• Herausgeber: Refinery
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Eigentlich wollte sich die junge Laura voll und ganz auf ihr Studium an der Londoner Kunstakademie konzentrieren. Doch Chloe, ihre freizügige Mitbewohnerin, hat da ganz andere Pläne. Als Escort-Girl kennt sie die unterschiedlichsten Männer und ist sich sicher, dass auch die attraktive Laura sehr gut bei ihnen ankommen wird. Gemeinsam stürzen sie sich in das wilde Nachtleben der Großstadt und schon bald bekommt ihre Freundschaft eine ganz neue erotische Komponente. Als sie dann noch auf einer Party Lauras attraktiven Dozenten Robert treffen, beginnt ein Spiel voller Leidenschaft und Begierde ...

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EPUB

Seitenzahl: 326


Das Buch

Ein Studium an der Kunstakademie in London – für Laura geht ein Traum in Erfüllung. Und sie ergattert auch noch ein tolles und erstaunlich günstiges WG-Zimmer bei der sympathischen Chloe, ebenfalls Kunststudentin. Gemeinsam machen die beiden bald das Londoner Nachtleben unsicher. Aber spätestens als Chloe Laura in den »Dark Room« mitnimmt – einen verruchten Club, zu dem man nur mit Mitgliedskarte Zutritt hat –, ahnt Laura, dass ihre neue Mitbewohnerin einige dunkle Geheimnisse hütet. Woher hat sie eigentlich das Geld, um ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren? Tatsächlich ist Chloe ein Escort-Girl – es dauert nicht lange, da siegt bei Laura die Neugier auf diesen Beruf. Und Chloes Kunden sind hingerissen, als diese ihre attraktive Freundin zu den Terminen mitbringt. Doch da ist auch noch Robert, Lauras Kunstdozent, mit dem sie eine heiße Nacht verbracht hat – und der nicht nur Laura begehrt, sondern auch zu Chloe ein besonderes Verhältnis zu haben scheint …

Die Autorin

Natalie Rabengut, geb. 1985, studierte Germanistik und Anglistik in Düsseldorf und lebt mit ihrem Mann am Rhein. Ihr sexy Blog begeistert eine stetig wachsende Fangemeinde, und ihre E-Books zählen zu den Top-Bestsellern in der Erotik.

Natalie Rabengut

Lauras Liebhaber

Erotischer Roman

Ullstein

Neuausgabe bei Refinery

Refinery ist ein Digitalverlag

der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Dezember 2017 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013

eBook: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Covergestaltung: © Sabine Wimmer, Berlin

ISBN 978-3-96048-127-0

Hinweis zu Urheberrechten

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1.

»Danke für die Hilfe beim Umzug!«

Laura war so froh gewesen, die Wohnung gefunden zu haben, dass sie – bis jetzt gerade – nicht darauf geachtet hatte, wie ihre neue Mitbewohnerin eigentlich aussah.

Sie musterte Chloe und musste zugeben, dass sie wirklich sehr attraktiv war: Sie war lässig gekleidet, trug Jeans zu einem einfachen Shirt, über das sie ein überlanges Karohemd gezogen hatte, zwischen Jeansbund und Shirt war ein heller Streifen Haut zu sehen. Und sie war lediglich leicht an den Augen geschminkt, die vollen Lippen brauchten keinen Lippenstift.

Es war Samstagnachmittag. Am Montag begann das Semester an der Kunstakademie – es war also höchste Zeit gewesen, eine Bleibe zu finden. Laura hatte sich unzählige Zimmer angesehen, aber entweder war die Miete so hoch gewesen, dass sie praktisch nicht zu bezahlen war, oder die Zimmer lagen in Stadtteilen, die in ihren Eltern Bilder von Straßenbanden, Raubüberfällen und Leichenwagen hervorriefen. Dieses Zimmer kam wie gerufen, die Miete war angemessen, das Zimmer bezugsfertig, die Akademie mit der U-Bahn und sogar zu Fuß zu erreichen, wenn es sein musste. Chloe war nett, studierte ebenfalls an der Akademie, und vor allem kein Mann, was Lauras Eltern wohl am meisten beruhigte – denn immerhin mussten sie überzeugt werden. Wen interessierte es schon, dass Laura bereits dreiundzwanzig war?

Beim zweiten Hinsehen war Laura sich sogar sicher, dass die Miete eigentlich zu günstig war, aber das behielt sie für sich, es würde eh schon schwer werden, mit dem Geld auszukommen, das sie sich seit dem Schulabschluss erarbeitet und gespart hatte.

»Soll ich dir beim Auspacken helfen?« Chloe stand an der Spüle in der Küche und wusch sich einen Apfel unter dem laufenden Wasser ab. Laura saß immer noch am Tisch und trank ihren Tee. Sie hatte nicht direkt Heimweh, es war nur sehr ungewohnt, von zu Hause weg und allein zu sein. Ihr erster Umzug überhaupt. Sie kannte hier ja niemanden außer Chloe.

Laura lächelte dankbar. »Das wäre wirklich nett.«

Chloe zuckte lässig mit den Schultern und meinte grinsend: »Dann kann ich schon mal schauen, ob du ein paar Klamotten hast, die ich mir leihen kann.«

Laura ging in ihr Zimmer, und Chloe folgte ihr. Sie war dankbar und ein wenig erleichtert, dass ihre neue Mitbewohnerin gleich so locker und offen war. Sie selbst war eher schüchtern und stand sich gern selbst im Weg. An unzähligen fremden Wohnungen zu klingeln, sich neuen Menschen vorzustellen und gleich zu beurteilen, ob sie sich ein Zusammenleben vorstellen könnte, war ihr mehr als nur unangenehm gewesen. In mehreren Wohnungen, die sie besichtigt hatte, herrschte das pure Chaos, und sie sah sich gezwungen, sich jedes Mal schlechte Ausreden einfallen lassen zu müssen, warum sie nicht mit Kakerlaken und kaputten Klospülungen hausen wollte.

Nicht so bei Chloe. Schon als sie die Tür aufgemacht und gelächelt hatte, war klar gewesen, dass dies wirklich funktionieren würde. Gerade, als Laura sich entschuldigen wollte, dass sie so kurzfristig eine Wohnung suchte, entschuldigte sich Chloe, dass die Wohnung so kurzfristig zu beziehen und es hoffentlich nicht zu viel Stress für Laura sei. Als sie dann das große, helle Zimmer, das saubere Bad, die ordentliche Küche und diesen traumhaften Holzfußboden sah, hatte sie ihre Entscheidung sofort getroffen. Angesichts des günstigen Mietpreises hätte sie am liebsten sofort angefangen zu weinen.

Chloe hatte jedoch mahnend den Finger gehoben und gesagt: »Einen Augenblick, ich muss da noch ein paar Dinge überprüfen.« Laura war fast das Herz stehen geblieben, doch dann wollte Chloe wissen: »Hund oder Katze?«

»Was?«, fragte Laura verblüfft.

»Hund oder Katze? Einfach spontan antworten.«

»Ähm … Hund.«

»Kaffee oder Tee?«

Laura lächelte. »Morgens lieber Kaffee, sonst eine schöne Tasse Tee.«

»Chinesisch oder indisch?«

»Um Gottes willen, chinesisch! Auf jeden Fall chinesisch!«

Chloe lachte. »Perfekt, drei von drei! Wenn du die Wohnung haben möchtest, ich kann damit leben!«

Laura konnte kaum glauben, dass das erst fünf Tage her war. Danach war alles so schnell gegangen: Sie musste Umzugskartons organisieren, ihre Sachen packen. Und sie hatte ein neues Bett, einen Schrank und einen Zeichentisch gekauft, nachdem sie sorgfältig das Zimmer ausgemessen hatte.

Jetzt stand sie in dem Zimmer und schaute sich noch einmal in dem noch leeren Raum mit den Kartons und Paketen in der Mitte um.

»Wie wär’s, wenn wir erst mal die ganzen Kartons ins Wohnzimmer stellen und dann die Möbel aufbauen?«, schlug Chloe vor, und Laura nickte. »Ich denke, mit dem größten Teil anzufangen macht am meisten Sinn.« Nachdem sie die Verpackung entfernt hatten, machten sie sich mit Hilfe der Anleitung an den Aufbau.

Nach einigen Handgriffen stand der Kleiderschrank schließlich, und Laura zeigte Chloe, wo sie ihn hinstellen wollte.

»Klar, aber wo wolltest du das Bett hinstellen?«, fragte Chloe.

»Na, dort.« Laura zeigte mit einer Hand in die linke Zimmerecke.

»In die Ecke?« Laura nickte zufrieden. »Aber dann steht es ja mit einer Seite an der Wand«, wandte Chloe ein.

Laura zuckte mit den Schultern.

»Was machst du denn, wenn du mal Besuch hast? Soll der immer über dich drüberkrabbeln?«

Laura schaute verwundert. »Ich glaube kaum, dass meine Eltern hier übernachten wollen.«

Chloe prustete los, während Laura sie verständnislos anschaute. Dann lief sie tomatenrot an. Sie sah nach unten und murmelte verlegen: »Daran habe ich echt nicht gedacht.«

Chloe hatte sich mittlerweile von ihrem Lachanfall erholt. »Keine Sorge, das spricht eher für als gegen dich. Jedenfalls würde ich trotzdem vorschlagen, dass wir den Tisch unters Fenster stellen, den Schrank hierhin und das Bett dort an die Wand, da kann es problemlos frei stehen. Vielleicht besorgst du dir noch eine Kommode, die würde sicher nett neben dem Bett aussehen, und du kannst noch allerlei Kleinkram verstauen.«

Laura hörte Chloes Ausführungen zu und konnte die ganze Zeit nur nicken. Obwohl Chloe nur zwei Jahre älter war als sie, kam es ihr vor, als würden zwischen ihren Erfahrungen Welten liegen.

Laura half Chloe, den Schrank an die von ihr vorgeschlagene Stelle zu schieben, und nun konnte sie sich vorstellen, wie Chloe den Raum sah.

»Sieht super aus. Lass uns den Rest so aufbauen.« Laura lächelte Chloe an, und auch Chloe lächelte. Dann sagte sie: »Ich habe eine Idee. Fang du schon mal mit dem Tisch an, ich bin sofort wieder da.«

Sie verließ den Raum, und Laura machte sich daran, den Zeichentisch aus den Unmengen von Karton und Styropor zu befreien.

Sie hatten gerade die letzte Schraube am Bett festgezogen und die Matratze aufgelegt, als es an der Tür klingelte. Chloe sprang sofort auf und rief: »Ich geh schon.«

Laura schaute sich im nun fertig eingerichteten Zimmer um und musste erschrocken feststellen, dass es noch schrecklich leer war. Es war relativ groß und hatte zwei Türen, von denen eine ins eigene Bad führte. Aber nur mit einem Schrank, Tisch und Bett sah es immer noch recht trostlos aus. Laura seufzte, sie hätte vielleicht an ein Regal oder wenigstens einen Bilderrahmen denken sollen. Sie hörte Schritte und zwei Stimmen, dann trat Chloe mit einem Besucher ein – einem sehr attraktiven.

»Laura, das ist Carl, mein bester Freund und ebenfalls Student an der Akademie. Carl, das ist Laura, meine neue Mitbewohnerin – und wer hätte es gedacht –, auch Studentin an der Akademie.«

Carl stellte die großen, schweren Pakete ab und reichte Laura die Hand. Sie ergriff und schüttelte sie, nutzte den Augenblick für eine kurze Musterung. Carl war groß, dunkelhäutig und hatte ein nahezu ebenmäßiges Gesicht. Seine Haare waren kurz rasiert, und seine Augen wirkten fast schwarz. Er lächelte und zeigte dabei gerade weiße Zähne. Sein Händedruck war fest, aber angenehm.

Laura wollte ihm gerade ihre Sympathie gestehen, als Chloe frecherweise sagte: »Guck nicht so, Carl ist so schwul, wie man nur schwul sein kann.«

Laura spürte zuerst, wie die Hoffnungen, jemals einen so gut aussehenden Mann zu haben, schwanden, und dann, wie ihr Gesicht zu glühen begann, weil Chloe ihre Gedanken so geschickt erraten hatte und sie dann auch noch aussprach. Doch glücklicherweise lachte Carl nur einmal laut auf.

»Laura, du bist jetzt in der Großstadt, du musst dringend an deinem Pokerface arbeiten«, meinte er.

Laura nickte betroffen und wurde prompt noch ein bisschen von Carl und Chloe aufgezogen. Irgendwann reichte es ihr, und sie sagte: »Okay, haha, wir haben uns jetzt genug über die Neue lustig gemacht. Ich muss hier schließlich noch den Rest einräumen. Danach könnt ihr mich von mir aus noch weiter auf den Arm nehmen.« Sie wies mit der Hand in Richtung Wohnzimmer. Chloes Blick folgte ihrer Hand, und Carl räusperte sich.

Chloe sah ihn an und nickte. »Deswegen ist Carl eigentlich hier, ich habe mir vorhin die Freiheit genommen, ihn loszuschicken …«

»Wie einen ordinären Botenjungen übrigens«, fiel Carl ihr ins Wort.

Chloe knuffte ihn in die Seite: »… und er hat ein paar Sachen für dich besorgt.«

Laura sah sie ungläubig an. »Wirklich?«

Beide nickten, und Carl sagte: »Chloe hat mir am Telefon erzählt, dass du wohl etwas wenig Stauraum einkalkuliert hast, und deswegen habe ich noch eine Kommode und zwei Regalböden, passend zu deinen Möbeln, besorgt.«

Chloe umarmte ihn und säuselte: »Du weißt doch, dass ich dich immer anrufe, wenn ich einen richtigen Mann brauche.«

Laura musste lachen, und Carl verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Dann schob er Chloe zur Seite. »Ich hab nicht ewig Zeit. Wo sollen die Regale hin?«

Sie berieten sich kurz, dann setzte Carl die Bohrmaschine an, und die beiden Frauen begannen, die Kommode aufzubauen.

Kurze Zeit später waren sie fertig, und Chloe hockte sich auf den Boden, um das Zimmer zu begutachten. »Hier, setz dich zu mir, von hier aus kann man ganz gut sehen, wie es wirkt.«

Laura nahm neben ihr Platz und verzog das Gesicht.

»Was ist los? Magst du es nicht?«, fragte Chloe erschrocken.

»Nein, aber ich wohne nicht mal zwölf Stunden hier und weiß schon nicht mehr, was ich ohne dich machen soll. Das ist ja fürchterlich!«

Die beiden lachten, und Laura lehnte sich kurz an Chloe. »Ich mag es. Das war eine tolle Idee von dir.« Sie stand auf und klopfte sich Holzstaub ab. »Ich hole mal den Staubsauger.«

Sie ging aus dem Raum, kam aber sofort wieder, räusperte sich. »Ähm, und wo ist der Staubsauger?«

Chloe deutete mit ihrer Hand nach links. »Im Flur neben der Garderobe ist eine schmale Tür, dahinter befindet sich die Abstellkammer.«

Und Laura machte sich erneut auf den Weg.

»Sie ist toll«, stellte Carl fest, »aber noch ein bisschen unschuldig, oder?«

Chloe nickte, dann kam Laura zurück, und alle verfielen wieder in Geschäftigkeit. Carl räumte das Werkzeug weg, Laura saugte den ganzen Raum, und Chloe wischte die neuen Möbel mit einem feuchten Lappen ab.

Als Laura den Staubsauger ausschaltete und sah, dass sie jetzt nur noch ihre Sachen schnell einräumen musste, wurde sie ganz aufgeregt. Nachdem sie den Staubsauger wieder in der Abtstellkammer verstaut hatte, holte sie Geld aus ihrer Handtasche und fragte Chloe: »Und was bekommst du für die Möbel?«

Chloe zuckte lässig mit den Schultern, nahm den ersten Karton auf dem »Kleidung I« stand und brachte ihn ins Zimmer. »Nichts, betrachte es als mein Willkommensgeschenk.«

Laura stand völlig perplex da, dann protestierte sie: »Nein, das geht doch nicht! Ich meine, Möbel sind ja nicht gerade billig … also … nein, wirklich nicht!«

Doch Chloe lächelte nur.

Laura kaute auf ihrer Unterlippe herum, dann erklärte sie: »Na gut, aber dann lade ich euch zum Essen ein! Sollen wir vielleicht was vom Chinesen bestellen?«

Carl hatte mittlerweile das Werkzeug verstaut und nur noch den Koffer mit der Bohrmaschine in der Hand. »Ich würde liebend gerne, aber ich habe ein heißes Date und muss vorher noch mal unter die Dusche hüpfen, damit der Arme nicht denkt, er datet einen Bauarbeiter.«

Rasch gab er Chloe einen Kuss auf die Wange und dann auch Laura, die sich freute, weil sie sich so fühlte, als hätte sie nun auch einen Bekannten in der Stadt. »Aber ich komme sicher auf die Einladung zurück«, fügte er dann hinzu.

Chloe begleitete ihn zur Tür.

An der Tür drehte Carl sich zu ihr um und sagte leise, nachdem er sich mit einem Blick über Chloes Schulter versichert hatte, dass Laura nicht zu sehen war: »Hast du Robert Bescheid gesagt?«

Chloe nickte bedächtig, und Carl seufzte. »Du weißt, dass ich das nicht gut finde. Ich weiß, du schuldest ihm was und so weiter, aber seine Trennung ist noch nicht so lange her, und sie ist viel zu unschuldig für unsere Spielchen.«

Chloe senkte den Blick. »Keine Sorge. Ich mag sie, und ich werde schon aufpassen, dass ihr niemand weh tut.«

Carl wollte noch etwas hinzufügen, doch Chloe hob die Hand. »Jaja, nachher kannst du mir immer noch vorhalten, dass du es gleich gesagt hast.«

Laura schloss die Augen und seufzte wohlig. Die Wärme umfing sie, und ihr verkrampfter Rücken entspannte sich langsam. Sie war es einfach nicht gewohnt, dermaßen schwere Sachen zu schleppen und Möbel zusammenzuschrauben. Langsam öffnete sie ihre Hände und ballte sie wieder zu Fäusten, drückte das Wasser weg. Als Chloe vorgeschlagen hatte, dass sie ein Bad nehmen sollte, war sie hin und weg gewesen. Schon, als sie das Badezimmer das erste Mal gesehen hatte, hatte sie darüber phantasiert, wie es wohl wäre, in der Eckbadewanne zu relaxen. Außerdem hatte sie in einem wahnwitzigen Moment darüber nachgedacht, wie es wäre, mit einem Mann in der riesigen Badewanne zu sitzen. Sie schloss die Augen und ließ sich noch etwas tiefer in die Wanne sinken.

Ein vorsichtiges Klopfen an der Tür ertönte. »Laura, hast du gesehen, dass du die Düsen anmachen kannst?«

Laura wischte sich den Schaum von der Stirn. »Düsen? Was für Düsen denn?«

Ein leises Lachen erklang. »Na, die für die Whirlpool-Funktion.«

Laura schloss für einen kurzen Moment die Augen. »Ich bin tot, oder? Tot und im Himmel? Einen Whirlpool hat diese Wohnung auch noch?«

Sie konnte Chloe förmlich lächeln hören. »Rechts neben dir an der Wand ist so eine kleine Armatur mit vier Hebeln. Wenn du die nach links drehst, dann sprudelt es, und du kannst wählen, wie stark oder wie sanft du massiert werden willst.«

Laura beugte sich vor und fand die verschiedenen Griffe. Sie drehte daran, aber nichts passierte. Stirnrunzelnd versuchte sie, in die andere Richtung zu drehen, doch es tat sich auch nichts. »Hm, es geht irgendwie nicht.«

»Hast du gedreht?«

»Ja, in beide Richtungen.«

Chloe lächelte zufrieden, denn genau das war ihr Plan gewesen, sie musste nur darauf warten, dass Laura sie hineinbat, damit sie einen Blick auf ihren nackten Körper erhaschen konnte. Allerdings hatte Chloe nicht einkalkuliert, wie schüchtern Laura war. Ihr wurde in diesem Moment klar, dass Laura vermutlich nicht wusste, ob sie sie hineinbitten sollte oder nicht.

»Soll ich vielleicht kurz reinkommen und sie anmachen – natürlich nur, wenn dir das recht ist?«

Lauras Ja klang so erleichtert, dass Chloe sich ein weiteres leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte.

»Okay, dann komme ich jetzt rein.«

Chloe öffnete die Tür, und der Schwall warmer, feuchter Luft, der ihr entgegenschlug, ließ sie angenehm schaudern. Sie konnte riechen, dass Laura sich für das Milch-und-Honig-Schaumbad entschieden hatte, Chloes Lieblingsduft. Sie hatte eine Reihe Schaumbäder im Bad stehen und Laura angeboten, sich einfach zu bedienen. Sie lächelte, denn sie wusste auch, dass das Milch-und-Honig-Schaumbad nicht so sehr schäumte, was ihre Chancen, einen Blick auf Lauras Körper zu erhaschen, um einiges erhöhte.

»Was hast du eigentlich für eine Traumwohnung?«, fragte Laura sie mit einem Zwinkern. »Ich glaube allmählich, dass ich dich mit der Miete über den Tisch ziehe. Die großen Räume, die tolle Lage, die Größe der Wohnung und die Whirlpool-Funktion, ich bin im Paradies.«

Laura ließ ihren Blick schweifen und bewunderte die weißen großen Fliesen und den Rahmen aus kleinen weißen, grauen und schwarzen Mosaikfliesen um den großen Spiegel, der in der Wand eingelassen war. Auf einem kleinen Sims darunter hatte Chloe ihre Kosmetik und ihr Make-up ordentlich aufgereiht. Es gab zwar einige Produkte aus Drogeriemärkten, aber der Rest sah teuer aus, und von einigen Marken hatte Laura noch nie gehört. Sie hatte die Sammlung Fläschchen, Tiegel und Tuben schon bei ihrem ersten Besuch in der Wohnung bewundert. Genau wie den Rest des Bades.

Chloe setzte sich auf den Wannenrand, krempelte sich einen Ärmel hoch, beugte sich über die Wanne und begann, an den Armaturen zu drehen. Sie sah Laura an. »Die Vermieter sind Freunde von meinen Eltern.«

Das stimmte zwar nicht ganz, aber erstens war Laura sicher noch nicht bereit für die Wahrheit, und zweitens hatte der Vermieter in gewisser Weise schon etwas damit zu tun. Aber diese Antwort sollte Laura erst einmal zufriedenstellen.

»Ah, ich Dummkopf!«, rief Chloe und lachte. »Ich habe vergessen, dass man ja erst mal den Hebel umlegen muss. Kein Wunder, dass du die Düsen nicht aufdrehen konntest.«

Sie zeigte Laura, wie der Hebel funktionierte – da diese schlecht in ihrer halbsitzenden, halbliegenden Position sehen konnte, was Chloe dort machte, richtete sie sich kurzerhand auf und rutschte näher zu Chloe heran. Diese drehte ein paarmal an den Hebeln, erklärte die Funktion und ließ ein paar Düsen sprudeln, während sie unauffällig immer wieder Lauras zarten Körper bewunderte.

Laura war recht zierlich und hatte einen schlanken Hals, der in zarte Schlüsselbeine überging, ihr Busen war eher klein, dafür aber fest und perfekt geformt. Als sie aus dem warmen Wasser hoch in die kühlere Luft kam, wurden ihre Nippel hart, und Chloe beobachtete gebannt, wie ein Wassertropfen von der rosafarbenen Spitze perlte. Sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie es wäre, mit Laura in der Badewanne zu sitzen und den Tropfen mit der Zunge aufzufangen, um anschließend sanft über die Spitze zu lecken, den Mund darum zu schließen und zu sehen, wie Laura auf ein sanftes Saugen reagieren würde. Sie leckte sich unbewusst die Lippen und sah Laura an. Diese drehte mittlerweile neugierig an den Hebeln und war sich gar nicht bewusst, worüber Chloe im Moment nachdachte. Laura bedankte sich, und Chloe nickte lächelnd, dann verließ sie das Bad und schloss die Tür hinter sich.

2.

Chloe lehnte sich an die kühle Wand im Flur und atmete tief ein und aus, um die Lust abklingen zu lassen. Sie schloss die Augen und versuchte, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Doch es half nichts: Sobald sie die Augen schloss, sah sie wieder den Tropfen von Lauras perfektem Nippel perlen. Sie stieß sich entschlossen von der Wand ab, ging in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Ihr Schlafzimmer war noch größer als das von Laura, doch bisher hatte sie Laura den Raum nur flüchtig durch die halbgeöffnete Tür gezeigt.

In dem Raum standen ein Doppelbett mit durchgehender Matratze, ein Kleiderschrank, ein Sessel, eine Kommode und ihre Staffelei. Vor den großen Fenstern begann sie oft ihre Tage damit, in der milden Morgensonne zu malen und danach noch ein wenig weiterzuschlafen, bevor sie arbeitete oder in die Akademie ging.

Chloe legte nach und nach ihre Kleidung ab, bis sie ganz nackt war. Sie faltete jedes Teil ordentlich zusammen und räumte es weg. Obwohl sie genug Geld hatte, sich jederzeit neue Sachen zu kaufen, ging sie sehr pfleglich mit dem um, was sie hatte, und nahm sich immer die Zeit, alles wegzuräumen und ordentlich aufzuhängen. Sie hatte auch einmal weniger Geld gehabt und war sich der Tatsache bewusst, dass es schnell wieder so sein konnte.

Der andere Grund war, dass sie einfach nicht gern einkaufen ging. Die Menschen, die vollen Geschäfte, die stickigen Umkleidekabinen – all das war ihr zuwider. Am liebsten bestellte sie im Internet und zog alles in Ruhe zu Hause an. Als Chloe den Pullover, den sie gerade noch getragen hatte, in den Schrank legte, fiel ihr Blick in den großen Spiegel an der Innentür. Sie selbst sah auch nicht übel aus und hätte Laura einiges zu bieten.

Die dunkelblonden welligen Haare fielen ihr locker auf die Schultern. Ihre grauen Augen wirkten anziehend auf Männer, genau wie die vollen Lippen. Einzig die nur ein bisschen zu große Nase unterschied sie von einem Standard-Puppengesicht und ließ sie erwachsener aussehen. Ihre Nase war nicht riesig oder störte die Symmetrie ihres Gesichts, sondern machte sie nur noch anziehender und interessanter.

Ihr war dies nicht einmal aufgefallen, bis sie sich damals als Model hatte bewerben wollen. Die Frau von der Agentur hatte die Nase gerümpft. »Schätzchen, kann ja sein, dass die Männer dir scharenweise hinterherlaufen, aber auf Fotos hast du mit der Nase nichts verloren.« Zuerst war sie wütend gewesen, ein einfaches Nein hätte auch gereicht. Doch dann hatte die Bemerkung der Dame sie auf eine Idee für einen Job gebracht – ein Job, bei dem sie mehr Geld verdiente und weniger arbeiten musste.

Auch ihr Körper war nicht übel. Sie trainierte fünfmal in der Woche, aß aber auch genug, um eine Größe 36 bis 38 auszufüllen. Sie selbst wollte nicht aussehen wie ein Kleiderständer, denn nicht nur Männer, sondern auch Frauen bevorzugten Kurven. Sie war schlank und gut proportioniert und tat einiges dafür. Dazu kamen regelmäßige Mani- und Pediküre sowie Waxing und Friseur, denn ihre Haare waren leider nicht von Natur aus wellig.

Chloe legte sich auf ihr Bett. Daneben stand die Kommode, die nicht nur ihre Unterwäsche beherbergte, sondern auch – viel wichtiger – ein paar Sexspielzeuge. Sie hätte sich am liebsten unendlich viel Zeit gelassen, sich Hunderte von Szenen ausgemalt, wie sie Laura liebkosen und verführen würde, wie sie sich ihr hingeben würde –, aber dafür war gerade keine Zeit. Wenn Laura aus dem Bad zurückkam, wollten sie die restlichen Sachen auspacken, und wenn Chloe sich bis dahin nicht abgekühlt hatte, würde sie vermutlich sofort über Laura herfallen und ihr die Kleider vom Leib reißen.

Sie strich über ihren flachen Bauch nach unten, ließ die Hand über den glatten Venushügel gleiten und konnte die Hitze spüren, die von dort ausging. Sie spreizte die Beine. Ihre Hände ließ sie über ihre Brüste wandern, an den Innenseiten der Oberschenkel herabgleiten, doch sie vermied es, sich zwischen den Beinen zu berühren – erst mal.

Sie hatte die Augen geschlossen und stellte sich vor, wie Laura wohl reagiert hätte, wenn sie im Bad die Zunge ausgestreckt und den Tropfen von ihrem Nippel aufgefangen hätte. Sie malte sich aus, wie Laura sie erst erstaunt angesehen, dann gierig Chloes Gesicht an ihr eigenes gezogen hätte, um sie leidenschaftlich zu küssen und die Zunge über ihre Lippen gleiten zu lassen. Vielleicht hätte sie mit Wasser gespritzt, und Chloes Brüste hätten sich unter dem nassen Pullover abgezeichnet. Dann hätte Laura sie umfassen und mit den Fingern die Nippel reizen können, wie Chloe es gerade mit ihren eigenen tat.

Seufzend nahm sie ihren Lieblingsvibrator in die Hand. Eigentlich brauchte sie ein bisschen mehr Vorbereitung, bevor sie erregt genug war, bis sie den Vib sanft an ihrer Klitoris ansetzen und anschalten konnte, aber sie war gerade so feucht, dass sie sich fühlte, als könne sie jeden Moment überlaufen.

Sie ließ ihre Hand wieder zwischen ihre Beine wandern und glitt vorsichtig zwischen die nassen Lippen, verteilte die Feuchtigkeit ein wenig und drang mit zwei Fingern in sich ein. Sie biss sich auf die Unterlippe, legte den Vibrator an ihrer Klit an und stellte den Schalter auf »Ein«.

Das leise und diskrete Summen vermischte sich mit ihrem schweren Atmen. Schnell ließ sie das Gerät heftiger vibrieren, biss sich auf die Unterlippe und stellte sich vor, die Finger wären Lauras Finger, und Lauras Zunge würde sich ihren Nippeln widmen. Vielleicht würde Laura auch ein wenig mit den Zähnen an den Spitzen ziehen; eventuell sogar gern etwas fester, wie Chloe es mochte. In diesem Moment riss der Orgasmus Chloe weg von ihren Gedanken und spülte sie in eine Welle aus purer Zufriedenheit über die Gewissheit, dass ihre Phantasien sicher real werden würden …

»Und?« Roberts Stimme klang ruhig und interessiert, aber Chloe kannte ihn gut genug, um auch am Telefon mitzubekommen, dass er mehr als nur neugierig war.

Sie und Robert verband eine lange Freundschaft, die ab und zu in Sex mündete – obwohl Chloe eigentlich Frauen bevorzugte. Aber Sex mit Robert war nicht wie Sex mit anderen Männern, und er war immer aufregend und anders. Er war ebenfalls an der Kunstakademie, allerdings als Dozent und gut zwanzig Jahre älter als Chloe und auch Laura. Er sah zwar etwas jünger aus, doch als Mittzwanziger ging er auch nicht mehr durch.

In Chloes und Roberts Liebesleben hatte es in letzter Zeit einige Verwicklungen gegeben, und sie schuldete ihm noch etwas. Als sie dann Laura gesehen hatte und diese sich zu allem Überfluss als klug und gewitzt herausstellte – was erst offensichtlich wurde, als sie ihre bezaubernde Schüchternheit ablegte –, wusste Chloe, dass sie die perfekte Entschädigung für Robert gefunden hatte. Unter dem Vorwand, sich die vielen Bewerber nicht merken zu können, hatte sie ein Polaroid von Laura geschossen und es mit Namen und Telefonnummer versehen. Laura war gar nicht aufgefallen, dass es keine weiteren Polaroids gab. Sie hatte sich sofort zu sehr in die Wohnung verliebt, um überhaupt irgendetwas zu bemerken. Nachdem Laura beteuert hatte, wie toll die Wohnung sei, was für einen netten Eindruck Chloe mache und so weiter, hatte Chloe ihr versprochen, sie anzurufen, sobald sie die restlichen Bewerber gesichtet haben würde.

Natürlich gab es nach Laura keine Bewerber mehr. Es hatte auch keine davor gegeben – wie der Zufall es wollte, war sie die Erste gewesen. Nachdem Laura die Wohnung verlassen hatte, rief Chloe alle anderen Bewerber an und sagte die Besichtigungstermine unter einem Vorwand ab.

Später hatte sie Robert das Foto von Laura bei der ersten sich bietenden Gelegenheit gezeigt und ihm versprochen, Bericht zu erstatten, wenn ihre neue Mitbewohnerin einzog.

»Sie ist großartig, und wenn sie die Schüchternheit erst einmal abgelegt hat, auch witzig und schlagfertig.«

Robert brummte etwas Unverständliches, aber sie wusste, dass es nur seine Ungeduld war, denn er konnte vermutlich an ihrer belegten Stimme hören, dass es noch etwas gab.

»Und …«, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, »ich habe sie nackt gesehen. Also fast komplett.«

Robert zog scharf die Luft ein. »Hatten wir uns nicht geeinigt, dass ich sie als Erster haben kann?«

»Keine Sorge, ich habe nicht mit ihr geschlafen, sie war nur in der Badewanne. Und ich habe ihr mit den Whirlpooldüsen geholfen, weil ich es ihr zuerst wahrscheinlich aus Versehen falsch erklärt habe.«

Robert lachte leise. »Aus Versehen, ich verstehe.«

Sie spürte förmlich, wie er fragen wollte: Und? Wie sieht sie aus? Aber er tat es nicht. Und sie wollte ihn nicht noch länger quälen. »Sie sieht umwerfend aus, kleine Brüste, tolle Nippel, flacher Bauch. Mehr konnte ich nicht sehen, aber es hat gereicht, dass ich sofort in mein Zimmer gerannt bin und Mr Joe zu Hilfe nehmen musste.«

Robert stieß einen anerkennenden Pfiff aus, denn er wusste, dass Mr Joe Chloes Spitzname für den Vibrator war. Sie benutzte diesen Namen gern, wenn sie mit Freunden in der Öffentlichkeit über solche Themen redete. Außerdem hatte er Mr Joe auch schon persönlich kennengelernt.

»Und du bist sicher, dass sie in meinen Kurs kommen wird?«, fragte er abschließend.

»Dafür werde ich schon sorgen. Immerhin bist du ja wirklich ein guter Dozent, da muss ich ja nicht lügen. Wenn vielleicht auch mit etwas zweifelhaften Methoden.«

»Hast du telefoniert?«

»Was?«, fragte Chloe verwirrt und kam hinter einer Schranktür hervor.

»Sorry, ich will nicht neugierig sein, oder so, ich dachte nur vorhin, ich hätte Stimmen gehört.« Laura lächelte entschuldigend.

»Ach das, ja, ich habe tatsächlich telefoniert. Ein Freund hat angerufen und wollte unbedingt noch vorbeikommen. Aber ich habe gesagt, dass wir noch jede Menge auspacken müssen und ich schon in meinem Gammel-Outfit bin.« Chloe drehte eine Pirouette, damit Laura die Jogginghose und das viel zu große ausgewaschene T-Shirt von allen Seiten bewundern konnte. Sie musste lachen.

Chloe nahm noch einen Stapel Pullover aus dem Karton und legte ihn auf den Boden. »Und, ich will meine neue Mitbewohnerin ja auch erst noch ein bisschen besser kennenlernen, bevor meine Piranha-Freunde über sie herfallen.«

Laura winkte ab. »So schlimm werden sie schon nicht sein, wenn alle so nett und hilfsbereit sind wie Carl. Und er ist sich auch ganz sicher, dass er schwul ist?«

Chloe bejahte, und Laura verzog das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen.

»Was ist das denn?« Chloe lachte auf, und Laura lief rot an wie eine Tomate. Chloe hielt nämlich ein uraltes Shirt von ihr in der Hand, derart ausgewaschen, dass man kaum noch erkennen konnte, dass es einmal rot gewesen war. Alle Ränder waren komplett ausgefranst, weil sich die Nähte im Laufe der Zeit aufgelöst hatten.

»O Gott, ich wollte es eigentlich aussortieren, bevor ich ausgezogen bin. Aber meine Mutter hat bei jedem einzelnen Teil, das ich entsorgen wollte, so einen Aufstand gemacht, dass ich es lieber gelassen habe und erst hier alles wegschmeißen wollte. Hab ich dann wohl vergessen.«

Chloe nickte verständnisvoll. »Ich helfe dir, einfach schnell die Sachen durchzusehen. Ist ruck, zuck erledigt. Die Mülltonnen werden sowieso morgen geleert, dann schmuggeln wir die Sachen heute Abend einfach noch schnell rein.«

Am Ende standen beide etwas ratlos im Zimmer herum.

»Tja«, sagte Laura.

»Hm«, machte Chloe und starrte immer noch verwundert auf den verschwindend kleinen Stapel Klamotten, der das Aussortieren überlebt hatte.

Laura hatte festgestellt, dass sie kaum noch intakte Sachen hatte. Und was noch schlimmer war: Die wenigen, die nicht kaputt waren, hatten vielleicht zu dem Landei gepasst, das in einem Supermarkt jobbte, aber nicht zu der Kunststudentin, die in der tollen Wohnung in London wohnte. Einen Moment lang war ihr nach Heulen zumute gewesen. Chloe war auch etwas schockiert gewesen, zum einen darüber, dass Laura prinzipiell keinen Stil hatte, und zum anderen, wie wenig übriggeblieben war.

Sie sah den traurigen Ausdruck in Lauras Gesicht. »Alles okay, Herzchen?«

Laura zog die Nase hoch und nickte. »Ich weiß auch nicht, ich hatte mir meinen Anfang in London so toll und glamourös ausgemalt, und jetzt sieht’s eher nach Aschenputtel aus.« Sie betrachtete traurig den Haufen auf dem Boden, dann griff sie nach einem Müllsack und begann, die aussortierten Sachen hineinzustopfen. »Ich schulde dir noch ein Abendessen. Sollen wir was beim Chinesen bestellen? Vielleicht lenkt mich das ab.«

Chloe nickte und ging die Karte des Lieferservice holen. Nachdem sie ausgesucht und bestellt hatten, brachte Chloe schnell die Säcke nach unten in die Mülltonne, und Laura räumte den Rest ihres Krams weg und stellte ihre Kosmetika ins Bad.

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß Chloe lächelnd auf der Couch und klopfte auf das Kissen neben sich. Auf den Knien balancierte sie einen Laptop. Laura ließ sich auf die Couch fallen und schnappte sich ein Kissen, das sie umklammerte. Chloe presste den Bildschirm des Laptops gegen die Brust und sagte in einem feierlichen Tonfall: »Schwörst du bei allem, was dir heilig ist, niemals die Geheimnisse weiterzuerzählen, die ich dir jetzt anvertrauen werde?«

Laura runzelte die Stirn und erwiderte: »Ich denke schon. Was für Geheimnisse denn?«

»Geheimnisse, die mich aus dem Club der Frauen katapultieren und für die andere Frauen ihre Männer verkaufen würden.«

Chloe sah sie verschwörerisch an, und Laura musste lachen. »Okay, ich verspreche es.«

»Ich hasse es, einkaufen zu gehen, aber ich kaufe trotzdem gerne schöne Klamotten für einen vernünftigen Preis. Ich zeige dir jetzt also die offiziell beste Seite im Internet!«

Laura nahm den Laptop auf ihren Schoß und klickte sich durch die Seite, dann sah sie entsetzt Chloe an und rief aufgeregt: »Was kosten die Sachen da? Stimmt das wirklich?«

»Da ist auch kein Haken dabei, die Sachen sind nur immer in bestimmten Größen da und recht schnell weg. Wird aber alles regelmäßig aktualisiert. Los, kauf dir ein paar neue Sachen, das hast du dir nach all der Anstrengung verdient. Wir bestellen auf meinen Namen, und du gibst mir dann das Geld. Und morgen«, sie machte eine dramatische Pause, »gehen wir hier auf den Flohmarkt. Ich kenne ein paar super Stände, und da krieg ich auch manchmal Rabatt.«

Laura strahlte Chloe an, doch dann füllten sich ihre Augen plötzlich mit Tränen, und sie begann zu schluchzen.

Chloe nahm ihr schnell den Laptop ab, stellte ihn auf den Wohnzimmertisch und nahm Laura in den Arm. »Shhh, ist ja gut. Was ist denn los?« Sie strich Laura über den Rücken und versuchte, dabei so ruhig wie möglich zu sitzen, damit Laura nicht merkte, wie sehr ihre Nähe sie erregte. Auch wenn sie sich reichlich merkwürdig dabei vorkam, immerhin weinte Laura.

»Ach, ich weiß auch nicht! Das war wohl alles etwas zu viel. Ich habe gestern Nacht vor Aufregung fast gar nicht geschlafen, und dann der ganze Tag heute: So viele Eindrücke, und du bist so unglaublich nett zu mir, die Möbel, ich darf über dein Konto bestellen, du willst mit mir einkaufen gehen. Ich … ich …« Dann schluchzte sie wieder auf.

»Du bist mir eine! Du bist nett und offen und offensichtlich ein Springbrunnen, ich werde also ab sofort nur noch gemein zu dir sein und nicht mehr mit dir reden!«

Unter Schluchzern musste Laura lachen und bekam sofort Schluckauf. »Du bist gemein, du nimmst mich ja gar nicht ernst.«

Chloe reichte Laura ein Taschentuch. »Du bist mir ja auch eine. Buhu, ich bin die einzige Frau in England, die wirklich neue Klamotten braucht, und ich habe eine neue Freundin, mit der ich zusammenwohne. Ich bin ja so arm dran.« Dazu zog sie so eine lustige Grimasse, dass Laura wieder lachen musste, was den Schluckauf noch verstärkte.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, sagte sie: »Tut mir leid, normalerweise bin ich nicht so emotional, das kommt bestimmt durch den Umzug und alles Drum und Dran.«

»Keine Sorge, ich verstehe das. War ja auch alles ein bisschen viel, der Umzug, das erste Mal von zu Hause weg. Ist ja nichts passiert, du hast ein bisschen geweint. Glücklicherweise etwas mehr gelacht, und wenn du erst mal gegessen und eine Runde geschlafen hast, sieht die Welt sicherlich schon wieder ganz anders aus!«

Laura wies auf den Laptop. »Darf ich?«

»Nur zu, zeig mir aber, was du aussuchst, ich bin neugierig.«

Bis der Lieferant mit dem Essen kam, waren die beiden in Mode vertieft. Als es klingelte, wollte Chloe schon aufspringen, aber Laura hielt sie zurück. »Nein, ich habe gesagt, ich lade dich ein! Das ist ja wohl das mindeste, was ich tun kann.«

Sie ging zur Gegensprechanlage, ihr Geld hatte sie klugerweise schon auf das Tischchen neben der Tür gelegt, wo eine Schale für die Haustürschlüssel und eine Vase mit frischen Blumen standen. Als sie mit dem Essen wieder hereinkam, schloss sie die Tür ab, warf den Schlüssel in die Schale, roch an den Blumen und fühlte sich mit einem Mal sehr heimisch.

»Schatz, das Essen ist fertig!«, rief sie ausgelassen.

Chloe kam mit zwei Tellern aus der Küche, grinste und schnupperte. »Da hast du aber fein gekocht, Liebling.«

Sie stellte den Teller auf den Wohnzimmertisch, und beide setzten sich wie selbstverständlich auf den Boden um den Tisch herum und begannen, das Essen mit den Stäbchen auf den Tellern zu verteilen. Sie teilten ihr Essen untereinander, damit jeder alles probieren konnte, und während sie aßen, klickten sie noch ein wenig im Onlineshop herum. Sie hatten fast aufgegessen, als Laura erklärte: »Okay, ich glaube, das reicht erst mal für eine Weile.«

Chloe schaute genauer auf die Anzahl der bestellten Teile im Warenkorb. »Meinst du?«

»Ich will nicht gleich übertreiben«, antwortete Laura, »und außerdem wollten wir doch morgen auch noch einkaufen gehen, oder?« Dabei sah sie so hoffnungsvoll aus, dass Chloe es sowieso nicht übers Herz gebracht hätte, nein zu sagen. Aber sie freute sich selbst schon darauf. Sie war froh, dass sie Laura richtig eingeschätzt und diese sich so schnell geöffnet hatte.

»Okay, dann schicke ich die Bestellung ab, aber ich lege mir auch noch fix zwei Teile mit in den Warenkorb.«

»Klar, immerhin ist es ja dein Konto.«

Chloe klappte den Laptop zu. »So, das hätten wir. Bis die Sachen hier sind, kannst du dir gerne auch jederzeit was von mir leihen. Aber«, sie hob mahnend den Zeigefinger, »fang nicht wieder an zu heulen.« Dann nahm sie das letzte Stück Frühlingsrolle und steckte es sich in den Mund. Hoffentlich würde Robert Laura auch so toll finden.

Als Chloe am nächsten Morgen von ihrem üblichen Lauf zurückkam, staunte sie nicht schlecht. Laura war offensichtlich eine Frühaufsteherin und hatte tatsächlich schon Frühstück gemacht. Neben aufgebackenen Brötchen – Chloe hatte gar nicht gewusst, dass welche im Haus gewesen waren – gab es Aufschnitt und Rührei und einen Sekt.

»Wow, Frühstück? Großartig. Ich hüpf nur schnell noch unter die Dusche, okay?«

Laura nickte, sichtlich erfreut über die Tatsache, dass Chloe sich freute. »Der Kaffee ist eh noch nicht ganz durchgelaufen.«

Chloe beeilte sich, ins Bad zu kommen. Keine zehn Minuten später saß sie in einer Jerseyhose und einem Shirt in der Küche, die noch feuchten Haare lässig am Hinterkopf hochgesteckt. Sie war nicht geschminkt und sah immer noch großartig aus. Nun nahm sie sich Zeit, den Frühstückstisch ausgiebig zu bewundern.

»Wow, ich wusste gar nicht, dass wir Sekt und Brötchen haben«, bemerkte sie, als Laura den Kaffee in die Tassen goss.

»Die Brötchen hat meine Mutter mir mitgegeben, nur für den Fall, dass es in London keine Supermärkte gibt, genau wie anderen Kram, den ich gestern in den Kühlschrank gepackt und in die Regale verteilt habe. Ich dachte schon, ich hätte mich in der Anzahl der Kartons vertan, aber ein Karton stammte offensichtlich von meiner Mom und war voll mit Flüssigseife, Toilettenpapier, Essen, Handtüchern, ein bisschen Werkzeug – absolut kein Schema erkennbar.«

»Aber das ist doch nett von ihr«, erwiderte Chloe. »Ich jedenfalls freue mich über die Brötchen.«

Laura setzte sich und seufzte. »So habe ich das ja auch nicht gemeint. Ich habe ihr schon eine SMS