4,99 €
In Rona Skyes, einer Stadt, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, lebt die dreiundvierzigjährige Jacky – eine pflegebedürftige Frau, die von ihrer Tochter misshandelt wird. Doch Rona Skyes bietet noch mehr als das: Einen Mann, der seine Opfer zu Tode prügelt. Ein Opfer, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Einen Cop, der die Fassung verliert. Und ein Baby, für das noch Hoffnung besteht. Rona Skyes ist eine Bilderbuchstadt, die man in keinem Reiseführer finden wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
REDRUM
Leid und Schmerz
1. Auflage
(Deutsche Erstausgabe)
Copyright © 20.02.2020 dieser Ausgabe bei
REDRUM BOOKS, Berlin
Verleger: Michael Merhi
Lektorat: Stefanie Maucher
Korrektorat: Simon Kossov / Silvia Vogt
Umschlaggestaltung und Konzeption:
MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer
Illustration von Shutterstock
ISBN: 978-3-95957-509-6
E-Mail: [email protected]
www.redrum-verlag.de
YouTube: Michael Merhi Books
Facebook-Seite: REDRUM BOOKS
Facebook-Gruppe:
REDRUM BOOKS - Nichts für Pussys!
Michael Merhi
LEID UND SCHMERZ
»Gut verloren – etwas verloren!
Ehre verloren – viel verloren!
Mut verloren – alles verloren!
Da wär es besser: nicht geboren.«
Nach Johann Wolfgang von Goethe
Zum Buch:
In Rona Skyes, einer Stadt, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, lebt die dreiundvierzigjährige Jacky – eine pflegebedürftige Frau, die von ihrer Tochter misshandelt wird.
Doch Rona Skyes bietet noch mehr als das:
Einen Mann, der seine Opfer zu Tode prügelt.
Ein Opfer, dessen Leben am seidenen Faden hängt.
Einen Cop, der die Fassung verliert.
Und ein Baby, für das noch Hoffnung besteht.
Rona Skyes ist eine Bilderbuchstadt, die man in keinem Reiseführer finden wird.
DieserScheißberuhtteilweiseaufwahrenBegebenheiten!
Zum Autor:
Mit ihm und seinem hochgelobten Debütroman ›CANDYGIRL‹ fing alles an: Michael Merhi, Hardcore-Horror-Autor und späterer Gründer von REDRUM BOOKS.
Ohne Zweifel ist er ein Schriftsteller, der polarisiert, denn seine Bücher greifen Tabu-Themen wie beispielsweise Kindesmissbrauch oder die Misshandlung pflegebedürftiger Personen auf.
So schonungslos wie in seinen Büchern ist er übrigens auch zu seinen Fans – wobei in diesem Fall der aufwühlende Horror dem tiefschwarzen Humor weicht. Nicht weniger provokant, aber immer sehr unterhaltsam.
Inhalt
Prolog
Gazette
Mutterliebe
Das Haus in Rona Skyes
Glück im Unglück
TEIL I
Blinzeln Sie!
Medis
TGV
Skala des Schmerzes
Die Farben aus dem All
Mahlzeit
Was hast du denn da gemacht?
Marilyn Monroe
Durst und Koma
Der Brunnen
Medusa
Amy
Das Monster Dunkelheit
Rita ist Gott
TEIL II
Baby on Board!
Auf nach Rona Skyes!
Bordsteinschwalbe
Ein Neuanfang!
Sind wir schon da?
Wie ein Filmstar
Tankstelle
Gewissensbisse
Sugardaddy
Sniper
Xerxes
Ernüchterung
Madison
Fight
Wassermann
Überlebenswille
Teil III
Der Beißer
Home Sweet Home!
Babysitter
Keine Panik!
Der verlorene Sohn
Ank
Detective
Gefahrenzone
Arztgespräch
Rookie
Reinkarnation
Phantombild
Wattewölkchen
Rita und das Baby
Sternennacht
Insektenvernichter
Schlaflos in Rona
Schlafloser Paul
Schlaflose Rita
Schlaflose Jacky
TEIL IV
Der Herr der Fliegen
Armageddon
Ritas Agenda
Das Meeting
Fieber
Endlich Ruhe!
Frühjahrsputz
Chanel-Kostüm
Rita
Und der Regen ist mein Zeuge
Rita
Aktion und Reaktion
Die heilige Rita
Teemeisterin
Profiler
Ich werde sterben
Liebesgeflüster
Auf Eis gelegt
Baby on Board 2
Medal of Honor
Farbenfroh
Wer ist Jane Doe?
Rede mit mir!
Peggy
Seien Sie kein Narr!
Das ist unser Mann!
Gutenachtgeschichten
Der innere Kreis
Ergonomie-Sessel
Sonnenbrand
Teil V
Schweb durch die Lüfte
Happa-Happa
Die Jüdin
Kranke Schwester
Der Strafkatalog
Hurricane-Rita
Rita ist schuld!
Drama
Romeo & Juliet
Gottes Großbuchstaben
Das brennende Rektum
Rosenblüten
Zombies
Organreinigung
Benzin im Blut
Paint it black
Morgentau
Schutt und Asche
Epilog
VERLAGSPROGRAMM
Für die drei Mädels hinter den Kulissen: Silvia Vogt, Stefanie Maucher und Jasmin Kraft.
Ihr seid wahrhaftig Rock ’n’ Roll!
Michael Merhi
LEID UND SCHMERZ
Psychothriller
»Die Würde des Menschen ist unantastbar.«
Deutsches Grundgesetz, Artikel eins
Rona Times – 01.01.2009
Wo ist Christine Waterman?
Nach aufwendigen Suchmaßnahmen, an denen Hundertschaften der Polizei beteiligt waren, geht die Rona State Police davon aus, dass die Frau Opfer eines Verbrechens wurde und nicht mehr am Leben ist. Ihr Ehemann steht unter dringendem Tatverdacht und wurde bereits festgenommen.
Rona Times – 02.01.2009
Grausiger Fund im Krematorium?
Die Beamten gehen Hinweisen nach, dass Christine Watermans Leichnam möglicherweise im örtlichen Krematorium vernichtet wurde. Die Ermittler sind sich sicher, dass sie verwertbare Hinweise zum Verbleib der sterblichen Überreste finden werden.
Rona Times – 06.01.2009
Ohne Leiche keine Anklage?
Vor wenigen Tagen verschwand die Ehefrau von Rona Skyes’ reichstem Einwohner, Paul Waterman. Der Erbe des verstorbenen Ölmagnaten Paul Waterman Senior steht unter Tatverdacht. Der Staatsanwalt zweifelt an der Unschuld des Verdächtigen, doch sind ihm aufgrund der Beweislage die Hände gebunden.
Rona Times – 11.01.2009
Verdammt, Paul, wo ist die Leiche?
Diese Frage haben sich die Ermittler der Mordkommission über hundert Mal gestellt. Bis heute tappen sie im Dunkeln und der Verdächtige schweigt weiterhin eisern!
Rona Times – 14.01.2009
Hell’s Kitchen?
Schlimmer Verdacht: Wurde die vermisste Schönheitskönigin Christine Waterman in der Küche umgebracht? Die Spurenlage im millionenschweren Familienwohnsitz spricht eine eindeutige Sprache. Blut en masse!
Rona Times – 15.01.2009
Blutrausch!
Unerwartete Wendung im Fall Waterman. Gestern Nacht wurde die Leiche von Amanda Bryce entdeckt, der Ehefrau des Tech-Giganten Jonathan Bryce. Die Tote wurde auf abscheuliche Weise hingerichtet. Die Polizei beschreibt die Tat als BESTIALISCH! Paul Watermans Rechtsberater sprechen indessen bereits von einem ›Serienkiller‹, der es auf die hiesige Upperclass abgesehen hat.
Viel früher
Die Frau warf dem Baby einen schwachen Valium-Blick zu und lächelte betrübt. Müde Augen starrten es an. Irre Augen. Tote Augen.
Ich werde gleich wahnsinnig, dachte sie hysterisch. Um Gottes willen, hör endlich auf!
Aber das Kind weinte ununterbrochen weiter.
Es war heiß und die Klimaanlage mal wieder defekt, der Rücken ihrer Bluse von Schweiß durchnässt. Sie zog sie aus, wischte sich damit die Schweißbrühe von der Stirn und schleuderte das Stück Stoff quer durch das triste Schlafzimmer.
Dieses Scheißding wollte weder an die Brust, noch wollte es hin und her geschaukelt werden. Es wollte weder auf den Arm genommen werden, noch wollte es schlafen, und vor allem wollte es nicht mit dem Schreien aufhören. Nicht damit aufhören, sie in den Wahnsinn zu treiben. Diesen Scheiß brauchte sie zu später Stunde genauso wenig wie einen Finger im Arsch.
Da lag es nun, das Baby, fast nackt, eingepfercht in der viel zu eng zugeklebten Pampers. Es strampelte und trat um sich. Es kratzte sich pausenlos. Das Gesicht war blutig und wund. Die junge Frau betrachtete das schreiende, blutende Ding und verfluchte es innerlich.
Im Radio lief ein alter Schinken. Irgendeiner, in dem alles schwarz in schwarz war. Ganz leise. Ganz ruhig.
»Hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm«, summte die Mutter mit und seufzte. Dieser Gestank in der Nase, der Geruch von Scheiße, Urin und Erbrochenem, wollte und wollte nicht verschwinden.
Mein Gott, dieses Kind stinkt, dachte sie und flüsterte bissig: »Ich hasse dich! … Ich hasse dich! … Ich hasse dich! Ich hasse dich!«
Womit hab ich das nur verdient? Sie war doch ein gutes Mädchen gewesen. Ein tolles Mädchen. Ein Mädchen wie jedes andere auch, oder etwa nicht?
Ja, sie war lange ein geiles Mädchen gewesen. Bis zu jenem Tag, an dem ihr Urin den Schwangerschaftsteststreifen blau verfärbte. Heute war sie nur noch Mutter. Eine heruntergekommene Frau. Ein Wrack!
»I see a red door …«, kreischte Mick Jagger, der Frontmann der Rolling Stones, aus dem alten Transistor-Radio. Die Mutter beendete die Strophe wie eine Frau, die schon alles im Leben gesehen hat: »… and I want it painted black.«
Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sie die Nächte unsicher gemacht. Hatte einen Typen nach dem anderen abgeschleppt, einen nach dem anderen gefickt und sich durchficken lassen. Und was war jetzt?
Ich hasse dich!, ging es ihr wieder durch den Kopf.
»Was stimmt nicht mit dir?«, brüllte sie es an. »Was ist bloß los mit dir?« Die Frau schrie ununterbrochen, während sie das Baby packte und schüttelte. »Sei … endlich … still!« Aber das Baby war eben nur ein Baby und flennte immer lauter und lauter.
Der Blick der jungen Frau fiel auf die verspiegelte Oberfläche des Schrankes. Ihr Spiegelbild kam ihr fremd vor. Sie war noch jung und dennoch sah sie wie Ende vierzig aus. Kurz ließ sie von dem Kind ab, um sich zu betrachten.
Wer zum Teufel ist diese Frau, die mich da anstarrt? Die Haare fettig und zerzaust, die Schminke verschmiert und die Haut blass und pickelig. Und das, was an ihrem Brustkorb baumelte, war wirklich nur noch dem Namen nach ein Busen, hatte aber nach dem ganzen Stillen und Abpumpen nichts mehr mit geilen Brüsten zu tun. Die Haut war trocken und rissig, gezeichnet von Schwangerschaftsstreifen. Nein, nicht gezeichnet, sondern stigmatisiert. Brandzeichen des Bösen.
Zwei Jahre zuvor, überlegte sie, war ich stets aufgestylt, meine Haut war vom Solarium braun gebrannt und die Haare geföhnt und nach dem letzten Schrei frisiert.
Das Baby schrie. Immer weiter, immer lauter.
Sie zog an der Windel, betrachtete die überquellenden und langsam trocknenden Scheißespuren und rümpfte die Nase. Dennoch steckte sie zwei Finger hinein, nahm ein wenig von der übelriechenden Erdnussbutter heraus und schmierte sie dem brüllenden Schreihals ins Gesicht.
»Das hast du nun davon!« Süffisant musterte sie diese Missgeburt und schaute erneut zum Spiegel. »Böses Baby!«, sagte sie mit verstörend kindlich klingender Stimme. »Du böses, böses Baby! Hast deine hübsche Mama ausgesaugt.«
Die Mutter fasste sich an die Brüste und drückte sie zusammen. Dabei verschmierte sie ihre Brustwarze mit der Babyscheiße. Milch tröpfelte aus den Warzen, während ihre glasigen Augen das grimmige Spiegelbild fixierten, das ihr gegenüberstand. Sie ließ die schwammigen Brüste wieder los. Ich brauche Silikon, dachte sie mit einem Anflug von Melancholie. Jede Menge!
Sie zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und pustete den blauen Dunst in das weit aufgerissene Babymaul, welches noch immer schreiend auf sich aufmerksam machte. Das Ding hustete und schluchzte, bekam keine Luft und wurde kreidebleich.
Ein Blick auf die alte Wanduhr verriet der entkräfteten Mutter, dass es weit nach Mitternacht war. Sie war todmüde, erschöpft, ausgelaugt und am Ende ihrer Kräfte. Sie wollte nur noch ins Bett, sich unter der Decke verkriechen und einfach nur … schlafen.
Und was tat das Baby?
Es schnappte nach Luft und schrie noch lauter, während der Zigarettenrauch aus seinem weit aufgerissenen Mund entwich. Die frischgebackene Mama konnte es nicht mehr ertragen. Sie wollte die Augen schließen.
Nur für eine einzige Sekunde!
Genau, dachte sie. Sekundenschlaf! Das war die Idee. So wie es Fernkraftfahrer taten, bevor sie mit einem vollbesetzten Familienwagen kollidierten und alle Insassen ins Nirwana jagten. Aber nein, an einen gesunden Schlaf war nicht zu denken. Stattdessen musste sie sich mit diesem abartigen Ding beschäftigen.
»Du Missgeburt!«, flüsterte sie und betrachtete das hässliche Ding, das ihr Leben bestimmte. Dieses Ding, das ihr jegliche Lebensenergie aussaugte und sie ihrer Freiheit beraubte. Jede verfluchte Nacht die gleiche Leier. Jede Nacht die gleiche Platte, die gleiche Story. Jede verdammte Nacht dieses Weinen und dieses Gewimmer.
»Böses Baby!«, zischte sie es an.
Wenn sie doch nur wüsste, wer der verfluchte Vater dieses Dingsda war, hätte sie es ihm schon längst in den Arsch geschoben.
War es Michael? Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Oder war es Kevin? John, Jack, Jimmy – oder etwa alle zusammen? Ach, verdammt, es hätte jeder sein können!
Sie war ein It-Girl gewesen, ein Partygirl, ein verdammt geiles Fickgirl. ›A Very-Important-Person‹. Jetzt war sie nur noch ›aVery-Fucking-Person‹.
Sie hatte mit jedem Mann geschlafen, der ihr gefiel und der das nötige Kleingeld besaß. Die junge Mama war aber keine Nutte oder so. Nein! Gott bewahre! Sie fickte nicht für Geld und auch nicht für die Liebe oder so’n Scheiß. Nein! Ganz im Gegenteil. Das waren doch nur Banalitäten, hinter denen sich die anderen Schlampen versteckten. Sie machte es ausschließlich für Drinks, Drugs und Rock ’n’ Roll. Das waren die Zutaten, die ihr wildes Leben veredelt hatten. Und vor allem waren es teure Notwendigkeiten, die sie sich ohne die Typen niemals hätte leisten können. Gott sei Dank war sie hübsch gewesen. Eine Augenweide. Ein Topmodel, wenn man so wollte. Den Jungs hatte sie nicht nur den Kopf verdreht, wenn sie an ihnen vorbeilief, als würde sie über den berühmten Victoria’s-Secret-Laufsteg stolzieren. Nein, sie verdrehte ihnen regelrecht die Hälse, bis sie drohten, an einem Genickbruch zu verenden.
»Ein echt heißer Feger!«, pflegten die Herren der Schöpfung zu sagen. Sie hatte ellenlange Beine. Hübsche Beine. Vor allem waren es sexy Beine. Und ihre Brüste waren schwer und fest gewesen. Handgroß für Männer mit großen Händen, riesengroß für Männer mit kleinen. Die Taille war schlank, die Hüfte rund – und der Arsch? Ein J.Lo-Arsch! Ein Riesenarsch. Die Sorte Arsch, den man am liebsten liebevoll versohlen wollte. Ein toller Arsch!
Für die schönen Dinge des Lebens hatte sie kein Geld. Sie konnte sich nichts leisten. Alles war teuer. Was konnte sie denn schon großartig tun, außer ihren Körper anzubieten? Gegenleistung war das Zauberwort. Wie du mir, so ich dir!
Das war schon immer so gewesen. Für ein bisschen Koks auf einer angesagten Party hatte es schon mal einen Fick auf der Damentoilette, im VIP-Bereich, im Auto oder sonst wo gegeben. Hauptsache, sie war gut drauf, und dafür bedurfte es bei Gott nicht viel. Ein bisschen Koks, ein bisschen Alkohol. Rock ’n’ Roll, Baby! Dafür bekam der eine oder andere Typ den Fick seines Lebens.
Böses Baby! Wie bist du nur entstanden?, dachte sie, in Erinnerungen schwelgend. Verhütet hatte sie immer. Pille und Kondome waren Pflichtprogramm gewesen, aber im Eifer des Gefechts war schon mal der eine oder andere Gummi geplatzt.
Böses Kondom!, sinnierte sie wütend.
Abermals zog sie an der Zigarette und pustete den Rauch in Richtung des schreienden Babys.
»Gott verfluche dich! Gott verfluche dich!« Sie packte das lautstark plärrende Ding und begann, es hin und her zu schleudern. Immer wieder. Von links nach rechts von oben nach unten. Immer heftiger, immer kräftiger. Immer wilder, mit der Hoffnung, dass das Baby endlich mit diesem Geschrei aufhören würde, das ihr tief unter die Haut ging und den letzten Nerv raubte. Aber dem war nicht so. Das Ding in ihrer Hand schrie nur noch heftiger und lauter, während die Kippe in ihrer anderen bläulich qualmte.
»I look inside myself and see my heart is black«, brüllte Jagger aus den Boxen.
Genau! Alles war dunkel. Schwarz in schwarz. Ihre Seele, ihre Gedanken und auch ihr Blut, das wie Rohöl durch ihre Arterien schoss.
Die beiden steigerten sich in dem, was sie taten. Das Baby brüllte immer lauter und die Mama schüttelte es immer heftiger, bis ihr Arm ganz taub wurde und ein dumpfer Schmerz darin pochte. Sie schleuderte es hin und her, bis sie nicht mehr konnte – und dann ließ sie es los.
Einfach so.
Das Baby schien einen Moment lang in der Luft zu schweben, dann flog es in hohem Bogen auf das Bett zu, landete auf der Matratze, drehte sich noch einmal um die eigene Achse und blieb haarscharf an der Kante liegen.
Schwein gehabt!
Ein bisschen weiter – nur einen oder zwei Zentimeter – und es wäre auf den spitzen Kanten der Heizung gelandet, die direkt neben dem Bett stand. Höchstwahrscheinlich hätten sie den kleinen Schädel in zwei Hälften gespalten. Aber nein! Sie hatte mal wieder Pech gehabt und es überlebte, wenn auch nur knapp. Und nun schrie es sich erst recht die Seele aus dem Leib.
Wirklich böses Baby!
Die Mutter schrie und brüllte ebenfalls, doch weniger von instinktiver Existenzangst getrieben. Ihre Triebfeder war die unbändige Wut, die sie so sehr erfüllte, dass sie nun die eigenen Haare packte und daran zerrte, bis sie kurz darauf ein Büschel davon in der Hand hielt.
»Herr im Himmel«, kläffte sie. »Nun hör doch endlich auf zu weinen!«
Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer fast schon bis zum Filter heruntergebrannten Zigarette. Grimmig musterte sie die rote Glut. Dann krabbelte sie wild entschlossen über das Bett und drückte die Zigarette auf dem Bauch des Babys aus. Was für eine beschissene Grillparty!?
Die Glut brannte sich langsam durch die weiche, blasse Haut. Das zarte Fleisch zischte und qualmte. Das Baby brüllte.
»Das hast du nun davon!«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ja, das hast du nun davon! Schlaf doch endlich ein! … Schlaf doch endlich für immer ein! … Bitte, bitte, bitte!«
Wieder brüllte und schrie sie, war außer sich vor Wut – und dann biss sie in den Oberarm des Babys. Es kreischte, zappelte und zitterte wie ein Kind, das einen epileptischen Anfall erlitt, während sie knurrend die Kieferknochen fester zusammenpresste und an ihm zerrte wie ein Hund oder wie eine tollwütige, nicht aufzuhaltende Bestie. Das Kind ging ihr so auf die Eierstöcke, dass sie es am liebsten in Stücke gerissen hätte. Es interessierte sie nicht, weshalb es schrie oder jammerte, es sollte nur still sein!
Sie schmeckte das metallische Blut, das aus dem speckigen Babyarm quoll. Urplötzlich beruhigte sie sich. Als hätte der Geschmack ihr bewusst gemacht, welcher Wahnsinn hier im Gange war. Sie ließ das Kind los, hob den Kopf und blickte, als würde sie eine weitere Bestätigung brauchen, abermals in den Spiegel. Mit schläfrigen, übermüdeten Augen betrachtete sie den blutigen Mund. Sie glich einem uralten Vampir, wie man sie aus alten Schwarz-Weiß-Filmen kannte. Blut rann an ihrem Kinn hinab und tröpfelte auf die Brüste. Es hinterließ eine Spur, die vom Brustkorb bis zur Babyscheiße an der Brustwarze reichte.
Und dann weinte sie selbst bittere Tränen und summte: »Hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm-hm.« Ein Schlaflied kannte sie nicht. Wie sollte sie dieses Kind nur beruhigen? Völlig aufgelöst gab sie auf und jaulte das schreiende Baby an: »Ich hab die Schnauze voll, jetzt schlaf doch endlich ein!«
Die Augen des Babys wurden immer schmaler, das Schreien immer leiser, bis sie sich komplett geschlossen hatten und es keinen einzigen Ton mehr von sich gab.
»Endlich!«, atmete sie erleichtert aus. »Endlich! … Endlich! Endlich!«
Das Baby war ruhig.
Jetzt kann ich endlich schlafen!, dachte sie, als sie sich neben den erblassten Körper legte. Erschöpft und angeschlagen schlief sie sofort ein.
Das Baby schnaufte, holte tief Luft, bebte und zitterte einen Atemzug lang und sank dann neben seiner Mama in einen tiefen Schlaf.
Viel später
Dieser Umzug hätte ganz anders verlaufen müssen, denn schließlich war das Ganze von langer Hand geplant gewesen. Die Vorbereitungen liefen bereits seit über einem Jahr. Frank und Jodie Goodman hatten lange gesucht, recherchiert und die ganze Stadt auf den Kopf gestellt, bis sie endlich fündig geworden waren.
Rona Skyes’ Küstenlinie war Hunderte Meilen lang, ausgefranst und hatte spektakuläre Buchten. Feine puderzuckerweiße Sandstrände wurden urplötzlich von dreckig schlammigen Flächen unterbrochen. Die steilen Klippen und klaffenden Felsenriffe, wunderschön und gefährlich zugleich, waren postkartenreife Motive. Das Wasser azurblau, die Felsen feuerrot und die Wiesen im Umkreis saftig grün. Unzählige Seevögel fanden in dieser urzeitlich anmutenden Landschaft einen sicheren Hafen, da sich zwischen den schroff aus dem Meer ragenden Felswänden Brutplätze en masse fanden.
Frank und Jodie waren bereits zweimal hier gewesen. Einmal hatten sie sogar den gesamten Urlaub an der Ostküste verbracht, in einem Sommerhaus am Strand übernachtet und Rona Skyes auf eigene Faust erkundet. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und, wenn auch seltener, sogar mit dem blauen SUV. Sie hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, ein Haus zu finden, als sich die vierundneunzigjährige Misses Rhodes entschloss, ihren Lebensabend im Sunshine State Miami zu verbringen.
»Frank, die Hütte ist der Wahnsinn!«, hatte Jodie bei der Erstbesichtigung geschrien und war in Richtung des Hauses gerannt, als würde sie die Normandie stürmen. »Meins, meins, meins!«, jubelte sie dabei, als würde sie eine Keksdose auf eBay ersteigern, und das noch bevor sie das Haus betreten hatten. Ihr breites Grinsen und die funkelnden grünen Augen machten es nahezu unmöglich, um den Preis zu feilschen.
»Entspann dich, Baby«, hatte Frank ihr zugeflüstert. »Wenn du weiter so sabberst, werden wir am Ende auf den regulären Preis noch was draufzahlen müssen.«
Aber so war es nicht gekommen. Die Misses war eine zauberhafte alte Lady, die es nicht nötig hatte, jemanden abzuzocken. Und schon gar nicht seine Jodie, die von jedermann sofort ins Herz geschlossen wurde.
Und ja, das Haus war wirklich der reine Wahnsinn. Viktorianischer Stil, zwei Stockwerke, zehn Zimmer, zwei Badezimmer, Küche, Terrasse, Garten, Weinkeller, Garage und eine traumhafte Aussicht auf den alten Leuchtturm.
»Hier können wir jede Menge Babys machen«, sagte Jodie, von einem Zimmer ins nächste stürmend. Eine solche Hausbesichtigung hatte Frank noch nie erlebt. Jodie stürzte wie ein DEA-Einsatzkommando in die Zimmer und erfasste alles mit nur einem einzigen Blick. Ihr entging nichts – oder auch scheinbar alles. Das konnte Frank nicht beurteilen; schließlich wirkte das Haus wirklich perfekt.
»Wir kaufen es!«, sagte sie entschlossen.
»Aber ich habe Ihnen noch nicht einmal den Preis genannt«, sagte die Misses vorsichtig. Ihre Stimme hörte sich alt an und erinnerte Frank an seine Großmutter Beatrice, die ihm zur Begrüßung immer tief in die Wange gekniffen hatte, bevor sie ihn mit Küsschen vollsabberte.
»Ganz egal«, schoss Jodie zurück. »Wir kaufen es! Und wenn wir es uns nicht leisten können, dann muss sich Frank einen zweiten oder gar einen dritten Job suchen! … Nicht wahr, Schatz?« Sie lächelte.
Schatz schluckte. Ihm grauste bei dem Gedanken daran, sich einen Zweitjob zu suchen.
»Na, ganz so schlimm wird es nicht sein«, sagte Misses Rhodes und nahm Jodies Hand. »Ich mag Sie jetzt schon, Kleines.« Sie lächelte und zog den Wirbelwind hinter sich her. »Hoffentlich weiß Ihr Mann, was er da für eine Naturgewalt hat?!«
Die beiden Damen ließen Frank in einem der Zimmer stehen und entfernten sich fröhlich schwatzend, als wären sie die allerbesten Freundinnen. Das war seine Jodie. Seine Königin. Sie schaffte es innerhalb von nur fünf Sekunden, die Herzen der Menschen zu erobern. Der Makler hatte die beiden noch darauf hingewiesen, dass die Misses eine schwierige alte Schachtel sei, und nun waren sie und Jodie best friends geworden. Schmunzelnd schüttelte er den Kopf und erkundete das Anwesen auf eigene Faust.
Dabei fiel sein Blick auf das Haus gegenüber – oder vielmehr in den Garten, der es umgab. Die junge Frau, die dort mit Wäscheklammern Bettwäsche an einer Leine fixierte und deren kastanienbraunes Haar im Wind umherwirbelte, war, aus der Entfernung beurteilt, richtig hübsch. Sie erinnerte ihn an die Darstellerinnen in den alten Schwarz-Weiß-Filmen, die abends im Free-TV liefen und den Ruf der ›guten alten Zeit‹ bewahrten. Sie war anziehend, keine Frage.
Später an diesem Tag schaute ihm Jodie, sein Herzblatt, tief in die Augen, drückte ihn fest an sich und flüsterte: »Babys! In diesem Haus können wir jede Menge Babys machen! Nicht wahr, mein Schatz?«
»Du bist unersättlich!«, sagte Frank lächelnd. »Sarah ist bei deinen Eltern und Baby Nummer zwei ist bereits in deinem Bauch. Wie viele willst du denn noch haben?«
»Jede Menge!« Dann lächelte sie und errötete kein bisschen, als sie ihn lang und innig auf den Mund küsste, dabei den Reißverschluss seiner Jeans öffnete und seinen Schwanz in die Hand nahm.
Die dichten Wälder umschlossen das Haus in einem zig Hektar großen Umkreis und isolierten es praktisch komplett von der Außenwelt. Hier draußen in der Einöde konnte man leben und sterben und keine Menschenseele würde es jemals mitbekommen. Rona Skyes war das Paradies und die Hölle zugleich. Das wusste wirklich jedes Kind.
Die junge hübsche Frau wartete im Bett. Lag einfach da, fast nackt und ausgehungert. Wie lange sie schon auf den Mann wartete? Puuh, antwortete ihr Verstand. Eine gefühlte Ewigkeit, Liebes! Aber vielleicht waren es auch nur zehn Minuten. Drogen konnten schon mal die Wahrnehmung trüben.
Den Mann hatte sie heute erst kennengelernt. Nun ja, wenn man es als Kennenlernen bezeichnen konnte. Sie bot eine Dienstleistung an und der Mann hatte sie engagiert. Einfach so, wie es ihre Kunden immer taten.
Der unbekannte Freier trug einen teuren Anzug. Das war nicht zu übersehen.
Vielleicht Armani?
Seidenhemd, schwarze Schuhe. Sehr teuer.
Die Uhr? Nochteurer.
Der Wagen? Verdammt teuer! Das Leben meinte es heute gut mit ihr. Normalerweise waren ihre Kunden nicht so elegant, nicht so reich, nicht so gepflegt und auch nicht so gut aussehend. Aber dieser hier hatte all das, was einen erfolgreichen Mann ausmachte.
Charisma.
Und Geld, natürlich.
Die Kleine trug einen BH und ein hauchdünnes Höschen – beides in Weiß. Die Haut war knackig braun, der Kontrast zur Unterwäsche einfach fantastisch. Die prallen Titten und der Knackarsch erregten ihn jetzt schon.
Leichte Beute, dachte er. Easy-peasy, Baby. Das wird kinderleicht!
»Umdrehen!«, sagte er entschlossen.
Sie tat, wie ihr geheißen.
»Arsch!«
»Ich heiße Sasha«, stellte sie sich keck vor.
Noch so ein beschissener Nuttenname, dachte er und wiederholte kurz und knapp: »Arsch!«
Sasha stützte sich auf die Ellenbogen und reckte den knackigen Hintern in die Höhe. Der Mann kletterte auf das Bett, kniete sich hinter sie, schob ihr Höschen bis zu den Knöcheln herunter, fummelte es von den gepflegten Füßen, betrachtete kurz die knallrot manikürten Zehen und warf es weg.
»Spreizen!«
Die Frau spreizte die langen Beine. Der Arsch wölbte sich hoch und König Kunde konnte sowohl in das Arschloch als auch in ihre feuchte Möse schauen.
Phänomenal, dachte er. Ein wirklich schöner Arsch! Ein Weltklassehintern!
Beide Löcher waren weit offen. Sein Schwanz würde hineingleiten wie ein heißes Messer in Butter. Er würde sich nicht einmal anstrengen müssen. Das gefiel ihm. Er griff nach ihren Arschbacken, bohrte seine Finger tief in die warme Haut und drückte fest zu.
»Oh Baby!«, stöhnte sie.
Mit beiden Händen öffnete er ihre festen Arschbacken und zog sie wie eine Zeitung auseinander. Der Blick auf die rosafarbene Rosette war berauschend. Er klatschte ihr auf den Hintern und seine fünf Finger hinterließen einen roten Abdruck auf der rechten Backe. Sein Schwanz zuckte. Er spreizte ihre Arschbacken noch weiter und steckte seine Eichel in ihren Anus.
Ganz vorsichtig.
Gaaanz langsam.
Sie stöhnte auf.
Sein Ding war, seiner Meinung nach, groß, und so wartete er gespannt auf ihre Reaktion.
Sie stöhnte wie erhofft. Laut und keuchend.
Er lächelte.
Dann stieß er das Becken immer schneller und heftiger gegen ihren Arsch – in der groben Hoffnung, sein Schwanz würde noch viel tiefer in sie eindringen.
Sie stöhnte.
Sie wimmerte.
Sie schrie.
Er lächelte.
Seine Eier schwollen an und klatschten mit jedem Stoß in die feuchte Möse.
Sie stöhnte.
Er grunzte.
»Ich komme!«, keuchte er, zog seinen Schwanz heraus und forderte sie, wortgewandt wie er nun mal war, auf: »Nimm ihn in den Mund!«
Die Frau drehte sich flink wie ein Raubkätzchen um und knetete ihm mit der einen Hand die Eier, während die andere den pulsierenden Schwanz tief in die Mundhöhle führte.
Rein und raus.
Jetzt stöhnte er.
Immer schneller.
Immer heftiger.
Immer lauter.
Sie lächelte.
Er kam.
Wie konnte das nur passieren?, dachte Sasha kraftlos nach. In der einen Sekunde war alles noch heititeiti gewesen und in der nächsten brach auch schon die Hölle über sie herein. Noch vor einem Augenblick hatte sie diesem wunderschönen Mann den besten Blowjob aller Zeiten beschert und all ihre von Gott gegebenen Talente unter Beweis gestellt – und nun das! Sie blutete!
»Was soll das?«, nuschelte sie, schnaubte Blut aus der Nase und schluckte. Prompt lieferte der Mann eine Antwort. Eine Supernova explodierte in ihrem Kopf. Blitze und helle Lichter funkelten vor ihren Augen. Und dann donnerte es erneut. Zwei Haken mitten ins Gesicht, der eine traf sie von links, der andere von rechts.
»Easy-peasy, Baby«, sagte der Mann, lächelte und betrachtete die blutüberströmte Frau, die auf dem Boden kauerte und fast am eigenen Blut zu ersticken schien. »Was jetzt kommt, wird dir alles abverlangen, Lady!«
Und noch bevor die Lady im Kopf ihre letzten Worte formulieren konnte, fiel der Mann auch schon über sie her. Nach seinem nächsten Schlag driftete ihr Geist endgültig ins Nirwana. So blieb ihrer Wahrnehmung das bestialische Ende, das der Unbekannte für sie vorgesehen hatte, für immer erspart.
»Über dich wird hier berichtet!«
Karl Marx
»Wie geht es Ihnen heute, Jacky?«
Jacky starrte eisern hoch zur Decke.
»Wenn es Ihnen gut geht, also den Umständen entsprechend, dann blinzeln Sie einmal.«
Jacky blinzelte einmal.
»Sehr schön.«
Rosie Jones, die junge Krankenpflegerin, lächelte und fuhr der Frau, die erst kürzlich eine Tragödie durchlebt hatte, mit dem Handrücken sanft über die Wange.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte sie zuversichtlich. »Das kriegen wir alles wieder hin, nicht wahr, meine Liebe?«
Jacky blinzelte einmal und versuchte ebenfalls zu lächeln, was Rosie nicht bemerkte, da die Patientin an den Folgen eines Schlaganfalls litt und, gerade mal so, ihre Augenlider bewegen konnte.
»Wir haben heute ein volles Programm. Sind Sie bereit?«
Nein, das war sie nicht. Sie fühlte sich wie ein geprügelter Hund. Kraft und Jugend waren dahingerafft. Mit nur dreiundvierzig Jahren war Jacky O’Brien ein Pflegefall. Ein Wrack. Zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie hatte, wenn man es milde beschreiben wollte, eine Art Unfall gehabt. Kurz davor hatte sie einen Schlaganfall erlitten, die Besinnung verloren und war die Treppe runtergefallen.
BOOM!
Ihre Welt war wie eine frühreife Tomate in der Sonne zerplatzt. Als sie mit dem Gesicht voran den Boden geküsst hatte, hatte sie einen Schädelbasisbruch erlitten, der wiederum ein Schädelhirntrauma verursachte, das sie letztendlich in ein Koma versetzte. Einfach so.
»Shit happens«, hatte ihre Tochter damals gesagt, als würde das alles erklären. Jacky hätte sterben können, tat es aber nicht.
Kurz zuvor hatte Rita die zehnjährige Amy ermordet, Jackys über alles geliebte Enkeltochter. Einfach so! Shit happens!
Johnny Marlow, Sheriff von Rona Skyes, hatte ihr, nachdem sie aus dem Koma erwacht war, unverblümt ins Gesicht gesagt: »Ohne Leiche kein Mord!« Dann fuhr er sich durch das schüttere Haar und fügte resigniert hinzu: »Wir tappen total im Dunkeln!«
»Ach, Jacky«, sagte Rosie nun wie eine Mutter, die ihre Tochter nach einem vermasselten Date wieder aufmuntern wollte, mit eindringlicher Stimme. »Sie dürfen nicht resignieren. Der Erfolg Ihrer Therapie beginnt genau hier!« Jacky reagierte nicht. »Genau hier! … Öffnen Sie bitte die Augen!«
Die Schlaganfallpatientin kam dieser Aufforderung widerwillig nach und beobachtete die mollige Krankenpflegerin, die sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe tippte. »Genau hier! Sehen Sie das?«
Ohne Rosie Jones hätte Jacky es schon längst aufgegeben, den eisernen Weg zurück ins Leben zu bewältigen, doch die junge Krankenpflegerin gab sie nicht auf. Immer wieder erklärte sie ihr geduldig ihren Zustand – in einfachen Worten, nicht im Fachchinesisch der Ärzte, aus dem sie nicht schlau werden konnte.
»Sie haben ein schweres Schädelhirntrauma in Folge eines Schlaganfalls erlitten. Es kommt jetzt darauf an, welche Gefäße betroffen sind. Je nach Gefäß kommen unterschiedliche Beeinträchtigungen vor …«, hatte der Oberarzt gesagt. Und Jacky hatte nur »Bla, bla, bla« verstanden.
Jacky sah zu Rosie auf und verstand es. Wenn sie wieder gesund werden wollte, dann musste sie an den Erfolg der Therapie glauben. Das hatte ihr der behandelnde Arzt zwar ebenfalls gesagt – und die Ärzte waren nun mal allwissend –, aber aus Rosies Mund hatten diese Worte ein ganz anderes Gewicht. Sie glaubte daran.
Jacky blinzelte.
»Sehr schön! Dann fangen wir mal an!« Wieder dieses aufbauende Lächeln, das einen dazu ermunterte, Berge zu versetzen.
Diese Krankenpflegerin ist ein Schatz, dachte Jacky. Was würde ich nur ohne sie machen?
Plötzlich standen Tränen der Dankbarkeit in ihren Augen, die größer denn je wirkten.
Medikamente – darüber konnte Jacky mittlerweile ein Lied singen. Wie White Rabbit von Jefferson Airplane. Und schon hörte sie die Songfragmente im Kopf:
»One pill makes you larger
and one pill makes you small,
and the ones that mother gives you
don’t do anything at all.«
»Wie geht es Ihnen heute, Jacky?«, fragte dann und wann einer der behandelnden Ärzte mit solch einer gespielten Höflichkeit, dass sie ihm am liebsten den Kugelschreiber, den er stets in der Brusttasche trug, in den Hals oder gar ins Auge gerammt hätte.
»Schmerzen«, nuschelte sie unverständlich.
»Gut, gut, gut!«, frohlockte Onkel Doc, der für alles eine Pille parat hatte.
Wirklich alles!
Und so lief es immer ab: »Mein Rücken tut weh!«
»Nehmen Sie Oxicodon!«
»Mein Bauch tut weh!«
»Nehmen Sie die hier!«
»Mein Kopf tut weh!«
»Prozac!«
»Mein Nacken tut weh!«
»Antidepressiva!«
»Ich bin aber nicht depressiv!«
»Laut Fragebogen schon!«
»Bin ich nicht!«
»Sind Sie wohl!«
»Bin ich nicht!«
»Aber laut Fragebogen schon!«, die Stimme des Arztes klang dann genervt, fast schon pissig.
»Fick dich!«, lautete dann meistens Jackys unverständlich genuschelte Ansage.
»Wie bitte?«
Solche Fragen beantwortete sie gewöhnlich mit einem gelangweilten Augenrollen. Ihr Wohlbefinden interessierte im Rona Hope niemanden. Jacky hatte schnell begriffen, dass sich die Ärzte gern mit Fragebögen absicherten. So hatten sie immer etwas Schriftliches in der Hand – falls mal etwas schiefgehen sollte. Immer schön die Eigenverantwortung auf den Patienten abschieben. Und wenn mal jemand abkratzen sollte, dann könnten sie mit frohem Sinn und ruhigen Gewissen sagen: »Schauen Sie hier! Der Patient hat dies oder jenes im Formular angekreuzt!« Das kleine Kreuzchen auf dem Fragebogen war das doppelte Netz des behandelnden Akrobaten.
Und wenn es mich krank macht?
Wen interessierts!
Und wenn es mich tötet?
Shit happens!
»Seien Sie doch nicht so dramatisch«, sagte der Halbgott in Weiß, »und schlucken Sie die hier!« Er lächelte besserwisserisch, stopfte die bunten Pillen in Jackys Mund und verschwand mit einem aufgesetzten Lächeln, das sonst nur Zuhälter beherrschten, die ihre Nutten bei Laune hielten. Das Gespräch war beendet.
Erledigt!
»Da’ke Doc!«, nuschelte sie.
Fuck you, Gott!, dachte sie und sah ein, dass es keinen Sinn machte, diese sinnlosen Diskussionen fortzuführen. Shit happens, stellte sie abermals fest. Das Leben ist eben kein Zuckerschlecken, Jacky-Baby.
Aus dieser Hölle gab es keinen Ausweg. Zumindest keinen physischen. Jacky schloss die Augen. Drückte die Lider fest zusammen. Konzentrierte sich. Blendete alles aus. Und dann hörte sie es. Zunächst ganz fern und leise.
Tschk-Tschk, Tschk-Tschk. Dann wurde es lauter. Immer lauter. TSCHK-TSCHK, TSCHK-TSCHK. Es flimmerte vor ihren Augen. Alles wurde hell und eine chaotische Bilderflut rauschte an ihr vorbei. Bilder von Rona Skyes, mit allen Vororten. Die Wildnis, die Berge, die Schluchten, das Meer, die Fjorde und schließlich – das Leben an sich. Diese Stadt, Rona, war wie ein vergifteter Brunnen. Eine Quelle des Grauens. Ein Moloch, ein Vorhof der Hölle.
Sie saß in der ersten Klasse, hatte ein eigenes Abteil. Niemand da, der sie nervte. Niemand, der etwas von ihr wollte.
TSCHK-TSCHK, TSCHK-TSCHK, TSCHK-TSCHK.
Klein Jacky am ersten Schultag. Klein Jacky und die Zahnfee. Klein Jacky und die ersten Schwimmversuche. Geburtstage, Weihnachtsmänner und die ausgeklügelte Pyrotechnik, die das alte Jahr beendete und das neue einläutete.
TSCHK-TSCHK, TSCHK-TSCHK, TSCHK-TSCHK.
Bunte Luftballons. Ein Drache. Der Wind. Alles flog, alles schwebte. Das ganze Leben raste an ihr vorbei und die einzelnen Bilder zogen einen langen Schweif hinter sich her, der an einen vorbeirauschenden Kometen erinnerte. Das Mädchen verwandelte sich in einen Teenager – einen Teenager, der sich wegen der dicken Brille und der Zahnspange schämte. Sich schämte, mit einem der Jungs zu knutschen.
Es gab auch gewaltvolle Szenen. Harte Sexszenen. Die erste Backpfeife. Der erste Kick in die Magengrube, die Faust auf dem Solarplexus und das Knie zum Kinn. Der erste Arschfick. Orgasmen. Sperma, das sie ins Gesicht gespritzt bekam und … Das waren nicht die Bilder, die sie sehen wollte. Sie sehnte sich nach schönen Momenten. Das erste Eis, der erste Kuss, die drei magischen Worte. Händchen halten, Spaziergänge und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen.
Jackys Highspeed-TGV. Ein französischer Hochgeschwindigkeitszug, der durch ihre Vergangenheit raste. 600 Stundenkilometer schnell. Er raste durch die Tage und Nächte, immer schneller, immer weiter. Erreichte Überschallgeschwindigkeit. Erreichte Lichtgeschwindigkeit. Rausssschhhhhhhhhte durch die Zeit.
Der Rock flatterte um die langen Beine, die blonden Haare durch die Luft, die frische Wäsche im Garten an der Wäscheleine. Der TGV wurde immer schneller. In einem Augenblick war sie winzig klein, nur eine Zelle, die sich teilte und wieder teilte. Gerade noch ein Fötus, dann schon eine Greisin, die in einen tiefen Graben fiel und Menschen sah, die Erde auf ihr Antlitz schaufelten. Männer, die mit heruntergelassenen Hosen onanierten. Samenfäden, die auf roten Rosen klebten und in roter Erde versickerten. Dann wurde es schwarz.
Schwarz in schwarz.
Paint it black!
Amanda hob den Stein, während es stürmisch regnete und die See in Wallung brachte.
»Game over, Baby!«, sagte das blonde Miststück und schlug ihr den Stein mit voller Wucht ins Gesicht.
Paint it black, Baby!
Sie roch die Blumen, roch das Salz des Meeres, aber vor allem roch sie das Erbrochene auf ihrer Brust und die mit Urin und Fäkalien durchtränkte Bettwäsche. Roch das miefende Nachthemd. Das stinkende Leben.
HOME SWEET HOME!
Jacky war wieder zu Hause.
Jacky war wieder im Arsch. Lag im Bett und starrte an die Decke. Sie tanzte nicht mehr, flog auch nicht mehr durch die Lüfte und schmeckte kein Eis auf der Zunge.
Ich muss hier weg!, dachte sie abermals.
»IH MU HI WE«, brüllte sie mit ihrer lahmen Zunge.
Im Zimmer lief Musik. Laut und dröhnend.
»You can see it in her eyes …
She’s my girl, my supergirl.«
Halt doch endlich die Schnauze!, dachte Jacky.
Sie hatte Angst und die Hände zitterten elendig. Aber vor allem hatte sie Schmerzen. Unerträgliche Schmerzen. Ihre tägliche Vicodin-Dosis war schon lange überfällig und ihre Nerven so gut wie durchgebrannt.
Jacky hatte es heute richtig böse getroffen. Der feuchte Kot klebte ihr zwischen den Schenkeln und auch das Allerwichtigste war ihr bis jetzt verwehrt geblieben.
Absichtlich!
Die Schmerzmittel!
Mittlerweile war Jacky O’Brien mit ihren gerade mal dreiundvierzig Jahren zu einer Schmerz-Expertin geworden. Nicht, dass sie irgendein Sachbuch darüber gelesen hätte, nein, Sir, so war es nicht. Sie hatte, seit sie sich in diesem Zustand befand, so gut wie alle Stufen der allgemein bekannten Schmerzskala am eigenen Leib erfahren.
Während Jackys Zeit im Krankenhaus hatte ihr die gut gelaunte Krankenschwester mit dem üppigen Busen erklärt: »Null steht für ›kein Schmerz‹ und zehn steht für ›maximaler Schmerz‹. Haben Sie das verstanden, Misses O’Brien?«
Misses O’Brien, die durch den Schlaganfall nahezu komplett gelähmt war, hatte nur unverständliches Zeug gebrummt, woraufhin die immer noch gut gelaunte Krankenschwester die Frage so laut und deutlich wiederholte, als würde sie einem behinderten Kind das Klatschen erklären.
Jacky blinzelte.
Ihre Augenlider waren das einzig Resistente gegen die vorherrschende Lähmung. Noch eine ganze Weile kommunizierte sie mittels Augen-Morse-Zeichen mit den Schwestern, den Ärzten und all dem anderen Krankenhausgesindel, da sie das Sprechen erst mühsam wieder erlernen musste.
Ich muss die Contenance wahren, dachte sie dabei oftmals. All eyes on me und so’n Scheiß!
Schmerzen der Stufe eins waren so etwas wie ›kurz mal von der lieben Großmutter in die Wange gekniffen werden‹. Stufe acht dagegen bedeutete, sämtliche Zähne nacheinander mit einer Kneifzange gezogen zu bekommen, während einem der nette Fleischer aus dem Supermarkt nebenan zeitgleich das überschüssige Fett an den Hüften absaugte. Jacky befand sich meistens bei Stufe fünf bis sechs, also hatte sie noch ein wenig Luft nach oben. Und falls sie jemals die zehnte Stufe erreichen sollte, musste sie vorher unbedingt den Notausgang oder den Schleudersitz finden, der sie auf direktem Weg in Richtung Himmel oder Hölle katapultierte.
