Level 6 - Unsterbliche Liebe - Michelle Rowen - E-Book

Level 6 - Unsterbliche Liebe E-Book

Michelle Rowen

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Beschreibung

Die 16-jährige Kira erwacht in einem dunklen Raum, verstört und hilflos. Aber nicht allein: Sie teilt ihr Gefängnis mit dem 17-jährigen Rogan, einem verurteilten Mörder. Unfreiwillig sind die beiden Kandidaten in der Gameshow "Countdown", in der es um Leben und Tod geht: Scheitern sie am nächsten Level, sterben sie live in der Sendung. Den Teenagern bleibt keine Wahl - sie müssen mitspielen, wenn sie überleben wollen. Doch kann man einem Mörder trauen, und wenn er noch so schöne blaugrüne Augen hat? Trotz aller Versuche, sie gegeneinander aufzuhetzen, kommen Kira und Rogan sich immer näher - und stoßen auf die schreckliche Wahrheit hinter dem grausamen Spiel …

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Seitenzahl: 432

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IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, [email protected]

Geschäftsleitung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke

Copyright © 2013 by Michelle Rouillard Originaltitel: “Countdown“ Erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto Published in Arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.ár.l Deutsche Erstausgabe Copyright © 2014 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH Übersetzung: Christiane Meyer Copyright © 2015 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Umschlagmotiv: Harlequin Books S.A. Umschlaggestaltung: Birgit Tonn

Veröffentlicht im ePub Format im 09/2015

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733785482

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

www.books2read.de

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LEVEL 1

1. KAPITEL

Man nennt es Nyktophobie. Ich habe das Wort schon mal nachgeschlagen. So lautet die offizielle Bezeichnung für die anormale und permanente Angst vor der Dunkelheit. Ich litt darunter, seit meine Eltern und meine Schwester bei einem Einbruch in unserem Haus ermordet worden waren. Ich hatte mich unter meinem Bett versteckt, während es passierte.

Im Dunkeln hatte ich nichts sehen können; alles, was ich gehört hatte, war die Schreie.

Und dann die Stille.

Also, ja. Ich hatte seitdem fürchterliche Angst in der Dunkelheit. Warum wohl?

Unglücklicherweise fand ich mich in totaler Finsternis wieder, sowie ich meine Augen öffnete. Offen gesagt, konnte ich mich nicht einmal daran erinnern, sie geschlossen zu haben. Ich wusste nur noch, dass ich im Einkaufszentrum gewesen war. Gerade hatte ich mir ein Paar neue Schuhe „besorgt“ – meine alten waren ganz ausgelatscht, weil ich die ganze Zeit tagaus, tagein in der Stadt herumlief. Die neuen Sneakers waren echt schön. Rot. Mit dicken Schnürsenkeln, die – falls nötig – auch als Waffe dienen könnten.

Das Leben auf der Straße war manchmal hart. Vor allem nachts. Und ganz besonders im Dunkeln.

Wie im Moment.

Allerdings war das hier nicht die Straße. So viel war mir klar. Ich war im Inneren eines Gebäudes.

Irgendwo.

Panik begann, sich in meinem Körper auszubreiten. Mir war bewusst, dass es mir nicht weiterhelfen würde, die Nerven zu verlieren. Doch manchmal ist es einfach nicht zu verhindern und es ist unmöglich, vernünftig zu bleiben, wenn man dabei ist, die Nerven zu verlieren.

Ich spürte einen Druck an meinem rechten Handgelenk und griff in der Finsternis mit der anderen Hand hinüber, um zu ertasten, was los war. Es war eine Handschelle. An einer Kette. Die an der glatten, kalten Metallwand hinter mir befestigt war.

Was zur Hölle ist hier los?

War ich beim Klauen im Geschäft erwischt worden? War das hier ein Gefängnis? Ich zermarterte mir das Gehirn und versuchte, mich daran zu erinnern, ob ich verhaftet worden war. Aber ich wusste es nicht mehr. Nein, ich hatte mir die Schuhe geschnappt, sie unter meine Jacke gesteckt und war aus dem Laden spaziert. Anschließend war ich in das halb verlassene Einkaufszentrum gegangen, hatte die neuen Sneakers angezogen und meine alten in einen Mülleimer geworfen. Und dann … Was war dann passiert?

Ich erinnerte mich noch, dass ich etwas zu essen hatte organisieren wollen. Ich hatte noch zwei Dollar besessen, also hatte ich mir überlegt, in einem der wenigen Restaurants, die noch auf hatten, eine kleine Portion Pommes zu kaufen. Das hätte gereicht, damit ich meinen Hunger hätte stillen und meinen Magen für wenigstens einen Tag hätte ruhigstellen können, ehe er wieder angefangen hätte, sich lautstark zu beschweren.

Hatte ich es überhaupt bis zum Food-Court geschafft?

Offenbar nicht. Ich hatte noch immer Hunger. Schrecklichen Hunger. Mein Körper fühlte sich an, als würde er sich selbst verdauen – vielleicht war das aber auch ein bisschen übertrieben. Immerhin hatte ich gestern eine vollständige Mahlzeit gekriegt. Ich hatte sogar von der Speisekarte bestellt und dann probiert, mich aus dem Staub zu machen, ehe die Rechnung kam. Der Besitzer des Diners hatte mich allerdings erwischt und zurechtgewiesen. Ich hatte geglaubt, dass es das gewesen wäre und dass er die Cops rufen würde.

Stattdessen hatte er jedoch Mitleid mit mir gehabt und mich zum Abwaschen verdonnert. Es war eine demütigende Erfahrung gewesen. Aber seit meine Familie getötet worden war, hatte ich einige dieser Lektionen lernen müssen.

Am Ende war ich ihm dankbar für seine Freundlichkeit. Geschirr zu spülen war um einiges besser, als verhaftet zu werden.

Gut. Atme, Kira, sagte ich zu mir selbst. Und das tat ich. Durch die Nase atmete ich tief ein und stieß die Luft dann durch den Mund wieder aus. Ich konnte meinen Herzschlag laut in meinen Ohren pochen hören.

Warum hatte ich keine Erinnerung daran, was geschehen war, nachdem ich die Schuhe gestohlen hatte? Verdammt. Und wo war ich?

Ich musste mich ernsthaft beruhigen. Es brachte überhaupt nichts, hier durchzudrehen.

Ich holte tief Luft und zwang mich, in die Stille hineinzuhorchen. Irgendein Geräusch wahrzunehmen. Es musste noch etwas außer dieser totalen Stille geben, die mir nicht weiterhalf.

Und dann hörte ich … etwas. Ich drängte meine Furcht, so gut es ging, beiseite und lauschte angestrengt.

Atmen. Ich nahm ein leises Atmen wahr.

Hier ist noch jemand anders im Raum.

Diese Erkenntnis beruhigte mich nicht gerade. Im Gegenteil. Der Gedanke, dass noch eine andere Person mit mir zusammen in der Dunkelheit war, ängstigte mich so sehr, dass ich beinahe angefangen hätte, zu weinen.

Doch ich war jetzt tough. Zumindest sagte ich mir das jeden Morgen, wenn ich aufstand, damit ich einen weiteren Tag durchhielt. Das hier sollte nicht viel anders sein.

„H… H… Hallo?“ Stottern hilft mir jetzt auch nicht weiter, dachte ich. „Wer ist da?“

Das Atmen stockte. In ungefähr fünf Metern Entfernung schien sich jemand auf dem Boden zu bewegen.

Dann vernahm ich eine Stimme. „W… Was zum Teufel …“

Es war eine männliche Stimme. Die Worte klangen rau und heiser, als wäre der Typ nach einem tiefen Schlaf gerade erst aufgewacht.

„Wer ist da?“, wiederholte ich.

Warum hörte ich mich so schwach und leise an? Ich hasste das.

Er räusperte sich und stöhnte. „Scheiße.“

Tja, er schien über einen wirklich ausgewählten Wortschatz zu verfügen.

Ich probierte, etwas zu erkennen, aber um mich herum war nur Schwarz. „Verrat mir, wer du bist.“

Es entstand eine Pause, und dann erklang wieder ein Stöhnen. Genau genommen hörte es sich an, als hätte er Schmerzen, sobald er sich bewegte.

Ich runzelte die Stirn. „Hey, ist alles in Ordnung?“

Er schnaubte. „Fantastisch. Es geht mir blendend, danke der Nachfrage. Und dir so?“

Sarkasmus. Ja, das kannte ich.

„Es ging mir tatsächlich schon mal besser.“

Ketten rasselten. Nicht meine, also hieß das, dass der Typ ebenfalls gefesselt war. Aber wieso?

„Ich heiße Rogan“, meinte er nach einer Weile. „Freut mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen.“

„Wo sind wir?“

„Ich sage dir meinen Namen und du erwiderst diese Höflichkeit nicht? Hat dir deine Mutter keine Manieren beigebracht?“

„Meine Mom ist tot.“

Er schwieg. Für den Moment jedenfalls. „Tut mir leid.“

„Es ist schon lange her.“

„Dadurch wird es auch nicht leichter.“

Wie wahr. Zwei Jahre. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an – und zugleich so, als wäre es erst gestern passiert. „Mein Name ist Kira.“

„Also, Kira, ich habe auch keine Ahnung, wo wir genau sind.“

Ich drückte meinen Rücken gegen die harte Wand.

Wir konnten überall sein, und es gab keinen verdammten Hinweis darauf, wo das sein mochte. Bis auf die Hauptstraßen war die Stadt so menschenleer und öde, dass wir in jedem x-beliebigen von unzähligen verlassenen Lagerhäusern oder in irgendeiner stillgelegten Fabrik sein konnten. Niemand würde uns jemals finden.

Ich hatte von Teenagern gehört, die von den Straßen verschwunden und nie wieder gesehen worden waren. Und ich war mir sicher, dass diese Geschichten kein Happy End hatten.

„Was ist das Letzte, an was du dich erinnerst?“, ließ ich nicht locker. „Wer hat dich hierhergebracht? Bist du auch mit einer Kette am Handgelenk gefesselt?“

„Ich habe keinen Schimmer, wer mich hierhergebracht hat. Und, ja, ich bin auf jeden Fall an die Kette gelegt.“

„Wer würde so etwas tun?“ Mir stockte die Stimme.

„Probier, dich zu entspannen.“

„Ich bin entspannt.“

„Klingt für mich irgendwie nicht danach.“

Ich schlug mit meinem Hinterkopf leicht gegen die Wand hinter mir und zog die Knie an meine Brust. „Für mich klingst du entspannt genug für uns beide.“

„Was soll ich sagen? Bisher ist das hier um einiges besser als der Ort, an den ich in ein paar Tagen hätte verfrachtet werden sollen.“

„Ach. Und was ist das für ein Ort?“

Es dauert einen Augenblick, bevor er antwortete. „Willst du das wirklich wissen?“

Eigentlich nicht. Es war mir egal. „Sicher.“

Wieder entstand eine lange Pause. „Saradone.“

Mir gefror das Blut in den Adern. Saradone war ein Hochsicherheitsgefängnis vor den Toren der Stadt. Nur die schlimmsten Kriminellen wurden dort inhaftiert – einige, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen, die meisten, um dort zu sterben. Schreckliche Menschen, die schreckliche Dinge gemacht hatten. Zum Glück steckten sie dort keine Mädchen rein, die Schuhe gestohlen hatten … Zumindest bis jetzt noch nicht.

Er musste über mein Schweigen lachen. „Schätze, du hast schon davon gehört.“

Ich war in demselben Raum wie jemand, der nach Saradone transportiert werden sollte – das hieß, dass er gefährlich war. Ein Schwerverbrecher. Wieder erfasste mich Panik, schnürte mir die Kehle zu, raubte mir den Atem.

Wir waren beide mit Ketten an die Wand gefesselt. Was war das hier? Was lief hier ab?

Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinab.

„Warum solltest du dort hingebracht werden?“ Ich versuchte, die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen – als würde ich über das Wetter reden oder so.

„Meine Zeit in St. Augustine’s endet in wenigen Tagen, da ich achtzehn werde.“

St. Augustine’s. Der Name war mir ebenfalls bekannt. Es war eine Jugendstrafanstalt im Westen der Stadt. Falls ich jemals verhaftet werden sollte, würde ich vermutlich dort enden.

Mir war zu Ohren gekommen, dass es die Hölle sein sollte.

Ich zögerte, zu fragen, allerdings konnte ich nicht anders. „Warum warst du in St. Augustine’s?“

„Mord“, antwortete er schlicht.

„Oh.“ Mein Magen war in Aufruhr, während ich unauffällig wieder an meiner Kette zerrte. Sie war zu stark. Hier kam ich erst einmal nicht raus. „War es Notwehr?“

„Nein.“ In seiner Stimme schwang nun eine deutliche Schärfe mit. „Aber was kümmert es dich?“

„Es ist mir egal.“

Natürlich war es mir nicht egal. Es kümmerte mich, da ich hier mit jemandem eingesperrt war, der gestand, ein Mörder zu sein – eingesperrt in der Dunkelheit, wie in jener Nacht, in der meine Familie ermordet worden war.

Vielleicht war das alles bloß ein ziemlich schlechter Traum. Vielleicht war ich im Einkaufszentrum gestürzt, mit dem Kopf aufgeschlagen und vor dem halb leeren Burgerladen in Ohnmacht gefallen. Vielleicht würde mich gleich ein umwerfender reicher Junge finden. Dann würde er sich Hals über Kopf in mich verlieben und mich küssen, wie es der Märchenprinz bei Schneewittchen getan hatte. Er würde mich aus meinem tiefen Schlaf erwecken, und wir würden in den Sonnenuntergang reiten, fort von der Vergangenheit und hinein in eine strahlende, aufregende Zukunft – nur wir beide.

Ich blinzelte in die Finsternis.

Nein, ich war wach. Ich war ganz sicher wach.

So ein Mist.

„Du bist plötzlich so still“, stellte Rogan fest. „Willst du dich nicht mehr mit mir unterhalten?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Warum nicht? Weil du jetzt Angst vor mir hast?“

Das traf es ziemlich genau. Doch das würde ich ihm selbstverständlich nicht verraten, wenn es sich vermeiden ließ.

„Nein. Vor allem, da ich mir jetzt sicher bin, dass du nichts weißt, das mir weiterhelfen könnte.“

„Das bedeutet nicht, dass du unhöflich sein musst.“

„Unhöflich?“ Ich spürte, wie Wut in mir hochkochte, riss mich allerdings zusammen und bemühte mich, ruhig zu bleiben. Mein Hintern tat vom langen Hocken auf dem harten Metallfußboden weh, also schlug ich die Beine übereinander und wechselte in den Schneidersitz. „Ja, ich bin verdammt unhöflich. Tut mir leid. Ich schätze, du bist in St. Augustine’s so nett behandelt worden, dass mein Verhalten ein echter Schock für dich sein muss. Übrigens bin ich davon überzeugt, dass du diese Unhöflichkeit verdient hast. Oder noch Schlimmeres.“

Er schwieg so lange, dass ich mich noch unbehaglicher fühlte als am Anfang.

„Und bist du so ein Unschuldslamm? Immerhin bist du hier mit mir zusammen eingesperrt.“ Seine Worte klangen abgehackt, kühl – so, als hätte ich einen wunden Punkt bei ihm berührt. „Wie, sagtest du, ist dein Name? Kerry?“

„Kira“, korrigierte ich ihn. Was für ein Arsch dieser Kerl doch war. „Ich bin weiß Gott kein Unschuldslamm, aber ich würde nicht in Saradone enden.“

„Sei dir da mal nicht so sicher.“

Vermutlich konnte ich dem Idioten dankbar sein, weil er mich von meiner Angst vor der Dunkelheit ablenkte. Er machte mich so wütend, dass ich für einen Moment meine Furcht vergessen hatte.

Ich knabberte an meiner Unterlippe. „Ich habe jedenfalls niemanden getötet.“

„Noch nicht.“

„Niemals.“

„Ja, das werden wir noch sehen.“

„Was soll das bedeuten?“

„Die haben dich in ihrer Gewalt. Sie werden dich dazu bringen, alles zu machen, was sie wollen. Bild dir nichts ein – du wirst es tun.“

„Die? Wer sind die?“

Rogan verstummte.

Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren. „Du kannst nicht einfach so etwas sagen und dann nicht mehr weiterreden. Wer sind die?“

„Diejenigen, die dich hierherverschleppt haben. Die mich hierherverschleppt haben.“

„Ich dachte, du wüsstest nicht, wer dich hierhergebracht hat.“

„Ich habe so eine Ahnung.“

„Willst du sie mir eventuell mitteilen?“

„Lieber nicht. Du bist nicht gerade nett.“ Es klang, als würde er lächeln. Machte er sich über mich lustig?

„Ich bin nicht gerade nett?“, wiederholte ich.

„Ist das eine Überraschung für dich? Wickelst du normalerweise die Jungs, die du kennenlernst, mit deinem Charme um den Finger? Bei mir hast du jedenfalls auf ganzer Linie versagt.“

„Wer hat uns hier eingesperrt?“, fragte ich schlicht. Ich wollte, dass er kapierte, dass ich nicht scherzte. Wenn er es mir nicht endlich verriet, würde ich schreien und ich würde nicht eher wieder aufhören, bis die – wer auch immer die waren – mich hier rausließen.

„Sie haben mich vor die Wahl gestellt“, meinte er nach einer kurzen Pause. „Für den Rest meines Lebens im Gefängnis zu versauern oder mit ihnen zu kommen und ihr krankes kleines Spielchen mitzuspielen. Wenigstens habe ich hier möglicherweise eine Chance. Zwar eine geringe Chance, aber immerhin eine Chance. In dem Moment, in dem ich zustimmte, haben sie mich bewusstlos geschlagen. Und dann bin ich vor ein paar Minuten aufgewacht, um mit dir diese faszinierende Unterhaltung zu führen. Und … Und ich glaube, sie haben irgendetwas mit mir getan, während ich bewusstlos war. Mit meiner Schulter. Es tut ziemlich weh, allerdings habe ich keinen Schimmer, was sie gemacht haben. Oder wie. Oder warum. Wahrscheinlich wollen sie mich ausbremsen.“ Er schnaubte verächtlich. „Fair Play ist nicht gerade ihr Ding.“

„Ich habe dieser Sache hier nicht zugestimmt.“ Ich zog und zerrte an der Kette, bis mein Handgelenk schmerzte. „Ich will hier weg.“

„Ich bin mir sicher, dass sie dich gehen lassen werden. Einfach so. Ganz bestimmt.“

„Du hast gemeint, du hättest die Wahl gehabt. Warum haben sie mir nicht auch die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden?“

„Ich weiß es nicht.“ Er machte eine Pause. „Du hast erzählt, deine Mutter wäre gestorben?“

„Ja.“

„Und der Rest deiner Familie?“

„Alle tot.“ Meine Stimme brach, als ich es aussprach.

Wieder herrschte Schweigen. „Also bist du allein.“

„Wenn es sein muss.“ Mehr als diese knappe Antwort verdiente er nicht.

Seit zwei Jahren, seit meinem vierzehnten Lebensjahr war ich allein. Vorher war ich sicher und relativ glücklich gewesen, und es hatte mir freigestanden, zu tun, was auch immer ich hatte machen wollen. Meine Familie hatte mich geliebt und mich bei allem unterstützt. Doch nachdem sie nun tot waren, hatte ich nichts mehr.

Das Gericht hatte mich in eine Pflegefamilie stecken wollen, allerdings war ich lieber weggelaufen. Eine Freundin von mir war ein paar Jahre zuvor in eine Pflegefamilie gekommen, und ich hatte nie wieder etwas von ihr gehört. Nicht einmal per E-Mail.

„Warum sollten sie dich aussuchen“, meinte Rogan und klang so, als würde er eher mit sich selbst reden als mit mir, „abgesehen davon, dass du keine Familie mehr hast? Was hast du angestellt?“

Ich stieß ein ungeduldiges Knurren aus. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wer sind die?“

„Du hast bisher noch niemanden umgebracht … Also fällt das als Grund schon einmal weg. Bist du …“ Er hielt inne und lachte dann leise. „Natürlich. Du bist eine Diebin, stimmt’s?“

Ich ließ die Dunkelheit für mich antworten.

„Eine Diebin ohne Familie. Perfekt.“ Er atmete tief und zittrig durch. „Also, kleine Diebin, ich muss zugeben, dass es mir gerade nicht so toll geht. Was auch immer sie mit mir gemacht haben … Ich glaube nicht, dass sie sich darum sorgen müssen, dass ich meine Strafe bis zum Ende absitzen werde. Auge um Auge und so.“

Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Du denkst, dass du stirbst.“

„Fühlt sich so an.“

„Wie kannst du dann so ruhig bleiben?“

„Weil ich kein Dummkopf bin. Es gibt kein Entkommen. Wir werden beide sterben.“

„Halt die Klappe. Es gibt einen Weg hier raus. Ich weiß es.“

Kaum hatte ich es ausgesprochen, flammte grelles Licht auf und blendete mich.

Wie ironisch. Die Leute hier hielten offenbar nichts von einem goldenen Mittelweg.

Ich rieb mir die Augen, die angesichts der unerwarteten Helligkeit zu tränen begonnen hatten. Blinzelnd schaute ich mich um, während mein Blick allmählich wieder klar wurde.

Ich saß an eine Wand gelehnt in einem silberfarbenen Raum. Der Boden, die Decke, die Wände – alles war aus glattem, kaltem Metall gefertigt. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Das silberne Metallband um mein Handgelenk war mit einer silbernen Kette verbunden, die an der Wand befestigt war. Es war alles sehr nüchtern, sehr kalt, sauber und makellos.

Fast alles.

Mein Blick wanderte zur anderen Seite des Zimmers und traf den eines Jungen, der gefährlicher aussah als jeder andere Junge, dem ich begegnet war.

Schief lächelnd starrte er zurück. Sein Haar, das an seiner Stirn klebte, war dunkel und ungekämmt. Er trug ein T-Shirt, das vermutlich einmal weiß gewesen, nun allerdings zerrissen und dreckig war.

Ein dunkler, fürchterlich aussehender roter Fleck an seiner linken Schulter schien die einzige Farbe in dem ganzen Raum zu sein. Nein, das stimmte nicht. Da waren noch seine Augen. Sie waren blaugrün – sie hatten die Farbe eines tropischen Meeres und waren in ihrer Intensität überraschend hell.

Von seinem linken Auge bis hinunter zu seiner Wange zog sich eine Narbe. Sie wirkte wie ein wütendes Ausrufezeichen. Sie war noch immer rot, als wäre sie erst vor Kurzem abgeheilt. Dennoch schmälerte sie seine Attraktivität nicht im Geringsten – und das war unglaublich. Nach einer Dusche würde er wahrscheinlich unfassbar gut aussehen.

Er hatte eine zerschlissene Jeans an, die ebenfalls schmutzig war, und abgewetzte schwarze Stiefel mit offenen Schnürsenkeln. Eine silberne Kette führte von seinem rechten Handgelenk zu der Wand hinter ihm.

Trotz seiner Attraktivität, die sich unter der Schmutzschicht zu verbergen schien, sah er wie ein Mörder aus. Er sah aus, als würde er Ärger bedeuten. Und er sah nicht wie jemand aus, mit dem ich gern jetzt oder überhaupt irgendwann in einem Raum eingesperrt sein wollte. Beinahe bedauerte ich, dass das Licht angegangen war.

„Du bist hübscher, als ich erwartet hätte“, meinte er und hielt meinen Blick mit seinem seltsam hypnotischen Blick gefangen.

Ich schluckte. Genau dasselbe hatte ich auch gerade über ihn gedacht. „Tja, du hast ja auch einige Zeit im Jugendgefängnis verbracht.“

Er lächelte. Seine Zähne waren weiß und gerade. Das kam mir für einen geständigen Mörder doch seltsam vor. Obwohl es vermutlich ein Klischee war, bei ihm kaputte, verrottete Zähne zu erwarten – vor allem in Betracht seines Alters.

„Stimmt. Entschuldige bitte mein furchtbares Erscheinungsbild.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Sie haben mich nicht einmal duschen lassen, ehe sie mich bewusstlos geschlagen und meinen Arsch hierhergeschleift haben.“

„Vergiss es.“

Er schaute mich eindringlich ein – mein schwarzes Tanktop, meine khakifarbene Cargohose und meine neuen roten Schuhe. Hitze schoss mir in die Wangen, während er mich so offensichtlich musterte. Mit einem Mal bemerkte ich, dass er seinen Blick von mir abwandte und auf etwas neben mir richtete. Rogan runzelte die Stirn. Ich sah rechts neben mich auf den Boden und keuchte auf.

Dort lag, nur eine Armeslänge entfernt, ein Schlüssel.

2. KAPITEL

„Probier ihn aus“, forderte Rogan mich auf.

Ich war ihm längst einen Schritt voraus. Ich hatte mir den Schlüssel schon geschnappt und gerade das Schlüsselloch an meiner Handschelle gefunden. Schon wieder hämmerte mein Herzschlag laut in meinen Ohren.

Mein Blick verfinsterte sich, denn der Schlüssel passte nicht. Ich versuchte es noch einmal. Wieso passte er nicht?

Ich schaute zu Rogan, der mich düster anstarrte.

Neben ihm glitzerte etwas, und ich zeigte in die Richtung. Noch ein Schlüssel. Er nahm ihn sich und probierte, damit seine Handschelle aufzuschließen.

Nichts.

Plötzlich hörte ich ein Surren und blickte hoch, um herauszufinden, woher das Geräusch stammte. Oben an der linken Wand, knapp unter der Decke, hatte sich eine kleine Klappe geöffnet. Etwas, das aussah wie eine Überwachungskamera – nur moderner, schmal und silbern –, kam heraus.

„Was ist das?“, fragte ich.

Missmutig funkelte er die Kamera an. „Es ist anscheinend Showtime.“

Ich hielt den Schlüssel so fest umklammert, dass er mit Sicherheit einen Abdruck in meiner Hand hinterlassen würde. „Warum sollten sie uns filmen?“

„Weil sie gern zuschauen.“

„Wobei schauen sie zu?“, entgegnete ich gereizt. „Kannst du mal aufhören, dich so verdammt schwammig auszudrücken, und mir einfach verraten, was hier los ist?“

Doch er beachteet mich nicht. Er sah meinen Schlüssel an. „Ich vermute mal, dass dein Schlüssel in mein Schloss passt und meiner in deines.“

Ich runzelte die Stirn. „Woher weißt du das?“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich es Ich sagte, ich es.“ Der fast achtzehn Jahre alte Mörder grinste mich wieder an. „Versuch, dich ein bisschen zu konzentrieren, okay?“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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