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Eine Reality-TV-Show. 42 Kameras. Fünf Tote. Kass hätte sich nie im Leben freiwillig für eine Reality-TV-Show angemeldet. Doch um einen Streit mit ihrer besten Freundin zu schlichten, lässt sie sich darauf ein. Womit Kass nicht gerechnet hat: Die Show »Lie or Die« – eine Mischung aus Big Brother und dem Murder-Mystery-Spiel »Mafia« – ist wesentlich realer als sie dachte. Als dann noch ein echter Mord passiert, geht es für Kass und ihre Kontrahenten nicht mehr ums Gewinnen, sondern ums nackte Überleben … Rasant, hochemotional, nervenaufreibend: Ein temporeicher Murder-Mystery-Thriller für alle Fans von »One of us is lying«, »A Good Girl's Guide to Murder« und »Squid Game«
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Seitenzahl: 455
Veröffentlichungsjahr: 2026
A. J. Clack
Eine Reality-TV-Show. 42 Kameras. Fünf Tote.
Kass hätte sich nie im Leben freiwillig für eine Reality-TV-Show angemeldet. Doch um einen Streit mit ihrer besten Freundin zu schlichten, lässt sie sich darauf ein. Womit Kass nicht gerechnet hat: Die Show »Lie or Die« – eine Mischung aus Big Brother und dem Murder-Mystery-Spiel »Mafia« – ist wesentlich realer, als sie dachte. Als dann noch ein echter Mord passiert, geht es für Kass und ihre Kontrahenten nicht mehr ums Gewinnen, sondern ums nackte Überleben …
Ein mörderisch gutes Spiel beginnt.
Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de
A. J. Clack zog von einem kleinen Dorf in Südwales nach London, um eine Karriere beim Fernsehen zu verfolgen. Sie arbeitete an einer Vielzahl von Shows, von Teletubbies bis Friends, und schrieb gleichzeitig Theaterstücke und für das Kinderfernsehen. Sie lebt jetzt in Suffolk, im Osten Englands, in einem Haus voller Teenager. Ihre Nachmittage verbringt A. J. meistens frierend am Rand eines Rugby- oder Fußballfeldes. »Lie or Die« ist ihr Debüt und gewann 2022 den SCWBI Undiscovered Voices Preis.
Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book
Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Lie or Die« bei Firefly Press, Cardiff.
Text © Alison Clack 2024
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2025, Fischer Sauerländer GmbH,
Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Birgit Gitschier
ISBN 978-3-7336-0988-7
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[Widmung]
[Was ich über Reality-TV gelernt habe]
Lie or Die
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
Epilog
Anlaufstellen
Danksagung
Für Tim, immer x
Was ich über Reality-TV gelernt habe
Es gibt drei Teile: Vorproduktion, Produktion und Postproduktion
Kameras, Licht und Action
Eine Million Follower auf Instagram
Jede Menge Glamour und Glitzer
Aber niemand hat je etwas von Mord gesagt.
Die Unschuldigen müssen beide Mörder enttarnen und verurteilen, um die tickende Zeitbombe zu stoppen und das Preisgeld zu erhalten.
Moderator/Richter – spielt nicht mit, führt aber durch die Show und gibt Anweisungen.
Den Teilnehmern (genannt: »das Haus«) wird geheim eine der folgenden Rollen zugeteilt:
Unschuldige – acht Unschuldige müssen die Mörder enttarnen und anklagen und auf diese Weise aus dem Spiel nehmen.
Mörder – getarnt als Unschuldige müssen die beiden Mörder gemeinsam alle anderen ausschalten. Unschuldige gelten als ermordet, wenn sie von einer Mord-Karte berührt werden.
Maulwurf – ein Unschuldiger mit besonderen Fähigkeiten. Hat die Macht, jede Nacht den Status einer beliebigen Person aus dem Haus zu erfahren.
Anklagezeit – der Zeitraum, in dem die Teilnehmer mindestens einen Verdächtigen wegen Mordes anklagen müssen. Pro Runde können bis zu zwei Verdächtige angeklagt werden.
Gerichtssaal – hier werden die Verdächtigen vor Gericht gebracht und können versuchen, ihre Unschuld zu beweisen. Wer verurteilt wird, muss die Show verlassen. Pro Verhandlung kann nur eine Person verurteilt werden.
Grabesstunden – der Zeitraum, in dem die Mörder ihr Opfer wählen. Der Maulwurf kann während dieser Zeit im Sprechzimmer die Rolle einer mitspielenden Person erfahren.
Tickende Zeitbombe – wenn ein Mörder enttarnt und verurteilt wird und das Spiel verlassen muss, erhalten die verbleibenden Spieler einen Code. Es werden beide Codes benötigt, um die Tickende Zeitbombe zu entschärfen und so das Preisgeld zu erhalten. Die Codes können von allen überlebenden Spielern, ob unschuldig oder Mörder, genutzt werden. Wird die Bombe nicht innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters entschärft, explodiert sie und zerstört das Preisgeld.
Pink Pony Productions behält sich das Recht vor, ohne Rücksprache oder Genehmigung einzelne Regeln oder Spielabläufe zu verändern.
© LIEORDIE.PinkPonyProductions
Ja, ich habe es kapiert. Ich bin eine schlechte Freundin. Ich habe den Freundinnen-Kodex verletzt. Aber ich habe mich auch unendlich oft entschuldigt.
Es ist einfach absolut mies, den Exfreund der besten Freundin zu küssen. Klar, dass ich es verdient habe, bestraft zu werden, hundert Prozent. Aber ist das wirklich ein Grund, mich zu ermorden?
Ich starre Thea an, flehe sie an, mich so zu sehen, wie sie mich eigentlich kennt, und nicht so, wie sie im Moment von mir denkt.
»Tut mir leid«, murmele ich mit gepresster Stimme.
Sie wirft mir einen Blick zu, doch ihre perfekt geschminkten Lippen bilden einen schmalen Strich. Verdammt, wenn mir auch nur für eine Sekunde der Gedanke gekommen wäre, dass sie immer noch auf JB steht, hätte ich ihr nie von der Sache erzählt. Und es ist Wochen her. Ganz davon abgesehen, dass ich nicht mit ihm geschlafen habe oder so. Es war nur ein blöder Kuss.
Wie oft wird sie mich noch dafür büßen lassen?
Ich lasse den Blick über die große Runde meiner Mitspieler wandern. Aber es ist zu spät – egal, was ich sage, sie werden ihre Meinung nicht mehr ändern. Sie werden mich nicht einmal ansehen. Loser. Und ich bin viel zu matschig im Kopf, um mir noch irgendetwas Schlaues als letzte Verteidigung einfallen zu lassen.
Wieso habe ich es nicht kommen sehen?
Ich hebe den Kopf und schiebe das Kinn vor, versuche, stark und trotzig zu wirken.
Thea ist als erste dran. Sie streckt ihre polierten pinken Fingernägel zur Decke.
»Schuldig«, sagt sie, und haut mir damit ihre ganz persönliche Botschaft um die Ohren. Erwartungsvoll sieht sie die anderen an. Nach und nach heben alle die Hand und machen eine La-Ola-Welle. Sie entscheiden einstimmig, mein Leben zu beenden.
Als sich der Spielleiter räuspert, fällt erwartungsvolle Stille über den Raum.
»Kass Kennedy. Du wirst des Mordes beschuldigt. Dein Schicksal ist besiegelt. Tod durch den elektrischen Stuhl.«
Von mir aus. Aber muss er dabei so klingen, als würde ihm das Ganze Spaß machen? Es ist unfassbar stickig in diesem überfüllten Zimmer, der Geruch von männlichem Schweiß vermischt sich mit Axe Africa und Pizza. Zum Glück öffnet schon jemand ein Fenster.
»Und während sie schreiend und um sich tretend zum elektrischen Stuhl gezerrt wird …«, die Stimme des Spielleiters zittert vor Vorfreude, »ruft sie…«
»Unschuldig!« Ich sehe Thea direkt an. »Ich bin eine ganz normale, unschuldige Spielerin.«
»Scheiße«, faucht Thea, ignoriert mich aber ansonsten und schaut die anderen an. »Ehrlich, ich war mir sicher, dass Kass die Mörderin ist.«
Sofort bricht aufgeregtes Gemurmel unter den anderen aus, es wird richtig laut im Wohnzimmer. Was für eine traurige Veranstaltung. Da hockt eine Gruppe Jugendlicher an einem heißen Abend eingepfercht in einer kleinen Butze, um ein dämliches Spiel zu spielen. Okay, dämlich ist es gar nicht. Mafia ist der absolute Sommer-Hype, und ich finde es auch total klasse. Seit mein Bruder das Spiel von der Uni mitgebracht hat, spielen wir es mehr oder weniger nonstop. Eigentlich reden wir sogar von nichts anderem.
Der Reiz an dem Spiel ist, dass auch die, denen man vertraut, einen im Zweifelsfall über die Klinge springen lassen aka zum elektrischen Stuhl zerren – und zwar lächelnd und mit einem »Hab dich lieb« auf den Lippen.
Toby MacPhee starrt mich mit einem dummen Grinsen im dummen Gesicht an. So ein Depp. Er ist hundert Prozent ein Mörder, das sehe ich schon daran, wie er jedes Mal blinzelt, wenn er seine Unschuld betont.
Der Spielleiter beginnt von vorn, mit tiefer, trunken klingender Stimme. »Es wird Nacht.«
Alle, die noch übrig sind, rutschen im Kreis enger zusammen. Als der Spielleiter den entsprechenden Befehl gibt, werden sie still und schließen die Augen. Ich habe komplett den Faden von der Geschichte verloren, die er hier aufgetischt hat – irgendetwas mit einem Raumschiff und einem außerirdischen Axtmörder, was ziemlich nach Among Us klingt.
Ich habe keinen Nerv zuzusehen, wie das Spiel weitergeht, und warte auf eine Gelegenheit, unauffällig aufzustehen. Was total schiefgeht. Als ich schon halb aufgestanden bin, strauchele ich so, dass ich zur Seite kippe und fast gegen den Beistelltisch knalle. Ich ignoriere das Schnauben von Toby MacPhee und haste in die Küche, wo ich mir eine Fanta gönne.
Auf der Kücheninsel sitzt Lewis mit einem Drink in der Hand, der eine ziemlich seltsame Farbe hat. Er hebt sein Glas. »Meine eigene Kreation: Wodka, grüner Sourz und ein komisch riechender Ananassaft, den ich im Kühlschrank gefunden habe. Ich hatte schon drei davon. Willst du auch einen?«
»So was von nicht.« Nach dem Zwischenfall mit JB werde ich überhaupt nie wieder Alkohol trinken. Für mich ist die Partytime zum Schuljahresende definitiv vorbei.
Lewis wirbelt seinen Drink herum wie ein Profi. »Ganz ehrlich: Mafia und Wodka sind eine schlechte Kombi. Das ist der Hauptgrund, warum ich das Spiel so schlecht ertrage. Es ist einfach zu gnadenlos.«
Ich lehne mich an die Theke. »Das ist doch gerade das Gute. Du verschweigst, wer du wirklich bist, und verwirrst die anderen.«
Lewis grinst verschmitzt. »Kein Wunder, dass du darin so gut bist.«
Autsch. Das habe ich wohl verdient.
»Warum schicken sie dich jedes Mal auf den elektrischen Stuhl? Du bist doch sowieso nie die Mörderin.«
»Wahrscheinlich sehe ich zu schuldbewusst aus.«
»Und du siehst nicht nur so aus.« Er malt mit den Händen Kreise vor meinem Gesicht. »Du hast dir die Finger verbrannt, bist ins Fettnäpfchen getreten, ins Wespennest…«
»Okay«, unterbreche ich ihn. Ich brauche wirklich keine bildliche Erklärung für den aktuellen Stand meiner Freundschaft mit Thea.
Lewis mustert mich ernst aus seinen schwarz umrandeten Augen.
»Was?« Ich runzele die Stirn. »Ich hab mich doch entschuldigt. Aber obwohl ich ihr gesagt habe, dass nichts passiert ist, spricht sie einfach nicht mehr mit mir. Sie hasst mich.«
»Unsinn. Sie liebt dich wie verrückt, aber im Moment ist sie einfach sauer auf dich. Weißt du noch, als deine Mutter Gras in deiner Tasche gefunden hat und Thea alle Schuld auf sich genommen hat, nur damit du keinen Hausarrest kriegst? Und wer hat Holly Mortimer herausgefordert, als diese Schlampen-Gerüchte rumgingen? Oder denk mal an damals, als»…«
Ich hebe die Hand, damit er aufhört. »Schon kapiert.« Thea und ich sind schon so ewig Freundinnen, dass ich mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen kann. Sie und Lewis sind mein Fels, meine Festung in dieser verrückten Welt. Und der dämliche Kuss hat einfach alles kaputt gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie ich das wieder geradebiegen kann. »Ich wünsche mir einfach nur, dass sie mir verzeiht.«
Lewis runzelt die Stirn. »Dann solltest du ihr aber auch beweisen, dass sie sich auf dich verlassen kann.«
»Kein Problem! Ganz nebenbei kann ich mich ja dann noch um den Weltfrieden kümmern.«
»Gut.« Er grinst. »Ich mag euch nämlich beide, und es ist nicht gerade spaßig, zwischen den Fronten zu stehen. Was würde Taylor dazu sagen?«
»›Kümmer dich um deinen eigenen Kram?‹« Sehe ich aus, als bräuchte ich jetzt eine Swiftie-Weisheit?
»It’s time to go.« Lewis schenkt mir einen verträumten Swiftie-Blick. »Evermore. Bonus Track.«
»We are never ever getting back together«, sage ich, statt zu singen. »Das war übrigens gerade Theas Part.«
»You need to calm down.« Lewis hebt mahnend den Zeigefinger. »Bevor es Bad Blood gibt.«
»Und ich bin dann die Dumme.«
Aus dem Wohnzimmer ist ein erleichterter Aufschrei zu hören. Ich springe auf wie ertappt.
»Klingt, als hätte Thea den Mörder gefangen«, sagt Lewis. »Heißt das, wir können endlich gehen?« Er springt leicht wacklig von der Theke. »Boah, diese Drinks sind ganz schön stark.«
Plötzlich steht Thea in der Tür. »Wir haben gewonnen!« Sie tanzt mit einem begeisterten »Yeah!« auf Lewis zu. »Aber auch wenn ich wir sage – eigentlich war ich es ganz allein. Die anderen hatten keine Ahnung, wer die Mafia war.«
»Toby MacPhee?«, frage ich, aber ich könnte genauso gut unsichtbar sein.
Sie zieht ihr Handy raus und posiert für ein Selfie, die Lippen geschürzt, die Finger zum Victory-Zeichen erhoben – ein triumphierender Insta-Post. Dann hält sie mir ihr Handy vors Gesicht.
»Hör auf zu filmen.« Ich halte die Hand vor die Kamera.
»Stiiiiimmmung«, singt Lewis und bedeutet mir, gelassen zu bleiben.
Aber ich hasse es nun mal, wenn jemand Videos von mir macht, und Thea weiß das. »Das will doch eh niemand sehen.«
»Das ist doch gar nicht der Punkt. Es geht ums Posten«, sagt Thea. »Wer im Netz Erfolg haben will, muss sein Leben teilen.« Sie richtet die Kamera wieder auf sich. »Woher wusstest du, dass Toby der Mörder ist?«
»War nur so ein Gefühl.« Ich habe dieses komische Talent, Lügen zu durchschauen. Wenn ich selber auch gut lügen könnte, wäre ich die absolute Mafia-Queen. Aber das kriege ich nicht hin. Wenn ich lüge, rede ich nur Mist oder bekomme überhaupt kein Wort heraus. Und deshalb mache ich so idiotisches Zeug, wie meiner besten Freundin zu gestehen, dass ich ihren Ex geküsst habe, obwohl das echt kein großes Ding war und ich lieber meine Klappe gehalten hätte.
Lewis schiebt uns durch die Haustür und auf die Straße, während er sich von den anderen über die Schulter hinweg verabschiedet. Thea starrt weiter auf ihr Handy, das Gesicht unter einem glänzenden Vorhang aus silbernem Haar versteckt.
»Was ist das für eine Scheiße …?« Plötzlich bleibt sie so abrupt stehen, dass ich fast in sie hineinlaufe. Ihr Kopf schnellt hoch, und im nächsten Moment hält sie mir ihr Handy vors Gesicht. Es ist ein Foto, ganz offensichtlich von heute Abend, bevor wir gespielt haben. Im Hintergrund ist JB zu sehen, der mit freiem Oberkörper posiert und sein Sixpack zeigt. Im Vordergrund bin ich, die ihn anstarrt. Untertrieben gesagt. Obwohl ich gleichgültig tue, ist mir die Bewunderung regelrecht ins Gesicht getackert. Panik überkommt mich und bringt jeden logischen Gedanken zum Erliegen.
»Ich … ich …«, stottere ich.
»Du hast mir gesagt, es lief nichts zwischen euch«, zischt sie und kneift ihre schönen, dunklen Augen zusammen.
»JB war besoffen und hat mit seinen Muskeln geprotzt, nichts Besonderes.« Lewis beugt sich weiter vor. »Oh, jetzt sehe ich, was du meinst.« Er pfeift langsam und laut. »Game over, Süße.«
»Nein!« Ich versuche verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. »Es ist nicht so, wie es aussieht.« Mein Stottern hilft sicher nicht, meine Unschuld zu beweisen. »Ich hab JB heute nicht mal gesehen.«
»Er war tatsächlich nicht lange da«, sagt Lewis zu meiner Verteidigung.
»Es liegt am Winkel.« Ich tippe auf das Display. »Das Foto ist fake.«
»Das Foto ist fake?«, fragt Thea. »Mehr hast du zu deiner Verteidigung nicht zu sagen?«
»Warum sollte jemand so was fotografieren?«
»Bitte?«, sagt Lewis. »Wir sind hier in Boredomville. Es ist ohne Witz das einzige, was in der ganzen Woche passiert ist.« Er hebt die Hand. »Und nein, ich war es nicht. Alle, die da waren, könnten es gepostet haben.«
Ich wette, es war Toby MacPhee. Kein Wunder, dass er die ganze Zeit so gegrinst hat.
»Aber es ist eine Lüge …«
»Spielt keine Rolle, das Bild ist längst online. Und die Leute sehen, was sie sehen wollen.« Thea verschränkt die Arme über der Brust. »Lügen sind die neue Wahrheit, das weiß doch jeder.«
Ich spreche so hektisch, dass ich mich fast verhaspele. »Es hat nichts zu bedeuten. Ich schwöre es.«
»Das hast du letztes Mal auch gesagt, schon vergessen? Als du keine Zeit hattest, zu reden, weil deine Lippen gegen seine gepresst waren.« Lewis steht hinter ihr und gestikuliert, wie ihm ein Messer die Kehle durchtrennt. »Für mich ist die Sache ziemlich klar.«
Lewis hat recht, sie traut mir wirklich nicht. Also lasse ich sie einfach stehen und laufe in Richtung High Street. Es ist spät, und rote Schlieren zieren den Himmel. Sie sehen aus wie Fanfaren, die das Versprechen eines sonnigen nächsten Tages feiern.
Thea läuft mir hinterher. Ihre Absätze klappern auf dem Fußweg, als sie versucht, mich einzuholen.
»Was willst du denn noch hören?«, frage ich und schreite mit großen Schritten an den Geschäften vorbei.
»Du hast was mit ihm«, sagt sie.
»Nein. Ich hab ihn zwar geküsst, aber nur ein einziges Mal. Und das vor Wochen.«
»Mit Zunge?«, fragt Lewis. »Die Definition von Mit-jemandem-etwas-haben ist der Zungenkuss.«
Er ist wirklich keine große Hilfe.
»Gib es zu, du stehst auf ihn.« Thea fuchtelt mit ihrem Handy in der Luft herum.
»Nein. Ja.« Sie bringt mich völlig aus dem Konzept. Ich sehe sie direkt an. »Spielt das denn irgendeine Rolle?«
»Oh, das Rocks hat noch auf.« Lewis zeigt auf den Pommesladen vor uns. »Wollt ihr was?«
Wir ignorieren ihn.
»Echt jetzt, das ist doch Schwachsinn«, sage ich.
»Ach ja? Dass du sabbernd meinen Freund anstarrst, ist Schwachsinn?«
»Er ist nicht dein Freund«, rufe ich gereizt. »Du hast mit ihm Schluss gemacht.«
»Das heißt noch lange nicht, dass ich über ihn hinweg bin«, schreit sie zurück. »Und es gibt dir noch lange nicht das Recht, ihn anzubaggern … schon wieder!«
»Habe ich doch gar nicht!«
»Ach, du guckst immer so oder was?«
»Ich hab keine Ahnung, wo ich hingeschaut habe, aber ganz sicher nicht zu JB.«
»Du lügst.«
»Tue ich nicht. Ich schwör’s!«
»Warum sollte ich dir ein einziges Wort glauben? Du bist eine Lügnerin und eine Diebin und eine miese beste Freundin.«
»Jetzt reicht es.« Lewis baut sich mit einer dramatischen Pose vor uns auf, den Arm über den Augen. »Ich halte es nicht länger aus.« Er zeigt auf mich. »Kass, du hast Mist gebaut, und zwar so richtig. Und du, Thea, solltest es jetzt langsam mal gut sein lassen. Dieses Foto sagt mehr über den Schleimscheißer JB aus als über Kass. Kannst du ihr bitte einfach verzeihen? In diesem Nest festzustecken ist schon schlimm genug, also versaut mir bitte mit eurem Bitch-Fight nicht die Sommerferien. Chicks before dicks, schon vergessen? Unsere Freundschaft ist so viel wichtiger als dieser Kram, und ich sehe nicht ein, sie mir von diesem Typen kaputtmachen zu lassen.« Er atmet dramatisch tief durch. »Und ich habe viel zu viel getrunken und brauche jetzt Pommes mit Curryketchup.« Er zieht die Tür zum Rocks auf. »Wenn ich zurück bin, erwarte ich, dass ihr euer Problem irgendwie gelöst habt. Und dass ihr wieder wisst, warum ihr beste Freundinnen seid … für immer.« Mit einer schnellen Bewegung schiebt er sich eine blaue Haarsträhne aus den Augen. »Gern geschehen.«
Dann verschwindet er in der Pommesbude.
Thea verschränkt die Arme und schaut weg. Ihre Wangen sind rot vor Wut.
Weil ich nicht weiß, was ich noch sagen soll, starre ich schweigend auf meine Füße. Mir ist, als würde mir die Stille gegen die Schläfen trommeln.
Ich rutsche mit den Füßen hin und her. »Willst du Pommes?«
»Nein.«
Noch mehr Stille. Ich kaue auf den Fingernägeln und warte, dass Lewis wieder rauskommt. Wie lange kann es dauern, eine Portion Pommes zu kaufen?
»Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dir niemals wehtun.«
Thea runzelt die Stirn. »Tja, hast du aber. Und zwar so richtig. Du denkst einfach nie nach. Und du scheinst zu glauben, das mit uns sei selbstverständlich.«
Der Vorwurf ist schärfer als ein Pfeil.
»Du bist mir wichtiger als jeder Typ. Immer.«
Thea starrt auf ihr Handy – es scheint sie deutlich mehr zu interessieren, was in der Social-Media-Welt vor sich geht.
Ich starte einen neuen Versuch. »Du bist meine beste Freundin.«
»Und was bin ich? Abgesehen davon, dass ich schnuckelig anzusehen bin, natürlich?« Lewis kommt mit einer Pommestüte aus dem Laden.
Er schlingt den Arm so fest um Thea, dass er sie mit seinem schlaksigen Körper fast zerquetscht.
»Bäh, weg mit den Pommes!« Sie rümpft die Nase.
Bis zur achten Klasse waren Thea und ich uns ziemlich ähnlich. Dann hat die Pubertät zugeschlagen, und Thea hat wie in der bekannten Raupe-zum-Schmetterling-Geschichte ihre glänzenden Flügel ausgebreitet, ist in die Sonne geflogen und hat mich kleine Raupe allein zurückgelassen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man einen Kokon bildet. Ich warte noch immer auf meine Metamorphose.
Lewis’ und mein Handy vibrieren gleichzeitig.
»Checkt mal eure Nachrichten«, sagt Thea kryptisch. Schon fange ich an zu lesen.
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»Und was soll das?« Lewis hält sich das Handy skeptisch direkt vors Gesicht.
»Big Brother meets Mafia! Das ist genau mein Ding!« Thea hüpft von einem Fuß auf den anderen.
»Ich bin froh, dass du nur von dir selber sprichst, denn eher friert die Hölle zu, als dass ich mich vor eine Kamera stelle«, sagt Lewis.
»Geht mir genauso«, sage ich. Thea kann so viel rumspinnen, wie sie will. Solange ich nicht mitmachen muss, unterstütze ich sie gern. »Außerdem zählt nur, wer du wirklich bist, nicht, wer du zu sein vorgibst.«
»Es interessiert niemanden, wer du wirklich bist«, spottet Thea. »Man hat fünfzehn Sekunden, um andere von sich zu überzeugen.« Sie tippt auf ihr Handy. »Ihr Streber kommt vielleicht auch so gut klar. Aber ich will auf keinen Fall in irgendeinem miesen Job enden. Das hier ist meine Fahrkarte heraus aus der Mittelmäßigkeit. Ich will mehr. So wie KSI, dieser Rapper.«
»Du kannst doch mal jeden Beruf der Welt haben.« Ich versuche, irgendwie hilfreich zu sein.
»Ich will aber keinen Beruf. Ich will berühmt sein.« Thea richtet sich entschieden auf und streckt die Brust raus, wobei ihr Busen sich nach vorne wölbt wie zwei Waffen. »Also, ich mache da mit. Und weil ich gewinnen will, wirst du mir helfen, Kass. Schließlich bist du gut darin, Menschen zu lesen. Und außerdem schuldest du mir was.«
»Bitte?«
»Du hast doch vorhin gesagt, dass ich dir wieder vertrauen soll.« Sie hebt ihr Handy hoch, worauf sich alles in mir zusammenzieht. »Beweise es. Zeig mir, dass ich deine Nummer eins bin. Hilf mir zu gewinnen.«
»Gut gespielt«, sagt Lewis.
Sie hat mich reingelegt, und zwar erfolgreich. Denn ich würde alles tun, damit es zwischen uns wieder normal läuft.
»Na gut. Ich bin dabei. Ich bewerbe mich für deine dumme Show.«
Thea grinst schuldbewusst. »Wie gut, dass ich schon vor Wochen für uns beide das Bewerbungsformular ausgefüllt habe.«
»Das hast du nicht echt gemacht, oder?«, kreischt Lewis.
»Und wann hattest du vor, mir das zu sagen?« Mir steht der Mund offen.
»Habe ich doch gerade.« Thea kichert.
Lewis hopst singend die Straße entlang. »Meine Freundinnen werden Stars, meine Freundinnen werden Stars …«
Ich ignoriere meinen rasenden Herzschlag. Ich bin keine Thea. Ich gehöre nicht vor die Kamera. Ich kann nicht mal vor einer größeren Gruppe reden, ohne zu würgen. Es ist jedes Mal das Gleiche – aus mir kommt nur absolut peinliches Gestammel. Aber die bekommen sicher Tausende von Bewerbungen, also ist es absolut unwahrscheinlich, dass ich genommen werde. Oder?
»Das willst du nicht wirklich anziehen, oder?« Lewis steht in meinem Zimmer und betrachtet entsetzt mein Outfit für das Fernseh-Casting.
»Warum nicht?«
»Weil du aussiehst, als wolltest du dich beim Schul-Schachklub vorstellen.«
Wie ich inzwischen weiß, gibt es etwas, was schlimmer ist, als sich für eine Reality-Show zu bewerben. Wenn die Bewerbung angenommen wird, kommt nämlich der nächste Schritt: ein Vorstellungsgespräch via Zoom mit einer leibhaftigen Produzentin. Ein Casting.
Ich ziehe mir den Schlabber-Hoodie über den Kopf. »Ich dachte, ich soll ganz natürlich rüberkommen und so sein, wie ich bin.«
»Die Welt ist nicht bereit für hundert Prozent echte Kass.« Lewis fängt meinen Hoodie auf, lässt ihn aber so schnell fallen, als wäre er verseucht. Dann tritt er einen Schritt zurück. Ich winde mich unter dem kritischen Blick aus seinen sorgsam geschminkten Augen, der an mir entlanggleitet.
»Besser. Du hast einen echt heißen Body, du solltest ihn zeigen.«
»Vergiss es«, schnaube ich. »Ganz sicher lass ich mich nicht von so einer lächerlichen Fernsehshow zum Objekt degradieren.«
»Fair.« Lewis stellt meinen Laptop auf den Schreibtisch. »Aber wir wollen ja, dass sie dich nehmen, also müssen wir uns wohl ein bisschen anstrengen. Du hast übrigens ein sehr hübsches Gesicht.«
»Danke.« Ich verdrehe verlegen die Augen.
Die Sonne knallt zum Fenster herein, sodass mir fast das frisch aufgelegte Make-up vom Gesicht schmilzt. Ich lasse mich aufs Bett fallen.
»Warum habe ich mich in diese Gewinnen um jeden Preis-Geschichte reinquatschen lassen?«
»Der Preis ist heiß.« Lewis zieht die Vorhänge zu, um das grelle Licht auszusperren. »Und du weißt genau, warum. Alles, was wir tun, hat Folgen. Dass du ein Auge auf JB geworfen hast, hat dir ganz schön viel Ärger eingebracht. Das hier ist deine Chance, es wiedergutzumachen. Also versau es nicht.«
Ich zucke zusammen, und das mittlerweile vertraute Schuldgefühl lässt mir die Röte ins Gesicht schießen. Am besten, ich halte einfach den Mund und ziehe das Ganze irgendwie durch, dann kann man mir nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht. Theas Casting war schon, und es ist wohl ziemlich gut gelaufen.
Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich gleich von dieser Produzentin interviewt werde. Pippa irgendwas. Ich soll mich schlagfertig und unterhaltsam geben und so tun, als ob ich die ganze Sache total super fände und nicht von Thea dazu gezwungen wurde. Um ihr zu beweisen, dass sie mir vertrauen kann, soll ich etwas tun, das so weit außerhalb meiner Komfortzone liegt, als wäre es auf einem anderen Planeten. Und ich habe nur eine einzige Minute, um diese Pippa zu überzeugen.
»Sei einfach du selbst«, sagt Lewis. »Oder nein, vielleicht doch nicht. Verstell dich ruhig ein bisschen. Frag dich, was Rebel Wilson tun würde. Oder noch besser: Sei Rebel Wilson!«
»Verpiss dich.«
Lewis zuckt die Achseln. »Ich bin hier eh fertig.«
Als er den Zoom-Link anklickt, gerate ich in Panik.
»Bereit?« Lewis stellt sich hinter den Laptop und formt die Hände zu einem Herz.
Wird schon schiefgehen. Ich werfe noch einen kurzen Blick in den Spiegel und atme tief durch, als die Worte »Lie or Die-Casting« auf der Kachel neben meiner auftauchen. Während ich das Mikro einschalte, kommt eine junge Frau mit einem roten Bob ins Bild, die ziemlich selbstbewusst wirkt. Sie grinst von einem Ohr zum anderen, als wäre sie Gastgeberin in einer amerikanischen Talkshow.
»Hi Kass. Ich bin Pippa, die Produzentin von Lie or Die. Ich werde dir jetzt ein paar Fragen stellen, damit wir dich kennenlernen. Ist das okay?«
Ich nicke und fühle mich auf der Stelle unwohl.
»Als Erstes würde ich dich bitten, mal aufzustehen. Ich möchte gern wissen, wie du im Ganzen aussiehst.«
Ich stehe auf und wische die Hände an meiner Jeans ab.
»Bereit?« Wenn das überhaupt möglich ist, wird ihr Lächeln noch breiter.
Ich räuspere mich. Nein, ich bin absolut unbereit.
»Lass uns mal ganz entspannt anfangen. Sag mir, wie du heißt und wie alt du bist, und erzähl mir ein bisschen was über dich.«
Über den Laptop hinweg sehe ich Lewis lautlos »SMILE!« sagen. Ich straffe die Schultern und versuche, meine innere Rebel Wilson herauszukehren.
»Ich heiße Kass Kennedy und bin 17 Jahre alt. Ich wohne noch bei meinen Eltern. Ich habe zwei Brüder und einen Hund.«
Lewis deutet ein Gähnen an, worauf ich flüchtig lächele, die Arme löse und sie locker an mir herunterhängen lasse.
Pippa nickt mir aufmunternd zu. »Sehr gut. Kass, kannst du dich in drei Worten beschreiben?«
»Hmm.«
Lewis runzelt die Stirn. Ich zupfe mit zittrigen Fingern an meinem Top herum.
»Freundlich.« Die Anspannung ist kaum auszuhalten. Habe ich gerade wirklich »freundlich« gesagt? »Unbedeutend.« Cringe. »Langweilig.«
»Langweilig?«
Ich nicke. Wetten, sie wird das Ganze hier in weniger als einer Stunde wieder vergessen?
»Warum hältst du dich für unbedeutend und langweilig?«
Lewis schüttelt den Kopf.
»Ich bin einfach nur normal.« Wieso fuchtele ich die ganze Zeit so fürchterlich herum, während ich rede? »Durchschnittlich halt. Ich bin weder laut noch schräg oder verrückt und lustig. Ich bin einfach nur ich.«
Pippa lächelt. »Pronomen?«
»Sie, ihr.«
»Sexuelle Orientierung?«
»Hetero.« Siehst du? Langweilig und vorhersehbar.
»Verrat mir etwas, was du tust und was eine Lüge ist.«
»Manchmal trage ich Earbuds und tue so, als ob ich Musik höre, damit ich mit niemandem reden muss.«
Lewis verdreht die Augen.
Pippa lacht. »Ich auch.«
Sofort entspanne ich mich ein bisschen.
»Kass, wenn du eine Disney-Prinzessin sein könntest, welche würdest du dir aussuchen?«
Ich starre auf den Bildschirm und fühle Lewis’ Blick auf mir.
»Na ja, am liebsten keine«, sage ich. »Denn eigentlich will ich nicht von einem weißen Typen aus der Oberschicht gerettet werden, der zu viel Zeit hat.«
Lewis stopft sich die Faust in den Mund.
»Und wenn du ein Keks wärst?«
»Ein Doppelkeks vielleicht. Das ist ein Klassiker, und er ist, was er ist.« Ich zucke die Achseln. »Ein Doppelkeks gibt nicht vor, irgendetwas anderes zu sein. Es ist ein Keks mit Schokolade, das ist alles.«
Pippa nickt. »Ich hätte jetzt gerne einen.« Sie studiert ihre Notizen. »So Kass, wenn du eine Superkraft hättest, welche wäre das?«
Ich habe keine Superkraft, weil es so was eben in echt gar nicht gibt. Ganz sicher hat Thea all diese Fragen beantwortet, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Dabei noch Witze gemacht und Pippa im Handumdrehen beeindruckt. Oh, Moment mal – jetzt fällt mir doch etwas ein.
»Ich kann Gedanken lesen«, sage ich. »Nicht wirklich natürlich«, füge ich hastig hinzu. »Aber ich erkenne, wenn Leute lügen.«
Pippa sieht von ihren Notizen auf. »Du meinst, du durchschaust sie?«
»Genau.« Ich zeige auf den Bildschirm. »Das trifft es.«
»In dieser Show geht es vor allem darum, zu lügen, um zu gewinnen. Wie weit würdest du gehen, um zu gewinnen, Kass?«
Lewis gibt hinter dem Laptop in Sachen Mimik alles, fast, als würden wir Scharade spielen. Er hält die Hand über die Augen und schaut in die Ferne.
»Weit?«
»Warst du schon mal verliebt?«
»Nein?« Ich dachte, das hier ist eine Murder-Mystery-Show?
»Hast du dich je wegen eines Jungen mit einer Freundin überworfen?«
»Um Gottes willen, nein!«, sage ich automatisch, ohne nachzudenken.
»Wiiiirklich nicht? Bist du dir da ganz sicher, Kass?«
»Ja?«
»In deiner Bewerbung schreibst du … warte, ich zitiere: Ich habe meine beste Freundin wegen eines Typen hintergangen, den ich mag, obwohl sie sich gerade erst von ihm getrennt hatte.«
Oh mein Gott! Ich sterbe auf der Stelle. Das ist also deine Art, eine gute Freundin zu sein, Thea?
Pippa hat aufgehört, sich Notizen zu machen und starrt mich an. Meine Wangen, die schon vorher gebrannt haben, sind jetzt das reinste Inferno.
»Ich … ähm … Nein.« Ich schicke Lewis einen SOS-Notruf. Was für ein Mist! »Hab ich das wirklich geschrieben?« Ich starre Lewis an. »Was ich sagen wollte, ist: Ich stand»…« Die Wörter kleben mir so im Rachen, dass ich sie kaum rausbekomme. »Ich mochte den Ex meiner Freundin.«
»Und hattest du was mit ihm?«
»Nein«, sage ich. »Da lief nichts.«
»Aber wie genau …« Pippa schaut auf ihre Notizen und scheint eine bestimmte Stelle zu suchen. „…»wie genau hast du sie dann ›hintergangen‹?«
Ganz toll, Thea. Jetzt hast du mir also so sehr ans Bein gepinkelt, dass ich in meinem eigenen Zimmer von einer Fremden für etwas verurteilt werde, das ich gar nicht getan habe.
Pippas Gesicht auf meinem Bildschirm wird größer, als sie sich zum Laptop vorbeugt. »Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten, Kass. Ich versuche nur, ein Gefühl dafür zu bekommen, wer du bist und ob du die Richtige für die Show bist.« Sie atmet tief durch. »Also. Stell dir vor, du müsstest dich entscheiden: Entweder du verrätst deine Freunde oder du verlierst das Spiel. Was würdest du tun?«
Das ist es. Mein Ausweg. Ich brauche die Frage nur ehrlich zu beantworten und alles ist vorbei – auf Nimmerwiedersehen. Natürlich würde ich niemals meine Freunde verraten, um eine bescheuerte Reality-Show zu gewinnen – wozu denn auch? Schon öffne ich den Mund, um die letzte Antwort zu geben, als ich spüre, wie sich mein Kampfgeist mit Wut verbindet. Die Wörter, die Thea mir in den Mund gelegt hat, haben einen sauren Nachgeschmack hinterlassen. Ich rutsche etwas näher an den Laptop. Wenn Thea will, dass ich in dieser Show mitmache, dann hat sie es nicht anders verdient.
»Ich spiele für mein Leben gern Mafia, und ich spiele gnadenlos.« Wut und Scham durchströmen mich und halten mich aufrecht, wie ein Gerüst. »In eurer Show wäre ich großartig.«
»Ok, dann kommen wir noch mal zu meiner Frage von vorhin zurück, Kass. Wie weit würdest du gehen, um zu gewinnen?«
»Bis zum bitteren Ende.« Mein Mund ist nicht mehr mit meinem Gehirn verknüpft, ich habe komplett die Kontrolle verloren. »Wer braucht Freunde, wenn er Geld und Ruhm haben kann?«
Wo zum Teufel kam das denn her? Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Meine Wut löst sich so schnell auf, wie sie gekommen ist.
»Ja, genau so!«, ruft Lewis und schlägt sich sofort die Hand vor den Mund. Er sieht mich mit lachenden Augen an.
»Und schon sind wir fertig.« Pippa legt ihren Stift weg. »Ich danke dir, Kass. Das war wirklich toll. Hast du noch irgendwelche Fragen?«
»Ähm, nein.« Meine Stimme scheint ihre ganze Kraft verloren zu haben. Plötzlich bin ich mehr Maus als Kämpferin.
»Eins noch«, sagt Pippa. »Ist gerade irgendjemand bei dir?«
Lewis gestikuliert ein wildes »Nein«.
»Mein Freund Lewis ist hier.«
»Aaah, hi Lewis.« Ihr Ton hat etwas Erwartungsvolles an sich, was mir verrät, dass gewöhnlich alle nach ihrer Pfeife tanzen.
Lewis stellt sich hinter mich und grüßt mit einem begeisterten »Hallo« in die Kamera.
»Schön, dich kennenzulernen«, sagt Pippa. »Ich nehme an, du warst die ganze Zeit dabei?«
»Schuldig.« Lewis breite Silberringe glitzern, als er schwungvoll mit den Händen in der Luft wedelt. Seine Haare wirken heute Nachmittag besonders verstrubbelt, und die Sonne, die sich durch den Vorhang hindurchzwängt, fängt das Blau optimal ein. Die hautenge Ripped Jeans und das schwarze Oversize-Shirt mit den orangefarbenen Flecken und gelben Blumen machen seinen Viel zu cool für diese Stadt-Look perfekt.
»War meine Süße nicht super?« Er legt mir den Arm um die Schulter.
»War sie. Cooler Look!«
»Danke schön, Pippa.« Lewis setzt zu einer kleinen Drehung an. »Aussehen wie Yungblud, leben wie Taylor.«
»Absolut.« Pippa lacht. Das ist so unfair. Es hat nicht mal eine Sekunde gedauert, und schon ist sie ihm verfallen. Ich schaffe das nicht mal in einer Minute.
»Deinen Namen sehe ich aber nicht auf meiner Liste, oder?«
»Nee.« Lewis zieht einen Flunsch. »Dieser ganze Reality-Kram ist nichts für mich.«
»Bist du dir sicher?«
»Hundert Prozent.«
»Aber du wärst richtig gut«, sagt Pippa. »Du bist wie gemacht fürs Fernsehen.«
Lewis verzieht das Gesicht. »Ich stehe lieber auf der anderen Seite der Kamera und sage, wo es langgeht. Außerdem will ich nicht irgendwelche Stereotypen verkörpern, Pippa. Ich will die Stereotype verändern.«
»Schade«, sagt sie. »Aber falls du deine Meinung änderst: Du hast meine Nummer. So, ich muss jetzt los, zum nächsten Casting. Es hat mich echt gefreut, dich kennenzulernen, Lewis. Und Kass, du hast das sehr gut gemacht. Ich melde mich.«
Ich klappe den Laptop zu.
»Wooohooo.« Lewis hüpft auf und ab. »Was war denn das für eine?«
»Du weißt, dass ich das nicht ernst gemeint habe, oder?« Innerlich schüttele ich mich noch immer.
»Klar.« Jetzt springt er von einem Fuß auf den anderen. »Du hast es geschafft.« Es ist so süß, dass er trotz allem, was Pippa zu ihm gesagt hat, erst mal mich aufbaut. »Warte.« Er greift nach seinem Handy. »Jetzt brauchen wir Thea.«
Liebe Kass,
es war schön, dich letzte Woche kennenzulernen. Dein Casting war wirklich großartig. Doch die Zahl der Bewerbungen war unerwartet hoch und die Konkurrenz sehr stark. Daher können wir deine Bewerbung leider nicht weiter berücksichtigen.
Für deine Zukunft wünschen wir dir alles Gute.
Beste Grüße
Pippa Barkley
Produzentin
Pink Pony Productions
Sie haben mich nicht genommen.
Zwei Wochen ist es jetzt schon her, dass ich die Absage erhalten habe. Und es fühlt sich immer noch beschissen an.
Es hat mich tatsächlich ziemlich angekotzt, dass sie mich nicht für die Show wollen. Aber zu wissen, dass Thea es geschafft hat, kotzt mich noch mehr an.
Nicht, dass ich scharf darauf bin, ins Fernsehen zu kommen: Nicht 24/7 live von Kameras verfolgt zu werden, ist sogar eine riesige Erleichterung. Trotzdem nagt in meinem Kopf eine Stimme (die so klingt wie Pippa Barkley, Produzentin), die mir sagt, dass ich nicht gut genug bin.
Und Thea schon.
Ich bin immer noch die, der unsere Freundschaft nicht wichtig genug ist, und das, obwohl ich den ganzen Casting-Kram mitgemacht habe. Wo ist das bitte fair? Jetzt bin ich nicht nur eine schreckliche Freundin, weil ich ihren Ex geküsst habe, sondern noch dazu ein schlechter Mensch, weil ich so neidisch bin, dass sie glamourös und gut genug ist, während ich für langweilig und fade befunden wurde.
Um wiedergutzumachen, dass ich als Bestie so ein Armutszeugnis abgebe, stehe ich ihr hundert Prozent zur Seite. Und deshalb habe ich sie gemeinsam mit Lewis zum Show-Auftakt nach Wembley gefahren.
Die Lobby der Central Studios ist cool, im wörtlichen Sinne. Der eiskalte Luftzug der Klimaanlage, unter der ich sitze, bereitet mir Gänsehaut. Von einem riesigen Poster aus lacht mich Simon Cowell, der Filmproduzent, an, wobei mir sein Blick zu folgen scheint wie bei Porträts in Geisterhäusern.
In allen Ecken stehen riesige Palmen, ergänzt von frischen Blumen an den Türen. Ich bin hier ganz allein, abgesehen von der Empfangsdame. Sie sitzt hinterm Tresen und sieht toll aus, während ich an den Fingernägeln kaue. Eigentlich war Lewis auch hier, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, bis er von Pippa weggelockt wurde. Ich könnte schwören, dass sie sich tausendmal besser an ihn erinnert als an mich und nicht erwarten konnte, ihm das Geschehen hinter den Kulissen zu zeigen. Um ehrlich zu sein, hat sie gefragt, ob ich auch mitkommen will, aber nach der Loser-Absage war mir das viel zu peinlich. Also habe ich eine Ausrede erfunden und bin nicht mitgegangen.
Aber es fühlt sich mies an, hier herumzuhocken.
Ich verschränke die Beine, setze mich aber gleich wieder anders hin. Hätte ich doch bloß keine Jeans an! In dem T-Shirt mit Sushi-Aufdruck komme ich mir sowieso total kindisch vor.
Ich habe hier einfach nichts verloren. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Thea sehen würde, wie leid mir alles tut, wenn ich mit ihr herfahre und ihr die Daumen drücke. Aber sie ist viel zu aufgeregt, weil sie jetzt vielleicht berühmt wird, und ich klinge wie eine alte Platte, die hängengeblieben ist. Lewis ist da ganz anders – diese ganze TV-Sache hat ihn und Thea nur noch enger zusammengeschweißt.
Ich vermisse sie beide.
Über dem Empfangstresen hängt ein riesiger Bildschirm. Auf der oberen Hälfte prangt der Schriftzug STUDIO LIVE, ansonsten ist er schwarz. Darunter ist eine Art virtuelle Pinnwand, mit Infos für all die wichtigen Leute und Celebritys, die hier ein und aus gehen. In der Ecke hängt eine kleine Überwachungskamera, die mich ganz nervös macht.
Mir ist so langweilig.
Als die gläserne Eingangstür aufschwingt, strömt heiße Augustluft herein, bevor sich die massive Scheibe wieder zuschiebt und den Sommer mit einem lauten Klacken aussperrt. Ein Junge schlendert herein, mit dem lässigen Auftreten eines Siegertyps. Er schiebt seine Sonnenbrille hoch, und sie bleibt locker auf den Braids sitzen, die er zu einem ordentlichen hohen Zopf zusammengebunden hat. Auch er trägt eine Jeans, wirkt darin aber – anders als ich – frisch und entspannt. Und er sieht unfassbar gut aus. Wirklich unfassbar. Er ist groß, auf jeden Fall über 1,90 Meter, und wo seine Jeans Risse hat, kann ich den Blick auf verführerisch wirkende Haut erhaschen. Seine Arme sind muskulös, sodass sie sich unter dem Shirt abzeichnen, das sich auf heiße, aber nicht verschwitzte Weise gegen seine definierte Brust presst. Er hat ein markantes Profil und wirkt gepflegt – an ihm ist kein einziger Makel zu erkennen. Und er riecht göttlich. Ein moschusartiger männlicher Duft weht, nicht zu stark, über den schweren Blumengeruch hinweg.
Der Junge steuert direkt auf den Empfangstresen zu.
»Tayo Asaju.« Seine Stimme passt zum Aussehen.
»Welche Produktion?«
»Lie or Die. Pink Pony Productions.«
»Einen Moment.« Die Empfangsdame tippt auf ihrer Tastatur herum. »Tayo Asaju ist hier bei mir.« Sie nickt. »Klar.«
Sie späht unter ihren langen verführerischen Wimpern hervor und klopft mit den modellierten Nägeln auf den Tresen.
»Bitte hier unterschreiben.«
Noch bevor Tayo unterschrieben hat, tritt Pippa durch die Doppeltür.
»Taaa-yooo«, gurrt sie. »Wie schön, dich zu sehen.«
Tayo nimmt den Rucksack von den Schultern, und ich versuche, mich in dem Loungesessel zusammenzufalten. Wie habe ich auch nur für eine Sekunde glauben können, ich könnte mich mit solchen Leuten messen? Sie gehören einer komplett anderen Liga an – der Glitzerwelt. Sie alle haben das gewisse Etwas. Thea hat es, und Lewis hat es auch. Egal, was sie zu verkaufen hätten, ich würde es ihnen abnehmen.
Und das ist vermutlich genau das, was Pippa Barkley in ihnen gesehen hat und in mir nicht.
Tayo tritt durch die Tür, hinein in seine glänzende Zukunft. Dass ich ihm zulächele, bemerkt er gar nicht.
Das Bedürfnis, diesen künstlichen, glamourösen Ort mit den seltsamen Pflanzen und diesen perfekten Leuten zu verlassen, ist auf einmal so stark, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich springe auf und stehe im nächsten Moment am Ausgang. Aber nichts passiert, egal, wie viel ich herumwedele: Die Tür bleibt zu.
»Sie ist gesichert.« Die Empfangsdame klingt gelangweilt. »Du musst deine Schlüsselkarte über das Pad an der linken Seite ziehen.«
Wow. Ich beuge mich vor und ziehe das Band mit der Karte, das sie mir bei der Ankunft gegeben hat, so weit nach vorne, dass es bis zum Pad reicht. Der Laden hier ist besser gesichert als militärisches Sperrgebiet. Sollen die Promis eingesperrt oder die Normalos ausgesperrt werden? Als die Tür schließlich aufschwingt, befördere ich mich schneller nach draußen auf den Studio Drive, als man »Allein und gelangweilt in Wembley Park« sagen kann.
Als ich an der viel befahrenen Kreuzung mit dem lauten Verkehr und den schmutzigen Fußwegen stehe, fühle ich mich gleich viel mehr zu Hause. Auf der anderen Seite der Straße ist ein Café. Mir knurrt der Magen. Lewis wird mir eh eine Nachricht schreiben, wenn er wieder rauskommt. Also mache ich mich auf den Weg nach drüben.
Fünf Minuten später beiße ich in einen Hot Dog in einem fluffigen weißen Brötchen und lecke mir das Fett von den Fingern, während ich dem schönen Tayo Asaju und allen anderen Glitzerweltlern gedanklich den Mittelfinger zeige.
Das Café ist winzig. Nach den sterilen Central Studios bin ich froh, jetzt einfach in der Ecke am Fenster zu sitzen. Von hier aus habe ich einen super Blick. Gegenüber, auf der anderen Seite der Kreuzung, liegen die riesigen Gebäude des Fernsehstudios. Ein Hochsicherheitszaun mit Stacheldraht um das Gebäude reicht so weit, wie ich sehen kann. Er scheint das gesamte Grundstück zu umgeben wie einen geheimen Garten. In dieser ansonsten ganz normalen Hauptstraße wirkt die Einrichtung fast kolossal und ziemlich unpassend. Verspiegelte Fenster säumen die Fassade, glitzernd und glänzend wie die Stars, die sich darin befinden. Sie reflektieren ganz Wembley, ohne den Außenstehenden auch nur einen Hauch von Einblick in die geheime Welt dahinter zu geben.
»Ist der Platz frei?«
Eine leise Stimme stört meine Ruhe. Als ich leicht stöhnend aufsehe, schaue ich in ein Paar strahlend blauer Augen, die halb unter einem gebleichten Pony versteckt sind.
Unwillkürlich ziehe ich meine Teetasse näher zu mir. Der Tisch wackelt, als der Junge sich hinsetzt und eine große Reisetasche auf den Boden fallen lässt. Dann stellt er seine Tasse ab und greift nach dem Zucker. Ich versuche, hinter meinem Handy zu verschwinden.
»Wartest du auf den Psychotest?«
»Bitte?«
»Lie or Die.« Er beugt sich zu mir vor und flüstert frech grinsend: »Du siehst nicht so aus, als würdest du hier wohnen.«
Ich blicke mich um und muss kichern: Alle anderen Gäste sind ziemlich alt. »Nein, aber meine Freundin macht den Test. Oder hat ihn schon gemacht. Sie ist noch nicht wieder draußen, also scheint es wohl gut gelaufen zu sein. Ich schätze mal, sie haben sie für die Show angenommen. Ich bin nur zur Unterstützung dabei.« Was schwafele ich hier eigentlich? »Und mein Kumpel, der auch mitgefahren ist, wird gerade rumgeführt«, stottere ich in dem Versuch, nicht wie ein jämmerliches Stalker-Fangirl zu klingen. »Wir fahren dann nachher wieder zusammen nach Hause. Also, er fährt.« Halt den Mund, Kennedy! »Und du?«, versuche ich von dem Verkehrsunfall abzulenken, der Kass heißt.
»Ja, ich warte auf den Test«, sagt er. Natürlich. Er hat den richtigen Look, diesen Tayo-Look, wie ich jetzt herausgefunden habe. So perfekt gekleidet, wie er ist, in Jeans, lässigem Langarmshirt und angesagten Sneakern, könnte er auch zum Set von Love Island unterwegs sein. Die schneeweißen Haare, die ihm vor die Augen fallen, kämmt er mit einer flüchtigen Handbewegung zur Seite. Innen am Handgelenk hat er ein kleines Tattoo, aber ich kann nicht erkennen, was es darstellt.
»Mich würde mal interessieren, wie viele Leute in diesem Test durchfallen. So was erfährt man ja nie. Oder? Ich frage mich, wonach sie eigentlich genau suchen.« Er spielt mit dem Zucker. »Sorry, ich quassele immer so viel, wenn ich nervös bin.« Er legt eine Hand auf die andere, als ob er sich damit beruhigen will. »Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, wo ich hier wieder reingeraten bin.«
»Spielst du das Spiel denn sonst nicht?«, frage ich. Sein Lächeln ist ansteckend, sodass ich breit zurückgrinse.
»Mafia? Oh Gott, klar. Ich liebe es. Aber es ist doch etwas ganz anderes, betrunken bei deinem Kumpel zu Hause zu sitzen oder mit irgendwelchen Fremden vor der laufenden Kamera.« Er kippt sich eine riesige Menge Zucker in den Tee.
»Warum machst du dann überhaupt mit?«
»Ist so eine Art Mutprobe.« Er hebt wie zur Entschuldigung die Hände. »Okay, das klingt irgendwie dämlich.« Für einen Moment starrt er mit ernstem Gesicht aus dem Fenster. »Ich glaube, ich will der Welt zeigen, dass ich ein Gewinner bin.« Als er sich wieder zu mir dreht, ist sein Grinsen zurück. »Das ist das Schöne an dem Spiel: Auch die Stillen haben eine Stimme.«
»Du machst das bestimmt sehr gut.«
Er zuckt die Achseln. »Und warum bist du nicht dabei?«
Jetzt zucke ich die Achseln. »Das ist so gar nicht mein Ding.« Die Wahrheit werde ich diesem Fremden ganz sicher nicht auftischen.
»Verstehe ich. Ich wäre auch nicht hier, wenn mich meine Jungs nicht angemeldet hätten.«
»Ist bei mir genauso!«, platze ich raus und bemerke sofort seinen neugierigen Blick. »Ja, ich gebe es zu. Meine Freundin hat mich angemeldet.«
»Und welcher Keks bist du? Ich bin ein Jaffa Cake.«
Ich grinse. »Doppelkeks. Solide und verlässlich.«
Seine Augen scheinen zu tanzen. »Bei einem Doppelkeks weiß man immer, was man bekommt.«
»Jaffa Cake, ja?« Diese Unterhaltung macht mir Spaß. »Ist das überhaupt ein Keks oder ein Kuchen?«
»Ja, diese Frage ist das große Mysterium der Keks- und Kuchenwelt. Wer – oder besser was – ist ein Jaffa Cake?«
»Interessant.«
»Und was ist passiert?«
»Sie wurde genommen. Ich nicht.«
»Mist.«
Wie einfach es ist, mit ihm zu quatschen. »Sie hat es verdient. Bei diesem Reality-Kram ist sie ein Naturtalent.«
»Und du nicht?«
»Offensichtlich nicht. Langweilig bis ins Mark.«
Sein Ausdruck ändert sich plötzlich. »Doppelkekse können gar nicht langweilig sein.«
Oh Gott, meine Wangen brennen plötzlich.
»Vielleicht nicht langweilig, aber halt durchschnittlich. Auf jeden Fall nichts fürs Fernsehen.«
»Ist das deine größte Angst? Dass man dich für durchschnittlich halten könnte?«
»Meine größte Angst?«
»Ja, du weißt schon – man wird doch oft nach der größten Angst gefragt. Fürchtest du tief in dir, langweilig zu sein?«
»Ach, ich weiß nicht. Manchmal ist mir einfach alles zu viel. Meine Freunde wissen genau, wer sie sind und haben keine Skrupel, es zu zeigen. Und ich hab keine Ahnung.«
Er sieht mich fragend an.
»Ja, vielleicht habe ich Angst, zu normal zu sein.« Boah, wie das klingt! Zu dick aufgetragen. »Und vor Schnecken. Einmal bin ich auf eine draufgetreten – barfuß. Einfach widerlich.«
Er nimmt einen Schluck Tee. »Da bin ich ganz deiner Meinung. Und wenn du mich fragst: Es ist nicht schlimm, normal zu sein.«
»Erzähl das gern der Produzentin von Lie or Die.«
Er stützt sich auf seinen Ellbogen. »Vielleicht haben sie nicht erkannt, wer du wirklich bist.« Ich winde mich unter dem Blick aus seinen kristallblauen Augen. »Komm bloß nicht auf die Idee, du wärst nicht gut genug. Nicht für eine Sekunde. Das alles hier ist nicht echt, es ist eine einzige große Lüge.«
Im nächsten Moment lenkt uns eine schrille Sirene ab. Gleich darauf sehen wir flackerndes Blaulicht. Ein Krankenwagen rast die Straße herunter und drängt die Autos auf den Fußweg, um schneller voranzukommen. An der Ampel biegt er links ab, direkt auf den Parkplatz des Studios.
Sofort springt der Jaffa-Cake-Junge auf und greift nach seiner Tasche. »Ich muss los.«
Seine Reaktion überrascht mich, wieso hat er es bloß plötzlich so eilig? Sollte ich auch aufbrechen? Stattdessen bleibe ich sitzen und checke mein Handy. Falls es einen Notfall gäbe, würde mich doch sicher irgendjemand anrufen.
»Viel Glück«, sage ich. Gut möglich, dass der Typ berühmt ist, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Eigentlich ganz schön verrückt.
»Danke.« Er nimmt einen letzten Schluck Tee. »Ich bin übrigens Noah. Noah Winston.«
»Kass Kennedy.« Ich rutsche auf meinem Stuhl herum, unsicher, ob ich aufstehen sollte. »Ich hoffe, da drüben ist alles in Ordnung.«
Noah starrt aus dem Fenster. »Ja, sicher. Ganz bestimmt.« Er löst den Blick vom Fenster und schenkt mir ein beruhigendes Lächeln.
Sein Mund ist verzerrt, als er sich die Haare aus dem Gesicht schiebt. Er lügt, er macht sich sogar richtig große Sorgen. Fürchtet er, dass die ganze Show abgesagt wird und sich seine große Chance in Luft auflöst? Ich werfe ihm einen aufmunternden Blick zu. »Passt du für mich auf meine Freundin Thea auf?«
»Mach ich.« Ein seltsamer Ausdruck bewölkt sein Gesicht. Meine Gedankenlese-Superkraft sagt mir, dass er traurig ist. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann ist der Moment vorüber, und er wirkt wieder aufgeräumt. »Es war nett, dich kennenzulernen, Absolut-nicht-langweilig-Kass Doppelkeks-Kennedy.«
Als er aufbricht, sehe ich noch, dass er sofort das Handy am Ohr hat. Er rennt über die Straße und verschwindet hinter dem Krankenwagen, als hätte er mich und unser kurzes Gespräch bereits wieder vergessen. So viel zum Thema, dass Doppelkekse nicht langweilig sind – man kann sie sogar sofort getrost vergessen. Wie viel besser wäre es, ein gefüllter Schokokeks zu sein oder etwas Ausgefallenes wie eine Katzenpfote.
Der Krankenwagen macht mich nervös. Schnell schreibe ich Lewis eine Nachricht.
Alles okay mit dir?
Er schreibt mir sofort zurück.
Alles gut. Bei uns jedenfalls.
Es gab eine Art Unfall.
Sieht schlimm aus.
Oh.
Trotz der schlechten Nachricht entspanne ich mich. Zumindest ist nichts mit Thea. Also gibt es für mich auch keinen Grund, hinüberzurennen, denn wahrscheinlich würde ich eh nur im Weg stehen. Lieber bleibe ich in dem überfüllten Café sitzen und schaue dem Drama zu, das sich draußen abspielt wie meine eigene private Reality-Show. Lewis und Thea könnten genauso gut meilenweit weg sein, eingehüllt in eine Welt aus Glamour und Glitter und Berühmtheiten, während ich hier feststecke – durch einen wackligen Tisch, ausgeblichenes Linoleum und eine Tasse Tee mit Milch fest mit der echten Welt verbunden: eine traurige Ms No-Friends, die zurückgelassen wurde.
Die Rettungssanitäter schieben eine leere Trage auf Rollen durch die Glastür ins Gebäude. Pippas rote Haare kommen ins Bild, und Lewis, der sich an der Eingangstür herumdrückt. Selbst über die Straße hinweg kann ich die Anspannung spüren. Gleich darauf wird die Trage hastig durch die Türen nach draußen geschoben, wobei die darauf liegende Person von Sanitätern abgeschirmt wird, die hektisch gestikulieren. Der Krankenwagen drängt sich mit quietschenden Reifen in den Verkehr, während die Sirene laut aufheult. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit erzwingt er sich freie Durchfahrt in der Straßenmitte. Ich spreche ein stilles Gebet für die Person im Wagen, wer immer es auch ist.
Sobald der Krankenwagen außer Sicht ist, gibt es nichts mehr zu sehen. Ich lasse mich wieder auf den Stuhl fallen und greife nach meinem Handy, um Noah auf Social Media zu suchen. Als ich ihn nicht gleich finde, trinke ich einen Schluck Tee und überlege, welchen Nachnamen er mir genannt hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Noah Winston war.
Doch es taucht niemand auf, der dem Jungen von eben auch nur im Entferntesten ähnelt.
Ich googele ihn. Nichts.
Verdammt. Ich kann später, wenn er berühmt ist, schlecht sagen, dass ich ihn kenne, wenn ich nicht weiß, ob der Name stimmt!
Mein Handy vibriert. Es ist Lewis.
Wo bist du?
Auf der anderen Straßenseite.
Ich verkneife mir zu schreiben, dass ich gerade versucht habe, einen Fast-Promi zu stalken.
Komm her.
Pippa will mit dir reden.
Sofort schlägt mir das Herz bis zum Hals. Wieder vibriert mein Handy.
Beeil dich. Du bist dabei 🤑😀.
»Wo warst du denn?« Lewis tigert am Studioeingang auf und ab und kommt mir unfassbar aufgeregt vor.
»Ach«, sage ich. »Ich hab nur was getrunken und…«
Er wedelt wegwerfend mit der Hand. »Was für ein Drama! Eine der Teilnehmerinnen hat offensichtlich eine total heftige Allergie gegen Schalentiere, was ja eigentlich keine Rolle spielt, aber sie hat aus irgendeinem Grund welche gegessen. Und dann hat sie ihren EpiPen nicht gefunden, dieses Ding mit dem Notfallmedikament, das sie sich spritzen müsste. Und das Erste-Hilfe-Set…« Lewis wirft die Hände in die Luft. »War auch nicht aufzutreiben. Der Krankenwagen ist gerade noch rechtzeitig gekommen.«
Er hält inne. Ich warte ab.
»Sie kommt wieder in Ordnung«, sagt er, ohne überzeugt zu klingen. »Glaube ich jedenfalls.« Er schaudert. »Um ehrlich zu sein, sah es nicht gut aus. Schockierend.« Trotz des heißen Tages wird mir eiskalt. »Pippa ist total auf die Regieassistentin losgegangen, die dafür zuständig war, immer einen EpiPen bereitzuhalten – die Frau konnte ihn aber nicht finden. Sie behauptet, er sei aus dem Erste-Hilfe-Kasten verschwunden.«
»Geht es Thea gut?«
