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Cobey Green hat ein Problem: Nach einem Jahr voller Partys droht ihm der Rausschmiss aus dem Football-Team. Der Plan? Ins Wohnheim ziehen, einen Nachhilfelehrer finden und seine Noten retten. Praktisch, dass sein neuer Mitbewohner Vincent genau das anbietet – und unpraktisch, dass Vincent keine Ahnung hat, wie heiß er eigentlich ist. Vielleicht kann Cobey ihm im Gegenzug beibringen, lockerer zu werden. Doch dann entwickelt sich zwischen ihnen etwas, das Cobey mehr durcheinanderbringt, als er zugeben will. Vincent Brandt liebt Wissen und Lernen, aber Cobey Green stellt ihn vor eine steile Lernkurve – nicht nur in Sachen Nachhilfe. Der beliebte Footballstar ist witzig, charmant und offen schwul – das Gegenteil von Vincent. Trotz aller Unterschiede verstehen sie sich überraschend gut, und ihre gemeinsamen Stunden werden bald viel persönlicher. Doch Vincent weiß: In Cobeys Welt ist kein Platz für jemanden wie ihn. Und dieses Jahr wird für beide ihre bisher größte Herausforderung.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2025
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N.R. WALKER
LEARNING CURVE
FRANKLIN UNIVERSITY 4
Aus dem Englischen von Susanne Ahrens
Über das Buch
Cobey Green hat ein Problem: Nach einem Jahr voller Partys droht ihm der Rausschmiss aus dem Football-Team. Der Plan? Ins Wohnheim ziehen, einen Nachhilfelehrer finden und seine Noten retten. Praktisch, dass sein neuer Mitbewohner Vincent genau das anbietet – und unpraktisch, dass Vincent keine Ahnung hat, wie heiß er eigentlich ist. Vielleicht kann Cobey ihm im Gegenzug beibringen, lockerer zu werden. Doch dann entwickelt sich zwischen ihnen etwas, das Cobey mehr durcheinanderbringt, als er zugeben will.
Vincent Brandt liebt Wissen und Lernen, aber Cobey Green stellt ihn vor eine steile Lernkurve – nicht nur in Sachen Nachhilfe. Der beliebte Footballstar ist witzig, charmant und offen schwul – das Gegenteil von Vincent. Trotz aller Unterschiede verstehen sie sich überraschend gut, und ihre gemeinsamen Stunden werden bald viel persönlicher. Doch Vincent weiß: In Cobeys Welt ist kein Platz für jemanden wie ihn.
Und dieses Jahr wird für beide ihre bisher größte Herausforderung.
Über die Autorin
Die australische Autorin N. R. Walker hat ein Lieblingsgenre – Gay Romance. Seit ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2012 hat sie über 80 Bücher geschrieben, von denen viele auch als Hörbücher erhältlich sind. Zahlreiche ihrer Werke wurden in neun verschiedene Sprachen übersetzt. Sie liebt das Schreiben und verbringt viel zu viel Zeit damit – aber anders würde sie es gar nicht wollen.
Die englische Ausgabe erschien 2022 unter dem Titel »Learning Curve« bei BlueHeart Press.
Deutsche Erstausgabe September 2025
© der Originalausgabe 2022: N.R. Walker
© für die deutschsprachige Ausgabe 2025:
Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,
Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg
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Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten
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im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.
Umschlaggestaltung: Ronja Forleo
Lektorat: Nina Restemeier
Korrektorat: Theresa Neuendorf
Satz & Layout: Second Chances Verlag
ISBN Klappenbroschur: 978-3-98906-070-8
ISBN E-Book: 978-3-98906-069-2
Aus als Hörbuch erhältlich!
www.second-chances-verlag.de
Titel
Über die Autorin
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
EPILOG
»Irgendwann wirst du uns dankbar sein«, sagte Mom.
Ich saß auf dem Rücksitz und fühlte mich sehr an den Tag erinnert – ich war damals dreizehn gewesen –, an dem mich meine Eltern in ein Sommercamp mit Mathenachhilfeprogramm statt für Footballer gesteckt hatten. Nur dass sie mich dieses Mal zum College brachten. Und zwar nicht zurück zu der lustigen Hausgemeinschaft, mit der ich mein erstes Jahr verbracht hatte. Oh nein. Sie stopften mich in ein Wohnheim. Warum? Weil ich versagt hatte.
Ich war ihnen mit dreizehn nicht dankbar gewesen, und jetzt war ich es auch nicht.
Klar, sie meinten es gut. Aber mal im Ernst, ich war neunzehn und im Football-Team meines Colleges. Mein Studium kam an zweiter Stelle – nach meinem Privatleben. Und meiner Footballkarriere. Na gut, an dritter Stelle eben.
Und da lag das Problem, wie mein Vater behauptete. Das Studium musste oberste Priorität haben. Ein toller Start für das neue Semester.
Ich gab mir Mühe, nicht sauer zu sein. Auch wenn ich ihnen nicht dankbar war, konnte ich sie zumindest verstehen. Irgendwie.
»Wer weiß?«, sagte Dad gut gelaunt und musterte mich im Rückspiegel. »Vielleicht ist dein neuer Zimmergenosse ein netter Kerl. Ein guter Einfluss.«
Ich starrte ihn an. Hatte ich gerade richtig gehört?
»Mein neuer was bitte?«
»Dein neuer Zimmergenosse.« Dad warf Mom einen panischen Blick zu. »Hast du es ihm etwa nicht gesagt?«
Dad wirkte erschrocken, Mom eher zerknirscht. »Du also auch nicht?«
»Was nicht gesagt?« Meine Frage klang halb wie ein Quieken, halb wie ein Aufschrei. Ich beugte mich zwischen die Vordersitze, um einen Blick auf ihre Mienen zu erhaschen. »Was für ein Zimmergenosse?«
»Die Einzelzimmer waren alle schon belegt«, erklärte Dad.
Ich sank zurück in den Sitz. Das soll ja wohl ein Witz sein.
Aber nein, war es nicht.
»Es wird dir nicht schaden, dich mit ein paar Leuten anzufreunden, die nichts mit Football zu tun haben«, fügte Mom hinzu. »Neue Bekanntschaften erweitern den Horizont.«
Na toll.
Apropos Horizont, fahrt einfach weiter. Vorzugsweise bis wir vom Rand der Welt fallen, verdammt noch mal.
»Darauf kann ich echt verzichten, nur damit ihr Bescheid wisst«, murrte ich. »Zufällig mag ich meine Football-Kumpels.«
Sie redeten auf mich ein, dass es schon nicht so schlimm sein würde, dass es sogar eine tolle Erfahrung sein könnte und dass ich im Wohnheim mehr Zeit zum Lernen haben würde. Zum Glück war selbst Dad klar, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um mir einen Vortrag über meine Prioritäten und meine miesen Vorjahresnoten zu halten. Ich konnte an nichts anderes denken als daran, mit wem ich mir von jetzt an ein Zimmer teilen musste.
Was, wenn er schlampig war? Was, wenn er überall seinen Scheiß verteilte?
Oh Gott.
»Was, wenn er seine Klamotten nicht regelmäßig wäscht und das ganze Zimmer stinkt wie eine Sporttasche?«
Dad schnaubte. »Du meinst, wie deine Sporttasche?«
Mom drehte sich um und warf mir den Blick zu. Diesen halb gönnerhaften, halb entschuldigenden Blick, den nur Mütter draufhaben. »Es kann übrigens genauso gut sein, dass dein neuer Mitbewohner ein stiller, ordentlicher und rücksichtsvoller Zeitgenosse ist. Und ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass es im Wohnheim schlimmer zugeht als dort, wo du das letzte Jahr verbracht hast, Schatz. «
»Die Jungs, mit denen ich bis jetzt zusammengewohnt habe, waren vollkommen in Ordnung«, knurrte ich. »Sie sind meine Freunde. Meine Mitspieler. Und was, wenn der Neue total merkwürdig ist? Ich meine spleenig-merkwürdig?«
»Er ist bestimmt nett«, antwortete Dad. »Und wenn du wirklich nicht mit ihm klarkommst, kannst du immer noch versuchen, das Zimmer zu tauschen. Lass dir einfach ein paar Wochen Zeit. Wer weiß?« Er warf mir im Rückspiegel einen hoffnungsvollen Blick zu. »Vielleicht ist er ja auch ein toller Kerl.«
Ich seufzte.
Normalerweise war ich eher der optimistische Typ und versuchte immer, mich auf das Positive zu konzentrieren. Aber dieses Semester würde in die Hose gehen.
***
Mein neuer Mitbewohner war Cobey Green.
Ausgerechnet Cobey Green!
Er hatte natürlich keine Ahnung, wer ich war, aber das war auch nicht weiter überraschend. Jeder an der Franklin U wusste, wer Cobey Green war. Er war der unglaublich beliebte, total süße eins neunzig große Linebacker der Kings und hatte ein umwerfendes Grinsen. Als würde das nicht reichen, um mein zynisches kleines Herz aufzuregen, hatte ich auch noch nie gehört, dass jemand ein böses Wort über ihn verloren hatte.
»Hey, Alter«, sagte er und trug einen Karton ins Zimmer. Als ich ihm die Tür geöffnet hatte und er mir mit besagtem Karton und dem bereits erwähnten umwerfenden Grinsen gegenübergestanden hatte, hatte ich ihn angeschaut wie der letzte Vollpfosten. »Ich bin Cobey, dein neuer Mitbewohner.«
Es dauerte einen Moment, bevor mein Gehirn wieder den Betrieb aufnahm. »Oh, na klar.« Ich machte ihm Platz. »Komm rein. Ich, äh … Ich bin gerade erst eingezogen und hab meinen Kram auf die linke Seite geräumt.«
Cobey stellte den Karton auf sein Bett. »Ist mir recht«, antwortete er nach wie vor mit diesem lächerlich einnehmenden Grinsen. »Oh, und das sind meine Eltern. Ich habe deinen Namen nicht mitbekommen.«
»Vincent Brandt.«
Hinter ihm war eine Art älterer Cobey in den Vierzigern aufgetaucht, von dem er seine Größe hatte, dazu eine Frau, von der er unübersehbar das Lächeln geerbt hatte.
»Hallo Vincent«, begrüßte mich seine Mom. Sie trug eine große Tüte mit Bettwäsche im Arm. »Ich bin Sheree, und das ist Chris.«
Ich nickte Cobeys Eltern zu und lächelte. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
Das Zimmer war sowieso schon klein und bot gerade mal zwei Einzelbetten und den dazugehörenden Schreibtischen und Schränken Platz. Doch nun, da ich mich gleich drei großen Greens gegenübersah, wirkte es geradezu beengt. Und mit Eltern kam ich allgemein nicht gut klar.
»Ich, ähm, ich lasse dich mal einziehen.« Ich schob die Hände in die Hosentaschen.
»Oh, wir wollen dich nicht vertreiben«, sagte Sheree. »Bleib doch. Es ist schließlich dein Zimmer.«
»Nein, schon gut. Darum geht es nicht.« Ich schenkte ihnen mein schönstes Lächeln und deutete zur Tür. »Ich muss mich um was kümmern … So eine Sache mit dem Lernprogramm. Drüben im Lernzentrum … Also in der Bibliothek.«
»Oh, das Lernprogramm.« Chris’ Augen leuchteten auf, und er nickte Cobey enthusiastisch zu. »Siehst du? Vincent ist auch im Programm. Es ist keine Schande, sich einen Tutor zu suchen.«
Cobey war das Entsetzen anzusehen. »Dad!«, zischte er.
Oh Mann. Das war mein Stichwort.
»Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen«, wiederholte ich und bahnte mir einen Weg um sie herum zur Tür. »Ach ja, Cobey, versuch lieber nicht, das Rollo hochzuziehen. Es ist gerade runtergekracht.«
Er lächelte entschuldigend, und nachdem ich ihm noch einmal zugenickt hatte, ergriff ich die Flucht. Ich musste wirklich in die Bibliothek, um etwas wegen des Lernprogramms zu klären. Das war keine Ausrede. Trotzdem war das Zimmer schlicht zu klein für vier Leute. Und peinlich berührt auf meinem Bett rumzusitzen, während sie Cobeys Sachen verstauten und seine Eltern mir unangenehme Fragen stellten …
Nein danke. Nicht heute.
Im Lernzentrum traf ich auf Rafe, der einen Stapel Bücher vor sich herschleppte. »Hallo Vincent«, begrüßte er mich freundlich. »Schön, dass du wieder da bist.«
Rafael studierte Anglistik. Er war im dritten Jahr, und wir waren seit meinem ersten Tag an der Uni Freunde. Ich hatte nicht viele. Wenn ich sie aufzählte, kam ich höchstens auf drei. Wir unternahmen nichts miteinander, eigentlich nie, um ehrlich zu sein. Aber wir verstanden uns gut genug, um uns zu unterhalten. Jetzt zum Beispiel.
Ich nahm ihm die Hälfte der Bücher ab. »Hey. Ja, ich bin froh, wieder hier zu sein. Wie war dein Sommer?«
»Nicht übel. Hab Zeit mit der Familie verbracht und ein bisschen bei meinem Dad gejobbt. Und bei dir?«
»Dasselbe in Grün.« Das war in jeder Hinsicht gelogen, und ich wechselte schnell das Thema. »Ich habe gerade meinen neuen Mitbewohner kennengelernt.«
»Ach ja? Wer ist es denn?«
»Cobey Green.«
Rafe legte die restlichen Bücher ab und lächelte mir zu. »Er ist ein netter Kerl.«
Das war die allgemeine Meinung. Absolut jeder an der Franklin U kannte und mochte Cobey. Ich war mir nicht sicher, warum mich das ärgerte.
Aus Eifersucht?
Nein.
Ich hatte nur nichts für Leute übrig, die ständig auf der Überholspur unterwegs waren. Leute, denen alles in den Schoß fiel: Geld, Freunde, Sport. Und Cobey war das Sinnbild all dessen. Ein Superstar im Football, groß, gut aussehend, reich, mit jedem befreundet, und nette Eltern hatte er außerdem.
Zudem stand er auch noch offen dazu, dass er zur LGBT+-Familie gehörte.
Er war buchstäblich alles, was ich auch gern gewesen wäre. Und einfach nicht war.
War das seine Schuld? Nein. Und war es seine Schuld, dass er solches Glück hatte? Auch nicht.
War ich ein Arschloch, weil ich verallgemeinernd und klischeehaft über ihn dachte? Vermutlich ja.
»Er ist bestimmt nett«, sagte ich. »Und er ist sicher besser als der Typ, mit dem ich mir letztes Jahr das Zimmer geteilt habe.«
Rafe lachte leise. »Das wollen wir doch hoffen.« Eine Weile sortierten wir in entspanntem Schweigen die Bücher. »Bitte sag mir, dass du hier bist, um dich für das Lernprogramm einzutragen.«
»Bin ich.«
»Wie, du bist nicht hier, weil du mich sehen wolltest?«
Ich verdrehte die Augen, aber gleichzeitig musste ich lächeln. »Na klar, das auch.«
Beweis erbracht, ich war in Freundschaftsfragen echt mies.
»Wir veranstalten dieses Wochenende eine Willkommensparty, um das neue Semester einzuläuten.« Rafe reichte mir ein Klemmbrett. »Komm doch auch.«
Ich nahm es ihm ab. Mein armes Introvertiertenherz raste bei der Vorstellung, mit anderen Menschen zusammenzutreffen. »Oh.«
Er lachte. »Du solltest mal dein Gesicht sehen.«
»Nein, ich könnte schon hinkommen.« Sobald ich es gesagt hatte, bereute ich es bereits. »Wer ist denn sonst noch da?«
Er gab sich unübersehbar Mühe, nicht zu lachen, als ihm bewusst wurde, dass ich es ernst meinte. »Nur die üblichen Kandidaten. Wird eher was Kleines. Du kennst uns ja.«
Ich nickte. Ich kannte sie wirklich. Sie waren nett und von meinem Schlag: ruhig und fleißig.
Ich füllte die Unterlagen aus, und wir unterhielten uns eine Weile. Ich mochte Rafe. Er war entspannt und durch kaum etwas zu erschüttern.
Doch ich konnte mich nicht ewig davor drücken, in mein Zimmer zurückzukehren.
Als ich zurückkam, war Cobey allein. »Oh hallo. Sind deine Eltern schon weg?«
»Ja, sie mussten wieder nach Hause«, antwortete er und deutete zum Fenster. »Mein Dad hat das Rollo repariert.«
Ich setzte mich aufs Bett und versuchte, keine peinliche Atmosphäre aufkommen zu lassen. »Tja, ähm … Wohnt ihr weit weg?«
Gut gemacht, Vincent. Wenn’s nicht peinlich werden soll, stell doch gleich mal eine richtig persönliche Frage.
»Nee«, gab er entspannt zurück. »San Diego. Und du?«
»San Luco.«
»Oh! Cool, dann bist du ja hier zu Hause.«
Wenn es nach mir ging, war ich nicht ansatzweise weit genug von zu Hause entfernt.
»Meine Eltern wollten nur sicher sein, dass ich gut ankomme«, fuhr er fort. »Ich war letztes Jahr in Mundell. Da sind meine Noten in den Keller gerauscht.« Er seufzte. »Es ist ein Teufelskreis. Eigentlich waren meine Noten wegen des Footballs so beschissen. Du weißt schon, die vielen Spiele, das Training, die Partys. Das hat viel Zeit aufgefressen, und ehrlich gesagt, ist mir das Studium auch nicht so wichtig. Aber wenn ich keinen Schnitt von 2.0 halte, darf ich nicht Football spielen. Das ist eine der Auflagen für mein Stipendium. Ich bin dieses Mal gerade noch so davongekommen. Der Coach war schon sauer, aber meine Eltern sind richtig durch die Decke gegangen. Und deshalb bin ich jetzt hier, im Wohnheim.«
Es gab viele Studenten, die Football spielten, und die meisten schafften es problemlos, das Gleichgewicht zwischen Sport und Studium zu wahren. Es war sicher nicht leicht, alles unter einen Hut zu bringen, aber ich fragte mich, ob in Cobeys Fall noch mehr dahintersteckte.
»Es ist gar nicht so übel hier«, meinte ich. »Es geht bestimmt nicht so witzig zu wie im Mundell House, aber das ist wahrscheinlich der Sinn der Sache.«
»Nicht nur wahrscheinlich. Offensichtlich.« Sein Grinsen hatte einen besonderen Charme. Ich konnte verstehen, weshalb er so beliebt war.
Er hatte über seinem Bett ein paar Poster und Bilder aufgehängt. Das alte Coca-Cola-Plakat war ziemlich cool, und auf den Gruppen- und Teamfotos waren lauter lächelnde Menschen zu sehen. Daneben hing ein Poster von Post Malone im Kleid und eins von Jesus Christus … nein, Maria … Moment mal. »Ist das Adam Driver?«
Cobey lachte laut auf. »Jepp. Zum Schreien komisch.« Er unterbrach sich und suchte hastig meinen Blick. »Oh, wenn es dir nicht gefällt, kann ich es abnehmen. Ich wollte dich nicht beleidigen. Oder überhaupt irgendwen. Mist. Tut mir leid.«
Ich schnaubte. »Nein, ganz und gar nicht. Es ist echt witzig.« Dann deutete ich auf die kleine rechteckige Flagge, die er an den Fotos befestigt hatte. »Ist das die Bi-Flagge?«
Wieder sah er mich an. »Hast du ein Problem damit?«
»Oh nein, absolut nicht«, antwortete ich schnell und versuchte, meine Panik in den Griff zu bekommen. Ich konnte es mir nicht leisten, es mir schon nach zwei Minuten mit ihm zu verderben. »Kein Problem. Ehrlich gesagt gefällt es mir. Dass du …«
Halt die Klappe, Vincent. Halt einfach die Klappe.
»Dass ich was?«
Oh Gott.
Ich wollte sterben, schon weil ich nicht antworten wollte. Aber er starrte mich unverwandt an. Mein Mund war auf einmal ganz trocken. »Dass du … Du weißt schon … offen damit umgehst.«
»Oh.« Erst wirkte er nur erleichtert, dann fiel der Groschen. Ich konnte es praktisch hören. Er musterte mich. »Oh!«
Wieder packte mich die Panik. »Nein, so meine ich das nicht«, behauptete ich, obwohl ich es sehr wohl so meinte. »Ich bin nicht … ich bin nicht …«
Er legte geduldig und neugierig den Kopf schief. »Du bist was nicht?«
»Geoutet«, platzte es aus mir heraus. »Ich bin nicht geoutet.«
Saubere Leistung, es mal eben einem Fremden aufzutischen. Du hast es noch nie jemandem erzählt, aber ausgerechnet Cobey Green wirfst du es sofort an den Kopf. Einem der beliebtesten Studenten am College.
Wirklich saubere Leistung.
***
»Schon gut. Ich werde es niemandem verraten«, versprach ich.
Vincent sah aus, als hätte er etwas sehr Saures oder sehr Scharfes gegessen. »Ich, äh … Ich habe keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Zu dir. Laut.«
Ich schenkte ihm ein Lächeln, das meine Grandma als frech bezeichnet hätte. »Ich habe halt ein vertrauenswürdiges Gesicht. Mir werden ständig irgendwelche Sachen erzählt.«
Er schien sich immer noch unwohl zu fühlen und sogar Angst zu haben. Ich wollte ihm zu verstehen geben, dass er mit mir über solche Dinge reden konnte. Man hatte schließlich eine Verantwortung, wenn man geoutet und populär war. »Also«, begann ich. »Bist du schwul, bi, trans, pan oder ace?«
Die Frage schien Vincent zu überraschen. »Oh, ich bin, ähm, schwul.«
»Hast du einen Freund?« Ich zog die Augenbrauen hoch. »Einen, der dich hier besucht? Wir können einen Code verabreden, wenn du willst. Ein Handtuch an der Tür oder so.«
Vincent schnaubte, und seine Wangen verfärbten sich rosig. »Nein. Kein Freund.« Er räusperte sich. »Ich … äh. Ich hatte noch nie …« Er brachte den Satz nicht zu Ende, inzwischen glühte er. »Keine Ahnung, warum ich dir das erzähle. Laut. Und auch noch direkt ins Gesicht.«
Lachend zeigte ich auf meine Augen. »Ich schwöre dir, es liegt an meinem Gesicht. Mir vertraut ständig jemand irgendwas an.«
Er lächelte vorsichtig. Ich glaube, er war dankbar für meinen Versuch, die Stimmung aufzulockern. Dann rieb er sich mit den Handflächen über die Oberschenkel. »Was ist mit dir?«, wollte er wissen. »Hast du einen Freund? Oder eine Freundin?«
»Nö, weder das eine noch das andere.« Das schien ihn zu überraschen. »Ist das so schwer zu glauben?«, fragte ich grinsend.
Er verzog das Gesicht. »Nein, ich hab nur gedacht … Ich habe gedacht, dass du dich vor Interessenten kaum retten kannst.«
Ich musste lachen. »Interessenten gibt es genug, aber ich kann nicht behaupten, dass ich vor ihnen gerettet werden müsste.«
Es dauerte einen Moment, doch der Moment, an dem er begriff, was ich meinte, war nicht zu übersehen: Seine Wangen wurden tatsächlich noch dunkler. »Oh klar. Ja, natürlich.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Sex ist halt immer gut, oder?«
Wenn ich vorher der Meinung gewesen war, dass er rot war, wurde ich eines Besseren belehrt. Jetzt war er rot. Sein ganzes Gesicht von den Wangen bis hinab zum Hals hatte die Farbe einer reifen Tomate angenommen. Ich wunderte mich selbst ein wenig, wie sehr mir der Anblick gefiel.
Vincent sah auf nerdige Weise sehr gut aus. Weiche, dunkle Haare, blasse Haut, Brille, blaugraue Augen, rosige Lippen und dazu die roten Wangen.
Verdammt.
»Ja, ja. Genau«, gab er zurück, dann nahm er einen alten Laptop aus seinem Rucksack, lehnte sich gegen die Kopfplatte seines Betts und klappte ihn auf. »Hast du dich schon eingeloggt und dir deine Stundenpläne angeschaut?«
Und damit war der Themenwechsel vollzogen. Es war nicht zu übersehen, dass er sich beim Thema Sex unwohl fühlte. Vielleicht hatte es ihn überfordert, gleich in den ersten fünf Minuten unseres ersten Gesprächs so persönliche Dinge zu besprechen. Ich hatte kein Problem damit, er offensichtlich schon. Und das war okay.
»Nee, noch nicht.« Ich warf einen schiefen Blick zu meinem eigenen Laptop. »Ich verfolge die Strategie, das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszuzögern.«
Vincent lächelte. »Guter Plan.«
Die nächsten vier Tage vergingen wie im Flug. Die Vorlesungen begannen, sodass ich neben meinem neuen Terminplan als Tutor genug zu tun hatte – bisher kam ich auf eine Verwechslung, zwei Neuzugänge und eine Absage. Damit boten sich mir jede Menge Ausreden, meinem neuen Mitbewohner aus dem Weg zu gehen.
Ja, ich ging ihm aus dem Weg. Warum?
Weil der verdammte Cobey Green schlicht zum Anbeißen war. Er war süß. Sein Lächeln versetzte meinen Magen in Aufruhr. Er hatte ein Grübchen, dessen Anblick jedes Mal einen Kurzschluss in meinem Gehirn verursachte. Dazu kam seine sanfte, freundliche Art, sich mit mir zu unterhalten.
Und er war schon zweimal – verdammte zweimal in vier Tagen – nach dem Laufen verschwitzt in unser Zimmer gestürmt, während sein T-Shirt wie eine zweite Haut an ihm geklebt hatte. Bei diesen Gelegenheiten hatte ich drei Dinge über mich gelernt.
Erstens wurde mir ganz schwummerig zumute, wenn mir die Mischung aus seinem Deo und seinem Schweiß in die Nase stieg. Echt mal, wer hätte gedacht, dass dieser Geruch wie ein Aphrodisiakum wirkte?
Zweitens hatte ich Sportler bisher nie als attraktiv wahrgenommen. Deren überzogenes Selbstbewusstsein in Kombination mit dem muskulösen Körperbau stieß mich normalerweise eher ab. Gerade wenn sie im Rudel auftraten – ein Rudel, zu dem ich nie gehört hatte –, konnte ich sonst gar nicht schnell genug in die andere Richtung rennen.
Aber er war anders.
Der dritte und wahrscheinlich wichtigste Punkt war, dass Cobey mir immer in die Augen sah, wenn wir uns unterhielten. Ich hätte nie gedacht, dass mir das so viel bedeuten könnte.
Sein Blick war intensiv, hakte sich in mir fest. Und er hörte mir zu, er hörte mir wirklich zu. Seine blauen Augen schienen mich dabei zeitgleich zu durchschauen und zu hypnotisieren.
Ich verstand jetzt, warum alle ihn mochten. Bevor ich ihn kennengelernt hatte, war ich davon ausgegangen, dass alle auf ihn standen, weil er nun mal ein sehr gut aussehender Footballspieler der Marke ›Ich bin beliebt, und es gibt nichts, was ich nicht kann‹ war.
Aber es steckte mehr dahinter, wie ich inzwischen erkannt hatte. Cobey war beliebt, weil er jedem Respekt und Freundlichkeit entgegenbrachte. Wenn er jemanden fragte, wie dessen Tag gelaufen war, hörte er sich die Antwort tatsächlich an. Er war schlicht ein sehr anständiger Kerl.
Und erwähnte ich schon, dass er zum Anbeißen war?
Ich hasste es, dass er so gut aussah. Das machte es mir richtig schwer, mich mit ihm zu unterhalten. Oder vielleicht lag es auch am Blickkontakt.
Ja, wahrscheinlich Letzteres. Definitiv sogar.
Und ich fand noch etwas über mich selbst und den Zauber von Cobeys Blick heraus: Mein Gehirn ging auf Stand-by, wenn er mir in die Augen sah, sodass ich ihm irgendwelchen Unsinn erzählte. Sehr persönlichen, sogar geheimen Unsinn. Zum Beispiel, als ich mich vor ihm geoutet hatte. Was zum Teufel war mit mir los?
Und dann hatten wir auch noch von Sex geredet. Hilfe!
Das war das Aufregendste, Faszinierendste und Grausigste gewesen, das mir je passiert war. Einfach nur ein Gespräch über Sex. Zum Glück war es mir gelungen, die Fehlzündung in meinem Gehirn zu beheben, bevor ich mit der Wahrheit rausgeplatzt war. Nämlich, dass ich nicht mitreden konnte, weil ich noch nie Sex gehabt hatte.
Nicht mal ansatzweise.
Als würde ich das Cobey Green je verraten.
»Hey«, begrüßte Rafe mich, als ich die Bibliothek betrat. Er legte seinen Stift weg. »Wie läuft es bei dir?«
»Wie immer. Und bei dir?«
»Dasselbe.« Er schob das Klemmbrett beiseite, auf dem er sich etwas notiert hatte. »Ständig Terminänderungen in letzter Sekunde. Du weißt ja, wie das ist.«
Ich nickte. Zu Beginn des Semesters kam es immer zu Verschiebungen. Vorlesungstermine wurden geändert, Stundenpläne angepasst, und manche Studenten wurden schlicht von der Realität eingeholt. »Sag mir Bescheid, wenn ich zusätzliche Stunden einlegen soll.«
Er wand sich. »Du bist schon voll, Mann. Wenn du noch mehr Studenten annimmst, geht das auf deine Zensuren. Deshalb wurde die Obergrenze ja eingeführt.«
»Ich kann das Geld aber gut gebrauchen.« Das war nichts als die Wahrheit.
Seine Miene wurde sanft. »Ich weiß, und es tut mir leid. Die Obergrenze ist echt sinnvoll. Es bringt nichts, wenn du reihenweise anderen Studenten hilfst, allerdings selbst durch deine Kurse rasselst.«
Ich zog eine Augenbraue hoch, und er lachte. »Das ist mein Ernst«, fuhr er fort. »Im Augenblick fällt dir noch alles in den Schoß, du Genie, aber das wird nicht ewig so bleiben. Und du brauchst ein Leben außerhalb der Uni. Oder zumindest Zeit zum Schlafen. Das soll ziemlich gesund sein, habe ich mir sagen lassen.«
Ich wollte ihm schon klarmachen, dass er seine guten Ratschläge erst mal selbst umsetzen sollte, als ein Mädchen hereinkam. Sie drückte ihre Laptoptasche an sich und wirkte leicht verloren.
»Kann ich dir helfen?«, fragte Rafe lächelnd.
»Ich habe jetzt Unterricht bei einem Mr Vincent Brandt?« Es klang wie eine Frage.
Rafe zeigte auf mich. »Da ist er, live und in Farbe.«
Sie unterzog mich einer schnellen Musterung. Die Überraschung, dass ich ein Tutor sein sollte, war ihr deutlich anzusehen. Und dann auch noch ihr Tutor. Ich war solche Reaktionen gewohnt. Die meisten sahen nur meine alten Billigklamotten und meine abgetragenen Chucks und nahmen automatisch an, dass ich nicht viel auf dem Kasten hatte.
Als ob nur die Superreichen schlau sein könnten. Immer dasselbe.
»Hallo.« Ich lächelte ihr freundlich zu. »Du bist Tessa, nehme ich an?«
Endlich erwiderte sie mein Lächeln. In erster Linie aus Erleichterung, nahm ich an. »Ja!« Sie schüttelte mir die Hand. »Freut mich, dich kennenzulernen.«
Wir setzten uns an einen Tisch, und sie holte ihren Laptop hervor. Den größten Teil unserer ersten Stunde verbrachten wir damit, ihre Erwartungen, Stundenpläne und Abgabefristen abzustimmen. Tessa war im dritten Jahr, und falls es sie anfangs gestört haben sollte, dass ich erst im zweiten war, hatte sich das nach wenigen Minuten erledigt. Sie war ziemlich nett und brauchte auch nur ein bisschen Hilfe in Statistik.
Fortgeschrittene Statistik war kein Problem für mich. Und sehr zum Entsetzen der meisten Leute, denen ich Nachhilfe gab, hatte ich sogar Spaß daran.
Als unsere Stunde um war und wir zusammenpackten, hörte ich eine vertraute Stimme. Jemand sprach mit Rafe. Cobey.
So wie er aussah, kam er gerade vom Footballtraining. Seine Sporttasche stand zu seinen Füßen, und er trug eine Sporthose und ein ärmelloses Shirt, auf dem sich dunkle Schweißflecken abzeichneten. Seine Haare waren feucht. Hilfe.
Ich konnte nicht genau verstehen, was Rafe sagte, aber sie sahen sich zu den vollen Tischen des Lernzentrums um. Cobey wirkte reichlich verblüfft, als er mich bemerkte.
Tessa schob ihren Laptop in die Tasche. Nun, da sie auf dem richtigen Weg war, lächelte sie und machte einen wesentlich glücklicheren Eindruck als bei ihrer Ankunft. Wir verabschiedeten uns voneinander und bestätigten den Termin für nächste Woche. Danach begleitete ich sie noch bis zu Rafes Schreibtisch.
»Bis nächste Woche«, sagte ich und winkte ihr nach. Dann lächelte ich Cobey zu. »Hallo.«
»Oh, hey«, gab er zurück.
»Was treibst du denn hier?«
Rafe antwortete an seiner Stelle. »Er wollte sich ins Lernprogramm einschreiben. Ich habe ihm gerade gesagt, dass wir im Moment voll sind. Aber es hört ja ständig jemand auf. Das klappt schon noch.«
Cobey verzog das Gesicht. »Ich hätte das längst erledigen sollen.«
»Oh«, meldete ich mich zu Wort, aber Rafe unterbrach mich hastig.
»Ich habe ihm bereits gesagt, dass wir keine freien Plätze mehr haben.«
»Schon gut«, erwiderte Cobey. »Mein Fehler. Ich war total mit Football beschäftigt und habe alles, was mit der Uni zu tun hat, verdrängt, wenn ich ehrlich bin.«
Ich lächelte ihn an. Warum musste er auch so süß sein? Und so verschwitzt und sexy? Verdammt noch mal.
»Ich komme gerade vom Krafttraining«, erzählte er. »Und ich habe wegen des Footballs sowieso nur selten Zeit für das Lernprogramm. Das Training, die Spiele und so. Ich, äh … Als du gesagt hast, dass du im Lernprogramm bist, habe ich gar nicht gerafft, dass du als Tutor hingehst.« Er strich sich durch die Haare. »Das ist mir jetzt irgendwie peinlich.«
Oh Mist.
»Muss es nicht«, sagte ich schnell. »Es ist überhaupt nicht peinlich, besser werden zu wollen, eher bewundernswert.«
Cobey griff nach seiner Sporttasche und wandte sich an Rafe. »Dann lasse ich mich mal auf die Warteliste setzen, was?«
»Okay«, sagte Rafe. »Infinitesimalrechnung, richtig?«
»Genau«, antwortete Cobey.
Rafe suchte meinen Blick. Natürlich war Infinitesimalrechnung eine meiner Spezialitäten, doch er ermahnte mich wortlos, nichts zu sagen. Ja, mein Terminplan war voll, aber ganz ehrlich …
Weitere Studenten kamen und gingen, und einer der Jungen, die an den Tisch traten, erkannte Cobey sofort. »Hey, Mann«, sagte er grinsend. Sie klatschten sich auf ziemlich merkwürdige Weise ab.
»Hey, Bumbles«, erwiderte Cobey.
Bumbles?
»Bereit für das Spiel am Wochenende?«
Aha, einer seiner Football-Freunde. Ich hätte von selbst darauf kommen können.
»Wie immer.«
»Du warst gestern richtig gut.« Bumbles sah erst zu mir, dann zu Rafe. Ihm schien wieder einzufallen, wo er war. Oder dass er zumindest erklären sollte, was er hier wollte. »Ach so, ich habe um sechs Unterricht bei Vincent. Mathe für BWLer.«
Rafe und Cobey schauten sich zu mir um. Ich winkte wie der letzte Esel. »Hallo, Brett.«
»Neues Jahr, neues Glück.« Er zuckte die Schultern, bevor er Cobey auf den Rücken klopfte. »Ich muss unbedingt versuchen, diesen Mathescheiß in den Schädel zu bekommen. Wir sehen uns später, Mann.«
»Ja, bis dann.« Cobey nickte, lächelte Rafe zu und wandte sich dann an mich. »Und wir sehen uns nachher.« Etwas hatte ihn merklich verwirrt oder auch verblüfft. Ich war mir nicht ganz sicher.
»Bis nachher«, sagte ich, dann ging ich mit Brett an meinen Tisch.
Obwohl ich ihm schon im letzten Jahr Nachhilfe gegeben hatte, war mir sein Spitzname neu. »Bumbles?«
Er lachte. »In meinem ersten Jahr stand nur der Anfangsbuchstabe von meinem Vornamen auf der Spielerliste von Coach. Deshalb hat er mich die ganze erste Hälfte der Saison immer nur Bee gerufen. Und aus der Biene wurde bei den Jungs dann schnell die Hummel – Bumble Bee. Das ist hängen geblieben. Du wusstest nicht, dass sie mich so nennen?«
Ich schüttelte den Kopf. Woher auch? »Nein.«
Er seufzte. »Du hast meinem Ego gerade einen Tiefschlag verpasst, Mann.«
Wahrscheinlich hätte ich es wissen müssen. Immerhin war auch er einer der superbeliebten Footballspieler der Uni. Aber wie schon gesagt: Ich hatte weder Zeit für Sport noch für die, die ihn betrieben.
Doch ich hatte Zeit für Brett, den BWL-Studenten im letzten Jahr, der meine Hilfe brauchte, damit seine Noten stabil blieben.
Ich lachte leise. »Ich habe schon öfter zu hören bekommen, dass ich ab und zu mal die Nase aus den Büchern nehmen sollte.«
Er lachte ebenfalls, wobei er mir weder zustimmte noch offen widersprach.
Wir brachten unsere Stunde problemlos hinter uns, doch ich musste immer wieder an Cobey denken. Er brauchte einen Tutor, und das in Fächern, in denen ich wirklich gut war. Ich wollte ihm helfen, ob mein Terminplan nun voll war oder nicht. Aber konnte ich meinen Mitbewohner unterrichten? Oder wäre das merkwürdig?
Wahrscheinlich sogar zu merkwürdig.
***
Ich saß in der Tinte.
Meine Eltern würden stocksauer sein, wenn ich keinen Platz im Lernprogramm bekam. Und das war ganz allein meine Schuld. Dad hatte mir gesagt, dass ich mich gleich am ersten Tag darum kümmern sollte. Genau genommen hatten mir das alle gesagt. Aber hatte ich es getan? Nein.
Ich hatte zu viel zu tun gehabt.
Zum einen mit dem Training und den üblichen Spielvorbereitungen, aber auch damit, meine Freunde zu treffen. Wir mussten uns doch auf den aktuellen Stand bringen! Ich hatte sie die ganzen Ferien über nicht gesehen, und sie hatten mir gefehlt.
Außerdem musste ich mich an meinen neuen Mitbewohner gewöhnen. Er war ziemlich still und irgendwie ein kleiner Nerd. Und auf seine eigene Weise unglaublich scharf. Er lehnte sich beim Lesen oft an die Kopfplatte seines Betts, nur in einer alten grauen Jogginghose und einem T-Shirt.
Er lag einfach da und machte sich Notizen, biss sich ab und zu auf die Unterlippe und hatte zweifelsohne nicht mal vor, sexy zu wirken. Und ich tat dann so, als würde ich ihn nicht wie ein Spanner anstarren.
Ich wollte mich an seinem Körper entlang nach oben schieben, ihm das Buch wegreißen, ihm die Brille abnehmen und mich über ihn hermachen.
Stattdessen ging ich jeden Abend joggen. Anschließend sah ich oft bei meinem alten Haus oder im Shenanigans, der College-Bar, vorbei, um mich mit den Jungs zu treffen und mit ihnen abzuhängen.
Aber in erster Linie tat ich es, um nicht über meinen Mitbewohner herzufallen.
Normalerweise stand ich nicht besonders auf die nerdigen Typen, doch verdammte Scheiße, er hatte was. Von Vincent ging etwas Ruhiges, Selbstbewusstes aus, das mich wirklich ansprach. Zum Beispiel wusste er genau, dass er klug war, aber er gab nicht damit an. Genauso wusste er, dass er gut aussah, doch er scherte sich nicht darum. Er war ein Tutor, verdammt noch mal. Er war zwar erst im zweiten Jahr, unterrichtete aber trotzdem schon Abschlussstudenten. So was konnte es doch gar nicht geben. Offensichtlich war er superschlau, doch er war weder arrogant noch ließ er das Arschloch raushängen, und das fand ich wirklich erfrischend. Ich verbrachte den größten Teil meiner Zeit mit Kerlen, die ständig wegen jedem Scheiß auf dicke Hose machten. Dass Vincent das genaue Gegenteil war, fand ich super.
Und oh Mann, ich wollte unbedingt mit ihm in die Kiste.
Deshalb war ich heute wieder laufen gegangen und auf dem Rückweg im Shenanigans gelandet. Mir war alles recht, um mich abzulenken.
Das Shenanigans war immer eine gute Wahl. Tolles Essen, Superstimmung, laut und ständig überfüllt – und auch Minderjährige wie ich durften rein. Natürlich bekamen wir keinen Alkohol ausgeschenkt. Meine Chancen standen sogar noch schlechter als die der anderen Gäste. Immerhin kannte mich praktisch jeder in San Luco als den Spitzen-Linebacker, der sich schon mit neunzehn einen Namen gemacht hatte. Damit war jeder Versuch, mich als einundzwanzig auszugeben, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
»Hey.« Hinter mir ertönte eine vertraute Stimme, dann legte sich eine Hand auf meine Schulter.
Als ich mich umdrehte, sah ich mich Bumbles gegenüber.
Toll. Echt toll. Denn er würde mich garantiert auf einen gewissen Jemand ansprechen, über den ich nicht nachdenken wollte.
»Du teilst dir also ein Zimmer mit Vincent? Das ist ja witzig.«
Und schon ging’s los. Vincent. Ich verstand zwar nicht, was daran witzig sein sollte, aber egal. Vielleicht die Tatsache, dass der klügste und der nicht-klügste Student der Uni zusammenwohnten.
»Ja, genau. Seit diesem Jahr. Also erst seit ein paar Tagen. Er scheint okay zu sein.«
»Ist er«, erwiderte Bumbles. »Aber echt mal, als ich ihn letztes Jahr kennengelernt und gehört habe, dass er mir Nachhilfe geben soll, dachte ich, das kann doch nicht sein. Er war da noch im ersten Jahr. Wie sollte er mir was beibringen?« Er schüttelte den Kopf. »Aber der Kerl ist ein Genie.«
Gleich ein Genie. Na prima.
»Ja. Er liest viel«, antwortete ich lahm.
Bumbles hob sein Bier und trank einen Schluck. »Ich bin gerade mit dem Unterricht bei ihm durch. Ich dachte, ich trinke noch rasch einen, bevor ich nach Hause gehe.«
»Ich war zu spät dran, um mich ins Lernprogramm einzutragen«, gestand ich. »Bin selbst schuld. Hatte einfach zu viel zu tun. Du weißt ja, wie das ist.«
Er nickte mitfühlend. »Ja, die sind immer ziemlich schnell voll, doch es springt ständig jemand ab. Das wird schon. Aber hey, wenn Vincent dein Mitbewohner ist, kannst du doch … Privatstunden bei ihm kriegen.«
Er schien damit noch etwas anderes andeuten zu wollen, allerdings ignorierte ich das geflissentlich.
Wie an den meisten Abenden stand Brax hinter der Bar. Er tippte auf den Tresen. »Hey, Cobey. Was darf’s sein?«
»Nur ein Wasser. Danke.«
Er schenkte ein Glas ein und stellte es vor mich. »Du warst diese Woche schon ein paarmal hier. Warst du wieder laufen?«
»Ja. Ich versuche, meine Kondition aufzumöbeln. Ich dachte, es sind vielleicht ein paar der Jungs hier.«
»Nee. Nicht von deinen. Heute Abend ist das Schwimmteam da. Und die Lacrossespieler.« Brax’ Freund spielte im Lacrosse-Team. Kein Wunder, dass er so breit lächelte.
»Ja, ja«, meldete Bumbles sich zu Wort. »Nur weil du es jetzt regelmäßig treibst, musst du es uns noch lange nicht unter die Nase reiben.«
Lachend widmete Brax sich seinen anderen Gästen, aber dass Bumbles das Thema Sex angeschnitten hatte, war mir keine Hilfe. Ich leerte hastig mein Glas, klopfte Bumbles auf die Schulter und wünschte ihm einen schönen Abend.
Dann ging ich zurück zum Wohnheim.
Vielleicht war Vincent ja gar nicht da, wenn ich zurückkam.
Was für ein alberner Gedanke. Er durfte in unserem Zimmer sein. Und dass ich ihm aus dem Weg ging, war nicht richtig. Ich wollte nicht, dass er das Gefühl hatte, ich könne ihn nicht leiden. Denn das tat ich! Ich kannte ihn zwar kaum, aber trotzdem …
Ich musste mir etwas Neues einfallen lassen. Ich musste von der Defense in die Offense wechseln. Und ich musste unbedingt aufhören, mich wie ein Feigling zu benehmen. Wovor hatte ich denn Angst? Davor, dass er mir einen Korb gab? Oder davor, dass er Ja sagen könnte?
Konzentrier dich aufs Wesentliche, Cobey.
Was sagte Coach beim Training immer? Zieht eure Gruppenübungen durch, bis euer individueller Trainingsplan feststeht.
Zur Nachhilfe zu gehen, war letztlich auch eine Art Einzeltraining, oder? Und weil ich das noch nicht konnte, würde ich mich in der Zwischenzeit eben aufs Gruppentraining beschränken. Ich würde mir ein Beispiel an den anderen Studenten nehmen und mich genauso verhalten wie sie. Das sollte funktionieren, stimmt’s?
Vincent lernte und las jeden Abend in unserem Zimmer. Ich dagegen hörte normalerweise Musik oder scrollte durch meine Social-Media-Kanäle. Wenn ich mir ein Beispiel an ihm nahm, war das schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Oder?
Okay, das ist mein Plan.
»Oh hallo«, sagte ich und gab mich überrascht, ihn zu sehen. Er saß an seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen mehrere aufgeschlagene Bücher.
»Hey«, grüßte er zurück. Er musterte mich kurz. »Hast du auch mal kein Training?«
Ich sah hinab auf meine Sportsachen. »Ich war nicht beim Training. Nur laufen.«
»Zum Spaß?«
Grinsend warf ich mich auf mein Bett. »Jepp.« Ich zog meine Tasche an mich heran und holte meinen Laptop hervor, bereit, meinen neuen Plan in die Tat umzusetzen.
»Äh, hör mal …«, begann er. »Ich habe versucht, Rafe klarzumachen, dass ich noch einem weiteren Schüler Nachhilfe geben kann, aber er hat Nein gesagt.«
»Oh, schon gut. Kein Problem«, sagte ich. »Trotzdem danke. Wenn jemand aufhört, steh ich ja auf der Liste.«
Er setzte seine Brille ab. »Ja. Äh, ich sag dir Bescheid, falls ich etwas mitkriege.«
Mein Gehirn war ganz damit beschäftigt zu entscheiden, ob er nun mit Brille, ohne Brille oder dann am heißesten war, wenn er sie gerade abnahm. Konzentrier dich, Cobey.
Ach richtig.
Ich deutete auf seine Bücher. »Was liest du da?«
Er seufzte schwer. »Oh, partielle Differenzialgleichungen.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, ich les mich besser noch mal ein, bevor ich mit einem meiner Medizinstudenten daran arbeite.«
Er unterrichtete Medizinstudenten. Na klar.
»Du liest das also zum Spaß?«
Ein Fast-Lächeln huschte über sein Gesicht. »Besser das als joggen zu gehen.«
Ich lachte. »Touché.«
Nur dass praktisch jeder körperlich gesunde Mensch bis zu einem gewissen Maß laufen konnte. Dagegen fanden sich nur die wenigsten in den hoch komplizierten Bereichen der Mathematik zurecht, aber okay.
»Woher kennst du dich mit dem Kram für Fortgeschrittene aus?«, fragte ich und stupste mein Mathebuch an. »Ich kriege ja nicht mal den Stoff für meine eigenen Kurse auf die Reihe.«
»Na ja …« Er betrachtete die Bücher vor sich, bevor er sich zu mir umsah. »Wie kommt es, dass du so gut in Football bist?«
Diese Frage hatte ich nicht erwartet. »Keine Ahnung. Ich war schon immer gut darin. Ich habe schon als kleines Kind gespielt. Der Rest ist jede Menge Training.«
Er tippte mit dem Kugelschreiber gegen ein aufgeschlagenes Buch. »Geht mir genauso. Dir liegt Football, mir das hier.«
So hatte ich das noch nie betrachtet. »Hm. Vermutlich hast du recht.«
Und wo wir gerade davon redeten … Denk an deinen Plan, Cobey.
Seufzend zog ich mein Mathebuch heran und begann zu lesen.
Cobey saß auf seinem Bett und begann, sich mit Infinitesimalrechnung zu beschäftigen. Ganze fünf Minuten lang. Dann richtete er sich ein Stück auf, lehnte sich an die Kopfplatte und las weiter. Noch mal rund drei Minuten. Ein tiefes Seufzen.
Er zog sich die Laufschuhe aus, warf seinem Buch einen finsteren Blick zu und las noch mal zwei Minuten.
Irgendwann griff er nach seinem Laptop und klapperte eine Weile auf der Tastatur rum, schaute jedoch in erster Linie auf den Bildschirm. Anfangs dachte ich, er würde lesen, doch dann wurde mir bewusst, dass er ins Leere starrte. Und er starrte nicht nur, er runzelte dabei auch die Stirn.
Herrje. Soll ich etwas sagen? Das sollte ich wahrscheinlich, aber was? Warum war der Umgang mit Menschen nur so kompliziert?
Mach schon, Vincent. Sag was!
»Alles klar bei dir?«, fragte ich.
