LEGENDEN 1 - Dana Müller - E-Book

LEGENDEN 1 E-Book

Dana Müller

3,0

Beschreibung

Existiert eine Welt hinter der uns bekannten? Diese Frage stellt sich Justin nicht, denn für ihn ist das Übersinnliche nur eine Erfindung. Doch dann führt er das Fahrstuhlritual durch und sein Weltbild gerät ins Wanken. Mittendrin in allem, was er für Aberglauben hielt, wird er von bedrohlichen Wesen verfolgt. Wird Justin dem Bösen entkommen? Das Fahrstuhlritual ist der erste Band der Serie LEGENDEN. 1. Das Fahrstuhlritual 2. Die verfluchte Puppe 3. Wachul, der Alte 4. Der Werwolf 5. Das Bloody Mary Ritual 6. Corner Game 7. Brieselanger Lichter 8. Voodoo 9. Die verschwundene Stadt 10. Stranger 11. Das 11-Meilen-Ritual 12. Das Zwillingsspiel 13. Das japanische Neujahrsritual

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Seitenzahl: 180

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Dana Müller

LEGENDEN 1

Das Fahrstuhlritual

WARNUNG! Nicht zur Nachahmung! Die Legenden basieren meist auf mündlichen Überlieferungen. Es ist nicht ratsam, die darin enthaltenen Rituale nachzumachen. Es könnten Türen geöffnet werden, die lieber verschlossen bleiben solltenBookRix GmbH & Co. KG80331 München

LEGENDEN

 

 

 

 

Das Fahrstuhlritual

 

von

Dana Müller

 

 

 

Nur eine Legende

 Das Wochenende begann ziemlich unspektakulär. Justin schlüpfte in seine Skinny-Jeans und kramte im Schrank nach einem frischen Shirt. In der Wohnung über ihm trampelten Kinder und unter ihm brüllte die Mutter ihren Sohn wieder einmal an. Irgendwo im Haus bohrte jemand. Ein ganz normaler Vormittag in der Hochhaussiedlung am südlichen Berliner Stadtrand.

Er schnappte sich Sweater und Rucksack und schlich in die Küche. Es war gegen elf. Um diese Uhrzeit schlief sein Vater. Er hasste die Nachtschichten und war schlecht drauf, wenn man ihn vor zwei weckte. Das konnte dann sehr unangenehm werden. Justin hatte keine Lust, ihm so früh zu begegnen.

»Morgen Schatz«, trällerte ihm seine Mutter entgegen, als er die Küche betrat.

»Morgen«, brummte er zurück.

»Bist du wieder verabredet?«, wollte sie wissen.

Er nickte wortlos und holte sich ein Steak aus dem Kühlschrank, das vom Vortag übriggeblieben war. Mit dem Fleisch, ein bisschen Mayo und Ketchup zauberte er sich ein Sandwich und biss hinein.

»Kannst du nicht mal zu Hause bleiben? Immer bist du auf Achse«, jammerte sie.

Er konnte es nicht mehr hören. Klar, er war selten da. Aber was sollte er hier auch machen? Sein Bruder war letzten Monat zehn geworden und ging ihm gehörig auf die Nerven. Ständig wollte er mit ihm an der Konsole zocken, aber darauf hatte Justin einfach keinen Bock. Es lagen immerhin sieben Jahre zwischen ihnen.

Außerdem waren da die Machoallüren seines Vaters, der sich für was Besseres hielt, nur weil er irgendeinen Job machte, der ihn auf Dauer zerstörte. Justin war eher der Typ Mensch, der alles ruhig anging und seine Jugend genoss. Später würde er noch genug arbeiten müssen. Jetzt war er mit der zwölften Klasse eines Berliner Gymnasiums ausgelastet. Trotzdem erwartete sein Vater von ihm, dass er sich einen Schülerjob suchte. Weil er sich weigerte, ließ er Justin seine Enttäuschung regelmäßig spüren.

Er schluckte den Bissen hinunter und spülte mit einem Energydrink nach.

»Muss los«, meinte er und speiste seine Mutter mit einem Wangenkuss ab.

»Justin«, rief sie ihm hinterher, aber er überhörte sie geflissentlich und beeilte sich aus der Wohnung zu kommen.

Der Fahrstuhl wartete bereits im siebten Stockwerk, was ihm gelegen kam. So, wie er seine Mutter kannte, würde sie ihm folgen, um ihn zum Bleiben zu überreden. Wäre nicht das erste Mal.

Er zückte sein Handy. Beim Aussteigen wählte er Simons Nummer. Mit ihm war er seit der vierten Klasse befreundet. Die beiden hatten schon so manchen Mist gebaut, was sie nur noch fester aneinanderschweißte. Ihre Freundschaft war so unerschütterlich, dass es Justin nichts ausmachte, dass Simon bis vor Kurzem mit seiner Ex-Freundin liiert war.

»Jo Mann«, begrüßte er Simon.

»Hey Digga, meine Omme brummt.«

»Verträgst wohl nichts mehr«, foppte Justin.«

»Ha ha, du Komiker«, grummelte Simon. »Bin gleich unten.«

Justin steckte das Smartphone in die Hosentasche und hielt auf die Tischtennisplatte zu. Das war seit geraumer Zeit ihr Treffpunkt, was nicht jedem Mieter schmeckte, denn manchmal feierten sie ziemlich ausgelassen. Deshalb hatte die Hausverwaltung einen Sicherheitsdienst eingestellt. Also konnten sie sich nur noch am Tag an der Platte treffen und zogen am frühen Abend weiter.

»Justin«, rief Anna und kam auf ihn zu.

Anna Schlot, ein Jahr jünger als Justin und echtes Perlhuhn. Frisur und Nägel waren ihr wichtig. Ihr Äußeres gefiel Justin. Das blonde Haar trug sie meist offen. Es hatte eine gute Länge, nicht zu lang, nicht zu kurz und endete ungefähr auf der Hälfte ihres Rückens. Er mochte den Duft des Shampoos, das sie benutzte. Es hatte eine fruchtige Note. Am allerbesten gefiel ihm Annas Loyalität. Selbst wenn sie mitten in einer Shoppingtour war – rief er sie an, ließ sie alles stehen und liegen, um ihn zu sehen. Er betrachtete sie eingehend, konnte seinen Blick einfach nicht von ihr lösen. Sie zog ihn an wie ein Magnet und er war der Gegenpol zu ihr. Wenn er nicht aufpasste, würde das auffallen. Dann müsste er sich eine Ausrede einfallen lassen, um den dummen Sprüchen der Jungs zu entgehen. Wie er Luca kannte, würde dieser sofort alle Hebel in Bewegung setzten, um ihn bloßzustellen.

»Softe Boots«, begrüßte Justin sie.

»Cool oder? Meine Eltern waren vorhin mit mir im Center. Am liebsten hätte ich alle mitgenommen, aber ich durfte mir nur drei Paar aussuchen.«

»Nur«, erwiderte er und nahm sie in den Arm.

»Na ja, eigentlich bekomme ich sonst Geld in die Hand gedrückt. Aber diesmal haben sie mich einfach entführt, weil ich meiner Oma manchmal mit dem Einkauf helfe. Ganz ehrlich? Das mache ich aus freien Stücken. Trotzdem freue ich mich über die Boots.«

Justin bemerke, dass er zaghaft nickte, und zwang sich damit aufzuhören. »Allemal verdient.« Eigentlich war das nur ein Gedanke, aber er huschte so schnell über seine Lippen, dass er ihn nicht daran hindern konnte.

Annas Miene verlor ihre Leichtigkeit. Ernst fragte sie ihn: »Sag mal, was ist eigentlich mit deinem letzten Mathetest? Der war nicht so gut, habe ich gehört.«

Puh, dachte er und suchte nach einem Notausgang aus dieser Gesprächsentwicklung. »Ach, halb so schlimm.«

»Justin, das solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn du willst, helfe ich dir.«

»Du willst mir Nachhilfe geben?«, vergewisserte er sich. Justin wusste, dass sie ab und an Nachhilfe in Mathe, Deutsch und Chemie gab. Aber er wusste auch, dass sie sich die Stunden bezahlen ließ. So erzählte man es sich zumindest in seinem Jahrgang.

»Du kannst nur gewinnen«, sagte sie.

»Du weißt doch, dass ich so ziemlich immer pleite bin«, meinte er, aber Anna sah ihn nur verdutzt an.

»Moment mal, du denkst also, ich will Geld dafür?«

Er wollte nicken, verkniff es sich aber rechtzeitig. »Puh, also ...«

»Jus, Bildung sollte für alle möglich sein. Ich will keine Gegenleistung dafür. Ich will nur helfen, wenn du mich lässt.«

Schweigend stand er da. Nicht nur schön und klug, sondern auch ein Herz aus Gold, dachte er und nickte.

Ein Lächeln schmückte ihr Gesicht. »Prima«, verdeutlichte sie ihre Freude über seine Zusage. »Wo ist eigentlich Simon?«

»Der kommt gleich nach«, sagte er und nickte Luca rasch zu.

Luca Büttner war achtzehn, ein Jahr älter als Justin und Simon und somit der einzige Volljährige in der Gruppe. Das brachte für die Jüngeren einige Vorteile mit sich. Luca wurde vorgeschickt, um Alkohol und Zigaretten zu besorgen. Außerdem kannte er den Türsteher eines Clubs, in den sie mit seiner Hilfe reinkamen.

Das war allerdings das Einzige, was Justin an ihm schätzte. Der schlaksige Sitzenbleiber krepelte in der neunten Klasse herum und machte sich nichts daraus. Er beteuerte, dass er in den Betrieb seines Onkels einsteigen konnte, sollten alle schulischen Stricke reißen. Das war die offizielle Version, aber die Freunde wussten, womit er jetzt schon seine Kröten verdiente. Wenn man ein paar Muntermacher brauchte, war Luca die richtige Anlaufstelle.

Heute sah er geknickt aus. Justin setzte sich zu ihm auf die Bank und stellte seinen Rucksack zwischen ihnen ab.

»Alles chillig?«, erkundigte er sich vorsichtig.

Er kannte Lucas Vater und wusste, dass dessen Faust ziemlich locker saß.

»Mein Alter hat den Vorrat gefunden«, brummte Luca.

»Shit Mann!«

»Eine Sportzigarette ist übriggeblieben. Die hat er übersehen«, meinte er und öffnete seine Hand. Ein fetter Joint lag darin und lachte Justin an.

»Wo hast du den denn versteckt?«, fragte Justin eher beiläufig, denn geistig stellte er sich bereits auf den ersten Zug ein.

»Im Schuh.«

»Igitt«, äußerte sich Anna.

Justins Vorfreude war wie weggeblasen. Es gab nichts, was so widerlich stank wie Lucas Füße.

Er zündete den Joint an, nahm einen tiefen Zug und reichte ihn Justin. Doch dieser lehnte dankend ab.

»Verpasst was. Der ist orgasmisch«, schwärmte Luca und zog noch einmal. »Hi Leute«, grüßte Simon in die Runde.

Er hatte gewisse Ähnlichkeiten mit einem Zombie. Sein braunes Haar war zerzauster als sonst und dunkle Augenringe zierten sein blasses Gesicht.

»Wie siehst du denn aus?« Anna musterte ihn.

»Digga, das Zeug ist krass«, sagte Simon und sah Luca vorwurfsvoll an.

»Ich dachte, du hast gealkt«, mischte sich Justin ein.

Er wollte sich nicht als Moralapostel aufspielen, aber sein Kumpel hatte die Angewohnheit, den Konsum chemischer Substanzen bis aufs Letzte auszureizen. So langsam machte er sich Sorgen um ihn, doch das würde er niemals öffentlich ansprechen.

»Nein Mann, das war Acid«, klärte Simon auf und nahm den Joint von Luca entgegen.

Anna verzog angeekelt das Gesicht, als er daran zog. Jeder wusste, dass sie Kiffen verabscheute.

»Kennt ihr das schon?«, fragte Simon und fummelte an seinem Handy herum.

Justin wartete gespannt darauf, was er ihnen zeigen wollte. Er kannte Simons Vorliebe für verlassene Orte und Übersinnliches. Letzte Woche hatte er sie überredet, in das alte Tafelwerk einzusteigen. Beinahe waren sie von den Bullen erwischt worden, denn ein Anwohner hatte sie bemerkt und verpfiffen. Er konnte sich keinen weiteren Zusammenprall mit der Justiz leisten. Gerade erst hatte er die Sozialstunden abgebrummt, die er für sein Graffiti im S-Bahntunnel bekommen hatte.

»Das ist so unheimlich«, sagte Simon und drehte das Display zu seinen Freunden.

Das Video war ziemlich verwackelt. Der Filmer stieg in einen Fahrstuhl und murmelte etwas, bevor er einen Knopf auf der Konsole drückte.

»Mach mal lauter«, sagte Anna.

»Das ist doch Shit«, beschwerte sich Luca.

»Chill mal! Das wird noch«, antwortete Simon und drehte die Lautstärke auf.

»Der Typ fährt Fahrstuhl«, schlussfolgerte Luca mit ironischem Unterton. »Krass.«

»Das ist ein Ritual. Der fährt nicht nur rauf und runter. Wenn man in einer bestimmten Reihenfolge die Knöpfe drückt, kommt man in eine andere Welt«, klärte Simon sie auf und sorgte damit für Gelächter.

Luca konnte sich nicht mehr halten und prustete los. »Alter, das glaubst du doch nicht etwa. Was hast du geraucht?«

Eingeschnappt schob Simon sein Smartphone in die Hosentasche und setzte sich auf die Tischtennisplatte. »Dann eben nicht.«

»Luca, du bist ein Arsch!«, sagte Anna und gesellte sich zu Simon. »Mach das Video noch mal an.«

Luca äffte sie nach, steckte sich die Kopfhörer in die Ohrmuscheln und fummelte an seinem Handy herum.

»Keinen Bock.«

»Simon, bitte.«

»Auf Keinsten!«, verdeutlichte er und warf Luca einen vernichtenden Blick zu.

Als Justin ihn aufforderte, die Aufzeichnung erneut abzuspielen, gab er nach. Aufmerksam hörte Justin zu, was der Typ im Fahrstuhl sagte:

»Bis jetzt ist niemand eingestiegen. Das ist wichtig, denn andernfalls wäre das Ritual unterbrochen. Mann Leute, ich mach mir gleich in die Hose.« Mit zitternder Hand betätigte er den Knopf für das fünfte Stockwerk.

»Scheiße, wenn ich alles richtiggemacht habe, müsste das Ding in den Zehnten fahren«, sagt er und schwenkte die Kamera zur Anzeige. Tatsächlich zeigte diese an, dass es hinaufging »Leute, wenn jetzt die Frau einsteigt, scheiß ich mir wirklich in die Hose. Macht das nicht nach, oder macht es nach, aber dann befolgt unbedingt die Regeln. Ihr dürft unter keinen Umständen mit ihr reden. Seht sie nicht an. Wenn sie einsteigt, wird sie eine Frage stellen, und wenn ihr antwortet, war’s das mit euch.«

Auf der Anzeige war zu erkennen, dass der Fahrstuhl im zehnten Obergeschoss hielt. Das Bild war völlig verwackelt, weil der Filmer heftig zitterte. Dann glitten die Türen auf und das Video riss ab.

»Ist das echt?«, wollte Anna wissen.

Simons Blick glitt langsam zu ihr herüber. »Willst du es rausfinden?«, fragte er leise.

Sie erstarrte. Mit großen Augen sah sie erst ihn an, dann Justin. »Wir machen es zusammen, okay?«

»Geht nicht. Das kann man nur alleine machen. Das hat der Typ am Anfang gesagt«, antwortete Simon.

»Alleine?«, murmelte Anna.

Erdrückende Stille entstand zwischen ihnen. Anna senkte den Blick und Simon suchte in Justins Gesicht nach dem Hauch einer Zustimmung. Doch Justin dachte gar nicht daran, diesen Unfug mitzumachen. Er ängstigte sich nicht vor dem Unbekannten, vielmehr glaubte er nicht an Dinge wie Geister, Dämonen oder die Hölle. Er dachte rational, während Simon ständig auf irgendwelche Spukgeschichten und Geisterfotos hereinfiel.

Selbst wenn Justin die Phänomene logisch erklärte, hinderte das seinen Freund nicht daran, neue paranormale Fakes als echt anzupreisen. Jedenfalls ging Justin davon aus, dass nichts Wahres an diesen Videos und Fotos im Netz war.

Aber Simon war von seinem Glauben an das Paranormale nicht abzubringen. Schlimmer noch, er versuchte jeden von der Echtheit zu überzeugen. Justin befürchtete, das wären Auswirkungen von Simons Drogenkonsum.

»Warum fährst du nicht selbst?«, meinte Justin.

Die Blicke der beiden glitten zu ihm. Anna starrte ihn mit großen Augen an.

»Was denn? Das ist nur so eine blöde Legende.«

»Wenn du nicht dran glaubst, mach du es doch!«, sagte Simon.

»Was’n los?«, mischte sich Luca ein, der nichts von dem Video mitbekommen hatte, weil er in seiner eigenen Welt versunken war.

»Justin macht das Fahrstuhlritual. Ist doch so, Digga? Oder willst du jetzt kneifen?«

»Hab ich nicht gesagt.« Justin ärgerte sich darüber, dass Simon ihm diesen Unsinn aufschwatzte.

»Ihr wisst schon, dass das alles nur Fake ist? Was ist schon dabei, ein bisschen mit dem Lift rauf und runter zu fahren?«, antwortete Justin.

Luca klopfte ihm auf die Schulter. »Alter, was hast du genommen?«

»Lass das!«, beschwerte sich Anna. »Schon mal was von Meinungsfreiheit gehört? Sorry, hab vergessen, dass du deine letzten grauen Zellen in’ner Bong gelassen hast.«

Das saß. Insgeheim freute sich Justin über Annas Diss, aber er wusste auch, dass man Luca nicht provozieren sollte, denn er machte keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, wenn es mit ihm durchging. Passte Anna nicht auf, würde er ihr eine drücken.

»Was soll’n das heißen?«, maulte Luca und blickte sich um. Dann wandte er sich erneut Justin zu. »Wenn du es tun willst, dann hier. Such dir ein Haus aus. Du kommst hier überall in den zehnten Stock.«

»Vielleicht will Justin dieses bescheuerte Ritual gar nicht durchziehen«, nahm sie ihn wieder in Schutz. »Warum machst du es nicht«, schlug sie vor und durchbohrte Luca mit ihren grünen Augen.

Er schüttelte den Kopf. »Niemals. Wenn was schiefgeht, kommt die Alte dich holen. Hab die Clips alle gesehen.«

»Schade, ich dachte, du wärst mutiger. So, wie du immer deine Fresse aufreißt. Aber schon klar: große Klappe nix dahinter!« Anna ging eindeutig zu weit.

In Lucas Gesicht spiegelte sich Wut. Wut, das wusste Justin, endete bei ihm in einer Schlägerei. Dieser Typ hatte sich einfach nicht unter Kontrolle. Er stellte sich zwischen Anna und ihn. Luca ballte die Fäuste und zischte: »Aus’m Weg!«

Justin bewegte sich kein Stück. »Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, brech’ ich dir die Nase.«

Luca kam näher, schnaufte und sah ihn aus schmalen Schlitzen an. »Soll das eine Drohung sein?«

»Jetzt chillt mal alle wieder«, meldete sich Simon zu Wort. »Wer soll das Ritual durchziehen, wenn du Justin was tust?«

Luca musterte sein Gegenüber, brummte und klopfte ihm auf die Schulter. »Alter, du bist sowas von geliefert.«

»Soll mir das Angst machen?«

»An deiner Stelle würde ich mir ein Ersatzhöschen einpacken. Nur für den Fall«, foppte er. »Wenn du der Alten begegnest, bist du tot.« Er drehte sich um, schnappte seinen Rucksack und entfernte sich von ihnen. »Aber du glaubst ja nicht dran«, sagte er abschließend mit einem Zwinkern und verschwand.

»Blöder Idiot«, meinte Anna leise.

»Was tillt der so rum?«, fragte Simon und bekam nur Achselzucken zur Antwort. »Scheiß drauf! Lasst uns los. Der Fahrstuhl wartet. Mann, ich bin so aufgeregt, am liebsten würd’ ich mitkommen. Nimm das auf, ja?«

»Und welche Kombination muss ich drücken?«

Simon schob seine Hand in die Hosentasche und holte einen gefalteten Zettel hervor. »Hier«, sagte er und reichte ihn Justin. »Ich hab’ dir die Reihenfolge aufgeschrieben.«

»Warte mal«, stutzte Justin, als er die Notiz entgegennahm. »Warum hast du das notiert? Wolltest du es etwa selber machen?«

»Nöp«, antwortete Simon. »Ich wusste ja, dass du mitmachst.«

»Erwarte nicht zu viel«, sagte Justin und steckte den Zettel ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Enttäuschung

 Die Siedlung war erfüllt von Leben. Frauen hatten sich auf dem Spielplatz versammelt und kramten in ihren Handys herum. Sie kümmerten sich weder umeinander, noch um ihre Kinder. In der Nähe bellte ein Hund, sein Herrchen zog ihm eins mit der Leine über und das Tier verstummte nach einem kurzen Winseln. Ein paar Kinder waren in die Büsche gestiegen, sie spielten offenbar Verstecken. Ein ganz normaler Samstag in der Gegend.

Justins Blick wanderte an der Hausfassade hinauf. Die Häuser waren mit weißen und orangefarbenen Platten verkleidet und die Eingänge mit Granit bestückt. Das Design wirkte nobel, dennoch verbarg es nicht das Ausmaß an Hoffnungslosigkeit, das hinter den Türen lauerte. Es waren nicht alle Anwohner davon betroffen, aber die meisten. Einige gingen geregelter Arbeit nach, von der sie ihre Familien ernähren und sogar verreisen konnten. Doch der Großteil der Menschen hier lebte von einem Tag in den nächsten hinein, nicht wissend, was die kommende Woche bringen würde.

»Bist du sicher, dass du es wirklich tun willst?«, fragte Anna besorgt.

»Was ist schon dabei? Das ist nur ein Fahrstuhl.«

»Klar macht er das«, meinte Simon und klopfte Justin auf die Schulter.

Die Tür stand offen, was Simon als Einladung betrachtete. »Schicksal«, sagte er, seine Augen funkelten.

Justin begriff nicht, was er an diesen Geschichten fand. Dennoch ließ er sich von seinem Freund verleiten, das blöde Spiel zu spielen. Nicht freiwillig, doch er dachte, dass er keinen Rückzieher machen sollte. In seiner Umgebung war der Ruf schnell ruiniert. Er hatte keinen Bock, dass sich die anderen über ihn lustig machten. Nein, da musste er nun durch.

»Film das, Digga. Ich will alles sehen.«

»Simon«, bremste ihn Anna aus. »Wenn du so scharf drauf bist, solltest du in den Lift steigen.«

»Locker bleiben, Anna. Ist keine große Sache, ich mach’ das schon.«

»Du kannst es dir immer noch überlegen«, fuhr sie fort, aber Justin sah keinen Grund zur Umkehr.

Ja, er würde jetzt lieber irgendwo abhängen, aber Simon war die Sache wichtig und deshalb gewann sie auch für Justin an Bedeutung. Er holte sein Handy hervor und schaltete die Kamera ein. Der Akku war nahezu voll.

Simon atmete tief durch und betätigte den Fahrstuhlknopf. Ihm stand die Nervosität ins Gesicht geschrieben. Das Rauschen der Stahlseile, an denen die Kabine herunterglitt, setzte ein und bald darauf öffneten sich die Metalltüren. Hinter ihnen waren Schritte zu hören.

»Hach, das Ding funktioniert ja mal zur Abwechslung«, ertönte die Stimme einer Frau.

Die Mittfünfzigerin lebte mit Mann und Tochter in der Wohnung gegenüber von Justin. Sie schleppte auf jeder Seite zwei offensichtlich schwere Tüten und stieg in den Fahrstuhl. Justin rührte sich nicht vom Fleck.

»Willst du nicht mitfahren?«, fragte sie.

»Nein, fahren Sie ruhig. Ich warte hier auf jemanden«, antwortete er.

Sie musterte ihn von oben nach unten, dann glitt ihr Blick zu Simon. »Ihr stellt doch keinen Blödsinn an?«

»Nein Frau Schumann, keine Sorge. Wir stellen nichts an«, antwortete Justin und war froh, als die Türen wieder zuglitten.

Frau Schumann war das Auge und das Ohr des Hauses mit der Nummer sieben. Sie war die Alarmanlage und das Gesetz. Man konnte sich ihrer Aufmerksamkeit einfach nicht entziehen. Das war manchmal echt lästig. Allerdings hatte sie mit ihrer Neugier letztes Jahr eine Katastrophe verhindert. Frau Schumann verfügte nicht nur über gute Augen und Ohren, ihre Nase war auch nicht zu verachten.

Wäre sie nicht mitten in der Nacht durch den Geruch des Feuers im Erdgeschoss aufgewacht, hätte das ganze Haus abbrennen können. Die Familie, der die Wohnung gehörte, war im Urlaub gewesen, sodass keine Menschen zu Schaden gekommen waren, doch die komplette Einrichtung war nicht mehr zu retten gewesen. Seit diesem Tag an war ihr Ansehen im Haus gestiegen und kaum jemand beschwerte sich über ihre forsche Art, die Dinge beim Namen zu nennen.

»Die Alte ist der totale Crasher«, beklagte sich Simon.

»Sei leise, du Pfosten«, schimpfte Anna. »Wenn du keine Scheiße baust, bringt sie dich auch nicht in Schwierigkeiten.«

Während die beiden ihre Nettigkeiten austauschten, warf Justin einen Blick auf den Zettel. »Leute, wir sind falsch hier.«

»Was? Wie meinst du das, Digga?

»Wir befinden uns im Erdgeschoss, aber auf dem Zettel steht, dass man im ersten Stock einsteigt.«

»Facebomb«, meinte Simon und klatschte sich auf die Stirn. »Lass uns hochfahren.«

»Zählt das nicht mit, wenn wir dafür den Fahrstuhl nehmen? Ich finde, wir sollten lieber die Treppe benutzen«, sagte Anna.

Sie verließen das Haus, um auf die Treppe zu wechseln. Der Eingang lag draußen. Nach oben führte der Weg über die Fluchtbalkone. Eilig marschierten sie die Stufen hinauf. Bereits beim Öffnen der Glastür schlug ihnen ein erdrückender Gestank entgegen.

»Scheiße Mann, was ist das?«, beschwerte sich Simon, und hielt die Hand vor Mund und Nase.

»Riecht wie Pansen. Das kocht meine Oma auch immer für den Hund«, antwortete Anna und stiefelte an Simon vorbei zum Fahrstuhl. »Wenn du dich entspannst, gewöhnst du dich dran.«

»Was faselst du da? Wie soll ich mich entspannen, wenn ich gleich kotzen muss.«

»Wisst ihr was? Wir können es auch sein lassen. Hab’ keinen Bock, mir dein Gejammer reinzuziehen«, unterbrach Justin, dem das kindische Verhalten seines Freundes gehörig auf die Nerven ging.

»Chill mal«, entgegnete Simon und vergrub seine Nase in dem hochgezogenen Jackenkragen. »Drück mal lieber.«

Justin betätigte den Knopf und trat zurück. Die Kabine setzte sich hörbar in Bewegung und kam im ersten Stockwerk zum Stehen. Gerade, als Justin den Fahrstuhl betreten wollte, hielt Anna ihn zurück.

»Warte mal«, sagte sie und öffnete den Verschluss ihrer Kette. »Hier.« Sie reichte ihm das Schmuckstück, an dem ein kleines silbernes Kreuz hing. »Die habe ich von meiner Oma bekommen. Sie hat sie segnen lassen.«

»Das ist deine«, meinte Justin und sah sie verwirrt an.