Beschreibung

Wohin du auch gehst, der Tod wird dir folgen: Der Kriminalroman „Leichensabbat“ von Rudolf Jagusch jetzt als eBook bei dotbooks. Als sein Kollege im Dienst schwer verletzt wird, ist Stephan Tries, Hauptkommissar vom KK11 Köln, erschüttert und zieht für sich Bilanz: Er hat seinem Job viel geopfert, sogar seine Ehe – doch wofür? Um nicht auszubrennen, nimmt Tries eine Auszeit: Auf dem Land will er sein altes Elternhaus renovieren und zur Ruhe kommen. Doch auch hier holt ihn seine Arbeit ein: Die attraktive Charlotte braucht seine Hilfe. Sie hat bemerkt, dass in dem beschaulichen Städtchen plötzlich viele ältere und kranke Menschen sterben. Der natürliche Lauf der Dinge? Bald ist sich Tries sicher, dass ein Mörder umgeht – doch welche Rolle spielt Charlotte dabei? Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Leichensabbat“ von Rudolf Jagusch. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339


Über dieses Buch:

Als sein Kollege im Dienst schwer verletzt wird, ist Stephan Tries, Hauptkommissar vom KK11 Köln, erschüttert und zieht für sich Bilanz: Er hat seinem Job viel geopfert, sogar seine Ehe – doch wofür? Um nicht auszubrennen, nimmt Tries eine Auszeit: Auf dem Land will er sein altes Elternhaus renovieren und zur Ruhe kommen. Doch auch hier holt ihn seine Arbeit ein: Die attraktive Charlotte braucht seine Hilfe. Sie hat bemerkt, dass in dem beschaulichen Städtchen plötzlich viele ältere und kranke Menschen sterben. Der natürliche Lauf der Dinge? Bald ist sich Tries sicher, dass ein Mörder umgeht – doch welche Rolle spielt Charlotte dabei?

Über den Autor:

Rudolf Jagusch wurde 1967 in Bergisch Gladbach geboren. Seit der studierte Verwaltungswirt 2006 seinen ersten Roman veröffentlichte, ist er eine feste Größe in der deutschen Krimi-Landschaft. Er lebt mit seiner Familie im Vorgebirge am Rand der Eifel, wo auch die meisten seiner Romane spielen.

Rudolf Jagusch veröffentlicht bei dotbooks die Kriminalromane:

Leichensabbat Nebelspur

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eBook-Neuausgabe Mai 2017

Dieses Buch erschien bereits 2007 unter dem Titel Leichen-Sabbat: Tatort Vorgebirge bei Leporello Verlag, Krefeld.

Copyright © der Originalausgabe 2007 LEPORELLO Verlag, Krefeld

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung eines Bildmotives von shutterstock/vladibulgakov (Mann auf Steg), Calin Tatu (See)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96148-015-9

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Rudolf Jagusch

Leichensabbat

Kriminalroman

dotbooks.

Dies ist ein Roman. Die Handlung und ihre Protagonisten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig.

Für Susanne

»Glücklich der Tod, der kommt, eh man ihn ruft.«

(Publius Syrus – »Sententiae«)

Prolog

Mir kommen die Tränen, wenn ich ihn so hilflos da liegen sehe.

Er lächelt mich an.

Ich berühre seine Hand, versuche Zuversicht zu vermitteln.

Er holt röchelnd Luft, hustet verkrampft. Seine Augenlider flattern.

Die Wirkung der Schlaftablette setzt ein. Ich taste nach seinem Puls. Kaum noch zu fühlen. Jetzt schnarcht er leise. Sachte ziehe ich das Kissen unter seinem Hinterkopf hervor. Ich glätte das Kopfkissen auf meinem Schoß, greife es dann mit beiden Händen und stehe auf.

Es soll schnell gehen. Alles andere wäre grausam und unnötig. Er wehrt sich kaum. Wie friedlich er danach aussieht, so glücklich und entspannt. Ich küsse ihn auf die faltige Stirn, lege dann das Kissen wieder unter seinen Kopf. Als ich die Haustür hinter mir schließe, erfüllt mich ein tiefes Glücksgefühl. Er ist erlöst.

So viele warten noch auf mich.

Kapitel 1

Kriminalhauptkommissar Stephan Tries passierte gerade das Autobahnkreuz Köln-Ost, als sein Handy klingelte. Er betätigte die Freisprecheinrichtung, meldete sich.

»Na endlich! Mensch, was ist mit deinem Handy los!«, hörte er die ärgerliche Stimme seines Chefs, Oskar Wagner.

»Hatte ich aus. Bin ja nicht im Dienst.« Stephan war ärgerlich. »Schließlich muss ich mich auch irgendwann mal um die Hinterlassenschaften meiner Mutter kümmern. Ist Zufall, dass du mich überhaupt erreichst.«

»Es geht um Lutz. Er wurde angeschossen!« Die Stimme seines Chefs klang gepresst.

Stephan trat auf die Bremse, blinkte und fuhr auf den Standstreifen. Sein Herz hämmerte wild.

»Wie schwer?«

»Halsdurchschuss und Oberschenkelschuss, zerschmetterter Knochen. Er wäre fast verblutet.«

Stephan atmete auf. So schwer die Verletzungen auch waren, Lutz lebte noch. »Wo liegt er?«

»Mehrheim, auf der Intensiv. Sie haben ihn drei Stunden operiert.«

»Bin unterwegs.« Stephan unterbrach die Verbindung. Er fädelte sich wieder in den Verkehr ein und kurze Zeit später parkte er seinen Wagen auf dem Besucherparkplatz des Mehrheimer Krankenhauses. Er hastete durch den Haupteingang, die Treppen hinauf und musste sich beherrschen, an der Pforte zur Intensivstation nicht Sturm zu klingeln. Endlich öffnete eine blaugekleidete Krankenschwester die Tür. »Wir haben keine Besuchszeit!«

Stephan registrierte ihren schroffen Ton. Doch so schnell ließ er sich nicht abweisen. »Es geht um meinen Partner, Lutz Kleinschmidt.«

»Den Kommissar?«

Stephan nickte. Am liebsten hätte er die Schwester zur Seite gestoßen und die Station gestürmt.

»Ich darf nur Familienmitglieder einlassen.«

Stephan holte tief Luft, drängte seine Aufregung zurück und antwortete: »Dann geht das schon in Ordnung. Wir Polizisten sind eine riesige Familie, verbringen mehr Zeit miteinander als mit unseren Angehörigen.«

Er versuchte ein freundliches Lächeln, vermutete aber, dass ihm bestenfalls eine Grimasse gelang.

»Da geht es Ihnen genau wie uns. Meine Überstunden würden bis zur Rente reichen.«

Die Schwester machte ihm den Weg frei. »Letztes Zimmer links. Sie sind doch der Bruder, oder?« Sie zwinkerte.

»Klar, danke.« Stephan eilte den Flur hinunter. In der Tür des Zimmers blieb er wie angewurzelt stehen. Dieser Mann dort in dem Bett sollte tatsächlich sein Kollege Lutz Kleinschmidt sein? Der Zweimeterhüne mit durchtrainiertem Körper, sein Partner, mit dem er gestern noch im Dienst unterwegs gewesen war? Jetzt lag er in Verbänden um Oberschenkel und Hals eingehüllt, das linke Bein mit Gewichten gestreckt. Schläuche steckten in seiner Nase und dem Mund, führten zu Maschinen, die um Lutz herumstanden. Stephan hörte ein gleichmäßiges Piepsen. Vermutlich ein gutes Zeichen, dachte er und trat zögernd näher. Es roch nach Desinfektionsmittel. Stephan setzte sich auf einen Stuhl am Bettende. Lutz Augen waren geschlossen.

Schläft er oder ist das ein künstliches Koma, dachte Stephan. Es hätte auch mich erwischen können.

Kripobeamte verdrängten meistens ihre Ängste, scherzten oft über die Gefahren. Doch insgeheim wusste jeder, dass sie sich etwas vormachten. Ihr Job war gefährlich. Warum waren sie alle bereit, dies zu akzeptieren? Wegen ein wenig mehr Gerechtigkeit? War es das wert?

Hauptkommissar Stephan Ludwig Tries, zweiundvierzig Jahre alt. Geschieden, eine erwachsene Tochter. Glücksgefühle in den letzten Monaten: keine. Privatleben: Fehlanzeige. Sein Leben: ein Scherbenhaufen, der sich über Jahrzehnte angehäuft hatte. Wollte er wirklich, dass es in Zukunft so weiter ging? Bis es dann irgendwann ihn erwischte, eine Kugel ihn zum Krüppel machte oder ins Jenseits beförderte?

Wo waren seine Träume geblieben? Eine von Liebe erfüllte Partnerschaft? Kinder? Ein Haus im Grünen? Die Kreuzfahrt, von der er seit Jahren träumte?

Stephan spürte eine tiefe Unzufriedenheit, doch bevor er einen Entschluss fassen konnte, öffnete Lutz plötzlich die Augen und sah sich ängstlich und desorientiert um. Stephan ergriff Lutz’ Hand. Sein Partner blickte ihn entsetzt an, versuchte etwas zu sagen, doch nur ein Krächzen kam heraus. Die Maschinen piepten schneller.

Erschrocken sah Stephan zu den Geräten. »Ruhig Lutz, bleib still liegen. Du bist verletzt, aber es kommt alles wieder in Ordnung. Du wirst wieder ganz der Alte, wenn du dich schonst. Du musst ganz ruhig liegen bleiben. Hast du mich verstanden?«

Lutz nickte, kniff dann die Augen zusammen. Tränen sammelte sich in den Augenwinkeln. Stephan sah verlegen zur Seite. Es war ihm unangenehm, seinen Partner weinen zu sehen.

Als die Schwester einige Minuten später erschien und Stephan höflich zum Gehen aufforderte, war er froh, der bedrückenden Situation entfliehen zu können.

Vor dem Klinikeingang wartete sein Chef, der mit tiefen Zügen eine Zigarette rauchte. »Da bist du ja! Und, wie geht es ihm?«

»Was machst du denn hier draußen? Warum kommst du nicht hoch, wenn du schon mal da bist?« Stephan schnauzte Wagner an.

»Die wollten mich nicht reinlassen, haben mir aber zumindest gesagt, dass sein Bruder bei ihm sei. Dachte mir sofort, dass du das bist.«

Stephan nickte. Zu dieser Schlussfolgerung gehörte nicht viel, schließlich hatte Lutz keine Geschwister. »Wird schon werden.«

Sein Chef steckte sich eine neue Zigarette an. »Verdammte Scheiße! Wieso Lutz?«, fluchte er.

»Wenn nicht er, dann ein anderer.«

»Das hört sich ziemlich gleichgültig an, Stephan.«

»Blödsinn. Es ist einfach unser Risiko.«

Langsam gingen sie in Richtung Parkplatz. Stephan fühlte eine laue Brise. Frühling, dachte er. Als sie auf Höhe des Startplatzes für die Rettungshubschrauber waren, sah er einen Piloten über den betonierten Landeplatz rennen. Hastig sprang der Pilot in den Hubschrauber und startete den Motor. Kurz darauf stürmte ein Notarztteam heran und hechtete ebenfalls hinein. Wenig später hob der Hubschrauber ab und flog über die Dächer Kölns davon. Wagner griff sofort nach seinem Handy und Stephan hörte mit, wie sein Chef mit der Leitstelle sprach.

»Wagner hier. Was ist mit dem Rettungshubschrauber? Ah, okay. Dann bis gleich.« Wagner steckte sein Handy wieder in die Jackentasche. »Verkehrsunfall auf der A 3. Nichts für uns, Gott sei Dank! Mensch, das mit Lutz macht mir echt zu schaffen! Denke jetzt bei jedem Pieps, dass es noch einen von uns getroffen hat.«

»Unwahrscheinlich.« Stephan war langsam von der Nervosität seines Chefs genervt. »Erzähl mal, wie das mit Lutz passiert ist.«

Wagner blieb stehen, rieb sich nachdenklich über den Nacken. »Heute Morgen hatten wir endlich den Mörder in der Sache Rosenweg ausfindig gemacht. Kleiner Tipp aus der Nachbarschaft, so einfach kann es manchmal sein. Der Kerl versteckte sich in einer Villa unten im Hahnwald. Die Besitzer sind in Urlaub. Nun ja, hab direkt versucht, dich zu erreichen. Konnte mir ja vorstellen, dass du gerne dabei gewesen wärst. Warten konnten wir natürlich nicht auf dich. Unsere Leute und ein Team des SEK waren umgehend vor Ort. Und du kennst ja Lutz, der kann ja nicht abwarten, immer mit vorne dabei. Hätte ja das SEK die Arbeit erledigen lassen können. Als der Zugriff erfolgte, ging alles so schnell. Die waren besser ausgestattet als wir! Lutz stand im Weg. Ohne schusssichere Weste hätte er noch mehr abbekommen.«

Sie gingen langsam weiter, erreichten den Parkplatz. Stephan blickte in den Himmel, sah die Sterne und ein tieffliegendes Flugzeug mit blinkenden Positionslichtern, welches den nahe gelegenen Konrad-Adenauer-Airport ansteuerte.

»Alles klar mit dir?«, fragte Wagner.

Wenn ich das so genau wüsste, dachte Stephan. »Kann ich mir Morgen frei nehmen?«

Wagner zögerte, nickte dann. »Nimm dir so viel Zeit wie nötig. MK Rosenweg ist ja erledigt und Ferien haben wir auch nicht. Da sind alle an Bord.«

Kapitel 2

Als Stephan seine Wohnung betrat, schlug ihm ein unangenehmer Geruch entgegen. Er schaute in die Küche und erspähte den ungespülten Geschirrberg. Wenn er sich den nicht bald vornahm, würde Leben darin entstehen. Mit einem Bier aus dem Kühlschrank setzte er sich an den Tisch. Vor ihm lag die Post der vergangenen Tage, überwiegend unbezahlte Rechnungen. Man kommt zu nichts, dachte er und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, bevor er seufzend aufstand und sich ans Spülen machte.

Später im Bett holten ihn seine Gedanken wieder ein. Im Juni werde ich zweiundvierzig, dachte er. Die statistische Lebenserwartung eines Mannes lag bei fünfundsiebzig Komma sieben Jahren. Mehr als die Hälfte hatte er somit hinter sich. Wenn er wirklich eine Veränderung wollte, musste es bald geschehen. Aber wie? Er grübelte, dachte an sein Elternhaus. Seit drei Jahren war es verlassen. Stephan hatte keine Ahnung, in welchem Zustand es sich inzwischen befand. Seit er seine Mutter ins Altenheim gebracht hatte, war er nicht mehr dort gewesen. Schon damals wäre eine gründliche Sanierung notwendig gewesen. Seine Mutter war gestorben und das Haus gehörte ihm. Eine Möglichkeit für eine Veränderung? Zumindest könnte er es sich einmal anschauen.

Am nächsten Morgen machte sich Stephan auf den Weg. Über die A 4 ging es auf die A 555. Bei der Ausfahrt Wesseling verließ er die Autobahn, blieb auf der rechten Spur und bog in Richtung Sechtem ab. Links und rechts der Landstraße lagen bestellte Felder. Stephan grinste. Immer noch Kappesland, dachte er. Um zu seinem Elternhaus zu gelangen, das etwas abseits der Ortschaft stand, musste er einmal quer durch das Dorf fahren.

Schließlich lenkte Stephan seinen Golf auf den Hof und hörte den Kies unter den Reifen knirschen. Sein Vater hatte sich standhaft geweigert, die Zufahrt asphaltieren zu lassen und es vorgezogen, sich bei regnerischem Wetter durch den kiesigen Matsch zu kämpfen.

»Das ist ursprünglich, mein Sohn!«, hatte sein Vater immer behauptet. »Das wollen die Feriengäste!«

Stephan glaubte vielmehr, dass das Haus selbst den Reiz ausgemacht hatte, den die Gäste suchten.

Stephan stieg aus, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete das Haus. Die verwitterten Balken des Fachwerks benötigten einen Anstrich. Graue Schindeln lagen auf dem Boden und zeugten davon, dass das Dach nicht mehr wetterfest war. Nur die weinroten Ziegel der Mauern schienen auf den ersten Blick noch in Ordnung.

Stephan kratzte mit einem Fingernagel über den Lack eines Fensterkreuzes. Die Farbe löste sich in großen Flächen ab. Eine der vier Scheiben fehlte.

Er schloss die Haustür auf und betrat den gefliesten Flur. Es roch modrig, Staub wirbelte auf. Stephan ließ seine Hand über die Wand gleiten. Der Putz fühlte sich etwas feucht an. Er hoffte, dass es nicht schimmelte. Es war lange nicht geheizt worden. Links lag die Küche, die Tür stand offen. Für einen kurzen Moment übermannten ihn seine Erinnerungen und er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. Die Einrichtung hatte sich nicht verändert.

Er ging weiter, geradeaus in die Stube. Alles sah noch so aus wie vor dreißig Jahren. Zwei Fenster in der gegenüberliegenden Wand, durch die man auf die Felder schauen konnte. Dunkle Eichenschränke links und rechts der Tür sowie eine Kommode und ein Kamin an der rechten Wand. Links stand die alte Sitzgruppe seiner Eltern. Der Dielenboden knarrte, als Stephan durch den Raum ging. Er griff nach einem der Fotorahmen, die auf der Kommode in Reihe und Glied eine Familiengalerie bildeten. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Er als kleiner Steppke zwischen seinen Eltern, seine Schwester als Baby auf dem Arm seiner Mutter.

Seine Schwester.

Sie war der Grund dafür gewesen, dass er zur Polizei gegangen war. Stephan vermisste sie, fühlte plötzlich einen Kloß im Hals und legte das Bild verdeckt zurück auf

die Kommode. Er wandte sich ab und sah sich weiter im Wohnzimmer um. Im einfallenden Sonnenlicht tanzten die Staubpartikelchen.

Plötzlich nahm er auf dem Sofa eine Bewegung wahr. »Na, was haben wir denn da?«

Er näherte sich langsam, erblickte eine getigerte Katzenmutter mit vier kleinen Kätzchen, zwei gescheckt, ein schwarzes und ein weißes mit schwarzen Pfötchen. Alle fünf kuschelten sich zu einem Knäuel zusammen. Stephan bückte sich und wollte die Mutter streicheln, als ihr Fauchen ihn bremste. Er lachte.

»Okay, okay, Tiger. Ich unternehme nichts ohne dein Einverständnis.«

Er betrachtete die Katzen noch einen Moment. Es konnte keine wilde Katze sein, die hätte sich anders verhalten. Diese hier schien den Umgang mit Menschen gewöhnt zu sein.

»Vermutlich irgendwo ausgebüchst, hm?«

Stephan lächelte ihr zu, bevor er das Haus verließ. Sorgfältig schloss er die Haustür ab. Seine Entschluss stand fest.

Kapitel 3

»Du willst was?»

Wagner sprang auf, beugte sich über den Schreibtisch und stemmte sich mit den Fäusten auf der Oberfläche ab. Stephan war sicher, dass spätestens nach diesem lautstarken Ausbruch die Kollegen Horchposten vor der Tür bezogen.

»Eine Auszeit. Ein Sabbatjahr.«

Wagner kniff die Augen zusammen, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken und setzte sich wieder. »Sieh mal, Stephan, wenn es wegen der Sache mit Lutz ist.« Wagner stockte. »Dann kann ich schon verstehen, dass du dir Gedanken machst über dein eigenes Leben und so. Macht doch jeder hier. Trotzdem haben wir eine Aufgabe zu erfüllen. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder plötzlich davonläuft? Pass auf, nimm deinen Jahresurlaub und hau ab. Flieg von mir aus nach Thailand. Dort wirst du auf andere Gedanken kommen.« Er zwinkerte Stephan zu und grinste anzüglich.

»Ein Jahr, keine sechs Wochen! Meine Entscheidung steht fest.«

Wagners Lächeln verschwand, er schlug mit der flachen Rechten auf den Schreibtisch. »Kommt gar nicht in Frage! Ich brauche jeden Mann hier!«

Stephan stand auf. »Ich habe meinen Antrag bereits eingereicht.«

Der Hals seines Chefs färbte sich rot. »Du hast den Dienstweg übergangen?«

Stephan zuckte mit den Achseln. »Ich wollte Tatsachen schaffen und sichergehen, dass mein Antrag nicht hier bei dir im Büro Staub ansetzt. Du siehst also, es ist mir Ernst. Als langjähriger Kollege und auch als Freund erwarte ich deine Zustimmung.« Stephan drehte sich um und ließ seinen Chef zurück.

Bevor Stephan die Tür hinter sich schließen konnte, hörte er Wagner zischen: »Das wirst du büßen.«

Stephan ließ sich erschöpft auf das Sofa fallen. Sein Kumpel Fritz, der ihm beim Umzug half, setzte sich auf einen Sessel, wobei er lässig ein Bein über die Armlehne legte.

Fritz sah sich skeptisch um. »Bist du sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?«

»Wird sich zeigen«, antwortete Stephan und zuckte mit den Achseln, da er sich darüber selbst noch nicht klar war.

»Was willst du denn überhaupt die nächste Zeit machen?«

»Schau dich um. Arbeit ist genug da.«

»Eigentlich hättest du zuerst renovieren müssen. Riecht recht muffig hier.«

»Ich wollte halt Nägel mit Köpfen machen und nicht zu lange überlegen.«

Fritz nahm einen großen Schluck aus der Wasserflasche, rülpste laut. »Und das mit der Beurlaubung geht bei euch Bullen einfach so?«

Stephan lachte. »Nee, nicht einfach. Mein Chef hat getobt, wollte mich nicht gehen lassen. Die haben mich sogar zum Betriebsarzt geschickt!« Stephan wedelte mit der flachen rechten Hand vor dem Gesicht.

»Plemplem?«, fragte Fritz.

»Hab dem was von Burnout und Abstand gewinnen erzählt. Schließlich empfahl der Arzt meine Beurlaubung. Da konnte mein Chef nicht mehr viel sagen. Wir haben uns auf ein Jahr geeinigt. Ein Sabbatjahr.«

Fritz nickte. Stephan kannte ihn seit seiner Zeit bei der Bundeswehr. Sie leisteten beide ihren Grundwehrdienst als Grenadiere in einer niedersächsischen Kaserne ab. Daraus hatte sich eine enge Freundschaft entwickelt, die auch Stephans Scheidung von seiner Frau Monika überdauert hatte. Stephan verspürte immer noch einen Stich, wenn er an die gemeinsamen Freunde dachte, die ihm die Schuld am Scheitern der Ehe gegeben und sich von ihm abgewandt hatten.

Auf Fritz, den ewigen Studenten, der glücklich in den Tag hinein lebte, gute Laune verbreitete und nicht an Morgen dachte, konnte Stephan sich verlassen.

Es störte Stephan nicht, dass Fritz auch weiterhin den Kontakt zu Monika pflegte.

Fritz riss ihn aus seiner Grübelei. »Wie geht es denn deinem Kollegen?«

»Lutz? Oh, das wird wieder. Ist zurzeit in der Reha, muss aber noch Geduld haben.«

Die Katze kam herein, schlug einen großen Bogen um Fritz, um sich schließlich neben Stephan auf dem Sofa einzurollen.

»Ist aber ängstlich, die Kleine.«

Stephan grinste, kraulte die Katze zwischen den Ohren. »Eigentlich nicht.«

Die Katzenbabys hatte Stephan heute Morgen vorsichtig in einen Korb gelegt, den er extra in einer Tierhandlung erstanden hatte. Beim Umzug vom Sofa hatte er Tiger zusehen lassen, damit sie spürte, dass keine Gefahr bestand. Stephan schaute zum Kamin hinüber. Die Kleinen schliefen in ihrem Körbchen.

Fritz klapperte mit dem Wagenschlüssel. »Haben wir jetzt alles hier? Muss den Bully bis sechs zurückbringen, sonst reißt mir mein Kommilitone den Kopf ab. Hat noch ein Date und braucht seinen Wagen.«

»Ach, die Matratze?« Stephan fiel die fleckige Matratze ein, die im Laderaum lag.

Fritz grinste. »Er steht drauf und seine Braut angeblich auch.«

Stephan zuckte mit den Schultern. »Wer’s mag, mein Ding wäre es nicht.« Er seufzte. »Meine Wohnung ist leer, jetzt wohne ich hier.«

Fritz erhob sich. »Wirst dich dran gewöhnen. Und wenn du mal Gesellschaft brauchst, kommst du einfach in unserer WG vorbei.«

»Mach ich. Bei euch ist es Multikulti.«

»Du bist zu alt für die Küken meines Studienganges.«

»Danke. Du bist ja deutlich jünger.«

Fritz und er gehörten zum gleichen Jahrgang.

»Im Geiste, Kumpel, im Geiste.«

Stephan brachte seinen Freund zur Tür.

»Machs gut, aber nicht zu oft!«, hörte er Fritz’ Abschiedsgruß, den er seit zwanzig Jahren verwendete.

Die Kirchenglocken schlugen sechs Mal. Stephan blickte zum Kirchturm hinüber. »Tatsächlich! Jetzt lebe ich auf dem Dorf. Kaum zu glauben«, murmelte er, schloss die Tür und machte sich daran, seine Sachen auszupacken.

Kapitel 4

Die folgende Stunde verbrachte Stephan damit, den Fernseher aufzustellen und über digitalen Empfang die Sender einzustellen. Gerade als er sich die Heute-Nachrichten im ZDF ansehen wollte, klingelte es an der Tür. Stephan bemerkte, wie Tiger, die bei ihren Kleinen im Korb lag, den Kopf hob und die Ohren aufrichtete.

»Mach dir keine Sorgen. Ihr steht unter meinem persönlichen Schutz.«

Er legte die Fernbedienung auf die Kommode neben den Fernseher und zwängte sich an den Umzugskartons im Flur vorbei zur Haustür, die er mit Schwung aufriss.

Ein dicker Mann begrüßte ihn. »Mensch, Stephan, nach all den Jahren wieder hier!«

Stephan überlegte angestrengt. »Guten Abend.« Ihm fiel partout nicht ein, wer dieser Fremde sein könnte.

»Nicht so förmlich«, lachte der Mann, »ich bin’s, Detlef!«

Endlich dämmerte es Stephan. Vor ihm stand Detlef Schlierer, der ehemalige Schulhofschläger, frühreif und allen anderen körperlich überlegen.

»Doofbacke?«

Das war Detlefs Spitzname gewesen, da ihn niemand ausstehen konnte. Selbstverständlich war Detlef nur so genannt worden, wenn er nicht in der Nähe war, ansonsten hätte es Hiebe gesetzt.

»Na ja, die Zeiten sind vorbei. Äh, macht es dir was aus, wenn ich reinkomme?«

Stephan trat zur Seite. »Setzen wir uns in die Küche, erste Tür links. Ich kann dir leider nur Wasser anbieten.«

»Ist schon gut. Den offiziellen Begrüßungstrunk holen wir später nach.«

Während Detlef umständlich auf einem Stuhl Platz nahm, lehnte sich Stephan an den Küchenschrank und betrachtete seinen alten Widersacher.

Wie ein Mehlsack, dachte Stephan. Die Fettrollen zeichneten sich deutlich unter Detlefs zu engem Sweatshirt ab und sein Doppelkinn verdeckte den Hals. Detlefs Finger glichen Brühwürsten. Von dem athletischen, kräftigen Schüler von damals war nichts mehr geblieben. Kein Wunder, dass Stephan ihn nicht erkannt hatte. Die Katze kam herein, blieb stehen, machte einen Buckel und fauchte.

»Ah, hier steckst du, Mistvieh. Deshalb wird der Fresspott nicht mehr geleert. Wart ab, wenn du noch mal vorbei kommst, dann …«

»Na, na, na. Ruhig. Ist das deine Katze?«

»Ich schenke sie dir.« Detlev verzog den Mund zu einem unangenehmen Grinsen. »Ich weiß nicht, Stephan, ob deine Mutter es dir erzählt hat, aber wir sind Nachbarn. Ich habe vor drei Jahren das Haus der Riebschlägers gekauft. Nachdem die alte Riebschläger verstorben war, ist ihr Mann ins Altenheim gezogen. Es wurde ihm alles zu viel und da habe ich ihm das Häuschen abgekauft«

An seine damaligen Nachbarn erinnerte sich Stephan gerne, vor allem an die Frau. Sie hatte ihm öfter Süßigkeiten zugesteckt, wenn er auf dem Schulweg an ihrer Haustür vorbei kam. Der alte Riebschläger war nicht weniger freundlich, doch er war selten zu Hause gewesen. Als Bahnschaffner war er quer durch Europa gereist.

»Woher weißt du denn überhaupt, dass ich hier eingezogen bin?« Stephan verschränkte seine Arme vor dem Oberkörper.

»Oh, hab euch heute die Möbel schleppen sehen. Da habe ich eins und eins zusammengezählt. Und ich habe ja wohl richtig kombiniert, wenn ich mich hier so umsehe.«

Also einer der Typen, die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag im Fenster zu liegen und die Umgebung zu sondieren, dachte Stephan. Im Präsidium nannten sie solche Leute Blockwarte. Bei Ermittlungen manchmal ganz hilfreich, aber das Ausspionieren der Nachbarschaft traf bei niemandem auf Gegenliebe.

Stephan reichte ihm zögernd die Hand. »Dann mal auf gute Nachbarschaft.«

Er fühlte Detlefs feuchte Hand, als dieser einschlug. »Sicher! Sicher! Das wird schon werden.«

Stephan nickte und wischte voller Ekel den Schweiß an seinem Hosenbein ab.

»Ach, bevor ich es vergesse. Du kannst dich doch sicherlich noch an Rektor Wassmeiser erinnern«, sagte Detlef.

Stephan nickte. »Eulengesicht, na klar erinnere ich mich. Der hatte eine Brille mit Gläsern wie die Böden von Colaflaschen. Vermutlich der einzige Bayer, der jemals in dieser Gegend eine Grundschule geleitet hat. Nach seiner Pensionierung ist er weiterhin hier wohnen geblieben. Wie geht es ihm denn?«

»Er ist gerade gestorben.«

»Oh!«, stieß Stephan überrascht aus.

Detlef zuckte mit den Schultern. »Ja, leider. Morgen ist die Beerdigung. Anschließend hat uns sein Sohn alle zu Kaffee und Kuchen im Nachtzug eingeladen.«

»Die Kneipe drüben am Bahnhof?«, fragte Stephan verblüfft.

Detlef nickte. »Genau. Die gibt es tatsächlich immer noch. Falls du Zeit hast, komm doch auch. Ist vielleicht eine Gelegenheit, alte Bekannte wieder zu treffen, wenn auch nicht unbedingt der schönste Anlass.«

Stephan rieb sich über das Kinn. Nicht nur über den Tod seines alten Rektors machte er sich Gedanken, sondern auch über die unerwartete Freundlichkeit, die Detlef ihm entgegen brachte.

»Mal sehen«, antwortete Stephan ausweichend.

Detlef stieß angestrengt die Luft aus, als er vom Stuhl aufstand. »Musst du wissen. So, bin jetzt wieder durch die Tür. Du hast ja noch einiges zu tun, da will ich mal nicht im Wege stehen.«

Stephan brachte Detlef zur Haustür.

»Ach, bevor ich es vergesse. Dein Grundstück grenzt ja direkt an meines. Von meiner Terrasse kann ich direkt zu dir rüber sehen. Ich will sagen, deine Mutter hat ja nicht mehr viel gemacht, sieht ganz schön wild aus, dein Garten!«

Stephan wusste nicht, worauf Detlef hinaus wollte.

»Also, es wäre schön, wenn du dich da mal darum kümmern könntest. Ist ja jetzt die richtige Zeit dazu. Ich meine, ein ordentlicher Garten sieht doch schöner aus, oder?«

»Bei Gelegenheit«, sagte Stephan brüsk und schob Detlef zur Haustür heraus.

»Danke«, sagte Detlef, dem anscheinend Stephans Verärgerung entgangen war, »wir sehen uns.«

Stephan sah seinem Nachbarn nach und schmiss dann die Tür zu.

»Ja, wir sehen uns«, wiederholte er und ergänzte: »Hoffentlich so selten wie möglich!«

Was für ein Chaos, dachte Detlef. Er blickte aus dem Fenster seines Wohnzimmers hinüber zu Stephans Hof. Diese Menge an Umzugskartons und der modrige Geruch. Detlef schüttelte sich. Er konnte Unordnung nicht ertragen. Seine Mutter war ein Messie gewesen. Eine psychisch Kranke, die die eigene Wohnung zumüllte. Detlef hatte sich seit seiner Kindheit dafür geschämt. Nie brachte er Freunde nach Hause. Ein Mann im Haus, der ein Machtwort sprach, wäre in dieser Situation genau das Richtige gewesen. Aber sein Vater war bereits vor Detlefs Geburt abgehauen. Dieser Feigling ließ sein Kind bei einer Mutter, die noch nicht einmal in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Detlef ging ins Arbeitszimmer. Er nahm einen Putzlappen und wischte über die Tastatur und die Maus seines Computers. Dann loggte er sich ins Internet ein und kontrollierte seine E-Mails.

»Ah, Henning«, murmelte er und klickte auf das entsprechende Briefsymbol in der Liste. Henning und er hatten sich vor sieben Jahren im Knast kennen gelernt. Sie hatten sich eine Zelle geteilt und obwohl sie unterschiedlicher nicht sein konnten, freundeten sie sich an.

Hi Dicker,

am Montag wie immer? Hab eine Riesenüberraschung!!!

Sehen uns

Henning

P.S. Sitz nicht so lange vor dem PC. Macht DICK!!!

Detlef starrte auf die wenigen Worte. Henning arbeitete als Pfleger und sein überfüllter Terminkalender ließ ihm kaum Zeit. Aber der Montagabend war heilig. Den blockte Henning, um mit Detlef einen drauf zu machen.

Hab eine Riesenüberraschung!!!

Detlef grübelte. Was konnte das sein? Wieder ein neuer

Mercedes? Oder ein neuer Job? Eine Reise?

»Der Schweinehund. Macht mich heiß mit seinen Andeutungen.«

Detlef stockte. Er ärgerte sich über seine Selbstgespräche.

»Wie ein sabbelnder Idiot, der weiße Mäuse sieht«, sagte Detlef, hielt sich erschrocken den Mund zu.

Scheiße! Schon wieder, dachte er wütend.

Kapitel 5

Das Krähen eines Hahnes weckte Stephan mit dem Sonnenaufgang. Die Umgebung war noch ungewohnt und er hatte unruhig geschlafen. Immer wieder war er von den seltsamen Geräuschen, die ein altes Haus erzeugte, geweckt worden. Jetzt fand er endgültig keinen Schlaf mehr. Er horchte und versuchte, die einzelnen Laute zuzuordnen. Wenn eine stärkere Böe gegen den Giebel drückte, knirschte der Dachstuhl. Durch die undichten Fensterrahmen pfiff leise der Wind. Die Büsche, die rund um das Haus standen, kratzten mit ihren Zweigen an den Hauswänden. Mäuse hatten sich Gänge in das marode Mauerwerk gewühlt und tapsten mit flinken Beinen darin herum. Die Holzdielen arbeiteten, verspannten sich, gaben knirschend den Druck wieder frei. Stephan kam es vor, als ob das Haus lebte.

Im Osten färbte sich der Horizont zunehmend grau, die nächtliche Schwärze wich dem neuen Tag. Stephan schob sich das Kissen in den Nacken und schaute durch das Fenster. Die Kirchturmspitze hob sich deutlich als dunkler Schatten vor dem Horizont ab.

Wie lange war es her, dass er einen Tag vor sich hatte, an dem er keinen Verpflichtungen nachkommen musste? Er konnte sich nicht daran erinnern. Langsam reifte in ihm die Erkenntnis, dass er jetzt selbst über seine Zeit verfügen konnte, sich nicht nach anderen richten musste. Ein Jahr Urlaub, dachte er und sein Herz schlug schneller, ein Sabbatjahr. Seine Schwester fiel ihm ein. Um diese Geschichte könnte er sich jetzt endlich einmal kümmern.

Plötzlich hielt ihn nichts mehr im Bett. Er sprang auf. Ja, dachte er, der Tag gehört mir.

Kapitel 6

Wassmeiers Beerdigung zog sich länger hin als erwartet. Als man schließlich in der Gaststätte ›Nachtzug‹ ankam, war es bereits weit nach Mittag. Stephan hatte es vorgezogen, erst später zu erscheinen, um niemanden durch seine Anwesenheit von der Trauerfeier abzulenken.

Wie sich nun herausstellte, war das die richtige Entscheidung gewesen. Bereits auf dem Weg vom Friedhof zur Kneipe wurde er von alten Bekannten begrüßt. Das Interesse an seiner Person versiegte auch nicht, als alle an den zusammengestellten Tischen Platz nahmen.

»Wirklich schön, dass du wieder da bist!« Der Wirt des Nachtzugs, Vladimir Wolitzki, strahlte Stephan an, als ob der Papst in seinen Räumen aufgetaucht wäre.

Stephan dachte flüchtig an die vielen Stunden, die er mit seinen Freunden hier verbracht hatte, als Vladimir noch einen Flipper in der hintersten Ecke stehen hatte und sie so jung waren, dass zum Rasieren ein feuchtes Handtuch reichte. Wegen seiner rumänischen Abstammung und seiner vorstehenden Eckzähne wurde Vladimir allgemein ›Dracula‹ genannt.

Stephan lachte, als er sich an den Spitznamen erinnerte. »Freu dich nicht zu früh. So häufig wie früher wirst du mich hier nicht sehen.«

Stephan bestellte einen Kaffee. Um ihn herum saßen überwiegend ältere Frauen, Freundinnen und Kolleginnen des Verstorbenen. Sie alle hatten auch Stephans Mutter gekannt und fragten ihn nun über die vergangenen Jahre aus.

Plötzlich hörte Stephan ein helles Lachen, das auf einer Trauerfeier fehl am Platz schien. Er streckte sich, um über die Köpfe der anderen hinwegsehen zu können. Die Frau am anderen Ende des Tisches war ihm schon beim Hereinkommen aufgefallen. Anders als die in Schwarz und Grau gekleideten Trauernden trug sie ein figurbetonendes, grünes Kostüm. Von ihren glatten, ziegelroten Haaren, die selbst im schwachen Licht der Gaststätte leuchteten, war Stephan besonders beeindruckt. Sie hatte ein schmales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und die mandelförmigen Augen strahlten.

»Guck dir die an«, hörte er seine Tischnachbarin, Frau Bauch, die Mutter des einzigen Metzgers im Dorf, ärgerlich murmeln, »Madam hat wieder ihren Auftritt!«

»Wie unpassend, einfach nur primitiv!«, hörte Stephan ihre Tischnachbarin sagen.

»Wer ist das denn?«, warf er in die Runde.

»Frau von Berg.« Frau Bauch stocherte in ihrem Kuchen. »Die wohnt in der Grauen Burg.«

»Und Sie mögen sie nicht?«, fragte Stephan.

»So kann man das nicht sagen«, antwortete Frau Bauch ausweichend.

»Wie dann?« Stephan ließ nicht locker, zum einen, weil er wirklich mehr über die Frau am anderen Ende des Tisches erfahren wollte, zum anderen, weil es ihm Spaß machte, Frau Bauch ein wenig herauszufordern.

»Sie hat auch ihre guten Seiten, kümmert sich um alles Mögliche hier im Dorf«, erklärte Frau Bauch.

»Aber?«

Frau Bauch schob sich ein Stück Kuchen in den Mund und kaute angestrengt darauf herum, obwohl es sich um einen weichen Käsekuchen handelte. Das Lachen von Frau von Berg drang wieder an Stephans Ohr.

»Die muss immer im Mittelpunkt stehen!«, antwortete eine der Frauen, »Wie sie sich wieder aufführt und wie die schon gekleidet ist!«

Frau Bauch nickte heftig mit dem Kopf, sagte aber nichts weiter.

»Sie kann’s tragen«, stellte Stephan fest.

»Aber nicht auf einer Beerdigung!«, sagte Frau Bauch, »im Zirkus vielleicht. Und überhaupt: in ihrem Alter! Mit fünfzig!«

Stephan hob erstaunt die Augenbrauen und sah zu Frau von Berg hinüber. Die hat sich aber gut gehalten, dachte er. Man ließ das Thema ruhen und in der folgenden Stunde unterhielt man sich über Belanglosigkeiten. Als schließlich das Thema auf schmerzende Kniegelenke und gichtige Fingerknöchel kam, zog Stephan es vor, sich zu verabschieden.

Als er vor der Gaststätte stand und seine Jacke zuknöpfte, hörte er hinter sich die Tür quietschen.

»Herr Tries?«

Stephan drehte sich um. »Das bin ich.«

Frau von Berg lächelte ihn an. »Macht es Ihnen etwas

aus, wenn ich Sie ein Stück begleite?«

»Nein, selbstverständlich nicht. Aber müssen Sie nicht

in die andere Richtung?«

Die ›Graue Burg‹ stand am Nordende des Dorfes, Stephans Haus am östlichen Dorfausgang.

»Das macht nichts. Mein Wagen steht dort drüben.« Sie

zeigte in die Richtung, die Stephan einschlagen musste.

»Also, was verschafft mir die Ehre?«

»Man sagte mir, Sie wären bei der Polizei.«

»Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber zurzeit bin ich

beurlaubt.«

Frau von Berg blieb abrupt stehen. »Was haben Sie angestellt?«

Stephan lachte. »Da haben Sie mich falsch verstanden.

Ich nehme eine Auszeit. Freiwillig.«

»Ah!«

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Stephan sah sie

aus den Augenwinkeln heraus an. Was für Haare, dachte

er, ob die gefärbt waren?

»Ich möchte Sie in einer Sache um Hilfe bitten.«

Sie überquerten die Straße und blieben vor einem silberfarbenen Mazda MX-5-Roadster stehen.

»Um was geht es denn?«

»Nicht hier auf der Straße«, antwortete sie, »Können wir uns morgen treffen? Bei mir? Auf einen Kaffee vielleicht?« Stephan war neugierig geworden, er nickte.

»Dann also bis morgen«, sagte Frau von Berg.

Stephan sah ihr zu, wie sie graziös in ihren Wagen stieg und ihm zum Abschied zuwinkte. Als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, setzte er nachdenklich seinen Weg nach Hause fort.

Am nächsten Morgen trat Stephan gegen halb elf aus dem Haus, schmiss die Tür hinter sich zu und zog den Autoschlüssel aus seiner Tasche. Auf halbem Weg zu seinem Wagen blieb er unschlüssig stehen und schaute in den blauen Himmel, an dem kleine weiße Wolken wie eine Schafherde vorbei zogen. Der Wetterbericht hatte einen schönen Tag angekündigt und die Meteorelogen schienen tatsächlich Recht zu behalten.

Stephan steckte den Schlüssel wieder ein und ging zur Garage hinüber, die sich abseits vom Haus unter einer riesigen Eiche befand. Sie glich mehr einem baufälligen Schuppen als einem sicheren Unterstand für Automobile. Die Wände bestanden aus verwitterten Brettern, Teerpappe überspannte das Dach und zwei Flügeltüren bildeten das Tor. Stephan zerrte an den Türen und quietschend bewegten sie sich in ihren Angeln. Elektrisches Licht gab es hier nicht, doch das durch das offene Tor einfallende Tageslicht reichte aus.

Gestern Abend hatte Stephan sein altes Mars-Zehngang-Rennrad hastig hier eingestellt. Er packte das Rad an Lenker und Sattel, schob es heraus und legte es draußen auf die Wiese. Den Ständer sowie Lampen und Gepäckträger hatte er vor Jahren entfernt, um Gewicht zu sparen.

Stephan musste über sich selbst grinsen. Damals konnte er nicht sportlich genug sein, lief bei jeder Gelegenheit in Turnschuhen herum, hatte mehr Trainingsanzüge im Schrank als ein Profifußballspieler.

Er sah an sich herunter und klopfte sich seufzend auf den leicht vorstehenden Bauch. Nicht gerade Bierfassgröße, doch verstecken konnte er ihn auch nicht mehr. Dagegen würde er ab heute etwas tun.

Er drehte sich um, sah zurück in die Garage. Dort stand, mit einer grauen Plane abgedeckt, Vaters Heiligtum. Stephan ergriff eine Ecke der Abdeckplane und zog vorsichtig daran. Die Plane rutschte seitlich herunter und gab einen beigefarbenen Mercedes 190 DC der W-110-Reihe mit riesigen Heckflossen frei. Stephan konnte die Daten herunter beten, so oft hatte sein Vater ihm die technischen Einzelheiten erläutert.

Stephan erinnerte sich, wie sein Vater im Sonntagsanzug den Wagen aus der Garage. fuhr – das Tuckern des Dieselmotors, kaum leiser als ein Traktor. Seine Mutter, jung, hübsch, frisch nach Seife duftend, im Sommerkleid, auf dem Beifahrersitz. Stephan hatte hinter ihr im Fond gesessen, mit sauberen Fingernägeln, die Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, neben ihm seine Schwester Natalie. Sein Vater mit durchgedrücktem Rücken hinter dem riesigen Lenkrad sitzend. Er hatte nie einen anderen Wagen besessen.

Stephan blickte zu seinem alten Golf. Im Vergleich zu dem Mercedes ein Jüngling, doch leider ein unzuverlässiger. Stephan schürzte die Lippen, blickte zwischen dem Mercedes und dem Golf hin und her. Ja! Das hat was! Später, wenn er im Haus für Ordnung gesorgt hatte, würde er sich den Mercedes zurechtmachen. Er drückte die Türen des Schuppens zu und schnappte sich sein Rennrad. Es wurde Zeit, zur ›Grauen Burg‹ zu fahren.

Wenig später fuhr er langsam die Einfahrt der Grauen Burg entlang. Vor ihm erhob sich das nahezu quadratische Bauwerk. Es glich mehr einer herrschaftlichen Villa als einer Burg. Doch tatsächlich wurde das weitläufige Gelände von einem Wehrgraben umschlossen und auch die mittelalterliche Wehrmauer war zum größten Teil noch erhalten. Sicherlich hätten heranstürmende Armeen damit keine Probleme gehabt, doch vagabundierende Räuberbanden hatte man mit diesen Verteidigungsmaßnahmen durchaus auf Abstand halten können.

Stephan lehnte sein Fahrrad an die Wand der Villa und passte dabei sorgfältig auf, nicht den gelb angestrichenen Putz zu beschädigen. Er blickte nach oben. Drei Reihen von Fenstern übereinander. Hier wäre Platz für eine ganze Einsatzstaffel. Stephan stieg die fünf Stufen der Freitreppe hinauf und bewunderte die Haustür. Sie maß gut und gerne zwei Meter in der Breite und drei Meter in der Höhe. Zwei, in Blei eingefasste, bunte Butzenfester zeigten eine Jagdszene. Das Holz der Tür war mit Schnitzereien von Rehen, Wildschweinen und jagenden Windhunden versehen. Dazu passend umschloss der Türrahmen das Ganze mit geschnitzten Ranken und Blättern. Stephan suchte die Klingel.

Bevor er sich jedoch bemerkbar machen konnte, hörte er die kreischenden Geräusche eines Winkelschleifers. Hatte Frau von Berg gestern nicht behauptet, dass niemand sonst da sein würde? Vielleicht sind Arbeiter für sie ›niemand‹, dachte Stephan und drückte den Klingelknopf. Vernehmlich erklang ein Gong im Inneren, doch es öffnete niemand. Stephan ging die Treppe hinunter und folgte dem Lärm. Der Handwerker würde schon wissen, wo Frau von Berg zu finden wäre.

Als er die Rückseite der Villa erreichte, blieb er überrascht stehen. Eine Person im schmutzigen Overall und Schutzbrille vor den Augen, führte gekonnt einen riesigen Winkelschleifer über eine Stahlskulptur und polierte die metallene Oberfläche. Stephan erkannte sie sofort an ihren leuchtend roten Haaren, die sie zu einem dicken Zopf zusammengeflochten und hochgesteckt hatte. Als sie ihn bemerkte, senkte sie die auslaufende Maschine und legte sie auf den Boden.

»Herr Tries! Ist es denn schon so spät?« Frau von Berg schob ihre Schutzbrille auf die Stirn. »Kommen Sie ruhig näher. Was sagen sie dazu?«

Stephan trat näher und betrachtete das Ungetüm, zwei Meter hoch, ineinander, teilweise polierte, verschlungene Stahlstangen, die in ihm keinerlei Assoziationen auslösten.

»Interessant«, antworte Stephan ausweichend. Sein Kunstgeschmack, soweit vorhanden, war deutlich bodenständiger.

Frau von Berg lachte. »Sie sehen aus, als ob Sie in eine Zitrone gebissen hätten.«

Stephan fühlte sich ertappt, spürte, wie sich seine Wangen rot färbten und er ärgerte sich darüber. Normalerweise konnte er seine Emotionen gut verbergen. Was war mit ihm los?

»Aber um über Kunst zu diskutieren habe ich Sie natürlich nicht um einen Besuch gebeten. Kommen Sie mit.«

Stephan folgte ihr über die Terrasse ins Wohnzimmer. Selbst in dem schmutzigen Overall faszinierte Stephan ihre jugendliche Figur.

»Nehmen Sie doch bitte schon mal Platz. Ich werde meiner Mutter kurz Bescheid geben und mich ein wenig frisch machen.«

Sie verschwand im Treppenhaus und Stephan sah sich im Wohnzimmer um. Die eleganten Möbel verteilten sich großzügig im Raum. Die Einrichtung hätte sich auch gut in einem Museum gemacht. Bestimmt war das alles sehr teuer, doch überhaupt nicht sein Geschmack. Auf Hochglanz poliertes, rötliches Holz, vermutlich Kirsche, geschwungene Linien, geschnörkelte Füßen und geschliffene Schrankscheiben. Ihm erschien es so, als könne er sein ganzes Elternhaus in diesem Saal unterbringen.

Er nahm einen der dünnen Pfarrbriefe, die auf dem Wohnzimmertisch lagen, zur Hand und blätterte ihn ohne Interesse durch. Vorwort des Pfarrers, Pfadfinderlager zu Pfingsten, Listen von den angehenden Kommunionskindern, von den getauften Kindern und den Toten der letzten drei Monate, Werbung für Brot für die Welt.

Stephan legte das Heftchen wieder zurück auf den Tisch. Er hörte Frau von Berg sprechen, zu weit entfernt, um Einzelheiten verstehen zu können. Stephan ließ den Blick durch den Raum schweifen. Große Vasen standen in den Ecken. Chinesisch? Riesige grellbunte Drucke ohne erkennbare Konturen an den Wänden setzten einen Kontrast zu den Möbeln.

Frau von Berg sah kurz herein und fragte: »Kaffee mit Milch und Zucker?«

»Nur mit Milch bitte.«

Stephan setzte sich in einen Sessel. Das Leder quietschte wie Ernies Gummiente aus der Sesamstraße. Frau von Berg erschien, stellte auf dem Tisch vor ihm eine große Tasse Kaffee ab und nahm dann ihm gegenüber auf dem Sofa Platz. Den Zopf trug sie nun nicht mehr hochgesteckt, er fiel ihr lang und seidig über die linke Schulter. Den Overall hatte sie gegen Hosenrock und Bluse eingetauscht.

Stephan nippte an seinem Kaffee. »Klasse!«, bemerkte er, »der schmeckt ja großartig!«

»Handverlesene Bohnen. Lass ich mir von einer Freundin aus Kenia schicken. Ihr Mann hat dort eine Plantage.«

Stephan nickte anerkennend, genoss noch einen Schluck und kam dann zur Sache. »Also, Frau von Berg. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Stephan bemerkte, dass sie sich nervös an ihrem Ohrstecker zupfte und einen kurzen Moment zögerte. Dann platzte es aus ihr heraus: »Ich möchte mit Ihnen über einige Todesfälle sprechen.«

Stephan stellte die Tasse auf dem Tisch ab, beugte sich zu ihr nach vorne. »Todesfälle?«