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Susann Bialas

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Beschreibung

Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialarbeit, Note: 1,1, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen, Veranstaltung: Methoden der Sozialen Arbeit, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Begriffe „Lebenswelt“ und „Lebensweltorientierung“ sind in stetigem Gebrauch und erscheinen allgegenwärtig. Lebenswelt scheint geradezu selbstverständlich zu sein, da kaum noch genauer darauf ein-gegangen wird oder eine konkrete Abgrenzung zu anderen Begrifflichkeiten, wie „Alltag“ oder „Sozialraum“, stattfindet. Durch diesen beinahe alltäglichen Gebrauch sind die theoretischen Begründungen kaum noch zu erkennen. Der Begriff der Lebensweltorientierung spielt in der Sozialpädagogik, insbesondere der Kinder- und Familienhilfe, eine große Rolle. Spätestens seit dem Achten Jugendbericht (vgl. BUNDESMINISTER FÜR JUGEND, FAMILIE, FRAUEN UND GESUNDHEIT 1990) gilt die so genannte Lebensweltorientierung als ein zentrales Paradigma der Jugendhilfe. Damit begann ab „Anfang der 1990er Jahre (...) ein regelrechter Boom lebensweltorientierter Überlegungen“ (KRAUS 2006, S. 117 f., Auslassungen durch d. Verf.). Vor allem der Pädagoge HANS THIERSCH, der auch an der Erstellung dieses Berichtes beteiligt war, hat den Begriff der Lebensweltorientierung geprägt. Ausgelöst wurde die Diskussion einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit durch den Wandel in der Gesellschaft. Die heutige Alltagsbewältigung erfordert viel mehr Voraussetzungen, wie Selbst- und Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen oder Selbstvertrauen, als in früheren Jahrzehnten, als die Geschlechter- und Generationsrollen, die Erziehungs-, Gesundheits-, und Ernährungsvorstellungen sowie die Berufswege noch durch stabile Traditionen und Sozialbeziehungen vorgegeben waren. Heute ist die Gesellschaft bestimmt durch zunehmende soziale Ungleichheiten. Dabei führen neben strukturellen Faktoren, wie regionale Ausdifferenzierung, demografische Entwicklung und der Entwicklung des Arbeitsmarktes, auch bestimmte Lebensformen zu erheblichen Unterschieden der Lebenslage (vgl. BUNDESMINISTER FÜR JUGEND, FAMILIE, FRAUEN UND GESUNDHEIT 1990, S. 197). Die zunehmende Veränderung bestehender Lebensformen und -muster ist im Kontext der Individualisierung der Lebensführung und der Pluralisierung der Lebenslagen bspw. durch eine andere lebenszeitbezogene Gewichtung und Verteilung von Arbeit und Freizeit, durch eine Neuformation der Geschlechterrollen sowie durch ein gewandeltes Verhältnis der Generationen zueinander gekennzeichnet.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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Inhaltsverzeichnis

 

1     Einleitung

2.    Lebenswelt und Lebensweltorientierung

3.    Das Konzept lebensweltorientierte Soziale Arbeit

3.1 Das Konzept als Zusammenspiel 4 unterschiedlicher Wissenschaftskonzepte

3.1.1   Hermeneutisch-pragmatische Pädagogik

3.1.2   Phänomenologische-interaktionistisches Paradigma

3.1.3   Kritische Alltagstheorie

3.1.4   Analyse gesellschaftlicher Strukturen

3.2 Dimensionen der Lebensweltanalyse

3.3 Struktur- und Handlungsmaximen einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

3.4 Kerngedanken des Konzepts

4.    Konsequenzen des Konzepts

4.1 Forderungen an Institutionen und Fachpersonal

4.2 Grenzen und Chancen der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

5.    Schlussbetrachtung

6.    Literatur- und Quellenverzeichnis

 

1       Einleitung

 

Die Begriffe „Lebenswelt“ und „Lebensweltorientierung“ sind in stetigem Gebrauch und erscheinen allgegenwärtig.

 

Lebenswelt scheint geradezu selbstverständlich zu sein, da kaum noch genauer darauf eingegangen wird oder eine konkrete Abgrenzung zu anderen Begrifflichkeiten, wie „Alltag“ oder „Sozialraum“, stattfindet. Durch diesen beinahe alltäglichen Gebrauch sind die theoretischen Begründungen kaum noch zu erkennen.

 

Der Begriff der Lebensweltorientierung spielt in der Sozialpädagogik, insbesondere der Kinder- und Familienhilfe, eine große Rolle. Spätestens seit dem Achten Jugendbericht (vgl.Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit1990) gilt die so genannte Lebensweltorientierung als ein zentrales Paradigma der Jugendhilfe. Damit begann ab „Anfang der 1990er Jahre (...) ein regelrechter Boom lebensweltorientierter Überlegungen“ (Kraus2006, S. 117 f., Auslassungen durch d. Verf.). Vor allem der Pädagoge Hans Thiersch, der auch an der Erstellung dieses Berichtes beteiligt war, hat den Begriff der Lebensweltorientierung geprägt.

 

Ausgelöst wurde die Diskussion einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit durch den Wandel in der Gesellschaft. Die heutigeAlltagsbewältigung erfordert viel mehr Voraussetzungen, wie Selbst- und Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen oder Selbstvertrauen, als in früheren Jahrzehnten, als die Geschlechter- und Generationsrollen, die Erziehungs-, Gesundheits-, und Ernährungsvorstellungen sowie die Berufswege noch durch stabile Traditionen und Sozialbeziehungen vorgegeben waren.

 

Heute ist die Gesellschaftbestimmt durch zunehmende soziale Ungleichheiten. Dabeiführen neben strukturellen Faktoren, wie regionale Ausdifferenzierung, demografische Entwicklung und der Entwicklung des Arbeitsmarktes, auch bestimmte Lebensformen zu erheblichen Unterschieden der Lebenslage (vgl. Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit 1990, S. 197). Die zunehmende Veränderung bestehender Lebensformen und -muster ist im Kontext der Individualisierung der Lebensführung und der Pluralisierung derLebenslagen bspw. durch eine anderelebenszeitbezogene Gewichtung und Verteilung von Arbeit und Freizeit, durch eine Neuformation der Geschlechterrollensowie durch ein gewandeltes Verhältnis der Generationen zueinandergekennzeichnet.

 

Lebensbewältigung als Ausgestaltung des eigenen Lebenskonzepts in einer offenen Situation bringt allerdings nicht nurGestaltungsfreiräume und -möglichkeiten mit sich, sondern auch neue Anforderungen an die persönlichen Fähigkeiten um deneigenen Lebensentwurf zu legitimieren (vgl. Grunwald/Thiersch 2004, S. 15). Es bilden sich vielfältige Muster der Alltagsbewältigung sowie der individuellenLebensplanungen und -gestaltungen aus, denen die Soziale Arbeit nicht mehr mit Bearbeitungsprogrammen begegnen kann.

 

Das Konzept lebensweltorientierte Soziale Arbeit, das ursprünglich aus der Jugendhilfe heraus und für diese entwickelt wurde, verfolgt das Ziel, Menschen in der Gesamtheit ihrer Verhältnisse, ihrer Ressourcen, ihrer vorenthaltenen Partizipationschancen und ihren Schwierigkeiten des Alltags zu betrachten. Dies erfordert die Konzentration der Aufmerksamkeit auf den tatsächlichen Alltag des Klienten[1] sowie eine Umorientierung der Institutionen der Sozialen Arbeit von problembezogenen Bearbeitungsprogrammen auf dialogische lebensweltnahe und ganzheitliche Vorgehensweisen. (vgl. Thiersch 2002, S. 134 f.) Lebensweltorientierte Soziale Arbeit versucht dementsprechend den Menschen durch Unterstützung, Provokation und Arbeit an Alternativen zu besseren Verhältnissen und tragfähigeren Kompetenzen zu verhelfen.

 

Im Rahmen dieser Studienarbeit soll, nach einer kurzen Erläuterung von Lebenswelt und Lebensweltorientierung, dargelegt werden,

 

à        welche Wissenschaftskonzepte als theoretischer Hintergrund der Lebensweltorientierung zugrunde liegen,

à        welche Dimensionen, in denen sich der Mensch befindet, bei der Analyse der Lebenswelt und bei der Aufgabenerfüllung betrachtet werden müssen,

à        in welchen Struktur- und Handlungsmaximen das Konzept lebensweltorientierte Soziale Arbeit operationalisiert wird und

à        welche Konsequenzen sich aus dem Konzept ergeben, indem zum einen die Forderungen an Institutionen sowie Fachpersonal und zum anderen die Grenzen und Chancen des Konzepts aufgezeigt werden.

2.    Lebenswelt und Lebensweltorientierung

 

Lebenswelt ist ein von E. Husserl eingeführter Begriff der phänomenologischen Soziologie. Darunter wird die vorwissenschaftliche, dem Menschen umgebende und selbstverständliche Wirklichkeit verstanden. Geprägt wird die Lebenswelt durch das persönliche Erleben und Wahrnehmen des alltäglichen und direkten Umfeldes des Menschen. Diese bezieht er zum einen durch Primärerfahrungen und zum anderen durch Träume, Phantasien und Theorien. (vgl. Stimmer 1994, S. 304) Jegliche Wahrnehmung erfolgt vor dem Hintergrund eines persönlichen Erfahrungshorizontes. Das Ergebnis der Wahrnehmung ist damit immer abhängig von der Sozialisation, Kulturation und Personalisation des Wahrnehmenden. Des Weiteren ist unter Lebenswelt nicht einfach die natürliche Umwelt des Menschen zu verstehen. Nach Honer (2006) ist sie vielmehr „das Insgesamt subsinnweltlicher Wirklichkeitsbereiche“ (Honer 2006, S. 110). Sie wird sowohl historisch als auch gesellschaftlich beeinflusst. Die Menschen bewegen sich in ihr innerhalb der Vorgaben, die die Gesellschaft bestimmt. (vgl. Thiersch 1999, S. 120)

 

Die Frage nach dem Lebensweltbezug in der Sozialen Arbeit verweist nachThiersch(1996) „zunächst auf den elementaren Zusammenhang vorgegebener Lebensstrukturen, Aufgaben und nachgehenden Antworten der Sozialen Arbeit“ (Thiersch1996, S. 141). Zudem zielt die Frage darauf, die Strukturen von Erfahrungen und Handlungsmustern zu analysieren, in denen der Mensch sich zunächst erfährt, mit Problemen konfrontiert wird und diese zu bewältigen versucht. FürThiersch(1996) wird die Frage nach der Lebenswelt nicht nur vielfältig diskutiert, sondern ist auch sehr unterschiedlich ausgerichtet, wobei folgende zwei widersprüchliche Intentionen besonders relevant erscheinen:

 

à        Lebenswelt meint zum einen eine Wirklichkeit, in der sich der Mensch schon immer selbstverständlich vorfindet.

à        Lebenswelt meint zum anderen eine Wirklichkeit, die besonderer und aufwendiger Anstrengungen bedarf, um dieser gewachsen zu sein. (vgl. Thiersch 1996, S. 142)

 

GemäßThiersch(1996) ziele die Frage nach der Lebenswelt auf ein Verhältnis zur Wirklichkeit, in dem Menschen sich zunächst in der Familie, der Arbeit und der Öffentlichkeit vorfinden. Lebenswelt meint einen Ort, in dem Wirklichkeit erlebt und handelnd bewältigt wird. (vgl.Thiersch1996, S. 142) In diesem Zusammenhang ist mit Lebenswelt auch „die Schnittstelle des Subjektiven und Objektiven (gemeint), der Ort, an den Menschen die ihnen objektiv vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen im Erfahrungsraum ihrer subjektiven Deutungs- und Handlungsmuster bewältigen müssen“ (Thiersch 1999, S. 120, Ergänzungen d. d. Verf.). Allerdings darf Lebenswelt, so sehr sie auch durch das Vorgegebene bestimmt ist, nicht als statisch verstanden werden (vgl.Thiersch1996, S. 143).

 

Lebenswelt zu thematisieren bedeutet demnach, den Menschen in seinen Deutungs- und Handlungsmustern sowie subjektiven Lebensmustern, in denen er sich in seiner unmittelbaren Erfahrung zugänglichen Welt weiß, behauptet und verwirklicht, zu betrachten. Diese Herausforderungen müssen die Aufgaben einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit bestimmen.