Lenesias letzte Reise - Stephanie Grün - E-Book

Lenesias letzte Reise E-Book

Stephanie Grün

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Beschreibung

Polen zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts - ein Land in Aufruhr: Solidarnosc, Notstand, Kriegszustand ... Inmitten dieser Wirren kämpft eine Familie um das Überleben ihres Kindes. Die kleine Magdalena hat einen lebensbedrohlichen Herzfehler. Unmöglich zu behandeln im Polen jener Zeit. Hoffnung auf Rettung gibt es jenseits des eisernen Vorhangs. Und der wird nicht das einzige Hindernis bleiben.

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für meine Eltern

1

Das Gewicht des Buchs auf ihren Oberschenkeln drückte sie tief in das türkisfarbene Sesselleder hinein. Magdalena versank in Meergrün. Was gab es ohne sie zu bereden? Sie kniff die Augen zusammen, so dass wütendes Wasser in den Tränensäcken anstieg, bis der Teppichboden vor den überschwemmten Linsen Wellen schlug. Kleine Tische schwammen wie Holzplanken um das Sesselboot herum. Der Wind trieb eine Wolke in Form eines Kamels über das Wasser. Gemächlich zog sich das Kamel in die Länge, dabei verlor es seinen Höcker. Ein buschiger Schwanz formte sich stattdessen, der nun über einem weißen Pferd auf den Wellen tanzte. Magdalena erkannte das Pferd von Kazimierz. Gewiss! Es war der Schimmel ihres Freundes Kazimierz! Das Tier wurde vom Wasser in einer gleichmäßig ruhigen Bewegung langsam fortgetragen. Magdalena sah ihm nach, hob dann ihren Blick. Am Himmel schwebte das Spiegelbild. Schützend hielt sie die Hand über ihre Augen. Sie sah über das Hafengelände auf das Meer hinaus. Viele Tischchen und Sessel waren an der Barriere gestrandet, hinter der Damen in jadefarbenen Uniformen saßen; vielleicht waren es Matrosinnen. Am Horizont zeigte sich undeutlich ein dunkler Punkt. Magdalena sprang auf und lehnte sich so weit sie konnte über das Geländer. Die harte Metallkante bohrte sich unter dem Rippenbogen in ihren Körper und schnitt ihr beinahe die Luft ab. Oder war es das Schiff in der Ferne, das ihr den Atem verschlug? Noch sah sie es als kleines Spielzeug weit draußen im Blau der See, aber je näher es kam, desto mehr gewann es an Überzeugungskraft, bis es zu einem mächtigen Koloss angewachsen war.

Als es dem Festland bedrohlich nahe war, tauchte sein Kielraum wie ein riesiger Walfischbauch feierlich aus der Gischt auf und taufte Magdalenas weiße Schühchen mit Meerwasser. Die Eisenbeschläge auf dem triefenden Holz strahlten gleißend in der Sonne. Enten schrien um ihr Leben und schwammen aufgeregt davon. Magdalena hörte Männerstimmen. Es hätte jede Sprache sein können, die dumpf und undeutlich an ihr Ohr drang. Oder waren es viele Sprachen gleichzeitig?

            „Uwaga!“, schrie jemand.

            „Dikkat!“, ein anderer.

            Magdalena konzentrierte sich darauf, ob es auch Polnisch in dem Sprachenwirrwarr gab.

            „Attention! Zjawa, Miss Magdalena Zjawa, please to number five!“

            Der Schiffrumpf knarrte, das Falltor hob sich über die Wasserfläche hinaus. Dann wurde es mit lautem Gebrüll heruntergelassen. Magdalena lief zum Landungssteg dem Heer von gepanzerten Reitern entgegen, das das hölzerne Ungetüm wie ein riesiges Muttertier unter dem Kreischen kreisender Möwen gebar. Silberne Rüstungen blitzten in der Sonne auf, weiße Mäntel flatterten im Wind, und rote Kreuze trugen das Christentum an Land.

            „Zjawa, Miss Magdalena Zjawa, please to number five!“, hatte eine der weiblichen Matrosen im Jadekostüm mit rosa Lippen vor einer halben Stunde aufs Meer hinausposaunt. Zur Bordmannschaft des berühmten Klinik-Dampfers, der US-amerikanischen Mayo-Clinic, gehörte auch ein Kinderherzchirurg. Vor wenigen Minuten hatte Magdalena seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte sie untersucht, denn er wollte sie am Herzen operieren. Er hatte ihr gesagt, dass sie eine gute Chance habe, gesund zu werden. Zu achtzig Prozent würde die Operation gelingen. Ihre Lippen würden rosig werden, so wie die der Damen hinter der Anmeldung. Und sie würde dazu keinen Lippenstift auftragen müssen!

            Denn deshalb hatten Magdalena und ihre Mutter den weiten Weg von Europa auf sich genommen.

            Aber dann hatte die Mutter sie an der Hand genommen, sie vor die Tür gesetzt und war ohne sie wieder im Untersuchungszimmer verschwunden. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter erfuhr, warum der Operationstermin verschoben werden sollte. Magdalena versuchte, sich von unbestimmten Gedanken, die in ihr aufkeimen wollten, abzulenken, Gedanken, die sie wieder ins Meergrün hineindrückten, so dass sie Sorge hatte, darin zu ertrinken. Sie las in dem aufgeschlagenen Buch in ihrem Schoß.

Der Falkner war tief gefallen, der Aufprall war sein augenblicklicher Tod gewesen. Acht der neun Falken waren nach Hause gekehrt, ohne ihren Herrn, denn der war tot. Aber ihr Herr, Kazimierz´ Vater, war am Fuß der Felsen nirgends gefunden worden, es hatte keine Spuren im Schnee gegeben! Ganz so, als sei er davongeflogen.

            Eine Trauerfeier hatte trotzdem stattgefunden, ohne Sarg.

Was gab es ohne sie zu besprechen? Magdalena wischte die Tränen aus ihren Augen, die die Buchstaben davonschwimmen ließen. Dass der Doktor nicht sofort wieder operieren wollte, nachdem ihm ein Kind im Operationssaal gestorben war, dass er eine Pause einlegen wollte, das musste man ihr nicht verschweigen! Sie hatte mehr verstanden, als man es einer neunjährigen kleinen Polin zutraute, auch wenn sie hier nur eine Ausländerin war und erst seit kurzem Englisch lernte. Aber ihre Mutter hätte es besser wissen müssen! Schließlich war auch sie Ausländerin und verstand trotzdem mehr als ihrem bisschen Englisch zuzumuten war! Und als es ihr lieb war. Magdalena hatte eine feine Beobachtungsgabe, was das Gesicht ihrer Mutter betraf. Sie konnte an der Tiefe der Falte zwischen ihren Augenbrauen ablesen, wie groß die Sorgen waren, und sie hatte die Wahrnehmungsfähigkeit, Unausgesprochenes zu hören. Sie hatte gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen; ihr Vokabelheft war dicht gefüllt mit Zeilen. Sie wunderte sich, warum sich ihre Mutter wieder einmal bemühte, sie vor gewissen Tatsachen des Lebens zu bewahren. Das Leben bestand aus Tatsachen, das der Erwachsenen wohl zu achtzig Prozent. Trotzdem war das Mädchen, das gestern operiert worden war, den anderen Prozenten zum Opfer gefallen, denen jenseits des Lebens. Der Doktor wollte eine kleine Pause einlegen. Magdalena starrte wieder angestrengt in das Buch, das sich von selbst auf die erste Seite zurückgeblättert hatte.

Es war ein bitterkalter Winter, der sich zwischen die Jahre 1240 und 1241 geschoben und die Zeit eingefroren hatte. Dünnes Tageslicht schimmerte auf dem Eis zugefrorener Seen, und tiefschwarze Nächte fraßen gierig an der hellen Schneedecke, die gestickt war aus zartem Kristall. Die Zeit, die Kazimierz sich von den ausgeblichenen knochenweißen Kalksteinfelsen und den weiten Auen seiner Heimat entfernt hatte, schien verlorengegangen. Die weiße makellose Landschaft, die sich bis weit über den Horizont hinaus vor Kazimierz ausstreckte, gab dem Jungen das Gefühl, nach Nirgendwo aufgebrochen zu sein.

Wieder verwehrten es ihr Tränen, die Buchstaben zu entziffern. Magdalena streifte mit den Füßen ihre Schuhe ab und holte ihre Beine zu sich in den Sessel. So war sie oft neben ihrer Babcia gesessen; die Großmutter in der Mitte, das dicke Buch im Schoß aufgeschlagen, Helene, schwarzes Engelchen, wie Babcia die Schwester immer nannte, auf der einen Seite und sie, blondes Engelchen, auf der anderen. Der Überwurf meist zu einem Knäuel hinter ihren Rücken verrutscht, und der dunkelgelbe raue Stoff der Couch kratzte an der Fußsohle. Sie hätte jetzt gerne ihre Zehen unter Babcia Annas warmes Hinterteil gebohrt. Was mochte seit ihrer Abreise alles geschehen sein? Magdalena und Mamusia hätten nicht alleine fortgehen dürfen! Es war im Winter gewesen. Zwischen Panzerpatrouillen und Knüppelschlägen war Weihnachten in Vergessenheit geraten, und die Zeit in Gefangenschaft. In einer stillen Nacht waren sie klammheimlich aus Polen geflohen. Nur sie beide, Mamusia und sie.

            „Magdalena, zieh dich wieder an und bleib draußen im Wartebereich!“, hatte ihre Mutter vor einer viertel Stunde zu ihr gesagt. Was gab es ohne sie zu bereden? Magdalena war hinausgeschickt worden in das Meer von Sesseln und Tischen des Wartesaals.

            „Kazimierz, wo bist du?“, flüsterte sie. Tränen überfluteten ihre Augen, so dass sich der Horizont auflöste und der breite Wasserstrom in den Himmel ausfloss. Zwei Schwäne schwammen in dem Zwischenbereich, wo die Luft dampfte und die Sonne die Schwäne in ein blaugrünes Lichtspiel verwandelte.

2

            „Skończymy!“ Plötzlich stand die Mutter vor Magdalena. Sie reichte ihr die Hand. „Für heute sind wir fertig hier. Morgen früh um acht müssen wir im St. Mary´s Hospital sein.“

            „Warum?“, fragte Magdalena.

            Ewa sagte ihrer Tochter nicht, dass ein Herzkatheter vor der Operation gemacht werden sollte. Sie wollte ihr nicht unnötig Angst machen, denn das letzte Mal hatte schreckliche Erinnerungen hinterlassen.

            „Kochanie, jemy lody? Magst du ein Eis? Wir könnten am Wochenende einen Ausflug zum Mississippi unternehmen, was hältst du davon?“ Nein, es hatte gewiss nichts Gutes zu bedeuten, was in ihrer Abwesenheit besprochen worden war! „Pani Agnieszka hat gesagt, auf dem Weg dorthin kämen wir an einem Indianerreservat vorbei.“

            Indianerreservat. Gut und schön, es gab hier Cowboys – Männer mit Cowboyhüten auf dem Kopf; breitbeinig und Kaugummi kauend waren sie im Chicagoer Flughafen in Scharen herumgelaufen –, dann gewiss auch Indianer, aber Magdalena durchschaute das Ablenkungsmanöver. Sie steckte trotzig ihren Kopf wieder zwischen die Seiten.

Kazimierz hatte sich die Zwiebel einer Gladiole um den Hals gebunden, die, wie jedermann wusste, nahezu unverwundbar machte, und hatte sich auf den Weg gemacht. Er wollte zum Meer im Norden. Zu den Kreuzfahrerschiffen, die in den legendären Osten fuhren. Denn vielleicht war der Vater von den Tataren entführt worden. Mongolen. Sie waren aus dem Osten gekommen, auf ihren kleinen wendigen Ponys durch Litauen geritten und brandschatzten nun die Herzogtümer Polens. Sogar das Königreich Ungarn war ihnen zum Opfer gefallen! So wurde jedenfalls gemunkelt.

            „Wo ist jetzt Tatuś? Weißt du es?“

            Die Mutter riss es aus ihren Gedanken. Vielleicht hatte auch sie gerade an Tatuś, den Vater ihrer Kinder, gedacht.

            „Magdalena, proszę! Bitte quäle mich nicht immer mit denselben Fragen!“ Ewa Zjawa streifte sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht und reichte ihrer Tochter nochmals die Hand. „Nie wiem“, hauchte sie, „ich weiß es doch auch nicht.“ Sie hatte nicht die Kraft, ihr Kind auf die Beine zu ziehen.

            „Wir müssen Gladiolenzwiebeln kaufen.“ Magdalena stieg vom Sessel hinunter in ihre Schuhe und gab ihrer Mutter das Buch, damit sie es wegstecken würde. In der Handtasche hatten sich sämtliche Zettel – Wegbeschreibungen, Kärtchen mit Telefonnummern, ärztliche Anweisungen, der Stadtplan von Rochester – ineinander verhakt, und Ewa zog den Packen Papiere heraus und ordnete ihn neu. Zuerst das Buch in die Tasche, es nahm den meisten Platz in Anspruch, dann den Stadtplan, die Flugtickets. Ewa kramte nervös in den hinteren Winkeln nach einem Taschentuch.

            „Wir müssen telefonieren … Er wird kommen. Sie werden alle kommen, du wirst sehen, Andrzej und Helene und Tata und … Sie werden alle kommen …“

            „Mamusia, gibt es in Amerika Gladiolen?“

            „Bestimmt, Kochanie-Liebling. Wir werden Pani Agnieszka fragen.“

            Agnieszka Nowak war die amerikanische Polin, die Dolmetscherin.

            Im Aufzug drückte Ewa auf Subtown. Unter der Stadt gab es Geschäfte, Apotheken und Restaurants.

            „Was magst du essen?“

            „Lody! Hast du versprochen!“, erinnerte Magdalena.

            „Ja, aber du musst heute noch was Richtiges essen.“ Ewa wusste, dass sie morgen früh vor der Herzkatheteruntersuchung nichts mehr zu essen bekäme.

            „Mamusia, ich will keine Untersuchung mehr.“

            Beinahe hätte Ewa geantwortet: Ich auch nicht.

            „Du musst keine Angst haben, Kochanie. Es wird dir nichts passieren.“

            Es gab für Magdalena himmelblaue Ice Cream mit einer Vanillewolke obenauf, später bei Maria, der Italienerin, die ihre Vermieterin war, Spaghetti mit Tomatensoße, in der Ananasstückchen schwammen. Ewa Zjawa hatte ein kleines Zweibettzimmer mit Bad und schmaler Küchenzeile gemietet, mit TV und einem Fensterspalt unter der Decke im Souterrain, wo die Zimmer billiger waren. Es war fraglich, wie lange das Geld reichen würde.

            „Wir müssen telefonieren“, sagte Ewa noch einmal leise und drehte das Schloss der Tür herum, an der eine Zwei aus Metall angebracht war.

            Magdalena schlüpfte aus Jacke und Schuhen und griff nach Mamusias Tasche. Sie zog das Buch heraus. Die Flugtickets fielen auf den Boden: Hin- und Rückflug für einen Erwachsenen und ein Kind, Nürnberg, BRD - Frankfurt am Main - Chicago, USA - Rochester, Minnesota.

            „Mamusia, wann fliegen wir nach Polen zurück?“

            Ewa konnte ihre Tochter nicht hören, sie war im Bad, der Wasserhahn plätscherte.

            „Mamusia! Liest du mir vor?“ Magdalena warf sich aufs Bett.

Kazimierz wanderte durch den endlosen Krakau-Tschenstochauer Jura. Das Weiß des Kalksteins war vom Schnee verhangen, weiße Hügellandschaft führte ihn nordwärts in das angrenzende Großpolen. In den Dörfern machte er Rast und ersuchte die Menschen um Nahrung. An jeder Straßenkreuzung und an den Waldrändern, die seinen Weg säumten und die er nicht vermeiden konnte, faltete er seine Hände zum Gebet, um die Schutzheiligen anzurufen, und ging mit eingezogenem Kopf zügig voran. Es waren Gegenden, die besonders gerne von König Herle heimgesucht wurden, der darauf aus war, seine Heerschar stetig zu vergrößern.

Unwillkürlich faltete Magdalena ihre Hände unter der Brust, die man bald aufsägen würde. Die Rippen auseinanderbrechen, um an das Herz zu gelangen. Von diesen Details sollte das Mädchen eigentlich nichts wissen. Das Herz vom Kreislauf trennen und den Körper an eine Maschine anschließen. Je geringer die Angst, desto günstiger für den Verlauf. Aber Magdalena hatte bereits im Medizinmuseum der kleinen Stadt Rochester eine Herz-Lungen-Maschine betrachten können. Ewa hatte bereut, nicht erst nach der Operation das Museum aufgesucht zu haben.

Hier trieb er sich oft herum, lauerte einsamen Wanderern auf, der wilde Jäger, König der Toten und welche Namen man sonst noch für ihn gefunden hatte, der eine Horde von verdammten Rittern befahl und sämtliche Ausgeburten der Hölle um sich scharte.

Eine Hand streichelte über Magdalenas Haar.

            „Soll ich dir vorlesen, Kochanie, mein Liebling?“

Er durfte keinesfalls einschlafen; die Winternacht würde sich anschleichen und seine Seele mitnehmen. Wahrscheinlich lauerte König Herle bereits auf seinen Tod.

            Kazimierz schlief ein.

Magdalena griff nach Mamusias Hand, damit sie bei ihr bleiben würde.

Man hätte meinen können, er sei tot. Kazimierz´ Gesicht war blaugefroren, vor allem seine Lippen waren blau wie die Heidelbeeren im Sommer.

Magdalena änderte verlegen ihre Körperhaltung. Verstohlen sah sie zu Mamusia hoch. Ihre Mutter lächelte wie ein Engel und fuhr über ihr dunklen Lippen.

            „Bald werden sie rot wie Erdbeeren sein.“

3

            „Helene!“ Magdalena trat kräftig in die Pedale. Von Mal zu Mal ließen sie sich schwerer hinunterdrücken. „Helene! Fahr langsamer!“

            Der Abstand zur Schwester wurde rasch größer. Helene ratterte auf ihrem roten Flitzer scheinbar mühelos über alle Unebenheiten und Hindernisse hinweg; ihr Fahrrad war schneller als Magdalenas gelber Drahtesel. Esel? Es war ein Pferd, ein gelbes, vielleicht ein Haflinger oder ein Shetlandpony. Jedenfalls war es ein Gimmel. Kein Fuchs wie bei Helene, kein Rappe oder Brauner, kein Schimmel. Für gelbe Pferde gab es keinen Fachbegriff. Also hatte Magdalena es kurzerhand Gimmel genannt.

            Als der holprige Waldweg eine Biegung machte, verschwand Helene hinter den langen dünnen Baumstämmen und dem trockenen Gestrüpp, das sich an ihnen hochhangelte. Es war heiß und schwül; die Luft war sogar im Wald drückend. Jetzt ein paar Blaubeeren finden! Kleine, feuchte, süße Tropfen zwischen kratzendem und pieksendem Gesträuch am Boden. An der Kurve gab es welche, Magdalena wollte es wenigstens bis dorthin schaffen. Sie biss die Zähne zusammen. Trotz größter Willensanstrengung ließen sich die Pedale jetzt überhaupt nicht mehr nach unten bewegen. Magdalena sprang ab, bevor sie samt Rad umgekippt wäre. Sie musste nach Luft schnappen. Der wenige Sauerstoff entfachte das lodernde Züngeln in ihrer Brust zu einem ausgewachsenen Brand. Sie ließ das Fahrrad fallen und krallte ihre kleinen Finger in die Brust, als könne sie so das spuckende Feuerwerk erwürgen.

            Helene tauchte an der Wegbiegung wieder auf, sie war umgekehrt, um zu sehen, wo Magdalena abgeblieben war.

            „Helene, schau, mein Pferdchen ist umgekippt, es kann nicht mehr“, keuchte Magdalena. „Ich bringe es zum Großen Stein, damit es sich ausruhen kann.”

            „Einverstanden!“ Helene wendete wieder, noch bevor sie die Schwester erreicht hatte und verschwand abermals hinter den ausgetrockneten Kiefern. Magdalena hob ihr Rad auf und schob es den Weg zurück, den sie gerade noch entlang geradelt war – zuerst ganz tüchtig, dann immer langsamer und mühsamer, schließlich nur noch mit allerletzter Kraft und zusammengebissenen Zähnen. Jetzt tat ihr das Zahnfleisch weh; es hatte sich in den aufschlagenden Flammen wie Speck in der Pfanne zusammengezurrt. Im Schneckentempo stieg sie über die Wurzeln, die die spröde Erde durchbohrten. Es hatte lange nicht mehr geregnet, und der Waldboden war trocken wie Staub, an manchen Stellen sogar wie alte rissige Haut aufgeplatzt. Die Spätsommersonne schoss weiße Pfeile durch die lichten Baumreihen. Magdalena setzte in einer unsäglich langsamen Bewegung ihre Füße auf den Boden, erst den einen, dann den anderen. Sie ging so langsam, dass es jedem anderen schwergefallen wäre, neben ihr herzugehen. Aber sie ging ja allein. Allmählich kam sie innerlich wieder zur Ruhe. Das Feuer zwischen den Rippen erlosch und ließ eine zarte Glut zurück, die sie nur dumpf an den Schmerz, die Schwäche und das Elend erinnerte, die noch vor wenigen Minuten in ihr getobt hatten. Zufriedenheit stieg in ihr auf, und sie genoss die Ruhe, die sich um sie herum ausgebreitet hatte. Die Vögel waren still geworden. Magdalena war nur noch wenige Zeitlupenschritte von ihrem Glück entfernt, dem Glück, ohne Schmerz und ohne Mühe atmen zu können. Das Atmen schlichtweg vergessen zu dürfen! Ihr gelbes Pferdchen hatte nichts gegen das Tempo einzuwenden; es war erschöpft und musste geschoben werden. Und Helene konnte endlich Gas geben! Magdalena wusste, dass sie für die wilde Helene manchmal ein Klotz am Bein war. Sie erreichte den Großen Stein, lehnte das Rad an den mannshohen Felsbrocken und kletterte hinauf. Zum Glück kam eine leichte Brise auf, denn die schwüle Luft setzte ihr zu. Es würde heute noch ein Gewitter geben, sie durften nicht zu lange wegbleiben, hatte die Mutter gesagt. Hoffentlich vergaß Helene das nicht! Die fuhr bestimmt schon in das tiefe Loch hinunter, das sich hinter der Wegbiegung zwischen eng beieinanderstehenden Nadelbäumen gegraben hatte. Das Loch klaffte im Unterholz wie eine große Wunde auf dem behaarten Rücken des Drachen Wawel, der seinen schweren Körper der Legende nach in einer Höhle bei den Kalksteinfelsen ausruhte. Ein Steinschlag hatte den Drachen verletzt, und ein Sternenschlag den Waldboden. Ein Meteorit war vor hunderten von Jahren hier eingeschlagen. So jedenfalls hatte es Andrzej erzählt. Die Bäume waren vor Schreck zur Seite gesprungen und hielten sich noch heute ängstlich aneinander geklammert. Mit ordentlichem Schwung musste man sich auf seinem Rad den sandigen Abhang hinabstürzen, um auf der anderen Seite so hoch wie möglich zu kommen. Magdalena stellte sich vor, wie sie selbst mit einem Affenzahn hinunterraste, an Helene vorbei. Die würde sich staunend die Hand vor den Mund halten. Dann würde Magdalena kräftig in die Pedale treten, ihr Gimmel würde sich aufbäumen und das Laub am tiefsten Punkt der Kuhle aufwirbeln – kein Gedanke daran, im Sand steckenzubleiben! Mit spielerischer Leichtigkeit würde sie die steile Wand hochschießen, bis sie über den Kraterrand hinweg springen und mit wehenden Haaren sicher landen würde. Das hatte bisher noch niemand geschafft! Nicht einmal Helene, die besser war als alle anderen Kinder in der Nachbarschaft. Helene fuhr oft hierher, um zu trainieren.

            Magdalena lauschte dem Gezwitscher der Amsel, die über ihr auf einem Ast unvermittelt anhub zu singen. Andere Vogelstimmen mischten sich ein. Huhu hu. Auch den Ruf eines Käuzchens konnte Magdalena ausmachen. Die Vögel klangen aufgeregt. Sie spürten, dass ein Unwetter bevorstand und mahnten zur Heimkehr. Magdalena hörte ein Rascheln. Ein leises Wiehern. War das ihr Gimmel gewesen? Sie öffnete die Augen. Neben ihrem Fahrrad graste ein großes weißes Tier. Es war weiß wie Schnee und leuchtete in der Sonne. Ein Schimmel, es war ein echter Schimmel! Das Pferd konnte mit seinen weichen Lippen die Grashalme auf dem Fels erreichen, auf dem sich Magdalena ausruhte. Sie spürte den warmen Atem aus den aufgeblähten Nüstern an ihrer Hand. Magdalena hob vorsichtig ihren Kopf. Sie achtete darauf, ihre Hand nicht zu bewegen, die so nahe an dem Tier war, das womöglich Angst bekommen könnte. Oder war es umgekehrt? Hatte sie nicht vielmehr Angst vor dem Pferdemaul, das nur eine Handbreit von ihr am Moos rupfte? Sie sah das Tier mit stockendem Atem an. Ein reichverzierter Gurt lag um den kräftigen Körper, und ein hoher Sattel thronte auf einer weißen Decke, die bestickt war mit roten Kreuzen. Magdalena blickte sich vorsichtig um. Irgendwo musste doch der Besitzer sein! Vielleicht ein Räuber? Plötzlich riss das Pferd seinen Kopf hoch, wieherte scharf, trabte einige Meter auf dem Weg davon und bog in den Wald ab. Bis Magdalena von dem Fels hinunter geklettert war, war es im Unterholz verschwunden.

4

Ein staubiger Wind fegte die Straße hinunter. Andrzej wartete ungeduldig und wippte mit dem Fuß. Der Regen kündigte sich mit einem feuchten, etwas süßlichen Geruch an. Erste dunkle Flecken bildeten sich auf dem Asphalt. Große Kleckse, noch vereinzelt, aber bald würden sie die Straße in schwarz glänzendes Pech verwandeln. Er setzte sich in Bewegung und marschierte die zehn Meter zwischen ihrem Haus und dem Gartentürchen der Nachbarn auf und ab, beinahe so wie ein Soldat. Als er es bemerkte, hielt er augenblicklich inne und lehnte sich betont lässig an den Holzzaun, der bis zur Abgrenzung zwischen den beiden dreistöckigen grauen Vorstadt-Wohnblöcken frischgestrichen war. Der Pfosten zwischen den Rasenstücken schien den Holzlatten den Befehl zu erteilen, auf der Stelle das schmucke Rotbraun einzustellen und sich zu tarnen. Als sei der Zaun ein Chamäleon, das seine Farbe ändern konnte, weil es die staatliche Planwirtschaft so verlangte! Andrzej trat voll Verachtung mit dem Fuß gegen die Latte, so dass eine Spur im Lack zurückblieb. Holzfarbe würde es in nächster Zeit in den Geschäften nicht geben. Genauso wenig wie Fisch oder schwarzen Tee. Brot und Milch waren rationiert. Es war eine Wirtschaft, die hinten und vorne nicht mehr stimmte! War das denn so schwer zu begreifen? Der Zaun war zwar kein Chamäleon, trotzdem konnte er tun, was man von ihm verlangte. Er leistete Gehorsam. Für Andrzej war das nicht mehr möglich, das Pfadfinder-Spiel war vorbei. Dabei war er gerade mal zwölf Jahre alt! Aber ihm gefielen die neuen Lieder, die man in letzter Zeit in den Bussen und auf der Straße sang. Auch auf dem Pausenhof wurden seit Neuestem politische Lieder gesungen. Er fand es richtig, dass sein Vater nicht unterschreiben wollte. Was genau er unterschreiben sollte, wusste Andrzej nicht, aber es schien ihm wichtig, dass er nicht unterschrieb. Andere Väter unterschrieben dieses Papier auch nicht. Es lebe die Solidarność!

            Andrzej hielt nach seinen beiden Schwestern Ausschau. Die Gewitterwolken mussten sie doch allmählich nach Hause treiben! Endlich tauchten sie am oberen Ende der Straße auf. Heftig gestikulierend gab er ihnen Zeichen. Sie sollten von den Rädern absteigen und auf keinen Fall Lärm machen!

            „Leise, keinen Mucks, habt ihr verstanden?“, zischte er ihnen mit ernster Miene zu, als sie ihn erreicht hatten. „Wir müssen hinten herum ins Haus hinein.“ Er schwang sich auf sein Rad und gab den Mädchen mit einer übertriebenen Geste zu verstehen, ihm zu folgen. Magdalena und Helene sahen sich an und dachten dasselbe: Andrzej kehrte wieder mal den großen Bruder raus; erwachsen und politisch gab er sich. Wie ein Revoluzzer! Er fuhr um den Häuserblock und hielt einige Meter vor dem letzten Haus in der abfallenden Straße. Ohne Fahrrad lief er zum hinteren Gartentürchen, machte wieder ein Zeichen. Diesmal galt es nicht den Mädchen. Sie blieben beide wie angewurzelt stehen, als sie einen bewaffneten Mann in Lauerstellung hinter dem Rosenbusch erblickten. Er drehte sich um und sah sie mit ausdrucksloser Miene an, die Augen zusammengezogen zu gefährlichen Schlitzen. Kalt und grausam war sein Blick. Die Mädchen fassten sich ängstlich an den Händen. Der Soldat nickte Andrzej zu. Andrzej ging zu den Schwestern und sagte im verschwörerischen Flüsterton:

            „Lasst die Räder am Zaun stehen.“

            „Was ist da los?“

            „Seid still und kommt jetzt!“

            Graue Männer in Tarnjacken, mit schwarzen Waffen unterm Arm und rotem Adler auf der Mütze saßen auch hinter den drei Tannen. Eigentlich war dies das streng geheime Versteck für die konspirativen Treffen der schwesterlichen Hexenvereinigung. Hinter den drei Tannen verbündeten sich Magdalena und Helene mit ihren guten magischen Kräften gegen die bösen Hexen Jana und Ala.

            Milizionäre saßen auch hinter den Gartentorpfosten und drückten sich an die Hauswand. Wo war der Feind?

Hunderte Männer hielten ihre Schilde schützend über ihre Köpfe. Es waren massive Holzscheiben, die ein Dach über jeden einzelnen Reiter bildeten. Die Eisenbeschläge wirkten stumpf im Schatten des heraufziehenden Unwetters. Auch die silbernen Kettenhemden, die Helme, die Klingen der Schwerter und Lanzen büßten ihren Glanz unter dem schwarzen Wolkenturm ein. Mit der freien Hand umklammerten die Männer ihre Waffen. Sie saßen aufrecht auf den Rücken ihrer unruhigen Tiere, indem sie ihre gepanzerten Schenkel gegen das harte Leder des Sattels pressten. Erste Regentropfen mischten sich mit dem aufgewirbelten Staub der trockenen Erde. Grau und schwer atmend wartete man auf den Feind. Wo blieb er nur?

            „Still jetzt“, flüsterte Bruder Herman, ein Deutschordensritter, seinem neuen Jungen zu, einem polnischen Bengel namens Kazimierz aus der Krakauer Gegend, der ihn viel Geld gekostet hatte. Donnergrollen überwand die Hügelkette in der Ferne und rückte unaufhaltsam näher. Hatte es vielleicht das Donnern der Hufe übertönt? Man hörte sie nicht, die kleinen Pferde. Dabei mussten es sehr viele sein! Die darauffolgende Stille war unheimlich. Kazimierz zählte. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Bei fünfundzwanzig leuchtete der Himmel hell auf. Ein goldener Regen prasselte auf sie nieder. Schreie, Männer fielen verwundet von ihren Pferden. Kazimierz lief zwischen trampelnden Hufen hindurch und sprang über gelbe Flammen. Schützend hielt er die Arme über seinen Kopf. Er stolperte über Pferdeleiber, stieg über blutende Männer. Beißender Schmerz ließ seine Augen tränen, Staub und Sand raubten ihm beinahe das Sehvermögen. Er flüchtete sich hinter drei Tannen. Drei Tannen am Wegrand, mehr hatte das Feld in erreichbarer Nähe nicht zu bieten. Er hörte das Wiehern, die Schreie, ein Durcheinander, das verzweifelt eine gemeinsame Richtung suchte. Wo waren sie, die grausamen Tataren, die mörderische Mongolenhorde, deren Gräueltaten sich schneller verbreitet hatten als ihre kurzbeinigen Ponys sie vorwärts trugen? Nicht nur das ungarische Heer sei vernichtet, auch das polnische sei geschlagen. Breslau existiere nicht mehr, und auch Krakau stehe bereits in Flammen! Kazimierz dachte nur einen flüchtigen Moment an die weißen Kalksteinfelsen unweit von Krakau, als er sanfte Flötentöne hörte. Eine leise Musik bahnte sich ihren Weg den Hügel hinab durch das Klirren, Trampeln, Schreien und Stöhnen. Der jähe Ruf eines Vogels schnitt plötzlich die Töne entzwei. Es war ein Falke, Kazimierz erkannte den Klang und fuhr auf. Die Regenwand, die auf ihn zuwanderte, öffnete sich für den Bruchteil einer Sekunde, und Kazimierz sah den Feind. Träumte er? Von leichten Lederpanzern und Helmen geschützt, mit Pfeil und Bogen, Lanzen und Krummsäbeln ausgerüstet, saßen sie auf ihren kleinen Pferden. In diesem Augenblick wusste Kazimierz, was eine Horde war! Ein schwarzes Heer tauchte auf der Hügelkette auf. Es war, als würde ein Albtraum wahr werden. Doch dann löste sich der Spuk in Nichts auf. Die Luft vibrierte. Fünfundzwanzig … Der goldene Regen aus niederprasselnden Pfeilen setzte wieder ein, Kazimierz raubte er die restlichen Sinne. Er spürte noch einen festen Griff unter seinem Rippenbogen, dann wurde es dunkel um ihn.

Die Kinder schlüpften leise in die Wohnung und liefen aufgeregt zum Fenster im Wohnzimmer. Von dort aus konnte man in den Garten blicken, in dem viele graue, schwerbewaffnete Männer saßen. Ihre Schutzschilde waren aus durchsichtigem Plastik. Kugelsicheres Plexiglas, das sie fest in ihren Fäusten hielten. Es waren Rotarmisten, die Polizei des sozialistisch regierten Staates Polen. Die Schlitzaugen verrieten ihre Bruderschaft mit dem Osten. Dort trank man das Blut aus der Hirnschale seines Opfers.

            „Schlitzaugen? Das kannst du doch von hier aus gar nicht sehen!“ Andrzej sah Magdalena verächtlich an.

            „Habe ich gesagt, dass sie Schlitzaugen haben?“

            „Ja, hast du.“

            „Ich habe nur gesagt, dass sie die Hirnschale ihrer Opfer als Trinkschale benutzen und dass sie das Blut trinken. Sie glauben, dass im Blut die Seele ist und deshalb …“

            „Magdalena, hör sofort mit diesen Geschichten auf! Wo hast du die nur aufgeschnappt?“ Ewa sah zu Babcia Anna, die vor ihrem Spinnrad saß und in kurzen Bewegungen mit ihrem Fuß das Pedal bearbeitete. Ihre vom Alter abgenagten Finger hielten die Wolle auf eine zauberhafte Weise, die Magdalena nicht verstand. Anna hob den Blick und schüttelte ihren grauen Kopf. Von ihr hatte das Kind so etwas gewiss nicht! 

            „Kinder, geht weg vom Fenster!” Ewa schnappte sich ihre Jüngste und zog sie vom Vorhang weg. Wütend riss sich Helene los und stellte sich wieder zu ihren Geschwistern.

            „Was ist da los? Andrzej, jetzt sag schon!“

            „Sie haben wieder welche am Kragen“, flüsterte Andrzej mit strenger Miene, um die Tragweite seiner Worte deutlich zu machen. „Drei sollen es sein. Die haben sich gegenüber im Hochhaus verschanzt.“

            „Wo ist Tatuś?“, fragte Magdalena.

            „Warum fragst du! Er ist noch in der Arbeit.“ Die Stimme der Mutter hatte einen Riss, als hätte man sie mit einer scharfen Klinge angeritzt.

            Es klingelte an der Haustür. Ewa wurde bleich. Anna erhob sich mühselig von ihrem Hocker. Sie berührte ihre Schwiegertochter an der Schulter.

            „Ich mache schon auf.“

            Es war Jurek, Andrzejs Freund. Er war gekommen, weil er glaubte, bei den Zjawas sei der Blick günstiger. Er wohnte in dem Haus mit dem gehorsam blassen Gartenzaun.

            „Wie bist du an den Polizisten vorbeigekommen?“

5

Drei Stunden später hatte sich die Aufregung gelegt. Jurek, der zum Abendessen geblieben war, war inzwischen gegangen. Nur Marek, der Vater, war noch nicht nach Hause gekommen. Ewas Augen waren gerötet, und die Sorge grub eine Furche zwischen ihre Brauen. Sie trug das Geschirr ab und schimpfte über die angeknabberte Scheibe Brot, die auf Magdalenas Teller liegengeblieben war. Jeden Abend dasselbe Lied, seufzte sie. Niemand konnte es sich in diesen Zeiten leisten, Brot zu verschmähen, am allerwenigsten ein herzkrankes Mädchen; es war bereits aktenkundig, dass das Kind unterernährt war. Der Arzt hatte das Mädchen gewogen und dabei die Mutter vorwurfsvoll angesehen. Was sollte sie denn machen? Magdalena war störrisch wie ein Esel und wählerisch wie eine Prinzessin, was das Essen betraf. Sie behauptete sogar, Abendbrot sei nichts für Kinder und ließ es regelmäßig stehen. Helene und Andrzej aßen das Brot doch auch! Die Sonderwünsche ihrer Tochter konnte Ewa nicht mehr erfüllen: Rinderrouladen oder Grießbrei mit Zucker! Es sollte immer das sein, was es ganz sicher nicht geben würde. Das Angebot in den Läden richtete sich nicht nach den Launen einer Achtjährigen! Dass das Fräulein Magdalena Zjawa eventuell nicht genügend im Magen hatte, um das starke Medikament zu verkraften, war nicht das dringlichste Problem in diesen Zeiten. Obwohl die Ärzte Ewa eingeschärft hatten, auf ausreichend Nahrung bei ihrem Kind zu achten. Mit einem zweiten Seufzer, den Magdalena von der Küche bis ins Wohnzimmer hören konnte, schnitt Ewa den angebissenen Rand ab und stopfte sich die Brotkrümel in den Mund. Den Rest der Brotscheibe wickelte sie in Papier, für den nächsten Tag. Sie schob die Gardine etwas zur Seite und lugte auf die dunkle Straße hinaus.

            Magdalena fühlte sich an ihre Medizin erinnert, und sie ging in die Küche zum Buffet. Dort stand das Medikament unter dem grünen Hängeschrank mit dem Geschirr. Sie zog eine Schublade auf, nahm einen Teelöffel heraus und hielt das Glasfläschchen senkrecht über den Löffel. Geduldig wartete sie auf den Tropfen, der an dem orangefarbenen Röhrchen hing und den Sprung in das kleine Messingbassin nicht wagen wollte. Magdalena fixierte die durchsichtige Wölbung, bis sie mit ihren Gedanken hindurchgetaucht und bei Kazimierz gelandet war. Sie überlegte, ob er womöglich verletzt war. Wer war der fremde Mann, der ihn aus dem Inferno an der Kaczawa in seinen Sattel gezogen hatte? Das Kreuz auf seinem weißen Mantel war nicht schwarz gewesen wie das der Deutschordensritter, sondern rot. Wie das Kreuz auf der bestickten Decke des Pferdes im Wald! Vielleicht wusste Babcia Anna eine Antwort. Oder Andrzej, der kannte sich gut aus mit Rittern. Magdalenas Aufmerksamkeit kehrte wieder zu ihrer Medizin zurück. Hatte sie ordentlich mitgezählt? Ungeduldig geworden schüttelte sie das Fläschchen, damit der nächste Tropfen endlich in den Teelöffel fallen würde. Es war der fünfte, und sieben Tropfen sollten es werden.

            „Magdalena, denk an deine Medizin!“ Ewa drehte sich um und sah erst jetzt ihre Tochter hinter der Tür am Buffet stehen.

            Magdalena konnte nicht antworten. Sie hielt den Atem an, um den sechsten Tropfen nicht zu verschrecken, der sich gerade mit einer hauchdünnen Haut aus Flüssigkeit zeigte. Vorsichtig bewegte sie das Fläschchen. Dann klopfte sie ärgerlich auf den Flaschenboden und schüttelte das Glas. Sie streifte den sechsten, nur halben Tropfen auf den Löffel.

            „Mamusia!“

            „Schrei nicht so! Zeig mir die Schachtel. Hast du auch heute Mittag an die Tropfen gedacht?“ Die Mutter kontrollierte den Aufkleber auf der Schachtel. Ein Kreuz bei r – rano, früh –, eines bei p – południe, mittags. Das Kreuz hinter dem w für wieczorem, abends, und unter dem cz – czwartek, Donnerstag – hatte Magdalena noch nicht eingetragen. Durfte sie es tun bei nur fünfeinhalb Tropfen? Es war schließlich nicht ihre Schuld.

            „Es ist leer.“

            „Nein, das kann nicht sein!“ Ewa nahm ihrer Tochter das Fläschchen aus der Hand, schüttelte es und hielt es gegen das Licht. Zwischen den Brauen warf sich die noch junge Haut in eine steile Falte. Magdalena sah die Angst in den Augen ihrer Mutter, in denen sich inzwischen ein glasiger Glanz eingebrannt hatte.

            „Wir fahren morgen nach Warschau!“

            „Ich muss morgen in die Schule gehen.“ Die Sommerferien waren zu Ende gegangen, sie wollte nicht gleich zu Schulbeginn wieder fehlen.

            „Morgen nicht. Deine Medizin ist wichtiger.“

            Noch wichtiger war es herauszufinden, was Kazimierz in der Zwischenzeit widerfahren war. Magdalena ging zu Andrzejs Zimmer. Seit Babcia bei den Zjawas wohnte, seit sie vor einem halben Jahr krank geworden war, standen in seinem Zimmer zwei Betten. Babcia Anna saß auf der Kante des aufgeschlagenen Feldbettes, die Bibel auf dem Schoß. Sie betete. Magdalena blieb reglos in der Tür stehen und betrachtete die geistig in sich gekehrte und körperlich in sich eingefallene alte Frau. Angstgefühle krochen Krakenarmen gleich aus einem dunklen Versteck zwischen Magdalenas Eingeweiden hervor. Es war die Angst, ihnen beiden würde nicht mehr die Zeit bleiben, Kazimierz´ Geschichte zu Ende zu lesen. Sie legte die Hand, ihren Herzschlag prüfend, auf die Brust. Leise wandte sie sich zum Gehen ab.

            „Engelchen?“

            Magdalena drehte sich wieder zu ihrer Großmutter um, die sich aufrichtete und sich das Kopfkissen unter die Lenden schob.

            „Was hat der Fremde mit Kazimierz vor?“, flüsterte Magdalena.

            „Er wird ihn auf seine Burg mitnehmen, oder nicht?“

            „Wird er ihn als Diener arbeiten lassen? Oder verkaufen? Was kostet ein Mensch überhaupt?“

            Babcia Anna lächelte.

            „Aber hast du denn den Falken vergessen, der immer vorangeflogen ist?“

            „Den Falken? Du meinst …“

            „Schlaf noch mal drüber. Geh jetzt ins Bett, es ist schon spät.“ Babcia Anna streckte Magdalena die Hand entgegen und zog das Mädchen zu sich heran, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben.

            Magdalena ging in das Zimmer, das sie mit Helene teilte. Auf dem Weg sah sie den Bruder im Wohnzimmer über ein Heft gebeugt sitzen.

            „Andrzej?“

            „Was gibt’s?“

            Andrzej hob kein einziges Mal seinen Blick, beantwortete aber trotzdem brummig ihre Fragen.

            Bevor Magdalena auch von Mama ins Bett geschickt werden würde, wollte sie noch schnell ein Bild malen. Sie wollte das weiße Pferd malen, das sie heute gesehen hatte. Ein weißes Pferd mit prächtigem Sattel auf einer weißen Decke, bestickt mit roten Kreuzen. Den Kreuzen des Templerordens, hatte Andrzej ihr eben mit wissender Miene erklärt, obwohl er etwas genervt war von den Mädchengeschichten seiner kleinen Schwester. Das Pferd sollte am Großen Stein stehen – sie zeichnete mit Bleistift einen Fels in die Mitte des Blattes – und auf sie warten. Am Großen Stein, auf den sie klettern würde, und dann würde sie hinüber in den Sattel steigen. Der Schimmel würde sie mal schnell, mal langsam den Weg entlangtragen, so wie sie es dem Tier mit den Zügeln in der Hand und mit ihren Füßen, die sie in seine Flanken drücken würde, signalisierte. Magdalena würde zu den Kalksteinfelsen reiten, über weite Auen galoppieren, bis nach Jasna Góra, und die Schwarze Madonna um Fürsprache bitten, dass Mamusia wieder glücklich werde. Dass Babcia Anna wieder gesund würde und dass ihr Herz stark sei. Oder sollte sie nicht besser Gott persönlich darum bitten? Denn wenn sie ehrlich war, hatte Magdalena vor der Schwarzen Madonna ein wenig Angst. Sie trieb sich abends auf den Straßen herum und erschreckte die Kinder, die noch nicht nach Hause gegangen waren. Sie biss ihnen die Finger ab! Andrzej hatte ihr das erzählt. Magdalena dachte erstmals daran, ihm nicht mehr alles zu glauben. Schließlich war die Schwarze Madonna niemand Geringeres als Maria, die Mutter Gottes Sohns! Magdalena erschrak. Aber warum hatte die Madonna so ein düsteres Gesicht? Schnell kletterte sie die Holzleiter am Stockbett hoch, schlüpfte unter die Bettdecke und faltete ihre Hände zum Gebet. Was für ein lästerlicher Gedanke, sie würde den Kindern die Finger abbeißen! Fort! Fort mit dieser scheußlichen Idee! Gott würde sie strafen für diesen ketzerischen Gedanken! Ihr könnten zur Strafe die Finger abfallen, einfach so, damit sie lernte, dass so etwas ganz gewiss nicht das Werk der Schwarzen Madonna aus Jasna Góra sein konnte. Fest presste sie ihre beiden Handflächen aneinander, bis die Finger schmerzten.

            Aber die Geschichte von den Mongolen, die das Blut ihrer Feinde aus der Hirnschale tranken, die stimmte! Es waren keine Christen, die so etwas taten. Es waren Ungläubige, Heiden! Vielleicht hatten sie das Gesicht der Gottesmutter verbrannt, aus Bosheit, oder um sich zu rächen. Oder aber die vielen Kerzenflammen der Christen hatten mit der Zeit die Wangen eingerußt. Der letzte Gedanke gefiel Magdalena schon viel besser, und sie schloss die Hände zum Gebet, wie es so viele Menschen seit so langer Zeit getan hatten. Und so viele hatten in Jasna Góra ein Lichtchen angezündet und das Gebet gesprochen, das der Sohn Gottes die Menschen gelehrt hatte.

            „Vaterunserimhimmelgeheiligtwerdedeinname … Helene? Schläfst du schon?“ Magdalena beugte sich kopfüber aus dem oberen Stockbett, um zu sehen, ob Helene im unteren Bett ihre Augen geschlossen hatte.

            „Nein … Vaterunser …“ Die Worte erstarben wieder. Helene waren die Augen zugefallen.

            „Helene!“ Magdalena warf ihr Plüschhündchen in das schlafende Gesicht ihrer Schwester, das rund und friedlich im Kopfkissen versunken schlummerte, umrandet von einem dunklen Haarkranz. Der Hund traf sie an der Nase; erschrocken fuhr Helene hoch. Knurrend faltete sie ihre dicken Kinderhände. Die Augen lagen halbgeschlossen hinter den verknautschten Wangen.

            „Vaterunser …“

            Der Schlüssel fuhr suchend in das Schloss, und die Tür kratzte über den Boden. Andrzej sprang auf.

            „Tatuś!“ Seine Stimme klang zugleich fragend und freudig.

            Die Mutter atmete hörbar auf und stürzte in den Flur. Das Leder der Jacke knackte, als sie ihre Arme um Marek schloss. Niemand sagte etwas, oder aber es wurde sehr leise gesprochen.

            „Vaterunser …“

            Zuerst kam das Vaterunser. Helene und Magdalena hatten ein gemeinsames Ritual für ihr Abendgebet: Nach dem Vaterunser folgte ein langes Gebet angefangen mit der Danksagung. Sie dankten, wie jeden Abend, für Speis und Trank, Magdalena erwähnte auch die fünfeinhalb Tropfen ihres Medikaments, denn sie dürften genügen, diese Nacht ihr Herz noch einmal in Schach zu halten. Die Mädchen dankten dafür, dass sie noch rechtzeitig vor dem Gewitter zu Hause gewesen waren, und vor allem, dass es nicht Tatuś gewesen war, der sich im Hochhaus gegenüber hatte verstecken müssen. Es folgten die Fürbitten, für all die Hungernden und Leidenden auf der Welt, für die fehlenden eineinhalb Tropfen und die fehlenden Tropfen morgen und übermorgen. Ihr Herz würde gewiss ohne Medizin keinen vernünftigen Takt schlagen. Magdalena erwähnte Kazimierz.

            „Kazimierz?“, krächzte Helene mit deutlich wahrnehmbarer Empörung in der Stimme. „Der aus dem Buch?“

            „Mmmh“, brummte Magdalena. Sie fühlte sich ertappt. Sie wollte ihre heimliche Liebelei doch nicht vor ihrer kleinen Schwester bloßlegen! Magdalena beschloss, Kazimierz mit in den stillen Teil hineinzunehmen. Nach dem gemeinsamen Gebet, das die Schwestern laut sprachen, betete jede still für sich. Still für Kazimierz, der in diese furchtbare Schlacht gegen die Tataren hineingeraten war. Im April 1241, als sich einige Deutschherren einem jungen Herzog angeschlossen hatten, um an der Kaczawa den mordenden Mongolen aus dem Osten Einhalt zu gebieten. Magdalena wusste immer noch nicht, wie der Kampf ausgegangen war.

            Für Helene war auch heute das Gebet der Abgesang des Tages. Es wirkte bei ihr beinahe jeden Abend wie ein Schlafmittel; es war der Teddybär im Arm, das Sandkorn im Auge. Magdalena hingegen konnte meist nicht sofort einschlafen, nicht bevor sich die dicke Watte in ihrer Lunge wieder aufgelöst hatte.

6

            „Lenesia“, Ewa streckte sich im Dunkeln zu dem zerzausten Blondschopf im oberen Stockbett hoch, der im Schlaf ans Fuß-ende gerollt war. „Lena, wach auf“, flüsterte sie und rüttelte Magdalena sanft an der Schulter, bis das Kind die Augen aufschlug. „Sei leise, damit Lene nicht aufwacht.“

            Schlaftrunken und verwirrt schaute Magdalena auf den schwarzen Umriss ihrer Mutter. Ihr Blick wanderte zum Rollladen. Er war heruntergelassen, zwischen den Ritzen war es dunkel; es musste noch mitten in der Nacht sein. Die Mutter hatte kein Licht eingeschaltet. Helene lag unter ihr im Tiefschlaf. Magdalena lauschte auf den gleichmäßigen Atem ihrer Schwester.

            „Bist du jetzt wach?“ Ewa kickte aus Versehen eine Zinnfigur gegen eine Porzellantasse, die am Abend am Bettrand vergessen worden war. Es hatte wie das Klirren von Schwertern geklungen. Magdalena wurde schlagartig hellwach. Waren die Russen einmarschiert? Gab es Krieg? Ein Schauer fuhr durch sie hindurch, der ihr genügend Schwung gab, ihre Beine über die Bettkante zu werfen. Sie stieg die Holzleiter hinunter und setzte ihren linken Fuß auf einen von Andrzejs kleinen Zinnsoldaten, den sie zum Modellstehen für ihr Bild, das sie malen wollte, aus dem Zimmer des Bruders entführt hatte. Auf einem weißen Blatt Papier stand er nun in bleistiftgrauer Uniform einem bewaffneten Ritter in der Tracht des Templerordens mit rotem Filzstiftkreuz gegenüber. Das Blatt lag neben dem gestürzten Soldaten, und beinahe hätte es Magdalena mit dem rechten Fuß zerknittert. Auf der untersten Sprosse innehaltend, um in der Dunkelheit erst einmal das Schlachtfeld zu sondieren, fiel ihr wieder ein, dass sie heute nach Warschau fahren wollten. Wegen der Medizin und wegen verschiedener anderer Dinge, die Tatuś zu regeln hatte. Er würde auch mitfahren! Ein Ausflug mit Tata und Mama nach Warschau! Tata und sie waren von ihren Verpflichtungen Arbeit und Schule abgemeldet, Helene und Andrzej dagegen durften dort nicht fehlen. Ohne Grund fehlen, das erlaubte Mamusia nicht.

            Magdalena zog das Wollkleid an, das ihr Ciocia Donuta, die Tante, gestrickt hatte; beiden Mädchen hatte sie dasselbe Kleid gestrickt. Zwar kratzte es, aber das hübsche Rosa würde dieses kleine Unbehagen sicher aufwiegen, entschied Magdalena.

            „Nein, Lena, das wird dir viel zu warm. Zieh die Sachen an, die ich dir über den Stuhl gelegt habe“, sagte die Mutter, als sie sich in der Küche stolz präsentierte.

            „Aber ich muss doch schön sein für die Stadt.“

            „Das bist du. Wir sitzen mindestens fünf Stunden im Auto. Zieh die Hose an, die ich dir rausgelegt habe. Und nicht im Zimmer, hörst du?“, rief Mamusia ihr mit gedämpfter Stimme nach. „Sonst weckst du noch Helene.“

            Es war erst fünf Uhr. Die Geräusche des taufrischen Morgens, das Schlagen der Autotüren, die aufgeregte und gleichzeitig verhaltene Stimme, die fragt, ob der Korb mit den Eiern schon nach draußen getragen wurde, waren von der Stille des Schlafs, aus dem sie sich langsam schälten, wie umwoben.

            „Ist die Decke schon im Auto?“

            „Welche Decke? Ich sehe keine!“

            „Die karierte!“

            Magdalena wurde in die Decke gewickelt und auf die Rücksitzbank gesetzt.

            „Das Buch, Mamusia! Hast du das Buch?“

            „Nein. Wo soll es denn sein?“ Ewa schob den Korb mit den gekochten Eiern, Kaffee und einer Flasche Wasser unter Magdalenas Füße. Dann lief sie noch einmal ins Haus, um das Buch zu holen, warf einen Blick zu Andrzej und Anna ins Zimmer – Anna saß angekleidet auf ihrem Bett, legte einen Finger auf den Mund und gab Ewa ein Zeichen, damit sie beruhigt gehen konnte. Ewa zog die Haustür hinter sich zu und setzte sich auf den Beifahrersitz in den Wagen. Es war ein orangefarbener Fiat Polski, das Auto der Nachbarn Szerek. Marek öffnete die Motorhaube und überprüfte den Öl- und Wasserstand. Das Zuschlagen der Haube erreichte Magdalena nur noch fern, denn der Schlaf war dabei, sie wieder mit sich fortzutragen.

            „Hast du den Wodka und die Zigaretten eingepackt? Und die Wurst? Marek, hast du an die Wurst gedacht? Ach, die ist bestimmt noch im Kühlschrank.“

            Die Wurst! Seit Dienstag lag die feine teure Wurst im Kühlschrank. Niemand hatte sie anrühren dürfen.

            Magdalena verschlief die ersten zweihundert Kilometer, eingewickelt in die Decke mit den großen Karos und geschaukelt von dem fahrenden Wagen über zahllose Schlaglöcher im Asphalt. Sie wachte etwa zu der Uhrzeit auf, als zuhause die Schulglocke zur ersten Stunde läutete.

            „Ich fahre euch zum Krankenhaus und dann am besten gleich weiter zum Woidwodschaftsamt.“

            „Marek!“ Ewas Stimme schwang gefährlich nach.

            „Was ist?“, fragte Marek aggressiv.

            „Ich will nicht, dass du ohne mich dahin gehst.“

            „Ewa! Proszę!“, sagte er mit Betonung jeder einzelnen Silbe.

            „Nein, ich will das nicht!“, rief Ewa und drückte ihre Knie fest aneinander. Mit finsterer Miene und tiefer Furche auf der Stirn wandte sie ihren Blick von ihrem Mann ab hinaus auf die vorüberziehende Landschaft. „Sie werden dich nicht mehr gehen lassen.“

            „Ewa, natürlich lassen sie mich wieder gehen.“

            Magdalena fing die kurzen harten Blicke ihrer Eltern im Rückspiegel auf.

            „Wir sollten hierbleiben.“ Ewa starrte mit zusammengekniffenen Lippen auf die Straße, die vom Wagen aufgefressen wurde. Der löchrige Asphalt verschwand unter dem Fiat, und das Scheinwerferlicht, das Marek vergessen hatte auszuschalten, obwohl es inzwischen hell geworden war, flackerte beinahe unsichtbar geworden gespenstisch wie ein Irrlicht vor ihnen her. Die grelle Vormittagssonne schien auf ein graues Band, das sich über eine Hügellandschaft schlängelte. Bäume, Sträucher und Strommasten warfen schwarze Schatten auf die immer wieder nachwachsende Straße. Helle und dunkle Flecken flohen unter ihnen hindurch.

            „Doch nicht ausgerechnet nach Deutschland! Lieber wandere ich nach Amerika aus!“

            „Ewa, bitte fang nicht wieder damit an! Siehst du nicht, was hier passiert? Sie gehen immer radikaler gegen die Solidarność vor! Wir gehen, bevor es zu spät ist.“

            „Ganz Polen ist in der Solidarność! Was wollen sie da schon ausrichten!“

            Sie schwiegen und holperten über die Löcher. Marek zündete sich eine Zigarette an.

            „Nicht doch, Marek! Das Auto gehört uns nicht.“

            Marek kurbelte die Scheibe des Seitenfensters hinunter und drückte verärgert aufs Gaspedal. Der Wind sauste durch schwarzes, braunes und blondes Haar.

            „Marek!“

            „Wie weit ist es noch?“, fragte eine Kinderstimme von hinten.

            „Mach das Fenster wieder zu!“ Ewa drehte sich zu ihrer Tochter um. „Du kannst noch ein bisschen schlafen.“ Sie versuchte über die Rückenlehne hinweg die Decke bis zu Magdalenas Kinn hochzuziehen, aber ihr Arm war dazu nicht lang genug. Magdalena zog sie sich selbst bis zur Nasenspitze und drehte sich zum Fenster, in der Hoffnung, durch die Ritze etwas frische Luft zu ergattern. Kaum hatte der Vater die Scheibe wieder hochgekurbelt, war es stickig in dem kleinen abgeschlossenen Raum geworden.

            Wiesen zogen draußen vorüber. Ein gottverlassenes Land, so schien es, und hinter der Hügelkette lagen sie auf der Lauer. Viele kleine Zinnsoldaten, in Reih und Glied zu einer undurchdringlichen grauen Wand aufgebaut, wie eine dichte Nebelbank, die am Horizont aufstieg. Magdalena konnte den vergifteten Pfeil spüren, der sie mitten ins Herz getroffen haben musste. Sie schossen wieder mit Pfeilen! Offenbar war sie schwer verletzt worden; sie malte sich aus, wie sie sich nur mit letzter Kraft im Sattel halten konnte, von einem strahlenden Schimmel über die Felder getragen. Magdalena vertraute auf den Instinkt des Tieres; es würde sie zu seinem Herrn bringen, einem Ritter in weißem Ordensmantel.

            „In Deutschland gibt es bessere Krankenhäuser,“ sagte der Vater mit fester und überzeugter Stimme, der Ärger war aus ihr verschwunden.

            „Was ist, wenn sie uns verraten? Du weißt nicht, was die Deutschen mit uns machen werden.“ Ewa zündete sich jetzt ebenfalls eine Zigarette an und öffnete einen Spalt breit das Fenster.

            „Ich spreche von der BRD, West-Deutschland.“

            „Auch Deutsche.“ Verächtlich stieß sie den Rauch durch den Fensterschlitz hinaus. Der Zigarettenqualm wurde von der Scheibe zurück ins Wageninnere gedrängt und verzog sich zu Magdalena auf die Rücksitzbank.

            „Dort gibt es Medizin, vielleicht können sie Lena sogar operieren“, fuhr Marek fort.

            Ewa fielen keine Widerworte ein. Wie lange würde man in Polen noch Magdalenas Tropfen bekommen können? Würde man das Medikament denn überhaupt noch kriegen? Besorgt wandte sie sich nach ihrer Tochter um, die aus dem Fenster schaute, so dass Ewa die blauen Lippen nicht sehen musste.

In Warschau schwollen die Spielzeugsoldaten zu Lebensgröße an. Die Zjawas wurden mit Polizeiaufgebot und Panzerdivisionen empfangen.

            „He, Sie! Was soll das?“

            Marek bremste vor dem Soldaten ab, der ihnen gestikulierend den Weg abschnitt.

            „Was soll das werden? Ist Ihnen das noch nicht genug? Wollen Sie denen auch noch leuchten?“, rief er zum Fenster herein.

            Marek verstand und schaltete die Scheinwerfer aus.

            „Tut mir leid“, sagte er ohne aufzublicken.

            „Hier können Sie jedenfalls nicht weiter. Drehen Sie um!“ Der schwerbewaffnete Mann zeigte auf die Absperrung und wandte sich dann wieder dem Demonstrationszug dahinter zu. Warschaus Einwohner waren der Regierung offensichtlich zu nervös geworden, sie mussten im Auge behalten werden. Eine große Unruhe trieb die Bürger auf die Straße, eine Unruhe, die nicht mehr geduldet wurde. Aber niemand konnte den Bürgern einen Spaziergang durch die Stadt verwehren! Und man traf sich wie zufällig bei einem Stadtbummel. Man redete. Immer lauter wurden die Stimmen. Die Wut auf die Misswirtschaft der Herrschenden und die Frustration über die langen Schlangen vor leeren Regalen, während selbst in Saus und Braus gelebt wurde, konnten nicht mehr unterdrückt werden. Die Warschauer hatten sich zu Menschenmassen zusammengerottet und hissten weiße Fahnen mit dem roten Schriftzug der Solidarność in die Höhe. Magdalenas Blicke verfolgten sie durch die Heckscheibe, bis sie verschwunden waren. Die Wächter des russischen Kommunismus waren alarmiert und riegelten sämtliche Straßen ab. Marek war verwirrt und kannte sich auf den übriggebliebenen Straßen zwischen Wohnsilos und kargen Spielplätzen nicht mehr aus. Einzigen Orientierungspunkt bot die Raketenspitze des Kulturpalastes.

            „Da vorne ist er wieder! Fahr da lang!“ Ewa stach mit ihrem Zeigefinger beinahe durch die Windschutzscheibe.

            „Ja und? Wir wollen aber zum Krankenhaus! Frag doch mal die Frau da.“ Marek drückte die Bremse tief hinunter, als er eine Frau mit Kinderwagen erblickte, und Ewa streckte ihren Haarschopf aus dem Seitenfenster.

            Sie kurvten eine geschlagene Stunde durch die Großstadt. Magdalena hatte nach vorne die Aussicht auf Mamusias kastanienbraune Haarwellen und Tatuś´ schwarze. Hin und wieder drängte sich die Raketenspitze zwischen die elterlichen Frisuren. Häuser und Soldaten gab es rechts und links von ihr zu sehen, und sie versuchte sich vorzustellen, auf einem Schimmel im prächtigen Sattel durch die Straßen zu reiten, aber es funktionierte nicht. Ihr Traum vom weißen Pferd passte nicht zu den gepanzerten Männern, die sie draußen sah, und zu den wütenden Demonstranten.

            „Mamusia, hast du mein Buch eingepackt?“

            „Welches Buch? Marek, da vorne ist ein Schild!“

            Endlich tauchten Hinweisschilder auf, und sie fanden das städtische Krankenhaus.

In einem großen Eingangsbereich saß eine ausladende blonde Frau mittleren Alters in einem Glaskasten. Ihr breites Gesicht war faltig, trotz oder wegen der starken Schminke war schwer zu beurteilen. Sie ließ Vater und Mutter mit Kind an der Hand vor der geschlossenen Scheibe warten und kritzelte etwas mit einem Kugelschreiber auf die Schreibunterlage. Marek wollte an das Glas klopfen, aber Ewa hielt seine Hand zurück. Das Schiebefenster öffnete sich langsam.

            „Zu wem wollen Sie?“

            Ewa fragte nach Doktor Dobroczyński, einem Pädiater, der Magdalena schon einmal untersucht hatte, als sie, zuletzt vor knapp einem Jahr, wieder einmal auf der Suche nach einer Behandlungsmöglichkeit auf Odyssee quer durch Polen gewesen waren.

            „Haben Sie einen Termin?“

            „Es ist ein Notfall.“

            „Ein Notfall? Wer? Das Kind?“ Die Frau betrachtete mit herabgezogenen Mundwinkeln Magdalena, die an der Hand der Mutter hing. „Warum kann sie dann gehen?“

            Marek nahm Magdalena auf den Arm.

            „Wir müssen sofort mit einem Kardiologen sprechen!“

            „Einem Kardiologen? Ich dachte, es geht um das Kind.“

            „Proszę, dann eben mit einem Kinderkardiologen.“

            „So etwas gibt es? Was wollen Sie denn jetzt genau?“ Sie war im Begriff, die Scheibe zuzuziehen, aber Marek hinderte sie daran, indem er seine Hand dazwischen legte, während ihm Magdalena im anderen Arm ein Stück tiefer rutschte. Die Frau in dem Kasten stöhnte gereizt auf.

            „Die Besuchszeit beginnt erst um …“

            „Zur Notaufnahme!“, mischte sich Ewa ein. „Proszę!“, fügte sie hinzu und nahm ihrem Mann das Kind aus dem Arm.

            „Untergeschoss links.“ Sie schob das Fensterchen end- gültig zu.

            Die Zjawas suchten das Treppenhaus und stiegen die Stufen hinab. Im Kellergeschoss brannte in langen Gängen grünliches Licht, schwach wie Mondlicht hinter einer dicken Wolkenschicht. Schemen huschten geisterhaft durch die Flure. Kaum hatte man einen zu Gesicht bekommen, verschwand er wieder in einer dumpfen Geräuschkulisse von hin und her geschobenen Wägelchen und Infusionsständern. Minuten verstrichen, ehe sie endlich mit einem der Wesen in Kontakt kamen. Schnell zog Ewa Papiere aus ihrer Handtasche und überreichte sie dem blonden, weiß gekleideten Geschöpf, das sich sogleich mitsamt den Papieren in Luft auflöste. Kurz darauf tauchte es wieder mit einem Lächeln, das wie mit feinem Stift auf das Gesicht gezeichnet schien, an einer anderen Stelle auf. In Magdalena wuchs die Überzeugung, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging.

            „Gehen Sie durch die beiden Metalltüren in den rechten Korridor.“ Die Frau wirkte jung und unverwelkt. Umso tragischer ihr bedauernswerter Zustand in Spukgestalt; Magdalena dachte dabei an die Dicke am Eingang.

            „Warten Sie dort vor den EKG-Räumen. Es ist angeschrieben.“ Damit sagte sie nur die halbe Wahrheit, denn die Worte EKG, Röntgen und Labor waren nur noch teilweise angeschrieben, nicht alle Buchstaben hatten einen dauerhaften Halt auf den nackten rohen Wänden gefunden. Es verliefen dicke Rohre unterhalb der niedrigen Decke, und aus den Wänden sprossen Holzbänke.

            „Setzen Sie sich.“

            Wie war es möglich, dass sie vor ihnen da war? Sie hatten die junge Frau doch soeben hinter sich zurückgelassen!

            „Füllen Sie bitte das hier aus.“ Die gespenstische blonde Krankenschwester hielt dem Ehepaar eine Schreibunterlage mit eingeklemmten Papieren hin, unschlüssig, ob sie diese dem Mann oder der Frau in die Hand drücken sollte. Ewa nahm die Formulare an sich und vertiefte sich darin. Plötzlich fuhr sie hoch.

            „Marek, schau, was sie von uns alles wissen wollen!“ Ewa reichte die Papiere über die Tochter hinweg ihrem Mann. „Lies bei Beruf der Eltern!“

            Marek las und sah ebenfalls erschrocken hoch.

            „Das darf doch nicht wahr sein! Was geht die das an!“

            Marek und Ewa starrten sich sekundenlang mit geweiteten Augen an. Mit gerümpfter Nase und einer Geste der Entrüstung gab Marek Ewa die Schreibunterlage zurück.

            „Was soll ich jetzt eintragen?“

            Marek zuckte mit den Achseln. Magdalena saß zwischen ratlosen Eltern. Der blonde Geist nahm ihnen das Formular ab, bevor die Antwort auf die Frage gefunden war, dann erschien er ihnen lange nicht mehr. Die drei auf der Holzbank sprachen nicht miteinander, bis Marek geräuschvoll seine Atemluft ausstieß. Daraufhin schlug er sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel.

            „Ich gehe eine rauchen!“ Er stand auf. „Ich finde euch hier wieder.“

            Zeit war an diesem Ort ein vager Begriff; zwischen hektischem Geklapper und Türenschlagen, schnellen Zeitwirbeln und huschenden Schritten gab es Löcher. In so einem Loch blieben Mutter und Tochter zurück, und Magdalena ließ ihre Füße baumeln. Ihr Blick fiel auf die Tasche, die an Ewas Waden lehnte, und sie sah das Buch von Ritter Kazimierz hervor-spitzen. Sie zog es heraus.

            „Mamusia, ist die Ruine bei uns am Wald früher mal eine Tempelritterburg gewesen?“

            Die Mutter schien sie nicht zu hören. Es war, als ob sie in einem anderen Loch säße, und Magdalena wiederholte ihre Frage, diesmal etwas lauter:

            „War das eine Tempelritterburg? Oder gehörte sie den Deutschordensrittern?“

            Andrzej hätte es gewusst; Magdalena würde ihn zu Hause gleich danach fragen.

            In dem Moment erschien ihnen wieder der Geist und deutete auf eine der Türen.

            Ein junger Mann mit gewelltem, fein säuberlich frisiertem Haar schaute Mutter und Tochter mit schläfrigen Augen durch zwei große Scheiben in Metallfassung an, als sie in das Untersuchungszimmer eintraten. Hamsterbacken zogen seine Unterlippe ein wenig nach unten. An den weißen Kittel, der der Kleidung seiner mysteriösen Gehilfinnen sehr ähnlich war, war ein kleines blitzblankes Schildchen geheftet, das ihn als Doktor Wolkonowicz identifizierte. Vor diesem Mann sollte sich Magdalena bis zur Unterhose ausziehen. Ewa, die sich auf den Patientenstuhl gesetzt hatte, registrierte den suchenden Blick ihrer Tochter, nahm ihr Bluse, Hemdchen und Hose ab und stapelte die Kleidung auf ihrem Schoß.

            „Magdalena braucht ihre Medizin.“

            „Welches Medikament bekommt das Kind?“, fragte der Arzt, der sich auf den zweiten Stuhl im Raum setzte, der als Arztsessel deutlich bequemer ausgestattet war. Er starrte in die Papiere vor sich auf dem Tisch.

            „Lanitop.“

            „Das gibt es hier nicht!“, kam es wie aus der Pistole geschossen.

            Magdalena stand mit ihren nackten Füßen in der Mitte des Raums auf kaltem Linoleum.

            „Lanitop? Doch, natürlich! Das bekommt sie schon seit Jahren“, sagte Ewa.

            „Von uns?“

            „Ja, auch. Magdalenas behandelnder Arzt ist …“

            „Das ist ein Medikament aus dem Westen, habe ich recht?“ Er legte Strenge in den kurzen Blick, den er Ewa schenkte.

            „Ja. Kann sein.“

            „Dieses Medikament ist nicht mehr erlaubt.“

            „Nicht mehr erlaubt?“ Ewas Augenbrauen wanderten einen halben Zentimeter höher.

            „Ja. Tut mir leid.“ Er war wieder in die Papiere auf dem Schreibtisch versunken. „Das hier verstehe ich nicht. Hier steht, dass sie ein univentrikuläres Herz hat.“