Beschreibung

Leonardo – ein Genie, das auch mal scheitert

Leonardo da Vinci gilt als das Universalgenie aller Zeiten. Über 80 Erfindungen werden ihm zugeschrieben, darunter das U-Boot, der Hubschrauber oder die Druckerpresse. Doch zu seinen Lebzeiten entstand kein einziger Prototyp. Zum Glück, denn das Ergebnis wäre bestenfalls unfreiwillig komisch gewesen wie sein Wasserläufer und schlimmstenfalls lebensgefährlich wie sein Schwingenflugzeug.

Bestsellerautor Matthias Eckoldt zeigt, dass hinter dem teuersten Maler der Welt ein ruheloser Mensch voller Ideen steckte, und er erzählt so anschaulich wie fesselnd, welche Innovationen noch nötig waren, bis die Objekte aus Leonardos Fantasie die Bühne der Wirklichkeit betreten konnten.

Mit zahlreichen aufschlussreichen Schwarz-Weiß-Skizzen von Leonardos Erfindungen.

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EPUB

Seitenzahl: 321


MATTHIAS ECKOLDT veröffentlichte drei Romane und mehrere Sachbücher. »Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist« wurde für das Wissensbuch 2017 nominiert. »Die Intelligenz der Bienen« (gemeinsam mit Randolf Menzel) stand auf der Longlist für das Wissenschaftsbuch 2017 in Österreich. Für seine Arbeit wurde Eckoldt mit dem idw-Preis für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet.

Außerdem von Matthias Eckoldt lieferbar:

Die Intelligenz der Bienen. Wie sie denken, planen, fühlen und was wir daraus lernen können

Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist. Woher wir wissen, wie wir fühlen und denken

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Matthias Eckoldt

Leonardos Erbe

Die Erfindungen da Vincis – und was aus ihnen wurde

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Umschlag: Hafen Werbeagentur

Umschlagmotiv: Biblioteca Ambrosiana, Milan, Italy/De Agostini Picture Library/Bridgeman Images; Hafen Werbeagentur (Illustration VW Käfer); mammuth/iStockphoto

Redaktion: Susanne Warmuth

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-328-10328-8

www.penguin-verlag.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

WASSER

Was haben Muscheln in den Bergen verloren?

Über die Wunden des Erdenkörpers

Die alles bewegende Kraft

Was man von Leichen lernen kann

Warum sich der Lauf eines Flusses umkehren muss und es doch nicht tut

Die Kanalbaumaschine oder zwei Kräne, ein Seil und 20000 Mann

Wasserski oder wie ein Genie auf dem Wasser geht

Das Schaufelradboot oder ein trunkenes Schiff mit Getriebeschaden

Das U-Boot oder der Mord auf dem Meeresgrund

LUFT

Wie man Vögel befreit und mit Flügeln aus dem Labyrinth entkommt

Geiergöttin und Männerliebe

Warum sich Vögel nicht überschlagen

Wie Vögel in die Lüfte steigen und Menschen zu Boden fallen

Der Ornithopter oder warum Schaf, Gans und Hahn noch vor dem Menschen fliegen konnten

Der Gleitflug oder wie die Fliegekunst mit Genickbruch endet

Der Fallschirm oder ein Sprung aus 33000 Metern Höhe

Der Helikopter oder wie man doch allein mit Muskelkraft fliegen kann

KRIEG

Pazifist und Kriegstreiber

Wie man gegen Fußangel und Schmierseife zu Werke geht

Wie Schwangere nach Bombardenbeschuss gebären

Wie fliegt die Kanonenkugel?

Der Panzer oder 1500 Pferde für den Antrieb

Schnellfeuerwaffen oder Dauerfeuer 08/15

Die friedfertige Dampfkanone

Sturmleitern oder wie man eine Festung sichert

KRAFT

Wie man tonnenschwere Kugeln schweben lässt und den Kreis quadriert

Eine Milliarde Dollar für 700 Seiten, halbwirkliche Wirkungskräfte und ein Fahrrad ohne Lenkung

Die Druckerpresse oder warum Leonardo kein Buch schreibt

Das Hodometer oder wie man mit Terpentin Entfernungen misst

Wagen mit Eigenantrieb oder die 15 genialsten Meter der Autogeschichte

Der Trommelautomat oder wie Leonardo den Takt schlägt

Dank

Register

Anmerkungen

Bildnachweis

Für Antonin

»Da ich einsehe, dass ich einen Stoff von großem Nutzen und Reiz nicht mehr wählen kann, weil die vor mir geborenen Menschen schon alle nützlichen und notwendigen Themen vorweggenommen haben, so will ich es machen wie einer, der wegen seiner Armut zuletzt auf den Jahrmarkt kommt und dort, zumal er sich anders nicht versorgen kann, all jene Sachen nimmt, welche die anderen schon angesehen und nicht genommen, sondern wegen ihres geringen Wertes zurückgewiesen haben.«1

Leonardo da Vinci

Vorwort

Mehr als achtzig Erfindungen werden Leonardo zugeschrieben. Gemessen an den 355 Patenten von Alfred Nobel (1833–1896) nimmt sich diese Zahl nicht sonderlich hoch aus, doch im Gegensatz zu dem Stifter des begehrtesten und bestdotierten Wissenschaftspreises der Welt beschäftigte sich Leonardo nur am Rande mit technischen Dingen. Im Kerngeschäft war er Maler – und was für einer. Sein Christus-Porträt »Salvator Mundi« avancierte zum teuersten Gemälde der Welt, vor den wenigen öffentlich zugänglichen Bildern von Leonardo sammeln sich tagein, tagaus Menschentrauben, deren euphorische Stimmung die Wachleute regelmäßig ins Schwitzen bringt. Wie konnte jemand, der solch einmalige, über Jahrhunderte hinweg wirkende Kunstwerke zu schaffen in der Lage war, zugleich auch so viele Dinge erfinden und, als wäre das noch nicht genug, als Baumeister und Kriegsingenieur bei den Herrschern Italiens und Frankreichs hoch im Kurs stehen sowie alle zu seiner Zeit gepflegten Wissenschaftsrichtungen beherrschen und entscheidend anregen? Verbergen sich hinter der Figur Leonardo da Vinci vielleicht mehrere Personen? Oder haben wir es mit einem Universalgenie zu tun? Doch gibt es auch noch eine andere Möglichkeit: Das Bild von Leonardo da Vinci als weit aus seiner Zeit herausragender Genius könnte auf gravierenden Missverständnissen beruhen und eine Legende der Nachgeborenen sein. Diese These vertritt das vorliegende Buch.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod von Leonardo da Vinci erscheint die erste Biografie über ihn. Der Hofmaler der Medici, Giorgio Vasari (1511–1574), macht es sich zur Lebensaufgabe, die bedeutendsten italienischen Künstler von Cimabue (1240–1302) an bis in seine Gegenwart zu porträtieren. In diesem gewaltigen, insgesamt mehr als dreihundert Personen umfassenden Projekt nimmt Leonardo einen Ehrenplatz ein. Vasari darf als einer der wenigen den Nachlass des Künstlers durchsehen, der ansonsten argwöhnisch von Leonardos Erben Francesco Melzi (1491/92–1570) bewacht wird. Selbst zu einer Zeit, in der kritische Töne in einer Biografie noch nichts zu suchen haben, fällt der Bericht über Leonardo über die Maßen schwärmerisch aus. Nicht nur einmal verwendet Vasari das Adjektiv »göttlich«, um das Außergewöhnliche des Mannes aus Vinci zu beschreiben. »Wohin er den Geist auch lenkte, verhalf ihm seine Begabung, die schwierigsten Dinge mit Leichtigkeit zur Vollendung zu bringen.«1 Vasari gibt viele Beispiele für Leonardos Genialität, er erzählt von der Verzweiflung seines Arithmetiklehrers angesichts der kenntnisreichen Fragen des Heranwachsenden, von seinem anmutigen Lyraspiel, erwähnt auch Pläne für das Durchbohren von Bergen oder die Kanalisierung des Arno, ansonsten jedoch widmet er sich dem Maler Leonardo. Von Erfindungen schreibt Vasari nicht ein einziges Wort und gibt damit indirekt einen entscheidenden Hinweis. Unter den unmittelbaren Hinterlassenschaften Leonardos findet sich kein Modell, das die Funktionstüchtigkeit einer Erfindung demonstrieren soll. Hätte es ein solches gegeben, wäre Vasari mit Sicherheit nicht müde geworden, es in höchsten Tönen zu würdigen. So aber konzentriert sich sein Lobpreis auf die Bilder Leonardos, »die jeden noch so kühnen Künstler zum Verzweifeln und Erzittern brachten«2.

Selbstredend müssen nicht reihenweise patentamttaugliche Prototypen vorliegen, um jemanden mit Recht als Erfinder zu titulieren. Allerdings sollte Skepsis angesagt sein, wenn ein vermeintlicher Erfinder kein einziges Modell selbst gebaut oder in Auftrag gegeben hat. In der Tat existieren keine Zeugnisse von Leonardos Erfindergeist, abgesehen natürlich von den Skizzen, in die er zum Teil so viel seines zeichnerischen Talents hineingelegt hat, dass man als Betrachter seine Kanalbaumaschine bereits arbeiten, seinen Hubschrauber in die Luft aufsteigen, seine Dampfkanone schießen und sein Auto fahren sieht. Erliegt man diesem trügerischen Schein jedoch nicht – oder erholt man sich rasch davon –, wird die Funktionsuntüchtigkeit der angeblichen Erfindungen Leonardos offenbar.

Aber, so könnte man einwenden, die Vision einer Sache ist doch ebenso wichtig wie deren konkrete Ausarbeitung. Hat nicht Leonardo durch seinen kühnen Geist, den Gott »mit so viel Anmut und ungeheurer Ausdruckskraft«3 erfüllte, viele der entscheidenden Erfindungen der Neuzeit wenn nicht vorweggenommen, so zumindest angeregt? Auch hier gibt es nur eine Antwort: Nein, hat er nicht! Musste er auch nicht. Schaut man sich allein den häufig bemühten Traum vom Fliegen an, dann gebührt Homer die Ehre, der abendländische Initiator zu sein. In seinen Epen lässt er das Technikgenie Dädalus bereits 2000 Jahre vor Leonardo eine Flugmaschine bauen.

Außerdem verhinderte das abenteuerliche Schicksal, das Leonardos Notizbücher nach dem Tod von Francesco Melzi ereilte, eine Inspiration nachgeborener Ingenieure. Als die großen Erfindungen der Neuzeit getätigt werden, sind Leonardos Ideen so gut wie nicht verfügbar. Ein beträchtlicher Teil von Leonardos Manuskripten existiert nicht mehr, der Rest befindet sich entweder in Privatbesitz oder unaufgearbeitet in Bibliotheken. Insofern schaut der Erfinder des U-Bootes ebenso wenig bei Leonardo nach, bevor er sich ans Werk macht, wie der des Flugzeugs, des Maschinengewehrs oder der Druckerpresse. Letzterer ohnehin nicht, da in Europa längst fleißig gedruckt wird, als Leonardo seinen Entwurf einer Druckmaschine skizziert. Das weiß er natürlich, denn ihm liegen wichtige Ingenieurswerke schon in Buchform vor, andere noch als Handschriften. Leonardo studiert alles, was er zu Gesicht bekommt, ganz genau und überträgt jene Gerätschaften, die er für bedenkenswert hält, in seine Notizbücher. Die entsprechenden Zeichnungen krönt er mit der gerade erfundenen perspektivischen Darstellung, die er bereits meisterlich beherrscht. Ideen, die ihm beim Kopieren der Entwürfe anderer kommen, fügt er in seine Skizzen ein. Die zugehörigen Kommentare adressiert er in der Du-Form an sich selbst, eine Veröffentlichung seiner Notizbücher erwägt er offensichtlich nicht.

Erst im 20. Jahrhundert entsteht die Idee, aus Leonardo den Erfinder zu machen, der er selbst niemals zu sein behauptete. Vor allem Benito Mussolini (1883–1945) will in Leonardo mehr als nur einen genialen Maler sehen. Eine erste Ausstellung, die auch Modelle der angeblichen Erfindungen des nach dem Duce nunmehr zweitgrößten Sohnes Italiens vorstellt, startet 1939 in Mailand und wandert von dort aus um die Welt. Nach dem Ende der faschistischen Diktatur in Italien werden die Legenden um Leonardo erstaunlich hartnäckig weitergeführt und sogar noch vermehrt. Merkwürdig kritiklos übernehmen Publizisten, Ausstellungsmacher und selbst Wissenschaftler die Mär vom Erfinder Leonardo. Vom Wasserski bis zum Differenzialgetriebe soll er alles Mögliche erfunden haben. Im Zeitalter des forcierten Spezialistentums kommen Geschichten von einem Universalgenie aus längst vergangener Zeit offenbar gut an.

Dieses Buch begibt sich auf die Suche nach dem Leonardo hinter den Legenden, es ergründet seine Wahrnehmungswelten und entdeckt einen von Neugier getriebenen Menschen, der große Scheu hat, Begonnenes fertigzustellen. In den Themengebieten Wasser, Luft, Krieg und Kraft folgt es Leonardos verschlungenen, teils abwegigen, teils poetisch überhöhten, aber stets überraschenden Gedankengängen, um vor diesem Hintergrund seine oft als Erfindungen missverstandenen Entwürfe zu würdigen und einzuordnen. Darüber hinaus wird erzählt, was sich an Fehlschlägen, blendenden Ideen, waghalsigen Selbstversuchen und unerwarteten Durchbrüchen noch ereignete, bis die Objekte aus Leonardos Fantasie tatsächlich die Bühne der Wirklichkeit betreten konnten.

Matthias Eckoldt, Berlin im Nachsommer 2018

WASSER

Was haben Muscheln in den Bergen verloren?

Das Wasser beschäftigt Leonardo während seines gesamten Schaffens. Das früheste Zeugnis seiner schöpferischen Auseinandersetzung damit findet sich bereits im August des Jahres 1473, als der damals 21-Jährige das Arnotal zeichnet. Er nennt sein Bild »Flusslandschaft« und datiert die Fertigstellung auf den Fünften des Monats. Es gilt als die erste von Leonardo überlieferte Zeichnung überhaupt. Zu dieser Zeit genießt er eine Ausbildung in der Werkstatt von Andrea del Verrocchio (1435–1488), einem äußerst einflussreichen Künstler der Renaissance, der als Lieblingsbildhauer der Medici über entsprechend gut gefüllte Auftragsbücher verfügt. So stammt unter anderem das Grabmal von Cosimo de’ Medici (1389–1464), dem Begründer der Dynastie, von Verrocchio, dessen Name treffender nicht sein kann, bedeutet er doch so viel wie »unbestechliches Auge«. Das macht ihn zu einem der führenden Maler in Florenz, und er vermag es offensichtlich auch an seine Schüler weiterzuvermitteln. Aus seiner Werkstatt gehen große Maler der Renaissance – unter anderem Sandro Botticelli (1445–1510), Lorenzo di Credi (1459–1537) und Perugino (1445/48–1523) – hervor. Leonardo scheint dem Meister als Experte für Wasserdarstellungen aufgefallen zu sein, zumindest beauftragt er ihn noch während seiner Lehrjahre mit der Darstellung der Wasserlandschaft in seinem Bild »Taufe Christi«, das um 1475 entsteht.

Bis ins Alter erhält sich Leonardos Faszination für die Natur des Wassers. Um 1518, ein Jahr vor seinem Tod, sitzt er noch an Bewässerungsplänen. Auf ein großzügiges Angebot des jungen französischen Königs Franz I. (1494–1547) hin war Leonardo in ein Schloss im französischen Städtchen Amboise an der Loire umgezogen. Dort bringt er Ideen zu Papier, wie man den weiter östlich gelegenen Landstrich zwischen Loire und Saône mit Wasser versorgen könnte.

Zwischen diesen beiden Landmarken auf Leonardos Lebensweg finden sich reichlich Belege für sein anhaltendes Interesse an dem, nach Auffassung der alten Griechen, zentralen Element für belebte und unbelebte Materie. Dabei beschäftigt sich Leonardo nicht nur mit der zeugenden Kraft des Wassers, sondern auch mit seiner dunklen, gefährlichen Macht, die Mensch und Tier vernichten und die Erde zerstören kann. Unter dem Titel diluvi, zu Deutsch »Fluten«, sammelt er seine Zeichnungen von jener mythischen Urkatastrophe, die für ihn ebenso wie für seine Zeitgenossen einen hohen Realitätsgehalt hatte. Im Unterschied zu vielen seiner Mitmenschen will es der von Neugier getriebene Leonardo allerdings genau wissen. Er liest die entsprechenden Stellen im Ersten Buch Mose und malt sich im Wortsinne aus, wie das Drama seinen Lauf genommen haben muss: »Die Luft war finster durch den dichten Regen, der, von den quer wehenden Winden zum schrägen Fall herumgebogen, in der Luft Wellen machte. (…) Die Farbe aber kam von dem Feuer, das die Wolken spaltenden und aufreißenden Blitze erzeugten, deren Flammen auf die großen Wassermassen in den Tälern schlugen und sie weit öffneten, sodass sich in ihren Schlünden die geknickten Wipfel der Bäume zeigten.«1

Man mag diese Notizen, in denen Leonardo schließlich auch Sagenfiguren wie den Meeresgott Neptun mit seinem Dreizack in den Fluten erstehen lässt, für begleitende Studien zu seinem Bilderzyklus über die Sintflut halten.2 Doch gehen sie über die Notizen eines Malers weit hinaus. Leonardo bleibt nicht bei der Vorarbeit für die Komposition von Bildern stehen, sondern schaut sich mit der durch die biblischen Quellen inspirierten Fantasie seine eigene Gegenwart an. Sofort stellen sich ihm Fragen. Die kniffligste darunter lautet: Wie kommen die Fossilien von Meerestieren auf die höchsten Berge? Leonardo spitzt die Frage noch weiter zu, bis sie eine ketzerische Note bekommt: Wurden die Muscheln der Meere einst durch die biblisch verbürgte Sintflut auf die Gipfel »in tausend Ellen Höhe befördert«3?

Leonardos Antwort lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig, wenn er die Verfechter dieser These als dumm und einfältig bezeichnet. Trefflich würde Leonardo wohl mit jenen Kreationisten unserer Tage die Klinge kreuzen, die alle wissenschaftliche Evidenz mit ihrem Glauben an die Realität der in der Bibel beschriebenen Schöpfung beiseiteschieben. Besonders in den USA, wo der Kreationismus mittlerweile mehrheitsfähig ist, hätte Leonardo reichlich Auswahl an jener Art Kontrahenten, für die er im 15. Jahrhundert seine rhetorischen Muskeln spielen ließ. In seiner Argumentation greift Leonardo auf die Quellen der Erfahrung zurück und wehrt sich auf dieser Grundlage gegen jede Form »himmlischer Einflüsse«4 bei der Erklärung natürlicher Phänomene. Die Sintflut, wie sie im Alten Testament dargestellt ist, soll durch einen meteorologischen Ausnahmezustand hervorgerufen worden sein, als sich nämlich die Fenster des Himmels auftaten und es vierzig Tage und Nächte lang regnete. »Wenn dem so ist, dann fließen alle diese Wasser zum Meer, und nicht das Meer zu den Bergen, und wenn sie zum Meer laufen, dann drängen sie die Muscheln vom Gestade ins Meer hinein und ziehen sie nicht an sich.«5

Leonardo vertraut seiner Beobachtung und seinem Verstand mehr als allen Konventionen, und seien es die allerheiligsten. Diese Form des Selbstbewusstseins kann für seine Zeit als durchaus ungewöhnlich angesehen werden, da das souveräne Subjekt ja erst eine Erfindung der Neuzeit sein wird. Erst mit René Descartes (1596–1650) zerfällt das Weltganze in zwei gegensätzliche Sphären. Die denkende Substanz (res cogitans) steht nunmehr als Subjekt der ausgedehnten Substanz (res extensa) des Objekts gegenüber. Die bürgerliche Gesellschaft leitet aus dieser Klassifizierung die Selbstermächtigung ab, die Welt nach dem Maße des menschlichen Subjekts gestalten zu dürfen. Der Historiker Yuval Noah Harari (* 1976) nennt das die Religion des Humanismus, die statt Gott die Menschheit anbetet. »Entsprechend bestand die eigentliche religiöse Revolution der Moderne nicht darin, den Glauben an Gott zu verlieren, sondern den Glauben an die Menschheit zu gewinnen.«6 Während in vormoderner Zeit noch Gott für Moral und Werte verantwortlich zeichnet, gilt von nun an der Mensch als Quelle allen Sinns. So entfesselt der Humanismus eine enorme Produktivität und rechtfertigt die Umweltzerstörung ebenso wie die Ausrottung oder, falls dem Menschen nützlich, die industrielle Kasernierung anderer Tierarten.

Aber hundert Jahre vor Descartes agiert Leonardo da Vinci bereits als Subjekt, das sich ganz im Sinne Immanuel Kants (1724–1804) »seines Verstandes ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen«7 vermag. Für die Anleitung seines Verstandes akzeptiert Leonardo einzig seine eigene sinnliche Wahrnehmung, und die zeigt ihm, dass Wasser immer nur das Bestreben kennt, abwärts zu gelangen. Es will, es muss nach unten fließen, so verschlungen die Pfade auch sein mögen. Aber warum fließt das Wasser dann nicht bis zur Mitte der Erde? Auch hierfür findet Leonardo eine elegante Erklärung. Sicherlich hat er bei einem Bad im Fluss bemerkt, wie sein eigener Körper dabei an Gewicht zu verlieren scheint. Beim Wasser selbst wird sich dieser Effekt wahrscheinlich sogar noch verstärken: »Wenn das Wasser im Wasser herabsinkt, hat es kein Gewicht mehr und verlangt nicht mehr, zur Mitte der Welt zu gelangen.«8

Da nun Muscheln und Austern schwerer als das Wasser sind, sinken sie herab und besiedeln den Grund der Meere. Deshalb ist es ausgeschlossen, dass Regenfälle, selbst wenn sie sintflutartig sein mögen, diese Meeresorganismen auf die Bergwipfel befördern. Auch wenn das Wasser so stark steigt, »dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden«9, gibt es keinen einsichtigen Grund, warum Gegenstände, die ihr Gewicht zu einem Dasein auf dem Meeresboden verdammt, plötzlich aufsteigen sollten. Die biblische Sintflut scheidet für Leonardo somit als Erklärung dafür, warum man fossile Muscheln auf den Bergen findet, aus.

Wie aber kommen sie dann ins Gebirge hinauf? Für Leonardo gibt es nur eine mögliche Antwort auf diese Frage: Wenn die Muscheln auf dem Meeresgrund leben und wenn sie in fossiler Form auf den höchsten Bergen zu finden sind, dann müssen ebendiese höchsten Berge einst Meeresböden gewesen sein. »Ich glaube, die irdischen Orte waren in alten Zeiten, so sie niedrig gelegen, ganz vom Salzwasser zugedeckt. (…) Und über den Ebenen Italiens, wo heute in Schwärmen Vögel fliegen, pflegten sich Fische in großer Zahl zu tummeln.«10

Diese Schlussfolgerung, zu der Leonardo mit bestechender Logik kommt, wird vom gegenwärtigen Stand der Forschung zu großen Teilen bestätigt. Demnach war unser Planet bis vor etwa 2,7 Milliarden Jahren tatsächlich fast vollständig mit Wasser bedeckt; 97 Prozent der Erdoberfläche bestand aus Meer. Allerdings gab es vor 2,7 Milliarden Jahren noch keine Muscheln. Sie entstanden erst vor etwa 500 Millionen Jahren. Doch da sich viele Gebirge, unter anderem auch die Alpen, erst vor 200 Millionen Jahren aus dem Tethys-Meer erhoben, findet man heute tatsächlich versteinerte Muscheln und Korallen auf den Bergen, da deren Oberfläche »in alten Zeiten«11 den Meeresboden bildeten. Doch dafür, dass es die Berge nicht immer schon gab, sondern dass sie selbst erst durch komplizierte tektonische Prozesse entstanden sind, findet Leonardo keine Anhaltspunkte in seiner sinnlich erfahrbaren Welt. Solche gab und gibt es auch nicht. Erst durch die Feinanalyse indirekter Indikatoren, wie beispielsweise dem Vorkommen des Hafnium-176-Isotops in bestimmten Gesteinsformationen, konnten diese Prozesse erkundet und zeitlich eingeordnet werden.

Leonardo hat jedoch noch einen weiteren Pfeil im Köcher, den er genüsslich auf die übermächtige Phalanx der Kreationisten seiner Zeit abschießt. Wieder liegt seiner Argumentation eine genaue Beobachtung zugrunde. Auf den Bergen finden sich verschiedene Schichten von Fossilien, was beweist, dass die versteinerten Muscheln nicht von einem einzigen Ereignis stammen können, sondern sich über viele Jahre dort ablagerten. Damit befinden sich jene, die behaupten, »dass diese Tiere von der Sintflut an so hoch gelegene Orte gebracht wurden«, in argen Erklärungsnöten. Denn »wenn du sagen wolltest, dass diese Schichten und die Muscheln dazwischen das Werk mehrerer Sintfluten sind, dann müsstest du auch behaupten, dass sich jedes Jahr eine solche Sintflut zugetragen hat«12. Genau diese Behauptung aber würde der biblischen Schilderung widersprechen, die in der Sintflut eine einmalige drakonische Strafe Gottes sieht.

Über die Wunden des Erdenkörpers

Doch die virtuos gegebene Antwort wirft neue Fragen auf. Wenn das Wasser immer abwärts fließt, wie kommt es dann zur Quelle empor? Wie kann es überhaupt sein, dass Wasser nicht einfach im Erdmittelpunkt ruht? Am Befund gibt es nichts zu deuteln: »In immerwährender Bewegung wandeln die Wasser aus den tiefsten Tiefen der Meere zu den höchsten Gipfeln der Berge, wobei sie die Natur des Schweren missachten.«13

Leonardo legt sich damit eines der schwierigsten Probleme überhaupt vor: Wie kann etwas Natürliches die Natur des Schweren missachten? Diese Frage wird besonders brisant, wenn man nur der eigenen Wahrnehmung traut und nicht an das Wirken »himmlischer Einflüsse« glaubt. Wie einfach wäre es, alles nicht Erklärbare Gott zuzuschreiben, wie es nicht nur im Mittelalter, sondern auch in der Renaissance noch gängige Praxis ist. Doch Leonardo praktiziert nicht Gottes-, sondern Weltfrömmigkeit, wie es der Philosoph Karl Jaspers formuliert. »Diese Frömmigkeit vollzieht sich durch das Auge, im denkenden Sehen, in der Forderung, sich Rechenschaft zu geben von allem, was sichtbar wird oder werden kann.«14 Mit dem Insistieren auf der eigenen Beobachtung, die er in seinem Leben zu hoher Meisterschaft entfaltet, ragt Leonardo aus seiner Zeit ein Stück weit heraus und bereits tief ins nächste Jahrhundert hinein – bis zu dem Philosophen und Politiker Michel de Montaigne (1533–1592), der 1572 den Essay erfindet und damit fern jeder Gattungsregeln eine neue Textform aus der Taufe hebt. Dessen Leitspruch aus dem Vorwort zum ersten Band seiner Essais könnte ebenso für Leonardo gelten: »Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buches.«15 Von einer »naturgegebenen Trunkenheit«, in der ihm die Gegenstände seines Nachdenkens erscheinen, berichtet er seinen Lesern und konstatiert, dass er »stets im Stadium des Lernens und Probens«16 bleibt, das ihn einzig interessiert. Nicht von ungefähr bedeutet das französische Wort »essayer« auf Deutsch »versuchen«, »probieren«.

Mit derselben Geisteshaltung ist Leonardo bereits in seiner Zeit unterwegs. Er glaubt nicht an Legenden wie die Mär, nach der Jesus über den See Genezareth lief, ehe er nicht mit eigenen Augen gesehen hat, dass ein Mensch über das Wasser laufen kann. Die sinnliche Präsenz der Dinge ist für ihn höchstes Gebot. Die Erfahrung bezeichnet Leonardo als »Mutter aller Gewissheit«, an der er entgegen der weit in die Antike zurückreichenden philosophischen Tradition keine Zweifel zulässt. Vor den höheren Wesenheiten hingegen fehlt Leonardo der zeitgemäße Respekt: »Um wie viel mehr müssen uns die Dinge zweifelhaft sein, die sich gegen diese Sinne auflehnen, wie z.B. die Wesenheit Gottes und der Seele, um die man ohne Ende disputiert und streitet«17.

Vor den Augen des Künstlers tut sich allerdings nicht nur die Wirklichkeit, sondern ebenso die eigene Fantasie auf. Wo Montaigne für seine geistigen Ausflüge die Kraft der Philosophie nutzt, lässt sich Leonardo von seiner immensen Vorstellungskraft inspirieren: fragen, untersuchen, beobachten und schließlich kreieren! Das sind die Arbeitsschritte, mit denen Leonardo der »naturgegebenen Trunkenheit« seiner Objekte begegnet. Sein Erkennen ist nicht das von der Philosophie geforderte Erkennen in Begriffen, aber auch kein einfaches spiegelbildliches Kopieren. Leonardo geht es vielmehr um »das Gegenständlichwerden des vom Geiste Gesehenen«18, wie es Karl Jaspers formuliert.

Bei der Meditation darüber, warum die Quellen der Flüsse oft in den Bergen entspringen, obwohl doch das Wasser offensichtlich zum Erdmittelpunkt möchte, verschränkt sich Leonardos außergewöhnliche Beobachtungsgabe, der »nichts entgeht, was sich in die Vielfalt dessen, was ist, verirrt«19, aufs Beste mit seiner Fantasie. Den Lauf der Flüsse hält er nicht für gottgegeben, sondern in gewissem Sinne für selbst verantwortet. »Dass die Flüsse alle Glieder der großen Berge auseinandergesägt und getrennt haben, das zeigt sich in der Reihenfolge der Gesteinsschichten, die man vom Gipfel hinunter zum Fluss übereinanderliegen sieht.«20 Die Flüsse schaffen sich ihr eigenes Bett, indem sie sich in die Berge einschneiden.21 Mit dieser erstaunlichen Einsicht in den Prozess der Entstehung von Flüssen wird die Frage immer brisanter, wie das Wasser überhaupt erst in die Berge hinaufkommt, um im selbst geschaffenen Bett wieder hinunterzufließen. Es muss also einen Wasserkreislauf geben. In einer für Leonardo typischen Mischung aus Beobachtung, Intuition und Fantasie stellt er fest, »dass das Wasser von den Flüssen ins Meer gelangt und vom Meer in die Flüsse, wobei es, immerfort kreisend, wiederkehrt, sodass das ganze Meer und die Flüsse schon unzählige Male durch die Mündung des Nils geflossen sind«22.

Was aber ist das Movens dieses Kreislaufs? Für eine plausible Antwort wechselt Leonardo die Methode: Das reichliche Material aus seinen Beobachtungen und seiner Fantasie fügt er nicht mit strenger Kausalität zusammen, sondern er lässt sich auf das Abenteuer des Analogisierens ein. In Analogien zu denken war in der Antike nicht unüblich, und auch nach Leonardo wird es immer wieder als ein Antidot gegen die Kühle der reinen Rationalität gebraucht. Im 20. Jahrhundert ist es der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (1880–1936), der auf diese Weise den »Untergang des Abendlandes« prognostiziert. Spengler findet Analogien für die Hochkulturen der Menschheit in den Jahreszeiten. Jede Epoche erlebt demnach Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dass er mit unglaublichem Faktenreichtum die »westeuropäisch-amerikanische [Kultur], in den noch nicht abgelaufenen Stadien« 23 mit seiner Methode analysiert und sie bereits in den letzten Wintertagen – also dem Untergang geweiht – sieht, sichert seiner Studie am Ende des Ersten Weltkriegs Bestsellerstatus.

Wie Spengler die Hochkulturen in Analogie zu den Jahreszeiten denkt, begreift Leonardo den Körper der Erde in Analogie zum Körper des Menschen. »Wie der Mensch als Stütze und Gerüst des Fleisches die Knochen hat, so hat die Welt das Gestein als Stütze der Erde; wie der Mensch den See des Blutes in sich hat und darin die Lunge beim Atmen ab- und zunimmt, so hat der Körper der Erde seinen Ozean, der gleichfalls alle sechs Stunden durch das Atmen der Welt zu- und abnimmt; wie vom genannten See des Blutes die Adern ausgehen, die sich über den ganzen Körper verästeln, ähnlich durchzieht das Meer den Körper der Erde mit unendlichen Wasseradern.«24 Wie der Menschenkörper stellt sich auch der Erdenkörper für Leonardo als Gestalt dar. In dieser Art des Denkens in Analogien steht das Ganze vor den Teilen. Aus der Beobachtung wird eine Schau, in der von Details abstrahiert wird, um das Gesamte in den Blick zu bekommen und Strukturen ebenso wie Funktionszusammenhänge zu erkennen. Mit dieser Methode gelingt es, wie Paul Valéry in seinem lesenswerten Essay über Leonardo da Vinci schreibt, Beziehungen zwischen Dingen zu finden, »deren Zusammenhang uns nicht aufgrund gesetzmäßiger Kontinuität gegeben ist«25.

Es ist ein wildes, springendes, rastloses und unkonventionelles Denken, das dem Charakter Leonardos zu entsprechen scheint. Ihn interessiert das Experiment mehr als die Routine, das Neue mehr als die Kontinuität, das Wagnis mehr als die Sicherheit. Nicht von ungefähr verprellt Leonardo viele seiner Auftraggeber, weil er die meisten seiner Werke nicht zum Abschluss bringt. Er verkauft »fast keine Bilder, und seine wichtigsten Skulpturen bleiben unvollendet«26. Für die mehr als dreißig geplanten Bücher über das Wasser, darunter eines darüber, »wie man durch die Wucht der Fluten ein Heer vernichtet, indem man gestautes Wasser loslässt«27, gibt es viele Notizen aus Leonardos Feder – schreiben wird er allerdings kein einziges. Auch die in ihren Ausmaßen als gigantische Kunstwerke geplanten Reiterdenkmäler werden nie gegossen. Selbst das Bronzepferd, das dem Vater des mailändischen Herzogs Ludovico Sforza (1452–1508) gewidmet sein sollte und nach Leonardos Ankündigung »zum unsterblichen Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden soll«28, bleibt im Entwurfsstadium29 stecken, obwohl er lange Jahre in Ludovicos Diensten steht. Karl Jaspers bezeichnet Leonardo aufgrund seiner vielen unvollendeten Werke und Projekte denn auch als »Fragmentarier«30. Der Dichter Ugolino Verino (1438–1516), ein Zeitgenosse Leonardos, spottet über den Maler, als der 1482 Florenz Richtung Mailand verlässt, dass er »innerhalb von zehn Jahren kaum ein einziges Gemälde zu vollenden vermochte«31.

Da die von Leonardo auf uns gekommenen Werke jedoch von außergewöhnlicher Meisterschaft zeugen, liegt die Vermutung nahe, dass sich in seiner Unfähigkeit zur Vollendung weniger ein Scheitern als vielmehr eine eigene Art von Getriebenheit ausdrückt. Er verzweifelt nicht an der Unfertigkeit seiner Schöpfungen, sondern ihn reizt es einfach mehr, etwas Neues zu beginnen, als etwas Begonnenes zu vollenden. Möglicherweise sind die Bedingungen, unter denen Leonardo seine frühe Kindheit verbringt, mitverantwortlich für die verschwenderische Art, in der er mit seinem Talent umgeht. Er lebt die ersten charakterprägenden vier Lebensjahre vermutlich bei seiner Mutter Caterina in einer kleinen Bauernkate in Anchiano, einem inmitten von Weinbergen und Olivenhainen gelegenen Stadtteil von Vinci, etwa 25 Kilometer westlich von Florenz. Sein Vater, Piero da Vinci, ehelicht die bei Leonardos Geburt 16-jährige Caterina jedoch nicht. Grund dafür mag der Standesunterschied sein. Sie ist niederen Ranges, wahrscheinlich ein Dienstmädchen der Familie. Möglicherweise eine Sklavin aus Nordafrika, wie sie sich begüterte Florentiner Familien seit dem 14. Jahrhundert leisten. Leonardos Vater ist ein aufstrebender, wohlhabender Notar, der diese Profession bereits in der fünften Generation der Familie ausübt. Vielleicht hat Piero die Sklavin Caterina auch zusammen mit dem Haus eines reichen Bankiersfreundes aus Florenz geerbt. Obwohl er Caterina nicht heiratet, sorgt er offenbar gut für Mutter und Sohn, sodass Leonardo als Kind keinerlei Not leidet. Zugleich erfährt er von der möglicherweise noch auf einen Sinneswandel Pieros in Ehefragen hoffenden Caterina eine warmherzige, bedingungslose Liebe. Diese Liebe mag so übermächtig gewesen sein, dass Leonardo sein Leben lang nichts an ihre Stelle lässt – zumindest keine Frau. Er verlebt seine frühe Kindheit in einem geschützten Paradies aus Liebe und Sorglosigkeit. Der spielerische Zugang zur Welt wird nicht durch die strafende, zu Disziplin, Ordnung und geistiger Strenge gemahnende Hand des Vaters gestört. Seiner Kreativität werden keine Grenzen gesetzt, und es entwickelt sich eine jener enorm produktiven Persönlichkeiten, die mit ihrem in Liebe geborenen Selbstbewusstsein keine Schwierigkeiten haben, alle Konventionen auf den Prüfstand zu stellen. Diesem Persönlichkeitstyp sind in der Geistesgeschichte durchaus gewaltige Leistungen vorbehalten. Alan Turing (1912–1954) wäre ein weiteres Beispiel für diese nie erwachsen gewordenen Kinder mit starker Mutterbindung, die mit ihrem von Konventionen nicht korrumpierbaren Blick das äußerste Maß an Freiheit erreichen und fundamental Neues sehen können. »Auf dem Gipfel der Freiheit ist er, gerade in dieser Freiheit, das Kind, das er einst war«32, schreibt der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) denn auch über Leonardo.

Das Denken in Analogien ist ein geradezu ideales Betätigungsfeld eines spielerisch freien Geistes. Leonardos genaue Beobachtungen, seine intensive räumliche Durchdringung der Wirklichkeit und die in seiner Fantasie Gestalt annehmende Ordnung des Wahrgenommenen lassen ihm die Erde wie einen menschlichen Körper erscheinen. Alles ist da: Knochen, Lunge, Blut und Adern. Nur die Sehnen fehlen, so bemerkt er, doch das ist nur zu verständlich, da sie der Bewegung des Körpers dienen. Die Erde aber ist für Leonardo, der sich seiner sinnlichen Wahrnehmung und der Lehre des Ptolemäus verpflichtet fühlt, unbewegt. Tatsächlich listet Leonardo unter den über hundert Büchern in seinem Besitz auch die Kosmografie des Mathematikers, Astronomen und Philosophen Claudius Ptolemäus (um 100–160 n.Chr.) auf, an dessen Vorstellung der Erde als Mittelpunkt der Welt er keine Zweifel hegt. Dazu hätte Leonardo eher die fernen Sterne als die nahen Flussläufe studieren müssen, so wie es der lediglich zwanzig Jahre jüngere Nikolaus Kopernikus (1473–1543) tut, der bereits 1509 die Grundzüge seines heliozentrischen Weltbildes entwickelt, demzufolge die Erde um die Sonne kreist und um die eigene Achse rotiert. Für Leonardo aber ist in kosmologischen Fragen noch alles auf dem Stand der Antike, und »da die Erde aber ewig am selben Ort bleibt, kommt es zu keiner Bewegung, und da es zu keiner Bewegung kommt, sind keine Sehnen notwendig. Aber in allen anderen Dingen sind sie [menschlicher Körper und Erde] einander sehr ähnlich«33.

Als Leonardo den Mond studiert, findet sein Geist reichlich weiteren Stoff, der in elegante, wenn auch höchst spekulative Form gebracht wird. Aus der Tatsache, dass der Mond nicht von selbst leuchtet, aber dennoch hell ist, folgert Leonardo, er müsse eine gekräuselte Oberfläche haben. Eine solche Kräuselung, wie er sie vom Meer her kennt, gebe es jedoch nur bei flüssigen Körpern. Somit hält es Leonardo für erwiesen, dass der Erdtrabant mit Wasser bedeckt ist und die Mondphasen durch die Reflexionskraft der gekräuselten Oberfläche entstehen: »Durch die Bewegung des Wassers aber, das von den Winden in Aufruhr gebracht wird, überzieht sich der Mond mit Wellen, und jede Welle fängt das Sonnenlicht auf.«34

Das bringt Leonardo wieder zu der Frage zurück, wie das Wasser in die Berge gelangt, um von dort hinunter zum Meer zu fließen. Vom menschlichen Körper weiß er, dass das Blut (als Analogon des Wassers), ebenfalls »die Natur des Schweren missachtend«, nach oben zu fließen vermag. Denn eine Wunde am Kopf kann ebenso heftig bluten wie eine am Fuß. Wenn der Erdenkörper von Wasseradern durchzogen ist wie der Menschenkörper von blutführenden Adern, dann liegt es nahe anzunehmen, dass im Erdenkörper die Wasseradern auch die Berge unterirdisch durchziehen so wie die blutführenden Adern den Kopf. Wie aber kommt das Wasser dann im Bereich der Quelle an die Oberfläche? Um das zu erklären, muss Leonardo seine Analogiebildungen voll ausreizen. Er schaut sich wiederum den menschlichen Körper an. Wann wird hier aus dem unter der Haut zirkulierenden Blut eine oberirdische Quelle? In dem Moment, wo die Ader verletzt wird »und wie durch die aufgebrochenen Adern im oberen Teil des Menschen das Blut von unten hinaufsprudelt, so sprudelt durch die aufgebrochenen Adern auf den Bergeshöhen das Wasser hervor«35.

Nimmt man Leonardos Analogie ernst, so stellt sich der Erdenkörper wie ein ewig verwundeter Menschenkörper dar, aus dessen Wunden das Wasser fließt. Eine Entsprechung für das sich im Meer wieder sammelnde Wasser findet Leonardo beim verletzten Menschenkörper allerdings nicht. Denkt man die Analogie zu Ende, müsste der Erdenkörper eigentlich sein Wasser verlieren, so wie ja auch ein an vielen Stellen verletzter Mensch ausblutet. An dieser Stelle zeigt sich Leonardo wiederum als Vorläufer Montaignes. Wie der Erfinder des Essays fasst er seinen Gegenstand nur in dem Zustand, der ihn gerade interessiert. Um Details kümmert er sich nicht – zumal wenn sie Widersprüche aufwerfen. Für Leonardo zählt nur die Momentaufnahme der Analogie zwischen Wasserkreislauf und Blutkreislauf, die für sich genommen schon erstaunlich genug ist.

Die alles bewegende Kraft

Anstatt die Analogiebildungen jeweils exakt auszuformulieren, wird Leonardos sprunghafter Geist vom nächsten Problem angezogen, denn bislang ist nur geklärt, dass Wasser in der Erde – wie Blut im Körper – wider die Natur der Schwere emporsteigen kann.

Nun muss ergründet werden, wie es das tut. Leonardo treibt die Analogie weiter: »Dieselbe Ursache, die in allen Arten lebender Körper die Säfte bewegt und damit bei jeder Verletzung zu Hilfe kommt, bewegt auch das Wasser vom tiefsten Meeresgrund in die höchsten Bergeshöhen.«36 Leonardo ist also auf der Suche nach einer universalen Kraft, die Leben spendet, indem sie die vitalen Säfte zur Zirkulation anregt. Welcher Art könnte diese Kraft sein? Die Kälte? Doch Kälte lässt das Wasser erstarren, die Tiere in Winterschlaf fallen und die Menschen leiden. Als Südländer geht Leonardo das Herz erst mit den wärmenden Strahlen der Märzsonne wieder auf. Was also liegt näher, als der Wärme eine universale Kraft zuzusprechen? »Die Wärme in den lebendigen Körpern bewegt den Saft, der diese ernährt. (…) Und die Ursache, die es [das Wasser] durch die Adern fließen lässt, ist genau dieselbe wie die, welche die Säfte in allen lebendigen Körpern bewegt. So läuft das Wasser von unten nach oben und rinnt auf den Bergeshöhen heraus, wo seine Adern sich öffnen.«37

Für den Wasserkreislauf auf der Erde stellt die Wärme in der Tat die treibende Kraft dar, denn die Sonne lässt Wasser von Meeren, Seen, Flüssen, ja selbst von Wiesen, Blättern und Blüten in die Atmosphäre verdunsten. Dort sammelt sich das Wasser in Form von Wolken, aus denen es bei entsprechender Gelegenheit wieder zur Erde fällt. Der niedergehende Regen speist das Grundwasser, und an jenen Stellen, an denen dieses gleichsam überläuft, bilden sich Quellen, aus denen Flüsse entstehen, die sich in der von Leonardo beschriebenen Weise ihren Lauf selbst schaffen. So sucht sich das Wasser seinen Weg hinab zur Mündung ins Meer.

Leonardo liegt also zumindest bei zwei Punkten richtig: Für das Sprudeln der Quellen sind tatsächlich die inneren Wasser der Erde verantwortlich, und die Wärme bildet die treibende Kraft im Kreislauf des Wassers. An dieser Stelle haftet Leonardos Erkenntnisgang eine unfreiwillige Komik an, da er mithilfe des Denkens in Analogien unter falschen Voraussetzungen zum richtigen Resultat gelangt. Leonardo schließt vom Blutkreislauf auf den Wasserkreislauf und von der Wärme als bewegender Kraft des Blutes auf die Wärme als bewegende Kraft des Wassers. Allerdings kreist das Blut im Körper nicht aufgrund der Wärme. Es kreist überhaupt nicht! Zumindest nicht nach dem Kenntnisstand der Renaissance, die in allen medizinischen Fragen einzig der bis dahin unbezweifelten Autorität des griechischen Arztes Galenus (129–199 n.Chr.) folgt. Der Leibarzt des sogenannten Philosophenkaisers Marc Aurel (121–180 n.Chr.) hinterließ siebzig Bücher, in denen er seine zumeist auf Grundlage von Tiervivisektionen gewonnenen Erkenntnisse über die Abläufe im menschlichen Körper zusammenfasste.

Nach Galenus zirkuliert das Blut nicht im Körper, sondern es wird immer wieder neu gebildet: das dunkle venöse Blut in der Leber, das hellere arterielle Blut im Herzen. Gemäß seiner Vier-Säfte-Lehre verbrauchen die Organe das gebildete Blut vollständig, damit sie ihre spezifischen Leistungen erbringen können. Dieses Erklärungsmodell, nach dem das Blut im Körper linear in eine Richtung fließt, ist das am längsten gültige Paradigma in der Wissenschaftsgeschichte überhaupt. Denn die Vorstellungen des Galenus von der Wertschöpfungskette im Inneren des Menschen haben fast 1500 Jahre Bestand; erst der englische Arzt William Harvey (1578–1657) entdeckt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, dass Blut im Körper nicht nur in eine Richtung, sondern immer im Kreis fließt. Wie kann Leonardo da bereits einhundert Jahre früher annehmen, das Blut gehe »immerfort kreisend«38 durch den Körper? Zweifellos kann Leonardo bei dieser Behauptung so etwas wie die Gnade des Autodidakten für sich beanspruchen.

Leonardo lebt wahrscheinlich vom fünften Lebensjahr an bei der Familie seines Vaters und seines Großvaters in der Nähe von Florenz. In einer Grundschule, die in der Regel vom ortsansässigen Priester oder Notar geleitet wird, lernt er lesen und schreiben. Allerdings nur das gebräuchliche Italienisch, nicht das zu höherer Bildung qualifizierende Latein. Leonardo versucht, sich die Gelehrtensprache später selbst beizubringen, erreicht aber nie ein Niveau, das ihn zu fließender Anwendung des Lateinischen befähigen würde. Offensichtlich traut Piero seinem Sohn keine akademische Karriere zu, denn Leonardo geht nach der Grundschule nicht auf die Latein-, sondern auf die Rechenschule, die ihn auf einen kaufmännischen Beruf vorbereitet. Sein zeichnerisches Talent wird zumindest auf dem Gebiet der Geometrie aufgefallen sein, während er ansonsten wohl eher durchschnittliche Resultate nach Hause bringt. »In Arithmetik war er (…) nicht sonderlich bewandert, und Algebra, also das Rechnen mit Unbekannten, war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Und man kann auch mit einiger Sicherheit annehmen, dass er sich auf Italienisch und erst recht auf Latein nicht besonders gut schriftlich auszudrücken vermochte.«39 So ist es nur konsequent, Leonardo keine Ausbildung zum Kaufmann, sondern eine zum Handwerker angedeihen zu lassen. Diese allerdings dank der Beziehungen seines Vaters bei Andrea del Verrocchio, dem Besten seines Faches in Florenz. Leonardo wird ein Vertreter der artes mechanicae, einer jener in der Antike, dem Mittelalter und der Renaissance eher minder geachteten Menschen, die ihre Hände zum Broterwerb schmutzig machen müssen – wie Schneider, Maurer oder Köche. Das in der Regel siebenjährige humanistische Studium der freien Künste (artes liberales