es ist schön und gut, wenn der Westen Reis nach Nordkorea schickt und mit seiner Regierung verhandelt, um ihr bei der Lösung ihrer Wirtschafts- und Versorgungsprobleme zu helfen. Aber noch wichtiger ist es, dem Land die Liebe Gottes zu schicken. Nordkorea hat eine große christliche Geschichte. Früher konnten dort Hunderttausende Christen in Freiheit ihren Glauben leben. Heute gibt es in Nordkorea unzählige Menschen, die nicht nur äußerlich hungern, sondern die das Brot des Lebens, Jesus Christus, brauchen.

Lassen Sie mich die Geschichte dieser Menschen und meine Geschichte beginnen, indem ich Ihnen erzähle, wie ich in die Grube des Todes kam.

2. Der Abgrund des Bösen

Es passierte am 26. Oktober 1986, als ich nichts ahnend an meinem Schreibtisch saß. Es war einer jener Sonntage, an denen die Frauen in Korea kim chi (Gemüse, koreanische Pickles) für den Winter einlegen. In meinem Büro war alles ruhig, weil die Frauen in den anderen Abteilungen ihren freien Tag hatten. Da ich jedoch für das Zählen des Lagerbestandes und die Vorbereitung eines Berichts über Eingang und Verteilung von Vorräten verantwortlich war, war ich trotzdem zur Arbeit erschienen. Ich hatte vor, am Morgen zu arbeiten und den ganzen Nachmittag auszuruhen. Damit ich schneller fertig würde, hatte ich den Leiter der Planungsabteilung angewiesen, für mich ans Telefon zu gehen, falls Anrufe kämen.

Plötzlich hörte ich, wie es draußen laut hupte. Ich ging ans Fenster, öffnete und schaute hinaus. Draußen im Hof stand ein Auto des Militärgeheimdienstes. Nanu, was wollten die hier an einem Sonntag, wo alle zu Hause waren? Das Lager war geschlossen, heute konnte man kein Material bekommen. Ohne weiter nachzudenken, schloss ich das Fenster wieder und setzte mich zurück an meinen Schreibtisch.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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