Liam - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Alles, was Liam Anderson nach dem Sezessionskrieg will, ist ein wenig Frieden. Nach siebzehn Jahren Dienst in der Armee hat er es satt, zu Kämpfen und zu Töten. Nachdem er seine geliebte Ehefrau durch die Grippe verloren hatte, hatte er es satt, zu leiden und als er mitbekommen hat, wie seinem kleinen Bruder ein Mord in die Schuhe geschoben wurde, hatte er auch die Ungerechtigkeit satt. Er hat alles hinter sich gelassen, um seinen Brüdern bei der Flucht zu helfen, seine Kinder und Sachen gepackt und alles mit auf einen Goldgrund in Deadwood genommen.
Miss Eleanor Smith ist eine zweiunddreißigjährige Jungfer. Sie hatte ihre Träume von einem zu Hause und einer Familie vor langem aufgegeben. Stattdessen hatte sie ihr Leben damit verbracht, um die Welt zu reisen, die Schwachen, Verletzten, Armen und die Vergessenen zu pflegen und ihrem Priestervater von einem Drecksloch ins nächste zu folgen. Durch das, was sie von den Männern dieser Welt mitbekommen hatte, war sie sich sicher, dass sie besser dran ist, wenn sie sich um sich selbst kümmert – und sie kommt gut zurecht, bis sie wortwörtlich Liam in die Arme fällt, in einen Konflikt gerät, mit dem sie nichts zu tun hat und eine Marionette für den Rachezug eines Feinds wird.
Liam Anderson und seine jüngeren Brüder wollten in Deadwood von vorn anfangen, aber der Ärger war ihm und seinen Kindern gefolgt. Als Eleanor dann plötzlich verschwindet, kann nur Liam sie retten. Die eigensinnige, unabhängige Frau hat seine verlorene Leidenschaft wieder zum Leben erweckt, aber weigert sich, sich ihm hinzugeben. Kann er sie davon überzeugen, dass es nicht reicht, einfach nur zu überleben? Trotz seiner Sünden ist er der einzige Mann, der sie retten kann und sie ist die einzige Frau, die stark genug ist, sein gebrochenes Herz zu heilen

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Liam

Schicksal in Deadwood

Buch 2

Cynthia Woolf

Liam

Schicksal in Deadwood

Copyright © 2014 (English version) © 2019 (German version) – Cynthia Woolf

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-1-938887-47-5

TABLE OF CONTENTS

LIAM

Copyright

Widmung und Danksagungen

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Über Die Autorin

WIDMUNG

Für Jim. Meinen besten Freund, meinen Geliebten, meinen Ehemann. Ohne deine Unterstützung wäre all das hier nicht möglich.

DANKSAGUNGEN

Danke an meine Lektorin Kally Jo Surbeck. Vielen Dank an meine Kritikpartnerinnen Michele Callahan, Karen Docter and Jennifer Zane. Die Hilfe von euch Mädels ist unbezahlbar.

PROLOG

2. April 1876

St. Louis, Missouri

Liam Anderson saß in seinem Schlafanzug und Bademantel vor dem knisternden Feuer, rauchte seine Pfeife und las zum letzten Mal in seinem Haus – dem Ort, den er so viele Jahre lang zu Hause genannt hatte. Die Kinder schliefen oben. Er konnte allerdings nicht schlafen und er war wieder aus dem Bett aufgestanden, um zu lesen, bis er müde wurde.

BUMM! BUMM! BUMM!

Er sah von dem Buch auf, das er las und blickte auf die Kaminuhr. Eine der wenigen Dinge, die er noch nicht gepackt hatte. „Was um alles in der Welt? Wer würde sich bei so einem Wetter um diese Uhrzeit raustrauen?“

„Was zur Hölle?“, sagte Liam, als er die Tür öffnete und seine beiden jüngeren Brüder dort stehen sah. „Jake? Zach? Was macht ihr beiden hier? Es ist mitten in der Nacht.“

Zach knurrte hinter Jake: „Lässt du uns jetzt rein oder sollen wir die ganze Nacht hier draußen im Regen stehen?“

„Kommt rein. Zach, steck deine Waffe weg“, befahl Liam.

„Kann ich nicht, bis der hier“, er tippte Jake mit der Pistole am Rücken an, „drinnen ist und wir mit dir geredet haben.“

Jake, der jüngste seiner Brüder, lief in den Eingangsbereich des Hauses, dicht gefolgt von Zach. Er starrte gerade aus den Flur hinunter, in dem seitlich Gepäck und Koffer bis hinunter zum Wohnzimmer standen, aber hinterfragte es nicht. Er schien nicht mal zu bemerken, dass alles bereit für den Umzug zusammengepackt war.

Sie beide wirkten müde, völlig ausgelaugt. Ihre Mäntel waren durchnässt und sie konnten sich unmöglich wohlfühlen. Er hatte sie noch nie so erschöpft oder… verzweifelt gesehen.

„Tut mir leid, dass ich dir das antun muss, Liam. Ich weiß, dass du morgen gehst“, entschuldigte Zach sich, während er seine Pistole wegsteckte und den Flurboden volltropfte. Er legte seinen Hut auf eine der Kisten. Jake warf seinen Hut neben Zachs.

Es waren Zeiten wie diese, in denen der Unterschied zwischen seinen Brüdern am deutlichsten wurde. Zach, der mittlere, hatte fast schwarzes Haar und dunkelblaue Augen. In jeder Generation gab es einen mit der Hautfarbe ihrer Zigeuner-Urgroßmutter. Zach war derjenige bei ihnen und ihr Vater war derjenige in seiner Generation gewesen. Es war selten, zwei Zigeuner in derselben Familie zu haben, in diesem Fall Vater und Sohn.

Jake, der jüngste von ihnen, mit zu langem dunkelblondem Haar und hellblauen Augen, sah ihrer lieben Mutter am ähnlichsten.

Liam war der älteste und seine Hautfarbe lag irgendwo zwischen der seiner Brüder, hatte hellbraunes Haar und graue Augen. Seine Kinder waren ebenfalls unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der zehnjährige David kam nach Liam, nicht nur vom Aussehen, sondern auch geistig. David schien immer gut darüber nachzudenken, bevor er sprach – während Hannah, die Zigeunerin ihrer Generation, sagte, was immer ihr gerade in ihren kleinen Kopf kam. Sie war erst fünf, aber selbst in ihrem Alter war David so überdacht gewesen, wie er es jetzt war.

Er lächelte, als er an seine Kinder dachte. Sie waren sein ein und alles, der Grund, weshalb er lebte. Er schloss seine Augen, konzentrierte sich auf das hier und jetzt und antwortete Zach.

„Ja, bei Morgenanbruch. Und jetzt sag mir, was hier los ist und warum du Jake mit vorgehaltener Waffe hierhergebracht hast.“

„Nur so habe ich ihn dazu bringen können, hierher zu kommen“, knurrte Zach.

Genervt sagte Liam: „Lass mich dir die Geschichte nicht Wort für Wort aus der Nase ziehen, kleiner Bruder. Erzähl mir einfach, wo das Problem liegt.“

Liam zeigte auf die beiden Sessel vor dem Feuer, ging dann zum Kamin und brachte die kaum noch glimmenden Kohlen erneut zum Lodern. Er brauchte das nun wirklich nicht, nicht, wenn er so kurz davor war, die alten, schmerzlichen Erinnerungen hinter sich zu lassen.

Er legte einen Scheitel Holz auf die Flamme, bevor er sich umdrehte und sich ihnen zuwandte. „Jake. Du zuerst“, sprach er in einem Ton, der keine Diskussion zuließ.

„Ich habe einen Hauptmann der Armee getötet“, sprach Jake und weigerte sich, sich hinzusetzen.

„Warum hast du so etwas Dummes getan?“, fragte Liam und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Das konnte nicht wahr sein. Nicht jetzt, wenn er gehen wollte und nicht helfen konnte.

Jake zuckte mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl.“

„Man hat immer eine Wahl“, erwiderte Liam.

Zach steckte seine Waffe weg. „Nein, hat man nicht“, sprach er. „Es gab einen Grund dafür, aber er hat den Mann trotzdem umgebracht.“

„Verdammt noch mal, Jake. Dafür werden sie dich verfolgen und erhängen.“ Liam war siebzehn Jahre lang als Oberleutnant bei der Armee gewesen und hatte gesehen, wie Männer schon für weniger erhängt worden waren. Er kannte sich mit der Militärsjustiz aus. Allerdings war Jake kein Hitzkopf; es muss einen guten Grund gegeben haben. Wenn er nur mehr als ein paar Worte als Antwort bekäme, könnte er sich vielleicht etwas einfallen lassen.

„Dieser Hurensohn hatte es verdient zu sterben. Und sobald ich kann werde ich diesen anderen Bastard auch umbringen.“

„Er gehört mir“, zischte Zach.

„Wer?“, fragte Liam. Er hatte absolut keinen Durchblick bei diesem Gespräch. Eine Erklärung musste her und die sollten sie ihm besser bald liefern, ansonsten würde er seinen Brüdern die Seele aus dem Leib prügeln.

„Dieser Oberst“, platzte es aus Zach heraus.

„Mein Gott!“ Jetzt waren auch noch beide beteiligt. „Ihr beiden erzählt mir jetzt besser mal, was hier los ist – und zwar von Anfang an.“ Liam lehnte sich gegen das Kaminsims und gab sich große Mühe, ruhig zu bleiben.

Jake weigerte sich, sich hinzusetzen und begann nun, auf und ab zu laufen. Das Parkett knarzte unter seinem Gewicht und er hinterließ kleine Wassertropfen, die von seinen Stiefeln fielen. Er atmete tief durch und redete dann mit einer gleichmäßigen, festen Stimmlage, die Liam noch nie zuvor von ihm gehört hatte: „Ich bin zu Elizabeth gegangen, um mich wie jeden Tag mit ihr zu treffen, damit wir uns ein paar Minuten sehen konnten.“ Seine Stimme zitterte, er hielt dann inne, sammelte sich und fuhr dann fort: „Ihre Mutter und ihre Tante hatten sie mit der Hochzeitsplanung beauftragt, also haben wir uns meistens nicht sehr lange sehen können.“

„Als ich dort angekommen bin, habe ich einen Schuss aus dem Haus gehört. Ich bin zur Tür gerannt, aber das verdammte Ding war abgeschlossen und deshalb musste ich sie eintreten. Dadurch habe ich kostbare Zeit verloren. Als ich im Wohnzimmer angekommen bin, standen zwei Männer über Elizabeth. Ihr Gesicht war blutverschmiert, ihr Kleid war zerrissen, ihr Rock zu ihrer Hüfte hinaufgeschoben. Der, der die Pistole gehalten hat, war ein Oberst und der andere war ein Hauptmann. Beide komplett in Uniform. Dieser dreckige Hauptmann hatte gerade seine Hose aufgeknöpft, als ich hineingekommen bin. Ich habe ihn auf der Stelle erschossen. Mit der Sekunde, als der Oberst mich gesehen hat, ist er zur anderen Tür, die zur Küche führt, gerannt. Ich bin ihm gefolgt, aber er saß schon auf seinem Pferd und ritt davon, als ich bei der Hintertür angekommen war.“

Jake blieb stehen. Sein ganzer Körper zitterte. Seine Hände zu Fäusten geballt, seine Knöchel ganz weiß. Er atmete mehrere Male tief durch, bevor er fortfahren konnte und redete dann so, als ob er eine Geschichte rezitierte. Das war anscheinend die einzige Möglichkeit, wie er die ganze Sache durchstehen konnte. „Als ich dann zurück zum Wohnzimmer gegangen bin, bin ich sofort zu Elizabeth geeilt und habe mich neben sie gekniet. Dieser verfickte Oberst hatte ihr in die Brust geschossen, aber sie hat noch geatmet – flach und mit großer Anstrengung. Dann hat sie ihre Augen geöffnet und in ihrem Blick lag panische Angst, bis sie erkannt hat, wer ich war.“ Seine Stimme bebte.

„Jake“, hat sie zu mir gesagt. „Ich habe versucht… versucht sie aufzuhalten… John aufzuhalten, aber…“

„Schht“, habe ich gemeint. „Alles wird gut. Ist schon ok.“

„Ich liebe dich, Jake“, hat sie geflüstert.

„Dann hat sie ihre Augen geschlossen und ist nach ihrem letzten Atemzug in meinen Armen gestorben. Wie lange ich sie im Arm gehalten habe, weiß ich nicht. Schließlich habe ich sie dann irgendwann auf das Sofa gelegt. Ich bin zurück zum Hauptmann gegangen und habe seine Taschen durchsucht, um alles über ihn herauszufinden, was ich konnte.“

„Nachdem er seine Leiche unzählige Male getreten hat“, unterbrach Zach ihn.

Jake beachtete Zach nicht, sondern sprach einfach nur langsam und präzise: „Der Hauptmann war John Longworth. Laut seinen Papieren war er auf Fort Leavenworth stationiert. Elizabeth war mit ihm verlobt gewesen, bevor wir uns ineinander verliebt hatten und sie hatte ihn verlassen, um mich zu heiraten.“

Liam wandte sich an Zach. „Wurdest du nicht auch dorthin zugewiesen?“

Zach nickte. „Das war ich.“

„War?“ Liam hob eine Augenbraue. Ihm gefiel diese Geschichte nicht, aber so sehr sie ihn auch verstörte, merkte er, dass es Jake umbrachte, das alles erneut zu durchleben.

„Lass den Jungen seine Geschichte zu Ende erzählen. Dann komme ich zu meiner“, meinte Zach.

Liam nickte. „Fahr fort, Jake.“

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber ich dachte, ich habe das Richtige getan und bin zum Sheriff gegangen. Ich habe ihr erklärt, was ich gesehen und was ich getan habe. Dann bin ich zu Bürgermeister Greens Büro gegangen und habe es ihm ebenfalls berichtet. Er hat jemanden zu Tante May losgeschickt, um Elizabeths Mutter abzuholen. Ich wollte nicht, dass Mrs. Green nach Hause kommt und das ganze Chaos und Elizabeth so vorfindet…“

„Natürlich, völlig verständlich“, sagte Liam.

„Danach“, fuhr Jake fort, „bin ich wieder zu ihrem Haus gegangen. Der Sheriff hatte bereits den Bestatter veranlasst, die Leichen abzuholen. Da Elizabeth weg war, gab es keinen Grund mehr für mich dort zu bleiben, also bin ich gelaufen und gelaufen. Ich bin die ganze Nacht umhergewandert, bis ich irgendwie irgendwann wieder zu Hause angekommen bin.“

Er fuhr sich mit einer Hand durch sein Haar und hinter ihm fielen Wassertropfen von seinen Spitzen. „Der Sheriff ist am Morgen zu meinem Haus gekommen, sie hat mein Pferd mitgebracht und meine Aussage aufgenommen. Dann habe ich herausgefunden, dass es noch eine andere Version von dem gibt, was passiert ist. Dieses Arschloch, das davongekommen ist, war Richard Jordan. Oberst Richard Jordan. Der Bastard hat Elizabeths Vater erzählt, dass ich sie in einem betrunkenen Wutanfall vergewaltigt und getötet habe und den Hauptmann erschossen habe, als er versucht hat, mich aufzuhalten. Zu meinem Glück hat der Sheriff ihm nicht geglaubt, da ich gleich zu ihr gekommen bin und sie wusste, dass ich nicht betrunken war und an niemandem meine Wut ausgelassen habe außer an den Hurensöhnen, die ihr das angetan haben.“

Jake sackte auf einem Sessel zusammen und starrte ins Feuer. Jake wollte den kleinen Jungen, den er noch immer sah, in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles gut werden würde, genau wie er es getan hatte, als Jake noch jung gewesen war. Doch das hier war anders. Eine Umarmung würde dieses Problem nicht lösen.

Zach übernahm. „Und da komme ich ins Spiel. Der Oberst hatte das Fort besucht. Longworth war ein alter Freund von ihm. Oberst Jordan hatte mich und meine Einheit angewiesen, mit ihm mitzukommen und Jake zu verhaften. Er wusste nicht, dass Jake mein Bruder war und ich wusste nicht, dass die Person, die er verhaften wollte, Jake war, bis wir an seinem Haus waren. Oberst Jordan ist fest entschlossen, Jake erhängen zu lassen, um seine Kariere und sein eigenes Leben zu schützen. Er will, dass Jake vor dem Militärgericht wegen Mordes angeklagt wird. Um es aber kurz zu halten, habe ich den Oberst niedergeschlagen, meine Männer haben den anderen Weg versperrt, ich habe mir Jake geschnappt und bin gerannt.“

Zach beugte sich nach vorn und stützte sich mit den Ellbogen auf seine Knie. Er sah zu Liam hinauf. „Jetzt sind wir beide hier und auf der Flucht vor dem Gesetz. Wenn sie uns schnappen, werde ich dafür vors Gericht gezogen, dass ich einen ranghöheren Offizier angegriffen habe und außerdem wegen Desertion. Jake wird wegen Mordes an dem Hauptmann angeklagt werden.“

„Scheiße!“ Liam wandte ihnen spürbar frustriert den Rücken zu und starrte in die Flammen, die nun loderten und knisterten. Das konnte nicht wirklich wahr sein. Nicht jetzt. Nicht, wenn er morgen die Stadt verlassen wollte. „Warum seid ihr hierhergekommen? Ich muss an die Kinder denken.“

„Wir haben nicht vor, dich und die Kinder da mit hineinzuziehen. Ich wusste, dass du morgen gehst. Ich wollte dich nochmal sehen, bevor wir ganz und gar verschwinden“, sagte Zach.

„Was ist mit dem Sheriff und ihrem Vater, dem Bürgermeister? Glauben sie dir nicht?“ Liam starrte Jake an.

Jake lehnte sich im Sessel zurück. Er sah aus, als hätte er nicht geschlafen, seitdem der Mord passiert war. Schließlich sagte er, als ob er wo ganz anders wäre: „Der Sheriff hat mir geglaubt und mich nicht verhaftet. Bürgermeister Green vertraut dem Oberst, weil er eben ein Oberst ist und ein Freund von Elizabeths Ex-Verlobtem Longworth. Jordan hat den Bürgermeister davon überzeugt, dass er und der Hauptmann mich überrascht haben und ich den Hauptmann erschossen habe. Bürgermeister Green hat Elizabeth nie die Zustimmung gegeben, mich, den einfachen Farmer, zu heiraten, wenn sie stattdessen die Ehefrau eines Hauptmanns hätte sein können.“

Liam sah die beiden an. Es dauerte lange, bevor er etwas sagte. Er berechnete alles in seinem Kopf und wog jedes Wort ab, bevor er eine Entscheidung traf. Schließlich sagte er: „Ich weiß, dass euch gerade nichts lieber wäre, als euch auszuruhen, aber das können wir nicht. Wir verschwinden auf der Stelle. Packt den Wagen. Wir müssen so viel Strecke wie möglich zurücklegen, bevor wir morgen anhalten. Es wird eine lange Reise.“ Er lief in den Flur, schnappte sich eine Tasche und warf sie Jake zu. „Fangt an aufzuladen.“

Jake fing die Reisetasche und fragte: „Wohin gehen wir?“

„Nach Deadwood. Im Gebiet Dakotas“, sagte Liam. „Ich habe einen Goldgrund aufgekauft.“

KAPITEL 1

November 1876

Von seinem Platz auf einem Campinghocker aus sah Liam hinüber zu seinem kleinen Bruder Jake und seiner neuen Ehefrau Becky, die nebeneinander auf dem gefällten Baumstamm beim Lagerfeuer saßen. Überraschenderweise war es warm und sie mussten nicht alle zittern, während sie ihr Abendessen aßen.

Er konnte sehen, warum sie perfekt füreinander waren, auch, wenn er das nicht gedacht hatte, als sie damals geheiratet hatten. Jake wurde immer noch wegen Mordes gesucht, das stimmte und er wusste, dass Jake es hasste, das mit in seine Ehe zu bringen. Ihr Eheleben hatte bereits einen Start gehabt, der holprig genug gewesen war. Sie hätten gar nicht geheiratet – oder zumindest nicht so früh – wenn Beckys Vater sie nicht an diesen Bastard Edgar Winters, dem Minenarbeiter, verkauft gehabt hätte. Jake und Becky hatten sich noch am selben Tag trauen lassen, um sie vor Winters zu retten.

Winters war ein Mann wie Beckys Vater. Er richtete gerne seine Fäuste gegen alle, die schwächer als er waren. Liam dachte, dass Jake Becky wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Allerdings konnte man dasselbe auch über Becky sagen. Sie hatte den Jungen vor sich selbst gerettet.

Jake hatte entschieden, dass er weder heiraten, noch eine Familie haben konnte, während er die Mordanklage noch am Hals hatte. Liam verstand die Begründung seines Bruders, aber da Deadwood außerhalb des Gesetzes lag, war Jake fürs erste sicher und er und Becky konnten ihr Leben voll auskosten. Zusammen.

Und das mit der Mordanklage – das war etwas, um das Liam versuchen wollte, sich zu kümmern. Er wollte sich morgen früh auf den Weg machen, um mit dem Gouverneur von Missouri, Charles H. Hardin zu reden, der ein Freund von ihm war und eventuell mit Bürgermeister Green verhandeln konnte. Die Tatsache, dass der Sheriff von Blackwater glaubte, dass Jake unschuldig war, würde für Charles viel ausmachen.

Danach würde Liam sich auf den Weg machen, um mit dem befehlshabenden General auf Fort Leavenworth zu sprechen und herauszufinden, was wegen Oberst Jordan getan werden konnte. Sobald die Anklage wegen Mordes gegen Jake fallengelassen wurde, würde der General die Geschichte des Oberst und auch Zachs Rolle darin vielleicht in einem anderen Licht sehen. Darauf hoffte er zumindest.

„Ich muss mit euch allen reden“, sagte Liam zu seiner Familie. „Auch mit dir David und Hannah, mit dir auch.“

David und Hannah waren sein ein und alles. Er wusste nicht, was er ohne sie gemacht hätte, als er Mary verloren hatte. Er wäre wahrscheinlich auch gestorben. Zugegebenermaßen lebte er nur für seine Kinder. Er hatte momentan nichts für Frauen übrig, vielleicht nie wieder. Wenn er eine Frau brauchte, gab es immer das The Gem. In den Hurenhäusern gab es genug Frauen, an denen er seinen Durst stillen konnte, wenn er das musste, auch, wenn ihn der Gedanke daran anwiderte. Er machte sich Gedanken darüber, dass David und Hannah eine Mutter brauchten, aber er war nicht in der Lage gewesen, sich dazu zu bringen, etwas deshalb zu tun.

Hannah saß auf seinem Schoß und David stand neben ihm. Er blickte über den Rest seiner Familie, die am Feuer saßen – seine Brüder und seine neue Schwägerin Becky. Er würde sie alle vermissen, während er weg war, aber ganz besonders seine Kinder.

„Ich mache mich morgen bei Tagesanbruch auf den Weg nach Missouri“, verkündete Liam aus dem Nichts heraus.

„Was? Warum?“, fragte Jake.

„Wir müssen diese Situation zwischen dir und Bürgermeister Green klären. Ich glaube, ich kann den Gouverneur dazu bekommen, zu deinen Gunsten zu verhandeln, solange der Sheriff sich noch für dich einsetzt.“

„Soweit ich weiß, tut sie das“, sagte Jake und drückte Beckys Hand. „Warum denkst du, wird der Gouverneur mir helfen?“

„Weil er ein ehrlicher Mann und ein Freund von mir ist.“ Liam lächelte. „Charles ist ein großer Befürworter des Rechtssystems und der Strafverfolgung. Wenn er sieht, dass der Sheriff dich nicht angeklagt hat und dass der Bürgermeister aus Rache für sein kleines Mädchen handelt, wird er dich liebend gern begnadigen und dafür sorgen, dass alle Anklagepunkte fallengelassen werden. Er geht nach dieser Amtszeit und ist mir noch etwas schuldig. Dabei wird er sich nicht schlecht fühlen müssen. Ich hätte schon eher daran denken sollen, aber ich hatte keine Zeit. Da ihr beiden im Moment hier sicher seid, kann ich mich darum kümmern – aber ich muss es jetzt machen. Der nächste Gouverneur ist vielleicht nicht so vernünftig.“

„Gut“, sagte Zach. „Unser Junge hier muss mit einer weißen Weste eine Familie gründen.“

„Dann“, fuhr Liam fort und blickte zu Zach, „gehe ich nach Fort Leavenworth um mit dem General zu reden. Ich habe vor, ihm die Wahrheit über Jordan zu sagen und ich werde die Tatsache, dass die Mordanklage gegen Jake fallengelassen wurde verwenden können, um ihn von Jordans Schuld zu überzeugen.“

„Danke, dass du das für mich tust, Bruder“, sagte Jake. Er hob Beckys Hand hoch und küsste sie. „Wir wissen gar nicht, was wir sagen sollen. Wie können wir uns dafür jemals bei dir revanchieren?“

„Ihr werdet euch um meine Kinder kümmern, während ich weg bin.“ Er zog beide seiner Kinder in seine Umarmung. „Ich kann David und Hannah nicht mit mir mitnehmen. Ich will es nach Missouri schaffen, bevor es richtig kalt wird. Wir haben schon Anfang November und es gab bereits mehrere kleine Schneestürme. Wenn ich Glück habe und schnell genug reite, komme ich vor Februar in Jefferson City an – vielleicht sogar früher. Ich würde mich gerne spätestens am ersten März wieder auf den Heimweg machen. Das wird alles davon abhängen, wie gut es mit dem Gouverneur und dem General läuft.“

„Denkst du nicht, dass das zu übertrieben ist? Das sind tausend Meilen hin und tausend Meilen zurück. Mit dem Wagen haben wir allein für einen Weg davon fünf Monate gebraucht“, sagte Zach.

„Genau deshalb kann ich die Kinder nicht mitnehmen. Alleine kann ich viel schneller reiten und vielleicht kann ich ein Stück mit dem Zug fahren. Ich glaube, ich kann in Cheyenne vielleicht zusteigen. Er fährt nicht bis Jeff City, aber ich kann bis nach St. Louis reisen und dann zurück in die Hauptstadt reiten.“

„Ich werde dich vermissen“, sagte David. „Aber ich verstehe, dass das wichtiger ist.“

„Hey“, sagte Liam und hielt seinen Sohn an den Schultern fest. „Nichts ist wichtiger für mich als du und Hannah. Niemals. Ihr seid mein Leben… aber das muss getan werden. Verstanden?“

„Ja, Sir.“ David richtete sich auf und stellte sich gerade hin.

„Wir kümmern uns gerne um sie, während du weg bist“, sagte Becky. Sie lächelte seine Kinder an. „Sie verbringen sowieso den halben Tag bei uns.“

„Und das ist das Mindeste, was wir für dich tun können, vor allem, wenn du erfolgreich bist. Dann habe ich dir mein Leben zu verdanken“, sprach Jake.

„Unsere Leben“, meinte Becky.

„Ich komme mit dir“, sagte Zach.

„Du kannst nicht. Ich will, dass du dich mit Jake vom Ärger fernhältst. Außerdem musst du an unserem Gold arbeiten. Jake und Becky haben ihren eigenen Grund zu bearbeiten, nun, da Beckys Vater tot ist. Wenn ich zurückkomme, fangen wir mit der Hütte an.“

Zach nickte. „In Ordnung, das kann ich machen. Ich möchte, dass du uns schreibst, sobald du in Jeff City ankommst und dann erneut, wenn du dich wieder auf den Weg hierher machst. Wenn du den Zug nehmen kannst, bist du vielleicht sogar schneller als der Brief zu Hause.“

Darüber lachten sie alle, aber es stimmte. Die Post erreichte Deadwood nur sehr langsam.

„Ich werde euch schreiben, versprochen. Es ist bald Zeit fürs Abendessen. Was gibt es heute, David?“

David richtete sich auf, wie er es immer tat, wenn er mit seinem Vater redete. Eine Angewohnheit, die er immer noch hatte, da er immer all die Soldaten beobachtet hatte, die vor seinem Papa strammgestanden waren und salutiert haben. David war gerade mal fünf gewesen, so alt wie Hannah nun, als ein General bei Liam und Marys Haus vorbeigekommen war. Liam hatte sofort Haltung angenommen, als er die Tür geöffnet und gesehen hatte, wer es war. Selbst, als er die Bedeutung hinter der Geste verstanden hatte, zog er weiterhin seine Schultern nach hinten, streckte die Brust heraus und stand aufrecht, wann immer auch jemand mit ihm sprach. Das war eine Angewohnheit, bei der alle hofften, dass der kleine Gentleman sie nie verlernen würde.

„Ich habe heute eine Menge kleiner Bachsaiblinge gefangen. Becky hat sie mit ein wenig Kartoffelbrei zubereitet, Maisbrot gebacken und noch ein paar Dosenpfirsiche zum Nachtisch gefunden.“

Liam sah zu seiner Schwägerin hinüber. „Da verwöhnst du uns aber.“

„Ach, das ist doch nichts“, sagte Becky, während sie ganz rot wurde. „Außerdem wird es ja das letzte Familienessen für eine ganze Weile sein, wie sich herausstellt. Das sollte schon etwas Besonderes sein.“

Liam lächelte sie an. „Dankeschön. Ich freue mich wirklich, dass du nun zur Familie gehörst.“

Jake legte seine Hand auf Beckys Knie, die neben ihm auf dem Baumstamm lag und drückte sie ein wenig.

Sie grinste. „Mich auch.“

Jake räusperte sich. „Wir wollten eigentlich warten, aber da Liam morgen geht, haben wir uns entschieden, es euch allen jetzt zu sagen.“ Er hielt inne. „Becky und ich bekommen ein Baby. Laut Doc Cochran kommt es wahrscheinlich gegen Ende Juni oder Anfang Juli.“

„Glückwunsch!“, riefen Liam und Zach gleichzeitig.

Zach klopfte Jake auf die Schulter und schüttelte seine Hand.

Liam stand auf und lief mit Hannah an der Hand zu Becky. Er gab Becky einen Kuss auf die Wange und sah dann hinunter zu Hannah. „Was hältst du davon, dass Becky ein Baby bekommt? Freust du dich schon?“

Becky sah zu Hannah, ihr Blick war furchtbar traurig. „Heißt das Becky ist dann nicht mehr meine Tante, weil sie dann ein Baby bekommt?“

„Nein, Mäuschen. Becky wird immer deine Tante bleiben, aber dann wird sie auch noch Mama sein“, erklärte er seiner Tochter. Er verstand, dass sie Angst hatte, Becky an das neue Baby zu verlieren. Anscheinend erkannte Becky das auch.

„Hannah, das Baby wird nichts daran ändern, was du für mich bist – und zwar ein ganz wundervolles, kleines Mädchen. Du und ich, wir haben eine besondere Verbindung. Nichts kann diese Verbindung kaputtmachen oder etwas daran ändern, weil es eben uns passiert ist. Geh einfach nicht mehr nah an den Fluss. Ich möchte dich nicht verlieren, Liebling.“

„Werde ich nicht. Der Fluss ist böse. Der hat mich fast ertrunken.“

„Ja, das hat er. Et hat uns beide fast ertränkt.“

Liam hatte Becky viel mehr zu verdanken, als er ihr zurückgeben konnte. Sie hatte seine Kleine gerettet und dabei ihr eigenes Leben riskiert. Als Hannah im September in den Fluss gefallen war, hatte er sie fast verloren. Hannah ging es gut, aber hatte nun definitiv gesunden Respekt vor dem Wasser. Ohne einen Erwachsenen ging sie nicht mehr in die Nähe davon. Fast zu sterben hatte ihr die Neugier vor dem Wasser genommen.

*****

Anfang Januar 1877

Jefferson City, Missouri

„Also Charles, was sagst du? Kannst du mir helfen?“, sagte Liam und rauchte die Zigarre, die Charles ihm bei seiner Ankunft gegeben hatte, zusammen mit dem Glas des besten Whiskeys, den er seit langer Zeit getrunken hatte.

Er stand am Fenster, wo er den Raum und die wachsende Stadt draußen gleichzeitig im Blick behalten konnte. Charles‘ Büro war für den Standard der Zeit recht luxuriös eingerichtet. Ein großer Mahagonischreibtisch, hinter dem Charles in einem gut gepolsterten Ledersessel saß, zeichnete das Zimmer aus.

Auf der Anrichte standen eine Kristallkaraffe und weitere Gläser von dem, aus dem Liam gerade trank. Er war von Bücherregalen, die mit Büchern mit Ledereinbänden gefüllt waren, umgeben. Die meisten davon waren juristische Fachliteratur. Liam hätte wetten können, dass dort in den Regalen auch einige Erstausgaben von Romanen standen. Vielleicht eine Kopie von Die Abenteuer von Tom Sawyer von Mark Twain. Auch, wenn es erst letztes Jahr geschrieben wurde, wurde das Buch bereits als Klassiker bezeichnet.

„Ich habe mich ein wenig darüber informiert, nachdem du mir geschrieben hattest.“ Gouverneur Hardin war durchschnittlich groß und durchschnittlich gebaut. Er hatte braunes Haar, leichte Geheimratsecken und trug eine Brille, die ihm immer wieder seine Nase hinunterrutschte. „Der Sheriff hat deine Geschichte über Jake bestätigt. Er war weder wütend, noch betrunken, sie hat gesagt er war mehr als alles andere geschockt. Ich habe auch mit Bürgermeister Green geredet. Er ist kein schlechter Mann, nur ein trauernder Vater, der nach dem Mörder seines einzigen Kindes sucht. Er hat es mittlerweile bereut, ein Kopfgeld auf Jake ausgesetzt zu haben, aber wusste nicht, wie er es rückgängig machen sollte, als es schon getan war. Seine Lösung dafür war, Jake lebendig und unversehrt zu lassen, dafür, dass das Kopfgeld ausgezahlt wurde.“

„Zwei Männer haben ihr Leben verloren, als sie versucht haben, sich diese Summe zu holen“, sagte Liam.

„Das weiß er und es tut ihm mehr leid, als er es ausdrücken kann. Ich habe ihm gesagt, dass ich Jake Anderson begnadige und alle Anklagepunkte fallenlasse. Er hatte kein Problem damit. Ich glaube sogar, dass er froh war, dass es nicht mehr in seinen Händen liegt.“

Liam blies ein paar Ringe des Rauchs der feinen Zigarre aus. „Danke Charles, das weiß ich zu schätzen. Jake versucht, von vorn anzufangen. Hat eine neue Ehefrau und sie erwarten Ende Juni ihr erstes Baby. Das wird ihnen einen Neubeginn ermöglichen. Damit machst du ihnen ein wundervolles Hochzeitsgeschenk.“

„Sag ihnen, dass sie es nach mir benennen sollen, wenn es ein Junge wird“, scherzte Charles und lachte.

„Mache ich.“ Liam stand auf. „Also, ich muss los. Ich bin auf dem Weg nach Fort Leavenworth um zu sehen, was wegen Zach getan werden kann. Ich muss General Lassiter davon überzeugen, dass ein Justizirrtum vorliegt, wenn er Oberst Jordan nicht verhaftet und dass Zach nicht nur aus Sicherheit für seinen Bruder, sondern auch im Allgemeinen im Auftrag der Armee gehandelt hat, da er einen unschuldigen Mann davor bewahrt hat, erhängt zu werden.“

Charles stand auf und lief um seinen Schreibtisch herum. Er streckte Liam seine Hand entgegen. „Pass auf dich auf, mein Freund. Ich habe einen Brief mit meiner Bitte die Anklage gegen Zach Anderson fallen zu lassen, für dich vorbereitet, den du General Lassiter übergeben kannst. Das hilft dir eventuell bei deinem Gespräch mit ihm.“

Sie reichten sich die Hände. „Das hoffe ich auch. Lassiter ist ein guter und ich glaube, auch ein gerechter Mann. Zach und Jake werden wahrscheinlich hierher zurückkommen müssen, um gegen Jordan auszusagen, genau wie der Sheriff, aber ich glaube, dass das kein Problem sein wird, nun, da die Mordanklage fallengelassen wurde.“

*****

Fort Leavenworth, Kansas

Ende Januar 1877

Liam hatte zwei Wochen lang so schnell es ging reiten müssen, um Missouri zu durchqueren und Fort Leavenworth in Kansas zu erreichen. Er war bereit, sich wieder auf den Heimweg zu machen – aber nicht ohne die Entscheidung des Generals.

„Ich verstehe, wo das Problem liegt. In dem Brief, den Sie vom Gouverneur von Missouri mitgebracht haben, wurde es erklärt und Sie haben es mir ebenfalls erläutert. Allerdings hat sich Oberst Jordan unerlaubt entfernt. Er wusste anscheinend auch, weshalb Sie auf dem Weg hierher waren“, sagte General Lassiter.

Lassiter war ein schlanker, durchschnittlich großer Mann und um die fünfzig Jahre alt. Er hatte dunkles, fast schwarzes Haar, das mittlerweile an seinen beiden Schläfen ein wenig silbern wurde. Frauen hätten gesagt, er sah gut für sein Alter aus. Liam dachte, dass er nur müde wirkte, wie es Männer in seiner Position oft taten, da die Verantwortung schwer auf ihren Schultern lag.

Liam saß auf dem harten Holzstuhl gegenüber dem Schreibtisch aus Eichenholz des Generals. Die Bequemlichkeit des Stuhls lud nicht gerade zum Bleiben ein. In dem Raum standen ebenfalls eine Anrichte und zwei Bücherregale, die farblich zum Tisch passten. Er bemerkte, dass der Stuhl des Generals gut gepolstert war, weshalb Liam den Eindruck bekam, dass er wohl viel Zeit hier verbrachte.

„Liam, Sie wissen aber schon, dass Kapitän Anderson sich der Anklage wegen Desertion stellen müssen wird. Selbst, wenn ich mich dafür einsetze, dass alle Anklagepunkte fallengelassen werden, wird er vielleicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Die einzige Lösung, die ich mir für das alles vorstellen kann, ist, dass er seinen Dienst quittiert mit einem Gültigkeitsdatum, das vor seiner Begegnung mit Oberst Jordan liegt.“

„Ich bin mir sicher, dass er bereit wäre, das zu tun. Ich weiß, dass er vorhatte, Karriere beim Militär zu machen, aber er ist bereit zu tun, was immer auch getan werden muss.“

„Gut. Ich denke, dass er aufgrund der Umstände freigesprochen werden wird, aber ich kann es nicht garantieren. Ich kann nur meine Empfehlung aussprechen.“

Liam stand auf und streckte ihm seine Hand entgegen. „Vielen Dank, General. Sie haben mir sehr geholfen - wie ich es gehofft hatte.“

General Lassiter nahm Liams Hand und schüttelte sie. Dann lachte er. „Sie wissen, dass ich ein richtiger Bastard hätte sein können.“

„Ja, Sir, das hätten Sie, aber es gibt nicht allzu viele Generäle, die so lange wie Sie in der Position sind, die sich wie ein Bastard verhalten hätten. Die Strapazen dieser Stelle setzen voraus, dass man gerecht und fair bleibt.“

„Das klingt wie eine Antwort, die ein guter Politiker gegeben hätte. Haben Sie vor, etwas in diese Richtung anzustreben?“

„Nein, Sir. Das überlasse ich den anderen. Alles, was ich will, ist, zurück zu meinen Kindern zu gehen.“

Der General hob seinen Kopf. „Ah, stimmt. Sie haben gesagt, Sie besitzen einen Goldgrund oben im Gebiet Dakotas. Deadwood war es, oder?“

„Ja, Sir. Ich habe meine Kinder bei meinen Brüdern gelassen.“

„Ich hätte Sie nicht für einen Mann mit Goldfieber gehalten.“

„Bin ich auch nicht. Das war nur so weit weg, wie ich damals nur von St. Louis kommen konnte.“

Der General sah Liam an, als ob er ihn verstanden hatte. „Laufen Sie vor etwas davon?“

Liam nickte. „Erinnerungen.“ Mehr sagte er nicht und der General beließ es dabei.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Liam. Ich werde Ihnen schreiben, sobald ich mehr von Oberst Jordan weiß.“