Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen - Lars Simon - E-Book

Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen E-Book

Lars Simon

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Beschreibung

Der erste Teil einer Reihe Mops, Mord und Magie: Lassen Sie sich verzaubern! Der erfolgreiche junge Unternehmensberater Lennart Malmkvist erbt überraschend den Zauber- und Scherzartikelladen seines skurrilen Nachbarn, des alten Buri Bolmen. An das lukrative Erbe (ein Ladengeschäft mit Einliegerwohnung mitten in Göteborg) ist eine Bedingung gekoppelt: Lennart muss den Laden ein Jahr lang weiterführen – und sich außerdem um Bolmens übellaunigen Mops Bölthorn kümmern. Danach kann er laut Testament mit Laden und Hund machen, was er will. Lennarts Skepsis legt sich schlagartig, als Bölthorn während eines Gewitters anfängt zu sprechen: Lennart sei verflucht und bekomme deshalb immer diesen furchtbaren Hautausschlag, sobald er sich in eine Frau verliebe. Jedoch bringe er alle Voraussetzungen mit, selbst Magier zu werden und gegen die bösen Mächte anzukämpfen … Aha. Lennart beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln. Doch am Ende behält Bölthorn recht und es geht um weitaus mehr als schlichte Magie …

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Lars Simon

Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

Für Uli, ohne die es keinen Mops geben würde.

Prolog

Niemand ließ sich gerne Runenschädel, Vollidiot oder sogar einen Dieb schimpfen. Mats Wallin atmete tief durch, schob sich die Brille auf der Nase nach oben und beschleunigte seinen Volvo, der bei längeren Fahrten und kalten Außentemperaturen roch wie ein alter Turnschuh.

Die meisten seiner Kollegen im Club der Hobbyarchäologen und Gelegenheitshistoriker von Västra Götaland hatten sich bereits lange von ihm abgewandt. »Pathologische Sturheit« und »Querulantentum« hatten sie ihm auf einer Vorstandssitzung einmal vorgeworfen, als er von einer Überzeugung nicht abweichen wollte, die jedoch offensichtlich der Wahrheit entsprach. Absurde Anschuldigungen, aber das hatte außer Wallin natürlich niemanden interessiert.

Dann hatte man ihn mit der Begründung, er würde den Ruf des Vereins schädigen, sogar als Mitglied ausgeschlossen, und das, obwohl er es gewesen war, der die Ausgrabung in Gudhem, in der Nähe des alten Klosters, angeregt und in Gänze organisiert hatte. Wie sich später herausstellte, immerhin die bedeutsamste Fundstätte in der Geschichte des Vereins.

Der Einzige, der ahnte, worum es wirklich ging, schien dieser etwas eigenbrötlerische Mann aus Göteborg gewesen zu sein, ein neues Mitglied des Clubs, der erst am Tag des Rauswurfs zusammen mit seinem Sohn in Gudhem aufgetaucht war. Wie Wallin selbst war er zwar auch kein studierter Forscher gewesen, hatte aber genauso wie er das an sich gehabt, was all den anderen dieses Vereins immer gefehlt hatte: die Leidenschaft, die wahre Natur der Dinge entdecken zu wollen.

Doch ein Verbündeter war er auch nicht gewesen. Und es gab nur einen, dem der Ruhm zustand, und der hieß Mats Wallin. Daher hatte Wallin das Artefakt aus Gudhem mitgehen lassen (natürlich hatte er das!) – die anderen hatten es nicht verdient. Es war seine Entschädigung für die Schmach des Rauswurfs, nun gehörte es ihm allein.

Er hatte schon oft gedacht, endlich gefunden zu haben, wonach er suchte. Doch die scheinbar seriösen Hinweise hatten sich am Ende alle aufgelöst wie Würfelzucker in heißem Glögg. Aber er hatte nicht aufgegeben. Auch nicht, als ihm seine Obsession die Zwangsfrühpensionierung als Buchhalter eingebracht und ihn und seine Frau damit wirtschaftlich fast ruiniert hatte.

Schlussendlich hatte es sich gelohnt. Als er vor vielen Jahren bei einer Versteigerung in Norwegen eine uralte, mit seltsamen Zeichen beschriebene Tierhaut zusammen mit einem Manuskript inklusive einer handgezeichneten Landkarte ergatterte, hatte er sein Glück kaum fassen können. Artefakte, die unbestritten aus der Zeit stammten, deren vergrabene Wurzeln er schon immer hatte freilegen wollen. Dazu kam, dass die historischen Fundstücke ihn so gut wie nichts gekostet hatten, außer vielleicht seine Ehe. Er liebte seine Frau sehr – noch immer –, doch was er tat, liebte er über alles. Das war der Preis, den er zahlen musste.

Und Jahre hatte er auch gebraucht, um das ersteigerte Manuskript zu entschlüsseln und um zu begreifen, was er da in Händen hielt. Und als er es endlich vollständig übersetzt und auch die beiliegende Landkarte und die beschriebene Tierhaut einigermaßen verstanden hatte, war urplötzlich eine Unruhe in ihm erwacht, ein unstillbares Verlangen nach Gewissheit, das ihn schließlich zur Ausgrabung in Gudhem gedrängt hatte.

Was war Historie, was Legende? Gab es Zauberei? Mats Wallin wollte es herausfinden.

Die geschichtlichen Rahmendaten stimmten, aber konnte es wirklich wahr sein? Die Seele von König Olav I. Tryggvason, auch Krähenbein genannt, gefangen in einem Amulett, das man in zwei Hälften zerbrochen und danach weit voneinander entfernt vergraben hatte? Und Krähenbeins Macht gebannt auf ein dicht an dicht mit magischen Versen beschriebenes Pergament, gefertigt aus der Haut eines schwarzen Wolfes, das in vier Teile zerschnitten worden war und bis in alle Ewigkeit von vier übersinnlichen Wächtern bewacht werden sollte? Die vier Dunklen Pergamente … so stand es im Manuskript. Oder war das alles bloß ein Märchen, nur eine weitere nordische Sage? Nein, niemals! Dahinter steckte mehr, davon war Wallin mittlerweile felsenfest überzeugt. Einen derartigen Aufwand trieb nur, wer sichergehen wollte, dass eine Wahrheit nie wieder das Licht der Sonne erblickte.

Als hätte sie seinen Gedanken gelauscht und nur auf den richtigen Augenblick für einen effektvollen Auftritt gewartet, erhob sich die Sonne just in diesem Moment behutsam über den Horizont und brach durch die Wolken. Blattlose Bäume und immergrüne Tannen flogen an ihm vorüber, vermischten sich zu einem verschwommenen Band lichtloser Farben, das Wallin jedoch kaum wahrnahm – er hörte nur noch das monotone Geräusch des Motors. Und seinen eigenen Herzschlag.

Vor geraumer Zeit schon hatte er die Höhle an der Ostküste vermutet, in der Nähe von Skaftet, wo er sich dann auch – gegen alle familiären Widerstände – von seiner Abfindung ein kleines Ferienhaus gekauft hatte. Sie lag, genau wie im Manuskript und auf der Landkarte beschrieben, an einer felsigen Anhöhe im Wald bei Äskestock, und da vermutete Wallin auch die andere Hälfte des Amuletts, die zu der aus Gudhem passte. Er würde wieder zusammenfügen, was zusammengehörte.

Und wenn er mit seiner Vermutung recht behielt, würde er nicht nur weltberühmt werden, sondern vielleicht sogar reich. Aber was noch viel wichtiger war: Er würde allen, die ihn für verrückt erklärt hatten, zeigen, wer denn nun der Spinner war. Kurz fiel sein Blick auf die Amuletthälfte, die sich neben ihm in der Ablage befand. Ein Stück Stein, nicht breiter als eine Kinderhand und voll von Schriftzeichen. Wie von selbst griff er danach, zog die Hand jedoch sofort wieder zurück. Der Stein fühlte sich richtiggehend warm an, beinahe heiß. Er lenkte kurz mit den Knien, zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch aus dem spaltbreit geöffneten Fenster, dann lachte er zufrieden. Er hatte es schon immer gewusst: Magie existierte.

Vor der nächsten Kreuzung warf er die erst halb gerauchte Zigarette aus dem Fenster und bremste ab. Langsam ließ er den Wagen ausrollen und kam am Straßenrand zum Stehen. Der Motor seines klapprigen Volvos machte seltsame Geräusche; Feuchtigkeit bekam ihm nicht besonders. Wallin wischte sich die beschlagene Hornbrille sauber, setzte sie wieder auf, schob sie mit dem Daumen auf der Nase zurück, fuhr sich durchs schüttere Haar und zündete sich eine neue Zigarette an. Der Pfeil auf dem blauen Verkehrsschild vor ihm wies nach rechts. Darauf stand: Skaftet 21.

Noch einundzwanzig Kilometer. Von da aus wären es nur noch zehn Minuten bis in die Wälder von Äskestock, bis zur Höhle. Er blickte neben sich auf den Beifahrersitz, wo er die Jahrhunderte alte Landkarte ausgebreitet hatte, und strich mit den Fingern beinahe zärtlich über die raue Oberfläche des brüchigen Dokuments. Pergament und Manuskript hatte er nicht mitgenommen, sondern vor neugierigen und magischen Blicken gut versteckt – denn wer wusste schon, was er lostrat, wenn dieser Zauber tatsächlich funktionierte? Mats Wallin holte tief Luft, schlug vor Freude mit beiden Händen aufs Lenkrad, legte den Gang ein und bog ab.

Er lachte wie von Sinnen. Heute würde er die Welt verändern.

Bedauerlicherweise ahnte er nicht, wie recht er damit hatte.

Ansonsten hätte er womöglich noch kehrtgemacht.

 

 

 

Fast dreißig Jahre später …

1. Kapitel

Es regnete so heftig, dass die Tropfen lautstark gegen die Fenster prasselten. Lennart wälzte sich auf die andere Seite des Bettes zum Wecker hin und kniff die Augen zusammen. Halb elf. Sie musste bereits vor Stunden gegangen sein. Er quälte sich hoch, setzte sich auf die Bettkante. Es war schön gewesen gestern Nacht, aber es hatte auch etwas zu viel Wein gegeben und zu wenig Schlaf. Und Emma umgab etwas, eine Melancholie, eine Traurigkeit, die mit jedem Glas Wein mehr zutage trat. Bei ihm war es andersherum.

In seinem Mund machte sich ein unangenehmer Geschmack breit, die Zunge klebte ihm am Gaumen wie ein durchgeweichtes Heftpflaster. Um sich ein klein wenig besser zu fühlen, half in solchen Fällen ein simpler Vergleich des körperlich schlechten Befindens am Morgen mit dem Hochgefühl am Abend zuvor. Überwog Letzteres, hatte es sich gelohnt. Mit diesem Gedankengulasch im Kopf erhob sich Lennart, tastete sich zum Verdunklungsrollo vor und spähte mit kleinen Augen durch die auseinandergeschobenen Lamellen. Rasch kam er zu dem Schluss, dass der Abend gestern schön genug gewesen war, um das Pochen hinter seiner Stirn zu ertragen, aber auch, dass es kaum ein beschisseneres Wetter für einen freien Samstag geben konnte, an dem man eigentlich vorgehabt hatte, einkaufen zu gehen und sich danach in sein Lieblingscafé zu setzen, um Zeitung zu lesen.

Lennart blickte hinab auf den Västra Hamngatan und über die beinahe konturlosen Häuserfronten, die bei schönem Wetter so hochherrschaftlich aussahen, so erhaben, und die Straße dicht an dicht bis zum Kanal hin säumten. Heute war von ihrer Erhabenheit jedoch nichts zu erkennen. Es herrschte Tristesse. Eine Tram schob sich durch den Wasservorhang. Lennart zog die Finger aus den Lamellen, der Schlitz schnalzte zusammen. Die Zeitung konnte warten, Kaffee hatte er im Haus, und ihm war plötzlich nach Dusche und eingelegtem Hering mit Knäckebrot und Orangensaft. Ein Katerfrühstück, das in genau dieser recht individuellen Kombination nicht einmal in seinem Lieblingscafé angeboten wurde.

Im Flur, hinter der Tür zum Schlafzimmer, lag einer von Emmas schwarzen Strümpfen. Sie musste ihn übersehen haben. Lennart grinste kurz, dachte an den verführerischen Anblick grobmaschigen Netzes auf durchtrainierten, zartweißen Beinen und knarzte weiter die Flurdielen in Richtung Küche entlang, wo er das Radio einschaltete und Kaffee aufsetzte. Dann verschwand er im Bad. Eine gute Viertelstunde später kam er wieder heraus, rasiert und geduscht, den Bademantel übergezogen, und checkte sein Handy. Eine neue Nachricht.

Hej, Lennart. Ich wollte dir nur sagen, dass ich es so schön fand gestern Abend. Alles. Und ich würde dich gerne bald wiedersehen. Ruf mich an, ja? Mach’s gut und bis ganz bald. Liebe Grüße, Emma

Lennart verdrehte die Augen. »Ich hab’s kommen sehen«, sagte er zu sich selbst und schüttelte resigniert den Kopf. »Arme Emma. Ich werde es ihr sagen müssen.« Er drückte auf Löschen.

Kurz darauf saß er am Küchentisch, vor sich eine Tasse Kaffee, ein Glas Orangensaft und ein Teller, auf dem ein beinahe obszön überbordend mit Sahnehering belegtes Knäckebrot lag. Im Hintergrund spielten die aktuellen Charts im Radio. Lennarts Arm juckte und brannte. Kleine rote Pusteln zogen sich vom Handgelenk bereits hinauf bis zum Ellbogen.

Es war immer dasselbe. Und es passierte immer, sobald er auch nur mit dem Gedanken spielte, sich auf mehr einzulassen als auf eine flüchtige Bekanntschaft oder ein Abenteuer. Er tat gut daran, die Sache mit Emma zu beenden, bevor es zu spät war und er einmal mehr aussehen würde wie ein Streuselkuchen, von dem sich jeder angeekelt abwandte (oder ihn wahlweise anstarrte). Es kam ihm vor wie ein lächerlicher Fluch, eine Art Beziehungsallergie. Er biss ins Heringsbrot und spülte nach genüsslichem Kauen die Fischreste und Knäckebrotkrümel mit einem großen Schluck Orangensaft hinunter.

 

Nachdem er sein Frühstück beendet hatte, zog er sich an und trat kurz darauf mit einem Regenschirm in der Hand aus der Wohnung. Er hielt lächelnd inne. Der Duft von Kräutern und Knoblauch, der von unten heraufzog, erfüllte das ganze Treppenhaus.

Für Lennart war dieser Geruch untrennbar mit diesem Gebäude verbunden, und er wurde mit jeder Stufe, die er hinabstieg, intensiver. Plötzlich, kaum dass er den nächsten Treppenabsatz erreicht hatte, sprang die rechte der beiden Wohnungstüren auf. Es war die von Maria Calvino. Sie hatte wahrscheinlich wieder einmal ihr ganzes Können in die Zubereitung unverhältnismäßig großer Mengen italienischer Köstlichkeiten gesteckt und ein Menü gezaubert, mit dem man eine ganze Fußballmannschaft hätte verköstigen können. Dabei lebte sie, genau wie Lennart, alleine. Ab und zu lud sie das ältere Ehepaar von gegenüber ein, oft kochte sie für soziale Einrichtungen und Bedürftige, doch das meiste musste nach Lennarts Dafürhalten entweder in der Gefriertruhe oder im Abfall landen, anders konnte er sich den Verbleib dieser ungeheuren Essensmengen nicht erklären. Aber, es gab ja noch einen weiteren regelmäßigen Abnehmer ihrer Kochkünste.

»Buon giorno,caro mio«, begrüßte Maria Calvino Lennart. »Guten Morgen, mein Lieber. Was für ein Zufall. Gehst du nach unten? Warte kurz. Ich habe etwas für Buri.« Sie strahlte ihn aus dunkelbraunen Augen an und trocknete sich dabei die Hände an ihrer farbenfrohen Schürze ab.

»Also, ich wollte eigentlich nicht …«, setzte Lennart an, doch sie war schon verschwunden. Sie musste eine übersinnliche Gabe besitzen, denn weder war das Haus sonderlich hellhörig, noch knarzten die Stufen. Während Lennart wartete, blickte er aus dem großen Fenster im Treppenhaus, wo der Regen schräg und windgepeitscht gegen die Scheibe klatschte. Tropfen vereinten sich zu Rinnsalen, liefen herab, als hätten selbst sie es eilig, sich vor dem miesen Wetter in Sicherheit zu bringen. In Marias Wohnung brummte weit entfernt die Dunstabzugshaube, dazu mischte sich leise dudelnd eine italienische Oper. Aus der Küche drang Geklapper, dann stimmte Maria Calvino kurz, aber dafür umso inbrünstiger in die Arie mit ein (Lennart meinte, ›La Traviata‹ zu erkennen), und nur wenig später war sie schon zurück, in den Händen einen mit Aluminiumfolie abgedeckten Teller.

»Saltimbocca alla romana, Rosmarinkartoffeln, Parmesantomaten, im Ofen überbacken. Bringst du ihm die Portion? Bitte! Grazie,caro.«

»Mache ich«, gab Lennart zurück. Maria Calvinos Gesicht glühte beinahe unter dem dichten schwarzen Haar, das vereinzelt von silbernen Strähnen durchzogen war.

»Wenn du zurückkommst, hol dir bitte auch noch was. Ich habe reichlich.«

»Davon gehe ich aus«, sagte Lennart. »Ich komme nachher vorbei.«

»Bene. Dann bis später. Ich muss wieder rein, sonst verbrennt mir noch die Lasagne, die ich für das Kindergartenfest in Bäckedalen im Ofen habe. Ciao, ciao.«

»Hej då«, wünschte Lennart der geschlossenen Tür, verharrte einen Moment ungläubig, schüttelte schließlich amüsiert den Kopf und ging mit Teller und Schirm weiter treppab. Wenn man mit Maria sprach (obwohl es meistens umgekehrt war), hatte man das Gefühl, sich in einem Film zu befinden, der mit ungefähr eineinhalbfacher Geschwindigkeit ablief. Alles, was sie tat, tat sie schneller als andere, wobei sie nicht getrieben wirkte, sondern eher, als verfüge ihre innere Uhr schlicht über zwei Stunden weniger. Da Maria dasselbe Tagespensum zu erledigen hatte wie der Rest der Menschheit – wahrscheinlich sogar eher mehr –, musste sie sich über die Jahre eine routinierte Hektik antrainiert haben. Es war anzunehmen, dass sie sogar schneller schlief als andere, um verlorene Zeit aufzuholen. Mit ihrem Mundwerk jedenfalls konnte man kaum mithalten, sie war eine Art Verbalkolibri, nur erheblich korpulenter.

Unten angekommen, blickte Lennart durch das Glasfenster der Haustür nach draußen. Es verwandelte sich nachts in ein leuchtendes Auge, wenn das Licht des Treppenhauses bis auf die Straße fiel. Er atmete hörbar aus. Der schwedische Herbst tat alles, um seinen hart erkämpften Ruf nicht etwa durch einen unbedacht hindurchgelassenen Sonnenstrahl zu beschädigen; er zeigte sich von seiner schäbigsten Seite. Lennart öffnete die Tür und hielt sie geschickt mit seinem Fuß davon ab, wieder zuzufallen. Kaltfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht. Eilig spannte er den Schirm auf, was aber nicht viel brachte. Es waren nur knapp zehn Meter vom Hauseingang bis zu Buris Geschäft. Zum Glück musste Lennart nicht einmal die Straße überqueren und konnte dicht an der Hauswand entlanggehen. Und doch waren seine Hosenbeine bereits dunkel besprenkelt, als er die Ladentür mit der Schulter aufdrückte und ein dämonisches Kichern ertönte, das klang wie von einer bedauernswerten Hexe mit schwerwiegenden psychischen Problemen. Eine batteriebetriebene Halloween-Scherzartikel-Türglocke aus den USA, wie Buri Bolmen einmal stolz berichtet hatte. Er freute sich jedes Mal aufs Neue diebisch, wenn jemand die Tür öffnete und erschrocken zusammenfuhr.

»Was für ein Mistwetter!«, fluchte Lennart, schloss die Tür hinter sich (die Hexe kicherte krächzend ein weiteres Mal) und stellte den zugeklappten Schirm in den dafür vorgesehenen schmiedeeisernen, mit Totenköpfen und sonstigen Dämonenfratzen verzierten Ständer. Daneben erhob sich ein Regal aus verwitterten Schiffsplanken mit Kristallkugeln in jeder erdenklichen Ausführung.

Lennart fuhr sich durchs feuchte Haar und blickte sich nach dem Ladenbesitzer um; niemand zu sehen. Bolmens Skämt- & Förtrollningsgrotta war menschenleer, wie so oft. Nicht nur heute fragte sich Lennart, wie und wovon der alte Bolmen überhaupt lebte. Dieses Stadtviertel war eines der begehrtesten in der ganzen Stadt, und diese Straße, der Västra Hamngatan, war eine der teuersten in diesem ohnehin sündhaft teuren Eckchen von Göteborg. Lennart wusste nicht, was Buri Bolmen hier an Miete zahlte, aber er konnte es sich denken, wenn er davon ausging, was er selbst für seine vier Zimmer im zweiten Stock jeden Monat hinblättern musste. Dieser Laden hatte eine erstklassige Lage in einem repräsentativen und toprestaurierten Haus aus dem neunzehnten Jahrhundert. Buri Bolmen hingegen bewohnte lediglich eine winzige Wohnung, die er von seiner im hinteren Bereich des Ladens liegenden Werkstatt betreten konnte. Dennoch war dieses Objekt insgesamt mit Sicherheit doppelt so groß wie Lennarts Apartment und daher bestimmt auch mehr als doppelt so teuer. Hier hätte man sich gut eine Bankfiliale vorstellen können, ein Restaurant der Sternegastronomie, ein Antiquitätengeschäft oder eine Galerie, deren Kunden im Vorbeigehen für ein Bild, auf dem nur ein kleines blaues Quadrat zu sehen war, mal eben fünfhunderttausend Kronen bezahlten. Aber doch keinen Scherz- und Zauberartikelladen, der nichts feilbot außer Nippes und Kitsch!

»Herr Bolmen?«, rief Lennart ins Halbdunkel. Irgendwo weit hinten hörte er ein Schaben, ein Schmatzen, ein Röcheln und leise Musik. Jazz oder Swing. Eine Schublade wurde aufgezogen. War es wirklich eine Schublade gewesen oder eine Tür? »Herr Bolmen?«, wiederholte Lennart seinen Ruf lauter und mit leicht entnervtem Unterton. Nichts regte sich. »Sind Sie da? Ich habe Mittagessen für Sie. Von Frau Calvino.«

Es blieb still.

Lennart suchte nach einem Lebenszeichen, doch er konnte nichts erkennen, der Laden war einfach zu voll gestellt. Einzig die Auslagen der zehn etwa zwei Meter breiten und in Rundbögen gefassten Schaufenster des Eckgeschäftes hatten eine gewisse Minimalordnung, der Rest der Präsentationsfläche beherbergte Unmengen von Krimskrams und Plunder. Regale, in denen Hunderte, wahrscheinlich sogar Tausende von Kleinartikeln gehortet wurden, verwandelten das Geschäft in ein unübersichtliches Labyrinth. Runenanhänger und Heilsteine lagen neben Vampirzähnen und Spritzblumen, Zauberstäbe und Zauberspiegel neben Plastikmessern und Äxten mit Blutimitationen, die man sich auf den Kopf klemmen konnte, um seine Mitmenschen zu erschrecken. Schatullen mit (vermutlich) doppeltem Boden und Geheimfächern standen neben Jonglierbällen und Tarotkarten, Phiolen für selbst gebraute Zaubertränke neben Krügen und Bechern, die aussahen, als wären sie voll mit Wasser, aus denen aber niemals Wasser floss, uralte (oder auf alt getrimmte) Zylinder neben Trollmasken (vermutlich aus chinesischer Massenproduktion). Von der Decke hingen Kunststofffledermäuse, Flugbesen, Drachen- und Luftschiffmodelle, die an den Entwurf eines betrunkenen Jules Verne erinnerten, sowie ein riesiges Teleskop, verbeult und aus Messing. Die Wände zierten Plakate und Poster mit allerlei bizarren Wesen. Dazwischen hingen alte Ölgemälde, zumeist mit Motiven aus der skandinavischen Mythologie, manche zeigten aber auch bleiche Schönheiten mit verklärtem Blick und in wallende Tuche gehüllt.

Und das war nur ein Bruchteil der Räumlichkeiten, die Lennart von der Tür aus überblicken konnte. Manches war alt, manches neu, manches vielleicht von gewissem Wert, doch beim überwiegenden Teil handelte es sich um billigen Trödel, davon war Lennart absolut überzeugt. Zwei Dinge allerdings hatten all diese kleinen und großen Artikel gemein.

Zum einen schluckten sie das ohnehin kaum vorhandene Licht, das durch die Schaufenster hereinfiel, sodass die Helligkeit nach hinten stetig abnahm, ganz als würde vom Ende des Raumes her bereits die Dämmerung heraufziehen. Das vermochten auch die drei Kronleuchter mit den kerzenförmigen, rot flackernden Effektglühbirnen nicht zu ändern, welche die dunkelgrün gestreifte Tapete kaum erhellten – in die tanzenden Schatten schlichen sich unterschiedlich große Regenbogenfragmente, die die Kristalle der Lüster verstreuten.

Zum anderen gab es da diesen ganz besonderen Geruch. Lennart konnte nicht genau sagen, woran er ihn erinnerte. Es war eine Mischung aus Jahrmarkt, Keller und Dachboden – obwohl er nicht hätte beschreiben können, wie ein Dachboden überhaupt roch.

Plötzlich berührte etwas Warmes, Haariges sein Bein, flankiert von einem Gurgeln, das klang, als würde bröckeliger Schlamm durch einen verstopften Badewannenabfluss sickern. Erschrocken machte er einen Schritt zur Seite und schaute nach unten auf den schwarz-weißen Schachbrettfliesenboden. »Mensch, Bölthorn, du dickes Ding!«, entfuhr es ihm. »Schleich dich nicht immer so an. Ich frage mich sowieso, wie du es schaffst, so leise zu sein, bei deinem Gewicht und deinem Geröchel.«

Der Hund zu Lennarts Füßen sah ihn an. Durchdringend. Er zeigte nicht das geringste Zeichen von Wiedersehensfreude. Kein Japsen, kein Schwanzwedeln. Und das lag ganz sicher nicht daran, dass es mit der kurzen Rute keinen Spaß machte. Er hatte für Lennart einfach nicht viel übrig, und Lennart ging es umgekehrt ähnlich. Es war Desinteresse und mangelnde Sympathie auf den ersten Blick gewesen. Spontan und ohne ersichtlichen Grund. So etwas gab es zwischen Mensch und Mensch, warum also nicht auch zwischen Mensch und Mops?

Ein reinrassiger Mops war das vermutlich ohnehin nicht, auch wenn Buri Bolmen das unbeirrbar und mit Stolz von diesem Tier behauptete. Lennart hatte noch nie widersprochen. Dieses Wesen war zugegebenermaßen mopsähnlich, dennoch mussten noch mindestens zwei oder mehr Rassen mit ihrem Erbgut zu seiner Erschaffung beigetragen haben. (Vielleicht zählten sogar andere Arten aus der Familie Caniformia dazu, Kleinbären oder Walrosse zum Beispiel. Das wäre durchaus denkbar!)

Bölthorns Kontur und Größe passten in etwa zum klassischen Mops, aber dieser Hund sah aus, als habe er einen Rauhaardackel aufgegessen und sich auf diese Weise nicht nur dessen Gewicht einverleibt, sondern sich auch noch mit ihm vermischt. Sein Fell war länger als das eines Mopses und erinnerte an einen Rasierpinsel. Die Ohren waren zu groß und sahen aus wie feuchte Waschlappen, und auch das typische Schwänzchen war weniger gekringelt als beim Original, ganz so, als hätte das dafür zuständige Gen während der Zellteilung eingesehen, dass sich die Mühe nicht lohnte.

Bölthorn fixierte Lennart, und der hätte schwören können, dass die riesigen Mops-Glubschaugen in diesem Moment eine Millisekunde lang aufblitzten.

»Sei nett zu ihm«, hörte Lennart in seinem Rücken und drehte sich um.

»Herr Bolmen, Himmel! Sie haben mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.«

»Oh, das wollte ich nicht. Entschuldige, ich war hinten in der Werkstatt und habe dich nicht gehört. Ist das von Maria?« Er deutete mit dem Zeigefinger, der an einen knorrigen Zweig erinnerte, auf den Teller in Lennarts Hand.

»Ja. Fleisch und Gemüse.«

»Lecker. Danke.« Buri Bolmen nahm Lennart das Essen ab und strich sich dabei mit der anderen Hand durch den langen weißen Bart, der ihm ein wenig das Aussehen von Professor Dumbledore gab.

Von Anfang an hatte es sich seltsamerweise ergeben, dass Lennart Herrn Bolmen siezte, der ihn aber duzte, und das, obwohl Lennart schon lange kein Grünschnabel mehr war. Buri Bolmen wusste das, Lennart wusste das, aber sie änderten nichts daran. Wann immer er ihm begegnete, kam es Lennart stets ein wenig so vor, als träfe er nach Jahren einen alten Lehrer aus Kindertagen wieder, vor dem er zu Schulzeiten einen Höllenrespekt gehabt hatte. Und doch war es mehr als nur Ehrfurcht, Buri Bolmen hatte für Lennart etwas Großväterliches an sich.

»Ich glaube, Frau Calvino ist verschossen in Sie«, sagte Lennart.

Buri Bolmen nickte. »Ich weiß.«

»Sie wissen das?«

»Ich bin alt, aber nicht blind.«

»Und warum treffen Sie sich nicht mal, unternehmen etwas gemeinsam, gehen zum Beispiel zusammen spazieren oder ins Museum? Oder Sie lassen sich von ihr in ihrer Wohnung bekochen? Das hätte auch für mich den Vorteil, dass sie sich vielleicht endlich trauen würde, Ihnen das Essen selbst herunterzubringen, und ich nicht immer den Lieferanten spielen müsste. Ich meine, ich mache das ja prinzipiell gerne, aber Sie sind beide alleine und schon älter und …«

»Du meinst, so viel Zeit bleibt mir nicht mehr?« Bolmen lächelte verschmitzt, was man daran erkennen konnte, dass sich eine Reihe heller Zähne im Gestrüpp seines weißgrauen Bartes zeigte und seine Augen noch mehr funkelten als sonst. »Vielleicht hast du recht.«

Bölthorn schnappte vergeblich nach einer vorbeisummenden Stubenfliege. »So habe ich es nicht gemeint«, versuchte sich Lennart aus der Affäre zu ziehen und beachtete die vergeblichen Versuche des adipösen Hundes, an einen fliegenden Eiweißsnack zu gelangen, nicht weiter. »Ich denke nur, dass Sie beide so nah beieinanderleben und dass es doch irgendwie schade ist.«

»Es gibt Gründe für alles, mein lieber Lennart«, gab Bolmen ungerührt zurück und strich sich verlegen durch den Bart.

»Was könnten das schon für Gründe sein, dass ein Mann und eine Frau in Ihrer Lage es nicht wenigstens einmal miteinander probieren?«

»Und was ist mit dir? Warum hast du keine Freundin?«, wechselte Bolmen unvermittelt das Thema.

»Was meinen Sie damit?«, wollte Lennart verwundert wissen.

»Na, die hübsche Brünette mit der vornehmen Blässe zum Beispiel. Was ist mit der?«

»Emma? Aber … aber, woher wissen Sie von ihr?«

»Ich habe euch gesehen. Und ich habe dich gesehen, wie du sie angeschaut hast. Machte auf mich einen interessierten Eindruck.«

»Sie haben uns gesehen?«, fragte Lennart. »Wann und wo?«

»Ist sie nun deine Freundin oder nicht?« Bolmen ignorierte die Gegenfragen geflissentlich und legte den Kopf so schief, dass ihm die Haare auf seine schmalen Schultern fielen. Nur der dunkelblaue, mit gelben Sternen besetzte Schwalbenkragen seines Satinhemdes schien den zierlichen Kopf noch zu stützen.

Lennart zögerte, fühlte sich vom Blick seines Gegenübers festgehalten. »Nein«, sagte er schließlich und richtete sich auf.

»Schade. Sie ist doch bestimmt sehr nett. Und warum nicht?« Bolmen bewegte sich keinen Millimeter.

Lennart fragte sich in diesem Augenblick, was er hier eigentlich tat. Er setzte sich dem Verhör eines exzentrischen Nachbarn aus, der ihm anscheinend nachspionierte und dann noch über sein Liebesleben ausquetschte. »Das ist doch egal«, antwortete er brüsk. »Ich glaube, das wird nichts mit ihr. Bauchgefühl. Basta.«

»Oh, natürlich, du hast vollkommen Recht.« Buri Bolmens eingeschlafenes Lächeln erwachte wieder. Er hob beschwichtigend die linke Hand. »Es geht mich ja auch wirklich nichts an, ich wollte dir damit lediglich vor Augen führen, dass es für alles einen Grund gibt. Ich habe meinen, und du hast deinen, doch vielleicht liegen unsere Gründe näher beisammen, als du denkst.«

»Das glaube ich kaum«, sagte Lennart, griff nach seinem Schirm und deutete zur Tür hinaus, wo es ein fahler Lichtschein doch noch geschafft hatte, am Ruf des schwedischen Spätherbstes zu kratzen. »Ich muss los, will noch einkaufen. Der Regen hat glücklicherweise nachgelassen. Hej då, Herr Bolmen.«

»Hej då, Lennart. Und hör auf, dich am Arm zu kratzen. Das bringt überhaupt nichts, davon wird es nur schlimmer.«

Die importierte Elektro-Hexe kicherte zweimal krächzend zum Abschied.

2. Kapitel

Direkt gegenüber von Buri Bolmens Laden kurbelte ein Leierkastenmann im Dunst des späten Morgens an seiner Drehorgel. Er war Lennart vorhin, als er sich auf den Weg zu Buri Bolmen gemacht hatte, nicht aufgefallen. Die Töne vermengten sich mit den Straßengeräuschen zu einer jämmerlichen Melodie. Mitleid war vermutlich die Haupteinnahmequelle des Mannes. Allerdings schien selbst diese Rechnung heute kaum aufzugehen, denn die wenigen Passanten, die sich trotz dunkler Regenwolken vor die Tür getraut hatten, schienen den Alten in seinem roten Frack überhaupt nicht zu bemerken, ganz so als wäre er Luft. Doch das war er keineswegs. Er lächelte über die Straße zu Lennart herüber und lupfte den verbeulten Zylinder. Unterbrochen von vorbeifahrenden Autos wirkten seine Bewegungen abgehackt wie in einem Stummfilm. Seine ganze Erscheinung schien auf seltsame Weise wie aus der Zeit gefallen, und selbst die dudelnde Musik fügte sich darein.

Lennart nickte ihm kurz zu. Plötzlich tauchte ein Polizeiauto vor ihm auf, schaltete das Blaulicht ein und beschleunigte. Lennart sah dem Wagen hinterher, wie er die Straße in Richtung Bahnhof entlangbrauste und schließlich zusammen mit seinem nervenaufreibenden Sirenengeheul verschwand. Dann stutzte er. Ungläubig blickte er über den Västra Hamngatan und schaute sich nach allen Seiten um. Nein, keine Frage, der kostümierte Alte mit dem Leierkasten war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte ihn Lennart nur erträumt. Diffus brachen sich die Strahlen einer übermütigen Novembersonne in den Pfützen auf dem Asphalt, aus einer undichten Regenrinne tropfte es im Rhythmus eines aufgeregten Pulses. Lennart steckte die Hände in die Hosentaschen und bog gedankenversunken in den Drottninggatan ein.

Dieser Morgen fühlte sich irgendwie seltsam an.

 

Etwa in der Mitte der schmalen Straße, wo stets nur wenige Fahrzeuge anzutreffen waren, aber dafür umso mehr kleine Geschäfte, Restaurants und Cafés, stoppte er vor Svenssons Konditori, einem Zuckerbäcker, der neben unglaublich leckeren Kanelbullar, Konfekt und anderen Backwaren in dem angeschlossenen Kiosk auch Zigaretten, Getränke und eine große Auswahl an Zeitungen anbot.

Gedruckte Zeitungen waren ein Anachronismus, den Lennart mochte, und er stand dazu. Ja, er fand es beinahe schick, nicht wie die meisten anderen auf sein Tablet oder sein Handy zu starren und darauf herumzuwischen, sondern großformatige, raschelnde Seiten umzublättern, mit denen man später auch ein Feuer anzünden oder einen Vogelkäfig auslegen konnte (theoretisch zumindest, denn Lennart besaß weder Kamin noch Haustier). Er stellte sich vor den Drehständer und ließ die Finger über die neuesten Ausgaben gleiten.

Schließlich zog er den ›Göteborgs Spegeln‹ heraus, klemmte ihn sich unter den Arm und betrat den Laden. Obwohl er im Moment noch keinen Appetit hatte, kaufte er sich einen frischen Zimtkringel für später (der Duft war zu verführerisch), zahlte und machte sich wieder auf den Heimweg.

Im Västra Hamngatan ertappte sich Lennart dabei, wie er sich nochmals verstohlen nach dem Leierkastenmann umsah, bevor er das Haus betrat und die Treppen nach oben stieg. Im ersten Stock klingelte er wie versprochen bei Maria Calvino, um sich seine Mahlzeit abzuholen. Nachdem diese sich zuerst nach der ordnungsgemäßen Essenslieferung an Buri Bolmen und dessen Grad der Freude erkundigt hatte, eilte sie auf ihren mit Plastikblumen verzierten Hausschuhen in die Küche, wo inzwischen Adriano Celentano zusammen mit der noch immer tosenden Abzugshaube sein Bestes gab. Kurz darauf kam sie zurück und drückte Lennart zwei mit Aluminiumfolie bedeckte Teller in die Hand. Sie zwinkerte ihm freundlich zu, machte ihm aber gleichzeitig unmissverständlich klar, dass sie jetzt leider keine Zeit mehr für ein Schwätzchen habe – ganz als sei es Lennart, der um das Essen gebeten hatte. Rumms!, wieder war die Tür zugefallen.

In seiner Wohnung angekommen, stellte Lennart die Portion Saltimbocca nebst dem viel zu großen Stück Lasagne, gegen das er sich nicht hatte wehren können, in den Kühlschrank, setzte sich an den Küchentisch und blätterte in der Samstagsausgabe des ›Göteborgs Spegeln‹, wobei er schließlich doch in Svenssons unwiderstehliche Zimtschnecke biss und diese genüsslich verputzte.

Als er den Wirtschaftsteil der Zeitung erreicht hatte, hielt er überrascht inne. Das Foto, das von einem halbseitigen Bericht umrahmt wurde, zeigte einen großgewachsenen, breitschultrigen Mann mit einem Charisma, das selbst aus einem Schwarzweißfoto herauszustrahlen schien. Die Bildunterschrift lautete: »Harald Hadding, Eigentümer der Investmentgesellschaft HIC AB, kann mit sich zufrieden sein – erneut ist es ihm gelungen, sich bei zwei vielversprechenden IT-Start-ups einzukaufen.«

Lennart war auch zufrieden. Er lächelte. Ja, Harald Hadding hatte es wieder einmal geschafft. Dieser Mann war eben einfach ein Teufelskerl. Und nicht zum ersten Mal erfüllte es Lennart mit Stolz, in einem Unternehmen zu arbeiten, das ebendieser Harald Hadding vor wenigen Jahren erst aufgekauft, komplett umgekrempelt und dadurch zum Erfolg geführt hatte. Damals war zwar nur etwa die Hälfte der Belegschaft übernommen worden, allerdings zu erheblich besseren Konditionen. »Wer viel leistet, soll auch viel verdienen«, war stets Haddings Leitspruch gewesen, und Lennart wusste, dass er auf das richtige Pferd gesetzt hatte, dass es eine weise Entscheidung gewesen war, nach Göteborg zu ziehen und sein Glück als Unternehmensberater zu versuchen. Er bereute es nicht, nach dem Studium aus Stockholm weggegangen und hierhergekommen zu sein, auch wenn sich die Hafenstadt an der Westküste bezogen auf Fläche und Einwohnerzahl gegenüber der schwedischen Hauptstadt wie ein Vorort derselben ausnahm. Denn was wäre auch die Alternative gewesen? Im väterlichen Verlag irgendwelche wissenschaftlichen Publikationen zu produzieren, die ihn nicht interessierten, nur damit er das Familienunternehmen eines Tages gegen seinen Willen fortführen durfte? Nein, danke! Auch wenn seine Eltern, insbesondere Lennarts Vater, niemals akzeptieren würden, dass er seinen eigenen Weg ging. Der Erfolg gab ihm recht.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken.

Er wischte sich den Mund sauber, erhob sich und ging in den Flur zur Kommode. Kurz zögerte er – Emmas vorwurfsvolles Gesicht erschien ihm für einen kleinen Moment –, dann nahm er ab.

»Malmkvist.«

»Hej, Lennart, Emma hier.«

Er hatte es geahnt und hätte ihre Nummer besser einspeichern sollen. Lennart schwieg. Ein paar Sekunden zu lang.

»Emma Mårtensson, die Frau, mit der du gestern die Nacht verbracht hast, du erinnerst dich?«, präzisierte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie klang ein wenig unsicher, fast verschüchtert.

»Sehr witzig! Ja, natürlich erinnere ich mich. Wie könnte ich das vergessen. Alles klar bei dir?« Das war ein ziemlich dämlicher Spruch nach so einer Nacht, musste er zugeben. Lennart hatte Emma Mårtensson vor gut drei Wochen auf einem Firmenfest anlässlich der Erweiterung der Räumlichkeiten der HICAB kennengelernt. Sie hatte erst kurz vorher dort angefangen. Danach waren sie ein-, zweimal ausgegangen und gestern miteinander im Bett gelandet. Lennarts Arme juckten wie verrückt.

»Soll ich lieber später nochmal anrufen?«, erkundigte sich Emma.

»Nein, schon gut, ich bin nur etwas müde heute. Schön, von dir zu hören. Also, was gibt’s?«

»Ich muss mit dir reden.«

»Wegen uns?« Lennart kratzte sich am Arm und bereitete sich insgeheim schon darauf vor, eine Beziehungsdiskussion ohne vorhandene Beziehung zu führen.

Umso überraschender war Emmas Antwort. »Ja, auch … aber nein … nicht wegen uns … nicht jetzt … später … ich …« Sie wirkte fahrig und unkonzentriert. Emma hatte ihm gestern gestanden, dass sie im Moment »mental ein wenig überlastet« sei. Nach einigen Gläsern Wein hatte sie sogar eingeräumt, Medikamente zu nehmen.

»Über was möchtest du denn sonst sprechen? Geht es dir nicht gut?«, erkundigte sich Lennart.

»Nicht am Telefon«, kam es knapp zurück. »Zu gefährlich. Können wir uns treffen? Heute Abend vielleicht?«

Gefährlich? Lennart machte sich so seine Gedanken, doch er musste zugeben, dass Emma absolut nicht wirkte, als würde sie unter Drogen- oder Tabletteneinfluss stehen. Ihre Stimme klang zwar etwas aufgeregt, aber trotzdem klar und bestimmt. »Heute Abend? Hm… Ja, das passt prinzipiell, aber … «

»Lennart, ich bin auf Hinweise gestoßen, und ich … ich … da stimmt was nicht bei HIC und mit Hadding.«

»Was soll denn bei HIC nicht stimmen? Oder mit Harald Hadding?«, wunderte sich Lennart. Kurz fragte er sich, ob das ein Loyalitätstest war, dem er unterzogen wurde, aber Emmas Stimme klang überzeugend. Wenn ihn seine Frauenkenntnis nicht völlig verlassen hatte, dann schätzte er sie als ansehnlich und intelligent ein, aber keinesfalls als so durchtrieben, sich für derlei kaltschnäuzige Mitarbeiterüberprüfungen herzugeben.

»Du bist der Einzige, dem ich vertraue, Lennart. Es ist wirklich wichtig und dringend«, flehte sie.

»Okay, okay, meinetwegen«, gab sich Lennart geschlagen, fragte sich aber trotzdem, womit gerade er dieses Vertrauen verdient hatte. »Wenn es dir so auf der Seele brennt. Wo wollen wir uns treffen?«

»Kennst du das Le Président?«

»Natürlich. Das ist der Franzose im Lilla Kyrkogatan, gleich bei mir um die Ecke und zufälligerweise mein Lieblingsrestaurant.«

»Na, umso besser«, antwortete sie. »Sagen wir zwanzig Uhr?«

»In Ordnung. Ich werde da sein.«

»Reservierst du einen Tisch für uns?«

»Kann ich machen.«

»Gut. Und, Lennart?«

»Ja?«

»Rede mit niemandem darüber, versprich es mir! Es ist wirklich wichtig.«

Lennart stöhnte innerlich. Frau Mårtensson machte es aber spannend. »Na klar, das bleibt unter uns. Versprochen.«

»Danke. Bis später. Hej då.«

Emma legte auf.

Weibliche Herausforderungen reizten Lennart zwar, dennoch überwog im Augenblick seine Verwunderung. Was wollte sie von ihm? Nun gut, er würde es herausfinden, und das Schlimmste, das ihm blühen konnte, war ein gutes französisches Dinner mit einer vielleicht etwas anlehnungsbedürftigen, dafür aber attraktiven und sympathischen Frau, auch wenn Lennart auf seltsame Art und Weise das Gefühl beschlich, dass sich aus der Bekanntschaft mit Emma Mårtensson noch Probleme ergeben würden, die über seinen aktuell unerfreulichen dermatologischen Zustand weit hinausgingen.

Er wählte die Nummer des Restaurants, reservierte einen Tisch für zwei, dann beschloss er, einen dem Wetter angemessenen Nachmittag zu verbringen, und legte sich im Wohnzimmer auf die Couch, wo er die Zeitung zu Ende las, etwas fernsah und vor sich hin döste.

Um neunzehn Uhr nahm er eine kalte Dusche – die Erfrischung tat ihm gut – und machte sich kurz darauf zu Fuß auf den Weg zum Restaurant, gespannt, mit welchen abstrusen Geschichten ihn Emma Mårtensson erwarten würde.

 

Als er auf die Straße trat, sah er, dass in Buri Bolmens Laden noch Licht brannte; es schien aus dem hinteren Bereich der Ausstellungsfläche zu kommen und ergoss sich milchig wie die Strahlen einer vergehenden Sonne im Nebel zwischen die Regale. Lennart schaute auf die Uhr: zwanzig vor acht. Wahrscheinlich verteilte Buri Bolmen nach Ladenschluss noch irgendeinen Unfug in Sortimentskästen. Die Zauberringe hier hinein, die Elfenanhänger dort, magische Steine ins rote Kästchen und geriebene Alraunen in die grüne Biozauberbox – Lennart konnte den wunderlichen Alten förmlich sehen, wie er, über die vernarbte Arbeitsplatte seines Werktisches gebeugt, die leicht verbogene Brille weit vorne auf der Nase, mit seinen dünnen Fingern im Schein einer zitternden Funzel Artikel für Artikel seinen Platz zuwies, obwohl er doch ahnen musste, dass niemand diesen Plunder jemals kaufen würde.

Auch wenn Buri Bolmen Lennart bisweilen etwas nervte, tat er ihm doch irgendwie leid. Er war einfach nicht ganz dicht, aber auf eine relativ liebenswerte Weise. Er tat nichts Böses, außer einem die Zeit zu stehlen und einen unaufgefordert mit Lebensweisheiten und seltsamen Ratschlägen zu bedenken.

 

Das Le Président lag unweit der Göteborger Kathedrale, keine vierhundert Meter Luftlinie von Lennarts Wohnung entfernt. Wie schon einmal heute Morgen ging Lennart durch den Drottninggatan, wo die Läden mittlerweile geschlossen hatten. Aus den gut besuchten Restaurants drang gedämpftes Stimmengewirr. Die Beleuchtung vereinte sich mit jener der Schaufenster und der Laternen zu einem warmen Schein, der auf die Straße fiel. Etwa in der Mitte des Drottninggatans zweigte der Lilla Kyrkogatan ab und führte direkt in Richtung Kirche. Lennart atmete aus. Er fühlte sich unvergleichlich besser als heute nach dem Aufwachen und hatte jetzt sogar richtig Appetit.

Fünf Minuten später erhob sich die Kathedrale vor ihm, rundum von Strahlern in Szene gesetzt. Die Fassade schien mit ovalen Lichtformen geradezu überzogen, golden anmutende Klinker stachen aus dem Schatten der Nacht hervor und bildeten einen beeindruckenden Kontrast zum aufgeklarten Himmel mit den vielen funkelnden Sternen. Lennart hielt sich links, ging noch hundert Meter weiter, dann erreichte er sein Ziel, das sogar ein im Stockdunkeln ausgesetzter Tourist gefunden hätte, der noch nie in Göteborg gewesen war – über dem Eingang wehte eine unverhältnismäßig große Trikolore, die dem Élysée-Palast zur Ehre gereicht hätte und wie die Kirche von Scheinwerfern angestrahlt wurde.

Dem Kellner, der definitiv aussah wie ein waschechter Garçon und der Lennart nach dem Betreten des Restaurants sofort als Stammgast begrüßt hatte, reichte er seinen Mantel und ließ sich zum reservierten Ecktisch führen, um den er aus Gründen der Diskretion gebeten hatte – man wusste ja nicht, was Frau Mårtensson so zu berichten gedachte.

Aber sie kam nicht.

Lennart sah in immer kürzer werdenden Abständen auf die Uhr und begann, sich zu ärgern. Schließlich zog er gegen halb neun sein Handy hervor und hatte schon begonnen zu tippen: Wo bleibst Du? Ich sitze bereits – da hielt er inne und löschte den Text wieder. Wer nicht will, der hat schon, dachte er bei sich. Weshalb sollte er ihr nachlaufen beziehungsweise bei ihr nachfragen? Sie wollte etwas angeblich so Dringendes von ihm, nicht umgekehrt. Er hatte sich breitschlagen lassen, er hatte den Tisch reserviert, und er war da. Wer fehlte, war eine gewisse Frau Mårtensson, die es nicht einmal für nötig hielt, abzusagen, wenn sie schon nicht kam. Er steckte das Telefon zurück in seine Tasche, bestellte sich ein weiteres Glas Burgunder und beschloss, alleine zu essen. Einen Herbstsalat mit Crevetten, eine verflucht gute Bouillabaisse, eine Crème Caramel und einen Kaffee mit Calvados später hatte sich Emma Mårtensson noch immer nicht gemeldet, geschweige denn, dass sie erschienen war.

Es war bereits Viertel nach zehn, als sich Lennart, den Bauch voll wunderbarer Speisen und einer gewissen Portion verärgerter Enttäuschung, wieder auf den Heimweg machte. Im Lilla Kyrkogatan blies ihm ein kalter Wind entgegen, der ihn nicht zum ersten Mal in dieser Jahreszeit daran erinnerte, dass der Winter nicht mehr weit war, und gleichzeitig überkam ihn ein unbestimmtes Gefühl von Sehnsucht und Fernweh, das die Luft mit sich trug. Dieses Gefühl hatte kaum noch Platz in seinem vollen Bauch, aber es war da, für einen kleinen Moment nur, dann war es auch schon wieder verschwunden.

Als Lennart vom pittoresk ausgeleuchteten Drottninggatan auf den Västra Hamngatan abbiegen wollte, stutzte er. Aus Buri Bolmens Geschäft drang noch immer schummriges Licht. Sollte er mittlerweile bei asiatischen Importzauberstäben angelangt sein und diese dutzendweise bündeln? Lennart drückte sein Gesicht ans Schaufenster, beschirmte seine Augen seitlich mit den Händen und versuchte, etwas auszumachen. Fehlanzeige. Schatten von Regalwänden, Schatten von Wanddekorationen, Schatten von herabhängendem Krimskrams und die flackernde Schaufensterbeleuchtung, die ihn blendete, sonst konnte er nichts erkennen. Plötzlich war dieses Gefühl von Sehnsucht von vorhin aus dem Lilla Kyrkogatan zurück – doch dieses Mal markant und hervorstechend, unangenehm wie ein zu grob gemahlenes Pfefferkorn zwischen den Zähnen.

Er löste sich vom Schaufenster und ging um die Ecke zum Eingang. Er zögerte. War seine Sorge nicht übertrieben? Nochmals lauschte er. Hörte er da nicht einen Hund winseln? Bölthorn? Er drückte beherzt gegen die verschlossene Tür, rüttelte, klopfte, lauschte erneut. Wieder nichts. Ein dunkler Lieferwagen fuhr vorbei, gefolgt von einem Taxi und einem Motorradfahrer, dann war es wieder so still, wie es in einer Stadt wie Göteborg um diese Uhrzeit sein konnte. Schließlich ging Lennart nachdenklich und ein wenig ratlos weiter zum Eingang seines Wohnhauses, schloss auf und stieg die Treppen empor.

3. Kapitel

In dieser Nacht plagten Lennart schlimme Albträume.

Er fand sich in einer Art Tal wieder, eingeschlossen von bizarren Felsformationen, die spärlich mit ausgedörrten Bäumen bewachsen waren, welche wie rachsüchtige Klauen aus dem Boden ragten. Aus dem Nichts erklang eine furchtbare Melodie. Sie drang in Wogen durch den Nebel, der träge von den Hängen herabfloss und sich vor Lennart zu sammeln begann. Doch so furchtbar diese Musik auch krächzte und eierte, an irgendetwas erinnerte sie ihn.

Plötzlich zuckte er zusammen und sah nach unten. Da war ja Bölthorn! Der dicke Mops saß dicht bei ihm, starrte ihn provokant an. Seine großen Glubschaugen funkelten frech wie immer, er blinzelte und röchelte, die Fettröllchen in seinem Nacken schoben sich zu daumendicken Fellwürsten zusammen. Ein Sabberfaden troff aus seinen Lefzen auf den Boden. Auch wenn er für diesen unförmigen Hund keine übermäßige Zuneigung hegte, so war er doch der oder das einzig Bekannte in dieser beklemmenden Szenerie, die von Hieronymus Bosch höchstselbst hätte stammen können. Lennart lauschte angestrengt in den Nebel hinein, der Zeit und Raum zu vertilgen schien, versuchte, die Quelle der unsäglichen Kakophonie zu orten – vergeblich.

»Wo sind wir hier?«, fragte Lennart den Mops. Seine eigene Stimme hallte dumpf und hohl wie das Echo aus einer leeren Mülltonne.

Bölthorn kläffte kurz und tief – es klang wie ein Vorwurf.

»Komm«, forderte Lennart ihn auf. »Wir sehen mal woher diese scheußliche Musik kommt.« Er wollte sich bewegen, musste jedoch entsetzt feststellen, dass das kaum möglich war. Er hatte das Gefühl, ein riesiger Batzen weichen Teers würde an seinen Sohlen kleben und ihn an Ort und Stelle halten. Ein einziger Schritt erforderte so viel Anstrengung, wie man sonst für zehn benötigte.

Mit einem Mal veränderte sich etwas. Irrte er sich? Nein, das Geleier und Gekrächze war tatsächlich verstummt. Die Nebelschwaden schoben sich langsam auseinander, und eine dunkle Gestalt erschien in den tief hängenden Wolken. Jetzt wusste Lennart, warum ihm diese Musik bekannt vorgekommen war: Es war der Leierkastenmann vom Västra Hamngatan.

»He!«, rief Lennart. »He, wo sind wir, können Sie uns helfen, wieder nach Hause zu kommen?«

Der Leierkastenmann schwieg, kam weiter auf sie zu, langsam, fast träge, doch unaufhaltsam, und als er nur noch wenige Meter von den beiden entfernt war, sah Lennart, dass der rote Frack einem schwarzen Umhang gewichen war und der Zylinder einer Kapuze. Das allein war aber nicht der Grund, warum Lennart sich fast zu Tode erschreckte. Es war das Gesicht des Straßenmusikanten: Die Haut war zerrissen, manche Muskeln lagen frei, die Lippen waren zusammengeschrumpft, als wären sie aus Wachs und zu nah ans Feuer geraten.

»Wer sind Sie, was wollen Sie?«, entfuhr es Lennart.

Er jedenfalls wollte nur eines: schnell weg hier! Verzweifelt sah er zu Bölthorn hinab. Den allerdings schien das alles nicht zu berühren. Er drehte sich zweimal im Kreis und ließ sich schließlich unter einem blubbernden Röcheln hinplumpsen. Dann schloss er einfach die Augen, als drohe keine Gefahr. Noch einmal zuckte sein beinahe ungekringelter Schwanz, dann begann er lautstark zu schnarchen.

Lennart konnte es kaum fassen. Dieser Köter schlief doch tatsächlich ein! Einfach so. Er blickte nach vorn, wo der Leierkastenmann inzwischen bis auf wenige Schritte herangekommen war. Mit einem zahnfleischlosen Gebiss grinste er Lennart an und hauchte etwas – Wörter, die Lennart nicht verstand und auch lieber gar nicht verstehen wollte. Rasch legte er sich hin, presste die Lider aufeinander und rollte sich zusammen wie ein schutzsuchender Embryo im Mutterleib.

Es war kalt.

Die Wortfetzen des Leierkastenmannes wurden deutlicher. »Lennart Malmkvist«, konnte er verstehen. »Sieh dich vor! Ich komme dich holen, wenn du dein Schicksal weiter ignorierst!« Okay. Das genügte. Lennart wollte von niemandem geholt werden, der so aussah. Und vor allem: Was für ein Schicksal? Was war das denn für ein unsinniges Gerede? Ganz gleich, das alles klang überzeugend und wirkte recht bedrohlich. Er konzentrierte sich auf eine Erinnerung, die lange her war. Ein Urlaub mit seinen Eltern in den Schären vor Stockholm. Sie hatten ein Ferienhaus gemietet. Die Eltern waren noch jung gewesen. Lennart auch, vier oder fünf vielleicht. Sein Vater fuhr mit ihm zum Angeln hinaus aufs Meer. Damals war alles noch in Ordnung gewesen zwischen ihnen. Vater und Sohn in einem Boot. Der Sommer war warm, roch nach Leben und frischen Erdbeeren mit Schlagsahne. So viel Sehnsucht.

»Ich hole dich, Lennart Malmkvist. Nimm dein Schicksal an!«, krächzte der Leierkastenmann heiser, und plötzlich legte sich eine eiskalte, knöcherne Kralle auf Lennarts Schulter. Er bekam keine Luft mehr und schrie auf: »Was für ein Schicksal soll ich annehmen? Was ist das hier für ein Irrsinn?« Er wand sich, versuchte panisch, die Skeletthand abzustreifen, die ihn gepackt hatte, sprang hoch, riss die kleine Lampe vom Nachttisch, rutschte ab, schlug mit dem Gesicht auf den Bettrahmen und fiel seitlich aus dem Bett, wo er auf dem Vorleger aus Schaffell benommen liegen blieb.

Was für ein perfekter Albtraum.

Der Radiowecker zeigte zwanzig nach vier.

Lennart fasste sich an die Stelle, mit der er das Bett geküsst hatte, gleich unterhalb des rechten Auges. Er stieß einen zischenden Laut aus und fluchte. Es tat ziemlich weh, und es war bereits ordentlich angeschwollen. Er wollte Licht machen. Das Nachttischlämpchen funktionierte nicht, die Glühbirne musste beim Sturz kaputtgegangen sein. Er tastete sich ums Bett herum, stieß sich den Zeh an, fluchte noch einmal. Endlich fand er den Lichtschalter neben der Tür.

Kurz darauf saß er im Bademantel am Küchentisch, hielt sich einen Waschlappen mit Eiswürfeln ans Auge, trank einen doppelten Whisky und ließ diesen frühmorgendlichen Horrortrip in sich nachhallen. Der Tod, oder wenigstens ein naher Verwandter desselben, im schwarzen Kapuzenumhang zusammen mit Bolmens dickem Mops – gute Güte! Welche Gehirnwindung und welche traumatischen Erinnerungen mussten seinen Geist dazu gebracht haben, einen derartigen Nonsens zu träumen? Vielleicht drehte er langsam, aber sicher durch? Erst der Leierkastenmann vor Bolmens Krimskramsladen, der sich in Luft auflöste, und jetzt dieser vollkommen verrückte Traum.

Er kühlte sich die Schwellung mit einer neuen Ladung Eiswürfel, bis auch diese geschmolzen waren und sich seine Augenpartie anfühlte, als habe jemand flüssigen Stickstoff darübergegossen, dann legte er sich wieder ins Bett.

 

Gegen zehn Uhr wachte er auf und fuhr mit dem Auto hinüber in den Slottskogen, wo er eine Runde joggen ging. Nach seiner Rückkehr duschte er, frühstückte, blätterte ein wenig desinteressiert im ›Göteborgs Spegeln‹ vom Vortag, konnte sich jedoch nicht konzentrieren, weil ihn die Gedanken an Emma nicht losließen. Es war einfach seltsam, dass sie nicht erschienen war und sich nicht einmal gemeldet hatte. Vielleicht war ihr etwas zugestoßen? Er versuchte mehrfach, sie auf dem Handy zu erreichen, vergebens.

Lennart fielen Buri Bolmens Worte ein – »Es gibt Gründe für alles, mein lieber Lennart« –, aber er wischte sie fort. Die Wahrheit konnte er ihr unmöglich sagen. »Ich habe eine Liebesallergie«, klang bestenfalls komplett bescheuert, eher jedoch wie die billigste aller möglichen Ausreden.

Vielleicht wäre ein Besuch bei einem Therapeuten doch eine gute Idee? Blödsinn, was sollte der schon machen? Er bildete sich seine Ausschläge ja nicht ein. Und wenn es doch alles Zufall war mit dieser ominösen Krankheit, die ihn überkam, seit er fünfzehn Jahre alt war, seit seiner ersten Freundin? Und was, wenn er diese Zufälle unbewusst nur benutzte, um sich davon abzuhalten, sein Glück zu finden, weil er Angst davor hatte? Vor seinem eigenen Glück?

Unabhängig davon, was wirklich der Grund für seine Hautausschläge war, sein Arm jedenfalls hatte in der Sekunde aufgehört zu jucken, in der er beschlossen hatte, mit Emma keinen Schritt weiter zu gehen. Es war besser für sie beide, ganz gleich, um welches angebliche Geheimnis sie wusste. Lennart meinte zu spüren, wie sich die kleinen, unangenehmen Pusteln bereits weiter zurückzogen.

 

Den Rest des Tages verbrachte er im Arbeitszimmer, beantwortete E-Mails und bereitete einige Unterlagen vor, die er Ende kommender Woche für seine Präsentation benötigen würde. Ansonsten war für morgen nur ein Termin im Cloud-Kalender verzeichnet, den alle Mitarbeiter der HICAB benutzten. Er lautete: DB-Analyse DataMining bei F. Mehr hatte Lennart nicht eingetragen. Niemand in Haddings Firma brauchte zu wissen, wen er um Rat fragte, wann immer es um komplexe Probleme ging, die Lennarts IT-Horizont überstiegen. Am Ende zählten sowieso nur die Resultate. Und es hatte auch einen schönen Nebeneffekt: Er würde Frederik wieder einmal sehen.

Abends wärmte er sich eine Saltimbocca alla romana von Maria auf, die, ganz wie er vermutet hatte, gut und gerne für zwei dicke italienische Seemänner gereicht hätte. Dazu trank er ein großes Glas Rotwein und fühlte sich – höchstwahrscheinlich deshalb und wegen der Nachwehen der vergangenen Nacht – relativ früh schon sehr müde, sodass er gegen zweiundzwanzig Uhr zu Bett ging, wo er sich noch eine halbe Stunde lang wälzte und an Emma, seine verfluchte Allergie und an Buri Bolmen dachte.

Irgendwann fiel er erschöpft in einen glücklicherweise traumlosen Schlaf.

4. Kapitel

Lennart verließ das Haus am nächsten Morgen gegen halb acht hinaus in die Dunkelheit. Als er wenige Minuten zuvor aus dem Fenster geschaut hatte, war das Wetter zwar bereits unfreundlich gewesen, doch immerhin trocken, weswegen er den Schirm oben in der Wohnung gelassen hatte. Nun aber war ein bissiger Wind aufgekommen, der den Regen die Straße entlangpeitschte. Zum Glück war der Weg zu Frederik nicht weit, und er würde sowieso die Straßenbahn nehmen. Also schlug er sich den Mantelkragen hoch, hielt sich die Aktentasche über den Kopf, um ein wenig vor den schlecht gelaunten Gezeiten geschützt zu sein, und wandte sich nach links in Richtung Dom.

Mit einem Mal hielt ihn etwas zurück.

Er drehte sich um, ging die wenigen Meter zum Schaufenster von Buri Bolmens Laden und spähte hinein. Das Licht brannte immer noch. Immer noch? Das war wirklich eigenartig. Bestimmt hatte er nur vergessen, die Beleuchtung auszuschalten. Lennart sah auf die Uhr. Ein dicker Tropfen platschte aufs Glas. Zwanzig vor acht. Bolmen machte erst um zehn Uhr auf, und wenn Lennart die Linie 5 an der Haltestelle beim Dom noch erreichen wollte, musste er sich ranhalten. Dennoch. Sobald er von der Besprechung mit Frederik zurück wäre, würde er kurz nach ihm schauen.

Plötzlich drang ein vertrautes Geräusch durch den Straßenlärm und das Rauschen von Abermillionen von Regentropfen. Es lief Lennart heiß und kalt den Rücken hinunter, sein Albtraum kam ihm in den Sinn. Er versuchte auszumachen, woher es genau kam, verließ den Absatz vor der Ladentür und trat auf den Gehweg bis dicht an die Straße heran. Und tatsächlich, es wurde deutlicher. Irgendetwas zog ihn wie magisch an, er musste über die Straße, musste diesen seltsamen Mann fragen, was er hier bei diesem Sauwetter machte und warum er sich ausgerechnet diese Stelle und diese Uhrzeit für sein maximal uneinträgliches Geschäft ausgesucht hatte.

Lennarts Herz schlug schnell, und das nicht nur, weil er einen lebensgefährlichen Slalomsprint über den in den Morgenstunden stark befahrenen Västra Hamngatan hinlegte und dadurch beinahe einen Auffahrunfall verursachte, etwas, wofür sich zwei Fahrzeuge mit einem Hupkonzert bedankten.

Auf der anderen Straßenseite angekommen, blickte er sich um, lauschte, suchte wieder mit Augen und Ohren. Da sah er ihn im Lichtkegel einer Straßenlaterne und halb verborgen hinter einem Vorhang aus dicht an dicht fallenden Tropfen. Er musste zu ihm. Mit großen Schritten eilte er auf ihn zu und blieb so nah vor ihm stehen, dass er ihn hätte berühren können. Der Leierkastenmann war hager und groß, sehr groß, überragte Lennart, der selbst immerhin eins fünfundachtzig maß, um gut und gerne eine Handbreit, was durch den roten, in die Jahre gekommenen Zylinder noch verstärkt wurde. Die ganze Kleidung des Mannes war patschnass, von der Hutkrempe lief es in kleinen Rinnsalen auf die Straße.

Lennart war heilfroh, dass dieser Kerl heute keinen schwarzen Kapuzenumhang trug, wie unlängst im Albtraum.

Er stellte seine Aktentasche ab. »Was machen Sie hier?«, fragte er unhöflicher, als er beabsichtigt hatte. Lennart war sich darüber im Klaren, dass dieser Fremde ihm darauf eigentlich keine Antwort schuldig war.

Der Leierkastenmann ignorierte ihn entsprechend, blickte ihn nicht einmal an, starrte stattdessen mit dem Anflug eines kalten Lächelns ins Halbdunkel, hinüber zu Buri Bolmens Laden. Er kurbelte dabei seelenruhig weiter an seinem altersschwachen Instrument, von dem bereits der Lack abblätterte. Der Apparat war derart heruntergekommen, dass er kaum noch klare Töne, geschweige denn eine Melodie produzieren konnte.

»He! Reden Sie mit mir!«, rief Lennart und fasste den Mann am Arm.

Die Kurbel erstarrte. Die Töne verstummten.

Der Leierkastenmann wandte sich um. Der Blick war leer und ohne Seele. Seine Züge wirkten, als hätte man lebendige Muskeln durch Stränge aus schwarzem Granit ersetzt.

Erschrocken ließ Lennart ihn los und wich einen Schritt zurück. Die Aktentasche stürzte um. Er traute seinen Augen kaum, sein Herz raste. Im Umkreis von zwei Metern um den Leierkastenmann herum verlangsamten die Regentropfen urplötzlich ihren Fall. Als flögen sie in eine Blase aus eiskaltem Gelee, gefroren sie blitzartig und taumelten benommen zu Boden, wo sie als Schnee liegen blieben. Dann war der Spuk auch schon wieder vorbei. Der Schnee war geschmolzen, der Regen ergoss sich wieder auf den Leierkastenmann und sein schäbiges Instrument, als sei nichts geschehen. Lennart zweifelte an seinem Verstand, starrte sein Gegenüber mit offenem Mund an. Aus der Ferne hörte er in diesem Moment das Klingeln der Straßenbahn, blickte über seine Schulter und erkannte die näher kommenden Lichter. Die Tram hatte eben bereits den Södra Larmgatan passiert und konnte nur noch einen Steinwurf von der Haltestelle am Dom entfernt sein. Er musste sich sputen.

»Hören Sie«, hob Lennart an und wandte sich erneut dem Leierkastenmann zu. »Ich weiß nicht, wer Sie …«, doch seine Worte blieben ihm im Halse stecken. Der Mann war verschwunden. Und nichts deutete darauf hin, dass er bis vor wenigen Sekunden noch hier gestanden hatte. Eine junge Frau im Regencape eilte mit einer Sporttasche an Lennart vorbei, blickte ihn besorgt an und machte einen großen Bogen um ihn.

»Wo ist er hin?«, hörte Lennart sich ratlos fragen, was die junge Frau vollends davon überzeugte, sich zu beeilen. Es erschien ihr ratsam, rasch eine möglichst große Distanz zwischen sich und diesen offensichtlich Verwirrten zu bringen, der da im Platzregen ohne Schirm, aber dafür mit weit aufgerissenen Augen stand, den Zeigefinger ausgestreckt, als wollte er einem imaginären Gesprächspartner eine Standpauke halten. Das kam der Wahrheit allerdings näher, als die junge Frau ahnen und es Lennart lieb sein konnte.

Es klingelte erneut. Lauter. Bremsen kreischten. Die Straßenbahn stoppte an der Kreuzung am Dom. Lennart hob seine Aktentasche auf und rannte der Linie 5 entgegen, so schnell es seine weichen Knie zuließen. Er erwischte sie gerade noch und ließ sich erleichtert in einen der Sitze fallen.

Hier war es trocken, warm und sicher.

Er strich sich das klatschnasse Haar zurück.

Die Bahn fuhr an. Auf dem verschmierten Fenster hatte sich ein selbst ernannter Künstler – wahrscheinlich adoleszent – auf der Höhe seines kreativen Schaffens durch einen obszönen Damenakt verewigt, im groben Strich eines Permanentmarkers. Lennart sah gedankenverloren durch das Glas hinaus auf die Straße.

Nein, er durfte nicht bis nachher warten. Er griff in die Innentasche seines Mantels, zog sein Handy hervor und rief bei Buri Bolmen an.

Es tutete ein paarmal in der Leitung, aber niemand nahm ab. Stattdessen sprang der Anrufbeantworter an.

»Hej och välkommen! Es gibt gewiss einen trefflichen Grund dafür, dass Sie bei Bolmens Skämt- och Förtrollningsgrotta angerufen haben. Ho, ho! Es mag zu früh sein oder zu spät, oder aber ich umsorge gerade Kunden im Laden. So oder so, ich werde nie erfahren, warum Sie versucht haben, mich zu erreichen, wenn Sie mir nicht eine Nachricht auf dieser Bandmaschine hinterlassen. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Fernsprechnummer aufzusagen, sonst kann ich Sie später nicht zurückrufen. Vielen Dank und mögen Sie stets von zauberhaften Scherzen und scherzhaftem Zauber umgeben sein.«

Ein verzerrter Signalton erklang. »Hallo, Herr Bolmen, hier ist Lennart, Lennart Malmkvist. Äh … ich bin vorgestern Abend an Ihrem Laden vorbeigekommen und habe gesehen, dass noch Licht brannte, obwohl es schon spät war, und eben, als ich aus dem Haus gegangen bin, war es immer noch an. Wenn Sie das abhören, dann …« Dann? Ja, was dann? Lennart überlegte kurz. »… dann melden Sie sich bitte bei mir, ja? Hej då.« Er beendete den Monolog und steckte das Handy zurück in den Mantel.

Der Fahrtwind verblies die Regentropfen auf den Scheiben, in denen sich Laternen, Autoscheinwerfer und Leuchtreklamen brachen und als verschwommene Silhouetten und Farbinseln erschienen, während der neue Tag das nassblaue Dunkel der Nacht in ein grautrübes Einerlei verwandelte. Vor dieser Kulisse tanzte behäbig der Damenakt und in Lennarts Gedanken unentwegt der Leierkastenmann. Er fühlte sich leer, unendlich leer, verwirrt und seltsam fremd, ganz als habe ihn der Leierkastenmann soeben vom Sockel seiner wackligen Realität gestoßen.

5. Kapitel

Harald Haddings Geschäftsmodell war denkbar einfach. Seine Schwerpunkte waren neue Medien und Kommunikation, und er lebte von Investments in vielversprechende Firmen dieser Branche, die er später mit Gewinn weiterverkaufte oder sich einverleibte, wodurch sein Imperium stetig wuchs. Manche Neider und böse Zungen munkelten, er bewege sich dabei stets am Rande der Legalität, aber daran glaubte Lennart nicht. Hadding hatte einfach nur ein unglaublich gutes Gespür und verfügte über ein weit verzweigtes Netzwerk. Sein Unternehmen war klein, aber fein und hochsolvent und beschäftigte knapp hundertachtzig Festangestellte, darunter etwa zwei Dutzend freier Consultants wie Lennart (Lennart gehörte zu den erfolgreichsten von ihnen!), die sich über ihr Gehalt nicht beklagen konnten.

Darüber hinaus hatte Hadding Verträge mit weiteren Spezialisten, die ihn und die Berater mit Informationen und Fachwissen über Firmen, Banken, Investoren und Märkte versorgten. Einer von ihnen war Frederik Sandberg, promovierter Physiker, früher als Hacker, heute als IT-Spezialist tätig. Frederik war zugegebenermaßen ein wenig verschroben, aber er war ein verdammt schlauer Kopf mit einem umfassenden Fach- und Allgemeinwissen – eine Art wandelndes Lexikon. Seine Hobbys waren das Lösen unlösbarer Aufgaben, das Entwickeln verwirrender Gedankenspiele, neue Technologien aller Art, in die er sich einarbeiten konnte, und schlechte Ernährung. Allerdings gelang es ihm, seine bisweilen überschaubare Sozialkompetenz durch ein ungleich größeres Herz wettzumachen, und so schätzte ihn Lennart nicht nur beruflich außerordentlich. Sosehr er sich auch von ihm unterschied, Frederik war ihm über die Jahre ein echter Freund geworden. Und vielleicht gerade weil er so ziemlich das Gegenteil von Lennart war.

Frederik leistete sich neben seinen unzähligen Computern und seiner technischen Ausrüstung nur einen Luxus, nämlich seine Dreizimmerwohnung in der Göteborger Nordstan, die er bis unter die hohen Decken mit ›Star Wars‹-Devotionalien und Technik vollgestopft hatte. Sein Apartment lag im Kronhusgatan, an der Ecke zum Östra Hamngatan, nur einen Katzensprung vom Historischen Museum entfernt und ganz nah am Gustav Adolf Torg. Bei Sonnenschein prahlte dieser unverhohlen mit seinen hellen, historischen Gebäuden und zog Scharen von Göteborgern genauso an, wie er Unmengen von Touristen zum Einkaufen in seine vielen Sträßchen, Seitengassen und Fußgängerzonen lockte, wo es neben den vielen Läden auch unzählige Cafés und Restaurants gab.

Heute dürften sich hier jedoch nicht allzu viele Menschen tummeln, mutmaßte Lennart und blickte durch die Scheibe in den wolkenverhangenen Himmel. Das Wetter war auch der Grund gewesen, warum Lennart heute Morgen die Straßenbahn genommen hatte, obwohl er die knappe Viertelstunde zu Frederiks Wohnung ansonsten gerne zu Fuß zurücklegte. Er war ohnehin spät dran gewesen, auch wenn er die vergangene Nacht im Traum weder von drohenden Leierkastenmännern noch von übergewichtigen Sabbermöpsen heimgesucht worden war.

Doch das hatte sich in gewisser Hinsicht soeben auf offener Straße wiederholt, und Lennart vermochte nicht zu sagen, welche Variante des Albtraums unheimlicher gewesen war – beides hatte sich verdammt echt angefühlt, der Traum im Bett genauso wie die Begegnung auf der Straße. Da passte es hervorragend, sich heute mit einem pragmatischen Frederik zu treffen.