Leons Suche - Bert Degen - E-Book

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Bert Degen

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Beschreibung

Ein talentierter Kampfkünstler bricht auf, seine verschwundene Mutter zu suchen, und verhilft zufällig dem Mädchen eines berüchtigten Warlords zur Flucht. Deutschland 2060. Der Kampfkünstler Leon Stein bricht auf, seine verschollene Mutter zu suchen. Kaum losgefahren, läuft ihm eine junge Frau vors Auto. Leon schlägt ihre Verfolger nieder und verhilft Eva zur Flucht. Noch ahnt er nicht, dass sie ihm den entscheidenden Hinweis bei seiner Suche geben wird. Durch seine Aktion erzürnt Leon den berüchtigten Warlord Karl, dem alle Mittel Recht sind, Eva wiederzubekommen. Während Leon versucht, Einzelheiten über das Verschwinden seiner Mutter zu erfahren, rückt für ihn unweigerlich Evas Schicksal in den Mittelpunkt. Hat er sich mit Karl und seiner Entourage einem zu großen Gegner in den Weg gestellt? Und was hat es mit dem Verschwinden von Leons Mutter auf sich?

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bert Degen

Leons Suche

© 2019 Eugen Deibert

Autor: Eugen Deibert

Umschlaggestaltung: Constanze Kramer

Verlag & Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-5425-4

e-Book:

978-3-7345-5426-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ein talentierter Kampfkünstler bricht auf, seine verschollene Mutter zu suchen, und verhilft zufällig dem Mädchen eines berüchtigten Warlords zur Flucht.

Deutschland 2060. Der Kampfkünstler Leon Stein bricht auf, seine verschollene Mutter zu suchen. Kaum losgefahren, läuft ihm eine junge Frau vors Auto. Leon schlägt ihre Verfolger nieder und verhilft Eva zur Flucht. Noch ahnt er nicht, dass sie ihm den entscheidenden Hinweis bei seiner Suche geben wird.

Durch seine Aktion erzürnt Leon den berüchtigten Warlord Karl, dem alle Mittel Recht sind, Eva wiederzubekommen. Während Leon versucht, Einzelheiten über das Verschwinden seiner Mutter zu erfahren, rückt für ihn unweigerlich Evas Schicksal in den Mittelpunkt.

Hat er sich mit Karl und seiner Entourage einem zu großen Gegner in den Weg gestellt? Und was hat es mit dem Verschwinden von Leons Mutter auf sich?

Bert Degen ist ein Pseudonym.

Der Autor ist Jahrgang 1979.

Das Erzählen von Geschichten ist seine Leidenschaft.

Sie kam lächelnd auf ihn zu, breitete die Arme aus und drückte ihn fest an sich.

Die Freude, sie zu sehen, ließ ihn nach Atem schnappen. Er wollte ihr etwas sagen, doch ein brennender Schmerz explodierte in seinem Rücken.

Er sah die Kälte in ihrem Blick und erschrak.

Sie zog die Klinge heraus.

Das Brennen zwischen den Rippen verschärfte sich. Das Klirren des Metalls auf dem Fußboden zerschnitt die Stille im Raum.

Ihr Tritt gegen den Brustkorb presste einen dumpfen Schrei aus seiner Kehle.

Er taumelte, stieß mit dem Rücken an die Wand und rutschte zu Boden. Die Wunde hinterließ eine Blutspur auf der Tapete. Wie in Zeitlupe wuchs die Blutlache um ihn herum an.

Sie drehte sich um und rannte davon.

Dabei hatte er so viele Fragen an sie.

I

1

Um den Kopf zu schützen, streckte Leon den Ellbogen in die Höhe, und stürmte auf den ersten Angreifer zu. Der hatte einen ähnlich athletischen Körperbau wie Leon und war ebenso fast einen Meter achtzig groß.

Leons Handfläche schnellte empor und platzierte einen Stoß auf den Unterkiefer des Angreifers, der sofort taumelte. Leon ließ seinen Ellbogen auf den gegnerischen Brustkorb krachen. Seine Hand fand sich auf der Höhe der Rechten seines Gegners wieder. Einen Augenblick sah es so aus, als würde er den Mann mit einem Händedruck begrüßen. Er packte sie fest und zog ruckartig. Im selben Moment landete sein Fausthieb auf dem vorgeschobenen Kinn des Angreifers und schickte ihn in einer Linksdrehung zu Boden.

Zwischen der Ecke und Leon waren sieben weitere Gegner. Er konzentrierte sich auf sein Ziel.

Die eintreffende Rechte des zweiten Gegners riss er mit seiner Linken aus der Bahn. Gleichzeitig versetzte Leon ihm einen Faustschlag auf die muskulöse Brust, der ihm den Atem aus der Lunge presste. Spucke flog in hohem Bogen aus seinem Mund. Leons Unterarm rotierte mühelos um den Kopf des etwas größeren zweiten Gegners, weil der leicht vorgebeugt stand. Die rechte Handfläche klatschte in den bulligen Nacken und hinterließ auf der Stelle eine Rötung. Die linke Faust presste sich wie ein Rammbock seitlich in den Unterbauch. Der Oberkörper des zweiten Angreifers neigte sich zur Seite, wenn auch nicht so stark, wie Leon es wollte.

Ein kompaktes Paket.

Leon sprang um ihn herum. Die Finger beider Hände bohrten sich durch das T-Shirt in die Muskeln zwischen Hals und Schultern. Er hatte Mühe, sich festzuhalten, presste die Handglieder mit aller Kraft zusammen und bekam genug Haut zu fassen. Er zog ruckartig und kickte in die Kniekehle.

Der zweite Gegner taumelte, versuchte, sich auf den Beinen zu halten. Leon wiederholte den abrupten Zug. Der Mann knallte mit seinem massigen Rücken auf den Boden. Ein peitschendes Geräusch erfüllte die Halle. Schweißtropfen flogen in alle Richtungen.

Der dritte Kämpfer packte ihn von hinten an der Schulter. Leon stellte den Ellbogen auf, fuhr unvermittelt herum und hörte wie das Nasenbein des Gegners brach. Der ließ von Leon ab und hielt sich die Hände vors Gesicht.

Drei waren außer Gefecht gesetzt. Leon rückte der Ecke näher. Die restlichen Fünf, ein dicht gedrängter Haufen Aggression, starrten ihn an. Die vorderen zwei schlichen unschlüssig auf ihn zu. Damit die ihn nicht gleichzeitig angriffen, bewegte er sich seitlich und in einem Halbkreis rückwärts. Die würden sich gegenseitig behindern, griffen sie ihn im gleichen Augenblick an.

Ein leichtfüßiger Flinker löste sich aus der Gruppe, holte Leon ein und wollte ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzen. Leon sah den Angriff kommen und wich aus. Sein Schlag mit dem Handballen gegen die Stirn stoppte den Flinken abrupt. Leon griff mit dem Unterarm um seinen Kopf, klatschte ihm in den Nacken und bohrte eine Faust in den Unterbauch.

Der Körper des Schmächtigen faltete sich in den Hüften. Der nach vorne geneigte Oberkörper brachte das Haupt in eine ideale Position für einen Ellbogenschlag. Leon hatte die Hand im Nacken des Kämpfers und schlug mit dem Ellbogen zur Schläfe. Der Schlag zeigte Wirkung und schickte den leichtfüßigen Flinken zu Boden.

Damit hatte Leon vier der acht Gegner ausgeschaltet. Die ganze Aktion hatte kaum zehn Sekunden gedauert.

Er stürzte sich auf den fünften Kämpfer, doch die Stimme des Sifus hallte durch den Trainingsraum: »Okay, stopp, das reicht.« Der Sifu brach den Kurs ab.

Leons Trainingspartner rieben ihre wunden Stellen und starrten ihn argwöhnisch und beleidigt an. Er sah nicht in ihre Richtung, dehnte mit einer seitlichen Kopfbewegung den Nacken und zog die Augenbrauen zusammen. Es war ihm bewusst, dass er gekämpft hatte, als wären sie echte Angreifer auf der Straße gewesen.

Nach der gemeinsamen Verbeugung vor dem Sifu schlich sich Leon davon.

Er trat durch die Tür nach draußen. Die Sonne blendete ihn. Er blinzelte und hielt sich eine Handfläche an die Stirn, um die Augen zu schützen. Rasch schritt er über den Parkplatz, warf die Tasche auf die Rückbank seines Jeeps, setzte sich ans Steuer und startete den Motor. Er fuhr vom Parkplatz der Trainingshalle, reihte den Jeep in den Verkehr ein und machte das Radio an.

Ersten Berichten zufolge gab es heute auf dem Territorium des Nord-Allianz-Mitglieds Kanada einen Großbrand auf der letzten Erdgas-Förderstätte der Welt. Die Arbeiter haben randaliert und Feuer gelegt, nachdem ihnen mitgeteilt worden war, dass die Förderstätte aufgrund von aufgebrauchtem Gasvorkommen schließen muss. Die Feuerwehr kämpft zur Stunde mit dem Feuer.

Politiker haben sofort harte Strafen gefordert und Parallelen gezogen: Bei der Schließung der letzten Öl-Förderstätte vor fünfzehn Jahren auf dem Gebiet des Nord-Allianz-Mitglieds Russland hatten Arbeiter ebenfalls die Förderstätte in Brand gesetzt. Wochenlange Randale im ganzen Land waren die Folge. Mehrere tausend Arbeiter waren in Anrainerstaaten abgeschoben und mit lebenslangem Einreiseverbot in die Staaten der Nord-Allianz belegt worden.

Die Aktie des größten Lieferanten für Kraftstoffe außerhalb der Nord-Allianz KRAPROL brach um 35 Prozent ein. Hören Sie einen ausführlichen Beitrag dazu gleich im Anschluss.

Und nun zum Wetter: Die Temperatur für den morgigen Dienstag, den 1. Juni 2060, beträgt für Süddeutschland imDurchschnitt 40 Grad Celsius. Die Regenfälle in den Alpen halten weiterhin an. Meteorologen warnen vor einem Anstieg des Wasserspiegels des Bodensees. Sie erwarten plötzlich auftretende Niederschläge für folgende Regionen …

Leon hielt das Lenkrad mit einer Hand und scrollte mit der anderen die Hauptrubriken der Radiosender durch: Politik, International, Wirtschaft, Promi, Katastrophen, Verbraucher. Die Musiksender hatte er alle aussortiert. Er verdrehte die Augen. Gerade jetzt war er in der Stimmung für laute Musik.

Die Klimaanlage blies angenehm kalte Luft durch die Schlitze am Armaturenbrett.

Es gab Tage, an denen es gut lief. Jede Technik, die Leon ausprobierte, saß, und er kam unverletzt aus dem Sparring. Er hatte das Gefühl, ihm wäre heute nichts gelungen. Vor der ›Ecke‹, einer Trainingseinheit bei der sich mehrere Kämpfer auf einen stürzten, hatte Leon bei den fortgeschrittenen Trainingspartnern mit Kombinationen aus Angriffen die Abwehr durchzubrechen versucht und keinen Erfolg damit erzielt.

Wing Chun bildete seit Leons Kindheit einen wesentlichen Teil seines Lebens. Ihm gefiel das traditionell Chinesische daran. Genauso schätzte er die europäischen Ergänzungen, die die alte Kampfkunst zu einem effizienten System der Selbstverteidigung verfeinerten. Warum war es ihm heute nicht gelungen, eine Kombination an einem der Fortgeschrittenen erfolgreich anzuwenden?

In der Nacht hatte ihn ein Alptraum um den Schlaf gebracht, der ihn seit den Teenagerjahren plagte. Die halbe Nacht hatte er sich im Bett hin und her gewälzt.

Es quälte ihn außerdem, dass ihn gleich zu Beginn des Trainings ein Anfänger mit der Faust im Gesicht getroffen hatte, sodass Leons Auge sofort angeschwollen war. Das hing damit zusammen, dass es Neulingen schwerfiel, die eigenen Bewegungen zu kontrollieren. Anfänger führten die Techniken nicht exakt aus und gerieten unbeherrscht um sich schlagend in verzweifelte Wut. Mit erfahrenen Trainingspartnern passierten Verletzungen nie. Die kombinierten ihre Angriffe geschickt und setzten die Faust-, Handkanten- und Ellbogenschläge präzise ein. Fortgeschrittene Kämpfer unterschieden, ob sie ihr Gegenüber kampfunwillig oder kampfunfähig machen wollten. Genauso hatten Profis die Kontrolle darüber, ob sie den Gegner verletzten oder nicht.

In letzter Konsequenz konnte ein erfahrener Kämpfer einen Angreifer auf der Stelle töten.

Leon kippte den Kopf zur Seite und dehnte die Nackenmuskeln.

Sein Blick streifte das Handschuhfach, wo der Pass mit dem Visum lag. Heute würde er sein Vorhaben in die Tat umsetzen.

Er hatte lange genug Rücksicht auf die Krebserkrankung seines Großvaters genommen. Leon hatte das Visum vor drei Wochen bekommen. Am selben Tag hatte ihm sein Großvater von seinem Hautkrebs erzählt.

Das Visum zu erhalten, hatte seine Nerven aufgerieben. Dreimal hatte er sich im Konsulat der Nord-Allianz eingefunden, um Interviews zu führen, die ihm wie Verhöre vorgekommen waren. Sein bisheriges Leben war komplett durchleuchtet worden. Die Analysten und deren Algorithmen hatten Leons Verhalten in der nahen Zukunft als nicht gefährlich für die Nord-Allianz eingestuft. Er durfte einreisen und sich drei Monate lang auf Jobsuche begeben.

Ihm blieb eine knappe Woche, um die Grenze zu passieren. Sollte er es in den nächsten Tagen nicht schaffen, in ein Land der NA einzureisen, würde das Visum verfallen. Falls er einreiste und in den drei Monaten keine Arbeit fand, würde er rechtzeitig ausreisen müssen. Sonst würde die Polizei nach ihm fahnden. Wenn sie ihn ohne gültiges Visum schnappte, würden die Polizisten ihn zur Fähre nach Dänemark begleiten. Die würde ihn nach Hamburg, zum Gebiet außerhalb der Nord-Allianz bringen.

Leon fiel auf, dass die Tankanzeige des Jeeps in der Mitte stand. Er hatte es sich angewöhnt, den Ethanolstand nicht unter die Hälfte fallen zu lassen. Bei der nächsten Tankstelle bog er ab und blieb hinter dem letzten Wagen in der Reihe stehen.

Er holte den Reisepass aus dem Handschuhfach, legte ihn auf den Beifahrersitz und warf einen nachdenklichen Blick drauf. Er wollte auf der Stelle losfahren, musste aber noch die letzten Vorbereitungen treffen.

Nach seiner ursprünglichen Planung wäre er schon vor drei Wochen losgefahren. Aber er hatte seinen Großvater nicht alleine lassen wollen.

Das Hupen des hinter ihm wartenden Autos schreckte ihn auf. Er ließ den Motor an und fuhr ein paar Meter vor.

»Guten Tag, willkommen bei Ihrer KRAPROL-Tankstelle. Sie stehen vor einer Ethanol-Zapfsäule, wie viel …«

»Volltanken«, unterbrach Leon die automatische Ansage.

»Haben Sie Mobilitätspunkte zum Einlösen?«, fragte die nette Frauenstimme.

»Nein«, sagte er.

»Ihr Fahrzeug wird mit Ethanol betankt. Um zu bezahlen, halten Sie bitte ihr Smart-Modul an die vorgesehene Stelle der Säule. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Sie mit Mobilitätspunkten von günstigeren Preisen profitieren. Nehmen Sie Passagiere von Mobilitätsstellen mit und lassen Sie sich Punkte auf ihr Smart-Modul laden. Vielen Dank. Ihr Fahrzeug ist vollgetankt. KRAPROL wünscht…«

Leon ließ den Wagen an und fuhr los.

2

»Wie lange noch, Wladi?«, fragte Karl und hielt sich das altertümliche Handy vom Ohr.

»Ich fahre Sie heute, Herr Müller«, ertönte eine unbekannte Stimme von vorne. »Ich heiße …«

»Ach, verdammt!«, unterbrach Karl den Fahrer. »Ich weiß, ich weiß.« Er starrte den Neuen einen Moment an, der seit ein paar Wochen in seiner Truppe war, erinnerte sich aber nicht an den Namen. »Wie lange brauchen wir noch?«

»Wir sind gerade erst losgefahren. Wir kommen morgen am frühen Abend an.«

Karl hielt sich genervt das Handy wieder ans Ohr. »Fahrt einfach weiter zur Villa. Egal wie lange es dauert. Ich komme morgen an.«

Er legte auf und holte tief Luft. »Gib Gas«, befahl er dem Fahrer und streckte sich auf dem bequemen Sitz im hinteren Bereich des Hummers aus.

Karl hatte sich seit Jahren nicht mehr dermaßen müde gefühlt. Gott sei Dank war der Italiener, der sich um den Bereich Süditalien kümmern würde, ein umgänglicher Typ. Er hatte sich mit einer geringeren Marge zufriedengegeben. Karl hatte sich mit ihm auf Anhieb gut verstanden und wäre bereit gewesen ihm mehr zuzugestehen, nur um für diese Gegend nicht mehr verantwortlich zu sein.

Er hatte genügend andere Projekte. Und er wollte mehr Zeit für sich haben.

Übermorgen würde er Eva vor den Altar führen. Die Vorstellung erquickte ihn. Obwohl er sich keine Illusionen machte. Es war ihm klar, dass sie sich nicht so darüber freute wie er, aber sie würde sich daran gewöhnen.

Karl wollte sich aus noch mehr Bereichen zurückziehen und sich an einem paradiesischen Ort mit Eva zur Ruhe setzen. Er würde allmählich dafür sorgen, dass das Geschäft ohne ihn funktionierte. Er beabsichtigte keinesfalls, Viggo vor den Kopf zu stoßen. Wie sich ihr Verhältnis zueinander in den letzten Jahren doch verändert hatte.

Karl seufzte und stellte sich einen idyllischen Ort im Wald vor. Wie damals, dachte er und lächelte, als ihm bewusst wurde, wie glücklich er gewesen war, obwohl er sich auf der Flucht befunden hatte.

Karl liebte die Morgensonne. Er hätte gerne sein Gesicht direkt in die warmen, wohltuenden Strahlen gehalten. Zu beobachten, wie sie durch das dichte Laub schienen, genügte ihm aber auch. Er konzentrierte sich stundenlang auf einen Ast oder einen kleinen Baum. Es erfüllte ihn mit meditativer Ruhe.

Die ersten drei Wochen waren schwer.

Nach dieser Zeit fand er aber Gefallen daran, auf sich allein gestellt zu sein. Zu wissen, dass kein Mensch ihm zur Hilfe kommen konnte, erschreckte ihn nicht. Es fühlte sich auf eine seltsame Art erleichternd an.

Am Anfang fand er es ekelerregend, sich einen Regenwurm in den Mund zu stecken. Aber die enthielten viel Eiweiß und waren eine hervorragende Nahrung in einer Überlebenssituation.

Karl hungerte tagelang. Nach einem starken Regen kamen die Würmer zahlreich aus der Erde. Karl steckte sich ein prächtiges Exemplar in den Mund. Der Wurm machte sich dünn und versuchte sich in die Lücken zwischen den Zähnen zu zwängen. Da ihm das nicht gelang, schlug er wild hin und her und drehte sein Körperende im Kreis um seine Mitte.

Karl biss zu. Der Wurm erstarrte augenblicklich. Karl zermalmte ihn zwischen seinen Backenzähnen. Er schmeckte nach schleimiger Erde. Bevor Karl das nächste Exemplar aß, drückte er die Erde aus ihm heraus. Wie Zahnpasta aus einer Tube.

Karl war auf der Flucht und gezwungen, sich verdeckt zu halten. Vor allem vor den autonomen Suchdrohnen der NA, die die Luftraumaufteilung ignorierten und auch in der Zone unter sechzig Metern flogen, die für den lokalen Luftverkehr reserviert war.

In der ersten Zeit machte es ihm viel aus, nicht nach oben zu schauen, damit die Kameras ihn nicht erfassten. Er hatte keine Brille zur Verschleierung des Gesichts. Er hatte überhaupt kein Gerät bei sich, geschweige denn eines, das auf irgendeine Art aufgespürt werden konnte. Den Tracking-Chip der NA hatte er sich aus dem Unterarm geschnitten.

Das Leben ohne elektrische Geräte war schwer. Gerade im Wald hätte er gerne wenigstens ein altertümliches Smartphone gehabt. Ohne war er nicht einmal in der Lage, die banalsten Sachen nachzuschauen.

Er ließ die Finger von Pilzen. Drei Tage mit Magenkrämpfen und Erbrechen würden ihn die nie wieder essen lassen. So groß die Versuchung auch war, fasste Karl die nicht an, weil er nicht bestimmen konnte, ob die essbar waren oder nicht. Gewöhnliches Gras war die einzige Beilage zu den Regenwürmern und schmeckte gar nicht so schlecht.

Als Karl eine intakte Plastikflasche fand, hängte er sie in genügendem Abstand über ein Feuer und brachte darin Wasser zum Kochen. Von da an ergänzten gekochte Brennnesseln seinen Speiseplan.

Bis auf sein Messer hatte er nichts bei sich. Der Edelstahl der zwölf Zentimeter langen Klinge zog sich in voller Länge durch den mit Gummi überzogenen Griff.

Erst im Wald stellte Karl fest, wie nützlich das Messer war. Er häutete damit die Tiere, die er in seinen aufgestellten Fallen fand, bei deren Herstellung das Messer Karl ebenfalls gute Dienste leistete. Er perfektionierte seine Fallen und stellte sie dort auf, wo er Tiere ausnahm. Das Blut und die Eingeweide lockten weitere Opfer an, die sich in den Schlingen verfingen oder von einem Holzklotz erschlagen wurden.

Ohne das Messer wäre Karl von dem Hauer eines Wildschweins aufgespießt worden. Er hätte nicht versuchen sollen, das Tier mit bloßen Händen zu fangen. In dem Kampf auf Leben und Tod gelang es ihm, die Klinge mehrmals in den Hals des Schweins zu rammen. Er hielt den Hauer mit der Linken fest und stach das Messer immer wieder in den Hals des Wildschweins mit seiner Rechten.

Die achtzig Kilo Fleisch ruhten auf Karl, und das warme Blut floss ihm ins Gesicht. Er fühlte sich so lebendig wie nie zuvor. Er trank das Blut und jagte seine Kiefer in das metallisch schmeckende Fleisch.

Nach einigen Monaten verbesserte sich sein Riechvermögen. Die Intensität der Gerüche im Wald variierte über die Jahreszeiten. Er staunte, wie die Erde im Winter mit den Düften geizte und sie im Boden behielt. Karl roch die Erde nur an Abenden, wenn sie die Wärme des Tages an die kalte Luft abgab. Im Sommer liebte er es, sich frühmorgens auf dem noch kühlen Boden auszustrecken und den Geruch der Erde aufzusaugen, den ihr das kondensierende Wasser verlieh.

Karl lebte zwei Jahre lang im Wald.

Eines Tages lag er ausgestreckt auf einer Wiese und witterte menschlichen Schweiß. Der Geruch ließ seinen Oberkörper aufschnellen. Er kauerte über dem Boden und saugte mehrmals hintereinander Luft durch die Nase, um festzustellen, aus welcher Richtung der Geruch kam. Seine Nase führte ihn zu seinem eigenen Erdloch.

Vor dem Eingang machte sich eine in zottelige Lumpen gehüllte Gestalt über die Fleischstreifen her, die Karl auf einem Gestell trocknen ließ, um Dörrfleisch für Notfälle zu haben.

Der Typ überragte den einen Meter neunzig großen Karl um eine ganze Kopflänge. Er fuhr herum und stürzte sich auf Karl, der nur jeden zweiten Hieb abwehren konnte.

Der Waldboden war weich.

Der Aufprall presste Karl die Luft aus der Lunge.

Riesige Pranken umschlossen seinen Hals. Der Druck in seinem Kopf nahm augenblicklich zu. Gleich würden seine Augäpfel aus dem Schädel schlüpfen. Nur noch wenige Sekunden, dann würde er einschlafen und nie wieder aufwachen.

Karl überkam eine Wut, die er bisher nicht kannte. Er hatte keine Angst zu sterben. Der Gedanke hatte sogar etwas Tröstliches.

Er wollte diesem Eindringling auf gar keinen Fall sein Erdloch und all die Vorräte überlassen. Das war sein Revier. Das dort vorne war seine Wiese.

Karl zog sein rechtes Knie ruckartig an und donnerte es in die Genitalien des Landstreichers. Der schrie auf und lockerte den Griff um Karls Hals. Karl drückte das narbige Gesicht von sich weg. Doch der Typ hatte längere Arme und legte seine Pranken wieder auf Karls Hals.

Karl hämmerte sein Knie in den Genitalbereich des Riesen, bis der sich vorneigte. Karl umarmte ihn und drückte seinen Oberkörper an sich, um ihm die bessere Kampfposition zu rauben.

Er roch seinen fauligen Atem und merkte, wie der Landstreicher sich entspannte, um kurz durchzuatmen. Er hielt den riesigen Körper mit dem linken Arm an sich gepresst und tastete mit der Rechten nach dem Messer.

Er zog es aus dem Holster und drückte die Klinge in den Unterbauch des Riesen. Die Überraschung und der Schreck in dem Blick des Landstreichers ergötzten ihn.

Nach einem Schreckmoment würgte er Karl unbeirrt weiter. Karl zog das Messer mit einem Ruck zur Seite aus dem Bauch seines Angreifers und jagte es ihm in den Hals.

Der ließ nicht locker. Sein Kampfeswille nötigte Karl Respekt ab. Der Typ kämpfte mit einem in seinem Hals steckenden Messer weiter. Seine Pranken ließen nicht ab von Karls Hals. Karl zog das Messer heraus und stach mehrmals zu. Eine Blutfontäne ergoss sich plätschernd auf ihn.

Niemand sollte sich in sein Revier wagen. In diesem Moment, als Karl zum ersten Mal einen Menschen tötete, kam ihm die Fähigkeit abhanden, Angst zu empfinden.

Karl öffnete die Augen.

Der neue Fahrer hatte den Hummer auf Autopilot geschaltet und saß entspannt hinter dem Lenkrad.

Karl dehnte seine Halsmuskeln und gähnte. Er atmete durch und holte sich die Erinnerung an den Erdgeruch der sommerlichen Wiese zurück. Bald würde er sich mit Eva an einen idyllischen Ort zurückziehen. Er schluckte und schloss die Augen.

3

Die zierliche junge Frau schob sich auf der mittleren Bank des Vans zurecht. Die Iris ihrer Augen, die eine hypnotische Wirkung auf ihre Mitmenschen entfaltete, schien grünlich-grau zu fluoreszieren.

Vor Jahren hatte sie für sich die Männer in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen starrten sie unverhohlen an. Die anderen gaben zuerst vor, als wäre ihnen die besondere Farbe ihrer Augen nicht aufgefallen. Meistens riskierten sie Momente später einen direkten Blick, wobei die intensive Farbmischung sie zu fesseln schien.

Unbewusst hatte Eva die Angewohnheit angenommen, ihre Augen gesenkt zu halten und ihre Umwelt diskret zu beobachten. Wenn sie unversehens aufschaute, hatte sie das Gefühl, als versetzte ihr Anblick die Menschen für Augenblicke in Trance.

Ihre hohen Wangenknochen harmonierten mit den gleichmäßigen, vollen Lippen. Verglichen mit der Stupsnase fielen ihre Nasenflügel ausladend aus, fügten sich aber in das Gesamtbild ihrer reizvollen Gesichtszüge ein. Schwarze, leicht gelockte Haare, die sie nur für kurze Zeit mit Haargummis bändigen konnte, umrahmten ihr Gesicht.

Sie hatte helle Haut, obwohl sie schnell Bräune annehmen würde, wenn man sie der Sonne aussetzte. Sie trug eine bequeme, weitgeschnittene Hose und ein weites Oberteil, unter dem sie ein hautenges T-Shirt anhatte.

Auf dem Beifahrersitz saß mit dem Oberkörper halb nach hinten gedreht ein dünner Äthiopier namens Eskindir.

Direkt neben Eva saß Wladimir, ein Bär von einem Mann mit einem Millimeterschnitt, den er jeden zweiten Tag erneuerte. Er hielt Eva an ihrem Oberarm fest. Seine Faust hatte annähernd die Größe von Evas Kopf. Und seine Arme die Dicke ihrer Taille.

Eva seufzte innerlich. Wenn er den Griff kurz lösen würde. Als wäre ihr Arm in einen Schraubstock gezwängt, war sie dazu gezwungen, neben dem Riesen zu sitzen, der trotz der klimatisierten Luft im Van schwitzte. Eva roch seinen Schweiß und kratzte sich mit der linken Hand an der Nase.

Die Autotüren ließen sich nur durch eine Taste am Steuerpult des Fahrers entriegeln. An eine Flucht war nicht ansatzweise zu denken. Würde sie dazu eine Gelegenheit bekommen? Und wenn überhaupt, was sollte sie dann tun? Sie wollte im Sitz tiefer sinken, doch der eiserne Griff an ihrem Arm ließ nicht locker.

»Noch etwa fünfzig Kilometer bis zum Ziel«, meldete sich der Fahrer zu Wort.

»Wunderbar«, sagte Eskindir und starrte zufrieden auf die Straße. »Lass dir Zeit. Wir haben keine Eile, weil wir rechtzeitig losgefahren sind. Hauptsache wir bringen sie zu Karls Villa.«

Eva betrachtete Eskindirs schmächtiges Profil. Die gewölbte Nase schien zu groß für sein zierliches Gesicht zu sein. Ein langer Hinterkopf, der von einem zu dünnen Hals abstand, ließ seinen Kopf oval wirken.

Er war nicht der typische Muskelprotz, mit denen Karl sich sonst umgab. Den anderen wohnte eine Rohheit inne, die Eskindir fehlte. Dafür hatte er eine eiserne Entschlossenheit und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.

Eva hatte ihn noch nie einen Mann schlagen sehen, aber oft, wie er in brenzligen Momenten subtil zu deeskalieren versuchte. Seine dunklen Augen mit den stets halb geschlossenen Augenlidern hatten einen kühlen, abweisenden Blick. Der konnte einem einen Schauer über den Rücken laufen lassen, der schrecklicher war als der stärkste Hieb eines Muskelprotzes.

Dennoch wurde Eva das Gefühl nicht los, dass er den Unnahbaren nur spielte. Tief in seinem Inneren war er ein gefühlvoller, verletzlicher Mensch. Davon war Eva überzeugt.

»Es wird eine fette Party«, sagte Wladimir und musterte Eva eingehend. »Kann’s kaum erwarten. Alles nur dank dir. Hätte nicht gedacht, dass du so lange bei uns durchhältst.«

Der Äthiopier und der Fahrer schwiegen.

»Wie lange lebt sie bei Karl?«, wollte Wladimir von Eskindir wissen, der auf die Autos vor ihnen starrte.

»Hey, ich habe dich was gefragt«, grunzte Wladimir.

»Seit fünf Jahren«, sagte Eskindir, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

»Wie die Zeit verfliegt. Hast dem Chef nach allen Regeln der Kunst den Kopf verdreht. Wie hast du das angestellt? Du besorgst es ihm ordentlich, oder?« Wladimir redete auf Eva ein. »Ich erinnere mich noch an den Tag, als er dich in diesem dreckigen Flüchtlingscamp aufgegabelt hat. Da warst du ein scheues Mädchen. Und schau dich jetzt an: Hast dich prächtig entwickelt. Wie alt warst du?«

Eva schwieg und sah teilnahmslos aus dem Fenster.

Eskindir seufzte, atmete deutlich hörbar aus und schaute zwischen den beiden Vordersitzen zur Rückbank. »Lass sie in Ruhe, Wladi. Mit dreizehn Jahren hat er sie zu sich geholt, falls es dich so interessiert.«

Er drehte sich wieder nach vorne um und sprach weiter: »Rede nicht so über Karl. Er hat auch positive Seiten. Mich hat er aus einem ähnlichen Camp in Italien mitgenommen. Dafür bin ich ihm dankbar. Ohne ihn hätte ich mich nicht an den Häschern meines Vaters rächen können.«

Wladimir verdrehte die Augen und ließ den Blick entspannt durch das Seitenfenster schweifen.

Eva schwieg. Der Griff des Riesen drückte ihr das Blut im Arm ab. Sie starrte auf Eskindirs dürren Hals, auf dem die dunkle Haut violett schimmerte. Im Gegensatz zu ihm hielt sich ihre Dankbarkeit Karl gegenüber in Grenzen. Sie wäre lieber bei ihren Eltern geblieben, hätte das Elend des Flüchtlingscamps dem goldenen Käfig vorgezogen, in den Karl sie sperrte.

Ihre Gedanken kamen auf ihren Vater und auf das, was er getan hatte. Wozu wäre er noch fähig gewesen? Und wenn sie ihm nicht gehorcht hätte?

Sie war sich nicht sicher, ob Karl ihre Eltern hätte totschlagen lassen. Das würde aber zu ihm passen. Er hätte nicht nur sie selbst, sondern ebenfalls ihre Schwestern mitgenommen. Eine Wahl hatte sie nicht gehabt, außer mit dem berüchtigten Warlord mitzugehen und rasch erwachsen zu werden. In ihrem kurzen, ereignisreichen Leben hatte sie keinen seltsameren Menschen getroffen.

Vor fünf Jahren hatte Karl mit seiner Truppe das Camp überfallen und an die dreißig Personen entführt. Es waren hauptsächlich gezielte Aufträge, die er nicht hinterfragte, wie Eva später klargeworden war. Er hatte nach Menschen mit speziellen körperlichen Merkmalen gesucht. Großgewachsen, stämmig, blaue Augen, rote Haare, ohne Erbkrankheiten. Ein Arzt hatte Schnelltests vor Ort durchgeführt. Aber Karl hatte auch scheinbar willkürlich die eine oder andere junge Frau mitgenommen oder einen kräftigen Burschen, der ihm aufgefallen war.

Trotz allem beschützte Karl sie und sorgte für ihr Wohlergehen. Jeder Einzelne aus seiner Truppe hütete sich davor, sie mehrdeutig anzuschauen. Es war ihr klar, dass in der männlichen Vorstellungswelt eine Frau nur für eine Sache da war. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass Karl auch nur einem Einzigen aus seiner etwa vierzig Mann starken Truppe, erzählt hatte, dass er Eva bisher nicht angerührt hatte. Aber das lag eher allgemein daran, dass er sich seiner Gefolgschaft an Schlägern gegenüber wortkarg und distanziert gab.

Die drei, mit denen sie im Van saß, mussten die Zeremonie, zu der sie Eva chauffierten, als Karls Hirngespinst ansehen, aus dem sie nicht schlau wurden. Sie hatten sich daran gewöhnt, an Aktionen teilzunehmen, ohne Fragen zu stellen.

Jeder aus Karls Truppe war aber im Bilde darüber, dass die Villa, zu der Eva gebracht wurde, nicht Karl gehörte. Ein wohlhabender Bekannter, der früher mit ihm in der Nord-Allianz gearbeitet hatte, erlaubte ihm, das Anwesen zu nutzen.

Eva hatte keine genaue Vorstellung davon, welcher Tätigkeit genau Karl in der NA nachgegangen war. Niemand sprach offen darüber. Aber es hieß, dass Karl sich von einer Sekunde auf die andere hatte entscheiden müssen, entweder zu fliehen oder gefangen genommen zu werden und im besten Fall auf irgendeiner Strafgefangeneninsel der NA vor sich hinzuvegetieren.

Eva traute jedem von Karls Männern zu, dass die nach einer Weile Umgang mit ihm vermuteten, er habe beim Militär oder einem Geheimdienst gedient. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die es wagten, ihm persönliche Fragen zu stellen. Selbst diejenigen nicht, die ihm nahe standen wie Eskindir, Wladimir oder Magnus, der sie in der Villa erwartete. Die Aufgabe des Russen und des Äthiopiers lautete, sie zu der Villa zu bringen.

Wladimir lockerte seinen Griff. Das Blut zirkulierte wieder, Wärme und Kribbeln breiteten sich in ihrem Arm aus. Sie schob sich auf dem Sitz zurecht, dehnte die Schultern und sah aus dem Fenster auf die Reihe verdörrter Bäume, die sich entlang des Straßenrands zogen.

Karl hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie nach ihrem achtzehnten Geburtstag zu heiraten. Ein Priester war für den morgigen Tag zu dem Anwesen bestellt.

Alles in Eva sträubte sich gegen das, was auf sie zukommen würde. Sie stand Karl auf eine seltsame Weise nahe. Wenn der sich etwas vorgenommen hatte, ließ er sich nicht mehr umstimmen. Nur sie kannte sein gespaltenes Wesen. Sie kontrollierte den Karl, der über beide Ohren in sie vernarrt war, dass es ans Pathologische grenzte.

Würde sie auch den anderen Karl zu besänftigen wissen, den sie bisher nur wahrgenommen hatte, wenn er jemanden zu Tode prügelte oder einen seiner zahlreichen Ausraster hatte?

Nach einem Wutausbruch von Karl herrschte einige Tage Stille in der Truppe. Todesangst stand den Männern in ihre Gesichter geschrieben. Würde sie bald auch um ihr Leben bangen müssen? Sie starrte auf den verriegelten Türgriff und ließ den Blick zum bulligen Nacken des Fahrers gleiten. Verstohlen schielte sie rüber zu Eskindirs Profil, das sich vor dem Fenster der Beifahrertür deutlich abzeichnete. Aus den Augenwinkeln sah sie den massigen Oberarm von Wladimir. Sie holte Luft und sank auf der Rückbank des Vans noch tiefer in sich zusammen.

4

Eskindirs Versuch, sich zu beruhigen, scheiterte kläglich. »Wo kommen denn all die Autos her? Mist!«, schrie er. »Dort vorne geht es nicht weiter. In diese Richtung ist kein Durchkommen mehr. Die fahren sogar auf dem Streifen für den Gegenverkehr.« Er gestikulierte wild und kam mit den Fingern gegen die Windschutzscheibe.

Würden sie die Villa pünktlich erreichen? Er hasste es, wenn etwas nicht wie geplant lief. »Fahr mal rechts ran. Auf den Parkplatz hier«, fuhr er den Fahrer an und starrte den bulligen Typ an, der das Auto gemächlich auf den Stellplatz neben der Fahrbahn lenkte.

Eskindir stürmte hinaus und knallte die Beifahrertür zu. Er stemmte die Hände in die Hüften und beobachtete die Fahrzeuge, die langsam in die andere Richtung an ihnen vorbeifuhren. Sein Blick wanderte wieder zum Van.

Wladimir und der Fahrer sahen ihn ratlos an. Eva setzte sich aufrecht hin und schien aufmerksam jeden Vorgang zu registrieren.

Der Griff entglitt Eskindirs Hand, als er die Beifahrertür öffnen wollte. Er verdrehte die Augen. Die automatische Verriegelung hatte die Tür abgeschlossen. Er schlug mit den Fingerkuppen gegen die Scheibe und starrte den Fahrer an, bis der schließlich die Tür entriegelte.

Eskindir schlüpfte flink auf den Beifahrersitz. Kaum hatte er die Tür geschlossen, hörte er, wie das Schloss einrastete. »Das sieht nach einer größeren Sache aus. Die verlassen alle die Stadt.« Er schaltete das Radio ein und wechselte in die Nachrichtenrubrik.

… Meldung über einen möglichen Wasserspiegelanstieg des Bodensees vor einigen Stunden löste eine massive Flucht der Bevölkerung der Städte rund um den Bodensee aus. An den Grenzübergängen muss mit langen Wartezeiten gerechnet werden. Die Straßen sind überlastet …

Eskindir fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht und schaltete das Radio aus. »So nützt uns der Zeitvorsprung nichts.«

Er stieg aus, schlug die Beifahrertür zu und schritt hektisch auf dem Parkplatz auf und ab. Schließlich sagte er Karls Namen ins Smart-Modul. Er musste ihm über die Verspätung Bericht erstatten. Am Ende des Telefonats blieb er stehen und merkte, dass er sich vom Van ordentlich entfernt hatte.

Er schritt wieder zurück zu dem Wagen und bemerkte, wie der Fahrer einen Button am Steuerpult drückte, um die Tür zu entriegeln.

Eskindir lächelte spöttisch und schwang sich auf den Beifahrersitz. »Wir sollen zur Villa weiterfahren. Egal, wie lange es dauert. Er wird dort sowieso erst morgen eintreffen.«

In der Spiegelung der Frontscheibe sah er, wie Wladimir auf der Rückbank kaum merklich nach unten rutschte. Der Hüne beobachtete in der bequemen Position mit gleichgültigen, schläfrigen Augen die vorbeifahrenden Autos durchs Seitenfenster.

Eskindir kickte im Sitzen gegen die Abdeckung des Handschuhfachs. »Jetzt hängen wir hier fest.«

Er sah zum bulligen Fahrer mit dem Stiernacken, der mit einem leeren Blick tiefenentspannt vor sich hinstarrte. Hatte der gar nichts in der Birne? Zumindest erweckte er den Eindruck bei Eskindir. Er schüttelte den Kopf. Wo nahm Karl bloß diese Typen her? Den hier hatte er erst ein paar Mal flüchtig gesehen.

»Also ist Karl schnell fertig geworden«, erwachte Wladimir aus seiner Trägheit. Da keiner etwas sagte, fuhr er fort: »Zuerst hat er gemeint, dass er übermorgen in der Villa ankommt.«

Eskindir nickte. »Hat er zu mir auch gesagt. Dann hat er sich mit dem neuen Area Manager da unten rasch einigen können.«

»Was ist denn los?«, brummte Wladimir.

Eskindir drehte den Oberkörper halb nach hinten und blickte zwischen den beiden vorderen Sitzen zur Rückbank.

Eva hatte ihre Sitzposition verändert und versuchte, ihre Beine zu strecken. Wladimir sah sie einen Moment grimmig an und verzog spöttisch seinen Mund. »Bald kommen wir an, dann kannst dich ausstrecken.« Er lachte aus vollem Hals. »Tu nicht so. Sitzt da und guckst wie eine Tote.«

»Lass sie in Ruhe.« Eskindir drehte sich wieder nach vorne um. Auf der Straße kroch der Verkehr im Schneckentempo. Die Autos hielten an, um nach einer kurzen Weile loszufahren und nach ein paar Metern erneut anzuhalten.

Eskindir wollte gerade den Fahrer auffordern, loszufahren. In dem Moment erregte ein Anzugträger seine Aufmerksamkeit. Der stapfte von einem Fahrzeug zum nächsten und sprach die Menschen an. Die hörten sich ihn an und winkten gleich darauf energisch ab.

Eskindir setzte erneut zu seiner Aufforderung an, sagte aber nichts, denn der Anzugträger sah in die Richtung des Vans. Ihre Blicke trafen sich.

5

Leon lenkte den Jeep langsam in die Hofeinfahrt und parkte ihn vor der Garage.

Die Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel.

Er zog sich das durchgeschwitzte T-Shirt über den Kopf und schlüpfte aus der Trainingshose. Die Sachen hängte er auf den hüfthohen Zaun, den sein Großvater jüngst vor dem Hauseingang gezimmert hatte. Beim Betreten des Hauses schmiss er die Tasche vor die Haustür.

Sollte er auf der Stelle dem alten Mann von seinem Vorhaben erzählen?

Leon stapfte zuerst in sein Zimmer im Obergeschoss und stellte sich unter die Dusche. Die war auf seine Duschgewohnheiten programmiert: zuerst lauwarm, dann heiß und zum Schluss stufenweise kälter werdend. Heute hielt er nicht bis zur letzten Stufe durch, schaltete die Automatik aus und gönnte sich noch einige Minuten unter dem warmen Wasser. Nach dem Duschen erfasste ihn eine wohltuende Müdigkeit, und er ließ sich aufs Bett fallen.

Leon erwachte vom eigenen Schrei. Er setzte sich an den Rand der Matratze und massierte mit einer Hand den Nacken. Im unteren Stockwerk hörte er seinen Großvater rufen: »Geht's dir gut?«

Er stand auf, trat ans Fenster und hielt sich mit beiden Händen am Fensterbrett fest. Der Jeep parkte immer noch vor der Garage, wo er ihn nach dem Training abgestellt hatte. Die Tasche lag vor dem Hauseingang. Die Trainingskleidung hing auf dem Zaun.

Er schlich zum Waschbecken und betrachtete im Spiegel den Bluterguss am linken Augenlid. Solche Verletzungen kamen regelmäßig vor. Nach einigen Tagen würde die Verfärbung verschwinden.

Er fuhr sich mit der Hand über den Schädel und das Kinn und war erleichtert, das Rasieren vor dem Training erledigt zu haben. Das kurze Haar, das er sich mindestens einmal in der Woche mit einem Haarschneider ohne Aufsatz rasierte, schimmerte dunkel auf dem Kopf und im Gesicht.

Ein Blick auf die Uhr neben dem Bett verriet ihm, dass er knapp eine Stunde geschlafen hatte. Der kleine Zeiger stand auf der Eins. Er rollte sich auf den Rücken und blieb eine Weile liegen.

»Alles klar?«, hörte er seinen Großvater von unten rufen.

Leon zog sich ein straff geschnittenes schwarzes T-Shirt über und schlüpfte in eine Jeans, die etwas zu groß ausfiel. Die Hosenbeine würden wellig über den bequemen Joggingschuhen liegen, mit denen er nie joggen ging. Er vertraute seinem Sifu, der sagte, durch das Wing Chun-Training bekomme er genügend Ausdauer.

Er eilte die Treppe hinunter.

Sein Großvater hielt ein Küchenhandtuch in der Hand und schaute vom Flur aus nach oben. »Komm, setzen wir uns in die Küche.«

Leon nickte. Wieso hatte der Alte in den fünfundsechzig Jahren, die er mittlerweile in Deutschland lebte, es nicht geschafft, den russischen Akzent abzulegen? Wenn er deutsch sprach, hatte er immer diesen Akzent.

»Trinkst du mit mir einen Chai?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fing sein Großvater an, den Tee vorzubereiten.

Leon setzte sich an den Tisch. »Geht's dir gut?«, fragte er.

Sein Großvater nickte, goss das kochende Wasser über die getrockneten Blätter des Tees und wickelte das Kännchen in ein dickes Handtuch.

Er hielt einen Moment inne und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Meine Medikamente sind gestern eingetroffen. Es sind digitale Pillen, die meinem Arzt melden, wann sie im Magen verdaut wurden.«

Er eilte zum Küchenschrank, nahm eine Tablette aus einer Dose heraus und schluckte die. Entspannt kam er an den Tisch zurück und setzte sich.

Leon blickte skeptisch drein und zog die Augenbrauen hoch. »Die Pillen melden deinem Arzt, wann sie verdaut wurden?«

Sein Großvater nickte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. »Sie melden ihm auch, ob der Wirkstoff richtig anschlägt und die Dosierung ausreicht. Ich freue mich, dass sie endlich gekommen sind. Die DNA-Merkmale des Tumors und meines Immunsystems wurden schon vor zwei Wochen bestimmt. Der Behandlungsplan wurde direkt danach mit meinem Immunsystem abgestimmt. Die individualisierte Medikamentenproduktion hat fast zwei Wochen gedauert.«

»Okay«, sagte Leon und zog die Augenbrauen hoch. »Also nimmst du sie seit gestern?«

Sein Großvater nickte. »Nein, ich fühle noch nichts«, sagte er. »Ich fühlte mich davor auch nicht krank. Aber ohne diese Pillen würde es mir bald deutlich schlechter gehen, versicherte mir mein Arzt.«

Leon war es unangenehm, dass er seinen Großvater noch gar nicht nach Details seiner Krebserkrankung ausgefragt hatte. Immerhin hatte er so viel Feingefühl besessen, ihm nicht nach der Krebsdiagnose auch gleich von seinem Visum und seinem Vorhaben zu erzählen. Aber er konnte nicht mehr lange warten. »Wie bist du überhaupt drauf gekommen?«, fragte Leon.

»Habe eine Nachricht vom Arzt bekommen. Die Assistentin in meiner Smart-Watch hatte an meinen phonetischen Biomarkern erkannt, dass mein Herz sich nicht ganz gesund anhört. Der Verdacht des Arztes wurde schließlich von der Software bestätigt. Die Herz-Unregelmäßigkeiten waren ein Sympton einer Krebsvariante, die von unserer Familien-DNA begünstigt wird.« Leons Großvater zog die Augenbrauen hoch und zeigte mit dem Finger auf Leon. »Apropos: Ich empfehle dir, eine Liquid-Biopsie zu machen.«

Leon schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern.

»Aus einer Blutprobe werden rund tausend Gigabyte Daten gesammelt«, erklärte sein Großvater. »Algos suchen dann nach bestimmten Mustern darin. Anscheinend sehen die dort schon Spuren einer Erkrankung, während man sich noch kerngesund fühlt.«

»Ich überlege es mir«, sagte Leon.

»Mach es«, riet ihm sein Großvater.

Leon nickte. »Fehlt sie dir?«, fragte er unvermittelt.

Sein Großvater nahm neben Leon Platz. »Ja, sie fehlt mir. Ich denke oft an sie.«

Leon betrachtete sein Gesicht und fragte sich, was der Greis alles erlebt hatte. »Ich hatte wieder diesen Traum«, sagte er.

Der Alte faltete langsam das Handtuch von der Kanne, schenkte zwei Tassen Tee ein und fügte Milch hinzu.

»Sie kommt auf mich zu, umarmt mich und sticht mir ein Messer in den Rücken«, fuhr Leon fort. »Im Traum bleibt mir der Schrei im Hals stecken. Ich bringe keinen Ton heraus. In Wirklichkeit schreie ich und wache auf.«

Leon sah die Ratlosigkeit seinem Großvater ins Gesicht geschrieben.

»Ich hab’s gehört«, sagte der und sah seinen einzigen Enkel lange an. Dann nahm er einen Schluck von dem kräftigen Schwarztee und nickte gedankenversunken.

Verdammt. Leon hatte sich vorgenommen, ihn nicht mehr mit dem Alptraum zu belasten.

»Für wen hast du dich wieder eingesetzt?«, fragte sein Großvater und deutete auf Leons Schwellung am Auge.

Leon ließ den Kopf über der Tasse hängen. Die Wärme des Tees entspannte sein Gesicht. Er schloss die Augen.

»Ist im Training passiert«, murmelte er, hob den Blick und sah seinen Großvater die Augenbrauen hochziehen.

»Ich dachte, uns stehen wieder Gerichtstermine bevor«, sagte sein Großvater und räusperte sich.

Leon verdrehte die Augen. »Ich habe doch gesagt, ich mische mich nicht mehr ein.«

Er erinnerte sich an den Vorfall, der sich vor zwei Jahren ereignet hatte. Er hatte sich vor einer Diskothek eingemischt, als ein schmächtiger junger Mann von mehreren Typen angegriffen worden war.

Obwohl Leon selbst nicht unverletzt geblieben war, freute es ihn nach wie vor, dass er die ordentlich verprügelt hatte. Wie sich herausgestellt hatte, war es eine Auseinandersetzung unter Drogendealern gewesen. Leon hatte ihnen sogar noch Schmerzensgeld zahlen müssen, was ihn bis heute nervte.

Der prüfende Blick seines Großvaters reizte ihn.

»Es ist zwar löblich, dass du dich für andere einsetzt, aber du weißt ja: Derjenige, der sich einmischt, ist immer der Dumme.«

»Ich würde ihr gerne zeigen, wie weit ich mit dem Wing Chun bin«, sagte Leon. »Mit ihr etwas unternehmen. Solche banalen Sachen, weißt du?«

»Sie hatte sicher einen Grund«, murmelte sein Großvater.

Leon starrte auf den Tee und war froh, dass der Alte das andere Thema fallen ließ. »Ja, das sagst du jedes Mal. Ich habe seit fünfzehn Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen, das letzte Mal gesehen habe ich sie vor fast zwanzig Jahren, kurz nach meinem zehnten Geburtstag. Weißt du noch wie sie uns besuchte, nachdem sie die Uni gewechselt hatte? Ich erinnere mich kaum an ihr Gesicht. Sie sagte ständig, ich solle kämpferisch sein und keine Schwäche zeigen. Das werde ich nie vergessen.«

Er goss viel Milch in den Tee und trank ihn in einem Zug aus. Schleppend erhob er sich, spülte die Tasse oberflächlich mit Wasser aus und stellte sie in den Schrank.

»Deine Mutter wäre stolz auf dich«, murmelte sein Großvater und umklammerte seine Tasse mit beiden Händen. »Ich bin stolz auf dich.«

Leon hatte Mitleid mit seinem Großvater. Ihm kam der Gedanke, dass kein Mensch auf der Welt ihm näher stand. Dieser Methusalem hatte ihn nach dem letzten Besuch von seiner Tochter vor zwanzig Jahren zu der Wing Chun-Schule gefahren.

Leon erinnerte sich an die Ehrfurcht, die er im Alter von zehn Jahren vor den gestandenen Kämpfern in ihren schwarzen Trainingsanzügen hatte. Er sah den Großvater solange auf den Sifu einreden, bis der sich bereit erklärt hatte, den Jungen trotz seines Alters in den Unterricht aufzunehmen.

»Ich muss sie finden, sonst habe ich nie Ruhe«, sagte Leon, blieb am Waschbecken in der Küche stehen und beobachtete seinen Großvater, der keine Reaktion zeigte.

6

Leon ging wieder zum Tisch, nahm seinem Großvater die leere Tasse ab, spülte sie und stellte sie in den Schrank zu den anderen. Wie würde er auf Leons Vorhaben reagieren? Würde er es gutheißen?

»Wenn ich nur mehr Infos hätte«, sagte Leon und setzte sich wieder an den Tisch. »Ohne die Zensur der Inter-Cloud durch die NA könnte ich sicher etwas Brauchbares herausfinden. Diese verdammte Nord-Allianz.«

Der Alte schwieg eine Weile. »Uns geht es ausgezeichnet«, sagte er schließlich. »Es leben zehn Milliarden Menschen auf der Erde. Ich erinnere mich, dass die Nachrichten über Probleme und die größten Herausforderungen der Menschheit durch die Überbevölkerung berichteten. Da war ich so alt wie du jetzt. Und die Weltbevölkerung betrug nicht einmal sieben Milliarden. Allein in den Städten leben heute so viele Menschen wie damals auf der Welt. Sieben von zehn Chinesen leben in einer Riesenstadt. Weißt du, wie viele Großstädter es in China gibt?«

Leon zuckte mit den Schultern und sah seinen Großvater den Zeigefinger heben.

»Zweimal so viele wie die gesamte Bevölkerung Europas«, sagte der Greis. »Europa, Süd- und Nordamerika zusammen haben genauso viele Einwohner wie die größte Wirtschaftsmacht China.«

Leon nickte geistesabwesend.

»Oder wie Indien«, fuhr der Alte fort. »Und in Afrika leben noch mehr Menschen. Auf der Erde gibt es heute zehn Milliarden…«

»Ich weiß«, unterbrach Leon ihn. »Du hast mir das alles erzählt.«

»Was weißt du schon. Du warst fünf Jahre alt und hast hier gespielt, als die NA gegründet wurde.«

Der Alte schwieg und starrte auf die Tischplatte. »Die Erderwärmung führte zur Entstehung von neuem Klima auf einem Drittel der Landoberfläche der Erde«, sagte er schließlich. »Die Wälder im Norden, die Taiga, die von Sibirien bis Kanada reicht, sehen aus wie eine Savanne. Sie haben sich in offene Pflanzengesellschaften verwandelt.«

Er sollte weniger lesen. Leon holte tief Luft, legte den Kopf auf die Handfläche und hörte ihm dennoch aufmerksam zu.

»Weil das Meereis zurückgegangen ist, jagen die Menschen, die an der Polarmeerküste leben, keine Meeressäuger mehr, was sie seit eh und je getan haben. Weißt du, was sie stattdessen machen?«

Die dichten Augenbrauen wirkten beruhigend auf Leon. Das Aftershave roch, als wäre es aus dem letzten Jahrhundert. Leon liebte diesen Geruch, er war wohlig vertraut und heimisch. Leon liebte seinen Großvater.

»Sie betreiben ertragreichen Ackerbau«, fuhr der Alte fort. »Denn die Fruchtbarkeit des aufgetauten Permafrostbodens erlaubt es ihnen. In nur einer Generation hat sich viel verändert. Du magst die Nord-Allianz nicht, sagst du? Du weißt nicht, wovon du redest. Sie hat positive Auswirkungen auf Deutschland.«

»Wir sind trotzdem nicht drin«, erwiderte Leon.

»Die Nord-Allianz hat eine Pufferzone um sich herum errichtet. Die Anrainerstaaten, aus denen diese Zone besteht, profitieren davon. Denn die NA kümmert sich um den Zaun, der sie umgibt«, sagte sein Großvater und sah ihn prüfend an. »Kannst du überhaupt ihre Mitgliedsstaaten aufzählen?«

»USA, Kanada, Russland …«, stammelte Leon.

Der Greis ließ ihn einen Augenblick nachdenken und zählte weiter auf: »Norwegen, Schweden, Finnland«. Er wartete.

Leon rieb sich einen Moment das Kinn und schüttelte den Kopf.

»Island, Grönland und Dänemark«, fügte der Alte hinzu. »Die nördlichen Breitengrade haben von der Erderwärmung am meisten profitiert und sich zusammengeschlossen. Es ist ein Segen für Deutschland, dass es an Dänemark grenzt. Dadurch …«

Leon betrachtete das Gesicht des Großvaters und hörte ihm nicht mehr zu. Wie sollte er ihm schonend beibringen, was er vorhatte? »Ich muss dir was mitteilen.«

»Was?«, unterbrach der Alte seinen Bericht.

»Ich habe vor einiger Zeit ein Arbeitsvisum für die NA beantragt, bin bei den Interviews gewesen und habe es endlich erhalten.« Leon suchte vergeblich nach einer Reaktion im Gesicht des Alten. »Ich fahre hin und suche dort Arbeit«, fuhr er fort.

Der skeptische Blick des Großvaters ließ ihn zweifeln. Er wollte nicht ohne seinen Segen losfahren. »Ich werde sie finden«, redete Leon vor sich hin. »Wieso hatte sie sich entschieden, die Uni zu wechseln? Warum hat sie den Kontakt abgebrochen? Ich muss es wissen.«

Der Greis sah ihn eine Weile mit einem verständnisvollen Blick an und schluckte.

»Ich komme hier an keine Infos, verstehst du?«, sagte Leon. »Ich zieh das jetzt durch. Wenn ich es nicht anpacke, wird es mich nicht loslassen. Vielleicht finde ich nichts heraus, aber ich muss es versuchen.«

Leon sah ihn kurz den Atem anhalten und die Lippen schürzen, als wollte er etwas sagen. Doch er atmete aus und schwieg. Sein Großvater hielt Leons Idee sicher für ein Hirngespinst und sein Vorhaben für aussichtslos. Bestimmt würde er sie ihm am liebsten ausreden.

»Wie planst du, hinzukommen?«, flüsterte der Greis mit zittriger Stimme.

Leon schluckte. »Mit dem Jeep.«

»Buch dir doch einen Flug«, sagte der Alte. »Dann bist ja wesentlich schneller dort.«

Leon schüttelte den Kopf. »Ich will mit dem Jeep fahren. Habe keine Lust darauf, von Flugplänen abhängig