Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 402

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Lichter auf dem Meer - Miquel Reina

Es war ein leuchtender Blitz, der all das auslöste … Harold und Mary Rose Grapes sind ein älteres Ehepaar, das nach dem tragischen Tod seines Sohnes seine Jugendträume aufgegeben und sich mit dem eintönigen Leben auf einer abgelegenen Insel begnügt hat. Doch dann schlägt das Schicksal in ihren letzten Lebensjahren auf ziemlich kuriose Weise noch einmal zu. Ausgerechnet in der letzten Nacht in ihrem kleinen, auf einem Tuffsteinfelsen über dem Meer gelegenen Haus, vor dem befürchteten Umzug ins Altersheim, sorgt ein heftiges Unwetter dafür, dass das Holzhaus mit dem fest schlafenden Ehepaar vom Felsen gerissen wird und ins Meer stürzt. So werden die Grapes auf äußerst unerwartete Art zu Schiffbrüchigen, deren schwimmendes Haus immer weiter auf den Ozean hinaustreibt. Und das ist der Anfang einer außergewöhnlichen Reise, die Harold und Mary Rose gemeinsam bestehen und auf der die Gespenster der Vergangenheit bald keinen Platz mehr haben. Einer Reise, die sie bis zu den Inuit führt, wo die Toten sich in Polarlichter verwandeln und ein Zuhause nicht aus vier Wänden besteht, sondern aus geliebten Menschen. Einer Reise, von der die Grapes plötzlich gar nicht mehr wollen, dass sie endet …

Meinungen über das E-Book Lichter auf dem Meer - Miquel Reina

E-Book-Leseprobe Lichter auf dem Meer - Miquel Reina

 

 

 

ISBN 978-3-85179-416-8 Alle Rechte vorbehalten © 2018 by Miquel Reina All rights reserved Die Originalprintausgabe erschien bei Espasa Libros S.L.U., Madrid Titel der spanischen Originalausgabe: Luces en el mar Übersetzung aus dem Spanischen von Anja Rüdiger © 2018 für die deutschsprachige Ausgabe: Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien Covergestaltung: Guter Punkt, München Coverbild: Miquel Reina Konvertierung: CPI books GmbH, Leckwww.thiele-verlag.com   Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhaltsverzeichnis

Cover & Impressum

Widmung

Prolog

Eine ungewisse Zukunft

Das Haus auf der Klippe

Der Blitz

Der Traum, der niemals in Erfüllung ging

Die beiden Gewitter

Die Morgendämmerung

Und was machen wir jetzt?

Wir gehen unter

Die andere Stimme

Allein auf dem Meer

Das Geheimnis des Wassers

Der Mann, der für alles eine Lösung fand

Die Stahlschlange

EIn schlüpfriger Schatten

Die Lichter der Nacht

Die schwimmende Insel

Nichts ist, wie es scheint

Durch den Spiegel

Noch mal von vorn

Im Nebel versteckt

Am Fuß des Berges

Das Zeichen

Ein kleiner gelber Punkt

Weg ohne Wiederkehr

Ein Schiff ohne Namen

Die Begegnung

Irgendwo am Ende der Welt

Nach dem Wind

Isoliert

Unverhoffter Besuch

Weit weg von zu Hause

Ohne Worte

Die Geschichte von Harold und Mary Rose

Ein dunkler Schleier

Stille

Die Eisnomaden

Die große Lücke

Der Aufbruch

Weiße Dunkelheit

Die schlimmste Kälte überhaupt

Kirima

Die alte Frau

Das Glühwürmchen

Ein Loch im Eis

Jenseits des Horizonts

Rückkehr und Aufbruch

Das Eishaus

Die unvollendete Reise

Tauwetter

Ein letzter Abschied

Das Marmeladenglas

Weinstöcke und Hortensien

Das Abenteuer eines ganzen Lebens

Lichter auf dem Meer

Danke

Nachwort

Guide

 

Für meine Mutter – dafür, dass sie mich bei allem, was ich mir im Leben vorgenommen habe, unterstützt hat. Manchmal müssen wir uns verlieren, um uns zu finden.

PROLOG

Es war ein leuchtender Blitz, der all das auslöste. Nachdem er über den tiefblauen nächtlichen Gewitterhimmel gezuckt war, krachte er mit aller Macht in das Dach des Hauses in San Remo de Mar, das einsam auf einer Klippe stand. Für das alte Ehepaar, das dort wohnte, war es die letzte Nacht in dem Häuschen, das nun so lange ihr Zuhause gewesen war. Und auch wenn die beiden das eigentlich wussten, so hätten sie doch niemals auch nur im Entferntesten ahnen können, dass dieser Blitzschlag etwas auslöste, das unglaubliche Folgen haben sollte, auch wenn sich diese erst am nächsten Morgen zeigen würden. Etwas, das manche Leute wohl als Tragödie bezeichnet hätten und das für andere doch wie ein Wunder war.

Bis zum nächsten Morgen fehlten jedoch noch einige Stunden.

Wenn das Ganze vielleicht auch auf andere Art und Weise hätte geschehen können oder wenn es bereits bei den ersten Regentropfen am Nachmittag vorhersehbar gewesen wäre, hätten sie sich dies in jenem Moment dennoch nicht vorstellen können. Der springende Punkt war, dass ihre Geschichte mit jenem leuchtenden Blitz begann, und es gibt ein paar Details, die man nicht außer Acht lassen darf, um die Umstände, die zu jener außergewöhnlichen Lage führten, zu rekonstruieren.

Wer waren die beiden? Wo lebten sie? Was machten sie dort?

Ihre Namen waren Harold und Mary Rose Grape. Die Grapes – oder das Ehepaar Grape, wie sie überall genannt wurden –, wohnten im letzten Haus einer schmalen Straße, die auf einer Klippe endete, und man kann wohl sagen, dass ihr Haus möglicherweise eines der ungewöhnlichsten im ganzen Ort war.

Im Unterschied zu den meisten anderen Häusern und kleinen Läden, die sich weiter unten am Strand zusammendrängten, lag das Haus der Grapes etwas mehr als einen Kilometer von dem malerischen Dorf entfernt, dem Meer trotzend, direkt am Rand der höchsten Klippe auf der Insel: des Todesfelsens.

An klaren Tagen konnte man das gelbe Holzhaus der Grapes aus mehreren Kilometern Entfernung von überall her gut sehen, sei es beim Spaziergang über die fruchtbaren Hügel aus altem Vulkangestein am äußeren Rand der kleinen Insel Brent oder bei einer Bootsfahrt über das ruhige Meer – beides Unternehmungen, die perfekt geeignet waren, um diesen warmen Sonntagmorgen zu genießen. Strände, Wege und die Terrassen der kleinen Cafés füllten sich mit Menschen. Die Einwohner von San Remo de Mar waren gutes Wetter nicht gewohnt und hatten ihre Häuser eilig verlassen, um den seltenen Tag zu nutzen, an dem die Sonne vom Himmel schien, ohne von einer dicken Wolkenschicht bedroht zu werden. Die Grapes jedoch waren wie fast immer zu Hause geblieben. Obwohl im Gegensatz zu den meisten Tagen dieser Sonntag auch für sie ein ganz besonderer war. Und deswegen stand es für sie auch absolut fest, dass sie ihn nicht irgendwo draußen vergeuden würden. Sie wollten diesen Tag in ihrem Haus verbringen und ein letztes Mal den Blick über die alten gemütlichen Holzbretter streifen lassen, aus denen ihr Heim erbaut worden war.

EINE UNGEWISSE ZUKUNFT

Mary Rose Grape hatte den größten Teil jenes Sonntagmorgens damit verbracht, persönliche Erinnerungsstücke in unpersönliche Umzugskisten zu verpacken, wobei sie sich ständig zu der Entscheidung zwingen musste, auf welche Dinge sie in ihrem zukünftigen Heim würden verzichten können. Als sie die letzten Decken ganz hinten aus dem Schrank hervorholte, fiel ein altes Foto vor ihr auf den Boden. Behutsam hob sie es auf, und während sie es umdrehte, spürte sie ein Kribbeln im ganzen Körper, das sich schließlich auf ihre Hände konzentrierte und sich anfühlte, als hielte sie ein Stück Eis darin.

Sie musste sich auf den Rand des Bettes setzen und tief durchatmen, bevor sie den Blick erneut auf das Foto richtete. Es war ein Bild, das sie vor Jahren dort versteckt hatte, um einen allzu tiefen Schmerz zu vergessen. Das Foto war inzwischen ziemlich verblasst, doch die drei Personen, die darauf zu sehen waren, waren noch genau zu erkennen. Ein Mann, eine Frau und ein Kind, alle drei lächelnd und sich im Arm haltend. Und hinter ihnen, von der nachmittäglichen Sonne beleuchtet, ein noch im Bau befindliches Boot.

Die Farben auf dem Bild waren völlig verblichen und hatten über die Jahre ihren Glanz verloren, doch das störte Mary Rose nicht. Sie wusste ganz genau, dass das Haar des Mannes kohlrabenschwarz war und dass sich hinter der Brille seine Augen versteckten, die von einem derart tiefen Blau waren, wie sie es sonst noch niemals gesehen hatte – außer bei dem kleinen Jungen auf dem Foto vielleicht, der die gleiche Augenfarbe hatte. In diesem Moment spürte Mary Rose einen Stich ganz tief in ihrem Herzen und wie das Gift des alten Grolls ihr erneut die Kehle zuschnürte. Noch einmal atmete sie tief durch und wandte den Blick wieder dem Lächeln des Jungen zu, seinem feuchten, glänzenden Haar, das den gleichen kastanienbraunen Farbton hatte wie das lange Haar der Frau mit den grünen Augen, die ihn umarmte.

Eine Träne fiel auf das ovale Glas von Mary Roses Brille, als sie sich an die vielen Nachmittage erinnerte, die sie in der alten Schiffswerft von San Remo verbracht hatten. Damals war es ihr großer Traum gewesen, die Welt jenseits der Insel zu entdecken, ohne Angst vor dem Unbekannten, ohne irgendwelche Dinge, die sie hielten, ohne Schuldzuweisungen. Sie seufzte. In diesem Moment, fünfunddreißig Jahre später, erkannte Mary Rose sich kaum wieder. Wann hatte sie aufgehört, sie selbst zu sein? Und wann hatte sie ihre Träume begraben? Es schmerzte, sich diese Fragen zu stellen und sich einzugestehen, dass ihr nur noch die Angst vor einer Zukunft, die nicht mehr in ihrem Haus stattfinden würde, geblieben war. Das Foto erinnerte sie daran, dass ihr Leben so völlig anders verlaufen war als vorgesehen. Mary Rose betrachtete es ein letztes Mal, dann legte sie es in den Umzugskarton und ging in die Küche hinunter.

Unten, in der übervollen kleinen Werkstatt im Keller, arbeitete Harold Grape an einem seiner Flaschenschiffe, als handelte es sich um einen ganz normalen Tag. Durch die runden Fenster rundherum drang gerade das Licht der Sonne herein, als würde es immer so bleiben. Alles befand sich an seinem Platz. Die Umzugskartons lehnten noch zusammengefaltet an der Waschmaschinen-Trockner-Kombination, auf der ein Stapel Bücher lag. Neben der Entsalzungsanlage und dem riesigen Wasserspeicher türmten sich Dutzende alter Elektrogeräte, und hinter einem verblichenen karierten Vorhang direkt hinter Harolds Werktisch befand sich die Vorratskammer, die nun beinahe leer war.

Auch wenn Harold sich ständig über den wenigen Platz beklagt hatte, der ihm hier unten zur Verfügung stand, hatte er in diesem vollgestopften Raum doch den größten Teil seiner freien Zeit verbracht und war seinen Hobbys nachgegangen. Hier reparierte er dies und das und verrichtete irgendwelche Handwerksarbeiten, die dazu beitrugen, den guten Zustand, in dem sich das alte Haus befand, zu erhalten. Oder er widmete sich seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Einzigen, was ihn an den Tagen, an denen er besonders niedergeschlagen war, aufheitern konnte: Er baute Flaschenschiffe.

Im ganzen Haus waren seine kleinen Kunstwerke zu bewundern, die er mit viel Geschick und Geduld angefertigt hatte. Im Flur, im Wohnzimmer, im Esszimmer und sogar im Badezimmer waren die maßstabsgetreuen Nachbildungen von historischen Schiffen in alten Flaschen, die das Meer an den Strand gespült hatte, ausgestellt gewesen.

Doch nun war im Haus kein einziges Flaschenschiff mehr zu sehen. Alle waren ordnungsgemäß verpackt und mit Luftpolsterfolie umwickelt. Alle außer einem.

Im Unterschied zu den anderen Schiffsnachbildungen steckte die, die Harold jetzt in den Händen hielt, nicht in einer schützenden Flasche, sondern in einem alten Marmeladenglas. Darin schwamm in einem Meer aus Kunstharz herausfordernd sein wertvollstes Schiff; das älteste von allen, das erste, das er gebaut hatte. Dabei handelte es sich nicht mal um ein Schiff mit kunstvollen Verzierungen oder mit authentischen Wappen auf den Segeln. Es war ein einfaches, bescheidenes Segelschiff in Erwartung großer Abenteuer. Ein Schiff, das keinen Namen trug und das Harold lange vor der winzigen Kopie, von der er nun vorsichtig den Staub wegpustete, zu bauen begonnen hatte.

Manchmal meinte Harold sogar noch den Geruch nach Holz, Teer und Meer wahrzunehmen, der die Luft in der Werft erfüllt hatte, wo er als junger Mann gearbeitet hatte. Genauso wie er die Geräusche des Kalfathammers und des Eisens zu hören glaubte, wenn er das Werg zwischen den Planken einschlug, während er die Sonne auf seinem nackten Rücken spürte. Harold erinnerte sich voller Sehnsucht noch an jedes einzelne Schiff, das er in jenen Tagen gebaut hatte, echte Schiffe: Fischerboote, Trawler, Passagierschiffe … Er erinnerte sich an die harte Arbeit und die Schwierigkeiten, aber vor allem an die Freude, die Boote am Ende auslaufen zu sehen. Mit allen Schiffen, an deren Fertigstellung er beteiligt gewesen war, verband er die Erinnerung an schöne Momente, doch nichts war mit der Hingabe und Freude vergleichbar, mit der er das Segelschiff konstruiert hatte, dessen Nachbildung er nun betrachtete. Ein Schiff, das der Gegenstand all seiner Träume gewesen war und das er mit viel Liebe und Ausdauer in seiner freien Zeit zu bauen begonnen hatte. Harold stellte das Marmeladenglas auf den Werktisch, ohne es loszulassen, und seufzte bei dem Gedanken daran, dass keiner dieser Träume jemals jene Werft verlassen hatte; sie waren zerplatzt, bevor das Holz des Schiffes zum ersten Mal das Wasser berührt hatte. Eines Schiffes, das niemals seiner Bestimmung zugeführt worden war, sondern als Abbild eines verlorenen Traums in einem Marmeladenglas endete.

Bei diesem Gedanken durchfuhr ihn ein heftiges Zittern von Kopf bis Fuß und brachte ihn in den schummrigen Keller mit seinem abgestandenen Geruch zurück. Das Glas begann in seiner Hand zu vibrieren, und Harold musste es gut festhalten, damit es nicht auf den Boden fiel. Doch es waren nicht nur er und das Schiff, die zitterten; der ganze Keller erbebte, sodass die Glühbirne, die kraftlos an einem der Deckenbalken hing, hin und her schwankte. Ein paar Sekunden später hörte das Zittern genauso abrupt auf, wie es gekommen war, und alles war wie vorher.

Harold schnaubte verärgert, als er sah, dass das Hauptsegel des Schiffes sich gelöst hatte und auf das winzige Deck gefallen war. Ohne dem kleinen Erdbeben, das sich offenbar gerade ereignet hatte, auch nur die geringste Beachtung zu schenken, setzte er seine Lupenbrille auf und griff nach der langen Pinzette, um den Schaden zu richten. In diesem Moment hörte er von der Kellertreppe her die Stimme seiner Frau.

»Harold, hast du es gemerkt? Diesmal war es aber ziemlich heftig!«

»Nicht heftiger als sonst!«, rief er laut zurück, damit seine Stimme oben am Kellerabgang zu hören war.

»Von wegen! Ein Glück, dass das meiste schon in den Kisten verpackt ist, sonst wäre sicher einiges kaputtgegangen!« Mary Rose machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich fände es besser, wenn du kurz rausgehen und die Stahltrossen überprüfen könntest!«

»Wenn ich hier fertig bin, werfe ich einen Blick drauf, einverstanden?«

»Prima!« Und bevor Mary Rose ging, fügte sie noch hinzu: »In zehn Minuten ist das Essen fertig!«

Für die Grapes war es nichts Neues, dass ihr Haus ab und zu bebte, doch auch nach der langen Zeit hatte sich Mary Rose noch nicht daran gewöhnt. Als sie in die Küche trat, blieb ihr fast das Herz stehen. Der Blumentopf, der auf dem Esstisch gestanden hatte, war heruntergefallen, und die violetten und pinkfarbenen Hortensien lagen entwurzelt zwischen den verteilten glasierten Tonscherben auf dem Boden.

In diesem Moment hatte Mary Rose das Gefühl, mit dem zertrümmerten Topf in die Vergangenheit zu reisen; denn es hatte eine Zeit gegeben, in der dieses Haus nicht einmal in ihren fernsten Gedanken existiert hatte. Plötzlich war sie nicht mehr in der Küche ihres Hauses, sondern in der kleinen Wohnung unten im Ort, in der sie vor vielen Jahren gelebt hatten. Mit einem Mal hatte sie wieder das Geräusch des Regens im Ohr, der gegen das Esszimmerfenster prasselte, und das Zucken der Blitze über dem Meer. So intensiv war die Erinnerung an jene lang zurückliegende Gewitternacht, als ein Topf mit Hortensien wie dieser ihr aus den Händen gefallen und auf den Küchenfliesen zersprungen war, dass sie meinte, alles noch einmal zu erleben. Und wie damals ging ihr der gleiche Gedanke durch den Kopf: Es wird etwas Schlimmes geschehen.

Mary Rose wusste seit damals, dass der kaputte Topf und die Hortensien auf dem Boden mehr als nur ein schlechtes Vorzeichen gewesen waren. Doch auf das, was ihr ein paar Stunden später widerfahren sollte, hätte nichts und niemand sie vorbereiten können. Seit jenem Tag hatte sie überall im Garten immer wieder Hortensien gepflanzt, weil diese Blumen sie daran erinnerten, weil sie das Einzige waren, was sie wachsen lassen konnte, ohne Angst haben zu müssen, es für immer zu verlieren.

Der durchdringende Geruch nach Verbranntem riss sie aus ihren Gedanken. Mary Rose lief zur Anrichte hinüber und nahm eilig die Kasserolle vom Herd, doch es war bereits zu spät. Das Essen war hinüber.

Harold machte es nichts aus zu warten, während Mary Rose mit dem wenigen Fisch, den sie aus dem verkohlten Essen hatte retten können, eine improvisierte Suppe zubereitete. Er hatte sowieso keinen Hunger und nutzte die Zeit, um wie versprochen im Garten nach den Stahltrossen zu sehen.

Er ging die Treppe an der Veranda hinunter und zwischen den unzähligen Hortensienbüschen, die überall im Garten standen, hindurch ums Haus herum. Gleich an der nächsten Ecke befand sich das erste der sechs Stahlseile, die wie bei einem riesigen Zelt vom Dach des Hauses bis zum Boden hinabreichten, wo sie sicher verankert waren. Harold selbst hatte sie Jahre zuvor befestigt, als die Fundamente des Hauses zu beben begonnen hatten, was im Laufe der Zeit zu einer unerbittlichen Erosion des ganzen Felsens führte.

Harold bückte sich, bog die dicht belaubten Hortensien zur Seite, die um das Seil herumwuchsen, und überprüfte die Verankerung, die mehr als zwei Meter tief ins Gestein getrieben war. Im selben Moment wurde ihm klar, dass das, was er da tat, im Grunde keinen Sinn mehr machte. In wenigen Stunden würden sie ihr Haus verlassen müssen. Es spielte also keine Rolle mehr, ob die Seile gut befestigt waren oder nicht. Also richtete er sich wieder auf und setzte seinen Weg fort, ohne den Stahlseilen weitere Beachtung zu schenken. Er ging an den Weinstöcken vorbei, die früher einmal das ganze Grundstück bedeckt hatten und die er selbst zusammen mit seinem Vater gepflanzt hatte, als er noch jung gewesen war und Mary Rose noch gar nicht gekannt hatte.

Lange bevor sie beschlossen hatten, auf dem abgelegenen felsigen Grundstück das Haus zu bauen. Seit Jahren schon trugen die Weinstöcke keine Früchte mehr. Die verkrüppelten Reben waren trocken, von den dicht wachsenden Hortensien erstickt, und trugen weder Blätter noch Früchte, aus denen sie früher die Traubenmarmelade gemacht hatten, die sie so gern aßen. Zärtlich berührte Harold eine kümmerliche Rebe und dachte sehnsüchtig an die Vergangenheit. Doch genau wie es ihm kurz zuvor mit den Stahlseilen ergangen war, wurde ihm auch hier bewusst, dass das Wohl der alten Weinstöcke nicht mehr von Bedeutung war. Denn schon am nächsten Morgen würden weder sie noch das Haus mehr vorhanden sein. Alles würde verschwinden.

Harold trat bis zum felsigen Rand der Klippe vor. Von diesem einzigartigen Aussichtspunkt konnte er den größten Teil der Insel und das grenzenlose Meer, das sie umgab, überblicken. In der Ferne näherte sich vom Horizont her langsam ein leichtes Wolkennetz, doch der Strand war trotzdem noch immer voller Menschen. Die vielen Badegäste schien es nicht zu stören, dass die Sonne nicht mehr mit der gleichen Kraft vom Himmel strahlte. In der Nähe der Klippen konnte er eine Gruppe Surfer sehen, die versuchten, sich auf ihren Brettern zu halten, während er viel weiter entfernt, auf der entgegengesetzten Seite der Insel, wo die Berge sanft zum Meer hin abfielen, die ersten Fischer ausmachte, die den Hafen verließen.

San Remo de Mar war ein kleiner Ort auf einer kleinen, felsigen Insel, verloren inmitten des kalten Meeres und so abgelegen, dass der Rest der Welt keinen Gedanken an sie verschwendete. Ihre Bewohner waren Menschen, die sich in ihrem monotonen, ereignislosen Leben eingerichtet hatten und allem misstrauten: fremden Leuten, Veränderungen und sogar den eigenen Nachbarn.

Wie die meisten Inselbewohner hatten auch Harold und Mary Rose noch keinen Boden jenseits ihrer Heimat betreten, sie waren auch noch nie so weit aufs Meer hinausgefahren, dass sie die Insel nicht mehr sehen konnten. Das Stück Land unter ihren Füßen war ihre ganze Welt, eine winzige Welt, mit der sie sich zufriedengeben mussten und in der genau wie die Blumen und die Weinstöcke um sie herum auch ihr Kummer tief verwurzelt war.

Ein kalter Windstoß fuhr über das Grundstück und riss ein paar Blätter von einer Hortensie, die am Rand der Klippe wuchs. Harold sah ihnen nach und folgte ihrem wilden Tanz, bis sie schließlich im Abgrund verschwanden. Dann ging er wieder ins Haus.

»So was! Jetzt habe ich stundenlang umsonst am Herd gestanden!«, schimpfte Mary Rose vor sich hin, als Harold in die Küche kam.

»Wieso?«, fragte er, während er sich an den Tisch setzte.

»Na, findest du, dass das an einem Tag wie heute ein angemessenes Essen ist?«, meinte sie, während sie die wässrige Suppe mit den angebrannten Fischstückchen servierte.

»Es ist ein Tag wie jeder andere.«

Doch auch wenn Harold versucht hatte, möglichst überzeugend zu klingen, wusste er, als er den Kopf hob und seine Frau ansah, dass es ihm nicht gelungen war. Denn sosehr sie es auch zu leugnen versuchten, wussten sie beide doch, dass dieser Tag überhaupt nicht wie jeder andere war.

»Ist denn draußen alles in Ordnung?«, wechselte Mary Rose das Thema.

»Alles bestens«, entgegnete Harold, während er zusah, wie die angekohlten Fischstücke auf den Boden des Tellers sanken, »wenn ich auch nicht glaube, dass wir jetzt noch dafür sorgen müssen, das Haus möglichst gut instand zu halten.«

Mary Rose nahm einen Löffel von der Suppe und spürte, wie der verbrannte Geschmack sich langsam in ihrem Mund ausbreitete. Sie trank einen Schluck Wasser, was das Brennen in ihrem Inneren jedoch nicht löschen konnte.

»Ich kann mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass dies unsere letzte Nacht hier sein wird …«, meinte sie.

Gerade, als Harold darauf etwas sagen wollte, klingelte es an der Tür. Die Grapes sahen sich verwundert an und legten beinahe geräuschlos die Löffel neben die Teller. Um diese Zeit bekamen sie niemals Besuch; eigentlich bekamen sie zu keiner Zeit Besuch. Es läutete wieder.

»Glaubst du, sie kommen, um uns zu holen?«, flüsterte Mary Rose.

»Ha!«, rief Harold aus. »Ich versichere dir, dass mich niemand früher als vereinbart aus meinem Haus holt!«

»Psst! Schrei doch nicht so!«, sagte Mary Rose leise.

Es hörte nicht auf zu klingeln.

»Ist ja schon gut!«, rief Harold und stand auf. »Wenn sie es sind, werde ich ihnen schon sagen, dass sie uns, wie es in ihrem verdammten Brief steht, erst morgen früh hier rauswerfen können! Und keinen Augenblick eher!«

Harold ging mit großen, entschiedenen Schritten zur Diele hinüber, während Mary Rose ihm zögernd folgte. Wieder läutete es, doch das Klingeln brach ab, als Harold die Tür öffnete. Auf der Schwelle stand eine große schlanke Gestalt, ein Mann in einem eleganten grauen Anzug, der perfekt zu seiner blassen Haut und dem weißen Haar passte.

»Guten Abend, Harold … Rose …«, sagte er, wobei er die Worte mit einer gewissen Niedergeschlagenheit in die Länge zog.

»Guten Abend, Matthew«, sagte Mary Rose.

»Was führt dich her, Bürgermeister?«, sagte Harold knapp.

»Es tut mir leid, wenn ich euch störe, aber ich habe gedacht, es wäre sicher gut, noch einmal vorbeizuschauen. Darf ich reinkommen?«

Harold zögerte einen Moment, doch schließlich ließ er die Tür los und den Bürgermeister eintreten.

Mary Rose machte Tee, und alle drei nahmen sie auf den Sofas Platz, die zu beiden Seiten des Couchtischs standen. Die Atmosphäre war angespannt, und obwohl der Bürgermeister derjenige zu sein schien, der sich am unwohlsten fühlte, ergriff er als Erster das Wort.

»Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, ob ich vorbeikommen sollte oder nicht. Es ist für mich absolut nicht leicht, mit der Situation umzugehen, denn wie ihr wisst, seid ihr vor allem anderen meine Freunde.«

»Wir geben dir nicht die Schuld, Matthew …«, sagte Mary Rose.

Matthew hob den Blick von seiner Teetasse und richtete ihn, in Erwartung einer Reaktion, auf Harold, doch der schien mit den Worten seiner Frau nicht einverstanden zu sein.

»Also Matthew, jetzt pass mal auf«, begann Harold, wobei er versuchte, die in ihm aufsteigende Wut zurückzudrängen, »wenn du gekommen bist, um dein Gewissen zu erleichtern, indem du etwas rechtfertigst, was nicht zu rechtfertigen ist, ist das dein Problem, aber du musst bedenken, dass von morgen an unser Leben nie mehr so sein wird, wie es war.«

»Ich weiß besser als jeder andere, was es für euch bedeutet, dieses Haus zu verlieren …«, erklärte der Bürgermeister bedächtig, »aber glaub mir, ich bin nicht gekommen, damit ich mich besser fühle, ich bin wegen euch hier, um zu fragen, ob ich irgendetwas tun kann, um euch zu helfen.«

»Uns zu helfen?« Harold explodierte. »Denkst du nicht, dass du das viel früher hättest tun sollen?«

»Harold, du weißt, dass die Zwangsräumung nicht Sache der Verwaltung ist«, erwiderte der Bürgermeister, während er nervös die Tasse in seinen knochigen Händen drehte.

»Sehr wohl aber die anschließende Unterbringung!«

»Ja …«, stotterte der Bürgermeister. »Ich habe durchzusetzen versucht, dass ihr etwas Besseres bekommt, aber eure Rente würde für die Miete nicht ausreichen, wie ihr selbst wisst.«

»Und was ist mit Schadensersatz?«

»Du weißt, dass dieses Grundstück keinen Wert hat …«

»Also, dann sag mir, was du getan hast, um uns zu helfen?«

Der Bürgermeister rutschte verlegen auf dem Sofa hin und her und blickte sich um, als ob ihm plötzlich entfallen wäre, was er an diesem Ort eigentlich wollte.

»Harold, bitte beruhige dich«, sagte Mary Rose. »Matthew hat getan, was er konnte …«

»Ach ja?!«, rief ihr Mann voller Zorn aus.

Eine unbehagliche Stille machte sich im Wohnzimmer breit, die nur durch das bläuliche Aufleuchten eines Blitzes unterbrochen wurde. Die Erschütterung, die wenige Sekunden später der anschließende Donner mit sich brachte, ließ die Lampe, die über dem Couchtisch hing, hin- und herschwingen.

»Auch wenn ihr es jetzt noch nicht so seht …«, fuhr Matthew mit Blick auf die schaukelnde Lampe schließlich fort, »glaube ich, dass euch mit der Zeit klar werden wird, dass dies die beste Lösung ist. Ihr verliert zwar das Haus, aber alles andere bleibt euch erhalten, einschließlich meiner Freundschaft.«

Als Harold erneut dieses Wort hörte, verspürte er einen schmerzhaften Stich in der Brust.

»Freundschaft?«, wiederholte er mit grollender Stimme. »Das Wort ›Freundschaft‹ hat auf dieser Insel keine Bedeutung …«

Mary Rose hörte, wie die Tasse, die sie in ihren zitternden Händen hielt, den darunter stehenden Teller zum Klirren brachte. Sie wusste, warum Harold das gesagt hatte, aber sie wollte nicht daran denken; es war zu schmerzhaft, jene alten Erinnerungen heraufzubeschwören.

»Es ist wohl besser, ich geh jetzt wieder«, sagte der Bürgermeister und erhob sich. »Wie es aussieht, ist ein heftiges Gewitter im Anzug.«

»Ja, genau«, entgegnete Harold, bevor er den letzten Schluck des inzwischen kalt gewordenen Tees trank. »Und wir haben noch viel zu tun.«

Mary Rose stellte ihre Tasse auf den Tisch und stand auf, um den Gast zur Tür zu begleiten, Harold hingegen machte keine Anstalten, sich vom Sofa zu bewegen.

»Morgen früh um neun werde ich hier sein, falls ihr meine Hilfe braucht, einverstanden?«, meinte der Bürgermeister, an Mary Rose gerichtet.

»Und wir werden auch hier sein.«

Das waren die letzten Worte, die Harold hörte, bevor die Haustür geschlossen wurde. Er stand vom Sofa auf und ging langsam zum Fenster hinüber. Mit dem Ärmel seines Pullovers wischte er über die beschlagene Scheibe und blickte nach draußen. Er sah, dass der Strand nun wie ausgestorben dalag. Eine dicke graue Wolkenschicht bedeckte den Himmel, und der vom Meer kommende Wind brachte die ersten Regentropfen mit sich, die wie winzige Insekten gegen die Scheibe prallten. Ein paar Sekunden später kehrte Mary Rose ins Wohnzimmer zurück.

»Ich finde, dass du sehr ungerecht warst«, sagte sie, während sie zu ihm ans Fenster trat. »Du weißt, dass Matthew keine Schuld an unserem Unglück trägt …«

»Aber diesmal hätte er uns helfen können.«

»Diese Sache hängt nicht von ihm ab; und auch wir können nichts dagegen machen! Das stand klipp und klar in dem Brief.«

»Der Brief, der Brief!«, wiederholte Harold wütend. »Verdammt sei der Tag, an dem wir ihn bekommen haben!«

Ein erneuter Donnerschlag dröhnte im Tal und ließ die Lampe im Zimmer für den Bruchteil einer Sekunde flackern.

»Es gibt Leute aus dem Dorf, die seit Jahren schon in dem Altersheim wohnen und das ganz in Ordnung finden«, sagte Mary Rose leise.

»Du weißt so gut wie ich, dass jeder es hasst, in einem Altersheim zu leben. Und wir beide sind nun wirklich noch nicht so alt, dass man uns wie ein Baby füttern muss.«

»Hör auf, dich zu beklagen, Harold Grape! Es nützt doch nichts.«

»Ich kann nicht verstehen, dass du das Ganze einfach so hinnimmst! Verstehst du denn nicht, was es bedeutet, sein Zuhause zu verlieren?«

Mary Rose spürte einen dicken Kloß im Hals.

»Der Bürgermeister hat recht, da braut sich was zusammen«, meinte Harold mit einem Blick aus dem Fenster. »Es ist wohl besser, wenn ich die Fensterläden schließe.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

DAS HAUS AUF DER KLIPPE

Aufgebracht stapfte Harold die Treppe ins obere Stockwerk hinauf. Er konnte die Resignation, die Mary Rose in den letzten Monaten an den Tag legte, nicht ertragen. Er konnte sie einfach nicht akzeptieren. Und auch wenn er sich der Lage, in der sie sich befanden, absolut bewusst war, war er nicht fähig, alles einfach so hinzunehmen. Denn er wusste besser als jeder andere, dass die Wände, die Böden und die Fenster dieses Hauses aus etwas gebaut waren, was man nicht ersetzen konnte.

Während draußen das Gewitter tobte, ging Harold von Zimmer zu Zimmer und schloss nacheinander alle Fensterläden. Die Zimmer waren nun ihres Inhalts beraubte Räume, in denen nur noch die Kisten standen, die die konzentrierten Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte enthielten. Bevor Harold den letzten Fensterladen zumachte, warf er noch einmal einen Blick nach draußen. Der dicht fallende Regen wurde vom Wind, der die Wellen hoch an den Strand schlagen ließ, wie ein Vorhang hin- und hergerissen, bespritzte die Fensterscheiben und stürzte durch die Dachrinne an der Fassade auf die Hortensien herunter. Und auch auf Harold hatte der heftige Niederschlag, der draußen fiel, seine Wirkung, denn er schien dessen Wut nach und nach wegzuwaschen, ihn dafür jedoch mit tiefer Traurigkeit zu durchtränken.

Dass Harold sein Heim verlassen musste, bedeutete für ihn nicht nur, sein Haus zu verlieren; es war etwas, was über materielle Dinge hinausging. Denn es hieß für ihn, das Einzige zurückzulassen, was ihm aus seinen glücklichsten Tagen geblieben war, das Brett, das ihm half, sich über Wasser zu halten, und das die einzige Verbindung zu dem darstellte, was er verloren hatte. Er wusste nur zu gut, dass sein Leben nicht so verlaufen war, wie er es sich gewünscht hatte, aber zumindest hatte er gelernt, es zu ertragen. Doch nun wurde er auch noch aus dieser Welt vertrieben, und sein ganzes Leben würde sich ab jetzt auf zwei kleine Zimmer in einem Altenheim im Zentrum der Insel konzentrieren, die man ihnen zugewiesen hatte. In einer kargen Gegend weit weg vom Meer, weit weg von allem, was er am meisten auf der Welt geliebt hatte, weit weg von ihm.

Mit zögerndem Schritt trat er an die robuste Kommode, die noch im Schlafzimmer stand, zog die oberste Schublade auf und fand zwischen den alten Pyjamas den Brief. Als er ihn jetzt wieder in den Händen hielt, rief ihm das jenen eisigen Januarmorgen ins Gedächtnis, an dem der Bürgermeister höchstpersönlich gekommen war, um ihnen den dicken cremefarbenen Umschlag zu übergeben.

»Guten Tag, Matthew! Komm rein, bevor du draußen erfrierst«, hatte Harold ihn begrüßt. Der Bürgermeister trat zögernd ins Haus.

»Möchtest du mit uns frühstücken?«, bot Harold an, während er die Tür wieder zumachte. »Wir wollten gerade damit beginnen.«

»Nein, nein, ich möchte euch nicht stören, es wird nur einen Moment dauern«, entgegnete Matthew, ohne den schweren Anorak abzulegen, den er trug.

»Dann trink doch wenigstens eine Tasse Tee mit uns«, meinte Harold und bedeutete dem Bürgermeister, ihm in die Küche zu folgen. »Soweit ich mich erinnere, bist du der Einzige, der uns hin und wieder besucht, und das letzte Mal ist auch schon wieder ein paar Monate her.«

Als sie in die Küche traten, trafen sie dort auf Mary Rose und nahmen dann alle drei am Tisch Platz, der üppig mit Toast, Eiern, Kaffee und Butter gedeckt war. Wie die meisten Leute auf der Insel wusste Harold, dass der Bürgermeister nicht gerade ein geselliger Mensch war, aber immerhin war er der Einzige, der ihnen nach all den Jahren nicht den Rücken zugewandt hatte. Doch als er nun in seinem Anorak am Tisch saß, fiel Mary Rose auf, dass er eine gewisse Nervosität ausstrahlte, die sie irritierte.

»Was führt dich zu uns?«, fragte Harold. »Habt ihr euch endlich dazu durchgerungen, den Weg von unserem Haus ins Dorf zu asphaltieren?«

»Also, ehrlich gesagt, geht es um etwas anderes …«, erwiderte Matthew.

»Es hätte mich auch gewundert, wenn der Bürgermeister plötzlich Geld für etwas Sinnvolles ausgeben würde …«

Matthew beschränkte sich auf ein gezwungenes, unbehagliches Lächeln.

»Ich bin gekommen, weil ich euch dies persönlich übergeben wollte«, sagte er schließlich und zog einen cremefarbenen Umschlag aus der Tasche seines Anoraks. »Es handelt sich um einen Brief von höherer Stelle.«

»Von höherer Stelle?«, fragte Mary Rose misstrauisch. »Ist es etwas Wichtiges, Matthew?«

»Es ist wohl besser, wenn ihr es selbst lest«, meinte der Bürgermeister und legte den Umschlag sorgsam auf den Tisch.

Harold griff danach und wog ihn in der Hand. Dann fuhr er mit dem Brotmesser den dicken Umschlag entlang und nahm den Brief heraus. Im Kopf des Briefbogens prangte ein großes Wappen.

»Zentralverwaltung«, begann Harold zu lesen, »Staatliches Amt für Schutz und öffentliche Sicherheit…«

»Staatliches Amt für Schutz und öffentliche Sicherheit …? Haben wir gegen irgendein Gesetz verstoßen?«, unterbrach Mary Rose ihren Mann.

»Nein, nein, Rose. Darum geht es nicht«, beschwichtigte Matthew sie, »soweit ich weiß, handelt es sich um eine Untersuchung, die auf eurem Grundstück durchgeführt wurde, obwohl …«

»Wie bitte?«, fragte sie aufgeregt. »Heißt das, dass irgendwelche Verwaltungsleute auf unserem Grundstück herumgeschnüffelt haben, ohne dass wir etwas davon wussten? Matthew, was hat das zu bedeuten?«

»Ehrlich gesagt, habe ich es auch nicht gewusst …«, wandte Matthew in einem Tonfall ein, der Mary Rose alles andere als überzeugend erschien. »Vor etwa einem Monat sind plötzlich drei Mitarbeiter der Zentralverwaltung hier aufgetaucht, um auf der Insel ein paar Gebäude zu überprüfen. Ich habe gedacht, es handelte sich um irgendeine demografische Studie oder etwas in der Art, und habe das Ganze nicht weiter beachtet …«

»Und die sind extra hergekommen, um unser Haus zu überprüfen? Ich verstehe überhaupt nichts!«

»Bitte, Rose, warte, bis Harold den Brief vorgelesen hat …«, versuchte der Bürgermeister die Gemüter zu beruhigen.

Harold erinnerte sich noch haargenau an die Szene, und obwohl seitdem Monate vergangen waren, verspürte er die gleiche Unruhe wie in den Sekunden, bevor er begonnen hatte, die folgenden Zeilen vorzulesen:

Sehr geehrtes Ehepaar Grape,

hiermit möchten wir Sie darüber informieren, dass gemäß des neuen Gesetzes zur geologischen Sicherheit, das am 14. September verabschiedet wurde, der Bau neuer Wohnhäuser an der Küste den neu festgesetzten Richtlinien entsprechen muss. Das Gesetz sieht vor, dass derartige Bauten eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen, aus korrosionsfestem Material bestehen und mindestens in zehn Metern Entfernung von der Küstenlinie errichtet sein müssen.

Da Ihr Haus vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes gebaut wurde, ist es von einigen darin enthaltenen Vorschriften ausgenommen, allerdings zwingen uns gewisse im Folgenden aufgeführte und von einer Expertenkommission formulierte Punkte dazu, Maßnahmen zu Ihrem eigenen Schutz zu ergreifen.

Bodenzusammensetzung: Die aus leichtem Vulkangestein bestehende Bodenqualität der Insel Brent ist wesentlich erosionsanfälliger als jede andere geologische Formation.

Grundstück und Sicherheitsabstände: Der Abstand des Wohnhauses von der Küstenlinie beträgt lediglich 1,48 Meter …

Als Harold erneut den letzten Satz las, spürte er wieder jene schreckliche Ohnmacht. Auch wenn es stimmte, dass der Abstand zwischen der letzten Treppenstufe unterhalb der Veranda und der steilen Felskante lediglich 1,48 Meter betrug, wussten er und Mary Rose doch, dass dies nicht immer so gewesen war. Also schickten sie die Originale der Grundstücks- und Baupläne ans Amt, die bewiesen, dass das Haus mehrere Meter vom Abgrund entfernt errichtet worden war. Und es war doch nicht ihre Schuld, dass das wilde Meer, das immer wieder gegen die Insel anbrandete, die Tuffsteinklippe verschmälert, sie erodiert und verschluckt hatte, als ob es sein Ziel wäre, irgendwann die ganze Insel zu verschlingen. Harold seufzte, wandte den Blick wieder den makellos gedruckten Buchstaben zu und las weiter:

Küstenmorphologie: Die Klippe, auf der sich das Haus befindet, ist als Wohnort ungewöhnlich und äußerst gefährlich. Der Höhenunterschied zwischen dem Haus und dem Wasser beträgt 34 Meter, was ausreicht, an diesem Ort jegliche von Menschen ausgeübte Aktivität zu untersagen, ihn jedoch vor allem als Wohnort ausschließt.

Und so ist das Expertenkomitee zu dem Schluss gekommen, dass es sich, obwohl es sich hierbei um einen Bau aus der Zeit vor dem Inkrafttreten des oben genannten Gesetzes handelt, gezwungen sieht, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um für die Sicherheit der Anwohner zu sorgen.

Selbstverständlich werden wir Sie über den Ablauf des gesamten Prozesses auf dem Laufenden halten, vorab möchten wir Ihnen jedoch bereits jetzt mitteilen, dass Sie spätestens bis zum 18. Juli um 9.00 Uhr Ihr Haus räumen müssen, damit die Abrissarbeiten beginnen können.

Mit freundlichen Grüßen

Gregory Grey,

stellvertretender Amtsleiter des Bereichs öffentliche Sicherheit

Harold seufzte tief und faltete den Brief wieder zusammen. Dabei war das, was ihn belastete, gar nicht die Zukunft, die sie vom nächsten Tag an erwartete, sondern das Wissen, dass dieser Brief die Büchse der Pandora wieder geöffnet hatte. Eine Büchse, von der sie geglaubt hatten, sie vergessen zu haben, und die all den Schmerz und das Leid der Vergangenheit enthielt. Der Vergangenheit, die sie vor vielen Jahren unter dem Fundament dieses Hauses begraben hatten und die nun wie das Wrack eines tief im eisigen Meer versunkenen Schiffes wieder an die Oberfläche kam und nach Fäulnis stank.

Harold warf einen letzten Blick auf das Blatt Papier in seiner Hand und spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Ohne weiter darüber nachzudenken, zerriss er den Brief. Er betrachtete die Papierfetzen, die wie die trockenen Blätter eines Baumes zu Boden fielen, als plötzlich ein donnerndes Krachen erscholl. Ein seltsames intensives gelbliches Licht fiel durch die Ritzen in den Fensterläden, und gleichzeitig bebte das Haus unter seinen Füßen. Niemals zuvor hatte er etwas Derartiges gespürt, obwohl er ganz genau wusste, was es verursacht hatte.

DER BLITZ

Der Blitz war eingeschlagen.

Viel später, wenn Harold in der Lage sein würde, die Ereignisse zu rekonstruieren, würde er sich daran erinnern, dass er für ein paar Millisekunden vor Angst erstarrt war, als das Wort »Blitz« in seinem Kopf dröhnte. Dann rannte er die Treppe hinunter, nachdem im ganzen Haus das Licht ausgefallen war.

»Rosy!«, schrie er, während er mehrere Stufen auf einmal nahm. »Rosy! Bitte sag was!« Er schrie und hörte seine Stimme doch wie aus der Ferne, gedämpft von dem durchdringenden, anhaltenden Pfeifen in seinen Ohren.

Er gelangte in die Diele, konnte jedoch nichts erkennen. Das ganze untere Stockwerk lag in vollkommener Dunkelheit.

»Rosy!«, schrie er erneut, wobei er an die Wand des Flurs zur Küche hin trommelte.

Nichts. Er hörte und sah absolut nichts. Doch während er sich mit zögernden Schritten der Küche näherte, ließ das Pfeifen in den Ohren nach, und als er gegen den Esstisch stieß, hörte er von irgendwoher eine Stimme.

»Harold, ich bin hier!«

»Rosy!«, rief er und stolperte über einen Stuhl. »Wo bist du?«

Harold verließ die Küche und sah ein Licht, das ihn für einen Moment blendete.

»Entschuldige«, sagte Mary Rose.

Harold öffnete die Augen und erblickte die Gestalt seiner Frau, die ihm mit einer Taschenlampe in der Hand gegenüberstand.

»Ich hab dich überall gesucht! Wo warst du denn?«, fragte er und trat auf Mary Rose zu.

»Ich war im Esszimmer«, antwortete sie, und ihr Atem ging schnell. »Und plötzlich habe ich durchs Fenster diesen Lichtstrahl gesehen, Harold!«

»Aber … es geht dir gut, oder?«

»Für einen Moment war ich so geblendet, dass ich die Augen schließen musste. Es war so ein helles gelbliches Licht, das alles aufleuchten ließ. Und dann der Donner. So habe ich das Haus noch nie dröhnen hören, Harold, ich hatte Angst, dass es einstürzt!« Und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Habe ich mir das eingebildet oder hast du mich tatsächlich ›Rosy‹ gerufen?«

Harold spürte, wie bei dieser Frage all seine Besorgnis auf einmal verschwand. Verblüfft stellte er fest, dass ihm gar nicht aufgefallen war, sie Rosy genannt zu haben. Seit Jahren hatte er seine Frau nicht mehr so angesprochen, und er hatte keine Ahnung, warum er es ausgerechnet in diesem Moment getan hatte. Harold räusperte sich verlegen und murmelte:

»Ich sehe mal nach, was mit dem Licht ist.«

Er ging durch den Flur zum Sicherheitskasten hinüber, der sich neben der Haustür befand. Er öffnete ihn und begann im Licht der Taschenlampe, die Mary Rose in der Hand hielt, die kleinen Sicherungsschalter umzulegen.

»Nichts«, sagte er schließlich. »Wahrscheinlich hat der Blitz draußen den Stromkasten erwischt. Ich gehe mal kurz raus und sehe nach.«

»Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist, Harold …«

»Du kannst mitkommen, sind ja nur ein paar Meter.«

Also griffen sie nach den beiden Regenschirmen, die immer neben dem Eingang standen, öffneten die Haustür und traten auf die Veranda hinaus. Sofort dröhnte der betäubende Krach des Gewitters in ihren Ohren. Als sie die drei Stufen zum Garten hinuntergingen, waren sie den heftigen Windböen ausgesetzt, die unentwegt vorbeijagten und dicke Tropfen eisigen Regenwassers mit sich brachten. Harold nahm Mary Rose die Taschenlampe aus der Hand und trat an den Stromkasten heran. Im flackernden Lichtschein der Lampe stellte er fest, dass der Kasten unbeschädigt war.

»Der Blitz muss an einer anderen Stelle eingeschlagen sein«, meinte Mary Rose und wies in die Dunkelheit. »Sieh mal, im Dorf brennt auch kein Licht.«

Harold starrte angestrengt in die Ferne, ohne irgendetwas anderes zu erkennen als dichte Schwärze. Nur dank des Aufleuchtens des einen oder anderen Blitzes am Himmel konnte man erahnen, wo normalerweise die Lichter von San Remo de Mar zu sehen waren. Doch Harold gab sich damit nicht zufrieden, denn er wusste, dass das Krachen für einen Blitzeinschlag so weit weg zu heftig gewesen war. Den Blick weiterhin in die Ferne gerichtet, konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf das Gebäude in der alten verlassenen Werft, die sich in einiger Entfernung zum Dorf befand. Sie war lediglich für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen, als wieder ein Blitz über den Himmel zuckte. Nur wenige Einwohner von San Remo wussten, dass es außer der Werft am Hafen noch eine weitere auf der Insel gab. Sie lag an einem unwegsamen Ort, der von vorspringenden, spitzen Felsen umgeben und praktisch nur mit dem Boot zu erreichen war. Eine Werft, in der schon nicht mehr gearbeitet wurde, als er noch jung gewesen war, und die er nur genutzt hatte, um ein einziges Schiff zu bauen: sein eigenes. Seit damals hatte er diesen Bereich der Insel nie wieder betreten, und wenn es möglich war, wich er ihm auch mit dem Blick aus. Denn jedes Mal, wenn er die alte Werft sah, riss das bei ihm alte Wunden auf, die niemals vollständig geheilt waren. So wandte Harold auch jetzt den Blick ab und richtete ihn wieder auf ihr Haus, wo das Wasser in Sturzbächen vom Dach strömte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Mary Rose.

Harold nickte und ging weiter durch den aufgeweichten Garten um das Haus herum, wobei er versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was zu tun war. Plötzlich veranlasste ihn ein intensiver Geruch stehen zu bleiben.

»Riechst du das auch?«, fragte er.

»Ja, riecht komisch … ein scharfer Geruch.«

Mithilfe der Taschenlampe versuchte Harold die Dunkelheit um die Veranda herum zu durchdringen und arbeitete sich in die Richtung vorwärts, aus welcher der Geruch zu kommen schien. Doch abgesehen von den vielen Pfützen im Garten entdeckte er nichts Außergewöhnliches. Sie tasteten sich voran, immer dem zitternden Lichtkreis der Taschenlampe nach, als sie plötzlich etwas im Gras sahen, das dort nicht hingehörte. Etwas, das sich mit der Taschenlampe nicht ausreichend beleuchten ließ. Harold trat näher heran und begutachtete im Schutz des Regenschirms vorsichtig die dunkle Stelle. Mary Rose wich ihm nicht von der Seite, sie hielt seinen Arm umklammert und starrte nach unten.

»Harold, bitte lass uns wieder ins Haus gehen. Du siehst doch, dass hier nichts …«

Der Rest des Satzes erstarb auf ihren Lippen, als deutlich wurde, dass von dem dunklen Flecken vor ihnen ein leichter Nebel aufstieg. Direkt neben der Seitenwand des Hauses, an der Stelle, wo eines der Stahlseile im Boden verankert war, stieg aus einem tiefen schlammigen Loch Rauch auf. Gesteinsbrocken, Erde und versengte Hortensien lagen um den Krater verstreut, der sich unter dem Seil gebildet hatte, das Gott sei Dank immer noch im Felsen verankert war. Harold ließ den Lichtschein das Seil hinaufwandern, das zum Dach des Hauses führte. Plötzlich sah er, dass oben, wo der Hauptmast herausragte, mit dem die sechs Stahlseile verbunden waren, Rauch aufstieg.

»Das ist doch nicht möglich«, stammelte Harold.

Er senkte den Blick wieder, ohne auf Mary Rose zu achten, die zwischen den nassen Hortensienbüschen zu einer anderen Stelle ging, an der ebenfalls eines der Stahlseile im Boden verankert war. Als sie die Taschenlampe darauf hielt, sah sie, dass auch unter diesem Seil ein Loch entstanden war, das sich langsam mit dem niederrauschenden Regen füllte.

»Oh mein Gott, Harold! Was ist hier nur los …«, stammelte Mary Rose.

Harold sah zu ihr hinüber und stellte erst jetzt erstaunt fest, wie nass die Kleidung seiner Frau war. Dabei war auch er von dem heftigen Regen völlig durchweicht.

»Lass uns wieder reingehen«, sagte er.

Als die Grapes die Tür hinter sich schlossen, wurde das Tosen des Gewitters leiser. Sie waren patschnass und ihr Haar vom Wind zerzaust.

»In unserem Haus ist tatsächlich der Blitz eingeschlagen«, erklärte Harold, während er die nassen Schuhe auszog. »Und zwar in den Mast, dort, wo er über das Dach hinausragt.«

Trotz der Wärme im Haus fing Mary Rose an zu zittern, als sie seine Worte hörte.

»Zum Glück haben die Stahlseile uns geschützt, weil sie den Strom in die Erde geleitet haben«, fuhr er fort.

»Das beruhigt mich nicht wirklich«, murmelte Mary Rose mit klappernden Zähnen. »Vielleicht hat Matthew nicht ganz unrecht. Dieser Ort ist zu gefährlich, um hier zu leben, und ihn zu verlassen ist vielleicht wirklich das Beste, was wir tun können.«

Als Harold diese Worte hörte, entglitt die Taschenlampe seinen nassen Händen, als wäre er selbst vom Blitz erschlagen worden. Die Lampe fiel auf den Boden und erlosch, sodass sie erneut im Dunkeln standen.

»Ich gehe mich umziehen«, sagte Harold.

Das Geräusch seiner schweren Schritte verlor sich auf der Treppe, und Mary Rose blieb mit dem Echo seiner Worte allein in der Dunkelheit zurück. Sie bückte sich und tastete über den Boden, bis sie die Taschenlampe fand, schaltete sie wieder ein und folgte Harold die Treppe hinauf. Doch als sie das Schlafzimmer betrat, war Harold nicht dort. Einer der Fensterläden hatte sich losgerissen, und sie sah das dunkle, wild tobende Meer, das sich unterhalb der Klippe erstreckte. Sie ging zum Fenster hinüber und schloss den Laden wieder. Früher hatte sie Gewitter gemocht – den salzigen Geruch, den der feuchte Wind mit sich brachte, den kalten Regen und den Donner, der über das Meer rollte. Nun jedoch machte all das ihr Angst. Sie ließ das Licht der Taschenlampe durch den Raum schweifen. Noch nie war ihr das Schlafzimmer derart trostlos erschienen. Allein das massive Bett konnte die Leere zwischen den Umzugskartons ein wenig ausfüllen.

Gerade als Mary Rose sich anschickte, das Zimmer zu verlassen, kam ihr wieder das Foto in den Sinn, das sie am Morgen gefunden hatte. Und mit ihm die Erinnerung an die fernen Tage, als sich ihr Leben noch nicht in den Klauen jener unerwarteten Ereignisse befunden hatte, die ihre Welt und all ihre Hoffnungen und Träume durcheinanderbrachten. Mary Rose ging einen Schritt zurück und beugte sich über die Kiste, in die sie am Morgen das alte, an der Werft aufgenommene Foto gelegt hatte. Sie suchte zwischen den Kleidern, fand es jedoch nicht. Und sie hatte keinen Zweifel daran, wer es herausgenommen hatte.

DER TRAUM, DER NIEMALS IN ERFÜLLUNG GING

Mary Rose wusste, wo sie Harold finden würde. Sie stieg weiter die Treppe hinauf und gelangte zum Dachboden. Als sie die Tür öffnete, stieg ihr sofort der Geruch nach verbranntem Holz in die Nase. Sie betrachtete den Mast in der Mitte des Raumes, der mehr als drei Meter hoch bis zur Decke hin aufragte, und als sie näher trat, sah sie die dunklen Spuren, die sich wie Adern durch die Maserung des Holzes zogen. Das machte ihr Angst. Eine Angst, wie sie sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte. Mary Rose ging über den weitläufigen Dachboden, wobei sie die Holzplanken unter ihren Füßen knarren hörte, und kam zu dem großen runden Fenster, das den Raum beherrschte. Davor zeichnete sich Harolds Gestalt ab, durch das kurze Aufleuchten der Blitze erhellt, die mit ungebrochener Kraft zum Meer hinunterzuckten. Die meisten Fischer hatten ihre kleinen Boote vorsichtshalber ein paar Meter auf den Strand gezogen, die größeren Fischerboote jedoch, die im Hafen festgemacht waren, wurden von dem immer stärker werdenden Wellengang auf gefährliche Weise hin und her geworfen. An den Klippen waren die Wellen noch um einiges höher, aufgepeitscht von den wilden Luftströmungen, die sie immer größer werden ließen, bis sie gegen die Felswände donnerten, die ihnen im Weg standen. Und nur wenige Meter über dem tosenden Meer trotzte ihr kleines Haus den Naturgewalten. Die heftigen Windböen fegten ungehindert über den Felsen, zerrten an den krummen Weinstöcken und rissen die Hortensienbüsche, die zu dicht an der Klippe standen, in den Abgrund. Der Regen, der von den heulenden Windböen hin und her gezerrt wurde, prasselte sintflutartig auf das blanke Schieferdach und ergoss sich über den Dachvorsprung schwallartig in den Garten.

Mary Rose blieb ein paar Zentimeter hinter Harold stehen. Sie blickte ihm über die Schulter und sah, dass er das Foto in der Hand hielt, das er aus dem Umzugskarton herausgenommen hatte.