Beschreibung

Das Trio der Zeitreisewissenschaftler aus England ist im Jahr 1940 gefangen. Während der Suche nach einer Rückkehrmöglichkeit können sie allmählich nicht mehr ignorieren, dass es kleine Abweichungen von den historischen Aufzeichnungen zu geben scheint. Doch kleine Abweichungen bedeuten, dass sie die Vergangenheit geändert haben – möglicherweise letztlich sogar das Ende des Krieges ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 1211

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


LICHT

Connie Willis

Ins Deutsche übertragen von

Claudia Kern

Die deutsche Ausgabe von LICHT

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell;

Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Umschlag-Artwork: Martin Frei.

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe:

ALL CLEAR

Copyright © 2010 Connie Willis. All rights reserved.

German translation copyright © 2017, by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-170-5 (Februar 2017)

E-Book ISBN 978-3-95981-95981-263-4 (Februar 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für all dieKrankenwagenfahrerBrandwächterLuftschutzkontrolleureKrankenschwesternKantinenbedienstetenFlugzeugspäherRettungshelferMathematikerVikareKirchendienerVerkäuferinnenRevuetänzerinnenBibliothekareDebütantinnenalten JungfernFischerpensionierten MatrosenDienerEvakuiertenShakespeare-Schauspielerund Kriminalschriftstellerinnendie den Krieg gewonnen haben.

»Sie werden viele Fehler begehen, aber solange Sie großherzig und ehrlich und auch entschlossen sind, werden Sie der Welt weder schaden noch sie ernsthaft bekümmern.«

– Winston Churchill

Inhalt

LONDON – 26. OKTOBER 1940

LONDON – 7. MAI 1945

LONDON – 26. OKTOBER 1940

BETHNAL GREEN – JUNI 1944

LONDON – 26. OKTOBER 1940

KENT – APRIL 1944

LONDON – 27. OKTOBER 1940

LONDON – NOVEMBER 1940

KENT – APRIL 1944

GOLDERS GREEN – JULI 1944

LONDON – NOVEMBER 1940

KENT – APRIL 1944

LONDON – NOVEMBER 1940

LONDON – NOVEMBER 1940

OXFORD – APRIL 2060

BLETCHLEY – NOVEMBER 1940

DULWICH – SOMMER 1944

LONDON – NOVEMBER 1940

BLETCHLEY – DEZEMBER 1940

DULWICH – SOMMER 1944

LONDON – DEZEMBER 1940

OXFORD – APRIL 2060

LONDON – DEZEMBER 1940

SALTRAM-ON-SEA – DEZEMBER 1940

LONDON – DEZEMBER 1940

LONDON – DEZEMBER 1940

LONDON – 29. DEZEMBER 1940

ST. PAUL’S CATHEDRAL – 29. DEZEMBER 1940

ST. PAUL’S CATHEDRAL – 29. DEZEMBER 1940

LUDGATE HILL – 29. DEZEMBER 1940

U-BAHN-STATION BLACKFRIARS – 29. DEZEMBER 1940

ST. PAUL’S CATHEDRAL – 29. DEZEMBER 1940

DIE CITY – 29. DEZEMBER 1940

KRANKENHAUS ST. BARTHOLOMEW – 30. DEZEMBER 1940

ST. PAUL’S CATHEDRAL – 30. DEZEMBER 1940

CROYDON – OKTOBER 1944

LONDON – WINTER 1941

LONDON – WINTER 1941

CROYDON – OKTOBER 1944

LONDON – WINTER 1941

LONDON – 7. MAI 1945

LONDON – WINTER 1941

LONDON – WINTER 1941

LONDON – WINTER 1941

LONDON – WINTER 1941

KENT – APRIL 1944

IMPERIAL WAR MUSEUM, LONDON – 7. MAI 1995

DOVER – APRIL 1944

IMPERIAL WAR MUSEUM, LONDON – 7. MAI 1995

WALES – MAI 1944

LONDON – FRÜHLING 1941

LONDON – MAI 1944

LONDON – FRÜHLING 1941

IMPERIAL WAR MUSEUM, LONDON – 7. MAI 1995

KENT – JUNI 1944

IMPERIAL WAR MUSEUM – 7. MAI 1995

KENT – OKTOBER 1944

LONDON – FRÜHLING 1941

CROYDON – OKTOBER 1944

LONDON – FRÜHLING 1941

LONDON – FRÜHLING 1941

LONDON – FRÜHLING 1941

IMPERIAL WAR MUSEUM, LONDON – 7. MAI 1995

LONDON – 19. APRIL 1941

LONDON – 19. APRIL 1941

IMPERIAL WAR MUSEUM, LONDON – 7. MAI 1995

LONDON – 7. MAI 1945

LONDON – 19. APRIL 1941

DANKSAGUNGEN

»Nein, er ist noch nicht gekommen, Sir.Er ist heute wirklich spät dran.«

LONDONER PORTIER ZU ERNIE PYLE,IN BEZUG AUF DIE DEUTSCHEN BOMBER

LONDON – 26. OKTOBER 1940

Als Michael und Merope gegen Mittag immer noch nicht aus Stepney zurückgekommen waren, fing Polly an, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Mit der Bahn brauchte man nicht einmal eine Stunde bis Stepney. Merope und Michael – Korrektur, Eileen und Mike, sie musste wirklich daran denken, ihre Decknamen zu verwenden – hätten keine sechs Stunden brauchen dürfen, um Eileens Sachen bei Mrs. Willett abzuholen und zurück zur Oxford Street zu fahren. Was, wenn sie in einen Luftangriff geraten und verletzt worden waren? Das East End war die gefährlichste Gegend in London.

Am Sechsundzwanzigsten hat es tagsüber keine Luftangriffe gegeben, dachte sie. Aber es hätte auch keine fünf Opfer bei Padgett’s geben dürfen. Wenn das, was Mike glaubte, stimmte, und er durch die Rettung dieses Soldaten Hardy in Dünkirchen tatsächlich die Ereignisse verändert hatte, dann war alles möglich. Das Raum-Zeit-Gefüge war ein chaotisches System, in dem selbst winzige Taten enorme Konsequenzen haben konnten.

Aber zwei weitere Opfer – Zivilisten – konnten doch selbst in einem chaotischen System nicht den Verlauf des Kriegs beeinflussen. Beim Blitzkrieg waren dreißigtausend Zivilisten umgekommen, bei den Angriffen der V-1s und V-2s neuntausend und der gesamte Krieg hatte insgesamt fünfzig Millionen Menschen das Leben gekostet.

Du weißt, dass Mike den Krieg nicht verloren hat, dachte Polly. Und Historiker reisen seit mehr als vierzig Jahren in die Vergangenheit. Wenn sie in der Lage gewesen wären, Ereignisse zu verändern, dann hätten sie das schon längst getan. Mr. Dunworthy hatte den Blitzkrieg, die Französische Revolution und den Schwarzen Tod miterlebt, seine Historiker hatten unzählige Kriege und Krönungen und Staatsstreiche studiert und nichts deutete darauf hin, dass auch nur einer von ihnen eine Diskrepanz ausgelöst, geschweige denn den Lauf der Geschichte geändert hatte.

Was bedeutete, dass es sich bei den fünf Opfern aus dem Kaufhaus Padgett’s um keine Diskrepanz handeln konnte, auch wenn es so schien. Marjorie hatte wahrscheinlich nur die Krankenschwestern falsch verstanden. Sie hatte ja nur einen Teil ihrer Unterhaltung gehört. Vielleicht hatten sie über die Opfer eines anderen Ereignisses gesprochen. Marylebone war in der letzten Nacht ebenfalls getroffen worden, so auch die Wigmore Street. Polly wusste aus Erfahrung, dass Krankenwagen manchmal die Opfer von mehreren Ereignissen in das gleiche Krankenhaus brachten. Und dass Leute, die man für tot gehalten hatte, manchmal lebend auftauchten.

Aber wenn sie Mike erzählte, dass sie die Theatertruppe für tot gehalten hatte, dann würde er fragen, wieso sie nicht gewusst hatte, dass St. George’s zerstört werden würde. Er würde das nur für eine weitere Diskrepanz halten. Was bedeutete, dass sie die fünf Opfer von Padgett’s vor ihm geheim halten musste, bis sie herausgefunden hatte, ob es wirklich so viele waren.

Gott sei Dank, dass er nicht hier war, als Marjorie kam, dachte sie. Du solltest froh sein, dass sie sich verspäten.

Und Gott sei Dank hatte ihre Vorgesetzte Marjorie zurück ins Krankenhaus gebracht, obwohl sie damit Polly der Gelegenheit beraubt hatte, nachzuhaken, was genau die Krankenschwestern gesagt hatten. Polly hatte angeboten, Marjorie selbst zurückzubringen, weil sie die Krankenhausangestellten nach den Opfern fragen wollte, aber Miss Snelgrove hatte darauf bestanden, selbst zu fahren. »Damit ich den Krankenschwestern mal die Meinung sagen kann. Was haben die sich dabei gedacht? Und was haben Sie sich dabei gedacht?«, hatte sie Marjorie zurechtgewiesen. »Hierherzukommen, obwohl Sie im Bett liegen sollten?«

»Tut mir leid«, hatte Marjorie zerknirscht gesagt. »Als ich hörte, dass sie Padgett’s bombardiert haben, bin ich in Panik geraten und habe voreilige Schlüsse gezogen.«

Wie Mike, als er die Schaufensterpuppen vor Padgett’s liegen sah, dachte Polly. Wie ich, als ich herausfand, dass sich Eileens Vorhang in Backbury nicht geöffnet hat. Und jetzt tue ich das auch. Es gibt eine logische Erklärung dafür, dass die Krankenschwestern von fünf Opfern anstatt von drei gesprochen haben und dass uns noch niemand abgeholt hat. Das muss nicht bedeuten, dass Oxford zerstört worden ist. Die Rechercheabteilung hatte vielleicht ein falsches Datum für das Ende der Quarantäne angegeben und das Rettungsteam erst zum Anwesen geschickt, als Eileen bereits nach London abgereist war, um mich zu finden. Und dass Mike und Eileen noch nicht zurück sind, bedeutet nicht zwingend, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Vielleicht müssen sie einfach nur warten, bis Theodores Mutter ihre Schicht in der Flugzeugfabrik beendet hat. Oder sie sind noch zur Fleet Street gefahren, um Mikes Sachen zu holen.

Sie werden gleich hier sein, sagte sie sich. Hör auf, dir Sorgen um Dinge zu machen, die du nicht ändern kannst, und mach dich stattdessen nützlich.

Sie schrieb für Mike und Merope – Korrektur: Eileen – auf, wann und wo es in der nächsten Woche Luftangriffe geben würde, und dachte dann darüber nach, welche Historiker außer Gerald Phipps möglicherweise noch hier waren. Mike hatte gesagt, einer hätte einen Einsatz, der von irgendeinem Tag im Oktober bis zum achtzehnten Dezember dauern würde. Sie fragte sich, was in diesem Zeitraum historisch Interessantes geschehen war. Fast die gesamte Kriegsaktivität hatte sich in Europa konzentriert – Italien war in Griechenland eingefallen und die RAF hatte die italienische Flotte bombardiert. Was war hier geschehen?

Coventry. Aber das konnte nicht sein. Die Stadt war erst am vierzehnten November bombardiert worden und ein Historiker würde nicht zwei Wochen benötigen, um dorthin zu kommen.

Der Krieg im Nordatlantik? Einige wichtige Konvois waren in diesem Zeitraum versenkt worden, aber der Aufenthalt auf einem Zerstörer war garantiert eine Zehn. Und wenn Mr. Dunworthy Einsätze strich, die er für zu gefährlich hielt …

Doch im Herbst 1940 war es überall gefährlich und irgendetwas hatte er offensichtlich genehmigt. Der Geheimdienstkrieg? Nein, der hatte erst später richtig Fahrt aufgenommen, mit Fortitude und der Desinformationskampagne bei den Angriffen der V-1s und V-2s. Ultra hatte früher angefangen, aber das war nicht nur eine Zehn, sondern hundertprozentig ein Brennpunkt. Wenn die Deutschen herausgefunden hätten, dass ihre Enigma-Codes geknackt worden waren, wäre der Krieg definitiv anders verlaufen.

Polly sah zu den Aufzügen. Der mittlere hielt im dritten Stock. Da sind sie ja endlich, dachte sie, aber es war nur Miss Snelgrove, die immer noch den Kopf über die Fahrlässigkeit der Krankenschwestern schüttelte. »Unglaublich! Es würde mich nicht wundern, wenn Marjorie nach dem ganzen Herumgerenne einen Rückfall bekäme«, sagte sie empört. »Was machen Sie hier, Miss Sebastian? Warum machen Sie nicht Mittagspause?«

Weil ich Mike und Eileen nicht so verpassen wollte wie damals, als ich nach Backbury fuhr, doch das konnte sie nicht sagen. »Ich wollte auf Sie warten, damit die anderen nicht zu viel zu tun haben.«

»Dann machen Sie jetzt Pause«, befahl Miss Snelgrove.

Polly nickte, und als Miss Snelgrove ins Lager ging, um Hut und Mantel abzulegen, bat sie Doreen, ihr sofort Bescheid zu geben, sollte jemand nach ihr fragen.

»Zum Beispiel der Flieger, den du gestern Abend kennengelernt hast?«

Wer?, dachte Polly, aber dann fiel ihr ein, dass sie ihn als Ausrede benutzt hatte, um von Doreen die Namen der Flugplätze zu erfahren. »Ja«, sagte sie. »Oder meine Cousine, die nach London kommen will, oder sonst jemand.«

»Ich verspreche, dass ich den Aufzugführer zu dir schicke, sobald jemand auftaucht. Geh jetzt.«

Polly ging, lief aber zuerst nach unten und sah sich suchend auf der Oxford Street um. Mike und Eileen entdeckte sie jedoch nicht. Dann ging sie in den Pausenraum und fragte die anderen Verkäuferinnen nach Flugplätzen. Als die Mittagspause endete, hatte sie ein halbes Dutzend Namen bekommen, die mit den korrekten Buchstaben anfingen und/oder aus zwei Worten bestanden.

Sie ging zurück in den dritten Stock. »Hat jemand nach mir gefragt?«, sagte sie zu Doreen, obwohl die beiden offensichtlich nicht aufgetaucht waren.

»Ja. Da warst du noch keine fünf Minuten weg.«

»Warum hast du mir denn nicht Bescheid gesagt?«

»Weil Miss Snelgrove mich die ganze Zeit über beobachtet hat.«

Ich hätte nicht gehen sollen, dachte Polly. Backbury wiederholt sich.

»Keine Sorge, sie ist nicht weg«, beruhigte sie Doreen. »Ich sagte ihr, dass du in Pause seist, und sie sagte, dass sie noch Einkäufe zu erledigen hätte, dann aber …«

»Sie? Nur eine Person? Kein Mann und eine junge Frau?«

»Nur eine und definitiv keine junge Frau. Mindestens vierzig, graue Strähnen, Dutt, ziemlich dürr …«

Miss Laburnum. »Hat sie gesagt, was sie einkaufen wollte?«

»Ja«, sagte Doreen. »Strandsandalen.«

Natürlich.

»Ich habe sie in die Schuhabteilung geschickt. Ich sagte ihr, dass wir so spät im Herbst wahrscheinlich keine Sandalen mehr führen, aber sie wollte sich selbst davon überzeugen. Ich passe auf deine Theke auf, wenn du sie … oh, da ist sie ja.« Die Fahrstuhltür öffnete sich.

Miss Laburnum trat heraus. Sie hatte eine riesige Reisetasche dabei. »Ich war bei Miss Wyvern und habe die Mäntel besorgt.« Sie stellte die Tasche auf Pollys Theke. »Ich wollte sie Ihnen gleich vorbeibringen.«

»Das wäre doch nicht nötig gewesen.«

»Hat keine Umstände gemacht. Ich habe mit Mrs. Rickett gesprochen und sie sagt, dass Ihre Cousine sich das Zimmer mit Ihnen teilen kann. Miss Harding habe ich nach dem Zimmer für Ihren Dünkirchenfreund gefragt, aber sie hat es leider schon an einen älteren Herrn vermietet, dessen Haus in Chelsea bombardiert worden ist. Schreckliche Sache. Seine Frau und seine Tochter sind dabei ums Leben gekommen.« Sie schüttelte mitfühlend den Kopf. »Aber Mrs. Leary hat noch ein Zimmer. Zweiter Stock, geht nach hinten raus. Zehn Shilling die Woche inklusive der Mahlzeiten.«

»Liegt das Haus auch an der Box Lane?« Polly fragte sich, nachdem Miss Laburnum sich so viel Mühe gegeben hatte, wie sie sich herausreden sollte, falls es an einer Straße lag, die auf Mr. Dunworthys Verbotsliste stand.

»Nein, um die Ecke. Beresford Court.«

Gott sei Dank. Beresford Court stand auch nicht auf der Liste.

»Hausnummer neun«, sagte Miss Laburnum. »Sie hat versprochen, es nicht zu vermieten, bis Ihr Freund es sich angesehen hat. Es wird ihm dort bestimmt gefallen. Mrs. Leary ist eine sehr gute Köchin«, fügte sie seufzend hinzu und öffnete die Tasche.

Polly sah etwas leuchtend Grünes darin. Oh nein, dachte sie. Als sie Miss Laburnum um Mäntel gebeten hatte, war sie nicht auf die Idee gekommen, dass sie …

»Ich hatte Ihrem Freund eigentlich einen Wollmantel besorgen wollen«, Miss Laburnum zog einen beigefarbenen Regenmantel heraus, »aber leider gab es nur diesen Burberry. Damenmäntel waren ebenfalls kaum zu bekommen. Mrs. Wyvern sagte, dass die Leute zunehmend ihre Mäntel aus dem letzten Jahr einfach weiter tragen. Wenn die Regierung wirklich bald Kleidung rationiert, wird das nur noch schlimmer …« Sie hielt inne, als sie Pollys Gesichtsausdruck sah. »Ich weiß, dass der nicht sehr warm hält …«

»Nein, den Mantel kann er gut gebrauchen. Es regnet diesen Herbst ja ständig«, sagte Polly, ohne den Blick von der Reisetasche zu nehmen. Sie bereitete sich innerlich auf das vor, was Miss Laburnum als Nächstes herausholen würde.

»Deshalb habe ich den für Ihre Cousine besorgt.« Sie zog einen leuchtend grünen Schirm aus der Tasche. »Schreckliche Farbe, ich weiß, und er passt auch nicht zu dem schwarzen Mantel, den ich für sie bekommen habe, aber das war der Einzige ohne zerbrochene Speichen. Und wenn ihr die Farbe zu grell sein sollte, können wir ihn immer noch in unserem Stück einsetzen. Das Grün sticht auf der Bühne bestimmt gut hervor.«

Oder in einer Menge, dachte Polly.

»Der ist schön, will damit sagen, dass meine Cousine den bestimmt nicht zu grell findet, und ich bin mir sicher, dass sie ihn uns auch für das Stück leihen wird«, plapperte sie erleichtert.

Miss Laburnum legte den Schirm auf die Theke und zog dann einen schwarzen Mantel und einen ebenso schwarzen Filzhut aus der Reisetasche. »Sie hatten keine schwarzen Handschuhe, also habe ich ein Paar von meinen mitgebracht. Zwei der Finger musste ich schon nähen, aber man kann sie noch tragen.« Sie reichte sie Polly. »Mrs. Wyvern lässt ausrichten, dass sie gerne auch andere Angestellte von Padgett’s mit Mänteln versorgen wird, sollten sie in einer ähnlichen Lage sein.« Sie ließ die Tasche zuschnappen. »So. Wissen Sie, ob Townsend Brothers Tennisschuhe verkaufen und wo ich die finden kann?«

»Tennisschuhe?«, wiederholte Polly. »Meinen Sie welche aus Stoff?«

»Ja. Ich dachte, man könne die anstatt Strandsandalen benutzen. Die Matrosen an Bord könnten welche getragen haben, als das Schiff sank. Ich habe schon in der Schuhabteilung gefragt, aber sie haben keine. Sir Godfrey versteht einfach nicht, wie dreckig die Böden in der Station sind – Kaugummi, Zigarettenkippen und wer weiß, was noch. Vorgestern Abend habe ich …«, sie beugte sich über die Theke und fuhr flüsternd fort, »… einen Mann spucken sehen. Mir ist klar, dass Sir Godfrey wichtigere Dinge im Kopf hat, aber …«

»Wir könnten welche in der Sportabteilung haben«, unterbrach Polly sie rasch. »Die ist im fünften Stock. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn es keine Tennisschuhe mehr geben sollte …«, und Polly war sich sicher, dass es, weil Gummi für die Kriegsanstrengungen gebraucht wurde, so sein würde, »… dann wird uns schon etwas einfallen.«

»Ihnen bestimmt.« Miss Laburnum tätschelte ihr den Arm. »Sie sind so ein kluges Mädchen.«

Polly brachte sie zum Aufzug. »Fünfter«, sagte sie zu dem Fahrstuhlführer und dann an Miss Laburnum gewandt: »Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben so viel für uns getan.«

»Unsinn«, winkte Miss Laburnum forsch ab. »In solch schweren Zeiten müssen wir einander helfen, wann immer es geht. Kommen Sie heute Abend zur Probe?«

»Ja«, sagte Polly, als der Fahrstuhlführer die Tür zuzog. »Sobald ich meiner Cousine alles gezeigt habe.«

Wenn sie und Mike bis dahin wieder hier sind, fügte sie in Gedanken hinzu, als sie zurück zu ihrer Theke ging. Aber sie war sich sicher, dass es so sein würde.

Du hast dir völlig umsonst Sorgen gemacht, dachte sie, als sie den Schirm nahm und reumütig ansah. Und bei Mike und Eileen wird es nicht anders sein. Ihnen ist nichts zugestoßen. Es gab heute während des Tages keine Luftangriffe. Ihre Bahn verspätet sich, so wie deine heute Morgen, das ist alles. Und wenn sie hier sind, zeigst du Eileen die Flugplatznamen, die du gesammelt hast, und sie wird sagen: »Das ist er«, und dann werden wir Gerald fragen, wo seine Bühne ist, und nach Hause gehen. Mike wird Pearl Harbor machen, Eileen VE-Day und du kannst deine Erkenntnisse über das Leben während des Blitzkriegs niederschreiben und dich wieder mit einem liebestollen Siebzehnjährigen auseinandersetzen.

Und in der Zwischenzeit sollte sie ihre Theke aufräumen, damit sie heute Abend nicht länger bleiben musste. Sie nahm den Schirm, den Burberry und Eileens Mantel und brachte sie ins Lager. Dann legte sie die Strümpfe, die sich ihre letzte Kundin angesehen hatte, wieder in ihre Verpackung. Sie drehte sich um und schob die Schachtel ins Regal.

Und hörte das unverwechselbare auf- und absteigende Heulen der Luftschutzsirene.

»In unserer langen Geschichte hat man nie einen größeren Tag als den heutigen gesehen. Alle, ob Männer oder Frauen, haben ihr Bestes gegeben.«

WINSTON CHURCHILL, VE-DAY, 8. MAI 1945

LONDON – 7. MAI 1945

»Douglas, die Türen schließen sich!«, schrie Paige auf dem Bahnsteig.

»Beeilen Sie sich!«, drängte Reardon. »Die Bahn fährt gleich …«

»Ich weiß«, sagte sie, während sie versuchte, sich an den beiden Heimwehrsoldaten vorbeizudrängen, die immer noch »It’s a Long Way to Tipperary« sangen. Und eine feste Mauer bildeten. Sie versuchte es auf der anderen Seite, aber da schoben sich Dutzende Menschen in den Wagen und drängten sie zurück. Sie stemmte sich gegen sie.

Die Tür schloss sich langsam. Wenn sie es nicht schaffte, die Bahn zu verlassen, würde sie die anderen verlieren und in der riesigen Menschenmenge nicht wiederfinden. »Ich muss hier bitte raus.« Sie schob sich an zwei stark angetrunkenen Matrosen vorbei. Dafür war kaum noch Platz. Sie hielt die Tür mit beiden Ellenbogen offen.

»Passen Sie auf die Lücke auf, Douglas!«, rief Paige und streckte die Hand aus.

Sie griff danach und verließ halb gehend, halb springend die Bahn. Ihre Füße hatten den Bahnsteig noch nicht berührt, da fuhr die Bahn bereits los und verschwand im Tunnel.

»Gott sei Dank!«, sagte Paige. »Wir dachten schon, wir würden Sie nie wiedersehen.«

Hättet ihr auch nicht, dachte sie.

»Hier entlang!«, rief Reardon fröhlich und wollte über den Bahnsteig zum Ausgang gehen, doch der war ebenso überfüllt wie die Bahn. Sie brauchten eine Viertelstunde, bis sie sich durch die Tunnel bis zu den Rolltreppen vorgearbeitet hatten. Dort sah es nicht besser aus. Leute bliesen lautstark in kleine Metallpfeifen, jubelten, beugten sich über die Geländer und bewarfen Douglas und die anderen mit Konfetti, als sie auf der Rolltreppe nach oben fuhren. Irgendwo schlug jemand auf eine Basstrommel.

Reardon, die fünf Stufen über Douglas stand, drehte sich um und rief: »Bevor wir nach draußen kommen, sollten wir einen Treffpunkt ausmachen! Falls wir uns verlieren!«

»Hatten wir nicht Trafalgar Square gesagt?«, rief Paige zurück.

»Haben wir«, rief Reardon. »Aber wo auf dem Trafalgar Square?«

»Bei den Löwen?«, schlug Paige vor. »Was meinen Sie, Douglas?«

Das wird nicht funktionieren, dachte Douglas. Es gibt vier Löwen und sie stehen genau in der Mitte des Platzes. Und auf dem werden sich Tausende Menschen drängen. Wir werden weder den richtigen Löwen finden noch etwas sehen, wenn wir dort stehen.

Sie brauchten einen erhöhten Punkt, von dem aus sie die anderen sehen konnten. »Die Stufen der National Gallery«, rief sie ihnen zu.

Reardon nickte. »Die Stufen der National Gallery.«

»Wann?«, fragte Paige.

»Mitternacht«, sagte Reardon.

Nein, dachte Douglas. Wenn ich beschließe, heute Abend abzureisen, muss ich spätestens um Mitternacht dort sein und ich werde bestimmt eine Stunde für den Weg brauchen. »Wir können uns nicht um Mitternacht treffen!«, rief sie, aber ihre Stimme ging im Lärm einer Tröte unter, in die ein Schuljunge enthusiastisch hineinblies.

»Die Stufen der National Gallery um Mitternacht«, wiederholte Paige. »Sonst verwandeln wir uns in Kürbisse.«

»Nein, Paige!«, rief sie. »Wir müssen uns vorher …«

Doch zum Glück sagte Reardon bereits: »Das geht nicht. Die U-Bahn fährt heute nur bis halb zwölf und Major Denewell wird uns den Kopf abreißen, wenn wir nicht zurückkommen.«

Halb zwölf. Also musste sie noch früher zum Vorhang aufbrechen.

»Aber wir sind doch gerade erst angekommen«, maulte Paige. »Und der Krieg ist vorbei …«

»Wir sind noch nicht entlassen worden«, sagte Reardon. »Bis es so weit ist …«

»Da haben Sie wohl recht«, stimmte Paige zu.

»Dann treffen wir uns auf den Stufen der National Gallery um Viertel nach elf, einverstanden? Douglas?«

Nein, dachte sie. Ich werde früher aufbrechen müssen, aber ich will nicht, dass ihr auf mich wartet und euch deshalb verspätet.

Sie musste ihnen sagen, dass sie ohne sie zurückfahren sollten, falls sie nicht dort war. »Moment!«, rief sie, aber Reardon verließ bereits die Rolltreppe und trat in eine noch größere Menschenmenge. Sie drehte sich um, sagte: »Folgen Sie mir«, und verschwand im Chaos.

»Warten Sie! Reardon! Paige!«, rief Douglas, während sie die Stufen hinauflief, um Paige aufzuhalten. Doch der Junge mit der Tröte versperrte ihr den Weg. Als sie das Ende der Rolltreppe erreichte, war Reardon schon nicht mehr zu sehen und Paige hatte die Drehkreuze erreicht. »Paige!«, rief sie erneut und lief ihr nach.

Paige drehte sich um.

»Warten Sie auf mich!«, rief Douglas. Paige nickte und wollte zur Seite treten, aber die Menge riss sie mit.

»Douglas!«, rief Paige und zeigte auf die Stufen, die zur Straße führten.

Sie nickte und ging in die Richtung, aber als sie dort ankam, war Paige bereits auf halber Höhe der Treppe und klammerte sich verzweifelt an das Metallgeländer. »Douglas, sehen Sie Reardon irgendwo?«, rief sie herab.

»Nein!«, brüllte sie über den Lärm der jubelnden, lachenden Menge, die sie unaufhaltsam die Treppe zur Straße hinauftrug. »Wenn eine von uns nicht zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt ist, sollten die anderen nicht warten.«

»Was haben Sie gesagt?«, rief Paige. Die Menge wurde immer lauter. Über ihnen rief ein Mann, der eine Melone trug: »Dreimal hoch auf Churchill!«, worauf die Menge gehorsam »Hip, hip, hurra! Hip, hip, hurra! Hip, hip, hurra!« brüllte.

»Ich sagte, Sie sollen nicht auf mich warten!«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Dreimal hoch auf Monty!«, rief der Mann. »Hip, hip, …«

Die jubelnde Menge schob sie aus der Station wie einen Korken aus der Flasche und entließ sie auf die überfüllte Straße. Dort war es noch lauter. Überall wurde gehupt, Glocken läuteten. Eine Polonaise schlängelte sich singend an ihnen vorbei.

Douglas drängte sich zu Paige hindurch und ergriff ihren Arm. »Ich sagte, Sie …«

»Ich verstehe kein Wort, Doug…« Paige hielt inne. »Oh mein Gott!«

Die Menge kollidierte mit ihnen und teilte sich. Sie sorgten für einen Stau, was Paige aber nicht bemerkte. Sie stand da, die Hände auf die Brust gepresst und die Augen weit geöffnet. »Sehen Sie doch. Die Lichter!«

Elektrisches Licht erhellte die Geschäfte, die Markisen eines Kinos und die Buntglasfenster von St. Martin-in-the-Fields. Der Sockel des Nelson-Monuments wurde angestrahlt, ebenso die Löwen und der Springbrunnen. »Haben Sie je zuvor etwas so Schönes gesehen?«, seufzte Paige.

Sie waren schön, aber den Gegenwärtlern mussten sie nach fünf Jahren Verdunkelung wundervoll vorkommen. »Nein.« Sie richtete ihren Blick auf den Trafalgar Square.

Die Säulen von St. Martin’s waren in Fahnen gehüllt und auf dem Vorbau stand ein kleines Mädchen, das mit einer Funken sprühenden weißen Wunderkerze winkte. Suchscheinwerfer strichen über den Himmel und auf der anderen Seite des Platzes brannte ein riesiges Freudenfeuer. Vor nur zwei Monaten – oder zwei Wochen – hätten diese Londoner Tod und Verwüstung mit Feuer assoziiert. Doch nun barg es keinen Schrecken mehr. Sie tanzten um es herum und als sie das Dröhnen eines Flugzeugs über sich hörten, jubelten sie und bildeten mit Zeige- und Mittelfinger ein V – die berühmte »V for Victory«-Geste.

»Ist das nicht fantastisch?«, fragte Paige.

»Ja!«, schrie sie Paige ins Ohr. »Aber hören Sie zu. Wenn ich nicht um Viertel nach elf auf den Stufen bin, dann gehen Sie ohne mich.«

Aber Paige beachtete sie nicht. »Das ist wie in dem Lied«, sagte sie wie hypnotisiert und fing an zu singen: »›When the lights go on again all over the world …‹«

Die Menschen neben ihnen fielen in den Gesang ein, aber der Mann mit der Melone übertönte sie mit seinem Ruf: »Dreimal hoch auf die RAF!«, und wurde selbst von einer Kapelle übertönt, die »Rule Britannia« spielte.

Die feiernde Menge schob Douglas und Paige auseinander. »Warte, Paige!«, schrie Douglas und griff nach ihrem Ärmel, aber bevor sie ihn ergreifen konnte, wurde sie von einem Private der britischen Armee gepackt, der sie herumschwang, ihr einen nassen Kuss auf die Lippen gab, sie hinstellte und die nächste Frau packte.

Der ganze Vorgang hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber das war lang genug gewesen. Paige war verschwunden. Douglas versuchte, sie in der Richtung, in die sie sich gewandt hatte, zu finden, gab dann aber auf und machte sich auf den Weg zur National Gallery.

Auf dem Trafalgar Square war, wenn das überhaupt möglich war, noch mehr los als in der Station und auf der Straße. Menschen saßen am Fuß des Nelson-Monuments, auf den Löwen, neben dem Springbrunnen, auf einem Jeep voller amerikanischer Soldaten, die irrwitzigerweise versuchten, ununterbrochen hupend über den Platz zu fahren.

Als sie daran vorbeiging, beugte sich einer der Matrosen heraus und ergriff ihren Arm. »Willst du mitfahren, Schönheit?«, fragte er und zog sie in den Jeep. Dann rief er dem Fahrer mit einem übertrieben britischen Gehabe zu: »Zum Buckingham Palace, guter Mann, nicht trödeln. Ist Euch das recht, Mylady?«

»Nein«, sagte sie. »Ich muss zur National Gallery.«

»Zur National Gallery, Jeeves!«, befahl der Matrose, obwohl der Jeep offensichtlich nirgendwo hinfahren würde. Er war komplett eingekreist. Douglas kletterte auf die Motorhaube und sah sich nach Paige um. »Hey, Schätzchen, wo willst du denn hin?« Der Matrose griff nach ihren Beinen, als sie aufstand.

Sie schlug seine Hände beiseite und warf einen Blick zurück nach Charing Cross, sah aber weder Paige noch Reardon. Sie hielt sich an der Windschutzscheibe fest, als der Jeep sich langsam wieder in Bewegung setzte, und drehte den Kopf in Richtung National Gallery.

»Steig runter, Schätzchen!«, rief der Matrose, der den Jeep fuhr. »Ich kann nichts sehen.«

Der Jeep kam nur ein paar Meter weit, dann musste er anhalten, weil Leute auf die Motorhaube stiegen. Der Fahrer hupte und die Menge teilte sich kurz, sodass er noch ein paar Meter weit kam.

Aber er entfernte sich von der National Gallery. Douglas musste ihn verlassen. Als die Polonaise sich vor ihm vorbeischlängelte und ihn zum Anhalten zwang, sprang sie von der Motorhaube. Sie watete durch die Menge in Richtung National Gallery und suchte die Stufen nach Paige und Reardon ab. Eine Glocke läutete und sie sah zurück zur Uhr an St. Martin-in-the-Fields. Viertel nach zehn. Schon?

Wenn sie heute noch zurückwollte, dann musste sie spätestens um elf an der U-Bahn-Station sein. Sonst würde sie den Vorhang nicht rechtzeitig erreichen. Aber sie würde schon so lange brauchen, um zur National Gallery zu kommen. Sie musste umdrehen.

Aber sie wollte nicht abreisen, ohne sich von Paige zu verabschieden. Sie konnte sich zwar nicht richtig verabschieden, da sie als Ausrede eine kranke Mutter, zu der sie dringend nach Hause musste, benutzen würde. Theoretisch durfte sie ohne Erlaubnis nicht gehen, aber der Krieg war vorbei und man würde sie in den nächsten Tagen ohnehin entlassen.

Sie wollte heute Abend zurückgehen, da ihr gesamter Posten in London war, was ihr die heimliche Abreise erleichtern würde. Aber wenn sie morgen ging – obwohl das schwieriger war –, würde sie zumindest alle ein letztes Mal sehen können. Und sie wollte nicht, dass Paige auf sie wartete, die letzte Bahn verpasste und Ärger bekam.

Aber Paige würde doch sicherlich begreifen, dass sie sich wegen des Gedränges verspätete, und ohne sie gehen. Da der Krieg vorbei war, musste sie ja nicht mehr befürchten, dass Douglas einer V-2 zum Opfer gefallen war. Und selbst wenn sie blieb, wie sollte sie Paige in diesem Chaos finden? Die Stufen der National Gallery waren voller Menschen. Sie würde Paige nie … nein, da war sie. Sie beugte sich über das steinerne Geländer und sah sich nervös in der Menge um.

Douglas winkte ihr zu – eine sinnlose Geste, da um sie herum überall Menschen den Union Jack schwenkten – und drängte sich entschlossen bis zu den Stufen durch. Sie wich nach links aus, als sie das Grölen der Polonaise von rechts hörte.

Auf den Stufen drängten sich Menschen. Douglas ging bis zum Rand in der Hoffnung, dass dort weniger los sein würde.

So war es auch, zumindest marginal. Sie arbeitete sich nach oben vor, ging zwischen Menschen hindurch und stieg über sie hinweg. »Entschuldigung … tut mir leid … Entschuldigung.«

Ihr Herz setzte aus, als auf einmal eine Sirene aufheulte. Auf dem gesamten Platz wurde es still, während die Menschen lauschten, und dann, als sie erkannten, dass es sich um die Freigabe handelte, jubelten sie.

Direkt vor Douglas saß ein kräftiger Arbeiter auf der Stufe. Er vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte, als würde ihm etwas das Herz zerreißen. »Alles in Ordnung?«, fragte Douglas besorgt und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er sah auf. Tränen liefen ihm über das gerötete Gesicht. »Mir könnte es nicht besser geh’n«, sagte er. »Hat die Freigabe für gesorgt.« Er stand auf, damit sie vorbeigehen konnte, und wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Was Schöneres hab ich in meinem ganzen Leben noch nich’ gehört.«

Er nahm ihren Arm und half ihr auf die nächste Stufe. »Bitte schön. Lasst sie mal durch, Jungs!«, rief er den Leuten über sich zu.

»Danke«, sagte sie erleichtert.

»Douglas!« Paige winkte hektisch von oben. Sie kämpften sich durch die Menge aufeinander zu. »Wo warst du denn?«, wollte Paige wissen. »Ich habe mich umgedreht und da warst du weg. Hast du Reardon gesehen?«

»Nein.«

»Ich dachte, ich würde sie oder die anderen vielleicht von hier oben entdecken«, sagte Paige. »Aber bisher hatte ich kein Glück.«

Als Douglas einen Blick auf die Menge warf, wunderte sie das nicht. Zehntausend Menschen hatten sich am VE-Day angeblich auf dem Trafalgar Square versammelt, aber Douglas kam es so vor, als seien so viele bereits an diesem Abend hier. Sie lachten und jubelten und warfen ihre Hüte in die Luft. Die Polonaise schlängelte sich auf die Portrait Gallery zu. An ihre Stelle trat eine Reihe Frauen im mittleren Alter, die einen irischen Jig tanzten.

Sie versuchte, all das zu verinnerlichen und sich kein Detail dieses fantastischen historischen Ereignisses, das sie beobachtete, entgehen zu lassen. Die junge Frau, die mit drei Offizieren des Royal-Norfolk-Regiments im Springbrunnen plantschte. Die Pummelige, die zwei hart aussehenden Soldaten Mohnblumen schenkte und von ihnen gleichzeitig auf die Wangen geküsst wurde. Der Bobby, der versuchte, eine junge Frau vom Nelson-Monument zu ziehen, und die junge Frau, die sich zu ihm hinunterbeugte und ihm Luftschlangen ins Gesicht blies. Und der Bobby, der daraufhin lachte. Sie sahen nicht aus wie Menschen, die einen Krieg gewonnen hatten, sondern wie Menschen, die man aus dem Gefängnis entlassen hatte.

So war es auch.

»Da!«, schrie Paige. »Da ist Reardon.«

»Wo?«

»Beim Löwen.«

»Welchem Löwen?«

»Dem Löwen.« Paige zeigte auf ihn. »Dem ein Teil der Nase fehlt.«

Dutzende Menschen drängten sich um den Löwen oder saßen auf seinem schrägen Rücken, dem Kopf und den Tatzen. Eine war während des Blitzkriegs abgesprengt worden. Ein Matrose, der auf dem Rücken des Löwen saß, setzte ihm seine Kappe auf den Kopf.

»Sie steht schräg links vor ihm«, erklärte Paige. »Siehst du sie nicht?«

»Nein.«

»Neben dem Laternenpfahl.«

»Der, auf den der Junge klettert?«

»Ja. Und jetzt sieh nach links.«

Douglas ließ ihren Blick über die Leute gleiten, die dort standen: ein Matrose, der mit seiner Kappe winkte, zwei ältere Frauen, die schwarze Mäntel mit rot-weiß-blauen Rosetten am Revers trugen, eine blonde Jugendliche in einem weißen Kleid, eine hübsche Rothaarige in einem grünen Mantel …

Mein Gott, die sieht aus wie Merope Ward, dachte Douglas. Und diesen unmöglichen grünen Mantel hatten ihr bestimmt die Idioten im Kostümfundus gegeben und behauptet, die Gegenwärtler hätten so etwas am VE-Day getragen.

Die junge Frau jubelte nicht und lachte auch nicht. Sie betrachtete ernst die Stufen vor der National Gallery, als wolle sie sich jedes Detail einprägen. Das war definitiv Merope.

Douglas hob die Hand, um ihr zuzuwinken.

»Es wird kein nächstes Mal geben, wenn dieser Krieg verloren wird.«

EDWARD R. MURROW, 17. JUNI 1940

LONDON – 26. OKTOBER 1940

Einen Moment lang stand Polly mit der Strumpfschachtel in der Hand und mit klopfendem Herzen einfach nur da und lauschte dem Heulen der Sirene. Dann sagte Doreen: »Oh nein, kein Luftangriff! Ich war mir sicher, dass es heute keinen geben würde.«

So war es auch, dachte Polly. Das muss ein Irrtum sein.

»Und ausgerechnet jetzt.« Doreen klang frustriert. »Da kommen Kunden.« Sie zeigte auf den sich öffnenden Aufzug.

Oh nein, müssen Mike und Eileen ausgerechnet jetzt kommen? Polly eilte zum Aufzug, um sie abzufangen, aber nicht sie traten heraus, sondern zwei elegant gekleidete junge Frauen. »Es herrscht leider gerade Fliegeralarm«, sagte Miss Snelgrove, die ebenfalls zum Aufzug gekommen war, »aber wir haben einen sehr gemütlichen und speziell verstärkten Schutzraum im Haus. Miss Sebastian wird Sie nach unten bringen.«

»Hier entlang.« Polly führte sie durch die Tür und die Treppe hinunter.

»Ach du meine Güte«, sagte eine der jungen Frauen. »Und das ausgerechnet nach der Sache mit Padgett’s gestern Abend …«

»Ich weiß«, erwiderte die andere. »Hast du gehört, dass fünf Menschen dabei umgekommen sind?«

Gott sei Dank sind Mike und Eileen nicht hier, dachte Polly. Aber es war durchaus möglich, dass sie auf dem Weg nach oben gewesen waren, als die Sirene losheulte, und nun im Schutzraum saßen. Dort würde das Thema garantiert aufkommen. Und Mike würde in seinem Glauben, dass es sich dabei um eine Diskrepanz handelte, bestärkt werden.

»Hielten sich diese Opfer im Schutzraum von Padgett’s auf?«, fragte die erste junge Frau besorgt. Sie musste schreien, um sich über den Lärm der Sirene verständlich zu machen. Im Treppenhaus von Padgett’s hatten die Sirenen dumpfer und leiser geklungen, doch hier wurde der Schall von den Wänden zurückgeworfen, wodurch sie lauter klangen als auf den Etagen.

»Das weiß ich nicht«, rief die andere. »Heutzutage ist man ja nirgendwo mehr sicher.« Und dann erzählte sie von einem Taxi, das einen Tag zuvor getroffen worden war.

Sie hatten den Keller fast erreicht. Hoffentlich sind Mike und Eileen nicht da, dachte Polly, die den beiden Frauen nur mit einem Ohr zuhörte. Hoffentlich …

»Wenn ich mein Paket nicht mit ihrem verwechselt hätte«, sagte die junge Frau gerade, »wären wir beide ums Leben gekommen …«

Die Sirene verstummte. Einen Moment herrschte Stille, dann erklang die Freigabe.

»Fehlalarm«, sagte die andere junge Frau fröhlich. Sie machten sich wieder auf den Weg nach oben. »Sie haben bestimmt einen unserer Jungs für einen deutschen Bomber gehalten.« Das war die wahrscheinlichste Erklärung, was nicht hieß, dass Mike sich davon überzeugen lassen würde. Polly hoffte, dass er und Eileen nicht in Hörweite der Sirene gewesen waren.

Doch die Frauen wussten von den fünf Opfern, also stand das in den Zeitungen und die Zeitungsjungen würden es auf ihre Nachrichtentafeln schreiben und lautstark verkünden. Man konnte das nicht vor Mike verheimlichen. Und eine Verkäuferin konnte eine Kundin auch nicht fragen: »Woher wissen Sie von den Opfern?«

Polly hoffte, dass die junge Frau das Thema noch einmal anschneiden würde, aber die beiden konzentrierten sich jetzt auf den Kauf unterarmlanger Handschuhe. Sie brauchten eine Stunde, um sich für ein Paar zu entscheiden, und als sie gingen, waren Mike und Eileen immer noch nicht da. Das ist gut, dachte Polly. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass sie die Sirene nicht gehört haben. Aber es war schon nach zwei. Wo blieben sie?

Mike hat einen Zeitungsjungen »Fünf Tote bei Padgett’s« schreien hören und ist zum Leichenschauhaus gefahren, um sie sich anzusehen, dachte Polly besorgt, aber als Mike und Eileen eine halbe Stunde später eintrafen, erwähnten sie die Opfer nicht einmal. Sie waren bei Theodore aufgehalten worden.

»Theodore wollte mich nicht gehen lassen«, erklärte Eileen. »Er hat so ein Theater gemacht, dass ich dableiben und ihm eine Geschichte vorlesen musste.«

»Und auf dem Weg zurück sind wir zu einem Reisebüro gegangen, das Eileen entdeckt hatte«, sagte Mike. »Wir wollten eine Karte kaufen, aber es ist letzte Nacht bombardiert worden.«

»Der Besitzer war da«, fügte Eileen hinzu, »und sagte, es gäbe noch ein Büro auf der Charing Cross Road, aber …«

Miss Snelgrove warf ihnen von Doreens Theke missbilligende Blicke zu. »Das könnt ihr mir zu Hause erzählen.« Polly gab ihnen die Mäntel, ihren Hausschlüssel und Mrs. Learys Adresse. »Ich werde mich vielleicht verspäten«, erklärte sie.

»Sollten wir zur U-Bahn-Station gehen, wenn die Luftangriffe anfangen, bevor du zurück bist?«, fragte Eileen nervös.

»Nein, bei Mrs. Rickett kann euch nichts passieren«, flüsterte Polly. »Geht jetzt. Ich darf meinen Job nicht verlieren. Wir haben ja nur den einen.«

Polly sah ihnen nach, als sie gingen, und hoffte, dass sie zu beschäftigt mit ihrer neuen Umgebung sein würden, um mit anderen über Padgett’s oder Luftangriffe bei Tag zu sprechen. Sie hatte am nächsten Tag zum Krankenhaus gehen wollen, um herauszufinden, ob es wirklich fünf Tote gegeben hatte, aber wenn das bereits in den Zeitungen stand, dann musste sie das vorziehen. Sie würde heute Abend zum Krankenhaus fahren und die arme Eileen ganz allein Mrs. Ricketts Kochkünsten aussetzen.

Aber sie hätte ebenso gut direkt nach Hause fahren können. Sie durfte Marjorie nicht besuchen und die strenge Aufsichtskrankenschwester erzählte ihr nichts. Als sie die Pension erreichte, saß Eileen mit ihrer Tasche im Salon, obwohl Polly die anderen im Esszimmer hören konnte. »Wieso isst du nicht zu Abend?«, fragte Polly.

»Mrs. Rickett sagte, ich müsse ihr mein Lebensmittelmarkenheft geben, und als ich ihr von Padgett’s erzählte, erklärte sie, es gäbe erst Mahlzeiten, wenn ich ein neues hätte. Und Mike war nicht hier …«

»Ist er bei Mrs. Leary?«

»Nein. Er hat alles mit ihr geklärt und ist zuerst zu einem Reisebüro in der Regent Street gefahren und dann zu seinem alten Zimmer, um seine Sachen abzuholen. Er sagte, wir sollten nicht auf ihn warten, sondern uns mit ihm in Notting Hill Gate treffen. Wann gehen die Luftangriffe heute Abend los?«, fragte sie nervös.

»Psst«, flüsterte Polly. »Darüber sollten wir hier nicht reden. Komm mit ins Zimmer.«

»Das geht nicht. Mrs. Rickett sagte, ich müsse sie zuerst bezahlen.«

»Bezahlen? Hast du ihr nicht gesagt, dass du zu mir ziehst?«

»Ja, aber sie will trotzdem zehn Shilling und sechs Pence von mir.«

»Ich rede mit ihr«, sagte Polly grimmig und nahm Eileens Tasche. Sie brachte sie in ihr Zimmer und ging dann hinunter in die Küche, um Mrs. Rickett zur Rede zu stellen.

»Als ich eingezogen bin, sagten Sie, ich müsse das Doppelzimmer voll bezahlen«, argumentierte Polly. »Dass es jetzt noch teurer …«

»Es gibt viele Interessenten für das Zimmer, wenn Sie es nicht mehr wollen«, sagte Mrs. Rickett. »Heute haben sich schon drei Armee-Krankenschwestern nach einem Zimmer erkundigt.«

Und denen hätten Sie die dreifache Miete für das Doppelzimmer abgeknöpft, hätte Polly sie beinahe angefahren, aber sie durfte nicht riskieren, dass Mrs. Rickett sie rauswarf. Eileen hatte Theodores Mutter diese Adresse gegeben und Mrs. Rickett würde dem Rettungsteam, sollte es auftauchen, bestimmt nicht sagen, wohin ihre ehemaligen Mieter gezogen waren. Also bezahlte Polly die zehn Shilling und sechs Pence und ging wieder nach oben.

Miss Laburnum kam gerade aus ihrem Zimmer. Sie hatte eine Tasche voller Kokosnussschalen dabei und eine leere Glasflasche. »Für Ernests Flaschenpost«, erklärte sie. »Sir Godfrey sagte, ich solle eine Whiskyflasche besorgen, aber da Mrs. Brightford mit ihren Töchtern auch dabei ist, hielt ich Orangensaft für angemessener …«

Polly unterbrach sie. »Würden Sie Sir Godfrey ausrichten, dass ich es heute vielleicht nicht zur Probe schaffe? Ich muss meiner Cousine helfen, sich einzurichten.«

»Ach ja, das arme Ding«, sagte Miss Laburnum. »Kannte sie eines der fünf Opfer?«

Oh nein. Miss Laburnum wusste ebenfalls von den Todesfällen. Jetzt musste sie Mike und Eileen auch noch von der Schauspieltruppe fernhalten.

»Waren es Verkäuferinnen?«, fragte Miss Laburnum.

»Nein«, sagte Polly, »aber die Sache hat meine Cousine sehr verstört, deshalb wäre es sehr nett, wenn Sie sie ihr gegenüber nicht erwähnen würden.«

»Oh, natürlich nicht«, versicherte Miss Laburnum Polly. »Wir wollen es ja nicht schlimmer machen.« Polly war sich sicher, dass sie es ernst meinte, aber früher oder später würde jemand aus der Pension eine Bemerkung fallen lassen. Sie musste am nächsten Tag mit Marjorie reden.

»Ganz schrecklich«, sagte Miss Laburnum. »So viele Tote und wer weiß, wie das noch endet.«

»Ja.« Polly war erleichtert, als die Sirenen aufheulten. »Es wäre nett, wenn Sie Sir Godfrey ausrichten würden, weshalb ich nicht kommen kann.«

»Aber Sie können doch während eines Luftangriffs nicht hierbleiben, oder, Miss Hibbard?«, fragte sie ihre Mitmieterin, die gerade mit einem Schirm und ihrem Strickzeug in den Händen aus ihrem Zimmer eilte.

»Nein, nein«, sagte Miss Hibbard. »Das ist viel zu gefährlich. Mr. Dorming, sagen Sie Miss Sebastian, dass sie und ihre Cousine mitkommen müssen.«

Eileen würde bestimmt gleich die Tür öffnen, um herauszufinden, was im Gang los war. »Wir kommen zum Schutzraum, sobald ich ihr alles gezeigt habe«, versprach Polly, um die anderen loszuwerden. Sie führte sie nach unten.

»Beeilen Sie sich«, sagte Miss Laburnum an der Tür. »Sir Godfrey wollte heute die Szene zwischen Crichton und Lady Mary proben.«

»Ich schaffe das vielleicht wegen meiner Cousine nicht …«

»Sie können sie doch mitbringen«, sagte Miss Laburnum.

Polly schüttelte den Kopf. »Sie braucht Ruhe.« Und die Abwesenheit von Leuten, die wissen, dass es fünf Opfer gegeben hat. »Richten Sie Sir Godfrey aus, dass ich morgen Abend dabei sein werde. Versprochen«, und sie lief wieder nach oben.

Sie wartete, bis sie hörte, wie sich Mrs. Rickett den anderen anschloss, dann ging sie in die Küche. Sie setzte Wasser auf, stapelte Brot, Margarine, Käse und Besteck auf ein Tablett, kochte Tee und brachte alles nach oben zu Eileen.

»Mrs. Rickett sagte, dass wir kein Essen mit ins Zimmer nehmen dürfen«, begrüßte sie Eileen.

»Dann hätte sie dir etwas zu essen geben sollen.« Polly stellte das Tablett aufs Bett. »Obwohl es eigentlich ein Segen ist, dass sie das nicht getan hat. Das hier ist ein viel besseres Abendessen.«

»Aber die Sirene«, sagte Eileen ängstlich. »Sollten wir …«

»Die Luftangriffe gehen erst um zwanzig Uhr sechsundvierzig los.« Polly bestrich eine Brotscheibe mit Margarine und gab sie Eileen. »Und ich habe doch gesagt, dass wir hier sicher sind. Mr. Dunworthy hat diese Adresse höchstpersönlich genehmigt.«

Sie goss Eileen eine Tasse Tee ein. »Ich habe heute noch die Namen einiger Flugplätze herausgefunden«, und sie las sie Eileen vor, aber die schüttelte bei jedem den Kopf.

»War es vielleicht Hendon?«, fragte Polly.

»Nein, tut mir leid. Ich weiß, dass ich den Namen erkennen werde, wenn ich ihn sehe. Wenn wir doch nur eine Karte hätten.«

»Wart ihr in dem Reisebüro auf der Charing Cross Road?«

»Ja, aber der Besitzer wollte wissen, wozu wir eine Karte brauchen, und hat uns alle möglichen Fragen gestellt. Er hat sogar Mike nach seinem Akzent gefragt. Ich dachte, er würde uns verhaften lassen. Mike vermutet, dass er uns für deutsche Spione hielt.«

»Das kann schon sein«, sagte Polly. »Daran hätte ich denken sollen. Hier hängen überall Plakate, die die Leute auffordern, auf Fremde zu achten, die sich verdächtig verhalten – Fotos von Fabriken machen oder nach unseren Verteidigungsanlagen fragen. Der Kauf einer Karte fällt natürlich auch darunter.«

»Aber wie kriegen wir dann eine?«

»Ich weiß nicht. Ich sehe morgen mal in der Bücherabteilung von Townsend Brothers nach. Vielleicht gibt es da einen Atlas oder so etwas.«

»Haben sie ein ABC?«, fragte Eileen.

»Ja, in dem habe ich die Züge nach Backbury nachgeschlagen.« Polly fragte sich, wieso sie nicht selbst auf die Idee gekommen war, ein Kursbuch zu benutzen. Darin wurden die Stationen alphabetisch aufgeführt. Sie würden Geralds Flugplatz unter D finden. Oder unter T. Oder unter P. »Hast du ein ABC benutzt, um die Kinder nach London zu bringen?«

»Nein, aber in einem von Agatha Christies Romanen wird ein Mord mithilfe eines ABCs aufgeklärt«, sagte Eileen. »Und damit werden wir auch unser Rätsel lösen.«

Wenn es doch nur so einfach wäre, dachte Polly.

Eileen sah zur Decke hinauf. »Höre ich da Bomber?«

»Nein, Regen. Aber zum Glück haben wir einen Schirm«, sagte Polly leichthin.

Sie brachte die Überreste des Abendessens nach unten, machte Mike ein Sandwich und brach mit Eileen nach Notting Hill Gate auf. Es schüttete – ein eisiger Regen, der Polly daran erinnerte, wie gut es gewesen war, dass Miss Laburnum Eileen einen Mantel besorgt hatte. Gleichzeitig wünschte sie sich, Miss Laburnum hätte einen zweiten Schirm mitgebracht. Sie konnte sich nicht unter Eileens zwängen und sie gleichzeitig durch die nassen, dunklen Straßen führen. Zweimal trat sie auf dem Weg in knöcheltiefe Pfützen.

»Ich hasse es hier«, sagte Eileen. »Ist mir egal, ob ich wie Theodore klinge. Ich will nach Hause.«

»Hast du Theodores Mutter deine neue Adresse gegeben, damit das Rettungsteam dich finden kann?«

»Ja, und auch ihrer Nachbarin Mrs. Owen. Und in der Bahn von Stepney hierher habe ich dem Vikar geschrieben. Ich wollte dich noch etwas fragen. Meinst du, ich sollte auch Alf und Binnie meine neue Adresse geben?«

»Sind das die Kinder, von denen du mir erzählt hast? Die Heuballenanzünder?«

»Ja«, sagte Eileen. »Wenn ich ihnen sage, wo ich bin, werden sie das wahrscheinlich als Einladung betrachten, und sie sind …«

»Schrecklich«, sagte Polly an ihrer Stelle.

»Ja, und das Rettungsteam könnte nur vom Vikar erfahren, wo sie leben. Und der weiß ja, wo ich bin, deshalb müsste das Rettungsteam ihn nicht …«

»Dann musst du sie auch nicht kontaktieren.« Polly ging mit Eileen die Treppe, die in die U-Bahn-Station führte, hinunter und hoffte, dass sie niemandem aus der Schauspieltruppe begegnen würden. »Wo wollte Mike sich mit uns treffen? Am Ende der Rolltreppe?«

»Nein, bei der Nottreppe. Es gibt hier auch eine, genau wie in Oxford Circus.«

Gut, dachte Polly und folgte Eileen durch den Tunnel. Da werden wir vor den anderen sicher sein. Und wenn Mike in dem Treppenhaus auf uns wartet, kann er auch keine Unterhaltungen über Padgett’s mithören.

Aber Mike war nicht dort. Eileen und Polly gingen drei Etagen nach oben und drei nach unten, während sie seinen Namen riefen, aber es gab keine Reaktion. »Sollten wir nach Oxford Circus fahren?«, fragte Eileen. »Da wollten wir uns doch treffen, sollten wir getrennt werden.«

»Nein, er wird gleich schon auftauchen.« Polly setzte sich auf die Stufen.

»Über der Regent Street gibt es heute doch keine Luftangriffe, oder?«, fragte Eileen ängstlich.

»Nein, nur über der City und …«

»Meinst du damit die Innenstadt?« Eileen sah nervös zur Decke. »In welchem Teil denn?«

»Nein, ich meine die City of London. Das ist die Gegend rund um St. Paul’s.« Und der Fleet Street, fügte Polly in Gedanken hinzu. »Das ist weit weg von hier. Später wird noch Whitechapel bombardiert.«

»Whitechapel?«

»Ja. Warum? Mike wollte doch nicht dorthin, oder?«

»Nein, aber da leben Alf und Binnie Hodbin.«

Großer Gott. Whitechapel hatte es noch schlimmer getroffen als Stepney. Das Viertel war fast vollständig zerstört worden.

»Wurde das schwer bombardiert?«, fragte Eileen ängstlich. »Meine Güte, vielleicht hätte ich den Brief doch nicht zerreißen sollen.«

»Welchen Brief?«

»Den des Vikars. Er wollte Alf und Binnie nach Kanada schicken. Ich hatte Angst, dass sie auf der City of Benares landen würden, deshalb habe ich den Brief Mrs. Hodbin nicht gegeben.«

Gott sei Dank verspätet sich Mike und hört das nicht, dachte Polly. Es würde ihr schon schwer genug fallen, ihn davon zu überzeugen, dass es sich bei den fünf Opfern von Padgett’s nicht um eine Diskrepanz handelte. Er musste nicht auch noch erfahren, dass Eileen durch das Zerreißen des Briefs den Hodbins möglicherweise das Leben gerettet hatte.

Allerdings hätten sie auch mit vielen anderen Schiffen nach Nordamerika fahren können. Ebenso gut hätte das Evakuierungskomitee sie nach Australien oder Schottland schicken können. Und selbst wenn man sie der City of Benares zugeteilt hätte, hieß das nicht, dass sie auch auf dem Schiff gelandet wären. Ihr Zug hätte sich verspäten können. Vielleicht hätte man sie auch vom Schiff geworfen, weil sie Verdunkelungsstreifen auf die Liegestühle gemalt oder sie gleich angezündet hatten.

Aber sie bezweifelte, dass Mike sich von ihren Argumenten überzeugen lassen würde, vor allem nicht, wenn er von Padgett’s erfuhr. Er würde durchdrehen und endgültig davon überzeugt sein, dass er den Krieg verloren hatte. Dann musste sie ihm vom VE-Day erzählen, denn nichts anderes würde ihn von dieser Überzeugung abbringen. Aber dann würden er und Eileen von Pollys Frist erfahren und allem anderen. Und dann würden sie sich noch größere Sorgen machen. Und diese Diskrepanz …

Ich muss die Wahrheit über die Opferzahl erfahren, bevor er davon hört, dachte Polly. »Erwähne Alf und Binnie nicht gegenüber Mike«, sagte sie zu Eileen. »Und er muss nichts von dem Brief wissen. Und auch nicht, dass du den Kindern deine neue Adresse nicht gegeben hast.«

»Aber vielleicht sollte ich ihnen schreiben. Und ihnen sagen, dass es in Whitechapel gefährlich ist.«

Das dürften sie schon gemerkt haben. »Ich dachte, dass sie nicht wissen sollten, wo du bist.«

»Aber es ist doch meine Schuld, dass sie hier sind und nicht in Kanada. Und Binnie hat sich noch nicht vollständig von den Masern erholt. Sie wäre fast gestorben und …«

»Das hast du mir nicht erzählt«, sagte Polly.

»Sie hatte schrecklich hohes Fieber. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also habe ich ihr Aspirin gegeben …«

Und zum Glück hörte Mike das auch nicht.

»Wenn Alf und Binnie meinetwegen in Gefahr sind«, fuhr Eileen fort, »dann muss ich …«

»Psst«, unterbrach Polly sie. »Da kommt jemand.«

Sie lauschten. Unten wurde eine Tür geschlossen, dann hörten sie, wie jemand die eisernen Stufen heraufstieg.

»Eileen? Polly? Seid ihr da oben?«

»Das ist Mike.« Eileen lief ihm entgegen. »Wo warst du?«

»Wo ich schon längst hätte hingehen sollen.«

Oh nein, er war im Leichenschauhaus, dachte Polly. Er weiß von den fünf Opfern.

Aber als er die Stufen heraufkam, sagte er fröhlich: »Ich habe eine ganze Reihe Flugplatznamen herausgefunden und ich habe einen Job, also müssen wir nicht mehr allein von Pollys Gehalt leben.«

»Einen Job?«, sagte Eileen. »Aber wie willst du Gerald suchen, wenn du arbeiten musst?«

»Der Daily Express hat mich als freien Korrespondenten angeheuert. Das heißt, dass ich aktiv nach Nachrichten suche – zum Beispiel auf Flugplätzen – und pro Artikel bezahlt werde. Ich konnte keine Karte finden, also war ich im Archiv des Express und habe in alten Ausgaben nach Flugplätzen gesucht …«

Auf die Idee hätten wir wirklich schon früher kommen können, dachte Polly.

»Als ich dort erzählte, dass ich als Reporter in Dünkirchen gewesen sei, haben sie mich sofort angeheuert. Das Beste ist, dass ich einen Presseausweis bekommen habe. Das heißt, dass ich Zugang zu den Flugplätzen haben werde. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, welcher es ist.« Er zog eine Liste aus der Tasche. »Was ist mit Digby? Oder Dunkeswell?«

»Nein, der Name besteht aus zwei Worten … glaube ich«, sagte Eileen.

»Great Dunmow?«

»Nein. Vielleicht fängt er aber auch mit einem B an und nicht mit einem D.«

Also hat sie keine Ahnung, mit welchem Buchstaben er anfängt, dachte Polly. »Boxted«, schlug sie vor.

»Nein.«

»B«, murmelte Mike, während er die Liste durchging. »Bentley Priory?«

Eileen runzelte die Stirn. »Das klingt so ähnlich, aber …«

»Bury St. Edmunds?«

»Nein, obwohl vielleicht … ach, ich weiß es nicht!« Sie hob frustriert die Hände. »Es tut mir leid.«

»Keine Angst, wir finden den schon.« Mike faltete die Liste zusammen. »Es gibt noch jede Menge Flugplätze.«

»Hat Gerald noch irgendetwas anderes über sein Ziel gesagt?«, fragte Polly.

»Nein.« Eileen runzelte konzentriert die Stirn. »Er fragte, wie lange ich in Backbury bleiben würde, und ich sagte, bis Anfang Mai. Und dann sagte er, das sei schade, und wenn ich länger geblieben wäre, hätte er mich an einem Wochenende besucht, um mein ›tristes Dasein‹ aufzuheitern.«

»Hat er gesagt, wie?«

»Wie? Meinst du, ob er mit dem Auto fahren oder den Zug nehmen wollte? Nein, aber er sagte: ›Gibt es in diesem Hinterwäldlerdorf Backbury überhaupt einen Bahnhof?‹«

»Und als ich ihn traf«, warf Mike ein, »sagte er, er müsse noch den Zugfahrplan überprüfen.«

»Gut«, sagte Polly. »Also ist der Flugplatz in der Nähe eines Bahnhofs. Mike, du sagtest, dass er auf dem Weg nach Oxford war?«

»Ja, aber nur zur Vorbereitung. Das war noch nicht sein Einsatz. Er könnte von dort aus überall mit dem Zug hingefahren sein …«

Polly schüttelte den Kopf. »Zu Kriegszeiten sind Reisen unberechenbar. Mr. Dunworthy hätte darauf bestanden, dass er nahe seinem Ziel ankommt. Durch Truppentransporte kommt es zu starken Verspätungen.«

Eileen nickte. »Das stimmt. Der Zug nach Backbury ist manchmal gar nicht gekommen.«

»Also suchen wir einen Flugplatz in der Nähe von Oxford«, stellte Mike fest.

»Oder Backbury«, sagte Polly.

»Oder Backbury. Er befindet sich nahe einem Bahnhof, besteht aus zwei Worten und fängt mit D, P, T oder B an. Das schränkt es doch schon mal stark ein. Wenn wir eine Karte hätten …«

»Daran arbeiten wir. Und ich arbeite an einer Liste aller Luftangriffe.« Polly reichte beiden eine für die nächste Woche.

»Es gibt jeden Abend einen?«, fragte Eileen.

»Leider ja. Im November wird es etwas besser, weil die Luftwaffe da auch andere Städte bombardierte, und während des Winters wird es auch nicht so schlimm.«

»Während des Winters?«, fragte Eileen bestürzt. »Wie lange hat der Blitzkrieg denn gedauert?«

»Bis nächsten Mai.«

»Mai? Aber die Angriffe nahmen ab, oder?«

»Leider nicht. Der schwerste Luftangriff des gesamten Blitzkriegs fand am neunten und zehnten Mai statt.«

»Der schwerste war Mitte Mai?«, fragte Mike.

»Ja. Warum?«

»Nichts. Ist auch egal. Bis dahin werden wir längst weg sein.« Er lächelte Eileen aufmunternd an. »Wir müssen nur herausfinden, wo Gerald ist. Fällt dir noch irgendetwas ein, das uns weiterhelfen könnte? Wo fand die Unterhaltung mit ihm statt?«

»Es gab zwei – eine im Labor, die andere drüben im Oriel, als ich mir dort eine Fahrerlaubnis besorgen wollte. Ach ja, darüber hat er etwas gesagt. Es fing an zu regnen, während er mir erzählte, wie wichtig und gefährlich sein Auftrag sei. Er sah zum Himmel und hob die Hand, so wie man es macht, wenn es richtig stark regnet, und dann zeigte er auf mein Formular – ihr wisst schon, das, das man vor den Fahrstunden ausfüllen muss. Du hattest eines, Polly.«

Polly nickte. »Ein bedrucktes, rot-blaues Formular?«

»Ja, genau. Er zeigte darauf und sagte: ›Steck das besser weg, sonst lernst du nie das Fahren. Zumindest nicht dort, wo ich hingehe.‹ Und dann lachte er, als hätte er etwas wahnsinnig Witziges gesagt. Das macht er ständig. Er hält sich für einen Komiker, dabei sind seine Witze nicht im Geringsten komisch. Und den habe ich erst gar nicht kapiert. Versteht ihr den?«

»Nein.« Polly sah auch keine Verbindung zwischen dem Formular und einem Flugplatz. »Kannst du dich noch an etwas anderes erinnern, das er gesagt hat?«

»Oder an etwas, das während eures Gesprächs passierte«, half Mike. »Was war zu dem Zeitpunkt da los?«

»Linna telefonierte mit jemandem, aber das hatte nichts mit Geralds Einsatz zu tun.«

»Aber es könnte deine Erinnerung an den Namen des Flugplatzes wecken. Versuche dich an jedes Detail zu erinnern, egal wie unwichtig es dir erscheint.«

»Wie der Hundeball«, sagte Eileen eifrig.

»Gerald hatte einen Hundeball?«, fragte Mike.

»Nein. In einem von Agatha Christies Romanen kommt ein Hundeball vor.«

Das ist definitiv unwichtig, dachte Polly.

»In Der Ball spielende Hund«, erklärte Eileen. »Zuerst scheint er nichts mit dem Mord zu tun zu haben, aber dann stellt sich heraus, dass er der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ist.«

»Genau«, sagte Mike. »Schreib alles auf, vielleicht weckt ja etwas deine Erinnerung. Und in der Zwischenzeit möchte ich, dass du am Montag die Kaufhäuser abklapperst und in jedem einen Bewerbungsbogen ausfüllst.«

»Ich kann Miss Snelgrove fragen, ob bei Townsend Brothers jemand gebraucht wird«, bot Polly an.

»Es geht nicht um einen Job«, sagte Mike, »sondern darum, dass sie ihren Namen und ihre Adresse haben, wenn das Rettungsteam hier auftaucht.«

Also haben ihn die Argumente, die ich heute Morgen bei Padgett’s gebracht habe, davon überzeugt, dass er doch nicht die Geschichte geändert hat, dachte Polly. Doch als sie in ihre Mäntel eingewickelt auf dem Treppenabsatz lagen und schliefen, weckte er sie und bedeutete ihr mit einer Geste, ihm an der schlafenden Eileen vorbei in das Stockwerk unter ihnen zu folgen.

»Hast du noch etwas über Padgett’s herausgefunden?«, flüsterte er.

»Nein«, log Polly. »Und du?«

Er schüttelte den Kopf.

Gott sei Dank, dachte Polly. Sobald die Freigabe erfolgt, bringe ich ihn zum Vorhang. Da kann er mit niemandem sprechen. Er wird dort warten, bis ich aus dem Krankenhaus zurückkomme. Aber erst einmal muss ich ihn hier rausbringen, ohne dass Miss Laburnum sich wie eine Klette an uns hängt und losplappert, wie schlimm es sei, dass fünf Menschen …

»Du sagtest, es habe drei Opfer gegeben, richtig?«, fragte Mike.

»Ja, aber die Information in meinem Implantat könnte fehlerhaft sein o…«

»Und der Abteilungsleiter … wie hieß er noch? Feathers?«

»Fetters.«

»Er sagte, alle Angestellten von Padgett’s hätten sich gemeldet.«

»Ja, aber …«

»Ich habe darüber nachgedacht. Was, wenn es sich bei den Opfern um unser Rettungsteam handelt?«

»Aus Metall macht man Waffen. Behaltet euren Lippenstifthalter. Kauft Ersatzfüllungen.«

WERBUNG IN EINER ZEITSCHRIFT, 1944

BETHNAL GREEN – JUNI 1944

Mary warf sich halb auf, halb neben Talbot in die Gosse und lauschte in die Stille hinein, die auf das Knattern des Motors gefolgt war.

»Was in Gottes Namen soll das, Kent?« Talbot wand sich unter ihr.

Mary stieß sie zurück in die Gosse. »Kopf runter!« Die V-1 würde in zwölf Sekunden explodieren. Elf … zehn … nein … Bitte, bitte lass uns weit genug weg sein, betete sie. Sieben … sechs …

»Kopf runter …?« Talbot wehrte sich weiterhin gegen sie. »Haben Sie den Verstand verloren?«

Mary drückte sie nach unten. »Augen bedecken!«, befahl sie und kniff ihre in Erwartung der gleißend hellen Explosion zusammen.

Ich sollte die Hände auf die Ohren pressen, dachte sie, aber sie musste weiterhin Talbot festhalten, die unglaublicherweise immer noch versuchte, aufzustehen. »Bleiben Sie unten! Das ist eine fliegende Bombe!« Mary legte ihre Hand auf Talbots Hinterkopf und drückte sie mit dem Gesicht in die Gosse. Zwei … eins … null …

Ihr adrenalinbeschleunigter Verstand hatte wohl zu schnell gezählt. Sie schlang die Arme um Talbot und wartete auf den Blitz und den ohrenbetäubenden Knall.

Talbot wehrte sich immer heftiger. »Fliegende Bombe?«, sagte sie, während sie sich befreite und auf Hände und Ellenbogen stützte. »Welche fliegende Bombe?«

»Die, die ich gehört habe. Nein …« Mary versuchte vergeblich, sie nach unten zu ziehen. »Die wird jede Sekunde hochgehen. Sie …«

Ein stotterndes Husten, dann erklang das Knattern des Motors erneut. Das kann nicht sein, dachte Mary verwirrt. V-1-Motoren springen nicht wieder an …

»Haben Sie das gehört?«, fragte Talbot. »Das ist keine fliegende Bombe, Sie Dussel. Das ist ein Motorrad.« Noch während sie das sagte, bog ein amerikanischer GI, der auf einer altersschwach aussehenden De Havilland saß, um die Kurve, raste auf sie zu und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen.