Lehrlingsbande - Christiane Jansen - E-Book

Lehrlingsbande E-Book

Christiane Jansen

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Beschreibung

Der Mord am Jugend- und Auszubildendenvertreter Jannik Absberg am Rande eines Seminars erschüttert die gesamte Bildungsstätte, insbesondere aber die Betriebsratsvorsitzende Kassandra (Kassi) Hübner. Sie kann sich kaum vorstellen, dass Linus Weppe, Janniks Nebenbuhler um die schöne Lupita, sich so grausam gerächt hat. Doch Linus’ plötzliches Verschwinden wirft Fragen auf. Das gilt auch für ein, in der Mordnacht aufgenommenes Blitzerfoto von Thorben (Bombe) Lamberti, der im Magazin der Lahn Technology Solution arbeitet und Mitgliedsanwärter des Motorradclubs MC Snakebite ist. Als Kassi vorsichtig in Janniks Leben und Familie nachforscht, gerät sie nicht nur in ein fragwürdiges Beziehungsgeflecht, sondern auch gefährlich tief in die Fänge der Gommerstädter Bandenkriminalität.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

KASSI

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KASSI

Die Ausdünstungen von Alkohol breiteten sich im Bulli aus. Und Kassi war als passionierter Metal-Fan von ihren Festivaltouren so einiges gewohnt. Sie kurbelte die Scheibe auf der Fahrerseite ihres T4 herunter und sog den Fahrtwind ein. Es war der 1. September 2024, und obwohl sie an manchen Tagen schon den Herbst kommen fühlte, war heute ein sehr warmer und sonniger Sommertag. Nur widerwillig wollte die Wärme das Tages der Abendkühle Platz machen. Jannik schlief auf dem Beifahrersitz. Sein Kopf hing nach vorn und schwang wie eine Glocke in jeder Kurve hin und her. Seine dunkelblonden, langen Haare wehten wie eine Gardine im Wind. Kassi hatte ihren jungen Kollegen zu Hause abgeholt. Sie hatte mehrfach vergeblich geklingelt. Erst als sie angerufen und an die Tür gehämmert hatte, war er nur mit Boxershorts und fleckigem T-Shirt bekleidet an die Tür gekommen.

»Hallo, Kassi, ist es schon so spät?« Schwankend und mit glasigem Blick hatte er in der Eingangstür zu seiner kleinen Wohnung gestanden, aus der Kassi ein übler süßsaurer Geruch von Cannabis, abgestandener Luft, Schweißfüßen und Erbrochenem entgegenkroch. Dabei hatte er auf sein Handgelenk geschaut, ohne zu erkennen, dass er gar keine Armbanduhr anhatte.

»Aus welchem Loch kommst du denn gekrochen?« Sie schob ihn am ausgestreckten Arm zurück in die Wohnung. Sie war ohne weitere Fragen eingetreten und hatte die Haustür hinter sich zugezogen. Kassi wusste, dass Jannik diese kleine Einzimmerwohnung allein bewohnte, und hoffte, dass er allein die Tiefe des zerwühlten Bettes bewohnt hatte.

Nun saß Jannik schlafend bei ihr im Auto, nachdem er zumindest geduscht und eine Tasche für die Woche gepackt hatte.

Es war das erste Mal, dass sie beide zusammen auf ein Seminar fuhren.

Jannik war schon im dritten Ausbildungsjahr, auf dem Weg zum Industriemechaniker und seit der letzten Wahl 2022 in der Jugend- und Auszubildendenvertretung, kurz JAV, des Betriebes. Jannik hatte sich über das gute Wahlergebnis sehr gefreut, dann aber doch oft mehr Interesse an den weiblichen Auszubildenden als an seiner eigenen Ausbildung oder gar der JAV-Arbeit gezeigt.

Kassi hatte sich als Betriebsratsvorsitzende zusammen mit Jannik zu diesem Seminar angemeldet, um die berufliche Bildung im Betrieb zu verbessern und um Jannik besser kennenzulernen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Interessenvertretungen war gute Tradition bei der Lahn Technology Solution in Gommerstadt mit ihren gut 520 Beschäftigten. So hatte es damals auch ihr Vorgänger Rolf Burghardt gehalten.

Nachdem Jannik zu Kassi in den Bulli eingestiegen war, nuschelte er etwas von einem Fußballspiel am Samstag, das er sich mit ein paar Kumpels angesehen habe.

Offenbar etwas aus dem Ruder gelaufen, dachte Kassi. In Janniks Alter mit neunzehn hatte man sie auch häufiger in so einer Verfassung antreffen können. Jetzt mit 39 Jahren hatte sie gelernt, wann es der richtige Zeitpunkt war zu gehen. Jannik schlief so tief, dass er weder hörte, wie Kassi mit ihrem jüngeren Bruder Philip telefonierte, noch den Tankstopp auf der Autobahnraststätte bemerkte. Kassi ließ sich Zeit. Sie musste ohnehin aufpassen, weil die Strecke mit Geschwindigkeitskontrollen nur so gepflastert war. Bei ihrer ersten Fahrt zu einem Seminar hatte sie gleich zwei Blitzer erwischt und später kräftig dafür blechen müssen.

Erst als Kassi nach gut zweieinhalb Stunden Fahrt die Bildungsstätte ihrer Gewerkschaft erreichte, den Wagen parkte und den Motor abstellte, kehrte Jannik aus dem Reich der Träume zurück. Er gähnte mit aufgerissenem Mund. Dabei streckte er seine Arme und Beine so weit im Wagen aus, dass Kassi ihren Kopf aus dem Weg nahm.

»Na, ausgeschlafen?«, fragte sie.

»Ja, geht so«, gähnte er ein weiteres Mal. Er rieb sich die Augen und sah aus dem Fenster. »Oh, wir sind ja schon da. Habe ich die ganze Zeit geschlafen?«

»Nein, du hast zwischenzeitlich in einer geheimen Mission, über die ich schweigen muss, Nordkorea von der Diktatur befreit«, antwortete Kassi.

»Bist du sauer?«, fragte Jannik, jetzt mit wachem Blick. »Tut mir leid, dass ich so durch war. Danke, dass du mich einigermaßen brauchbar hierhergebracht hast.«

»Schon gut«, gab Kassi zurück. »Also dann los.« Sie öffnete die Autotür und schwang sich ins Freie.

Die Bildungsstätte war eine alte Villa mit zahlreichen Nebengebäuden, die als Bettenhäuser dienten. Im Hauptgebäude lagen die Seminarräume und ein Restaurant. Nach der Nazizeit war dieser historische Gebäudekomplex aus dem achtzehnten Jahrhundert als Teil der Wiedergutmachung für die Enteignung im Faschismus an die Gewerkschaft zurückgegeben worden. Über Jahrzehnte wurde er restauriert und ständig modernisiert. Während gewerkschaftliche Bildungsstätten vor Jahrzehnten noch eher Jugendherbergen glichen, konnten sie heute mit Viersternehotels mithalten. Kassi kam gern hierher und hatte Im Wald, wie dieses Seminarhaus im Allgemeinen genannt wurde, den größten Teil ihrer Betriebsratsausbildung absolviert. Vielleicht würde sie hier nächstes Jahr ihren vierzigsten Geburtstag feiern.

Vierzig Jahre alt, damit war man bei ihr früher schon Oma gewesen, sinnierte Kassi, schnappte sich ihren Koffer und den Laptoprucksack, während Jannik sich seine Sporttasche über die Schulter warf.

»Kann ich dir was abnehmen?« Er bot Kassi eine Hand als Zeichen seiner Hilfsbereitschaft.

»Nein, danke. Das schaffe ich gerade noch«, lachte Kassi, freute sich aber über das Angebot. Sie mochte Jannik, fand ihn lustig und aufgeschlossen. Das würde sicher eine entspannte Seminarwoche mit ihm werden und vielleicht dazu führen, dass er im Betrieb seine JAV-Arbeit etwas ernster nahm. Kassi wusste, dass Jannik irgendwann zu alt sein würde für die Jugend- und Auszubildendenvertretung, und dann könnte sie ihn gut im Betriebsrat brauchen.

Sie gingen den schmalen, geteerten Weg vom Parkplatz durch den Wald zum mächtigen Eingangsportal des Haupthauses. Obwohl es erst später Nachmittag war, nahm der dichte Wald so viel Licht, dass die Wegbeleuchtung angesprungen war. Rechts und links des Weges konnte man keine drei Meter tief in den Wald hineinsehen. Das Dickicht von Büschen und Sträuchern verbarg den Blick zwischen die mächtig aufragenden Bäume. Kassi schauderte, denn der Schatten der hohen Baumkronen kühlte die Luft merklich ab. Sie zog den Reißverschluss ihrer schwarzen Kapuzenjacke zu. Richtig ungemütlich, dachte sie sich und sah sich im diffusen Halbdunkel nervös um. Auch wenn sie selten Angst hatte, fühlte sie hier ein gewisses Unbehagen, als läge etwas Bedrohliches in der Luft.

Jannik schien völlig unbekümmert, während er sich im Gehen eine Zigarette drehte. In den Händen jonglierte er das geöffnete Tabakpäckchen und das Zigarettenpapier. So in sein Projekt vertieft, kam er vom Fußweg ab, knickte erst mit dem rechten Fuß weg und folgte dann mit dem ganzen Körper. Krachend versank er wie ein gefällter Baum in den Büschen. Zweige brachen und Laub stob auf, während er mit dem gesamten Oberkörper vom Gebüsch verschluckt wurde. Seine Sporttasche, die ihm von der Schulter gerutscht war, flog hinterher und verlor sich spurlos im Wald. Nur noch die Beine in der ausgefransten Jeans und die Füße mit den ausgelatschten Turnschuhen waren sichtbar.

Kassi stockte der Atem. »Scheiße! Bist du okay?«, fluchte sie, ließ ihren Koffer stehen und setzte den Rucksack ab, um ihrem jungen Kollegen zu Hilfe zu kommen. Der lag völlig reglos. Vorsichtig rüttelte Kassi an einem Bein, spürte aber keine Reaktion.

Aus dem Gebüsch hörte sie ein leichtes Ächzen.

»Jannik, bist du okay?«, wiederholte sie ihre Frage. »Kannst du aufstehen oder soll ich Hilfe holen?« Sie fing an, sich Sorgen zu machen. War es möglich, dass er mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen war oder sich sonst irgendwie verletzt hatte? Sie spürte, wie Bewegung in die Beine kam, sie zuckten leicht hin und her. Er machte jedoch keine Anstalten aufzustehen. »Ich bin gleich zurück. Ich hole Hilfe«, rief sie in das Gebüsch, in dem sie seinen Kopf vermutete. Sie schob die Zweige zur Seite, doch dahinter war es völlig finster.

»Nein, bloß nicht. Alles okay«, kam es stöhnend aus dem Blätterdickicht zurück. Es dauerte noch einen Moment, dann robbte er wie ein Dachs, der in einem zu engen Bau feststeckte, rücklings aus den Büschen heraus. Dabei stützte er sich auf den Ellenbogen ab und zog mit einer Hand seine Sporttasche aus dem Unterholz hinter sich her, in der anderen Hand hielt er sein Tabakpäckchen und die Zigarettenblättchen. Er stellte die Tasche neben dem Weg ab und setzte sich auf den Asphalt. Nachdem er sich dürftig das Laub von der Hose und dem Pullover geklopft hatte, öffnete er das Tabakpäckchen und blickte hinein. »Oh shit«, fluchte er. Der ganze Inhalt hatte sich während des Sturzes auf dem Waldboden verteilt.

»Hey, da gibt’s ja wohl Schlimmeres«, gab Kassi zurück. Sie war froh, dass der junge Kollege weitgehend unversehrt war. »Unten im Haus ist ein Zigarettenautomat. Da wirst du schon einen passenden Ersatz finden. Kannst du aufstehen?«, fragte sie dann. So langsam fing sie an zu frieren und wollte endlich auf ihr Zimmer, um sich eine Jacke aus dem Koffer zu holen.

Jannik starrte reglos und immer noch ungläubig in die leere Tabakpackung. »Verdammt, wie soll ich denn jetzt über die Woche kommen«, murmelte er.

»Los, komm jetzt.« Kassi packte Jannik vorsichtig am Arm, um ihm aufzuhelfen. »Wir können gleich neue Zigaretten für dich besorgen. Außerdem blutest du«, stellte sie fest. Ein dünner, roter Streifen zog sich vom Haaransatz auf seiner Stirn über die Wange am Ohr vorbei zum Kinn. Kassi zog ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und tupfte das Blut vorsichtig ab. Er verzog das Gesicht und drehte den Kopf zur Seite. Sie kam sich auch etwas albern vor, wie eine Mutter, die ihrem Kind den Schmutz von der Wange rieb.

Hätte nur noch gefehlt, dass ich aufs Taschentuch spucke, dachte sie und musste grinsen.

Sie zupfte ihm einige Blätter und kleine Zweige aus den Haaren, die sich beim Sturz dort verfangen hatten, und fand, dass man ihn so wieder einigermaßen vorzeigen konnte. »Das sehen wir uns gleich noch mal bei richtigem Licht an und werden das verarzten«, bestimmte sie mit Blick auf die Kopfverletzung, jetzt schon wieder ganz die Betriebsrätin.

»Das war ein ganz besonderer Tabak.« Jannik ging über ihre Bemühungen hinweg, ihn wieder herzurichten. Er zog seine Stirn in Falten, und es dauerte, bis das Gesagte in Kassis Gehirnwindungen die richtige Kombination fand.

»Du hast …«, stammelte sie. »War da etwa …?« Sie blickte ihm fest in die Augen.

»Jaaaa. Mit den Scheißzigaretten aus deinem blöden Automaten habe ich diese Woche nur halb so viel Spaß«, antwortete Jannik. Er knüllte die Folie des Tabakpäckchens in seiner Hand zusammen, stopfte sie in das Seitenfach seiner Sporttasche und stapfte davon. Kassi bekam kaum Luft vor Lachen.

JANNIK

Er hatte Zimmer 51 im Erdgeschoss bekommen. Kassi war nur drei Zimmer weiter in der 54 im gleichen Gang. Alle Zimmer hatten eine kleine Terrasse. Das passte ihm gut, da könnte er zum Rauchen einfach nach draußen gehen … wenn er denn etwas zum Rauchen hätte, stellte er deprimiert fest. Während er seine Sporttasche auspackte, ärgerte er sich immer noch über den Sturz, der ihn um seinen Wochenvorrat Spezialtabak gebracht hatte. Er kramte in allen Taschen seiner zusammengerafften Klamotten und forschte in allen Fächern seiner Sporttasche. Er war sich sicher, dass er eine eiserne Reserve dabeihatte. Aber er täuschte sich. Er war also auf die Vorräte und die Großzügigkeit der anderen JAVis angewiesen.

Nachdem er seine durchgewühlte Kleidung in den Kleiderschrank gestopft hatte, warf er sich aufs Bett. Bis zum Abendessen hatte er noch eine Stunde Zeit. Danach würde man sich noch für eine Begrüßung im Seminarraum treffen. Völlig unnötiger Scheiß, fand Jannik. Überhaupt gingen ihm große Teile dieser pseudopädagogischen Spiele und Übungen in Seminaren ziemlich auf den Keks. Aber es gehörte wohl dazu, und eine Seminarwoche war allemal besser, als im Betrieb zu arbeiten. Insbesondere dieser bescheuerte Einsatz im technischen Magazin ging ihm total auf die Nerven.

»Aufbewahrung und richtige Lagerung von Material und Rohstoffen gehören mit zur Ausbildung«, hatte die Ausbildungsleiterin Larissa Carlsson vor drei Monaten nur gemeint, als er nachgefragt hatte, ob er stattdessen nicht etwas anderes machen könne. Jannik kannte den Ausbildungsrahmenplan und wusste, dass sie leider recht hatte. Sie war schon lange genug Ausbilderin, als dass er sie hätte austricksen können. Soweit er wusste, hatte sie zusammen mit Kassi bei LTS gelernt und dann später die Meisterschule besucht. Eigentlich mochte oder zumindest respektierte er Larissa.

Also hatte er sich noch vor der Sommerpause bei Gabriela Barsini, der Magazinleiterin, zum Einsatz gemeldet. Es stellte sich dann überraschend als recht interessant heraus, denn hier wurden sämtliche in der Lahn Technology Solution benötigten und eingesetzten Materialien angeliefert und gelagert. Die Vorratskammer des Betriebes, stellte Jannik fest. Hier fanden sich alle Rohstoffe für die Produktion des Maschinenbaubetriebs sowie Werkzeuge, Klopapier und sämtlicher Bürobedarf. In einem gesonderten Bereich wurden alle lagerfähigen Lebensmittel für das Betriebsrestaurant und in einem abgeschlossenen Schrank die Werbegeschenke für Geschäftskunden sowie Fundsachen aufbewahrt. Außerdem war das Magazin gut temperiert, sodass man es selbst an den heißesten Sommertagen hier gut aushalten konnte.

Am ersten Tag im Magazin streifte Jannik durch die langen Gänge der Regale, die mit den unterschiedlichsten Dingen vollgestopft waren. Das Paternoster-Regal für Kleinteile ließ er fast eine Stunde rotieren, bis er alles genau angesehen hatte. Das eine oder andere steckte er sich in die Hosentasche, weil er meinte, es auch zu Hause gebrauchen zu können.

»Hey, Lehrling, komm mal ran hier und hör auf rumzuschnüffeln«, rief Thorben Lamberti in die Tiefen des Magazins. Thorben wurde von allen nur Bombe genannt. Angeblich hatte er während seiner Bundeswehrzeit beim Kampfmittelräumdienst gearbeitet.

Jannik bog um die Ecke des letzten Regals und trat in das Magazinbüro. »Was gibt’s?« Er bemühte sich um einen unschuldigen Blick.

»Hör gut zu, denn ich sage das jetzt nur einmal.« Bombe blickte mit kahl rasiertem Schädel vom Monitor auf und drehte seinen stets olivgrün eingekleideten massigen Körper auf dem ledergepolsterten Schreibtischstuhl in Janniks Richtung. »Du machst hier im Magazin nur das, was man … eigentlich nur ich … dir anweise. Und sonst machst du hier gar nichts. Ich will dich nirgendwo zwischen den Regalen rumlatschen und rumschnüffeln sehen. Und sollte ich dich beim Klauen erwischen, ist für dich die Hölle los. Ist das klar?«

»Glasklar, Chef. Und genau genommen heißt es inzwischen Auszubildender statt Lehrling«, antwortete Jannik.

Später hatte Jannik den Eindruck, dass nur Sekunden dauerte, was dann folgte.

Bombe schnellte für seine Körpermasse unfassbar schnell aus dem Stuhl hoch, packte Jannik mit einer Faust am Kragen seiner Arbeitsjacke, schlug ihn hart mit dem Rücken gegen die Bürowand und schob ihn daran so weit hoch, dass Janniks Füße frei in der Luft baumelten. Luft, die er in dem Moment gerade am anderen Ende des Körpers gut gebraucht hätte, um zu atmen.

Bombe stand ruhig vor ihm und zischte: »LEHRLING, vielleicht nuschel ich oder habe mich undeutlich ausgedrückt. Du wirst dich von dem Magazin fernhalten. Ist das klar?« In seinem Blick sah Jannik eine Entschlossenheit, die ihn schaudern ließ. Er hatte verstanden, dass dies ein Befehl war, dem zu gehorchen war. Er japste nach Luft und brachte keinen Ton heraus. Das Blut staute sich in seinem Kopf, und dieser schien inzwischen zum Platzen bereit. Jannik nahm seine ganze Kraft zusammen, sah Bombe mit weit aufgerissenen Augen an, zappelte und nickte hektisch mit dem Kopf. Für den Kollegen schien die ganze Sache jedoch kaum eine Kraftanstrengung zu sein. Lediglich der rechte Ärmel seines schwarzen Pullovers verrutschte etwas nach oben und gab einen Teil einer Tätowierung frei. Jannik erkannte grüne Schuppen, und dann fingen die schwarzen Punkte vor seinen Augen an zu tanzen. Bombe ließ los, und Jannik krachte erst mit den Füßen und dann wie ein nasser Sack mit dem ganzen Körper auf dem Büroboden zusammen. Er fasste sich an die Kehle und sog die Luft tief in seine Lungen.

»Das ist verboten«, kam es heiser aus seiner malträtierten Kehle.

Bombe hatte sich zwischenzeitlich, wie nach einem Besuch beim Kaffeeautomaten, wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und sich dem Monitor zugewandt. Als hätte er durch das Krächzen erst bemerkt, dass sich noch jemand im Raum befand, drehte er sich erneut um, sah Jannik an und wisperte in einzelnen Silben, wie zu einem Schwachsinnigen: »Hau ab, sonst mach ich dich fertig!« Bombe drehte sich zurück zum Schreibtisch und erklärte damit das Gespräch für beendet.

Jannik rappelte sich auf seine zitternden Beine, musste sich aber an der Wand abstützen. Er schleppte sich zur Tür und griff leise nach der Türklinke.

»Und leg den Scheiß zurück, den du schon geklaut hast. Du willst sicher vermeiden, dass ich hier Ärger bekomme, weil meine Bestände fehlerhaft sind«, hörte er Bombe hinter sich.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Jannik das Büro.

Den Rest des Tages verbrachte er damit, die entnommenen Dinge wieder in die Regale zurückzulegen und sich dann vor Bombes Büro herumzudrücken. Er hatte Bombe und seinen Angriff für sich behalten, was hätte er auch vorzuweisen gehabt außer einer ausgeleierten Arbeitsjacke und einem schmerzenden Hals? Aber er behielt Bombe seitdem immer im Blick.

Jannik öffnete die Augen und brauchte einen Moment, um sich im Hier und Jetzt wiederzufinden. Er lag zusammengerollt auf seinem Bett im Seminarhaus Im Wald. Ihm fiel wieder ein, dass er nach der gestrigen Fußballparty bei seinen Kumpels mit viel Kiffen, Alkohol und wenig Ahnung von Fußball wohl doch noch einigen Schlaf nachzuholen hatte und eingenickt war. Sein Hals fühlte sich kratzig an, was wohl vom Schnarchen oder dem Gegröle des Vorabends kommen mochte. Er versuchte sich zu erinnern. Hatte er den Angriff von Bombe vor knapp drei Monaten nur geträumt? Die Bilder verschwammen immer wieder in seinem Kopf. Sicher war nur, dass er in der Zwischenzeit so viel über Bombe herausgefunden hatte, dass dieser gute Gründe hatte, ihn fertigzumachen, wenn er ihn in die Finger bekäme. Jannik schauderte. Er streckte sich, seufzte und schwang die Beine aus dem Bett, um sich vor dem Abendessen wenigstens noch die Haare zu kämmen. Er hoffte, dass er diese Woche in der Bildungsstätte sicher aufgehoben war.

BEETHOVEN

Ludwig musste immer wieder an sie denken. Seine Anni. Sie war so schön und hatte ein Lachen, bei dem die Welt mit allen Problemen versank und nur das reine Glück blieb. Und das hatte er wirklich nötig. Als guter Schüler konnte Ludwig mit neunzehn Jahren sein Abitur erfolgreich abschließen und die Schulzeit hinter sich lassen. Das Lehrpersonal in Gommerstadt und alle Schüler atmeten auf, ihn als Unruhestifter endlich los zu sein.

Sportlich durchtrainiert und mit guten Noten ausgestattet, begann Ludwig noch im selben Jahr ein Studium an der Uni Wien mit Fachrichtung Sport und Gesundheit. Neben der sportlichen Komponente interessierte er sich aber auch für Psychologie und wie man sie zu eigenen Zwecken sinnvoll einsetzen konnte. Schnell erlernte er Manipulationstechniken und Möglichkeiten psychologischer Kampfführung.

Zu Beginn seines dritten Semesters saß er in einer Vorlesung zur Wirkung von Medikamenten bei psychischen Erkrankungen neben einer Studentin, die er vorher noch nie gesehen hatte. Sie hatte lange, blonde Haare und rehbraune Augen. Und ein Lachen … was für ein Lachen. Er musste schon mitgrinsen, als sie nur fragte, ob der Platz neben ihm frei sei. Ohne seine Antwort abzuwarten, hatte sie ihren Rucksack auf den Klappstuhl geworfen, dabei ihre Jacke halb auf ihm abgeladen und den vollen Kaffeebecher so schwungvoll auf dem kleinen Tischchen abgestellt, dass die braune Flüssigkeit aus der kleinen Trinköffnung des Plastikdeckels auf den Tisch schwappte.

Nachdem sie sich geräuschvoll und umständlich auf dem Platz eingerichtet, Rucksack und Jacke unter dem Klappstuhl verstaut und ihre Kladde zum Mitschreiben herausgekramt hatte, lachte sie Ludwig erneut an und wisperte ihm zu: »Entschuldige das Chaos. Ich bin Anni. Hast du mal ein Taschentuch?« Sie wies auf den Kaffeefleck auf ihrem Tisch.

Ludwig hatte ein Taschentuch und reichte es ihr. »Ich habe dich hier noch nie gesehen. Ich bin Ludwig«, sagte er.

»Wie Beethoven?«, fragte sie und blickte auf seine ungebändigte dunkle Mähne.

Ludwig prustete los, was ihm einen strafenden Blick der Professorin und einiger Kommilitonen einbrachte. Er und Anni zogen den Kopf ein und lächelten verlegen, als sie so unbeabsichtigt in den Fokus geraten waren.

In dieser Vorlesung erfuhr Ludwig statt der Wirkung von Psychopharmaka auf kranke Menschen, dass Anni von Gösel Pharmazie in Wien studierte und mit einigen anderen Studentinnen in einer WG wohnte. Sie war, wie er, Einzelkind, aber anders als er mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Ihre Eltern hatten einen Landsitz am Wörthersee erworben, nachdem ihr Vater ein Vermögen mit dem Verscherbeln von Insolvenzware gemacht hatte. Das verwöhnte Töchterchen bekam den Hintern gepudert, wo es nur ging. Doch sie verhielt sich ganz normal. Sie war natürlich, hatte großes Interesse an Kunst und Kultur und ein großes Herz für Menschen in Not. Ludwig mochte sie vom ersten Augenblick. Sie verabredeten sich, und sie wurde seine große Liebe. Auf endlosen Spaziergängen, bei dampfender Schokolade im Kaffeehaus oder in durchwachten Nächten erzählten sie einander stundenlang und gierig über ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle. Ludwig berichtete, dass er seinen Namen dem bayerischen König verdanke, weil seine alleinerziehende Mutter immer vom Glamour des Königshofes geschwärmt habe. Sie hatte ihn auch in Konzerte oder das Ballett mitgenommen, was seine Liebe zur klassischen Musik erklärte. Über seine Schulzeit in Gommerstadt erzählte Ludwig nur wenig. Er hatte sich in den ersten Schuljahren als Opfer von Mobbing und Schikane in Erinnerung. Erst als Teenager trainierte er Kampfsport und lernte, sich auf dem Schulhof zu wehren. Er war und blieb ein Einzelgänger. An der Spitze ist es einsam, war damals sein Leitspruch gewesen. Ganz im Gegensatz zu der Zweisamkeit mit Anni, von der er, wie ein Süchtiger, immer mehr wollte. Er fühlte sich eins mit ihr, unzertrennlich, seelenverwandt. Die Erinnerung daran ließ sein Herz schneller schlagen.

Anni hatte immer viele Verehrer. Da machte es ihn umso stolzer, dass sie an seiner Seite ging. Oft hatten andere Männer versucht, sie ihm auszuspannen. Insbesondere ein junger Jurastudent hatte sich immer wieder mit teuren Geschenken und exklusiven Einladungen hervorgetan. Es wurde fast zu einem Wettbewerb zwischen Ludwig und dem Nebenbuhler. Diesem gelang es, bei Annis Vater eine Anstellung zu ergattern, um die Liegenschaften der Familie zu verwalten. Ludwig wurde verrückt, wenn er nur daran dachte, dass dieser Wichtigtuer in Annis Zuhause um sie herumscharwenzelte.

»Mein Vater hat sein Erbe für mich von einem Ehevertrag abhängig gemacht, falls ich mal heirate«, hatte sie Ludwig erzählt. Der alte von Gösel musste steinreich sein, und dass er sein Vermögen nicht an einen raffgierigen Schwiegersohn verplempern wollte, fand Ludwig einleuchtend.

»Ich würde den Vertrag sofort unterschreiben, wenn ich dafür dich haben könnte«, hatte er damals mehr im Ernst als im Spaß geantwortet.

Anni hatte Ludwig kurz vor Ende des Studiums am Wochenende einmal zu ihren Eltern nach Hause mitgenommen. Er war sich wie bei einem Verhör vorgekommen. Immer wieder hatte Annis Vater auf die erfolgreiche Laufbahn und glänzende Zukunft des jungen Jurastudenten verwiesen, der Ludwig als Tillmann Absberg vorgestellt worden war. Alle staunten über den Zufall, dass er aus einem Vorort von Gommerstadt kam. Ludwig war ihm vorher nie über den Weg gelaufen. Annis Eltern hatten ihn ebenfalls zum Abendessen eingeladen und ausgerechnet zwischen Anni und Ludwig platziert. Anni war alles unbeschreiblich peinlich gewesen, und sie hatte sich hinterher wieder und wieder entschuldigt. Dennoch ließ sie es geschehen und zog sich sogar allmählich von ihm zurück. Ludwig vermutete, dass die Eltern ihr das zur Auflage gemacht hatten, wenn sie ihren gewohnten Lebensstandard behalten wollte. Anni blieb keine Wahl. Sie wollte studieren und forschen, damit sie Medizin gegen die vielen unbehandelbaren Krankheiten entwickeln konnte.

Dennoch hatte sie dafür einen hohen Preis gezahlt, wie Ludwig schon damals fand: Ihr Lachen, bei dem in ihrem gesamten Umfeld die Sonne aufging, war verschwunden und einem beherrschten Lächeln gewichen, das die Augen nicht mehr erreichte. Es zog heute, dreißig Jahre später, immer noch in seiner Brust, wenn er daran dachte. Sie hatten damals noch eine Zeit lang telefoniert und Nachrichten geschrieben. Er selbst hatte immer neue Versuche unternommen, den Kontakt zu ihr wiederaufzubauen. Erfolglos. Je mehr er sich um sie bemühte, umso mehr ging sie auf Abstand. Dann zog sie nur zwei Jahre nach ihrer gemeinsamen Studienzeit in eine andere Stadt und verschwand vollständig von seinem Radar. Sein Stolz war so verletzt, dass er sie gehen ließ.

Jetzt, so viele Jahre nachdem er Anni aus den Augen verloren hatte, saß Beethoven auf seinem Platz am großen Tisch im privaten Clubraum, der Chapel des Motorradclubs MC Snakebite. Alle nannten Ludwig Evering nur Beethoven, wegen seiner Vorliebe für klassische Musik und seiner dunkelbraunen wilden Haare, die meist durch ein schwarzes Bandana gebändigt wurden. Er hatte seine schwarzen Schlangenlederstiefel auf die schwere Tischplatte gelegt. Aus dem Bang-&-Olufsen-Soundsystem hörte sich das fünfte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven fast so gut an, als säße er im Konzertsaal. Nur dass hier niemand hustete, mit Bonbonpapier knisterte oder seine Musikkenntnisse durch ausschweifendes Mitdirigieren am Platz unter Beweis stellen musste. Er hasste das. Überhaupt blieb er zu Menschen im Allgemeinen am liebsten auf Abstand.

Beethoven fand aus seinen Grübeleien ins Hier und Jetzt zurück, als der letzte Akkord des Klavierkonzertes mit tosendem Applaus des Publikums belohnt wurde. Er schlug die Augen auf und hing noch für einen kurzen Moment seinen melancholischen Gedanken nach, die er sich nur äußerst selten und unter Ausschluss der Öffentlichkeit leistete. Er stand auf, streckte sich und rieb sich das schmerzende Knie.

Da knirschten die Gelenke wie bei einem alten Mann, dachte er. Dabei war er gerade mal fünfzig Jahre alt. Aber das wilde Leben als Präsi des Gommerstädter Motorradclubs MC Snakebite, das harte Training, die zahllosen Fights mit anderen Gangs und Clubs, der Alkohol und gelegentliche härtere Drogen hatten auch in seinem Gesicht und Körper Spuren hinterlassen. Einige tiefe Falten furchten seine Stirn, und erste silberne Fäden zogen sich durch seine immer noch prächtige, braune Haarfülle. Er schüttelte das schmerzende Bein und ging zur dunkel vertäfelten Wand. Er drückte gegen ein Paneel. Eine verborgene Tür sprang geräuschlos auf. Dahinter verbarg sich ein Schacht mit einer Treppe, die in einen unterirdischen Raum führte. Schon als Kind war Beethoven von Geheimfächern, unterirdischen Gängen oder versteckten Räumen fasziniert gewesen. Er trat in den Gang, zog die Tür zur Chapel hinter sich zu und stieg die Treppenstufen hinab, die durch dezente LED-Leisten beleuchtet wurden. Unten angekommen, schaltete er über ein Touchpad das Licht in dem unterirdischen Raum ein. Bevor er eintrat, überprüfte er auf dem Touchpad die Temperaturangaben sowie die Luftfeuchtigkeit. Alles in Ordnung, wie er zufrieden feststellte. Der Raum war etwa vier mal fünf Meter groß und wie ein alter Weinkeller mit einem hohen Backsteingewölbe ausgestattet. Die Wände waren weiß verputzt und der Fußboden mit teuren Terracotta-Fliesen ausgelegt. Rundherum an den Wänden gab es Regale und edle Glasvitrinen, die an eine Klosterbibliothek erinnerten. Sie waren angefüllt mit ledergebundenen Büchern, reich verzierten historischen Handschriften, literarischen Erstausgaben und teuren Folianten. Beethoven hatte sie über die Jahre auf der ganzen Welt von privaten Sammlern oder Händlern gekauft, auf Auktionen anonym ersteigert oder schlicht als Gegenleistung für einen besonderen Gefallen eingefordert. Ein legales Vermögen lagerte hier, bezahlt mit finanziellen Mitteln, deren Herkunft besser im Dunkeln blieb. Nur er und Fullmember Kalli Schweighardt, der über sechzigjährige Buchhalter und damit gewählter Treasurer des MC, wussten von dieser Absicherung. Beethoven hatte bitter gelernt, was es bedeutete, völlig mittellos von jemand anderem in die Gosse gestoßen zu werden. Und das würde er in Zukunft zu verhindern wissen. Diese offene Rechnung schwelte nun schon seit fast zwanzig Jahren wie ein Stachel im entzündeten Fleisch. Doch es würde der geeignete Tag der Abrechnung mit diesem Dreckskerl noch kommen, der ihm alles genommen hatte. Da war er sich sicher.

In der Mitte des Kellergewölbes befand sich ein antiker Eichentisch, der einer schottischen Hafenkneipe hätte entstammen können. Er nahm fast den ganzen Raum ein und war umgeben von bequemen Lehnstühlen. Außer Beethoven und einem polnischen Bautrupp wusste niemand von diesem Raum. Selbst Kalli hatte keine Ahnung und wähnte die wertvollen Bücher in einem angemieteten Lagerraum. Durch diesen geheimen Keller war Beethoven mehrmals unbemerkt von der Bildfläche verschwunden oder unvermittelt aufgetaucht, was ihm bei Freunden und Gegnern stets eine Aura von Unberechenbarkeit einbrachte. Nach einem prüfenden Blick über die Vitrinen und Regale durchmaß Beethoven den Raum und ging zu einem der Regale. Er griff unter den mittleren Regalboden und zog an einem kleinen Hebel. Auch dieses Regal schwang lautlos auf. Dahinter öffnete sich ein schmaler, aber gut ausgebauter und beleuchteter Gang, von dem nach nur wenigen Metern rechts und links weitere Gänge abgingen. Sie führten sowohl zu seinem eigenen privaten Blockhaus auf dem Campinggelände als auch zu jedem anderen der Blockhäuser.

Heute nahm er diese Abkürzung nur, weil er ungesehen und ohne sich unterhalten zu müssen, in seine Blockhütte wollte. Dort angekommen, zog er sich bis auf die Unterwäsche aus und ging ins Bad. Prüfend betrachtete er seinen durchtrainierten Körper im Spiegel und wandte sich zufrieden seiner Zahnbürste zu. Er konnte sich immer noch sehen lassen.

Als er allein in dem großen Doppelbett lag, kamen die Gedanken an Anni zurück. Sein Blick fiel auf den teuren Bilderrahmen, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Er schloss die Augen, aber der Schlaf verweigerte wieder mal seinen Dienst.

BOMBE

Schon nach der ersten erfolgreichen Lieferung aus Südtirol vor einigen Jahren war Bombe immer häufiger gebeten worden, Warentransporte zu begleiten oder zu übernehmen. Er hatte als Zwanzigjähriger bei der Bundeswehr alle nur denkbaren Führerscheinarten gemacht und wurde jetzt vom MC Snakebite unter anderem als Lkw-Fahrer herangezogen. Es wunderte ihn, dass er zu solchen Arbeiten eingesetzt wurde, statt in der Werkstatt zu arbeiten, vor allem da er kein Mitglied des MC war, sondern nach seinen zwölf Jahren als Zeitsoldat bei der Bundeswehr nur als Mechaniker in der Werkstatt des Campingplatzes beschäftigt wurde. Er galt damit als Hangaround des MC Snakebite, ein Sympathisant. Es freute ihn, zu diesen Touren herangezogen zu werden. Zum einen wertete er es als Vertrauensbeweis des MC, zum anderen war es mal etwas anderes, als immer nur an Autos, Wohnmobilen oder Motorrädern herumzuschrauben. Auch wenn er das immer noch sehr gerne tat.

Dieser Campingplatz, so hatten ihm einige Clubmitglieder einmal berichtet, hatte seine Anfänge an einer ganz anderen Stelle außerhalb Gommerstadts als Imbissbude gehabt. Diese stand an einer stark frequentierten Biker-Route und wurde daher gern als Stopp genutzt. Aus irgendwelchen Gründen, über die im Allgemeinen geschwiegen wurde, musste die Imbissbude dann umziehen und fand ein neues Zuhause auf dem jetzigen Gelände an dem kleinen Bach, das der MC inzwischen gekauft hatte. Daraus war über die letzten acht Jahre ein ansehnliches Areal mit zahlreichen Stellplätzen, kleinen Blockhäusern, der Kneipe als Clubhaus des MC und der Werkstatt geworden, das vom Club erfolgreich als Biker- und Familiencampingplatz geführt wurde. Die alte Imbissbude wurde nur noch bei Partys oder besonderen Anlässen als zusätzlicher Bierausschank genutzt.

Für jede Lieferung mit »internationaler Feinkost«, wie die Clubmitglieder seine Fahrten lästerlich bezeichneten, bekam er eine üppige Prämie. In der Kneipe des Platzes wurden vorwiegend Nudelgerichte mit verschiedenen Saucen, Schnitzel und Pommes sowie Fertigpizza angeboten. Diese Gerichte liefen auf dem Campingplatz am besten, und so schien es logisch, dass davon große Mengen günstig eingekauft wurden. Kalli Schweighardt als Treasurer des MC Snakebite hatte anscheinend großes Interesse daran, die günstigsten Kaufgelegenheiten für Fünf-Kilo-Säcke Pasta, fertige Tomaten- oder Bolognesesaucen und Tiefkühlpizza zu recherchieren. Kalli war ein Pfennigfuchser und als Fullmember für den MC im Einsatz, seit er als ehemaliger Steuerberater in Hamburg Ärger mit der Steuerberaterkammer bekommen hatte. Bombe hatte gehört, dass sie ihm die Kanzlei hatten schließen und ihn wegen krummer Geschäfte aus der Kammer hatten werfen wollen. Dem war er zuvorgekommen und hatte alle Zelte im Norden abgebrochen und sich nach Süddeutschland abgesetzt. Er sah sich selbst eher als Gentleman-Rocker und trug regelmäßig teure Anzüge und seine Haare stets frisch frisiert und gegelt. Da Kalli wegen unvorhersehbarer Schwindelanfälle, bei denen er schon heftig gestürzt war, selbst nur noch Auto fahren konnte, wurde das von allen akzeptiert. Bombe vermutete, dass er gern ein Mafioso geworden wäre.

Kalli schickte Bombe immer wieder zu unterschiedlichen Lieferanten und Abholorten in Südeuropa. Dabei begleitete ihn dann eine Eskorte von zwei oder drei Clubmitgliedern in gebührendem Abstand. Abgesehen davon fiel ihm an den Sonderaufträgen rein gar nichts auf – und er stellte auch keine Fragen.

KASSI

Draußen hatte es endlich angefangen zu regnen. Kassi erhoffte sich eine Abkühlung von der Hitze des Tages. Sie nahm ihren Rucksack, der nun, nachdem sie den Laptop bei sich im Zimmer aufgebaut hatte, um einiges leichter war, und machte sich auf den Weg zum Seminarraum. Sie entschied sich für den unterirdischen Gang, der alle Häuser mit dem Haupthaus der Villa verband. So würde sie trocken von Haus zu Haus kommen. Sie hatte sich schon so manches Mal gefragt, welche Geschichte dieses alte Anwesen wohl haben mochte. Es gab immer wieder Gerüchte, dass es eine ganze Reihe weiterer unterirdischer Räume und Gänge gab, die streng verschlossen blieben. Die offizielle Begründung war dann »Einsturzgefahr«. Die Kosten für eine Sanierung seien zu hoch. Wo mochten diese Gänge wohl hinführen, fragte sich Kassi, denn die oberirdischen Gebäude waren ja bereits alle miteinander verbunden. Sie mussten also woanders enden.

Während Kassi ihren Gedanken nachhing, betrachtete sie die Bilder an den ausgeleuchteten Wänden des langen Verbindungsweges. Die Leitung der Bildungsstätte hatte ein geschicktes Händchen für die Gestaltung und Nutzung der Räume. Die unterirdischen Gänge hatte man als eine Art Galerie eingerichtet. Sie wurden immer wieder wechselnden Künstlerinnen und Künstlern aus allen gesellschaftlichen und kulturellen Schichten für die Ausstellung ihrer Bilder angeboten. Und so wurden Aquarelle von bayerischen Landschaften abgelöst von Straßenkunst aus Kapstadt oder großflächigen Graffiti. Kassi genoss den Gang durch diese kleine Kunstgalerie immer sehr.

Im Haupthaus mit den Seminarräumen angekommen, drängte sich Kassi durch die kleine Menschengruppe, die sich, wie immer sonntags bei der Anreise, vor dem großen Monitor versammelt hatte. Der zeigte die Zuordnung der Seminare zu den jeweiligen Räumen an. Kassi kannte einige der anderen Kolleginnen und Kollegen. Einige »Hallo, wie geht’s?« und »Hey, auch wieder da« oder »Sehen wir uns später im Wissensdurst?«, der Kneipe der Bildungsstätte, flogen hin und her. Kassi mochte diese Stimmung. Sie fühlte sich in der Bildungsstätte immer wohl und unter Freunden. Am ersten Tag genoss sie jeweils die angenehme Anspannung. Was mochte sie wohl erwarten, wen würde sie wiedersehen oder neu kennenlernen? Sie war jetzt schon seit einigen Jahren Betriebsratsvorsitzende bei der LTS und hatte hier schon viele Seminare, Tagungen und gewerkschaftspolitische Veranstaltungen besucht. Von einigen war sie begeistert und inspiriert zurückgekommen, andere waren eher trocken und öde gewesen.

August Bebel stand als Raumangabe hinter ihrem Seminar. Kassi betrat den etwas kleineren, aber modern ausgestatteten Seminarraum im Westflügel des Erdgeschosses. Zu ihrer Überraschung war Jannik schon da und hatte ihr einen Platz frei gehalten.

»Danke, dass du den Platz reserviert hast«, nickte sie ihrem jungen Kollegen zu. Der sah auf. Er befand sich augenscheinlich in einer besseren Verfassung als noch am Nachmittag.

»Na, konntest du noch etwas schlafen?«, fragte sie.

Er nickte.

»Und noch irgendwelche Blessuren von deinem Sprung in die Büsche?« Dabei musste sie schon wieder lachen.

»Nee, alles okay«, gab er grinsend zurück.

Es dauerte noch eine Weile, bis alle ihre Plätze eingenommen hatten. Elin Holzinger, die Referentin, schien irritiert. Sie ging die Liste der Teilnehmenden wieder und wieder durch, zählte die Sitzplätze im Raum ab, fragte einzelne Kollegen nach ihrem Namen oder blickte auf die vorbereiteten Namensschilder.

»Oh, da fehlt mal wieder jemand«, murmelte Kassi.

»Was meinst du?« Jannik wandte sich ihr zu, nachdem er in seiner Jackentasche vergeblich nach einem Kaugummi gekramt hatte.

»Irgendjemand fehlt wohl noch oder hat sich verlaufen oder nicht abgemeldet oder sitzt schon im falschen Seminarraum«, gab Kassi die Interpretation ihrer Beobachtung zum Besten. »Irgendwie immer das Gleiche. Das wird heute Abend also noch etwas dauern.« Sie wandte sich ihrem Handy zu und versuchte, das schwache WLAN der Bildungsstätte einzurichten.

Das sollte man wirklich verbessern, dachte Kassi bei sich. Dieser Internetzugang war eine Katastrophe. Immer wieder wanderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihr Telefon in die Luft haltend, auf dem Parkplatz, der Terrasse oder oben auf dem großen Balkon des Tagungsraumes hin und her. Sichtbar auf der Suche nach Empfang.

Elin, die Seminarleiterin, telefonierte inzwischen über den Hausanschluss hektisch in die anderen Seminarräume, um zu erfahren, ob man dort einen überzähligen Teilnehmer hatte. Und tatsächlich wurde der fehlende Kollege im Nachbarraum gefunden.

Es dauerte noch einige Minuten, dann öffnete sich die Tür zum Raum August Bebel, und ein junger Mann, den man wohl als Hipster bezeichnen könnte, trat ein. Er war hochgewachsen, muskulös, gepflegter Vollbart, lässiges Holzfällerhemd, schwarze Arbeitshose mit aufgesetzten Taschen. Damit erfüllte er alle Klischees dieser Moderichtung. Über die Schulter eine abgewetzte Umhängetasche. Kassi sog unmerklich die Luft ein, als er den Raum betrat, sympathisch in die Runde grinste und sich auf den einzigen noch freien Stuhl setzte. Selbstbewusst fuhr er sich durch die ebenfalls perfekt gepflegten Haare. Das war mal ein Auftritt, dachte Kassi. Dabei konnte der Kollege kaum älter als 25 sein.

»Oh shit!«, hörte Kassi es neben sich zischen, wandte sich Jannik zu und sah, dass er tief in seinen Stuhl gerutscht war. Er hatte den Ordner mit den Seminarunterlagen, der auf dem Tisch auslag, aufgestellt, als wollte er sich dahinter verbergen.

»Was ist denn mit dir los? Spinnst du?«, fragte Kassi.

Jannik schüttelte nur mit dem Kopf, als wäre er am liebsten unsichtbar. Sein Gesicht hatte die Farbe einer Pink Grapefruit angenommen. Kassi bemerkte, dass ihr Kollege ernsthaft mit etwas zu kämpfen hatte. Also bemühte sie sich um Diskretion, als sie einen neuen Anlauf nahm.

»Was ist los?«, wisperte sie nun ebenfalls.

»Scheiße, das ist Linus Weppe«, zischte Jannik zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, als würde das alles erklären. Kassi sah zu dem Zuspätkommer hinüber, der damit beschäftigt war, sich an seinem neuen Arbeitsplatz für die kommende Woche einzurichten

»Linus Weppe? Kenn ich nicht. Was ist mit dem?«, fragte sie. Jannik war inzwischen so tief im Stuhl zusammengesunken, dass allein dadurch jeder im Raum bemerken konnte, dass da etwas vor sich ging. Kassi stieß den Kollegen mit dem Ellenbogen an und machte eine auffordernde Kopfbewegung, ihr endlich zu sagen, was los sei.

»Im JAV-2-Seminar letztes Jahr hatte ich hier was mit seiner Freundin«, flüsterte Jannik.

Kassi verstand plötzlich, warum er sich am liebsten in Luft auflösen wollte. Er würde die ganze nächste Woche in einem Raum und dann auch noch vis-à-vis mit einem anderen Mann verbringen, von dem er vor Kurzem die Frau ausgeliehen hatte. Auch wenn Kassi in sich hineingrinste, tat Jannik ihr leid. Sie wusste aber für den Moment auch keine Lösung.

»Weiß er das denn?«, hakte sie nach.

»Das weiß ich nicht«, murmelte Jannik.

Kassi sah zu Linus hinüber und erkannte sofort: Der wusste alles. Linus’ Blick war auf Jannik gerichtet, und die sympathische Freundlichkeit war komplett aus seinem Gesicht verschwunden. Es schien jetzt dunkel, wutentbrannt, starr. Wie ein Vulkan vor einem Ausbruch. Kassi meinte sogar das Grollen im Innern des Berges zu fühlen. Es gab keinen Zweifel, dass er Jannik erkannt hatte und keinesfalls bereit war, ihm seine Eskapade durchgehen zu lassen. Kassi konnte die Spannung in der Luft greifen. Was, wenn diese Frau jetzt auch wieder da wäre? Vermutlich stellte sich Jannik diese Frage gerade auch. Kassi seufzte. Da war sie dahin, ihre entspannte Seminarwoche.

»Herzlich willkommen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich freu mich auf unsere gemeinsame Woche. Vielleicht wollen wir uns erst mal kurz vorstellen«, eröffnete Elin das Seminar.

Na, das konnte ja heiter werden, dachte Kassi und konzentrierte sich auf die Gruppe.

BOMBE

Die Saisoneröffnung im letzten Jahr war ein voller Erfolg gewesen. Weit über 4000 Gäste waren der Einladung des MC Snakebite zur Season Opening Party gefolgt. Der Campingplatz platzte aus allen Nähten, und auch aus Gommerstadt waren viele Partybesucher gekommen. Die Feier war öffentlich für alle Gäste, die gern richtig heftig feiern wollten. Und wo ging das besser als auf einem Campingplatz, auf dem man niemanden groß störte und nach zu viel Alkohol, Sex oder harten Drogen zum Schlafen ins Zelt oder direkt in die Wiese sacken konnte? Diese Season Opening Partys waren legendär und meist noch Jahre später Gesprächsstoff.

Bombe war für den Getränkeausschank hinter der Bar eingeteilt und ganz froh darüber. So sah er dem Treiben aus sicherer Entfernung zu und blieb auf Distanz. Er arbeitete schnell und routiniert, ohne überschwänglich zu sein. Er war im Dienst und würde daher selbst keinen Alkohol trinken, damit er einen klaren Kopf behielt. Und Zwischenfälle gab es bei diesen Partys immer. Genau genommen hielt er sich insgesamt von Alkohol fern, was ihm im Club immer wieder Lästereien, aber auch Anerkennung einbrachte. Nur hin und wieder überredeten ihn seine Kumpel – und dann gab es bei Bombe kein Halten mehr. Er hatte danach oft Blackouts. Ganze Tage waren aus seinem Leben wie gelöscht. Er hasste das, wenn andere ihm später erzählten, was er im Delirium angeblich alles gemacht haben sollte. Diese Totalabstürze kamen vier-, fünfmal im Jahr vor.

Diese Nacht würde er sauber bleiben. Er hatte sich extra für die Feier frisch den Kopf rasiert und sein ärmelloses, schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck eines zerfallenden Zombiekopfes unter der schwarzen Lederweste angezogen. Am rechten Handgelenk trug er eine nietenbesetzte Ledermanschette, und das linke Handgelenk zierten einige silberne Ketten und Lederarmbänder. Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen.

»Hallo, was willst?«, fragte er die Frau vor ihm am Tresen.

»Drei Bier bitte«, rief sie, um die laute Musik zu übertönen.

Sie war mit zwei Freundinnen da, die sich weiter hinten in der Kneipe des Clubhauses an einem der Stehtische eingerichtet hatten. Bombe schätzte sie auf Mitte dreißig. Sie hatte lange, schwarze Haare, die sie offen wie eine wilde Löwin trug. Sie war an den Armen tätowiert, und auch der tiefe Ausschnitt sowie der freie Rücken ließen einige Tattoos erkennen. Auch sie war ganz in Schwarz gekleidet und hatte ihre grünen Augen mit schwarzem Kajal umrandet, was diese noch mehr leuchten ließ.

Sie kam im Verlauf des Abends immer wieder zu ihm an die Theke, um Bier für sich und ihre Freundinnen zu holen. Da es stets die gleiche Bestellung war, stellte er immer schon drei fertige Bier auf den Tresen, sobald er sie in seine Richtung kommen sah. Sie mussten beide lachen, und Bombe sprach sie an.

»Du bist das erste Mal hier? Ich habe dich vorher noch nie hier gesehen.«

»Ja, mir haben Kollegen erzählt, dass ihr hier geile Partys feiert, und das wollte ich mir mal selbst ansehen«, antwortete sie, noch etwas atemlos vom Tanzen.

»Und? Ist es eine geile Party?«, fragte Bombe.

»Ja, mir gefällt’s. Die Stimmung ist super, aber wann fangt ihr denn mit der Schlagerkaraoke an?«, scherzte sie.

»Oh, die ist dieses Mal später draußen auf dem Vorplatz, nachdem die Baseballschläger verteilt wurden.« Bombes Miene blieb ernst.

Sie hielt seinem Blick stand. Dann musste er grinsen und wandte sich ab.

»Ich bin Kassi«, sagte sie.

»Bombe«, gab Bombe zurück.

»Bombe was?«, fragte sie.

»Alle nennen mich Bombe. Eigentlich heiße ich Thorben, aber sag Bombe zu mir. Das kommt noch aus der Bundeswehrzeit. War nett, mit dir zu plaudern. Jetzt muss ich wieder«, sagte er und wandte sich den anderen durstigen Gästen zu.

An dem Abend kam sie noch zweimal zum Getränkeholen. Er fand sie sympathisch, würde sich aber hüten, es zu zeigen. So beschränkte sich ihr Kennenlernen zunächst auf die wenigen gewechselten Worte.

Als er um zehn Uhr morgens anfing, die Bar aufzuräumen, stand sie plötzlich wieder vor ihm.

»Hallo! Ich dachte, du wärst schon längst weg«, begrüßte er sie. Er war selbst müde von der Nacht, aber doch irgendwie überrascht und erfreut.

»Ich habe in meinem Bus übernachtet, der steht draußen. Ich hatte ja etwas zu viel getrunken«, kam eine Antwort aus einem noch ziemlich zerknitterten Gesicht.

»Willst du einen Kaffee oder eine Konterhalbe?« Er hielt ihr zur Erklärung einen leeren Bierkrug hoch.

Sie verzog das Gesicht, als müsste sie sich gleich übergeben. »Nee, lass mal mit Alkohol. Aber einen Kaffee würde ich gern nehmen. Kann ich hier mal irgendwo telefonieren?« Sie hielt ihr Handy hoch. »Mein Bulli springt nicht an, und ich habe hier kein Netz.«

»Hier, trink erst mal einen Kaffee. Milch und Zucker?« Er stellte beides auf den Tresen. Kassi bedankte sich und goss reichlich Milch in die starke, schwarze, heiß dampfende Brühe.

»Ich räume hier noch schnell die Bar auf, und dann komm ich mal nachsehen. Ich arbeite hier auf dem Platz in der Werkstatt und kann dir vielleicht helfen. Service des Hauses«, machte er eine ausladende großzügige Geste mit der Hand.

»Oh, das wäre ja super. Kann ich dir helfen, hier aufzuräumen, im Gegenzug sozusagen?«, bot sie an.

»Wenn du deinen Kaffee getrunken hast, könntest du da drüben in der Ecke die Gläser von den Tischen holen, dann kann ich sie gleich mit in die Spülmaschine räumen. Dann bin ich auch schneller fertig, und wir können dein Auto ansehen.«

Bombe beobachtete, wie Kassi den Kaffeebecher mit beiden Händen umschloss und anfing, sich die Fotos an den Wänden des Clubhauses anzusehen. Bombe räumte weiter Gläser in den Geschirrspüler und geräuschvoll leere Flaschen in die Kisten und Kartons. Im Hintergrund lief leise ein Radiosender mit Rockmusik.

»Kennst du die Leute hier auf den Fotos?«, fragte Kassi.

Bombe blickte von seiner Arbeit auf und musste erst suchen, wo die Stimme herkam. Kassi war in den schmalen Flur getreten, der zum Versammlungsraum, der Chapel des MC, führte. Ein Heiligtum, das ausschließlich Mitgliedern des MC Snakebite vorbehalten war. Selbst Bombe hatte es nie von innen gesehen und war nie bei einer Sitzung des Clubs dabei gewesen.

»Komm da weg, das ist privat«, wies er sie heftiger an als beabsichtigt. Um an seiner Aufforderung keinen Zweifel zu lassen, stellte er die Bierkiste ab, die er gerade nach draußen tragen wollte, und kam hinter der Theke hervor. Er baute sich vor Kassi auf, fasste sie bestimmt am Arm, ohne brutal zu sein, und führte sie in den Schankraum zurück. Er schloss hinter ihnen beiden die Tür zum Flur und drehte den aufgesteckten Schlüssel um. Wie es schien, hatte er Kassi gleich mehrfach erschreckt: mit der Heftigkeit seiner Reaktion und seinem bestimmten Auftreten.

»Entschuldige, die Tür zum Flur stand offen, und ich fand die Bilder interessant«, gab sie zurück. Dabei zog sie ihren Arm aus seinem Griff. »Ich wollte dich nur nach dem einen Foto fragen, mit dem Paar drauf. Den Typen mit der schwarzen Mähne habe ich gestern hier auch kurz gesehen. Den kenne ich irgendwoher«, murmelte sie.

»Das ist der Präsi des MC. Alle nennen ihn Beethoven, weil seine Frisur etwas daran erinnert. Die Frau neben ihm kenne ich nicht. Wohl eine frühere Freundin«, antwortete Bombe und sah Kassi ernst an. »Der versteht keinen Spaß, wenn es um seine Privatsphäre oder die des MC geht. Das solltest du unbedingt respektieren. Du bist hier gern gesehen, aber nur in den öffentlichen Bereichen. Der Rest ist tabu. Klar?«

Kassi sah ihn an und nickte widerstrebend.

»Ich kenne ihn aber noch aus einem anderen Zusammenhang«, murmelte sie und blickte zu Boden. »Irgendwie kommt der mir bekannt vor. Na ja, egal, ich helfe dir jetzt mal beim Aufräumen.« Sie stellte ihren leeren Kaffeebecher auf die Theke und nahm einen feuchten Lappen und ein leeres Tablett.

Plötzlich hatte Bombe es eilig, sie loszuwerden. Er bot nun an, ihren Bulli sofort zum Laufen zu bringen, damit sie möglichst schnell loskam. Er würde die Kneipe später fertig aufräumen. Sie war ihm einfach eine Spur zu neugierig. Das konnte hier auf dem Clubgelände zu ernsthaften Schwierigkeiten führen, wie Bombe selbst immer wieder mitbekommen hatte. Und aus irgendeinem Grund war es ihm wichtig, dass Kassi hier sicher vom Platz kam.

»Komm gern bei der nächsten Open House Party wieder vorbei«, rutschte es ihm heraus, als sie sich eine halbe Stunde später hinter das Lenkrad ihres reparierten Bullis schwang und sich auf den Heimweg machte.

»Ja, sehr gern, war doch eine super Nacht«, gab sie zurück, winkte kurz und legte geräuschvoll den ersten Gang ein. Bombe verzog das Gesicht, als täte ihm das Knirschen im Getriebe körperlich weh.

Warum hatte er das gesagt, fragte er sich. Am Ende dachte sie vielleicht noch, er wollte was von ihr.

Kassi kurbelte lachend das Fenster herunter. »Schalten ist kein Geheimnis«, grinste sie. »Das darf ruhig jeder hören«, wiederholte sie den alten Kalauer.

»Vorn ist dein Blinker kaputt. Solltest du reparieren lassen, bevor die Bullen dich anhalten«, brummte er, musste dann aber doch lächeln.

»Danke für deine Hilfe. Vielleicht kann ich mich mal revanchieren«, bot Kassi an.

Er schüttelte seinen kahl geschorenen, bulligen Kopf, winkte ab und ging ins Clubhaus zurück. Dort wartete noch eine ganze Menge Arbeit auf ihn.