Last Night at the Office - Vi Keeland - E-Book

Last Night at the Office E-Book

Vi Keeland

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Er ist ihr neuer Boss. Und sie ist seine größte Versuchung.

Naomi Heart ist zur Hochzeit ihrer besten Freunde nach Michigan gereist. Mitten in der Nacht schreckt sie in ihrer Unterkunft aus dem Schlaf hoch, als sich jemand neben sie ins Bett legt. Naomi tut, was jede vernünftige Frau tun würde: Sie geht zum Angriff über. Unglücklicherweise stellt sich der Unbekannte als Dawson Reed heraus. Berüchtigter New Yorker Strafverteidiger und der Trauzeuge, der durch einen Computerfehler dasselbe Airbnb gebucht hat. Trotz des blauen Auges, das nun seine markanten Gesichtszüge ziert, ist er unwiderstehlich – und Naomi kann den arroganten Finsterling nicht ausstehen. Zum Glück müssen sie einander ja nur dieses Wochenende ertragen. Doch als Naomi nach Manhattan zieht und dort eine neue Stelle antritt, ist ihr Boss kein anderer als Mr Dawson Reed …

Enthaltene Tropes: Workplace Romance
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Die ehemalige Staatsanwältin Naomi Heart ist zur Hochzeit ihrer besten Freunde nach Michigan gereist. Mitten in der Nacht schreckt sie in ihrer Unterkunft aus dem Schlaf hoch, als sich jemand neben sie ins Bett legt. Naomi tut, was jede vernünftige Frau tun würde: Sie geht zum Angriff über. Unglücklicherweise stellt sich der Unbekannte als Dawson Reed heraus. Berüchtigter New Yorker Strafverteidiger und der Trauzeuge, der versehentlich im selben Airbnb untergebracht wurde. Trotz des blauen Auges, das nun seine markanten Gesichtszüge ziert, ist er unwiderstehlich – und Naomi kann den arroganten Finsterling nicht ausstehen. Zum Glück müssen sie einander ja nur dieses Wochenende ertragen. Doch als Naomi zu ihrer schwer kranken, alleinerziehenden Schwester nach Manhattan zieht und dort eine neue Stelle antritt, ist ihr Boss kein anderer als Mr Dawson Reed …

Weitere Informationen zu Vi Keeland sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Vi Keeland

Last Night at the Office

Roman

Übersetzt von Babette Schröder

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Indiscretion«.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2026

Copyright © 2024 by Vi Keeland

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotive: Volles + ABCD stock / shutterstock images

Redaktion: Antje Steinhäuser

MR · Herstellung: ik

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-33781-0V002

www.goldmann-verlag.de

1. Kapitel

Dawson

Was zum Teufel hat sich mein Freund nur dabei gedacht?

Ich stand auf der klapprigen Veranda der Hütte, die ich über Airbnb gemietet hatte, und sah mich um. Bäume. Dreck. Klatsch. Toll. Und auch noch Moskitos. Vielleicht würde alles besser aussehen, wenn ich erst eine Nacht geschlafen hatte. Das brauchte ich wirklich dringend.

Die zwölfstündige Fahrt von New York nach Michigan hatte fünfzehn Stunden gedauert, weil alle am Vierten-Juli-Wochenende verreisten. Jetzt war es zwei Uhr morgens, und ich hoffte, dass diese beschissene Hütte wenigstens eine anständige Matratze hatte. Für die Eingangstür brauchte man eigentlich einen Zahlencode, aber als ich nach der Klinke griff, war sie nicht verschlossen.

Innen war die Hütte kleiner, als sie auf den Bildern ausgesehen hatte, aber wenigstens schien sie sauber zu sein. Bens Verlobte hatte die Gegend als ländlich und idyllisch beschrieben, aber diese Hütte eignete sich als Location für einen Horrorfilm, und der Kühlschrank war so alt, dass er womöglich noch mit einem Eisblock kühlte. Ich seufzte und suchte in der Pantryküche nach einer Steckdose. Als ich neben einem antiken Toaster eine entdeckte, war ich überrascht, dass bereits ein iPhone-Ladegerät eingestöpselt war. Das musste der moderne Komfort sein, mit dem in der Beschreibung geprahlt wurde.

Egal. Ich brauchte dringend etwas Schlaf. Und davor eine Dusche. Nachdem ich mich ein letztes Mal im Wohnbereich umgesehen hatte, betrat ich den einzigen Flur. Dort gab es zwei Türen. Die erste führte in ein Bad, in dem ordentlich gefaltete Handtücher in einem Regal gestapelt waren. Ich entledigte mich meiner Kleidung und stieg in die Wanne.

Bald strömte es warm über meine verspannten Schultern. Dankbar für den guten Wasserdruck atmete ich ein paarmal ein und aus und entspannte mich. Diese Reise entsprach ganz sicher nicht meiner Vorstellung von Urlaub, aber ich musste mal ein paar Tage raus. Weg vom Büro. Von Emily – und meinem Leben.

Keine Kriminellen, die mir ihre schwachsinnigen Leidensgeschichten erzählen.

Keine unerfahrenen Pflichtverteidiger, die völlig unvorbereitet ins Gericht kommen, eine Vertagung beantragen und meinen vollen Terminkalender durcheinanderbringen.

Einen ganzen Tag, ohne meiner Ex zu begegnen.

Natur war nicht mein Ding. Im Idealfall würde ich ein paar Tage in einem Fünf-Sterne-Hotel auf einer karibischen Insel verbringen, Cocktails an der Poolbar schlürfen und neben einer sexy Frau aufwachen. Und genau das hatte ich erwartet, als mein Freund verkündete, er werde an einem Urlaubsort heiraten. Doch stattdessen sah es so aus, als bräuchte ich Mückenspray, Wanderschuhe und möglicherweise ein Banjo. Ich hasse mein Leben.

Die heiße Dusche entspannte mich tatsächlich etwas, oder vielleicht war ich auch einfach nur hundemüde. Ich hatte mich nach einem morgendlichen Gerichtstermin und zwei Telefonkonferenzen ins Auto gesetzt, also stand Schlaf so oder so als Nächstes auf dem Plan. Da ich zu faul war, meinen Koffer auszupacken, trocknete ich mich ab und wickelte mir ein Handtuch um die Taille. Es gab keine andere Hütte in der Nähe, also konnte ich ruhig auf eine Unterhose verzichten. Zum Teufel, vielleicht würde ich meinen Kaffee morgen früh nackt auf der Veranda trinken.

Da es in der kleinen Hütte nur ein weiteres Zimmer gab, war es nicht allzu schwierig herauszufinden, wo sich das Schlafzimmer befand. Ich öffnete die knarrende Tür und suchte an der Wand nach einem Lichtschalter – ohne Erfolg. Also tastete ich mich durch die Dunkelheit zum Bett vor, und als mir das gelang, ohne mir einen Zeh zu stoßen, war mir eigentlich auch egal, wie es aussah. Ich stieg einfach hinein. Im Gegensatz zum Rest der Hütte, der etwas modrig roch, duftete es in diesem Zimmer angenehm, fast blumig. Die Bettwäsche musste mit einem anständigen Waschmittel gereinigt worden sein. Das war eine willkommene Überraschung. Der Duft entspannte mich sogar noch mehr als die Dusche. Das heißt, bis ich mich umdrehte und mir etwas ins Gesicht schlug.

»Was zum Teufel!«

Ich sprang aus dem Bett und fasste nach meinem rechten Auge.

Ein Hund bellte, und eine hohe Frauenstimme kreischte: »Ich habe eine Waffe!«

Schnell vergaß ich den Schmerz in meinem Gesicht und hob die Hände. »Sie brauchen keine Waffe. Ich bin nicht bewaffnet, und ich werde Ihnen nichts tun. Ich halte die Hände hoch.«

Plötzlich ging ein Licht an, und ich sah eine Frau von vielleicht eins fünfundfünfzig in einem scharfen rosa Spitzenpyjama mit einem sehr kleinen Hund auf dem Arm. Mit der einen Hand hielt sie den Zwerg, die andere richtete sie mit etwas auf mich.

Ist das … eine Lesebrille? Ich runzelte die Stirn. »Ist das etwa die Waffe?«

Sie fuchtelte mit der Brille herum. »Ich hab auch den grünen Gürtel!«

Ich machte große Augen. »Ist der zwei über weiß? Hast du drei Stunden genommen?«

Die Augen der Blondine verengten sich. »Leonardo beißt.«

Wie aufs Stichwort knurrte der Hund und zeigte mir sein Zahnfleisch. Das war aber auch alles, was er im Maul zu haben schien. Ich zeigte auf ihn. »Hat der überhaupt Zähne?«

Die Frau warf mir einen finsteren Blick zu. »Ein paar, Parodontose kommt bei Chihuahuas ziemlich häufig vor. Was willst du von mir, und warum hast du nur ein Handtuch an?«

»Ähh … Weil ich gerade geduscht habe. Und ich will vor allem eine ordentliche Mütze Schlaf. Was zum Teufel machst du hier? Ich habe diese Hütte gemietet.«

»Du hast diese Hütte gemietet? Nein, das glaube ich nicht. Ich habe sie gemietet.«

Plötzlich spürte ich ein Pochen unter meinem Auge. Ich tastete nach meiner rechten Wange. »Womit zum Teufel hast du mich geschlagen?«

Sie ließ die Brille aufs Bett fallen und öffnete und schloss die Hand. Sie sah so rot und geschwollen aus, wie sich mein Gesicht anfühlte. »Aua. Meine Knöchel tun ziemlich weh.«

Was zum Teufel ist hier los? »Du musst in der falschen Hütte sein. Wie bist du hereingekommen?«

Sie tastete ihre rechte Hand ab und zuckte zusammen. »Mit dem Code.«

Sie ratterte ihn herunter, und es war der richtige. Ich erinnerte mich daran, weil es der Geburtstag meiner Ex war – der 13. Juli. »Woher hast du den?«, fragte ich.

»Von der Airbnb-Vermieterin, Amy.«

Ich hatte keine Ahnung, bei wem ich die Hütte gemietet hatte, aber diese Frau klang ziemlich glaubwürdig. Vielleicht war ich ja in der falschen Hütte gelandet? Ich hätte schwören können, dass es die Hausnummer fünfzig war. Könnte ich vielleicht im falschen Block sein? Wenn ich es mir recht überlegte, ich war nicht mit dem Code hereingekommen. Obwohl es hier drinnen genauso aussah wie auf den Bildern im Internet …

»Ist das die Fifty Dogwood Lane?«

»Ja.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Tja, dann ist das die Hütte, die ich gemietet habe.«

»Das ist unmöglich, denn ich habe sie gemietet.« Sie schüttelte wieder ihre Hand. »Mist. Meine Knöchel tun wirklich weh.«

»Zeig mal.«

»Bist du Arzt?«

»Nein.«

»Warum sollte ich dir dann meine Hand zeigen?«

»Weil ich früher geboxt habe. Ich hab mir öfters die Knöchel gebrochen, als ich zählen kann.«

Sie zögerte, aber wenigstens setzte sie den zahnlosen Hund ab. Kaum hatten seine Pfoten die Matratze berührt, begann der kleine Scheißer zu bellen. Er sprang vom Bett und rannte knurrend um mich herum. Da er keine Zähne hatte, stellte er jedoch keine große Bedrohung dar, ich blieb einfach ruhig stehen. Doch wie sich herausstellte, braucht man keine Zähne, um nach etwas zu schnappen.

Zum Beispiel nach einem Handtuch.

Und daran zu ziehen.

Plötzlich stand ich splitterfasernackt da, meine Pracht vollkommen ungeschützt.

Die Frau hielt sich die Augen zu. »O mein Gott!«

Fuck. Dieser Tag wurde immer schlimmer – zumal meinem Schwanz nach dem Duschen kalt war und er sich zwischen meine Eier gekuschelt hatte. Bestimmt nicht meine beste Vorstellung – nicht, dass es eine Vorstellung gewesen wäre, aber ein Mann will immer einen guten ersten Auftritt haben.

Die Frau spreizte die Finger und lugte hindurch. »O mein Gott! Steh nicht einfach so rum! Tu was! Du bist nackt.«

Ich schnappte mir die Bettdecke und schlang sie um meine Taille. »Ich habe gerade geduscht …«

»Und?«

»Na ja, ich will nicht, dass du denkst …«

Ihre Augenbrauen schossen nach oben. »Machst du dir ernsthaft Sorgen, dass deine Männlichkeit nicht zur Geltung kommt?«

Also … ja. Aber das klang wie eine Fangfrage, also antwortete ich nicht. »Zeig mir deinen Mietvertrag.«

»Zeig du mir doch deinen!«

»Gut«, brummte ich. »Er ist in meinem Koffer, und der ist im anderen Zimmer.«

»Vielleicht findest du da ja auch was zum Anziehen!«

Ich musterte sie von oben bis unten. Sie war ziemlich süß. Blondes Haar, das auf dem Kopf zu einem lockeren Knoten gebunden war, große grüne Augen und eine Stupsnase mit ein paar Sommersprossen. Aber das hier war keine Bar, und eine Frau war das Letzte, was ich im Moment in meinem Leben brauchte, also bewegte ich meinen in eine Decke gehüllten Hintern ins Wohnzimmer.

Blondie mit dem grünen Gürtel kam hinterher, während ich in meinem Koffer wühlte. Sie trug jetzt einen Bademantel, der eng um ihre Taille gebunden war. Schade. Das Outfit darunter ist hübscher. Sie nahm einen Laptop vom Couchtisch, den ich vorhin nicht bemerkt hatte, und tippte auf ein paar Tasten. In der Zwischenzeit holte ich eine Shorts und ein T-Shirt heraus sowie die Mappe mit einigen Papieren, die meine Assistentin mir vor der Abreise ausgedruckt hatte.

»Hier«, sagte ich. »Meine Bestätigung ist irgendwo da drin. Ich ziehe mir rasch was an.«

»Danke.«

Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, sah sie mich mit gerunzelter Stirn an. »Ich glaube, du bekommst ein blaues Auge.«

»Perfekt. Passt zum Rest dieses furchtbaren Tages.«

»Tut mir leid.«

»Ist nicht deine Schuld. Du hast das Richtige getan. Wenn jemand uneingeladen in dein Bett steigt, schlag erst zu und stell dann Fragen. Mein Auge wird wieder.«

»Danke, dass du das sagst, aber ich fühle mich trotzdem schrecklich.« Seufzend zeigte sie auf den Laptop und schüttelte den Kopf. »Unsere Bestätigungen sind identisch. Sieht so aus, als hätten wir beide die Hütte für denselben Zeitraum gemietet. Wie ist das überhaupt möglich?«

»Zeig mal.«

Sie drehte den Laptop in meine Richtung, und ich verglich das Dokument auf dem Bildschirm mit meinen Unterlagen. Tatsächlich hatten wir beide Fifty Dogwood Lane gebucht.

»Ich weiß nicht, was zum Teufel da passiert ist«, sagte ich. »Aber ich habe eindeutig bezahlt. Ich erinnere mich, dass es vor sechs Monaten auf meiner Kreditkartenabrechnung stand.«

»Ich habe erst letzte Woche gebucht.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Na, dann ist ja klar, wer der rechtmäßige Mieter ist.«

»Wer?«

»Ich. Ich habe sie zuerst gebucht.«

»Es ist mir egal, wer sie zuerst gebucht hat«, konterte sie. »Wir haben beide dafür bezahlt, also haben wir das gleiche Recht darauf.«

Mir fiel ihre rote Hand auf. Sie war jetzt wirklich geschwollen. »Zeig mal deine Finger.«

Sie zögerte erneut.

Ich verdrehte die Augen. »Ich glaube, wir haben geklärt, dass ich hier nicht unrechtmäßig eingebrochen bin. Ich hatte den Code, auch wenn du die Tür offen gelassen hattest, was man hier draußen mitten im Wald wirklich nicht tun sollte. Es handelt sich offensichtlich schlicht um eine Verwechslung. Zeig mir deine verdammte Hand.«

Sie blinzelte. »Du brauchst nicht zu fluchen.«

»Fluchen? Verdammt ist kein Schimpfwort.«

»Doch, ist es.«

»Nein, ist es nicht. Fuck, vielleicht. Obwohl es auch ein Verb ist, und ich benutze es auch gern als Adjektiv und als Substantiv.«

»Wie auch immer.« Sie schüttelte den Kopf. »Sieh dir nur meine verdammte Hand an.«

Ich lachte.

Zwei ihrer Knöchel schienen nach rechts verschoben zu sein, aufgrund der Schwellung war es nicht gut zu sehen. »Kannst du diese Finger bewegen?«, fragte ich.

Bei dem Versuch zuckte sie zusammen. »Nicht wirklich. Und wenn ich es versuche, schießt ein schmerzhaftes Kribbeln durch meinen Arm.«

»Bilden deine Knöchel normalerweise eine Linie mit deinen Fingern?«

»Ja! Natürlich!«

»Dann sind sie ziemlich sicher gebrochen.«

Sie schloss seufzend die Augen. »Na toll.«

»Du solltest wahrscheinlich in die Notaufnahme fahren und sie röntgen lassen.«

»Sind Knöchel wie gebrochene Zehen und Finger, die man einfach tapt?«

»Normalerweise nicht. Wenn die Knochen nicht richtig stehen, so wie es bei dir aussieht, muss man sie in aller Regel korrigieren und die Hand eingipsen.«

Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Sie korrigieren, also die Knöchel verschieben?«

Ich nickte.

»Das klingt schmerzhaft.«

Das war es. Verdammt schmerzhaft. Aber ihr blasses Gesicht sagte mir, dass ich das für mich behalten sollte. »Ist nicht so schlimm.«

Ein Geräusch auf der anderen Seite des Zimmers erregte meine Aufmerksamkeit. Als ich hinübersah, entdeckte ich den Killer-Chihuahua, der auf dem Boden ein Stofftier bumste. »Uhhh … ich glaube, dein Hund hat eine neue Freundin.«

Die Frau seufzte. »Das ist Kate. Sie ist nicht neu. Leonardo macht das schon seit fünf Jahren mit ihr. Er ist verliebt.«

»Er ist ein Er und hat ein Glitzerhalsband?«

»Verurteile ihn nicht, weil er Glitzer mag.«

»Hat er gesagt, dass er das Ding um den Hals haben will?«

Wieder warf sie mir einen bösen Blick zu. Es war irgendwie süß.

»Soll das dein böses Gesicht sein? Wenn ja, solltest du vielleicht das Licht wieder ausschalten und im Dunkeln Schläge austeilen.« Ich blickte zu dem Hund hinüber. Der Köter machte richtig einen drauf. »Ist das … eine Schildkröte, die er da bumst?«

»Ja.«

»Erinnere mich daran, dass ich mein Haustier nie in die Nähe von deinem Hund lasse.«

»Warum?«

»Ich habe eine Schildkröte.« Ich schüttelte den Kopf. »Dein Hund ist in eine Stofftier-Schildkröte verliebt?«

Sie nickte. »Deshalb habe ich sie Kate genannt.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Leonardo und Kate – sie haben zusammen in Titanic gespielt.«

»Ist in der Geschichte nicht einer von ihnen gestorben?«

Sie blickte auf ihre Hand hinunter. »Kann ich auch noch morgen in die Notaufnahme fahren? Wie spät ist es eigentlich?«

»Ich bin kein Arzt, aber ich würde es eher nicht tun, und es muss jetzt fast drei Uhr morgens sein.«

»Toll. Ich habe keine Ahnung, wo das nächste Krankenhaus ist, und ich habe nicht einmal ein Auto. Ich bin mit einem Uber vom Flughafen hergefahren.«

Sie jetzt in ein verdammtes Krankenhaus zu bringen, war wirklich das Letzte, worauf ich Lust hatte, aber ich konnte sie nicht mitten in der Nacht allein fahren lassen. Ich deutete mit dem Kopf auf die Tür.

»Komm. Ich habe ein Auto. Ich fahre dich.«

»Nein, ist schon gut.« Sie schnappte sich ein Handy vom Couchtisch und tippte darauf herum. »Ich kann mir ein Uber rufen.«

»Ich bin sowieso wach. Wenn ich dich nicht hinbringe, werde ich nicht schlafen können.«

Sie legte die Stirn in Falten. »Warum nicht?«

»Weil ich eine Frau nicht mitten im Nirwana mit einem Fremden ins Auto steigen lassen kann.«

»Weil ich eine Frau bin? Wenn ich ein Mann wäre, wäre es also okay?«

Noch eine Fangfrage. Ich seufzte. »Lass mich dich einfach fahren.«

Sie starrte lange auf ihr Handy, dann zeigte sie mir das Display. »O mein Gott. Da steht, dass es in der Gegend keine Ubers gibt. Wie kann das sein?«

»Wir sind im beschissenen Michigan, und es ist mitten in der Nacht.« Ich deutete wieder auf die Tür. »Komm schon. Ich bring dich hin.«

»Ich weiß nicht einmal, wie du heißt.«

»Dawson.«

»Vor- oder Nachname?«

»Vorname.«

»Interessant.«

»Aufregend. Können wir jetzt fahren?«

Sie ignorierte mich. »Ich bin Naomi.«

Ich nickte. »Toll. Jetzt, wo wir beste Freunde sind, wie wäre es, wenn wir uns auf den Weg machen? Im Moment bin ich noch wach, aber irgendwann werde ich einschlafen. Es war ein verdammt langer Tag.«

Naomi biss sich auf ihre Unterlippe. »Gut. Aber lass mich erst meinen Schmuck holen.«

»Musst du für die Notaufnahme Schmuck anlegen?«

»Ich will ihn nicht tragen, ich will nur, dass er in Sicherheit ist. Mir ist aufgefallen, dass es in der Hütte keinen Safe gibt, und ich habe den Diamantanhänger und die passenden Ohrringe meiner Mutter dabei. Sie lebt nicht mehr, und sie bedeuten mir sehr viel.«

Ich richtete meinen Blick auf die kleine Ratte, die immer noch herumrammelte. »Kann dein Rottweiler sie nicht beschützen?«

Naomi sah mich skeptisch an. »Mach dich nicht über meinen Hund lustig. Er ist fantastisch.«

»Warum hast du in einer Hütte im Wald Diamanten dabei?«

»Ich gehe zu einer Hochzeit.«

»Welcher Hochzeit?«

»Von meiner Freundin Lily. Warum?«

Ach du Scheiße. Naomi … ihr verdammter Name war Naomi. »Wie heißt sie mit Nachnamen?«

»Heart.«

Ich schloss die Augen. Dies war wirklich der Tag der unendlichen Möglichkeiten.

»Du hast mit Lily und Ben Jura studiert, richtig?«

»Ja. Woher weißt du das?«

»Weil ich auf dieselbe Hochzeit gehe. Ben ist mein Freund – wir sind seit unserer Kindheit befreundet, haben bis zum Bachelor sogar noch zusammen studiert. Lily hat dich kürzlich erwähnt. Sie sagte, ihr wärt zusammen in Michigan auf die Uni gegangen und du seist gerade nach New York gezogen. Ich glaube, ihre genauen Worte waren: ›Ich würde euch ja einander vorstellen, aber ihr würdet euch hassen.‹«

2. Kapitel

Naomi

»Soll ich für Sie den Sozialdienst anrufen?« Die Krankenschwester lächelte warmherzig. »Oder vielleicht die Polizei?«

»Die Polizei? Warum sollte ich mit der Polizei sprechen wollen?«

Sie deutete mit dem Blick auf meine nun eingegipste Hand. »Es gibt nichts, wofür Sie sich schämen müssten. Meine Schwester war jahrelang in einer missbräuchlichen Beziehung und hat es vor uns verheimlicht. So etwas passiert auch starken Menschen. Das sagt nichts über Ihre Persönlichkeit aus.«

Ich hielt den Arm hoch. »Sie denken, ich hätte mir die Hand gebrochen, als ich mich gegen meinen gewalttätigen Partner gewehrt habe?«

»Ich habe Ihren Freund im Wartezimmer gesehen. Er lief auf und ab und sah aus, als würde er sich hier sehr unwohl fühlen.«

»Tja, das ist sicher richtig, denn wir haben uns erst vor ein paar Stunden kennengelernt, und es hat sich herausgestellt, dass wir uns wohl nicht mögen. Aber Dawson ist nicht mein Freund, und er hat mich ganz bestimmt nicht angegriffen. Vielmehr habe ich ihn angegriffen. So habe ich mir die Knöchel gebrochen.«

Die Krankenschwester schürzte die Lippen. Sie wirkte nicht überzeugt.

»Doch, ehrlich«, sagte ich. »Es gab eine Verwechslung bei unserer Airbnb-Reservierung. Wir haben dieselbe Hütte gemietet. Als ich mitten in der Nacht aufwachte und einen halbnackten Mann in meinem Bett vorfand, habe ich als Erstes zugeschlagen.«

»O je.«

Ich nickte. »Allerdings. Und es hat sich herausgestellt, dass wir beide wegen derselben Hochzeit hier sind, also kann ich mich nicht einmal entschuldigen und so tun, als wäre es nie passiert.«

Die Krankenschwester lächelte. »Na, er hat ein ziemliches Veilchen, Sie müssen einen guten Schlag haben.«

Mir dämmerte, dass wir Lilys und Bens Hochzeitsfotos ruinieren würden – ich mit diesem blöden Gips und Dawson mit einem blauen Auge. Ich schüttelte den Kopf. »Meine Freundin wird mich umbringen. Sie hat diese zauberhafte Märchenhochzeit mitten im Wald geplant, und Dawson und ich sorgen dafür, dass sie wie die Grimm’sche Version aussieht und nicht wie die von Disney.«

Sie lachte. »Na, es könnte schlimmer sein.«

»Wie bitte?«

»Sie hätten einen hässlichen Mann schlagen können. Ich bin wirklich froh, dass dieser Typ nicht das ist, wofür ich ihn gehalten habe. Er ist ziemlich attraktiv.«

Da hatte sie nicht ganz unrecht. Dawson sah äußerst gut aus. Als ich das Licht eingeschaltet hatte, war ich total platt gewesen. Wer stellt in einer solchen Situation fest, dass der Eindringling heiß aussieht? Ich musste dringend Sex haben. Es war schon viel zu lange her. Aber verdammt … ich war froh, dass ich nicht seinen markanten Kiefer getroffen hatte, und wenigstens hatte er noch ein babyblaues Auge, in das ich blicken konnte.

Ich biss mir auf die Unterlippe. »Ich habe alles von ihm gesehen. Als ich aufwachte, hatte er nur ein Handtuch umgebunden, und mein Hund hat es ihm heruntergerissen. Ich muss daran denken, Leonardo später ein Extra-Leckerli zu geben.«

Die Augen der Krankenschwester funkelten. »Und …?«

»Er ist das volle Paket.«

Wir kicherten wie alte Freundinnen. Das war nicht sehr nett von mir. Schließlich hatte der Mann eine Fremde, die ihn geschlagen hatte, mitten in der Nacht vierzig Minuten in die Notaufnahme gefahren, aber ich brauchte etwas Aufheiterung.

Noch immer lächelnd reichte mir die Krankenschwester einige zusammengeheftete Papiere. »Das sind die Anweisungen für Ihren Gips. Das Wichtigste ist, dass Sie ihn in eine Plastiktüte wickeln und beim Duschen trocken halten. Am einfachsten ist es, wenn Sie die Tüte mit einem Gummiband verschließen. Und stecken Sie nichts in den Gips, auch wenn es juckt, Sie könnten sich verletzen. Aber das werden Sie sowieso tun, vor allem, weil Sie das Ding in den heißesten Monaten des Jahres tragen und zwangsläufig schwitzen werden. Versuchen Sie also, allenfalls eine Nagelfeile oder etwas ohne Spitze zu benutzen.«

»Okay, danke.«

»Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie wieder in New York sind. Aber Sie werden den Gips wohl vier bis sechs Wochen lang tragen müssen.«

Ich runzelte die Stirn. »Na toll. Ich bin gerade auf der Suche nach einem neuen Job. Und natürlich bin ich Rechtshänderin.«

Sie nickte. »Die Leute schlagen für gewöhnlich mit der stärkeren Hand zu. Ich habe mir mal bei einem Autounfall das Handgelenk gebrochen. Am schlimmsten war es, den BH zu schließen. Man merkt gar nicht, wie sehr man die Hand verbiegen muss, um die kleinen Häkchen zusammenzubringen.« Sie schob das Behandlungstablett zur Seite und trat einen Schritt vom Bett zurück. »Okay, Sie sind fertig.«

Ich sprang hinunter. »Vielen Dank für alles. Gibt es hier eine Toilette, die ich benutzen kann, bevor ich gehe? Es ist eine lange Fahrt zurück zur Hütte.« Falls ich überhaupt dortblieb. Ich hatte noch keine Ahnung, was Dawson und ich tun sollten.

Als ich im Waschraum in den Spiegel blickte, war ich entsetzt. Vor meinem Abflug gestern hatte ich mir zum ersten Mal falsche Wimpern angeklebt, weil ich dachte, das würde sich auf der Hochzeit gut machen. Aber anscheinend hatte der Kleber nicht so gut gehalten, zumindest am rechten Auge nicht. Links allerdings schon, dort hatte ich nicht eine einzige Wimper verloren. Dadurch sah es aus, als wäre das eine Auge doppelt so groß wie das andere. Außerdem hatte ich vor dem Schlafengehen eine Gesichtsmaske aufgetragen. Erst war sie gelb gewesen, hatte sich beim Trocknen aber grünlich-grau verfärbt und offensichtlich hatte ich sie nicht so gründlich entfernt, wie ich dachte. In meinem Gesicht waren zwei gut sichtbare graue Reste, einer davon auf der Nase, sodass mein linkes Nasenloch uneben aussah. Und dann waren da noch die Flecken. Ich hatte helle Haut, auf der man alles sah, und immer wenn ich nervös war oder mich aufregte, bekam ich rote Flecken.

»Mein Gott.« Ich stellte das Wasser an und rieb die Reste der Schlammmaske aus meinem Gesicht. »Ich hätte den Mann nicht schlagen müssen. Ich hätte ihn verscheuchen können, wenn ich nur das Licht eingeschaltet hätte.«

Ein paar Minuten später ging ich in die Halle der Notaufnahme, die künstlichen Wimpern und die Reste der Maske hatte ich entfernt, gegen meine fleckige Haut konnte ich jedoch nichts tun. Als Dawson mich sah, stand er auf.

»Verdammt.« Er blickte auf meinen Arm. »War der weiße Gips aus?«

»Nein, ich fand das Rosa hübsch. Farbe macht mich glücklich.«

»Wenn du meinst. Ich nehme an, deine Knöchel sind gebrochen?«

Ich nickte. »Und du hast mich angelogen. Das Richten hat höllisch wehgetan.«

Dawsons Lippen zuckten. »Ich fand, du warst gestresst genug. Ich musste dir nicht noch sagen, dass dich so heftige Schmerzen erwarten, dass dir davon schlecht wird.«

»Und warum hast du mir nicht gesagt, wie mein Gesicht aussah?«

Zwischen seinen Brauen bildeten sich zwei Falten. »Was war mit deinem Gesicht?«

»Offenbar haben sich die künstlichen Wimpern im Schlaf von meinem einen Auge gelöst, und etwas von der Schlammmaske, die ich gestern Abend aufgetragen habe, klebte noch an meiner Nase.«

Dawsons Blick wanderte über mein Gesicht. »Hm. Deine Nase ist also gar nicht krumm?«

»Nein! Das lag an der Maske.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich fand dich trotzdem süß.«

Ich spürte ein unerwartetes Flattern in meinem Bauch, ignorierte es aber. »Was machen wir wegen der Hütte?«

Dawson legte eine Hand auf meinen Rücken. »Können wir das auf dem Rückweg besprechen? Der Typ da links hustet sich die Lunge aus dem Hals. Ich glaube, er hat Tuberkulose.«

Ich blickte zu dem hustenden Mann hinüber. »Tuberkulose? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Wahrscheinlich ist es nur ein Virus oder die Grippe.«

»Der Typ schwitzt und ist dünn. Ich habe die Symptome recherchiert. Fieber und Appetitlosigkeit sind häufige Anzeichen für TB.«

Ich blieb abrupt stehen. »O mein Gott. Ich habe vergessen, was Lily sagte, als sie mir erzählte, dass einer von Bens Freunden Verteidiger ist.«

»Was hat sie gesagt?«

Ich warf lachend den Kopf zurück. »Dass du klug, super ehrgeizig und gut aussehend bist, aber auch eine Mysophobie hast. Hast du deshalb um zwei Uhr nachts geduscht?«

»Ich habe an Raststätten angehalten. Weißt du, wie viel Mist in diesen ekelhaften Toiletten gedeiht?«

Ich weiß nicht, warum, aber ich konnte nicht aufhören zu lachen – weder als wir die Notaufnahme verließen noch als wir zu Dawsons Auto gingen.

Mit einem Stirnrunzeln öffnete er mir die Tür. »So lustig ist das nun auch wieder nicht.«

»Ich glaube, ich bin einfach übermüdet«, sagte ich kichernd. »Wenn ich erschöpft bin, werde ich manchmal von meinen Gefühlen überrollt. Du hast Glück, dass ich nicht weine – damit könnte ich dann womöglich auch nicht mehr aufhören.«

Er zeigte auf den Wagen. »Steig ein, oder ich lasse dich hier, und du kannst weinen, so viel du willst.«

Ich musste die ganze Zeit weiterlachen, während ich mich anschnallte, was besonders lange dauerte, weil ich dazu normalerweise die rechte Hand benutzte.

»Und was machen wir also mit der Hütte?«, fragte ich, als Dawson ins Auto stieg.

»Ich habe die Frau, die es uns vermietet hat, über die Airbnb-Website angeschrieben, aber sie hat noch nicht geantwortet. Hier ist es erst halb sieben, und in ihrer Biografie steht, dass sie an der Westküste lebt. Aber ich habe zwischenzeitlich Ben getextet. Lily wohnt bis zu ihrer Hochzeitsnacht bei ihrer Schwester. Er sagte, bis dahin könne ich bei ihm auf der Couch schlafen. Wir haben also zwei Nächte Zeit, um eine Lösung zu finden, bevor einer von uns auf der Straße sitzt.«

»Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass du auf der Couch schlafen musst, obwohl wir beide für die Hütte bezahlt haben.«

»Wir können uns auch gern das Bett teilen …«

»Wenn ich es mir recht überlege, klingt das Zusammenleben mit Ben ganz lustig.«

Dawson lachte und legte den Gang ein. »Dachte ich mir.«

*

Vierzig Minuten später erreichten wir die Hütte. Wir sahen sie beide zum ersten Mal bei Tageslicht. »Tagsüber sieht sie ganz nett aus.«

»Es wäre netter, wenn sie auf Barbados stünde und eine Poolbar und Zimmerservice hätte.« Dawson stellte den Motor ab, ließ den Schlüssel aber im Zündschloss stecken. »Ich muss nur noch meinen Koffer holen.«

»Ach. Ja, natürlich.«

Ich betrat die Hütte zuerst, aber Dawson stellte sich sofort vor mich. »Geh wieder raus«, sagte er mit tiefer, beunruhigender Stimme.

Als ich an seinen breiten Schultern vorbeispähte, sah ich, was Dawson alarmiert hatte. Drinnen lagen überall Klamotten herum, so hatten wir die Hütte nicht verlassen. Ich blickte dorthin, wo Dawsons voller Koffer gestanden hatte, und stellte fest, dass er jetzt leer war. Leonardo lag auf einer Jeans, die er dorthin geschleppt haben musste, auf der Couch und schlief tief und fest.

»Hast du zufällig deinen Koffer offen gelassen?«, fragte ich.

»Schon möglich. Ich musste Klamotten rausholen.«

Ich trat hinter Dawson hervor, ging zur Couch und wedelte drohend mit dem Finger. »Leonardo, was hast du getan?«

Mein Hund legte die Ohren an, ein verräterisches Zeichen dafür, dass er schuldig war – auch wenn die Beweise nicht überall im Raum verteilt gewesen wären.

»Es tut mir leid. Leonardo liebt es auszupacken. Koffer, Kisten, Handtaschen – ich darf nichts herumliegen lassen, sonst räumt er es aus, wenn ich weg bin. Als ich letzte Woche mit ihm im Park war, hat er die Handtasche einer Frau ausgeräumt, während ich eine SMS schrieb. Sie dachte, jemand hätte sie ausgeraubt. Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht, als wir gegangen sind.«

Dawson schüttelte den Kopf. »Toll.«

»Es tut mir wirklich leid. Ich helfe dir beim Aufräumen.«

»Ich mach das schon.« Er bückte sich und begann, die Kleidung vom Boden aufzusammeln. »Ich glaube, du hast mir schon genug geholfen.«

Ich stutzte. »Du musst deswegen nicht sauer sein. Leonardo hat Verlustängste. Er war wahrscheinlich gestresst, als wir ihn an einem fremden Ort zurückgelassen haben.«

»Ja, der Hund ist gestresst«, brummte Dawson. Er sammelte die restlichen Klamotten ein und stopfte sie zurück in den Koffer. Seufzend sah er sich um. »Ich glaube, das ist alles. Ich sage dir Bescheid, wenn ich von der Airbnb-Frau höre.«

»Ich gebe dir für alle Fälle meine Nummer.«

Dawson holte sein Handy heraus und reichte es mir. Nachdem ich meine Nummer eingetippt hatte, gab ich es ihm zurück.

»Wenn ich nichts von ihr höre, sehen wir uns wohl später.«

»Später?«, fragte ich.

»Heute Abend ist die Hochzeitsprobe.«

»Oh. Klar. Natürlich.« Ich ging zur Tür und sah zu, wie Dawson seinen Koffer zum Auto zog. »Danke noch mal, dass du mich ins Krankenhaus gefahren hast.«

»Kein Problem. Danke für das blaue Auge.«

Ich lächelte. »Vergiss nicht den Speichel und die Hundehaare auf deinen Klamotten. Ich habe gehört, dass du eine Mysophobie hast, also findest du das sicher toll. Oh, und wahrscheinlich hast du jetzt auch noch Tbc.«

Er öffnete die Autotür und hielt sich am Dach fest. »Ja, sag dem kleinen Scheißer danke, dass er mir mit dem Handtuch geholfen hat und ich nackt vor einer Frau stand, die mich gerade angegriffen hatte.«

In meinem Kopf tauchte ein Bild von Dawson mit Sixpack und seinem großen Schwanz auf, der sogar schlaff bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Dort blieb es, als er aus der Einfahrt und den Schotterweg hinunterfuhr. Es war eine verdammt schlimme Nacht gewesen, und doch schlich sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen. Ich seufzte. Ich werde Leonardo auf jeden Fall danken.

3. Kapitel

Dawson

»So etwas passiert nur dir, Reed.« Die Schultern meines Freundes Ben bebten vor Lachen. »Obwohl ich es angenehm finde, dass du jetzt in einem Alter bist, in dem du eine verpasst bekommst, wenn du dich zu einer Frau ins Bett schleichst. Ich weiß noch, wie wir mitten in der Nacht ins Wohnheim zurückkamen und in deinem Bett eine Frau auf dich wartete.«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Zeiten sind vorbei. Das ist mir in den letzten zehn Jahren nur ein Mal passiert. Als ich eine psychotische Mandantin nach einer fünfjährigen Haftstrafe im Berufungsverfahren aus dem Gefängnis geholt habe, ist sie in meine Wohnung eingebrochen, um sich bei mir zu bedanken.«

Ben lachte. »Das hatte ich ganz vergessen. Emily war bei dir, stimmt’s? Sie war darüber auch nicht glücklich.«

Ich runzelte die Stirn. »Hör mir auf mit Emily.«

Ben wendete die Pancakes, die er am Herd zubereitete. »Wie läuft’s denn so? Zeigt sie dir immer noch die kalte Schulter, obwohl sie im Unrecht war?«

Ich schüttelte den Kopf. »Es ist ätzend. Einer von uns muss gehen.«

»Glaubst du nicht, dass sich die Lage zwischen euch irgendwann beruhigen wird?«

»Auf keinen Fall.«

»Du kannst jederzeit auf der anderen, anständigen Seite arbeiten.«

Ben und Lily waren beide stellvertretende Bezirksstaatsanwälte. Ben arbeitete in der Abteilung für organisierte Kriminalität in Manhattan, und Lily in der Berufungsabteilung in Brooklyn. Manchmal liefen wir uns im Gerichtssaal über den Weg, aber nicht allzu oft. »Die einzigen anständigen Menschen in unseren Jobs sind die Trottel, die für sage und schreibe vierzig Dollar am Tag in der Jury sitzen. Außerdem würde mich dein Gehalt stören.«

»Wenn man zu zweit ist und sich die Kosten teilt, ist es nicht so wild.«

»Na, das steht allerdings nicht auf meiner Agenda.« Ich machte nur Spaß, auch wenn die Staatsanwaltschaft nur einen Bruchteil meines Honorars zahlte. Mein Freund wusste, dass ich mir den Job nicht des Geldes wegen ausgesucht hatte – jedenfalls nicht am Anfang. Heute kam es mir bei einigen der Mandanten, die ich vertrat, allerdings irgendwie so vor.

»Du und Lily habt also mit Naomi Jura studiert?«

»Yep.«

»Wo arbeitet sie?«

»Momentan nirgendwo. Sie ist erst vor zwei Wochen nach New York gezogen und will sich beruflich neu orientieren.«

»Wirklich? Warum will sie nicht mehr als Anwältin arbeiten?«

Ben zuckte mit den Schultern.

»In welchem Bereich hat sie praktiziert?«

»Sie hat bei der Staatsanwaltschaft in Virginia gearbeitet. Strafverfolgung.«

»Kein Wunder, dass du gesagt hast, wir würden uns nicht verstehen. War sie gut?«

»Wenn ihr zwei jemals gegeneinander angetreten wärt, hätte ich mit einer großen Schüssel Popcorn im Gerichtssaal gesessen, um mir die Show anzusehen. Sie hatte die beste Bilanz ihrer Abteilung in Virginia. Sie hat nur eine einzige Verhandlung verloren.«

»Warum ist sie nach New York gezogen?«

»Sie will neu anfangen. Sie und ihr Verlobter haben sich im letzten Jahr getrennt, und ihre Schwester lebt dort. Frannie hat gesundheitliche Probleme.«

Die Leute wollten selten aus freien Stücken neu anfangen, es sei denn, etwas Einschneidendes war passiert, das sie veranlasste, ihr Leben hinter sich zu lassen. Aber Ben erzählte nicht mehr, und ich drängte ihn nicht. Ich wusste besser als die meisten Menschen, dass wir alle Dinge erlebt hatten, die wir lieber für uns behielten.

Ben tat das Essen auf, und wir setzten uns gemeinsam an den Frühstückstisch.

»Habt ihr vielleicht Kokosraspeln?«, fragte ich. »Ich dachte, ich hätte welche eingepackt, aber ich glaube, ich habe sie zu Hause vergessen.«

»Du und deine verdammte Kokosnussmanie. Hast du diesen Mist denn nie satt?«

»Es ist gut fürs Gehirn, reich an Eisen, Magnesium, Zink …«

»Ich weiß. Ich weiß«, unterbrach mich Ben. »Und Kupfer, Mangan und Selen. Glaub mir, ich kann die Nährwerte auswendig, nachdem ich auf dem College vier Jahre lang mit dir zusammengewohnt habe.«

»Dann solltest du jetzt welche im Kühlschrank haben.«

Ben lachte. »Du bist so ein Quatschkopf.«

Ich gähnte und holte mir ein Glas Orangensaft. Es musste inzwischen kurz vor neun sein, und ich hatte immer noch kein Auge zugetan.

»Lily lässt mich heute eine Million Besorgungen machen«, sagte Ben. »Sobald wir mit dem Essen fertig sind, bin ich weg, dann kannst du eine Weile schlafen.«

»Danke.«

Er lachte und musterte mein blaues Auge. »Ich kann nicht glauben, dass eine Frau dich fertig gemacht hat.«

»Es war dunkel. Ihr Schlag kam aus dem Nichts.«

Ben stopfte sich eine Gabel Pancake in den Mund. »Naomi ist süß, oder?«

»Wenn Lily hört, dass du eine andere Frau süß nennst, werden wir den gleichen lila Lidschatten tragen, mein Freund.«

»Ich heirate, ich erblinde nicht.«

»Sie ist süß, aber nicht mein Typ.«

Ben legte die Stirn in Falten. »Was an ihr ist nicht dein Typ?«

»Sie hat einen Hund.«

»Seit wann hasst du Hunde?«

»Tue ich nicht. Aber einen Hund oder eine Katze oder sogar einen verdammten Goldfisch zu haben, erfordert Engagement. Mein neuer Typ ist jemand, der sich nicht so leicht bindet. Unverbindlich.«

»Du hast eine verdammte Schildkröte. Diese Viecher leben so lange, das ist eine lebenslange Verpflichtung.«

»Ich habe Sheldon mit neun bekommen. Damals hatte ich keine Ahnung. Naomis Hund ist noch nicht so alt.«

»Du fällst also wieder in Collegezeiten zurück, jedes Semester eine neue Frau?«

»Vielleicht.« Ich strich mir mit einer Hand durchs Haar. »Damals war ich glücklich. Außerdem ist Naomi sehr pflegeintensiv, und damit bin ich durch.«

»Woher weißt du, dass sie pflegeintensiv ist?«

»Spitzenpyjamas, Gesichtsmasken, und im Krankenhaus hat sie einen rosa Gips bekommen. Ihr Hund trägt ein Strasshalsband.«

Ben grinste. »Sie ist außerdem Veganerin. Vermutlich hat sie ein bisschen was von Elle Woods in sich.«

»Von wem?«

»Im Ernst? Du kennst nicht Elle Woods? Das ist eine Figur aus einem Film, den Lily ungefähr ein Dutzend Mal gesehen hat. Natürlich Blond.«

»Hat da gerade jemand Natürlich Blond gesagt?« Mit einem Knarren ging die Fliegengittertür auf, und Lily betrat lächelnd Bens Hütte.

»Guten Morgen, meine schöne zukünftige Braut.« Mein Freund grinste albern.

Ich rollte mit den Augen. »Morgen, Lil.«

»Was machst du so früh hier, Dawson?« Sie trat an den Tisch und küsste mich auf die Wange. »Ich dachte, du kommst erst mitten in der Nacht an und schläfst sicher noch.«

»Es lief nicht ganz so wie geplant.«

Mein Freund, der seiner Zukünftigen vollkommen verfallen war, legte die Gabel weg, schob seinen Stuhl vom Tisch zurück und klopfte sich auf die Knie. Lily setzte sich kichernd auf seinen Schoß und verteilte Küsse auf seinem ganzen Gesicht.

»Igitt«, stöhnte ich. »Ich esse gerade.«

»Dawson hatte einen interessanten Abend.« Ben grinste. »Er hat Naomi kennengelernt …«

Lilys Augen weiteten sich, und ein Lächeln erschien in ihrem Gesicht. »Ich wusste, dass ihr euch entweder hassen oder bumsen würdet.«

»Der Einzige, der gestern gebumst hat, war Leonardo.«

Lily rümpfte die Nase. »Bäh. Sag nicht, Naomi hat diese Stofftier-Schildkröte mitgebracht? Moment …« Sie streckte die Hand aus und drehte meinen Kopf. »O mein Gott. Du hast ja ein blaues Auge.«

Ich nickte. »Dafür kannst du dich bei deiner Freundin bedanken.«

»Bei Naomi? Wovon redest du?«

Ben erzählte Lily die Geschichte, während ich schweigend die Pancakes auf meinem Teller aufaß. Als ich fertig war, verputzte ich auch noch den Rest vom Teller meines Freundes.

»Wir müssen noch einen Stopp bei Macy’s auf unsere To-do-Liste setzen«, sagte Lily.

»Wozu?«, fragte Ben.

»Dawson braucht Concealer für das Auge.«

»Make-up?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich trage kein Make-up.«

»Aber du wirst schrecklich aussehen auf den Fotos.«

»Photoshoppe sie.«

Sie seufzte. »Und ich hatte Sorge, du würdest dich dieses Wochenende mit Emily prügeln.«

»Emily? Warum sollte ich mich mit ihr streiten, wenn ich hier bin und sie ist in New York?«

Lily machte ein bestürztes Gesicht. »O nein.«

»Was?«

»Hat sie es dir nicht erzählt? Emily meinte, sie würde es dir sagen!«

»Mir was sagen?«

»Dass sie sich entschlossen hat, zur Hochzeit zu kommen.«

*

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin!«

Naomi stieg eilig aus dem Fonds eines Wagens und sah vollkommen anders aus als gestern Abend. Oder war es heute Morgen gewesen? Ich war mir nicht einmal mehr sicher, welcher Tag heute war. Dabei hatte ich nur ein paar Stunden bei Ben geschlafen.

Sie trug das Haar zu weichen Locken gestylt, die ihr hübsches Gesicht umrahmten. Die roten Flecken auf Wangen und Hals waren verschwunden, die helle Haut ganz ebenmäßig. Ihre großen grünen Augen waren jetzt gleich groß und brauchten keine künstlichen Wimpern, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre vollen roten Lippen passten zur Farbe des Kleides. Sie zeigte nicht viel Haut, aber sie sah verdammt sexy aus, und im Gegensatz zu den anderen Frauen der Hochzeitsgesellschaft, die Sneaker trugen, steckten ihre Füße in hohen silbernen Glitzerstilettos. Von mir aus hätte sie auch nur die anhaben können.

Der Wagen, mit dem sie gekommen war, fuhr weg, und Cat, die Ben vor Kurzem als Hochzeitsplanerin vorgestellt hatte, hob die Hand.

»In Ordnung, ich glaube, wir können anfangen. Weiter als bis hierher darf man mit dem Auto nicht in den Park fahren. Hier steigen wir auf Golfwagen um. Wir kommen morgen Abend alle auf demselben Weg wie heute, den Gästen wurde aber ein anderer Eingang genannt, damit niemand die Hochzeitsgesellschaft sieht, bis wir bereit sind, mit der Trauung zu beginnen.«

Ich hob eine Augenbraue und warf meinem Freund einen Blick zu, als wollte ich sagen: Was zum Teufel soll das alles?

Er antwortete mit einem Achselzucken und einem Lächeln, als ein Anhänger mit Golfwagen auf den Parkplatz gefahren wurde.

»In die Clubwagen passen je vier Personen«, fuhr die Hochzeitsplanerin fort. »Morgen werden Bräutigam und Trauzeuge bereits vor Ort sein, aber heute fahren sie mit der Braut und ihrem Vater in einem Wagen. Evelyn und Jack, ihr schreitet als Erste den Gang hinunter. Wenn ihr also bitte in der ersten Reihe des ersten Wagens Platz nehmen würdet, und Naomi und Dawson, ihr bitte auf der Rückbank.« Cat ratterte weitere Anweisungen herunter, dann gingen wir alle zu unseren zugewiesenen Wagen.

Ich reichte Naomi die Hand, um ihr beim Einsteigen zu helfen.

»Danke.«

Ich nickte.

Sie strich ihr Kleid glatt, als ich mich neben sie setzte. »Hast du schon was von der Vermieterin gehört?«

Ich nickte. »Ich hab dir vorhin eine Nachricht auf deiner Mailbox hinterlassen.«

»Ach, Mist.« Sie öffnete ihre Handtasche und holte das Handy heraus. »Die hab ich nicht bekommen. Oder zumindest glaube ich das. Der Handyempfang in der Hütte ist total schlecht.«

Ich hatte mich schon gewundert, warum sie nicht geantwortet hatte. »Meiner ist auch nicht gut. Ich musste heute Nachmittag zu einem Trucker-Rastplatz an der Autobahn fahren, um mein Büro anzurufen, weil das Netz ständig weg war.«

»Was hat die Vermieterin gesagt?«

»Anscheinend hat die Vermietungs-App an dem Tag, an dem du reserviert hast, ein Software-Upgrade durchgeführt. Durch einen Fehler konntest du die Hütte buchen, obwohl sie bereits belegt war. Sie hatte keine Ahnung.«

»Aber ich habe eine Anzahlung geleistet!«

»Sie hat bereits eine Rückerstattung veranlasst. Und sie hat sich entschuldigt, auch wenn das unsere Situation nicht verbessert. Leider besitzt sie nur die eine Hütte.«

Naomi seufzte. »Na gut, dann … suche ich mir eine andere Unterkunft. Ich habe darüber nachgedacht, und du hattest recht. Du hast die Hütte zuerst reserviert, also solltest du sie auch bekommen.«

»Kein Problem. Ich habe meine Assistentin gebeten, mir was zu suchen. Sie sollte mich bald zurückrufen.«

»Bist du sicher?«

»Du hast dich schon eingerichtet. Und Leonardo hat die Hütte eingeweiht.«

»Da fällt mir ein. Hast du zufällig eine Tüte mit Kokosraspeln zurückgelassen?«

»Ich dachte, ich hätte sie zu Hause vergessen. Du hast sie also gefunden?«

»Ja, Leonardo. Er hat sie aufgerissen und etwas davon gefressen, also musste ich sie entsorgen.«

»Verdammt.«

»Was wolltest du damit machen?«

»Sie essen.«

»Es war eine Riesentüte.«

»Ich stehe total auf Kokosnuss.«

»Sorry.«

»Schon gut. Lily hat mir Kokoskuchen für die Hochzeitsprobe versprochen.«

»Ach, und ich glaube, ich habe noch etwas von dir gefunden.« Grinsend kramte sie erneut in ihrer Handtasche und beförderte diesmal einen Streifen Kondome hervor. »Mit denen kam Leonardo an, nachdem du weg warst. Ich nehme an, das sind deine. Hattest du gehofft, die Hütte auf deine Art einzuweihen?«

»Woher weißt du, dass sie nicht jemand anderes dort zurückgelassen hat?«

Ihre Wangen erröteten. »Es scheint deine Größe zu sein.«

Dieser Kommentar und das große XL, das auf der Vorderseite des Streifens prangte, entlockten mir ein strahlendes Lächeln. Und ich dachte schon, ich hätte eine schlechte Performance abgeliefert.

Naomi verdrehte die Augen. »Schon gut, schon gut, lass es dir nicht zu Kopf steigen. Großer Schwanz hin oder her, du bist trotzdem ein Idiot.«

»Was habe ich getan?«

»Na ja, erstens bist du Strafverteidiger. Das an sich reicht schon. Aber du hast außerdem noch Leonardo beleidigt.«

»Und dich ins Krankenhaus gefahren …«

»Vielleicht war dieser Teil ganz nett. Das muss ich dir lassen.«

»Und ich habe darauf bestanden, dass du in der Hütte bleibst, während ich auf einer harten Couch geschlafen habe.«

Naomis Gesichtszüge wurden weicher. »O nein, war die Couch unbequem?«

»Sie war gut. Aber sie hätte auch hart sein können.«

Sie lachte. »Nope. Ich hatte recht. Du bist ein Idiot.«

Die Golfwagen hielten auf einer Lichtung. Ich hatte nicht viel übrig für Hochzeiten, aber selbst ich war von der Szenerie beeindruckt. Wir befanden uns mitten im Wald, jeder Baum am Rande einer kleinen Lichtung war mit funkelnden Lichtern geschmückt. An der Stirnseite stand ein Hochzeitsbogen aus Zweigen, und für die Gäste waren weiße Stühle aufgestellt. Das würde ich Ben oder einem der anderen Jungs nie erzählen, aber ich fand es …

»Magisch«, flüsterte Naomi genau in dem Moment, in dem ich es dachte.

Sie sah sich mit noch beeindruckterer Miene um als ich. Tatsächlich waren alle still und taten das Gleiche.

»Und?«, fragte Lily. »Was denkt ihr?« Sie strahlte, wahrscheinlich weil sie die Antwort schon kannte. Das war der coolste Ort für eine Trauung, den ich je gesehen hatte.

Die Frauen waren entzückt.

Lily drückte Bens Hand. »Deshalb haben wir euch alle extra bis nach Michigan kommen lassen. Wir haben diesen Ort bei unserem ersten Date im letzten Unisemester entdeckt. Wir waren wandern und stießen auf diese Lichtung. Natürlich gab es damals weder Licht noch Stühle, aber wir haben uns hingesetzt und sind acht Stunden lang nicht mehr aufgestanden.« Lily sah Ben an. »Als wir den Park schließlich verließen, wusste ich, dass ich meinen zukünftigen Ehemann getroffen hatte. Vier Jahre später hat Ben mir an dieser Stelle einen Antrag gemacht, und morgen Abend werden wir hier heiraten.«

Jede Frau hatte entweder Tränen in den Augen oder schniefte. Naomi gehörte zu Ersteren und wischte sich mit dem Daumen ein paar Tränen fort. Sogar ich hatte einen kleinen Kloß im Hals.

Die Hochzeitsplanerin trat vor und räusperte sich. »Wir sollten mit dem Probedurchlauf beginnen, damit Sie nicht so lange auf das wunderbare Abendessen warten müssen, das Ben und Lily geplant haben. Morgen Abend wird ein provisorischer Holzboden verlegt, damit man besser gehen kann. Vorgestern hat es geregnet, und es dauert eine Weile, bis die Erde hier trocknet, also seien Sie vorsichtig. Das Gras ist noch etwas weich, und unter den Bäumen ist es matschig.« Cat ging zum Ende der Stuhlreihen. »Wenn sich die Angehörigen der Braut mit ihren Partnern bitte hier aufstellen würden.«

Ich sprang aus dem Golfwagen und wollte auf die andere Seite gehen, um Naomi zu helfen, aber bevor ich dort ankam, streckte Jack, der vorne gesessen hatte, ihr bereits die Hand hin. Ich mochte den Typen nicht besonders und hatte nie verstanden, warum Ben auf der juristischen Fakultät mit ihm befreundet gewesen war. Aber in diesem Moment mochte ich ihn noch weniger.

»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.« Er reichte ihr die Hand. »Ich bin Jack Renner.«

Naomi lächelte höflich. »Naomi Heart. Freut mich.«

Als er ihr einen Handkuss gab, warf ich ihm einen Blick zu, den er hoffentlich als Warnung verstand, nicht seine übliche Nummer abzuziehen. Der Typ war total fragwürdig. Nichtsdestotrotz half er Naomi aus dem Golfwagen, also ging ich voraus. Nach zwei oder drei Schritten stellte ich fest, dass der Boden so nass war, dass er richtiggehend federte. Naomi trug ziemlich spitze Absätze, doch als ich mich umdrehte und sie warnen wollte, war ich eine halbe Sekunde zu spät.

Ihr linker Schuh versank im Gras und blieb dort stecken, während sich der Rest von ihr weiterbewegte. Sie schwankte, der Fuß löste sich aus dem Schuh, und sie verlor das Gleichgewicht. Der Rest geschah in Zeitlupe. Naomis Knie knickte ein. Sie streckte die eingegipste Hand aus und versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, aber der Sturz war nicht aufzuhalten. Jack ging neben ihr, war aber zu sehr damit beschäftigt, die übrigen Brautjungfern abzuchecken, und bemerkte zu spät, was passierte. Ich streckte die Hand nach ihr aus, schaffte es jedoch nicht mehr rechtzeitig.

Naomi landete mit einem Aufschrei direkt in einer riesigen Schlammpfütze.

Shit. Ich schob den nutzlosen Jack aus dem Weg und beugte mich hinunter. »Alles okay?«

»Ich glaube schon. Aber wo ist mein Schuh?«

Ich beugte mich vor und zog ihn aus dem Gras. »Hier.«

Sie schlüpfte wieder hinein, während alle sie anstarrten. Ben und Lily eilten herbei. »O mein Gott. Geht es dir gut?«, fragte Lily. »Was ist passiert?«

Naomi strich sich den Schlamm vom Kleid. »Ich bin mit dem Absatz stecken geblieben. Mir geht’s gut. Ist nur ein bisschen peinlich.«

Ich hielt ihr eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sie wollte sie gerade ergreifen, hielt dann jedoch abrupt inne. Ihre Hand war mit Schlamm bedeckt. »Aber du hast eine Aversion gegen Keime.«

Dennoch schloss ich meine Hand um ihre und zog Naomi auf die Beine. »Schon in Ordnung. Dreck aus der Erde stört mich weniger als der von Menschen.«

Auch nachdem sie stand, ließ ich sie nicht los. »Ist dein Knöchel in Ordnung? Es sah aus, als ob du ihn dir verstaucht hättest.«

»Ich glaube schon.« Sie ließ ein paarmal den Fuß kreisen, dann schloss sie die Augen. »O nein, das habe ich dir gar nicht erzählt. Die Krankenschwester im Krankenhaus gestern Abend hat mich gefragt, ob sie die Polizei rufen soll. Wegen deines blauen Auges und meiner Hand dachte sie, du wärst mein gewalttätiger Freund. Stell dir vor, ich würde innerhalb von vierundzwanzig Stunden einen zweiten Gips bekommen. Sie würde dich auf jeden Fall verhaften lassen.«

»Wir werden versuchen, das zu vermeiden.« Kopfschüttelnd blickte ich auf ihre Füße hinunter. »Warum hast du überhaupt diese Schuhe an? Alle anderen tragen Sneaker.«

»Ich habe keine dabei.«

»Warum nicht?«

»Sie passten zu keinem der Outfits. Ich hatte ein Paar flache Schuhe dabei, aber die passten nicht zu diesem Kleid.«

»Das war nicht sehr klug, oder?«

Sie schürzte die Lippen. »Danke für die Erinnerung, du Schlaumeier.«

Ich musterte sie von oben bis unten, hielt diesmal aber den Mund.

»Was ist?«, fragte sie. »Sag schon. Ich sehe doch, dass du was loswerden willst.«

Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht.«

»Spuck’s einfach aus.«

Ich musterte sie ein zweites Mal und zuckte mit den Schultern. »Ich wollte nur sagen, dass dir das Kleid gut steht, trotz des Schlamms.«

Naomi blinzelte ein paarmal. »Ich muss mich verhört haben, das klang fast wie ein Kompliment.«

»Ich dachte, ich schulde dir auch eins.«

Sie zog die kleine Nase kraus. »Auch? Welches Kompliment hab ich dir denn gemacht?«

Ich griff in meine Tasche, holte die Kondome heraus und deutete augenzwinkernd auf das XL auf der Vorderseite.

Naomi schnaubte verächtlich. Aber nicht, ohne einen Blick auf meinen Schritt zu werfen.

4. Kapitel

Naomi

»Ich glaube, ich muss dich bis nach der Trauung in Luftpolsterfolie packen.« Kopfschüttelnd beobachtete Lily, wie ich mir in der Damentoilette des Hotels den getrockneten Schlamm vom Kleid zupfte.

»Es tut mir furchtbar leid wegen des Gipses. Wir können bestimmt kreative Lösungen finden, ihn auf den Fotos zu verstecken.«

Lily winkte ab. »Die Fotos sind mir völlig egal. Ich möchte morgen einfach nur Ben heiraten.«