Leidenschaften - Verena Auffermann - E-Book
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Beschreibung

Von der Griechin Sappho bis zur Britin J. K. Rowling: Eine weibliche Literaturgeschichte in 99 PorträtsIhre Verse haben Jahrtausende überdauert wie Sapphos Poesie, sie schrieben in düsteren Verhältnissen wie die Schwestern Brontë, erfanden den weiblichen Fantasy-Roman wie Irmtraud Morgner, radikale Schreibweisen wie Elfriede Jelinek und die berühmteste Romanfigur der Gegenwart, Harry Potter. 99 schreibende Frauen haben die Autorinnen für ihren weiblichen Kanon der Literaturgeschichte ausgewählt. Sie porträtieren die Autorinnen, betten ihr Werk in Lebens- und Zeitumstände, positionieren sie innerhalb literarischer Traditionen und an deren Bruchstellen. Eine Wanderung durch die weiblichen Gefilde der Weltliteratur, für die man nichts mitbringen muss als Neugier und Leselust.

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Seitenzahl:1031


Ihre Verse haben Jahrtausende überdauert wie Sapphos Poesie, sie schrieben in düsteren Verhältnissen wie die Schwestern Brontë, erfanden den weiblichen Fantasy-Roman wie Irmtraud Morgner, radikale Schreibweisen wie Elfriede Jelinek und die berühmteste Romanfigur der Gegenwart, Harry Potter.

99 schreibende Frauen haben die Autorinnen für ihren weiblichen Kanon der Literaturgeschichte ausgewählt. Sie porträtieren die Autorinnen, betten ihr Werk in Lebens- und Zeitumstände, positionieren sie innerhalb literarischer Traditionen und anderen Bruchstellen. Eine Wanderung durch die weiblichen Gefilde der Weltliteratur, für die man nichts mitbringen muss als Neugier und Leselust.

Sie schreiben für bekannte Medien wie Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, NZZ am Sonntag, ARD sowie den Hörfunk und sind erfolgreiche Autorinnen: ELKE SCHMITTER mit dem Roman »Frau Sartoris«; URSULA MÄRZ mit dem biographischen Essay »Du lebst wie im Hotel«; GUNHILD KÜBLER mit einer Neuübersetzung von Gedichten von Emily Dickinson und VERENA AUFFERMANN mit der Romanze »Nelke und Caruso«.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort - Eine fehlt immer...Leidenschaften. 99 Autorinnen der WeltliteraturAnna Achmatowa – Herzschlag der ErinnerungIlse Aichinger – Geboren, um zu verschwindenIsabel Allende – In der SchneekugelBettine von Arnim – Zum Weltumwälzen geborenMargaret Atwood – Körper, Kleider, KatastrophenJane Austen – Enge Räume, weite GedankenIngeborg Bachmann – Die ZerrisseneDjuna Barnes – Vertauschte RollenSimone de Beauvoir – Arithmetik des VorsprungsKaren Blixen – Sag, wer bin ich?Jane Bowles – Besuche vom MarsAnne Brontë, Emily Brontë, Charlotte Brontë – Das Täuschende TrioLeonora Carrington – Die verdrehte Sicht der DingeWilla Cather – Die harte HerrlichkeitEileen Chang – Dunkler MondPaulina Chiziane – Gezeiten im KriegInger Christensen – Ordnung ist das halbe DichtenAgatha Christie – Mord und GemütlichkeitChristine de Pizan – Die erste IntellektuelleColette – Gesamtkunstwerk à la françaiseHedwig Courths-Mahler – Opium fürs FrauenherzEmily Dickinson – Eine Seele in WeißglutAssia Djebar – Die Gelehrte der WegeAnnette von Droste-Hülshoff – Erschüttert, aber nicht ErdrücktMarguerite Duras – Liebe, Mystik, PolitikGeorge Eliot – Ironie und RührungMarieluise Fleißer – Nachrichten aus der ProvinzPaula Fox – Wer von der Angst sprichtNatalia Ginzburg – Das LebenslateinNadine Gordimer – Schreiben am Kap des EngagementsPatricia Highsmith – Ordnung muss seinHildegard von Bingen – Eine einmalige KarriereRicarda Huch – Courage und EinsamkeitElfriede Jelinek – Ihre tödliche DosisLídia Jorge – Leben im Krieg und nach der DiktaturJuana Inés de la Cruz – Die Sakristei als SalonMascha Kaléko – Wunder, zu SpätSarah Kane – Der Tod ist mein LiebhaberMarie Luise Kaschnitz – Stark und hinfälligA.L. Kennedy – In der SchräglageSarah Kirsch – Politik und NaturHanna Krall – Die Biografie-RetterinAgota Kristof – Die WörterbuchleserinBrigitte Kronauer – Die Wirklichkeit feiernMadame de La Fayette – Anatomie der LiebeElse Lasker-Schüler – Prinz aus ThebenDoris Lessing – Im Haupt- und NebenwiderspruchRahel Levin Varnhagen – Schicksal, das von sich weißAstrid Lindgren – Ein Hang zur AnarchieClarice Lispector – Fürs Schreiben lebenKatherine Mansfield – Meisterin der NebenbemerkungFriederike Mayröcker – Man muss sein, wie man istCarson McCullers – Von der Niedertracht der MenschenMargaret Mitchell – Der Trotz als HerzschrittmacherMargriet de Moor – Zufall und SchuldElsa Morante – Mamma RomaIrmtraud Morgner – Plädoyer für mehr GrößenwahnToni Morrison – Geschnappt und AbgeführtHerta Müller – Die Reisende auf einem BeinAlice Munro – Das unheimlich einfache LebenMurasaki Shikibu – Am Hof der SchürzenjägerIrène Némirovsky – Im Koffer ein WeltuntergangAnaïs Nin – Ein offener TresorJoyce Carol Oates – Laufen, um nicht stehenzubleibenSilvina Ocampo – Phantastische WirklichkeitEmine Sevgi Özdamar – Am CheckpointDorothy Parker – New Yorks schärfste ZungeErica Pedretti – Das unerzogene AugeSylvia Plath – Genie und LebenswutKatherine Anne Porter – Das ganze krumme HolzFanny Gräfin zu Reventlow– Meuterei der LebenslustYasmina Reza – Mit dem Vater lachenJean Rhys – Nicht fürs Glück geborenJoanne K. Rowling – Und dann kam Harry PotterArundhati Roy – Fern der ElfenbeintürmeNelly Sachs – In den Wohnungen des TodesFrançoise Sagan – Traurigkeit — komm, TraurigkeitGeorge Sand – Lustvolle GrenzgängerinSappho – Die ErsteNathalie Sarraute – Menschen ohne NamenAnna Seghers – Treue und VerschleißSei Shonagon – Die Listen der HofdameMadame de Sévigné – Geschriebene GeselligkeitZeruya Shalev – Bis zum ZerreißenMary Shelley – Schwermut und SchicksalSusan Sontag – Antipodin ihrer selbstJohanna Spyri – Kind sein für immerMadame de Staël – Genie hat kein GeschlechtGertrude Stein – Die JahrhundertfrauHarriet Beecher Stowe – Die Macht des MitgefühlsMagda Szabó – Zwang und SelbstbehauptungWisława Szymborska – Den Augenblick anhaltenLjudmilaUlitzkaja – Das Matrjoschka-PrinzipChrista Wolf – Das Ich und seine MöglichkeitenVirginia Woolf – Werkstatt des EigensinnsMarguerite Yourcenar – Vagabundin des GeistesZhang Jie – Zorn und MelancholieUnica Zürn – In den Eingeweiden der SpracheMarina Zwetajewa – Kein Haken, kein LüsterNachwortDie VerfasserinnenBildnachweisCopyright

Vorwort

Eine fehlt immer...

Eine fehlt immer. Das ist die übliche Erfahrung bei Anthologien, in Gemäldesammlungen, sogar bei Geburtstagspartys und Trauerfeiern: Irgendeinem fällt immer irgendeiner ein, der doch dazugehört hätte, den man aus diesen und jenen Gründen vermisst. Und wenn ihr schon Jules eingeladen habt, warum dann nicht auch Jim?

Darüber kann man lange reden; zum Schluss kommt immer der letzte Satz, der auch der Erste sein könnte: Wir hatten nicht mehr Stühle. Es gab nicht mehr Geld für den Bildertransport. Es hätten dann nicht eins, sondern zwei Bücher sein müssen.

Deshalb heißt es bei »Leidenschaften« schon im Untertitel: »99 Autorinnen« - weil immer eine fehlt zum vollen, zufriedenen Hundert. Natürlich kommt bei begrenztem Platz die anregende Diskussion, warum dann Mascha und nicht Vicky, gleich noch besser auf Touren. Unser vorläufig letztes Wort dazu findet sich am Schluss dieses Buches. Davor gibt es 99 Porträts, die von Autorinnen erzählen, die alle nur zweierlei gemeinsam haben: ihre Berufung und ihr Geschlecht. Und ein Drittes allerdings auch: Sie haben uns fasziniert.

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter

HERZSCHLAG DER ERINNERUNG

Bild 34

Anna Achmatowa1889-1966

Ihr Stern ist klein. Er ist selten zu sehen und schimmert nur schwach. Aber er wird nicht sinken. Seine Form ist beinahe ein Kreis, sein Durchmesser beträgt neun Kilometer, seine Entfernung von der Erde mindestens 141 Millionen Kilometer. Der Planet Nr. 3067 wurde im Jahr 1982 in das Verzeichnis der »Minor Planet Circulars« aufgenommen, »named in honor of Anna Andreevna Akhmatova. Outstanding Poetress.«

Zwei Leserinnen sorgten dafür. Ljudmila Karatschkina und Ljudmila Schurawljowa nutzten ihre Tätigkeit am Astrophysischen Institut auf der Krim in den achtziger Jahren zu einer so diskreten wie nachhaltigen Korrektur der sowjetischen Kulturgeschichte: Im selben Jahr wie Achmatowa erhielten der Regisseur Andrei Tarkowski sowie die Schriftsteller Michail Bulgakow und MARINA ZWETAJEWA einen Himmelskörper auf ihren Namen - Tote und Totgeschwiegene.

Anna Achmatowa hat das nicht mehr erlebt, doch es ist anzunehmen, dass es ihr gefallen hätte. Nicht nur wegen der Unsterblichkeit - die sie verdient zu haben sicher war. Nicht nur, weil die Literaturzeitschrift ihrer Lebensstadt Petersburg den Titel »Swesda« (Stern) trug. Sondern auch, weil in ihren Gedichten der Himmel, die Wolken und die Gestirne das sprechende Ich treulich begleiten: als Resonanzräume einer Seele, der die Welt nicht groß genug sein kann.

Mit Liebesgedichten fing sie an. Die großgewachsene, überwältigend schöne Anna Andrejewna Gorenko war von Anfang an überzeugt, dass die Stimmungen eines einzelnen, eines einzigen Menschen, formuliert man sie nur gut genug, von mitteilenswerter Bedeutung sind. Die Schwüle eines Abends im Sommer, der silbern glitzernde Teich, die vertrockneten Immortellen - sind das nicht sprechende Zeichen für ein denkendes Herz? Der Mensch und das Universum, das Ich und sein Wetter, das war von Anfang an ihr Programm. Wörtlich und konkret: Die Metaphern der Symbolisten, die den Ton angaben, als sie die literarische Bühne betrat, verachtete sie. Kein Antlitz wie eine Blume, kein Vögelzwitschern, wenn man Liebesgeflüster meint - sondern das Antlitz, genau wie es war, »schmerzlich« und »böse« vielleicht, und die Worte grob oder zärtlich, so wie sie waren. »Gedichte müssen schamlos sein«, nur dann kann entstehen, worum es geht: Die Geheimnisse der Psyche werden offenbar, und das Einzelne wird allgemein, das Unbegriffene verständlich, die tiefste Einsamkeit mitteilbar.

Die Hörer und Leser dankten ihr die Radikalität. Von ihren ersten Auftritten an war die junge Dichterin, die sich den klangvollen Namen Achmatowa gab (der nicht genuin russisch ist, sondern an eine tatarische Ahnin erinnert), ein populäres Phänomen. Ihre Gedichte - kurz oder lang, aber streng im Versmaß gehalten und gereimt - konnten ihre Leser auswendig. Sie waren, am Beginn ihrer Laufbahn, modern. Am Ende waren sie Klassiker. Literarische Programme, Parteitagsbeschlüsse und Kulturrevolutionen zogen daran vorbei. Zweimal wurde vernichtet, was es gedruckt von ihr gab - auf staatlichen Befehl. Über Jahrzehnte hatte sie Berufsverbot. Sie schrieb kaum etwas auf, sondern trug ihre Gedichte den engsten Freunden vor, damit sie die Verse im Gedächtnis behielten. Manuskripte zu verstecken, in einem spärlich möblierten Zimmer, wäre zu gefährlich gewesen. So wanderte, was sie schrieb, unmateriell ins Bewusstsein. Das passte zu ihrem Werk. Das Politische wurde sphärisch, und die stupid-brachiale Kulturpolitik der Sowjetunion gekontert mit dem letzten Unerreichbaren : dem menschlichen Gedächtnis.

Sie selbst war, am Ende des Lebens, verkörperte Erinnerung. »Ich aber wuchs in buntbestickter Stille / Im kühlen Kinderzimmer des Jahrhunderts.« Im Kinderzimmer des Jahrhunderts, das heißt: in der Vorzeit der Russischen Revolution, in einer Epoche, die kulturell vollständig vernichtet wurde. Eine melancholische, von Ehestreitigkeiten und Todesfällen in der Familie belastete Kindheit - zwei Schwestern starben früh an Tuberkulose - im russischen Bürgertum : hohe Spiegel in Rahmen aus Nussholz im gelben Licht der Öllampen, gepolsterte Sessel, enge Mieder und raschelnde Röcke. Ein einziges Buch im Haus: die Hinterlassenschaft des ersten Manns ihrer Mutter, der in das Attentat auf den Zaren Alexander II. im Jahr 1881 verwickelt war und sich erschossen hatte, um der Verhaftung zu entgehen. Hinter den Kulissen rumorte es in Russland längst.

Ein paar Jahre lang gab es für Achmatowa das, was man eine emanzipierte Künstlerjugend nach europäischem Vorbild nennen kann. Sie begann ein Jurastudium in Petersburg, sie schrieb, sie verliebte sich und heiratete. Als Jungvermählte ging sie mit ihrem Mann nach Paris, eine entschlossene Bohemienne und bald schon eine unglückliche Ehefrau. Ihr erster Mann - Dichter und Exzentriker wie sie, aber auch Reisender aus Passion - zog weiter nach Afrika und ließ sie zurück. Achmatowa blieb zunächst in Paris, freundete sich mit dem italienischen Maler Amedeo Modigliani an (ein von Modigliani gemaltes Porträt von ihr hing zeitlebens über ihrem Bett) und bereiste, wieder mit ihrem Mann, den Norden Italiens. Zurück in Russland, gab es für sie noch ein Jahr der reinen Künstlerexistenz: Lesungen und Partys, programmatische Zusammenkünfte ihrer literarischen Gruppe, der Akmeisten, Freundschaften mit Boris Pasternak und Ossip Mandelstam, mit der Tänzerin Olga Glebowa-Sudejkina. Als Anna Achmatowa ihren zweiten Gedichtband publizierte, brach der Erste Weltkrieg aus, an dessen Ende stand in Russland die Revolution. Von nun an war ihr Leben nicht nur überschattet, sondern geprägt von der trostlosen Geschichte ihrer Heimat. Von den siebenhundert Autoren, die 1934 am Ersten Schriftstellerkongress der Sowjetunion in Moskau teilgenommen hatten, überlebten nur fünfzig bis zum Zweiten Kongress im Jahr 1954. Von denen, die nicht im Krieg gefallen waren, wurden Unzählige liquidiert, verschwanden in Arbeitslagern oder starben an staatlich organisierter Verelendung. »Ihr aber, Freunde, letztes Aufgebot! / Mir blieb das Leben, damit ich Euch bewein.«

Achmatowas erster Mann meldete sich 1914 freiwillig an die Front; sie blieb mit dem einzigen Kind zunächst bei den Schwiegereltern auf deren ländlichen Gut. Dann ging sie zurück nach Petersburg und zog in das Palais des Grafen Scheremetjew, das in kleine Wohnungen aufgeteilt worden war - ihre Heimat mit wechselnder Besetzung bis in die fünfziger Jahre. Die zweite und dritte Ehe fand hier statt, in der typischen sowjetischen Enge: Phasenweise lebte sie mit der ersten und der aktuellen Gattin ihres geschiedenen dritten Mannes zusammen, nie hatte sie mehr als »ein Zimmer für sich allein« (VIRGINIA WOOLF), und manchmal nicht einmal das.

Ihre Ehen waren nicht glücklich, das Verhältnis zum Sohn belastet von Angst: Dessen Vater war 1921 als »Verräter« erschossen worden, Lew selbst verbrachte über fünfzehn Jahre im Gefängnis, in Arbeitslagern und Verbannung. Um ihn zu retten, schrieb sie patriotische Hymnen und Bittgesuche an Stalin. Unmittelbar half das nicht, aber immerhin wurde sie vorübergehend wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, was hieß: garantierter Wohnraum, Anspruch auf ein Minimum an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

Die Umschwünge der Kulturpolitik ertrug sie mit äußerer Gelassenheit, doch niemals war sie ohne Grund zur Furcht. Als »halb Nonne, halb Hure« wurde sie öffentlich verfemt, da die Boheme zum Klassenfeind geworden war: ihre rein subjektive Lyrik, in der jede, auch die politische Erfahrung, zur Wahrnehmung verschmolz (»Und in der toten Stadt mit ihrem gnadenlosen Himmel / Schweif ich umher nach Brot und Obdach«), ihre Anrufung Gottes und der vorrevolutionären Vergangenheit waren dem Regime immer suspekt. Doch gerade weil sie nur ihrer Wahrnehmung vertraute, fand sie Worte für die leidvollen Erfahrungen des Krieges, die sie zur inoffiziellen Nationaldichterin machten : »Und wieder gehen in Reih und Glied die Leningrader, / Lebende, Tote im Rauch: Der Ruhm kennt keine Toten.« Ihre Verse waren aus dem kollektiven Gedächtnis nicht zu tilgen.

Lebenslang materiell bedürfnislos, brachte sie sich über Jahrzehnte mit Übersetzungen durch. In der Sowjetunion erhielt sie niemals eine offizielle Ehrung; in der »Tauwetterperiode« unter Chruschtschow, Mitte der fünfziger Jahre, wurde ihre Existenz allerdings leichter, nach 1957 durfte sie Einzelnes wieder publizieren. Sie lebte abwechselnd in ihrem kleinen Sommerhaus bei Petersburg und bei Freunden in Moskau, immer umgeben von Vertrauten und ihrem Sekretär, und empfing Bewunderer aus der ganzen Welt. Neben Alexander Solschenizyn ist sie die wichtigste literarische Zeugin des Stalinismus - Zeugin der Vernichtung einer literarischen Hochkultur, wie sie ihre Freunde Pasternak, Mandelstam und Marina Zwetajewa repräsentierten, aber auch der Qualen des russischen Volkes, als deren Stimme sie sich empfand. Wie hunderttausende andere hatte sie jahrlang nicht gewusst, ob die ihr Liebsten noch lebten, ob sie in der Verbannung waren, ob man ihnen etwas zukommen lassen durfte. »In den furchtbaren Zeiten der Herrschaft Jeschows brachte ich siebzehn Monate in den Warteschlangen vor den Gefängnissen Leningrads zu. Irgendwann irgendwie erkannte mich jemand wieder. Eine hinter mir stehende Frau mit blaugefrorenen Lippen, die natürlich noch nie meinen Namen gehört hatte, erwachte aus der uns allen eigenen Erstarrung und Vereinzelung und fragte dicht an meinem Ohr (alle sprachen dort nur im Flüsterton): Und können Sie das hier beschreiben? Da sagte ich: Ich kann. Da ging so etwas wie ein Lächeln über das, was einstmals ihr Gesicht gewesen war.«

Biografisches

Anna Andrejewna Gorenko wurde am 23. Juni (nach dem russischen Kalender: 11. Juni) 1889 in Bolschoi Fontan bei Odessa als viertes Kind des Marineoffiziers Andrei Gorenko und seiner Ehefrau Inna Erasmowna geboren. Die Ehe der Eltern wurde 1905 geschieden; mehrere Geschwister Annas starben früh an Tuberkulose. Ab 1907 studierte sie Jura an der Universität Kiew und veröffentlichte Gedichte in Literaturzeitschriften. 1910 heiratete sie den Studenten, Reisenden und Dichter Nikolai Stepanowitsch Gumiljow. Sie ging mit ihm nach Paris, wo sie Amedeo Modigliani begegnete. 1911 gründete sich in St. Petersburg, dem von nun an dauerhaften Wohnsitz Achmatowas, die Gruppe der Akmeisten, zu der neben ihr und Gumiljow auch Ossip Mandelstam, Michail Kusmin und andere Dichter gehörten. Anna Achmatowa, die seit etwa einem Jahr unter ihrem selbsterdachten Pseudonym veröffentlichte, wurde bald die bekannteste Vertreterin dieser Gruppe. Ein Jahr später, kurz nach der Geburt des Sohnes Lew, trennten sich Achmatowa und Gumiljow.

Zwei weitere Ehen folgten: 1918 heiratete sie den Assyrologen Wladimir Schileiko, 1922 den Kunstwissenschaftler Nikolai Punin. Im selben Jahr erschien ihr fünfter und letzter Gedichtband vor dem Berufsverbot. 1935 erfolgte die erste Verhaftung des Sohnes Lew. Nachdem sich dieser durch den Frontdienst im Zweiten Weltkrieg vorübergehend rehabilitieren konnte. wurde er 1949 erneut verhaftet und zu zehn Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt. 1956 wurde er aus der Haft entlassen. Ab 1940 vollzog sich die zeitweilige Rückkehr Anna Achmatowas ins literarische Leben der UdSSR. Im Jahr 1950 verfasste sie ihre Stalingedichte, 1951 erfolgte die Wiederaufnahme in den Sowjetischen Schriftstellerverband. 1962 widmete Alexander Solschenizyn ihr die Erzählung »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch«; im selben Jahr erschien ihr »Poem ohne Held«. 1964 nahm sie in Sizilien den Ätna-Taorima-Literaturpreis entgegen, ein Jahr später in Oxford die Ehrendoktorwürde. Am 5. März 1966 starb Anna Achmatowa an den Folgen ihres vierten Herzinfarktes in einem Sanatorium in Domodedowo bei Moskau.

Leseempfehlung

»Vor den Fenstern Frost« (Gedichte und Prosa). Aus dem Russischen von Barbara Honigmann und Fritz Mierau.

»Gedichte. Russisch—Deutsch«. Herausgegeben von Ilma Rakusa. Aus dem

Russischen von Heinz Czechowski.

»Liebesgedichte«. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg.

»Ein niedagewesener Herbst« (Gedichte). Aus dem Russischen von Sarah und Rainer Kirsch.

»Briefe, Aufsätze, Fotos«. Herausgegeben von Siegfried Heinrichs. Aus dem Russischen von Irmgard Wille u. a.

Elke Schmitter

GEBOREN, UM ZU VERSCHWINDEN

Bild 41

Ilse Aichinger*1921

Für eine weiblich-zierliche Frau war sie zu grausam, für eine Poetin auch. An die Schon- und Schweigefristen nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sie sich nicht. Sie beschrieb, was sie Schreckliches erlebt hatte, worüber aber erst vierzig Jahre später offen diskutiert wurde. Sie sagte die Wahrheit, bevor es erlaubt war, die Wahrheit zu sagen. Sie dachte nicht daran, auf die Täter Rücksicht zu nehmen.

Ilse Aichinger war siebenundzwanzig Jahre alt, als 1948 im Bermann Fischer Verlag (Amsterdam) ihr erster und einziger Roman »Die größere Hoffnung« publiziert wurde. Ein Buch, das man totschwieg. So war es fast, als sei es niemals geschrieben worden. Es dauerte drei Jahre, bis 1951 die erste Rezension zu diesem finsteren Märchen erschien, das die Geschichte vom Mädchen Ellen erzählt. Ellen heftet sich den Judenstern an, den sie als Halbjüdin mit einem Vater, der ein richtiger Nazi war, gar nicht zu tragen brauchte. Ellen geht in ihrem zu kurzen Mantel mit ihrem gesparten Geld in eine Konditorei, um für ihren Freund Georg die Torte zu kaufen, auf der mit Zuckerguss »Zum Geburtstag« steht. Sie wollte Georg den Kuchen schenken, denn diese Torte »war der Friede selbst«. Aber es herrschte kein Frieden, weder in der Konditorei noch in den Köpfen der kuchenessenden Konditoreibesucher, noch im Kopf der Verkäuferin, die Ellen aus dem Geschäft jagte. Es herrschte die Judenhatz. »Die Pest ist ausgebrochen, aber niemand bemerkt es. «

»Ein Buch, das geduldig auf uns wartet«, schrieb am 22. November 1980 der Schriftsteller Peter Härtling über »Die größere Hoffnung« in der »Süddeutschen Zeitung«, und der Kritiker Joachim Kaiser erwiderte: »›Wir‹ hatten nämlich kurz nach dem Krieg nicht jene poetische Freiheit gegenüber Phänomenen wie der Nazi-Judenverfolgung und dem KZ-Staat, die eine junge als Halbjüdin betroffene Dichterin sich einfach nahm.« Ilse Aichinger kam in ihrem langen Leben immer zu früh oder zu spät: »Warte, wenn du erst entdecken wirst, wie falsch das Richtige ist.« Sie entschied sich, nur noch das Wichtigste zu sagen, komprimierte Sätze, Einsichten in das komplexe Verhalten der Menschen. Sie ließ Personen in Hörspielen reden, erfand Szenen, schrieb knappe Texte und sprach über Weniges so oft wie über die Sehnsucht, zu schweigen und zu verschwinden.

»Wenn meine Sprache die Stimme verliert, hat sie einen Grund mehr, das Gespräch mit mir sein zu lassen.« Doch die Poesie ließ sie nicht in Ruhe, die Poesie verbot ihr zu schweigen und kämpfte gemeinsam mit ihr gegen den Hohn, überlebt zu haben. Alle tot oder abwesend. Die eigene geliebte Großmutter deportiert, die Zwillingsschwester Helga nach England geflohen, der Vater getürmt. Sie selbst musste in Wien bei der Mutter bleiben, weil nur sie, das halbjüdische Kind, der Mutter durch ihre Existenz das Leben retten konnte - was sie schließlich auch tat. Wie die Mutter wollte sie Ärztin werden, beendete ihr Studium aber wegen der Arbeit am Roman nicht. Später hat sie das oft bedauert. In ihren schlanken Büchern mit den kompakten Sätzen, den Aphorismen, den Szenen, den ganz kurzen Erzählungen, macht Ilse Aichinger minimale Ausflüge. Ausgangspunkt und Endpunkt ist die eigene Biografie. Zentrale Wunde, das Naziregime. »Born to be murdered«, heißt es im »Dritten Mann«. Im Fall von Ilse Aichingers eigener Familie heißt das: »Born to disappear«.

Zur falschen Zeit, im falschen Land, mit zwei »falschen« und zwei »richtigen« Großeltern, mit der »falschen« Begabung für und gegen das Verschwinden zu leben ist die Schizophrenie an sich. Ilse Aichinger kämpfte um die Essenz der Wörter, die sie am liebsten ausgelöscht hätte und doch aufschreiben musste. Das eine mag besser sein als das andere, der Tod im Kino besser als der Tod im Krankenhaus, die schlechten Wörter besser als die schönen, der »schwindende Herbst« besser als der »lärmende Frühling«, die Gescheiterten besser als die Erfolgreichen und so weiter und so weiter. Irgendwann ging Ilse Aichinger dazu über, das Maß zwischen Lebenszeit und Weltzeit als philosophische Séance hinzunehmen und sich in ihrer melodischen Wiener Sprache für das »Flüchtige« zu entscheiden. Eine Schriftstellerin als Nomadin, die sich von den irdischen Zielen ihrer Kollegen nach Werk, Ruhm und Nachruhm absetzt. Fünfzehn Jahre veröffentlichte sie nichts, ging ins Wiener »Fasankino« und in die anderen Kinos der Stadt, jeden Tag drei bis vier Vorstellungen, jeden Nachmittag und Abend im Dunkeln. So übte sie das Verschwinden, und dazwischen, sie weiß selbst nicht wie oft, sah sie Louis Malles »Auf Wiedersehen Kinder«, ihren Lieblingsfilm. Filme wie diesen nennt sie »Träumen ähnlich, die einen auch tagsüber begleiten, sehr präzisen Träumen«.

Der Wunsch zu verschwinden ist weder Koketterie noch ein Einfall, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Sie hat ihn oft ausgesprochen, und immer klang er fremd, Worte zwischen warm und kalt, eine Zumutung für das Gegenüber. Der Wunsch ist Ilse Aichingers Kommentar zur Judenvernichtung. Die erste Szene in der Realität ihres langen Lebens datiert sie auf den Tag der Geburt. Weil sie als eineiiger Zwilling zur Welt kam, konnte sie sich hinter dem zweiten Ich, hinter dem Rücken ihrer Schwester verstecken. Wer bist du? Helga? Oder Ilse? Von Anfang an verschwunden zu sein, »fast ein zu großer Ehrgeiz« und doch ihr unerbittlicher. Vergessen ist für Ilse Aichinger die Quelle der Erinnerung. »Jeder Augenblick muss verloren gehen, um wieder auftauchen zu können.« Sie war mit dem vierzehn Jahre älteren »schweigsamen« Schriftsteller Günter Eich verheiratet, dessen Name wie die Kurzform ihres eigenen Namens klingt.

Gelassen sitzt sie auf einem bequemen Sessel am Tisch im gesprenkelten Licht der Kronleuchter des Wiener »Hotel Imperial«, wo man die »Dame« wie eine Hausheilige behandelt und wofür sich diese mit einem scheuen Blick bedankt. Die »Gleichgültigkeit«, in die sich Ilse Aichinger seit mindestens dreißig Jahren einübt, spricht nicht gegen ihre Liebenswürdigkeit. »Phantasie?« Ilse Aichinger phantasiert nicht, keine Abschweifung, keine Ungenauigkeit, und vor allem die »guten Wörter« vermeiden. Sie will nicht die »gute Welt«, sondern die »richtige Welt« sehen.

Ilse Aichinger führt Beweis, dass die Wörter sich oft besser verstehen als diejenigen, von denen sie gebraucht werden.

Biografisches

Ilse Aichinger kam am 1. November 1921 mit ihrer Zwillingsschwester Helga in Wien zur Welt. Sie war die Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers, wurde im katholischen Glauben erzogen und wuchs nach der Scheidung der Eltern bei den Großeltern auf. Nach der Besetzung Österreichs durch die Deutschen versuchte die Familie nach England zu emigrieren, was nur der Zwillingsschwester Helga gelang. Aichingers Roman »Die größere Hoffnung« erschien 1948, es folgte eine Tätigkeit als Lektorin im S. Fischer Verlag und 1952 der Preis der »Gruppe 47«. Im Jahr darauf heiratete Ilse Aichinger den Lyriker und Hörspielautor Günter Eich, zog mit ihm aufs Land an der österreichischdeutschen Grenze, bekam zwei Kinder (den Schriftsteller Clemens Eich und Mirjam Eich) und schrieb Hörspiele, Erzählungen, Dialoge, Gedichte. 1988 zog Ilse Aichinger wieder nach Wien. Sie bekam viele wichtige Literaturpreise, den Büchner-Preis bekam sie nicht.

Leseempfehlung

»Die größere Hoffnung« (Roman).

»Verschenkter Rat« (Gedichte).

»Kleist, Moos, Fasane« (Prosa).

»Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben« (Prosa).

Verena Auffermann

IN DER SCHNEEKUGEL

Bild 28

Isabel Allende*1942

Ob der Küchentisch wirklich wackelte? So etwas, würde sie wohl sagen, interessiert überhaupt nur Kritiker und Journalisten, ihre Leser jedenfalls nicht. Und damit hätte sie recht. Er klingt jedenfalls gut, der Satz, dass sie ihr erstes Buch an einem wackligen Küchentisch schrieb, und es passt zu all dem, was dem Namen Isabel Allende seinen spezifischen Klang verleiht: Lebensnähe und Humor, Weiblichkeit, Hoffnung auf Glück und eine Spur Trotz. Wenn man außerdem berücksichtigt, dass ihr erster Roman »Das Geisterhaus« - ebenso wie ihr späterer großer Erfolg, »Paula« - als Brief an ein Familienmitglied entstanden sein soll (im Falle des »Geisterhauses« an den Großvater, im anderen an die Tochter), dann hat man beisammen, was ihr Publikum liebt: die Inszenierung größtmöglicher Intimität. Wer Isabel Allende liest, der kennt ihre weise Großmutter, den liebenswürdigen Stiefvater, diverse verrückte Tanten und freundliche Onkel, neurotische Hunde und Papageien, der war am Strand im Sommerhaus, und der weiß, wie schön ihre Tochter Paula war, denn er hat deren Foto auf dem Buchumschlag gesehen. Wer Allende liest, gehört zur Familie.

Und mit der Familie begann ihre große Karriere. Anfang der achtziger Jahre setzte sich die chilenische Journalistin und zweifache Mutter Isabel Allende im venezolanischen Exil an den wahrscheinlich wackligen Küchentisch und beschrieb Hunderte von Seiten mit einer Familiengeschichte, in der die märchenhaftesten Begebenheiten, die schauerlichsten Ereignisse und die zauberhaftesten Wendungen einander ablösten wie die winzigen Panoramen einer Laterna magica.

Das Publikum war reif für diese Art Reichtum. Fünfzehn Jahre zuvor hatte Gabriel García Márquez mit dem Epos »Hundert Jahre Einsamkeit« Kolumbien auf die literarische Weltkarte gemalt und den »magischen Realismus« begründet. Márquez, ursprünglich Journalist wie Allende, hatte die Wunder seiner Welt in ein Kuhdorf namens Macondo versetzt, in dem Männer mit Schweineschwanz, Sintfluten und Zahlenmystik wenn nicht als etwas Natürliches, so doch als unabwendbar erschienen. Allende, Nichte des ersten demokratischen chilenischen Präsidenten Salvador Allende, kommt aus einem anderen Stall, und so spielt die Geschichte des »Geisterhauses« zwar teils auf dem Land, unter den Armen, Verrückten und Untröstlichen. Doch teils eben auch im gesitteten Bürgertum von Santiago de Chile, im Glanz einer selbstbewussten Kultur und demokratischen Ordnung - bis ein Militärputsch ihren Onkel in den Tod und sie selbst außer Landes trieb.

»Barrabas kam auf dem Seeweg in die Familie.« Mit diesem Satz, den die zehnjährige Clara in die Familienchronik schreibt, beginnt und endet das Epos. Es schickt die Leser in einen Erzählstrom hinaus, von dem sie willenlos getragen werden, hin und wieder im Strudel der Ereignisse beinahe untergehend. Denn die eine Geschichte geht unaufhaltsam in die nächste über, wie das bei Familienszenen eben so ist. Es hören ja nie alle gleichzeitig auf zu sprechen und zu handeln. Und wie bei Familienerzählungen üblich, ist die Logik totalitär. Nicht nur hat der eine vom anderen dieses und jenes geerbt, so dass Jähzorn und Diabetes, Hellseherei und rotes Haar gleichermaßen schicksalhaft erscheinen - es gibt auch für alles eine Erklärung. Die letzte Erklärung ist von jeher die beste: Es war ein Wunder. »Siehst du diesen ernsten Herrn mit dem Seeräuberschnurrbart?«, erklärt die Mutter der Tochter ein Bild an der Wand: »Das ist Onkel Mateo, der wegen eines Smaragdgeschäfts nach Brasilien fuhr, und dort hat eine feurige Mulattin den bösen Blick auf ihn geworfen. Sein Haar ging aus, seine Nägel fielen ab, alle seine Zähne wackelten. Er musste einen Medizinmann aufsuchen, einen Voodoo-Zauberer, der ein pechschwarzer Neger war. Der gab ihm ein Amulett, und damit wurden seine Zähne wieder fest, die Nägel wuchsen nach, und er bekam sein Haar wieder. Sieh ihn dir an, Clara, er hat dichteres Haar als ein Indio. Er ist der einzige Glatzkopf auf der Welt, dem das Haar nachgewachsen ist.«

Wie in einer Schneekugel finden die Dinge den für sie vorgesehenen Platz; man kann rütteln an dieser Welt en miniature, doch in sie eindringen kann man nicht. Sie bleibt possierlich und immer sie selbst. Die europäische Leserin betrachtet Allendes Kosmos als Touristin, mit jener kindlichen Andacht, die deren Stil gewissermaßen fordert. Sie wird dafür mit Stunden der Versunkenheit und Selbstvergessenheit belohnt. Wenn sie das Buch benommen und erschüttert schließt, dann tröstet sie die Gewissheit, dass es in Chile, am anderen Ende der Welt, noch Schicksale gibt. Das sind besonders kostbare Gefühle für Menschen, die unter der eigenen Ernüchterung, unter der Entzauberung der Welt, unter Zeitnot und dem Gesetz der Effizienz leiden. Freilich sind jene Stunden gewissermaßen auch folgenlos. Das ist der Preis für den Besuch einer fernen Fabelwelt. Das Innere der Schneekugel ist, wieder zur Ruhe gekommen, von unveränderter Vollkommenheit.

Was diese Familienwelt à la Allende im Innersten zusammenhält, wechselt seine Erscheinungsform: Es kann das Wunder sein, die materielle Vererbung, es kann die Vorsehung sein, die sich als Zufall tarnt. Doch es gibt keine Leere in diesem Heilsplan der Fülle. Das macht die beschauliche Faszination der Lektüre aus, und es erklärt wohl auch die geradezu herzliche Beliebtheit der Autorin, die sich - in den klaren politischen Konturen der Demokratin und Frauenrechtlerin Allende - ihrem Publikum mit verlässlich weiblicher Anmut präsentiert: Man kann die größten Schrecken durchleben, lautet ihr Credo, und vielleicht daran zerbrechen, das Leben aber, das Leben selbst wird immer weitergehen und schenkt dem Suchenden sinnlichen Trost und tröstlichen Sinn.

Diese Botschaft verkünden alle Bücher Allendes - ihre Erzählungen, die historischen Romane, ihre Ausflüge in Fantasy- und Jugendliteratur. Und diese Botschaft hat mit »Paula«, ihrem zweiten Welterfolg, an Eindringlichkeit gewonnen. In dem tagebuchartigen Bericht an ihre im Koma liegende, erwachsene Tochter erzählt Allende 1994 noch einmal im realistischen Ton, aber diesmal ohne Magie, wie ihr Leben bis zu dem Unglück verlaufen ist: »Hör mir zu, Paula, ich werde dir eine Geschichte erzählen, damit du, wenn du erwachst, nicht gar so verloren bist.« Mit diesen Satz springt sie aus der Gegenwart am Krankenbett in ihre Autobiografie, die sich in vielem deckt mit dem, was sie zuvor geschrieben hat und was fortgeschrieben wird mit weiteren Büchern. In »Paula« erzählt sie unprätentiös, mit Witz und Selbstironie vom Schicksal einer Chilenin im Land der unbegrenzten Möglichkeiten - und von den Aufgaben des Lebens, die mit Erfolg, mit Berühmtheit und Geld nicht zu lösen sind: die eheliche Liebe, die Beziehung zu den Kindern, das Alter, die Sterblichkeit.

Mein Leben, lautet die Konsequenz, gehört meinem Publikum. Nicht nur, weil es alles erfährt, was sich gut erzählen lässt, sondern weil es Mitspieler ist in der »Soap« (sie selber hat es so genannt). So suchte sie, wie sie berichtet, unter den Frauen, die ihr zu »Paula« schrieben, nach einer neuen Lebensgefährtin für den verwitweten Schwiegersohn, hatte aber kein Glück - Ernesto war noch nicht bereit. Wie sie trotzdem für ihn fündig wurde, liest man im »Siegel der Tage«. Und so kann die Leserin ihrer Website auch für die Stiftung spenden, die Allende im Andenken an ihre Tochter gegründet hat und die von einer Schwiegertochter geleitet wird. Zuschriften an Allende werden ausgewählt für das Buch »Briefe für Paula«, das zwei Jahre nach »Paula« erscheint. Es bleibt alles in der Familie.

Biografisches

Isabel Allende wurde am 2. August 1942 in Lima, Peru, geboren. Sie entstammt einer weitverzweigten bürgerlichen Familie, der ehemalige chilenische Präsident Salvador Allende ist ihr Onkel. Nach der Trennung der Eltern im Jahre 1945 kehrt sie mit der Mutter und ihren Geschwistern nach Chile zurück. Sie wächst bei der Mutter auf - zunächst im großelterlichen Haus in Santiago de Chile, dann - mit dem Lebensgefährten der Mutter - in der bolivianischen Hauptstadt La Paz und in Beirut.

Ab 1960 war sie als Fernsehjournalistin in Santiago de Chile. 1962 heiratete sie einen chilenischen Ingenieur, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Als Allende im Jahr 1975 nach dem Putsch Pinochets mit ihrer Familie die Heimat verließ, hatte sie die erste feministische Zeitschrift Südamerikas (»Paula«) mitbegründet und bereits Theaterstücke und Kurzgeschichten publiziert. Im venezolanischen Exil erschien 1982 der Roman »Das Geisterhaus«. Seitdem veröffentlichte Isabel Allende in dichter Folge Romane unterschiedlichster Art, darunter solche mit historischen Themen und Abenteuergeschichten, sowie Kinder- und Jugendbücher. Der 1994 verstorbenen Tochter Paula ist das gleichnamige Erinnerungsbuch gewidmet. 1987 heiratete Allende einen amerikanischen Anwalt, mit dem sie heute in Kalifornien lebt. Ihre Bücher sind in siebenundzwanzig Sprachen übersetzt und erreichen eine Gesamtauflage von 35 Millionen Exemplaren.

Leseempfehlung

»Das Geisterhaus« (Roman). Aus dem Spanischen von Anneliese Botond.

»Von Liebe und Schatten« (Roman). Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz.

»Paula« (Roman). Aus dem Spanischen von Lieselotte Kolanoske.

Elke Schmitter

ZUM WELTUMWÄLZEN GEBOREN

Bild 45

Bettine von Arnim1785-1859

Vier Jahre hat sie sich selbst nicht gesehen. Mit neun Jahren, als ihre Mutter starb, wurde sie in ein Kloster nach Fritzlar bei Kassel gebracht, in dem es keinen Spiegel gab. Nun, als auch der Vater gestorben ist, soll sie bei der Großmutter leben. In deren Haus in Offenbach erlebt sie die Überraschung, sich selbst zusammen mit zwei Schwestern und der Großmutter im Spiegel zu erblicken. »Ich erkannte alle«, schreibt sie im Tagebuch, »aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, feingekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt; in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss ihr Treue und Glauben zusagen.«

So nahm sie von sich selbst Besitz. Sie war begeistert von sich, und sie blieb es bis zu ihrem Tod. Die Romantikerin Bettine von Arnim, geborene Brentano, war, allen Zeugnissen nach, von vielen Leiden ganz unberührt, die in ihrer Umgebung notorisch waren: Selbstzweifel und Ambivalenz, Grübelsucht und Schwermut, Lähmung des Willens und Langeweile. Als ihr bewunderter älterer Bruder Clemens ihr schreibt, sie solle mehr auf ihr Benehmen achten, um heiratswürdig zu sein, hilft alle Bewunderung nicht. Sie weist das Ansinnen zurück, sie könne sich auch nur im Geringsten beugen und biegen: »Ich bitte dich um Gottes willen, gib doch auch deine Stoßseufzer auf um einen lieben Mann, den du mir herbeiwünschest... es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber glaube, dass ich keiner Stütze im Leben bedarf, und dass ich nicht das Opfer werden mag von solchen närrischen Vorurteilen. Ich weiß, was ich bedarf — ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte. Zu was? — Dazu, dass ich das ausrichte und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun.« So hat sie es - trotz zwanzigjähriger Ehe - gehalten. Sie tat, was die innere Stimme ihr aufgab, und die innere Stimme sprach sich auch immer gern aus. Beides führte zur Verstörung, beim konventionellen Publikum und in ihrer Umgebung, und obwohl sie die Kränkungen spürte, blieb sie der treu, die sie war: glücklich mit sich und »zum Weltumwälzen geboren«.

Die ganze Welt hat sie nicht umgewälzt, aber doch einiges erreicht. In ihrer dritten Lebensphase, als Witwe Achim von Arnims, nutzte sie ihre Verbindungen und ihre Bildung, ihre ungeduldige Zähigkeit und schließlich ihr überragendes rhetorisches Talent, um den Teil der Welt, den sie übersah, zu verändern. Als Menschenrechtsaktivistin, wie wir heute sagen würden. Im biedermeierlichen Deutschland, vor und nach der gescheiterten 48er-Revolution, gab es für sie eine Menge zu tun. Für inhaftierte Revolutionäre, für vertriebene Demokraten, für arme und ganz arme Leute. Für die polnische Freiheitsbewegung, für diskriminierte Juden, für Kinder ohne Schulbildung und Verbrecher ohne Verteidiger. Für Cholerakranke, für Wahnsinnige, für hungernde Weber. Sie bewahrte dabei ihren Witz. »Bettina«, erinnert sich einer, »hatte die Laune, uns ihre ›Demokraten‹ zu nennen und so vorzustellen. Eines Abends klopft es stark an der Tür; sie eilt selbst hinaus; wir hören rasches Gespräch, da stürzt sie auf einmal mit lautem dämonischem Gelächter herein, lässt aber die Tür halb offen, so dass der Draußenstehende alles hören kann: ›Denken Sie sich nur, da kommt der Savigny, um meine Töchter zum Hofball abzuholen; ich sag ihm, er solle hereinkommen, ich wolle ihn mit meinen Demokraten bekannt machen; aber da bekam er Angst; und nun wartet und trippelt er draußen im Finstern herum.‹« Savigny, ihr Schwager und alter Freund, war preußischer Justizminister. Vermutlich wollte er sich nicht der Gefahr aussetzen, mit Leuten Tee zu trinken, die heute bespitzelt wurden, morgen verhört und übermorgen womöglich von seinen Beamten verhaftet. Bettine von Arnim hatte neben allem anderen auch sehr gute Nerven.

Sie galt lebenslang als »das Kind«, und das war ihr im mehrfachen Sinne recht. Das Versprechen der Kindheit, Unschuld und Geradlinigkeit, die Fähigkeit, zu staunen und an Wunder zu glauben, die Abwesenheit von Planung und Sorge, die Freude am Spiel - all das schätzte sie und hielt daran fest. Sie hatte die unerschöpfliche Energie eines gesunden Kindes. »Wär ich schon so, wie es in mir werden will, dann ritt ich stehend auf zwei Gäulen und spränge dazu durch den Reif!« Auch nutzte sie weidlich aus, dass ein Kind niemals verurteilt werden darf: Es mag eine Nervensäge sein, aber böse Absichten hat es doch nicht! Und schließlich passte es zu ihrer Erscheinung, die klein und behände war und deren knäbische Anmut sie unterstrich, indem sie noch als ältere Dame vorzugsweise hockte, wo andere saßen, und lief, wo andere schritten. Mit Brotkügelchen zu werfen, wenn ihr das Gespräch nicht gefiel, war auch eine Option.

Dabei kam sie aus sehr gutem Hause, und sie genoss an Erziehung, was üblich und möglich war: in den Kindheitsjahren im Kloster bei den Ursulinen, dann bei der berühmten Großmutter. Die Schriftstellerin Sophie von La Roche — deren Werk heute nur noch von historischem Interesse ist - war bis ins hohe Alter geistig lebendig, eine Freundin des französischen Aufklärers Mirabeau und des Schweizer Physiognomen Lavater. Der eine plädierte für den Umsturz der Verhältnisse, der andere, politisch ebenso radikal, verfuhr psychologisch nach der Devise: die Nase ist dein Schicksal. Von beidem nahm Bettine etwas mit — wenn sie auch die Nase, stillschweigend, durch das Gemüt ersetzte.

Der Haushalt der La Roche wurde weitläufig geführt. Für das frühe Interesse Bettines am Leben außerhalb ihrer Sphäre gab es allerdings kein Verständnis: das Goldstickermädchen Veilchen, mit dem sie sich anfreundete, sollte ebenso wenig ein Umgang für sie sein wie der Jude, den sie sich einbestellte, um Hebräisch zu lernen. Gegen den Antisemitismus des deutschen Bürgertums wird Bettine, die Freundin RAHEL LEVIN VARNHAGENS, lebenslang protestieren - politisch, persönlich und literarisch.

Ihr Leben als Jungfer war komfortabel. Mal mit, mal ohne den Bruder Clemens reiste sie von Landhaus zu Schlösschen, von Städtchen zu Stadt. Die Jugend des reichen Bürgertums war damit beschäftigt, sich zu bilden, zu musizieren und zu tanzen, lange, vertrauliche Briefe zu schreiben, die gern herumgezeigt wurden, und über Gott und den Menschen zu philosophieren. Das Geschlechterverhältnis sortierte sich neu. Zum ersten Mal überhaupt dachten Männer und Frauen gemeinsam nach, entwarfen neue Lebensmodelle und warfen sich entschlossen in jene bürgerliche Unordnung, die heute selbstverständlich ist: Die Liebe, eine Himmelsmacht, sollte auf Erden regieren. Ehen wurden geschieden, die Selbstverwirklichung wurde zum kostbaren Gut. Talente aller Art standen hoch im Kurs. Bettine, die hervorragend zeichnete, sehr musikalisch war und von leichter Auffassungsgabe, brachte es in allem weit und nicht weit genug - so befand jedenfalls ihre Freundin, die Dichterin Karoline von Günderrode. Die Stiftsdame, fünf Jahre älter als ihre Bewunderin, versuchte, sie systematisch zu bilden. Sie las ihr Schelling vor, worauf die immer gesunde Bettine fieberkrank die naturphilosophischen Begriffe halluzinierte. Die historische Bildung, das philosophische Studium, das systematische Denken: all das, befand Bettine, war schließlich nichts für sie. »Wozu ein Prinzip? Ein solches ist nur ein Pfosten, an dem man die Gedanken anbindet, um keine zu verlieren. Man lasse die Gedanken laufen. Es kommen immer neue. Mein Prinzip war stets, keins zu haben.«

Karoline von Günderrode wird ihre erste große Enttäuschung sein, und Bettine verfährt damit wie stets: produktiv. Sie macht schließlich ein Buch daraus. »Die Günderrode«, ein Briefroman, der dreiunddreißig Jahre nach dem Tod der Dichterin erscheint, zeigt das Missverständnis an: Es sind vor allem Bettines Briefe, die - mehr oder weniger stark bearbeitet - tagebuchartig erzählen, den Alltag und ihre Gedanken, Naturerlebnisse und Begegnungen intim und lebendig präsentieren. Bettines Günderrode hält sich zurück; sie räsoniert mehr, als sie erzählt, und sie erzieht mehr, als sich anzuvertrauen; hin und wieder legt sie Gedichte bei. Als sie sich in einen verheirateten Mann unglücklich verliebt, der Bettine - wie so manche - eher anstößig als interessant findet, löst sie die Freundschaft auf. Wenige Monate später, nach dem Bruch mit dem Mann, erdolcht sie sich am Rhein. »Nein, es kränkt mich und ich mache ihr Vorwürfe, wie ich ihr damals in Träumen machte, dass sie die schöne Erde verlassen hat; sie hätt’ noch lernen müssen, dass die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt, und dass Lebensverheißungen in den Lüften uns umwehen; ja, sie hat’s bös mit mir gemacht, sie ist mir geflüchtet, grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genüsse.«

Bettine sucht und findet schnell eine neue Vertraute. Sie sitzt zu Füßen von Goethes Mutter, verbringt zahllose Stunden bei ihr. Die große Goethe-Schwärmerei hatte sie längst erfasst; nun verschafft sie sich eine Empfehlung und reist auf eigene Faust nach Weimar, wo der fast Sechzigjährige sie wohlwollend empfängt. Er war einmal in ihre Mutter verliebt, er schätzt ihre Großmutter, und er findet anfangs Gefallen an ihrer Gesellschaft. Doch lange geht die Sache nicht gut. Ein Auftritt mit der Ehefrau Christiane, bei dem Bettines Brille zertrümmert wird und sie sich rächt, indem sie der Vulpius »Blutwurst!« hinterherzischt, beendet einstweilen den Kontakt. Jahre später, nach Christiane Vulpius’ Tod, verstimmt Bettine Goethe wieder durch eine »Klatscherei«, nun geht es um Ottilie, die Schwiegertochter. Erneut, und diesmal endgültig, erhält sie Hausverbot. Es gibt keine Versöhnung mehr. »Frau von Arnims Zudringlichkeit abgewiesen«, heißt es im Tagebuch am 7. August 1830. Was sie nicht hindert, ein Denkmal für ihn zu entwerfen. Und drei Jahre nach seinem Tod das Buch zur Enttäuschung zu schreiben. »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, erschienen 1835, ist zwar auch nicht eigentlich ein Briefwechsel, sondern eher eine redigierte Sammlung von Briefen an ihn mit knappen und seltenen Antworten. Doch er begründet Bettines Ruhm und ist der Auftakt für ihre dritte Lebensphase, ihre Existenz als Autorin.

1831 war Achim von Arnim gestorben. Zwanzig Jahre Ehe lagen hinter ihr, und es sollten zwanzig Bände folgen, die Gesamtausgabe Achim von Arnims, bei deren Herausgabe sie getreulich assistierte. Sie hatte daran festgehalten, dass der Mann, den sie als einen Freund von Clemens kennen- und lieben gelernt, eben auch Dichter sei. Sie hatte sieben Kinder geboren und, obwohl sie ein Stadtkind war, auf dem mäßig idyllischen Gut Wiepersdorf die Jahre hingebracht, während er, der märkische Landedelmann, vor allem in Berlin und auf Reisen war. Sie hatte sich von ihm zur Sparsamkeit anhalten lassen und empört protestiert: »Ich gehe täglich nach dem Herde, nehme das überflüssige Holz zurück... Ich trage nur Schwarz, auch keine Mützen, um die Wäsche nicht zu vermehren, trage jetzt einen 6 Jahr alten Winterhut... gehe nicht ins Konzert und Oper, obschon Musik mein einziger Lebensgenuss ist.« Die Mittel waren so knapp gewesen, dass zu manchen Weihnachten nur das Jüngste ein Spielzeug bekam, die anderen Zuckerzeug. Bettine hatte die Kinder mit Muttermilch, Homöopathie und Äpfeln allesamt durchgebracht, für ihre Erziehung und Bildung gesorgt. Und nun war damit Schluss. Nun zog sie nach Berlin.

»Ausgerechnet«, so fasst es CHRISTA WOLF in ihrem »Brief über die Bettine« 1979 zusammen, »in dem versteinertsten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts beginnt Frau von Arnim aktiv zu werden, macht ihre Wohnung im Herzen der preußischen Großstadt, Unter den Linden 21, zum Zentrum für unabhängige Geister, schert sich den Teufel um Bespitzelung, Postzensur und Observation, empfängt Durchreisende und Verehrer, bewältigt kaum ihren täglichen Posteingang, kümmert sich um die Cholerakranken ebenso wie um die Armen im ›Vogtland‹ vor dem Hamburger Tor. Und schreibt. «

Sie schreibt, was Herz und Verstand ihr gebieten: Dass es unmenschlich sei, dem Verbrecher nicht zu vergeben. Dass die Politiker satt und verkommen sind, der Adel nichts mehr »als nur mürbe verloderte Lumpen«. Dass die Religionen einander ebenbürtig sind, was die Menschlichkeit anbelangt, und dass es im Staatswesen um materielle Chancengleichheit geht: »Ihr wollt den Armen an den Boden fesseln seiner Geburt. Kann er da säen und ernten?« Sie geht in die Proletarierhäuser - nicht nur, um zu helfen, sondern auch, um zu recherchieren. Sie rechnet Miete und Heizkosten nach, zählt unterernährte Kinder, hält Lebensläufe des Elends dem Publikum vor. »92 a, Stube Nr. 35. Tischler Krellenberg. - Ich musste einigemal anklopfen, bis die Stube aufgeschlossen wurde. Die Frau entschuldigte sich damit, dass sie ihre dürftige Lage vor den Leuten im Hause geheim halten möchte. Es ist leider jetzt so, dass sich die Armen, anstatt der Reichen, der Armut schämen.« Damit das Werk nicht verboten werden kann, gibt sie der mehrhundertseitigen Komposition aus sokratischen Gesprächen, Erzählungen und Sozialprotokollen, die 1841 erscheint, den Titel »Dies Buch gehört dem König«. Doch ist das nicht nur ein Schachzug von sardonischem Witz. Sie glaubt aufrichtig an den Preußen Friedrich Wilhelm IV. Schwach und begabt, mal nobel, dann wieder ausweichend, ist er eine Projektionsfigur par excellence.

Sie ist nun ebenso berühmt wie berüchtigt; nach ihrem Tod setzt sich Letzteres durch. Vom zweiten Teil des Königsbuchs, »Gespräche mit Dämonen«, das 1852 postum erscheint, wird praktisch nichts mehr verkauft. Die Kritik verhöhnt die »Fastnachtsscherze im tollgewordenen Kothurn-Stile«. Ihre Weitschweifigkeit geht auf die Nerven, für Utopisches fehlt inzwischen der Sinn. Auch ist ihre Treue zur Monarchie bei der Linken restlos überholt. Die späte, die politische Bettine ist bis heute ein abseitiger Fall - im Gegensatz zur Romantikerin, die ein Lieblingskind der Forschung ist. Wenn es die Kolleginnen nicht gäbe... Nicht zuletzt SARAH KIRSCH, die Anfang der siebziger Jahre als Stipendiatin im Künstlerhaus Wiepersdorf weilte, Gast des Staatsministeriums für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik, und über ihre Erfahrung von Einsamkeit und Zensur ein Gedicht an Bettine schrieb:

Dieser Abend, Bettine, es ist Alles beim alten. Immer Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben Denen des Herzens und jenen Des Staats. Und noch Erschrickt unser Herz Wenn auf der anderen Seite des Hauses Ein Wagen zu hören ist.

Biografisches

Als Elisabeth Brentano wurde Bettine von Arnim am 4. April 1785 im »Haus zum Goldenen Kopf« in der Großen Sandgasse, Frankfurt am Main, geboren. Ihr Vater, einer italienischen Kaufmannsfamilie entstammend, brachte sechs Kinder aus erster Ehe mit, als er 1774 Maximiliane von La Roche heiratete. Die Tochter der seinerzeit bekannten Schriftstellerin Sophie von La Roche brachte zwölf weitere Kinder zur Welt, Bettine ist das siebte. Sie war acht Jahre alt, als ihre Mutter starb. Bevor er wenig später eine neue Ehe einging, übergab der Vater Bettine und drei ihrer Schwestern dem Erziehungsinstitut des St. Ursula-Ordens in Fritzlar bei Kassel. Dort verlebte Bettine vier Jahre, bis sie vor den einmarschierenden Franzosen im Herbst 1797 mit den Schwestern Meline und Lulu nach Frankfurt in Sicherheit gebracht wurde. Der Vater war kurz vorher verstorben, seine Witwe verließ das Haus bald mit dem einzigen ihr aus dieser Ehe gebliebenen Kind. Bettine kam nach Offenbach zu ihrer Großmutter Sophie von La Roche. Der ältere Bruder Clemens machte sie mit seinen Freunden Achim von Arnim und Friedrich Karl von Savigny bekannt. 1801 begann Bettines Freundschaft mit der Dichterin Karoline von Günderrode, 1807 ihre Bekanntschaft mit Goethe. Im Alter von sechsundzwanzig, ein Jahr nach Erreichen ihrer Mündigkeit, heiratete Bettine den Dichter und Landedelmann Achim von Arnim. In der Zeit ihrer Ehe lebte sie hauptsächlich auf dem Gut Wiepersdorf. Sie brachte sieben Kinder zur Welt und war, auch knapper Verhältnisse wegen, vor allem mit Wirtschaft und Erziehung beschäftigt. 1835, vier Jahre nach Arnims Tod, übersiedelte Bettine nach Berlin und begann ihre Existenz als Schriftstellerin, politische Publizistin und» Menschenrechtsaktivistin«. Sie pflegte Freundschaften mit den Brüdern Grimm, Hoffmann von Fallersleben, Robert Schumann, Karl August Varnhagen von Ense. Friedlich im Kreis ihrer Kinder starb sie am 20. Januar 1859.

Leseempfehlung

»Die Günderrode« (Briefroman). Mit einem Essay von Christa Wolf.

»Die Sehnsucht hat allemal Recht. Gedichte, Prosa, Briefe«.

Herausgegeben von Gerhard Wolf.

»Aus meinem Leben. Lesebuch«. Zusammengestellt von Dieter Kühn.

»Dies Buch gehört dem König«. Herausgegeben von Wolfgang Bunzel.

» Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« (Prosa). Herausgegeben von Wolfgang Bunzel.

Elke Schmitter

KÖRPER, KLEIDER, KATASTROPHEN

Bild 70

Margaret Atwood*1939

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge das New Yorker World Trade Center durchbohrten, arbeitete Margaret Atwood gerade an einem Roman über das Leben nach der Apokalypse. Unser Luxusleben ist darin Geschichte, Unwetter und Seuchen haben die Erde verwüstet. Die Schreckensnachricht des Großangriffs auf die westliche Welt traf Margaret Atwood mitten in ihren Grübeleien über die Wahrscheinlichkeit des Unvorstellbaren. Zum Beispiel über ein neuartiges Schwein, das man nicht schlachtet und portioniert aufisst, sondern dessen nachwachsende Organe als Ersatzteillager für Menschen taugen könnten. Margaret Atwood erfand am Schreibtisch ihres Brownstone-Hauses im Zentrum Torontos einen durch die Erkenntnisse der Genmedizin gestalteten »Jurassic Park«. Die Nachricht von der realen Katastrophe lähmte ihre Phantasie, und das begonnene Manuskript von »Oryx und Crake« blieb wochenlang liegen. Ihr fehlte der Mut weiterzuschreiben, der Schock, von der Wirklichkeit überboten zu werden, saß tief.

Das ist ihr allerdings nicht zum ersten Mal in ihrem Leben passiert, denn die meisten ihrer vielen Romane haben brisante Themen: Umweltverschmutzung, das kolonisatorische Verhältnis Amerikas zu Kanada, die Wellen des Feminismus - und der in »Oryx und Crake« beschriebene postume Mensch, dessen Uhren keine Zifferblätter mehr haben, weil die Zeit sowieso abgelaufen ist. Oryx ist eine künstliche Frau im Schmetterlingskimono, die auf einer asiatischen Kinderpornografie-Website auftaucht und von sich sagt: »Ich könnte jemand anders sein.« In ihrer traumschönen transitorischen Präsenz macht sie den Biogenetiker Crake ganz verrückt und quält den Werbefachmann Jimmy, der sie wie ein schön eingewickeltes Geschenk auspacken möchte und sich doch davor fürchtet, kein lebendiges Lebewesen unter der Oberfläche zu finden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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