Leseparadiese - Rainer Moritz - E-Book

Leseparadiese E-Book

Rainer Moritz

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9,99 €

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

In diesem ausgesprochen feinen Buch erzählt Rainer Moritz von Buchhandlungen "mit dem gewissen Etwas", die nicht durch diffuse Breite, sondern durch leuchtende Tiefe, erklärte Präferenz, sichtbare Empfehlung überzeugen. Buchhandlungen, die Persönlichkeit zeigen, einen unverwechselbaren Charakter: Sie verkaufen Bücher, die irgendwem am Herzen liegen, sie handeln mit Geschichten, mit Empörungen, mit Träumen, mit Sehnsüchten. In ihnen wird die beseelte, sorgfältige Art und Weise, wie ein Sortiment zusammengestellt wird, sicht- und spürbar, jede Saison aufs neue mit Leben erfüllt – durch erfahr- und erlebbare Sinnlichkeit. Durch Lust und Leidenschaft, durch temperamentvolle Hingabe. Anhand von Erfahrungen, die er mit besonderen Buchhandlungen gemacht hat, erzählt Rainer Moritz von seiner persönlichen Lese- und Büchersozialisation. Von der Originalität "seiner Buchhandlungen", ihrer Unbeirrbarkeit und Unabhängigkeit und ihrer mit Eigensinn betriebenen Bücherlust.

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© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe: Sanssouci in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien Covergestaltung: Guter Punkt München unter Verwendung eines Bildes von Kniel Synnatschke Konvertierung: CPI books GmbH, Leckwww.thiele-verlag.com

Inhalt

Cover & Impressum

1  Als es mit dem Lesen anfing oder: magische Orte der Kindheit

2  Die Buchhändlerin, der Buchhändler – die ungewöhnlichen Wesen

3  Wie sieht die ideale Buchhandlung aus?

4  Eine Reise von Porto nach Maastricht über Wien bis Brüssel

5  Platz ist in der kleinsten Hütte

6  Die Unverwüstlichkeit der (Wasserglas-)Lesungen

7  Macht Lesen glücklich?

8  Die Buchhandlung – ein »geistiger Raum«?

Literaturhinweise

Anmerkung

Guide

1

ALS ES MIT DEM LESEN ANFING ODER: MAGISCHE ORTE DER KINDHEIT

Da ist ein Dunkel. Da will und will sich keine Gewissheit einstellen, so sehr ich meine Erinnerungen befrage. Was waren meine allerersten Bücher? Welche hat mir meine Mutter vorgelesen? Wann begann ich selbst, nach Werken Ausschau zu halten, die meine Neugier stillen und mich dorthin entführen sollten, wo ich nicht war? Manche Cover und Illustrationen sind es, die plötzlich auftauchen, wenn ich mein Büchergedächtnis reaktiviere. Das Deutsche Märchenbuch Ludwig Bechsteins zum Beispiel mit den düsteren Zeichnungen Ludwig Richters, die Beklommenheit, ja Angst hervorriefen, zumal Bechsteins Sammlung nicht nur ermutigende Texte wie Vom tapfern Schneiderlein und Hans im Glück enthielt, sondern auch Unheilvolles wie Der Gevatter Tod und Der Richter und der Teufel. Und Hänsel und Gretel natürlich, diese – je häufiger man sie liest – immer grauenvoller klingende Geschichte, in der Kinder gemästet und alte Frauen in einen glutheißen Ofen gestoßen werden. Dass das Märchen ein gutes Ende nimmt und die ausgesetzten Kinder von ihren Eltern zu guter Letzt wieder in die Arme geschlossen werden, zählte da nicht allzu viel.

Die Vorstellung, in einem Ofen jämmerlich zu verbrennen, beschäftigte mich nächtelang, und es leuchtet mir bis heute nicht ein, dass solche martialische Pädagogik, solche Abschreckungsprosa für einen Sechs- oder Siebenjährigen wirklich bekömmlich sein soll. Immerhin: Bechsteins Märchenbuch nehme ich bis heute ehrfürchtig in die Hand, und Richters Holzschnitte flößen mir zwar keine Angst mehr ein, wecken aber immer noch wenig Sympathien. Würde mir die Ausgabe auf einem E-Reader präsentiert werden, so wäre der Eindruck ein anderer, ein neutraler vermutlich. Denn Leseerinnerungen sind gebunden an ein konkretes Buch, an die sinnliche Wahrnehmung, in den Seiten geblättert, einige der Zeichnungen bewusst überschlagen und so – wie bei Hans im Glück – den alten Kinderglauben, dass das Glück nicht von materiellem Besitz abhängig sei, noch einmal unterfüttert zu haben.

Ein gutes Dutzend solcher Urbücher, von denen jedes einzelne einen festen Platz in meinen Kinderjahren einnahm, könnte ich mühelos aufzählen. Am prosaischsten wäre darunter wohl die Fibel, mit der ich an der Gerhart-Hauptmann-Grundschule in Heilbronn bei Oberlehrer Läpple, einem freundlichen älteren Mann im weißen Kittel, lesen und schreiben lernte. In Urbüchern stehen Urwörter, und die hießen für mich »Hans«, »Lotte«, »Rolf« (= brauner Hund), »Wurst« und »Weck«, was heute allein unter ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten inakzeptabel wäre. Fünf Wörter – in Schreibschrift –, aus denen sich leicht eine Geschichte voller Konflikte spinnen ließe. Was, wenn Hans und Rolf beide Ansprüche auf die Wurst erheben würden? Und wie würde sich Lotte in diesem Fall verhalten? Still in der Ecke sitzen und das Brötchen, den Wecken, zerkrümeln? Oberlehrer Läpple wollte von solchen kreativen Fortführungen des Fibel-Inventars leider nichts wissen, und so bliebe diese Geschichte ungeschrieben.

Oder ein Karl-May-Fotoband, den mir meine oberpfälzische Tante Maria, Marerl genannt, schenkte. Große Fotos zeigten die Hauptdarsteller der Verfilmungen, Pierre Brice und Lex Barker, aber auch wichtige Nebenakteure wie Chris Howland, Mario Adorf und Ralf Wolter. Was der Band mit seinen überschaubaren Bildlegenden bot, reichte mir vollkommen; mehr von Karl May brauchte ich nicht, und ein späterer Versuch, die von Hans Wollschläger herausgegebenen Bände aus dem Haffmans Verlag zu einem vertieften Verständnis von Karl May zu nutzen, fruchtete nicht. Tante Marerls Fotoband mit der handschriftlichen Widmung »Weihnachten 1969« blieb eines meiner Heiligtümer.

Oder das wunderbare Buch Fußball 66, im Südwest Verlag erschienen und verfasst von dem im selben Jahr verstorbenen österreichischen Sportjournalisten Heribert Meisel und Hans J. Winkler. Ein Standardwerk, keine Frage, das die Bundesliga- und Europapokal-Höhepunkte dieses Jahres resümierte und natürlich bis in allen Einzelheiten davon berichtete, was die Weltmeisterschaft 1966 neben dem schrecklichen Wembley-Tor an großartigen Momenten bereitgehalten hatte. Das Cover des großformatigen Buchs zeigt einen sich werfenden Torwart im roten Sweater, der einen Ball sicher pariert – keine Fotografie von, sagen wir, Hans Tilkowski oder Gordon Banks, sondern eine leicht stilisierte Zeichnung vor grün gestricheltem Tornetz.

Wahrscheinlich habe ich Fußball 66 zu Weihnachten in jenem Jahr bekommen – und es wieder und wieder gelesen. Ein paar Jahre später, in der zweiten Gymnasialklasse, hat mir das abgenutzte Werk noch einmal gute Dienste erwiesen. Beim Vorlesewettbewerb hatte ich den Schulentscheid überstanden und durfte mich mit den Siegern anderer Schulen messen. Während diese Geschichten von Astrid Lindgren oder Enid Blyton vorlasen, hatte ich mich für ein Sachbuch entschieden, für Fußball 66 natürlich. Bei den ältlichen Damen in der Jury, die wie beim Eiskunstlaufen Punktetafeln in die Höhe hielten, kam diese nichtliterarische Wahl nicht gut an, sodass es – redete ich mir hinterher ein – deshalb nur zum fünften Platz reichte.

Einem der Zuhörer gefiel das Fußballlesestück ausdrücklich, dem Hausmeister der Heilbronner Stadtbücherei, wo das Wettlesen stattfand. Der hieß Rolf Ringer, galt schon damals als Unterländer Fußballlegende und freute sich, im Türrahmen stehend, offensichtlich diebisch darüber, dass die unausgesprochenen Konventionen des Vorlesewettbewerbs mit einem WM-Text unterlaufen wurden.

Heribert Meisels Fußballbuch konsultierte ich so oft, dass es nach einer Weile ordentlich ramponiert aussah. Die Bindung hielt die Seiten nur noch notdürftig zusammen, und das Rückenschild spreizte sich ab. Mit einem grünen Isolierband, das gut zum Covermotiv passte, verhinderte ich das völlige Auseinanderbrechen meines Lieblingsbuches, das so zwar zu keinem Halbleinen-, aber immerhin zu einem Halbisolierbandbuch wurde. Ein Unikat auf jeden Fall, das einen bevorzugten Platz in meiner Fußballsammlung hat.

Apropos Stadtbücherei: In einem schwäbisch soliden Haushalt konnten nicht ständig Neuanschaffungen getätigt werden, und so galt es, günstige Gelegenheiten zu suchen, meinen Lesehunger zu stillen. Zur Fundgrube wurde die Heilbronner Stadtbücherei, damals noch im ehrwürdigen Deutschhof untergebracht. Einmal angemeldet und mit einem grauen Ausleihheft ausgestattet, ging ich fortan alle zwei, drei Wochen in den zweiten Stock der Bücherei und arbeitete mich von der Jugend- bis zur Erwachsenenabteilung empor. Wer die Leihfrist überschritt, wurde mit einer Strafgebühr belegt, und generell war es ratsam, sich dem strengen Regiment der Bibliothekarinnen mit meist strengen Frisuren zu beugen.

Die Stadtbücherei Heilbronn war mein erstes Leseparadies, dem ich viel verdanke. Hier entlieh ich, angeregt durch die Hanni und Nanni-Lektüre meiner Schwester, englische Internatsromane, bei denen Jungen die Hauptrolle spielten. Anthony Buckeridge hieß deren Autor, der es mit seinen Jennings-Romanen in seiner Heimat zu Erfolg gebracht hatte; die Resonanz im deutschsprachigen Raum blieb überschaubar, doch immerhin erschienen die – von heute aus betrachtet – äußerst harmlosen Schulromane als Hardcover- und Taschenbuchausgaben. Aus »Jennings« machten die deutschen Verleger »Fredy« (die norwegischen, falls es interessiert, »Stompa«), und weil die entliehenen Bände zweifelsfrei der Stadtbücherei gehörten, habe ich mir Immer dieser Fredy vor ein paar Jahren antiquarisch besorgt. Eine teure Anschaffung war das nicht, eher eine emotional wichtige.

Es blieb nicht bei so leichter Kost. Durch die Stadtbücherei lernte ich Combray kennen, den ersten Teil von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, oder Hermann Lenz’ in Stuttgart und Wien spielenden Roman Der Kutscher und der Wappenmaler, der den Grundstein bildete für meine spätere Doktorarbeit über diesen Autor. Nicht zuletzt bot sich in den verschlungenen Gängen der Stadtbücherei die Gelegenheit, Wissenslücken zu schließen, die – das Internet lag noch in weiter Ferne – der häusliche Brockhaus (und die Eltern sowieso nicht) nicht schließen konnte.

Vor allem zu sexuellen Themen ließ sich in der Stadtbücherei vielerlei nachrecherchieren. Ich griff mir ein aussagekräftiges Nachschlagewerk und verzog mich in eine der hinteren Ecken an einen Lesetisch, sorgsam darauf bedacht, dass die wachsamen Bibliothekarinnen mir nicht zu nahe kamen. Dass sogar die Weltliteratur – Daniel Defoes Prostituiertenroman Moll Flanders oder Hermann Hesses Narziss und Goldmund – einiges an einschlägigen »Stellen« bereithielten, erschloss sich mir ebenfalls bald.

Wer Bücher verschlingt, will Bücher besitzen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich begann, mein Taschengeld oder die durch Austragen des Evangelischen Gemeindeblattes erwirtschafteten Einnahmen in Bücher zu investieren. Die Wohnzimmerregale meiner Eltern gaben in dieser Hinsicht nicht viel her. Da standen bunt gemischt Hauptvorschlagsbände des Buchclubs, da gab es das dicke Wilhelm-Busch-Hausbuch ebenso wie Serengeti darf nicht sterben, Heinz G. Konsaliks Der Arzt von Stalingrad und Klassikerbändchen von Gottfried Keller und Wilhelm Raabe, die meine Mutter meist zu Weihnachten von einem Verwandten, einem Pfarrer aus der DDR, geschenkt bekam.

Das Heilbronn meiner Jugend besaß im Wesentlichen drei Buchhandlungen, die in Betracht kamen, drei Buchhandlungen, die unterschiedliche Bedürfnisse stillten. Da war zuerst Herr Stritter, dessen Laden zwei-, dreihundert Meter von meinem Gymnasium entfernt lag. Ich sehe ihn vor mir als gepflegten Mann in hellen Anzügen, der Krawatte trug. Lag es an seiner Lage in unmittelbarer Schulnähe, dass Stritter für die Pflichtlektüren des Deutschunterrichts zuständig schien, für die Reclam-Klassensätze von Schillers Wallenstein oder Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche? Klassensätze – das Wort übte einen merkwürdigen Reiz auf mich aus. Was bedeutete es genau? Gab es Rabatt, wenn Storms Pole Poppenspäler gleich dreißig Mal eingekauft wurde? Und warum bekamen Lehrer, sofern ich mich recht entsinne, Gratisexemplare? Hatten die nicht genug Geld? Stritter war also für die literarische Grundversorgung zuständig, kein Laden, der zu Abenteuern oder Expeditionen zu neuem, unerhörtem Lesestoff verlockte.

Einen anderen Stellenwert besaß Platzhirsch Determann, der als Heilbronner Institution galt. Sein 1-A-Standort in der Kirchbrunnenstraße, nicht weit vom Deutschhof und vom Kiliansplatz entfernt, war privilegiert. Hier ging man, nachdem der Autoverkehr aus dieser Innenstadtecke verbannt worden war, einkaufen, hier zeigte man sich, bestellte Weihnachts- und Konfirmationsbücher, hier gingen die Besucher der Volkshochschulkurse ein und aus, und hier hielt man samstags einen gutbürgerlichen Schwatz. Beengt ging es hier zu, und beim Hinaufsteigen in den ersten Stock war man froh, auf keinen Gegenverkehr zu stoßen.

Buchhändler Determann, der im Gemeinderat saß, schien sich über all die Jahre nicht zu verändern: ein freundlicher, jovialer Mann, der Ruhe ausstrahlte und mit seinen Kunden, nein, vor allem mit seinen Kundinnen umzugehen wusste. Er sei, sagte er mir einmal schmunzelnd, vor allem bei älteren Damen stets gut angekommen. Bei einer Klientel, die einen Buchhandlungsbesuch gern mit einem Abstecher ins nahegelegene Café Noller verband – auch das viele Jahre lang eine Einrichtung, die aus dem Heilbronner Stadtleben nicht wegzudenken war.

Determann veranstaltete Lesungen, und diese Abende führten zu einer meiner ersten literaturkritischen Veröffentlichungen. 1976 war es wohl, als der seinerzeit sehr erfolgreiche Manfred Bieler aus dem Roman Der Mädchenkrieg las. Geschult an modernen Romanen von Beckett, Robbe-Grillet oder Handke kam mir Bielers Familiensaga bieder vor, und so schrieb ich für die Schülerzeitung einen Bericht, der meinen kritischen Standpunkt deutlich zum Ausdruck brachte. Bielers Bücher erschienen übrigens bei Hoffmann und Campe, einem Verlag, den ich gut zwanzig Jahre später leiten durfte (Manfred Bielers Stern war zu diesem Zeitpunkt bereits gesunken; Versuche, sein Werk noch einmal unter die Leute zu bringen, verpufften).

Anfang der 1980er-Jahre las bei Determann Hermann Lenz aus seiner Erzählung Erinnerung an Eduard. Nach der Veranstaltung nahm ich allen Mut zusammen und sprach den Autor an. Über ihn wollte ich meine Examensarbeit schreiben. So bat ich ihn, mich in München, wo er seit 1975 wohnte, zu empfangen und meine Fragen zu seinem Werk zu beantworten. Lenz hatte nichts dagegen, hörte dem angehenden Literaturwissenschaftler mit freundlicher Skepsis zu, und wenige Monate später saß ich in seinem kleinen Haus in Schwabing und aß den von seiner Frau gebackenen Aprikosenkuchen, während ich ihn nach seinem Sehnsuchtsort Wien und nach seiner Alter-Ego-Figur Eugen Rapp befragte. Determann sei Dank dafür. Lenz starb 1998, seine Frau Hanne, die Treutlein Hanni aus seinen Romanen, 2010.

Irgendwann verlagerte Determann seinen Hauptsitz in die Kramstraße, keine Topadresse mehr, ein Umzug, der mir nicht behagte, während das Ladengeschäft in der Kirchbrunnenstraße zur Dependance und zum Antiquariat wurde. 2007 gaben Determanns wohl oder übel auf, nachdem die Filialisten Thalia und Osiander fast gleichzeitig ihre Absicht kundgetan hatten, ihre Zelte in der Stadt aufzuschlagen. Dieser Konkurrenz konnten und wollten sich Determanns nicht mehr stellen. Seit 1894 war ihr Geschäft in Familienbesitz. Ein Determann-Mitarbeiter, Hans Rau, stellte sich danach auf eigene Beine und eröffnete die Buchhandlung Dichtung und Wahrheit – leider in einer zu wenig frequentierten, von Baustellen eingekreisten Passage. Nach ein paar Jahren musste der belesene Hans Rau aufgeben.

Ganz oben auf meiner – und nicht nur auf meiner – Heilbronner Buchhandlungshitliste stand natürlich Carmen Tabler. Daran gab es nie etwas zu rütteln; an dieser Platzierung änderte sich nichts. Ihr Laden lag in der Titotstraße, die nach einem Heilbronner Schultheiß und nicht, wie ich lange glaubte, nach dem jugoslawischen Staatspräsidenten hieß, kurz vor der Hauptverkehrsader Allee. Ein günstiger Standort, denn wenn wir dort unsere Hohlstunden im Stehkaffee Janssen verbrachten und das Personal durch geringen Konsum und lautstarke Dispute nervten, führte der Weg unweigerlich an Carmen Tablers Buchhandlung vorbei.

Natürlich war dies keine x-beliebige Buchhandlung, und natürlich war Carmen Tabler alles andere als eine x-beliebige Buchhändlerin. Gewiss, sie verkaufte Bücher und führte auch die noble Büchergilde Gutenberg, doch ihr Laden entwickelte sich zum politischen Treffpunkt, zum linken Gegenpol im Stadtgefüge. Heilbronn Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre stand im Zeichen der Friedensbewegung, des Widerstands gegen die amerikanischen Pershing-Raketen, die im Heilbronner Stadtwald, auf der Waldheide, lagerten. Im Dezember 1983 wurde eine unter anderen von Günter Grass initiierte »Heilbronner Erklärung« abgegeben, in der Konservative eine »Wehrkraftzersetzung« sahen. Peter Härtling, Luise Rinser und Heinrich Albertz kamen in diesen Jahren nach Heilbronn, und Carmen Tabler war eine von denen, bei der die Fäden zusammenliefen. Das spürte man, kaum dass man ihr Ladengeschäft betreten hatte – am Sortiment, das ein breites »links-engagiertes« Sachbuchsortiment und darunter nicht nur die gängigen Titel von Rudolf Bahro, Herbert Gruhl, Dorothee Sölle oder Franz Alt bereithielt. Ich gehörte als Schüler nicht zum engen Zirkel dieses Engagements, blieb in wohlwollender Distanz und hielt Carmen Tabler die Treue, als ich Ende 1978 zum Studium nach Tübingen ging und dort keine geringe Auswahl an exquisiten Buchhandlungen vorfand. Die Bücher, die ich fürs Studium brauchte, kaufte ich weiterhin bei ihr, die fünfbändige Nymphenburger-Kassette der Fontane’schen Werke zum Beispiel oder, um im aktuellen Diskurs auf der Höhe zu bleiben, Verena Stefans Häutungen, ein feministischer Bestseller.

Es gab also literarische und politische Gründe, sein Geld in die Titotstraße zu tragen. Doch natürlich gehörte zur Attraktivität dieser Buchhandlung nicht zuletzt die Attraktivität ihrer Inhaberin. Das zu leugnen wäre unredlich. Carmen Tabler war zu meiner Schulzeit eine Frau Ende zwanzig, eine Erscheinung, deren schwarze Mähne mir nicht aus dem Kopf ging. Wild sah sie aus mit dieser ungezähmten, Auflehnung ausstrahlenden Frisur, in die sich, bilde ich mir ein, recht früh zarte graue Strähnen mischten. Wie ich damals lernte, braucht es im Buchhandel taktisches Geschick, um von seiner Wunschbuchhändlerin bedient zu werden. War sie unschönerweise ins Gespräch mit anderen Kunden vertieft, streifte ich interessierten Blickes durch alle Ecken des Ladens, nahm dies und jenes Buch in die Hand, blätterte abwesend darin. Denn ich musste auf der Hut bleiben, wollte den Moment nicht verpassen, da Carmen Tabler, die Schöne, endlich in Ruhe gelassen wurde und allein an der Kasse verharrte. Dann legte ich meine Scheinlektüre beiseite, näherte mich ihr zielstrebig und gab meine Bestellungen auf, nicht ohne ein Gespräch anzuzetteln, egal, worüber.

Carmen Tabler kam mir damals als Verkörperung einer selbstbewussten Frau vor, die sich nicht einschüchtern ließ und ihren Standpunkt vertrat, ohne verbissen zu wirken. Von ihren schwarzen Haaren hatte ich wohl schon gesprochen. Ach herrje, was ich wohl alles auf diese Buchhändlerin projiziert habe … aber zu unterscheiden, was einst Projektion und was Nicht-Projektion war, bin ich jetzt nicht mehr in der Lage. Was nicht schlimm ist. Carmen Tabler ist meine Urbuchhändlerin. Daran wird sich nichts mehr ändern.

1980 war sie Mitbegründerin des Distel Verlags. 1993 erkrankte sie erstmals an Krebs und verkaufte ihre Buchhandlung ein Jahr später an den Kollegen Stritter. 2005 starb Carmen Tabler, siebenundfünfzigjährig.

Das sind die Buchhandlungen, die als Erste auf meinem Weg lagen und die meine Liebe zu Buchhandlungen schlechthin weckten. Wobei diese Sympathie übrigens auch Geschäften gelten kann, die ich nie betreten habe. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern, an einem Londoner Antiquariat.