Leichen haben kurze Beine - Theodor Horschelt - E-Book

Leichen haben kurze Beine E-Book

Theodor Horschelt

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Krimi von Theodor Horschelt Der Umfang dieses Buchs entspricht 214 Taschenbuchseiten. Ich frage Sie: Kann man da noch von Zufall reden, wenn die Geliebte meines Freundes Conally gerade an dem Tage zu Tode kommt, an dem er sich mit seiner Frau nach einjähriger Trennung versöhnt? Faul? Oberfaul! Uns gab das nämlich auch zu denken. Seine Frau Vera hatte ein Alibi, ein gutes sogar. Er nicht, deshalb war er am dransten. Aber ich glaubte das nicht und gab mir jede Menge Mühe, den richtigen Mörder zu finden. Teufel, das war keine Kleinigkeit und kostete einen Haufen Nerven. Jede neue Spur, der wir nachgingen, bereitete uns neuen Ärger. Zum Schluss kamen wir uns vor, als wären w i r die Gehetzten und nicht der Mörder. Als wir dann aber endlich wussten, wer es war, da konnten wir nur noch platt sein — und Ihnen wird es nicht besser ergehen.

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Seitenzahl: 233

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Theodor Horschelt

Leichen haben kurze Beine

Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Leichen haben kurze Beine

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 214 Taschenbuchseiten.

 

Ich frage Sie: Kann man da noch von Zufall reden, wenn die Geliebte meines Freundes Conally gerade an dem Tage zu Tode kommt, an dem er sich mit seiner Frau nach einjähriger Trennung versöhnt?

Faul? Oberfaul! Uns gab das nämlich auch zu denken.

Seine Frau Vera hatte ein Alibi, ein gutes sogar. Er nicht, deshalb war er am dransten.

Aber ich glaubte das nicht und gab mir jede Menge Mühe, den richtigen Mörder zu finden.

Teufel, das war keine Kleinigkeit und kostete einen Haufen Nerven. Jede neue Spur, der wir nachgingen, bereitete uns neuen Ärger. Zum Schluss kamen wir uns vor, als wären w i r die Gehetzten und nicht der Mörder.

Als wir dann aber endlich wussten, wer es war, da konnten wir nur noch platt sein — und Ihnen wird es nicht besser ergehen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1.

Es war der Tag, an dem Wilma Starner ihrem Mann die Augen auskratzen wollte.

Sie sehen, wir verkehren immer noch in den besten Kreisen.

Das ist übrigens nur zur Hälfte gelogen, denn Sammy war gar nicht da. Er hatte gerade eine Privatsache befummelt, bei der es um größere Beträge ging. So hatte ich ihm nur per Kabel von der eminenten Ehre berichten können, mit mir zusammen in das Landhaus von Hugo Conally eingeladen worden zu sein.

Wo waren wir doch stehengeblieben? Richtig, bei Wilma Starner, die, wie gesagt, ihrem Ehegespons das Gesicht verunstalten wollte. Und der hatte daraufhin derart reagiert, dass sie um ein Haar einen neuen Kopf gebraucht hätte.

Ich trat dazwischen und sorgte dafür, dass er sie nicht vollständig in der Luft zerriss. Und in dem Augenblick ertönte auf der Seestraße eine teure Vierklanghupe. Mein Nasenspitzchen sagte mir, dass das nur Sammy sein könnte.

Ich machte also bei Barry Starner ,kieks‘, worauf er in einen Sessel sank. Ich aber stürzte in den Vorgarten, raste die Ulmenallee zur südlichen Einfahrt durch und — kam hier zu einem einzigartigen Genuss; denn eine Dame von achtzehn Karat lud gerade meinen Kleinen aus. Sie knallte ihm noch eigenhändig einen Koffer vor die Füße und rauschte dann wieder ab.

Sammy machte ein Gesicht wie eine Kohlenhalde und wischte sich erst mal den Schweiß von der Denkerstirn.

Als er mich sah, ging ein sonniges Grinsen über seine entgleisten Gesichtszüge.

„Bis man dich findet!“, murrte er laut.

„Ich hatte dir doch ausdrücklich geschrieben, Conallys Wigwam liege nördlich von Cedar Point am Dugger-See. Und Cedar Point erreichst du, wenn du von Santa Maria aus nach Osten fährst.“

„So genau hab’ ich nicht drauf geguckt. Hatte was anderes zu tun!“

„Hoffentlich was Angenehmes?“

„O ja!“

„Sehr glücklich sah die junge Dame ja nicht aus, die dich hierher fuhr!“

„Das war nur Mabels Gesellschafterin!“

Ich glaubte ihm kein Wort, kümmerte mich aber nicht weiter um die Sache.

„Kommt hier kein Diener?“, fauchte der Kleine plötzlich. „Muss man sich hier die Brocken selber tragen?“

Aber da kam schon ein massiger Schwarzer in den besten Jahren und nahm Sammys Koffer auf.

„Dir wär’ auch ’ne Rippe abgeknackt, wenn du deinen Krempel selber getragen hättest!“ flötete ich liebevoll. „Komm ins Haus, in ’ner halben Stunde gibt’s zu essen!“

*

Wir gingen die Ulmenallee bis zum Altbau hinunter. Der Kleine musste so staunen, dass ihm beinahe die Guckerchen ’rausfielen.

Conallys Anwesen ist aber auch ’n Witz für sich. Es liegt genau dort, wo Nord und Westufer des Dugger-Sees zusammenstoßen und folgt in seiner Anlage beiden Ufern. Der nach Osten verlaufende Flügel ist in einem abscheulichen Stil gebaut und zweistöckig. Er enthält alle Wirtschaftsräume, im Obergeschoss befinden sich die Schlafzimmer, Bäder und Toiletten.

Um die nervtötende Schönheit dieses Meisterwerkes noch zu unterstreichen, hatte ein späterer Architekt an die ostwärtige Schmalseite einen imitierten Turm aus der Zeit Richards des Soundsovielten geklatscht. Wie einen Kaugummi ans Zahnputzglas.

Der nach Süden gelegene Flügel ist eine Art Bungalow. Ebenerdig, mit großen Glasfenstern. Die äußere große Halle führt den Namen ,Trinkstube’, der zweite Raum ist ein Wintergarten mit allem Komfort und zurück. Mehr Räume gibt’s nicht. Das flache Dach dient als Liegeplatz für die Stromlinien etwa anwesender weiblicher Gäste.

Unter dem Wintergarten liegt die Garage für wenigstens sechs Wagen, oberirdisch gibt es ein Tor. Der Weg ist dort zu Ende. Weiter südlich befindet sich der eigentliche Eingang, der innerhalb der Mauer in eine Ulmenallee mündet, die an dem Zweiflügelhaus vorbei, bis zu dem etwas tiefer liegenden, großen Bootshaus führt. Zu dem Besitz gehört ein großer Garten mit Pfirsich- und Pflaumenbäumen, sowie einigen Zwergpalmen. Der Garten erstreckt sich am Seeufer entlang und schmiegt sich mit der Nordfront an die Ausläufer des Herron-Berges an. Im übrigen ist er von einer hohen Mauer umgeben.

*

Auf meinem Zimmer musste ich Sammy erst mal volltanken wie einen Düsenjäger. Dann wollte ich seine Urlaubserlebnisse aus ihm ’rauskitzeln. Aber er hatte keine rechte Lust und ließ sich lieber von mir Märchen erzählen.

„Wer ist denn dieser Hugo Conally, und welche anderen Gäste sind hier? Sind wir dienstlich geladen oder privat?“

„Conally ist der Besitzer von Conally & Cie …‟

„Lebensmittel en Gros?“

„Genau! Außer ihm ist noch seine Frau Vera hier …‟

„Kunststück! Das ist gerade das Unschöne an Ehefrauen, dass sie immer hier sind!“

„Unterbrich mich nicht immer, du müder Olm! Vera ist eben n i c h t immer hier. Sie lebt seit einem Jahr getrennt …‟

„Anderer Mann, andere Frau im Spiel?“

„Nee. Prügel gekriegt!“

„Er von ihr, oder sie von ihm?“

„Letzteres. Mit dem Pantoffel. Aber anständig. Es liegt ein ärztliches Gutachten über die dabei erlittenen Verwundungen vor.“

„Und deswegen ist sie hier?“

„Nee. Zur Versöhnung. Die wurde von gemeinsamen Freunden eingeleitet!’’

„Und die sind?“

„Die Eheleute Wilma und Barry Starner, sowie Dana und Fred Astor. Als ,neutrale Zeugen’ hat man uns beide gebeten, sowie Sally Conen und seine Mieze Mira Utley!“

„Da ist also für mich kein Bäumchen frei?“

„Nein. Es sei denn, es würden sich neue Aspekte ergeben. Davor bist du bei unseren Frauen nie sicher. Kannst dich immerhin als Ersatzreserve fühlen!“

In diesem Augenblick klopfte es. Eine große Brünette stürmte in die Bude. Sie war vielleicht dreißig Jahre jung und ein bisschen ungepflegt. Auf mich wirkte sie wie Landluft in Konserven.

*

„Sammy”, sagte ich, „steh auf und bau’ dein schönstes Männchen! Du hast die hohe Ehre, Mrs. Dana Astor gegenüberzustehen, genannt die Überwucht von Hollywood!“

„Zieh’n Sie mich nicht immer durch den Kakao“, grinste die Astor und reichte Sammy gnädig die feste Hand. „Sonst müsste ich Sie mit einer meiner Freundinnen verheiraten, und dann hätten Sie ausgeunkt.“

„Sie sind zu gütig! Was führt Sie zu mir?“

„Muss mal mit Ihnen reden. Sie sind der einzige Vernünftige in diesem Tollhaus. Knöpfen Sie sich doch mal das muntere Ehepaar Starner vor. Die sollen doch ihren lächerlichen Krakeel zu Hause aufführen. Wenn die so weitermachen, dann willigt Vera nie in eine Aussöhnung. Und Hugo hat doch so große Hoffnungen auf diese Woche gesetzt!“

„Muss mir das mal überlegen, Juwel!“

„Sie sollen doch nicht immer Juwel zu mir sagen!“

„Werd’s mir merken, Zuckerstück!“

Dana Astor lächelte süß und machte rasch die Mücke.

„Sind wir eigentlich dienstlich hier oder privat?“, wollte der Kleine erneut wissen. Er wurde aus dem Haus Conally noch nicht so recht schlau.

„Privat, das hab‘ ich dir doch schon gesagt, du Mickerpflanze! Und jetzt zieh dich rasch um, sonst …‟

Da ertönte schon der Gong zum Mittagessen.

„Los, mach’ hin!“, zischte ich. „Die Fütterung der Raubtiere beginnt!“

Auf der Treppe begegneten wir einer hochgewachsenen Blonden Ende der Dreißiger. Sie hatte sich bestens gepflegt und sah jung und schön aus, auch wenn sie etwas harte Linien um den Mund hatte. Mit achtzehn Ehejahren sind solche Linien hinreichend erklärt, sollte man meinen!

„Darf ich Ihnen meinen Freund Sammy vorstellen, Mrs. Vera?“, hauchte ich. — „Sammy, das ist Mrs. Conally!“

„Freue mich, die Dame des Hauses kennenzulernen!“, röchelte der drollige Zwerg. Das war das Dümmste, was er sagen konnte.

Mrs. Conallys Züge wurden sofort vom Eisberg gestreift.

„Dame des Hauses? Nicht mehr! Oder noch nicht! Das können Sie selbst entscheiden!“

Sie rauschte ab und nahm die Kurve nach unten wie ein Super-Rennpferd.

„Idiot!“, zischte ich dem Kleinen zu.

Im Wintergarten stießen wir auf einen semmelblonden Riesen, der eine zierliche, rothaarige Frau in den Armen hielt. Er tröstete die Schluchzende täppisch.

„Das ist das muntere Ehepaar Starner!“, hauchte ich. „Barry ist gerade dabei, seinem Schmuckstück den ’runtergerissenen Kopf wieder anzuleimen!“

Dann räusperte ich mich betont und schritt mit dem Kleinen zur Trinkhalle.

Dort war für zehn Personen gedeckt. Als ersten sah ich Sally Conen. Er trug ’nen Pulli und weiße Segelhosen, dazu weiße Schuhe. Neben ihm wischte ein knabenhaft schlankes Girl in den Raum.

Die schwarzhaarige Mira Utley trug einen Bikini, obwohl er unmodern ist. Aber sie wusste schon, warum.

Ich machte meinen kleinen Stinker mit den beiden bekannt und gab Mira den Rat, sich wegen der Hitze nicht so arg einzumummeln.

Das Balg kicherte geziert und zerrte Conen mit sich fort. Offenbar sollte er ihr beim Umkleiden helfen.

„Was ist denn das für ’n Girl?“, flüsterte die Kleine.

Ich zuckte die Achseln. „Sie ist beim Film. Darf zweimal im Jahr ,Madam, es ist angerichtet’ sagen!“

„Und davon kann man leben?“

„Wovon sie lebt, hast du doch gesehen!”

Wenig später konnte ich meinen Sammy Mr. Fred Astor vorstellen. Fred ist etwa fünfundzwanzig, also viel jünger als seine burschikose Frau, und hat sieben bis acht Berufe. Außerdem ist er ein großer Unsportsmann vor dem Herrn. Seine Frau ernährt ihn. Die hängt übrigens mit fanatischer Liebe an ihrem Mann. Ein neuer Beweis, dass menschliches Glück zu neunzig Prozent Illusion, zu neun Prozent Wasser und nur zu einem Prozent Realität ist.

Nun kamen auch die Starners herein, die, die sich vor einer Stunde noch geprügelt hatten. Barry Starner ist ein gutmütiger Riese. An ihm ist nicht mehr Aufregendes, als an der Fotografie eines Ochsen.

Seine überschlanke, rothaarige Frau verfügt über ein Temperament, das für ein ganzes Stadtviertel reichen würde; sie raucht am Tag so viele Stäbchen, wie ich in einer Woche.

Als wir alle versammelt waren, tat sich die Tür auf, und der Herr des Hauses erschien: Gepflegt, energisch, grauhaarig wie immer. Er trug ’nen Palm-Beach-Anzug und — bei Hugo! — er wusste ihn zu tragen.

Für einen Mann von Fünfundvierzig ist er ’ne Überwucht mit Lehnstuhl und Schwertern.

Der kleinen Utley sah man deutlich an, dass sie ihren Conen jederzeit gegen Conally ausgewechselt und sogar noch was draufgezahlt hätte.

Conally blickte verstimmt um sich und fragte dann endlich:

„Hat jemand meine Frau gesehen?“

„Deine Fragestellung ist falsch, mein Süßer!“, tönte es von der Wintergarten-Tür her. „Ich bin nicht deine Frau, ich bin dein Gast, wie die anderen auch! Und im Übrigen solltest du ja wissen, dass Unpünktlichkeit eine meiner vielen schlechten Seiten ist. Als du mich vor achtzehn Jahren heiratest ...“

„... warst du lange nicht so schön und vollendet wie heute!“

„Herzlichen Dank! Ich wollte zwar was anderes sagen, aber eine dicke Schmeichelei wird immer gerne akzeptiert, wenn sie auch nicht stimmt!“

„O doch, Vera!“, grunzte Barry Starner. „Ich war zwar vor achtzehn Jahren noch ‘n Kind und hab’ dich nicht gekannt. Aber ich glaube unbesehen, dass du heute noch schöner bist als damals!“

„Du könntest nach der Suppe läuten, Lieber!“, wich Vera aus.

Conally tat das.

„Hier gefällt’s mir kein bisschen!“, wimmerte Sammy leise. Das konnte ich ihm nachfühlen.

Als aber Moses, der dicke Schwarze, mit der Krebsschwanzsuppe ’reinkam, da verzog sich das Gewitter. Sammy ist zwar Vegetarier, aber so weit geht er in seinem Fanatismus denn doch nicht, einen Krebs als Tier anzuerkennen. Für Sammy ist ein Krebs ‘ne nützliche Pflanze.

*

Nach dem Essen erklärten die Starners, schlafen zu wollen. Das Ehepaar Astor wünschte sich etliche neue Schallplatten anzuhören. Conen und Utley waren unauffindbar, und Conally hatte Besuch seiner Privatsekreteuse, die in Los Angeles den Laden aufrechterhielt. Miss Bannister hat übrigens den Scharm eines steinernen Elefanten. Man konnte ihr den lieben Hugo getrost in jeder Lebenslage überlassen.

Sammy hatte irgendwo eine herrenlose Whiskyflasche entdeckt und war mit ihr abgehauen.

Also blieben Vera Conally und ich übrig.

„Ich würde gern ’n bisschen segeln!“, sagte sie zu mir. „Sie kommen doch mit?“

Ich gestand ihr errötend, dass meine Segelkünste mehr theoretischer Natur seien. Darauf einigten wir uns auf das Außenbordmotorboot. Wir trennten uns kurz, um uns umzuziehen. Als wir uns gegen vierzehn Uhr erneut im Garten trafen, gingen mir wieder mal die Augen über.

Vera hatte knappe weiße Shorts angelegt und trug dazu eine leichte Bluse. Kann Ihnen sagen, mir ist noch nie ’ne Frau von siebenunddreißig Jahren begegnet, die so aussah wie Vera Conally.

„Gefall’ ich Ihnen?”, rief sie aus, und ich musste dreimal trocken schlucken.

Es war übrigens nicht möglich, das Bootshaus zu entern, denn es war verschlossen.

„Hat Hugo immer noch den Tick mit dem Schlüssel?“, knurrte Vera ärgerlich. „Los, Lester, seien Sie Kavalier, und knöpfen Sie meinem auf Eis gelegten Gatten den Schlüssel ab!“

Ich störte Hugo im schönsten Diktat und nahm ihm den Schlüssel weg. Der hatte ‘nen Bart, schöner als der Prophet Mohammed, und das Schloss dazu musste ziemlich kompliziert sein. War es auch. Ich bekam es kaum auf. Trotz meiner angeborenen Intelligenz.

Im Bootshaus lagen ein Outborder, eine kleine und eine große Segeljacht, sowie ein Kabinenboot. Daraus allein können Sie schon einen Schluss auf Hugos Moos ziehen.

Ich füllte den Tank des Zweitakter-Outborders mit Gemisch und zog an der Strippe. Der Motor sprang an, und wenig später schaukelten wir schon auf dem See.

Vera setzte sich zu meinen Füßen nieder. Aus rein optischen Gründen hatte ich dabei ‘ne Aussicht, die in einem Kurort gesondert zehn Dollar pro Tag gekostet hätte.

Sie müssen wissen, dass ich Hugo vor Jahren mal aus einer Patsche gezogen habe. Seit dieser Zeit bin ich mit dem Ehepaar lose befreundet und darf schon mal ’nen Ton schnaufen.

„Vera“, sagte ich, „ich bin ein alter Freund. Deswegen dürfen Sie mir meine Worte nicht übel nehmen. Ein Jahr sind Sie jetzt von Hugo weg, und er grämt sich wirklich furchtbar darüber. Von unserem Zusammentreffen hier hat er sich eine Menge versprochen. Er ist sehr traurig, dass Sie ihn auf die Folter spannen. Als Freund möchte ich sagen: machen Sie endgültig Schluss, oder verzeihen Sie ihm!“

Die schöne Frau fummelte ‘n Stäbchen ‘raus und rauchte gemächlich, sprach aber kein Wort.

Ich ließ das Boot langsam über den unbewegten See gleiten und sprach mit Engelszungen weiter: „Ist denn der nun schon so lange zurückliegende Vorfall gar nicht aus der Welt zu schaffen? Oder hat’s da noch was anderes gegeben? Weibergeschichten bei ihm, oder Männergeschichten bei Ihnen?“

Sie warf die Zigarette plötzlich in hohem Bogen ins Wasser. „Das ist ja die — pardon — Schweinerei! Hugo liebt mich, und ich liebe ihn. Für ihn gibt’s keine andere Frau, und für mich gibt’s keinen anderen Mann. Trotzdem weiß ich nicht, was ich tun soll. Als ich ihn im Alter von zwanzig Jahren heiratete, war er ein guter Junge. Und tüchtig im Geschäft. Beides ist er heute noch. Aber sein Jähzorn ist mit den Jahren der Reife nicht besser geworden, sondern schlimmer. Seh’n Sie, wir verzankten uns damals, vor einem Jahr, wegen einer Kleinigkeit. Und wir setzten dann den Streit im Bett fort. Daran bin ich nicht ganz unschuldig. Aber ich war im Recht. Und was tut dieser Unmensch? Plötzlich packt er mich, dreht mich auf den Bauch und versohlt mir mit seinem ledernen Hausschuh die Kehrseite. Ich hab tagelang danach nicht mehr sitzen können. Und außerdem war ich damals schon siebenunddreißig Jahre. So geht man doch nicht mit einer Frau um, die längst Großmutter sein könnte!“

Ich verkniff mir ein Lächeln. „Jedenfalls sehen Sie nicht so aus! — Noch ’ne Frage: hat Hugo Sie während ihrer Ehe öfter misshandelt?“

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Lester! In achtzehn Ehejahren ist bis auf das eine Mal nichts vorgekommen. Auch sonst nichts. Weder Untreue, noch Geiz oder sonst was!“

Ich wurde plötzlich ernst. „Vera, welche Frau könnte das außer Ihnen von ihrer Ehe sagen? — Ich will nicht in Sie dringen und bin als Junggeselle auch gar nicht befugt, mich einzumischen. Aber eines sag’ ich Ihnen doch: Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich wüsste, was ich zu tun hätte!“

„Meinen Sie wirklich, lieber Lester?“

Sie wurde plötzlich mehr als ernst.

2.

Meine Freundin hatte plötzlich keine Lust mehr am Wassersport, und so fuhr ich sie zum Ufer zurück. Dort stand Sammy im eifrigen Gespräch mit Mira Utley. Die hatte wieder ihren aufreizenden Bikini an, und ich sah ’ne Explosion voraus.

Die Starners saßen am Landesteg und zankten sich. Dana Astor hatte ihre Molligkeiten in einen Anzug mit langen Hosen gesteckt und himmelte ihren Mann an. Der rauchte seine Pfeife und nahm die Ovationen seiner besseren Hälfte mit der philosophischen Ruhe eines siebenarmigen Tintenfisches entgegen.

Als ich den Outborder an den Steg legte, wurde ich von Dana Astor gebeten, das Boot noch nicht ins Bootshaus zu manövrieren. Sie wollte nämlich mit ihrem Süßen ein bisschen spazieren fahren.

Zum Hauptausgang bei der „Trinkhalle“ kam eben Hugo Conally heraus und begleitete die ebenso tüchtige wie reizlose Miss Bannister zu ihrem Wagen.

Vera wartete, bis die General-Tippöse abgerauscht war, und klopfte mir plötzlich zärtlich auf die Schulter. Dann trat sie spontan auf ihren Mann zu und sagte unterdrückt:

„Hugo, ich bin zu einem Entschluss gekommen. Ich weiß, dass du mich liebst. Und ich liebe dich wie früher. Ich habe mich jetzt dreihundertsiebenundfünfzig Tage nach dir gesehnt. Ich war damals auch mit schuld. Wir wollen nie mehr davon reden. Wenn du mich noch magst, dann kann alles so schön zwischen uns werden wie am ersten Tag.“

Ich sah, dass dem erfolgreichen Mann eine einsame Träne an der Nasenwurzel herabrieselte. Deshalb machte ich kurz kehrt und fegte die Zuschauer dieser Versöhnung mit einem einzigen Griff davon.

Es muss wunderbar gewesen sein. Wir kriegten von der glücklichen Familie bis zum Abend nichts mehr zu sehen. Erst dann kam Hugo für einen Moment zu uns und unterbrach unseren Rubber.

„Morgen ist der erste Sonntag, den ihr hier verbringt. Frühstück gibt’s erst um zehn Uhr. Moses und Sarah wohnen im Dorf und sollen auch mal ausschlafen. So ist das Brauch. Im übrigen müsst ihr mal ohne uns auskommen. Wir sind unbändig glücklich!“

Weg war er.

Wir blieben in der Halle und zogen etliche scharfe Sachen an Land. Sammy war ganz in seinem Element. Er hatte die Strapazen der letzten Tage vollkommen vergessen und flirtete abwechselnd mit Wilma Starner, Mira Utley und Dana Astor. Mit Dana Astor flirtete er nur aus Höflichkeit.

Wir spielten übrigens später noch etliche Partien Bridge. Und das kann man ohne die nötige innere Anfeuchtung nicht tun. Der kurzen Rede langer Sinn: Ich hab’ keine Ahnung, wann ich zu Bett gegangen bin und, wer mir die Brocken vom Balg gezerrt hat. Aber das spielt ja auch gar keine Rolle.

Ich hörte halb im Traum Sammy unanständige Verse aufsagen, worauf jemand kicherte. Sie können mich kielholen, wenn ich weiß, wen der Kleine da bei sich hatte. War mir auch egal.

Irgend jemand hatte mein Gesicht zwischen die Backen eines Schraubstocks geklemmt und schlug mehrmals mitten hinein. Es dröhnte nur so in meinem Schädel.

Langsam schlug ich die Augen auf. Ich lag neben meinem Bett und hatte das Gefühl, jemand meißle mir mit einem Pressluftbohrer den Kopf auf. Hugo Conally war über mich gebeugt und schüttelte mich mit der Kraft der Verzweiflung. Er trug einen nagelneuen Trainingsanzug und war frisch rasiert. Was der Flitterwöchner ausgerechnet bei m i r wollte, war mir unklar.

„Was’n los?“, lallte ich mit schwerer Zunge. „Ich will schlafen. Frühstück ist ohnehin ’ne gedachte Linie. Geh’n Sie wieder ins Bett, Hugo. Halten Sie sich für das platonische Jahr schadlos!“

„Streifen Sie einen Morgenrock über, und kommen Sie mit! Halten Sie keine Volksreden! Oder glauben Sie, ich hätte Sie zum Spaß geweckt?“

Ich glaubte das natürlich nicht, erhob mich seufzend und hübschte mich notdürftig an. Dann

warf ich ’nen achtlosen Blick auf die Uhr: Neun Uhr fünfzehn.

Hugo führte mich durch den Altbau in den Garten, kreuzte mit mir die Ulmenallee, und zog dann den sonderbaren Bootshausschlüssel heraus. Umständlich sperrte er auf.

Ich trat nach ihm ein und musste meine Augen erst an das Dämmerlicht des Raumes gewöhnen. Die vier Boote meines Gastgebers lagen fest vertäut, und die Wellen gluckerten leise.

Hugo drehte das Licht an, und ich musste für einen Moment blinzeln. Dann sah ich, dass im Cockpit des kleineren Segelbootes eine Dame saß. Sie hatte ein ganz ordentliches Tweed-Kostüm an und war reisemäßig gekleidet. Ganz jung mochte sie nicht mehr sein, aber zum mindesten hatte sie sich ausgezeichnet gehalten. Das Haar war gelackt und auf die Farbe des Kostüms abgestimmt.

So saß sie also, schön und verführerisch anzusehen, im Cockpit und funkelte mich aus großen, starren Guckerchen an.

Das nützte aber leider gar nichts mehr; denn es war ganz so wie Sie, Amigo, vermuten: Das süße Kind war mausetot. In seinem Herzen stak ein zierliches Obstmesser. Und ich hatte die ’ne bulare Vorstellung, als hätte ich so ein Messer schon mal im Hause gesehen.

*

„Schöne Bescherung!“, hauchte ich. „Wie kommt die junge Dame hierher? Kennen Sie sie? Haben Sie sie vielleicht eingeladen?“

Conally schüttelte energisch den Kopf. „Denke gar nicht dran. Hab’ das Kind nie gesehen. Fürchte aber, es wird trotzdem jede Menge Komplikationen geben!“

Ich trat näher. Die weibliche Leiche hatte weder ein Handtäschchen, noch einen Koffer bei sich.

Ich nahm ein Montagelicht von der Wand, schloss die lange Schnur an, und leuchtete das kleine Boot ab. Vor der Leiche lag ein Paar Seidenhandschuhe. Die werden alljährlich zu Millionen hergestellt und kosten fünfundsiebzig Cent pro Paar. Unsere Frauen ziehen sie gern bei feinen Stick- und Strickarbeiten an. Auch für andere Zwecke sind sie praktisch, denn man kann mit ihnen arbeiten, als hätte man n i c h t s an den Fingern. Eben weil die Seide so sehr dünn und doch relativ haltbar ist.

„Nach Abdrücken wird man kaum zu suchen brauchen!“, sagte ich. „Wann haben Sie das reizende Stillleben gefunden, mein Lieber?“

Er dachte eine Sekunde nach. Dann sagte er überzeugt: „Ich hatte meinen Wecker auf Punkt neun gestellt …“

„Warum so früh? Ich dachte, ein frisch gebackener Mann ...“

„Quatsch. Vera fiel mitten in der Nacht, als sie mich verließ ...“

„Als sie Sie verließ?“

„Ja doch! Was tut das zur Sache? In den achtzehn Jahren unserer Ehe haben wir vom ersten Tag an in getrennten Schlafzimmern geschlafen. Vera ist nervös und lässt sich nicht gern stören. Kapiert?“

„Klar. Als Ihre Frau Sie vergangene Nacht verließ, um ins eigene Zimmer zu gehen, da fiel ihr was ein?“

„Eben. Sie hatte ihr kleines Lacktäschchen im Outborder vergessen, als Sie gestern mit ihr am See waren. Das fiel ihr ein. Als sie vergangene Nacht wegging und auf meinen Wecker sah, da hat sie lachend gesagt: Du stehst immer noch früh um neun auf, du Armer! Dann kannst du auch mal ins Bootshaus gehen und nach meiner Lacktasche suchen. Da ist meine Diamantenagraffe drin. Die möcht’ ich wiederhaben! Ich tat ihr natürlich diesen Gefallen. Um neun Uhr stand ich auf und schlüpfte in den Sportdress. Dann holte ich den Bootshausschlüssel ...“

„Wo?“

„Der liegt in meinem Nachttisch.”

„Well. Und als Sie das Bootshaus öffneten, da stach Ihnen das niedliche Mädchen gleich ins Auge!“

„So ist es!“

„Genaue Zeit bekannt?“

„Es war nenn Uhr zehn!“

Ich überlegte einen Augenblick, dann sagte ich entschlossen:

„Pleite auf der ganzen Linie, Hugo. Wir müssen die Polizei zuziehen!“

„Es geht nicht anders?“

„Es geht nicht anders!“

Er nickte stumm Gewährung.

Ich trat ins Haus. In der Trinkhalle war noch nichts los, aber man hörte aus dem zweistöckigen Bau die Volksgenossen Krach machen. War ja auch fast halb zehn.

Ich ging zum Telefon und ließ mich mit dem Polizeichef von Santa Maria verbinden. Der war über die Störung seiner Sonntagsruhe nur mäßig begeistert.

„Hier spricht Crane“, sagte ich. „Der Detektiv aus Los Angeles. Schon mal was von mir gehört?“

„Doch, doch! Rufen Sie mich deswegen an? Von wo sprechen Sie?“

„Ich spreche aus Cedar Point, von der Besitzung eines gewissen Hugo Conally aus. Da haben wir vor ’ner Viertelstunde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Im Bootshaus!“

Ich spürte förmlich durch den Draht, wie ihm diese Eröffnung bekam.

„Sie sind sicher“, fuhr er nach einer Weile fort, „dass Sie nicht von gestern Abend her betrunken sind und das Ganze nur geträumt haben?“

„Ganz sicher!“

„Well! Dann sperren Sie, bitte, das Bootshaus ab und warten Sie auf mich. Unterlassen Sie es, die Klärung des Falles selbst aufzunehmen. Könnte Sie die Lizenz kosten. Klar?“

„Sehr klar!“

„Und sagen Sie dem lieben Hugo, er möchte mir was von seinem guten Bourbon kaltstellen!“

„Wird prompt erledigt! — Möchten Sie vielleicht auch noch die Nase geputzt oder sonst ’ne intime Verrichtung ausgeführt haben? Sie brauchen es nur zu sagen!“

Er brummte irgendwas und legte auf. Und ich auch.

„Na, ihr Lieben, was macht ihr denn für sonderbare Gesichter?“, hörte ich ’ne frische Stimme. Strahlend wie der junge Morgen kam Vera Conally durch die Tür.

Hugo sah ihr grämlich in die Augen, und ich klopfte ihr leise auf die Schulter. „Es hat sich leider ein erster Reif auf Ihr junges Glück gelegt, Vera: im Bootshaus liegt ’ne erstochene Frau. Und keiner weiß, wer sie ist, oder wer sie erstochen hat!“

Vera griff sich mit der rechten Hand zum Herzen und setzte sich dann auf ihre entzückenden vier Buchstaben. Im übrigen ging ihr der Fall genau so auf die Nerven wie uns.

*

Um neun Uhr dreißig kam Sammy sich erkundigen, was los sei. Gleichzeitig traf das würdige Schokolade-Ehepaar Moses und Sarah ein, um das Frühstück zu bereiten. Wir hinderten die guten Leutchen nicht.

Ich überließ es dem Hausherrn, den Gästen das Nötige zu verkasematuckeln und zog mich mit Sammy in unser Zimmer zurück. Dann verklickerte ich ihm meine Filmstory.

Er hörte sich alles genau an und machte keine Einwendungen. Konnte er auch nicht, denn er aß Kekse am laufenden Band.

Zum Schluss schluckte er alles mit ’nem einzigen Ruck runter und sagte grüblerisch: „Die Polente kann uns alle schwer auf’n Arm nehmen, Langer. Hoffentlich lässt sich ’rausfummeln, wann der Mord erfolgte, und hoffentlich hab’ ich für die Zeit ’n anständiges Alibi. Und du auch. Das möcht’ ich uns wünschen!“

Er hatte den Kern der Sache erfasst. —

Punkt zehn Uhr fünfzehn hörte ich etliche Sirenen. Gleich darauf fuhren drei Wagen vor.

Ich zerrte Sammy von seinen Keksen weg. Dann gingen wir in die Halle. Dort saßen bereits die anderen Gäste und machten Gesichter wie Hühner beim Gewitter.

Gleich darauf quollen die Polypen von Santa Maria in die gute Stube. Ein Inspektor und zwei Leutnants waren dabei, dazu ein Polizeiarzt und das Heer der Spezialisten.

Allen voran stürmte ein großer, muskulöser Mann. Der hatte kein Gramm Fett am Körper. Und sein Anzug war unter aller Kanone.

„Wo ist Crane?“, brüllte der Blödmann.

Ich blieb stur im Sessel sitzen. „Mister Crane? Der bin ich!“

Er schielte mich von allen Seiten an und sprach dann die lapidaren Worte: „Ich bin Sheriff Halfdane Rogers. Ich bin mir meiner Verantwortung und meiner Möglichkeiten bewusst. Und das eine sag’ ich Ihnen gleich: Wenn Sie sich auch nur mit ’nem Wort einmischen, dann hat’s gebumst. Verstehen wir uns?“

„Abgesehen von Ihrem bäuerlichen Dialekt verstehen wir Sie ganz gut, Sir“, gab Sammy zur Antwort. „Und jetzt halten Sie am besten keine Volksreden, sondern gehen an die Klärung des Mordes. Schade, dass ich nicht zusehen darf! Ich hätte so gern etwas von Ihrem überlegenen Wissen profitiert!“

Der Sheriff blitzte ihn voller Wut an und wandte sich dann an uns alle: „Wer hat die Leiche gefunden?“

Hugo stand etwas schwankend auf. Die Polypen kassierten ihn langsam ein und gingen mit ihm fort. Und erst nach anderthalb Stunden kamen sie wieder. Conally stand der helle Schweiß auf der Stirn. Und seine Frau sah ihn besorgt und liebevoll an.

Der Sheriff steckte seine rechte Hand napoleonisch ins Jackett und hielt ’ne donnernde Ansprache.

„Ladys and Gentlemen, hier ist ein Mord geschehen. Eine junge Frau, etwa dreißig Jahre alt, wurde in einem von Mr. Conallys Booten im Bootshaus erstochen aufgefunden. Wir wissen nicht, wie die Frau heißt, woher sie kommt, und wann sie kam. Ist jemand unter Ihnen, der zu dem Mord eine Aussage machen kann?“

Niemand konnte.

„Hat jemand in der Zeit von gestern Abend bis heute morgen neun Uhr ein Auto kommen hören?“

Niemand hatte.

„Kann jemand sagen, ob vergangene Nacht etwas Auffälliges vor sich gegangen ist?“ Fehlanzeige.

*

Wir durften uns nun im Gänsemarsch aufstellen und mussten hintereinander ins Bootshaus marschieren. Dabei zertrampelten wir die letzten Spuren. Aber bitte, ich hab’ ja nichts zu sagen!

Rogers Leute hatten die Leiche mit Scheinwerfern angestrahlt, damit wir sie ja deutlich sehen konnten.

Die unbekannte Tote saß immer noch im Cockpit und lächelte uns etwas verzerrt an. Ganz als wollte sie sagen: ,Sterben ist gar nicht so schlimm, man fühlt sich nur hinterher so kaputt davon!’

Vor mir marschierte Dana Astor, und ich sah, dass ihr Hals hätte rasiert werden müssen. Sie warf einen Blick auf die Leiche und schüttelte sich. Und ich hatte den Eindruck, ihr sei das mausetote Girl im Cockpit nicht so ganz unbekannt.

Keiner sprach ein Tönchen. Einer nach dem anderen sah sich die Leiche an. Als wir fertig waren, durften wir wieder in die Trinkhalle zurückkehren. Am Südtor waren allein drei Polypen

damit beschäftigt, die ersten Pressehyänen abzuspeisen. Woher denen nur schon wieder der Tipp zugegangen war?

Rogers führte uns in die Halle zurück und verhörte uns einzeln. Es war ‘ne lächerliche Szene.

Sammy und ich versicherten, nichts mit der Sache zu tun zu haben und keine Angaben machen zu können. Conally versicherte das Gleiche. Dann kamen die anderen an die Reihe. Da sich der Protokollführer bereits Aufzeichnungen machte, gab ich Sammy ’nen Wink, worauf der stenographierte. Es kam mir vor allem auf die Adresse der Gäste an. Denn ich hatte den leisen Verdacht, dass es in absehbarer Zeit jede Menge Kleinholz geben würde.

3.

Die Hausfrau Vera Conally (37) gab an, die Tote nicht zu kennen.

Die Hausfrau Wilma Starner (22) konnte keine Angaben machen.

Der Kaufmann Barry Starner (28) schloss sich den Ausführungen seiner Ehegattin vollinhaltlich an.

Der gegenwärtig beschäftigungslose Fred Astor (25) hatte überhaupt keine Ahnung.

Seiner Ehefrau Dana (30) ging es nicht anders. Sie war übernervös und hatte eine Fahne wie’n Panzerkreuzer bei der Parade.

Auch der Bankprokurist Sally Conen (30) hatte nichts zu sagen.

Ebenso wenig seine Freundin Mira Utley (20).

Das Ehepaar Moses (50) und Sarah (40) Whiteman kam überhaupt nicht in Betracht.

,Peng!’, sprach die Jungfrau.