Verlag: Books on Demand Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Lieb mich durch die Nacht - Nicola J. West

In letzter Zeit hat sich alles gegen Eileen verschworen. In Atlanta will die Rettungssanitäterin ein ganz neues Leben anfangen, doch mit nur ein paar Dollar in der Tasche und einem schwerkranken Sohn sind die Grenzen ihrer Belastbarkeit schnell erreicht. Lieutenant Josh Taylor lebt schon lange nur noch für seinen Job, den er selbst als Berufung sieht. Ein Feuerwehrmann rettete einst sein Leben. Heute rennt er selbst in brennende Häuser und stellt sich gewissenhaft den schwierigsten Aufgaben, um Abbitte für seinen unverzeihlichsten Fehler zu leisten. Eileen ist nach den schlechten Erfahrungen nicht mehr bereit, jemanden an sich heranzulassen. Josh kann seine Neugier jedoch nicht im Zaum halten. Er bohrt und bohrt, bis sie sich ihm öffnet. Erst verschlossen, schießt sie plötzlich vollkommen übers Ziel hinaus und muss nun um Josh kämpfen. Lieb mich durch die Nacht - eine Geschichte um Erkennen und Verkennen, tiefe Gefühle und die Angst alles zu verlieren, was je von Bedeutung war. *** »Du bist ne kleine dreckige Schlampe, Scott. Aber bitte schön, dann eben nicht.« Unvorhersehbar für mich öffnete er die Fäuste, schlug meine Hände von seiner Brust und trat zurück. Ich rutschte vor Überraschung ein Stück an der rauen Wand herab, neue Striemen legten sich über alte. Kalte über heiße. Schlechte über gute. Mein Gesicht brannte, mein Hals fühlte sich an wie vernagelt. Gerade so, als hätte er mir eine schallende Ohrfeige verpasst. Eine rechts und eine links. Seine breiten Pranken um meine Kehle gelegt und zugedrückt. Von oben herab blickte er auf mich nieder. »Ihr beschissenen Weiber seid alle gleich.« Er spuckte mir mitten ins Gesicht. Nur verbal, aber ich schauderte auch so. »Ihr macht uns Männer an, ihr lasst euch von uns aushalten, ihr wollt Rosen und Geschenke und ihr wollt zusammenziehen und uns anleinen, uns besitzen und dann macht ihr einen auf scheiß-prüde und wir stehen da, als würden wir euch als Sklavinnen halten und euch bedrängen und vergewaltigen.« Er griff meine Arme, obwohl ich sie fest an den Körper presste und zog mich grob wieder hoch, so weit auf seine Höhe, wie meine Körpergröße es zuließ. Kalt blickten seine Augen in meine. Eismeere, die wie schollenüberzogene Wasserfälle in meine zu springen probierten, als würde er mir seine Meinung so einpflanzen können. Mich beeinflussen, bis ich begriff, und ihm zustimmte.

Meinungen über das E-Book Lieb mich durch die Nacht - Nicola J. West

E-Book-Leseprobe Lieb mich durch die Nacht - Nicola J. West

1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Danke
23. Lass mich nie mehr los
24. Leseprobe

Nicola J. West

Lieb mich durch die Nacht

Roman

I M P R E S S U M

2. Auflage

»Lieb mich durch die Nacht« von Nicola J. West

Copyright © 2018 Nicola J. West, Nienburger Straße 1, 27246 Borstel

Neuauflage © 2019 durch: TWENTYSIX – der Self-Publishing Verlag

Eine Kooperation zwischen der Verlagsgruppe Random House GmbH und der Books on Demand GmbH

Vervielfältigung und Verbreitung (auch in Ausschnitten) ist ausdrücklich untersagt. Missachtung wird geahndet.

Umschlagsgestaltung - NaWillArt-CoverDesign

Korrektorat und Lektorat: D. Ludwig

Coverfotos: © depositphotos.com © bezzznika

© AWesleyFloyd & © Alkestida

ISBN: 9783740752101

1. Kapitel

Unerbittlich schien die Sonne vom wolkenlosen Julihimmel und alles, was ich noch in meinem altersschwachen Kühlschrank fand, war ein mickriger Rest piwarmer Pepsi Cola. Angewidert schloss ich die mit Rostflecken übersäte Tür wieder und verließ die Küche, die eigentlich nicht mehr als eine winzige Nische war.

Die Kuckucksuhr über der Wohnungstür funktionierte schon bei meinem Einzug nicht. Dennoch wanderte mein Blick jedes Mal zu ihr, wenn ich mich für die Zeit interessierte. Da mein Mobiltelefon sich in meinem altersschwachen Wagen befand, trat ich durchs Wohnzimmer und hinaus auf die drei Quadratzentimeter der Terrasse, die nicht mit Brennnesseln und Löwenzahn überwuchert waren. Ich blickte in das helle Blau schräg über meinem Kopf. Versuchte einzuschätzen, ob ich mich beeilen oder noch gedulden musste.

Ein Wassertropfen fiel mir auf die Nasenspitze, ein zweiter mitten ins linke Auge. Den unfeinen Fluch unterdrückte ich mühsam. Was hätte alles Schimpfen auch gebracht? Damit änderte ich nichts. Die Wohnung der runzligen Mrs. Wheeler war auch nicht größer als meine und Platz für einen noch so winzigen Wäscheständer fand auch sie nur draußen.

Ein rosanes Blütenblatt fiel fast schnurgerade direkt vor meine Füße. In diesem Jahrhundertsommer machten sogar ihre hervorragend gepflegten Blumen schlapp. Seit Tagen wünschte ich mir Abkühlung, dachte aber zugleich schon mit Schrecken an den Winter in diesem zugigen Loch.

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, musste es etwa elf sein. Zeit für mich, in etwas Festlicheres als schlabberige Cargohosen und ein ausgeblichenes T-Shirt zu schlüpfen. Weiße Dixie Dukes mit einem hellbraunen Ledergürtel und eine hellgrüne Bluse, die ich vor meinem flachen Bauch zusammenknoten konnte, erschienen mir angebracht. Wenn ich eines im Leben gelernt hatte, dann, dass man einer gut aussehenden, gepflegten Dame fachliche Fehler und eine schleichende Inkompetenz eher verzieh als jeder anderen Frau.

An der Tür schlüpfte ich in Riemchensandalen mit klappernden Absätzen, lächelte mir noch einmal im fast blinden Spiegel zu und betete, dass mich der schmierige Typ aus dem zweiten Stock nicht so sehen würde. Ich huschte hinaus und vergewisserte mich dreimal, dass kein Auto in wilder Hast vorbeijagte, bevor ich die zweispurige Straße überquerte. Laut Verkehrsschild durfte man hier nicht schneller als zwanzig Meilen pro Stunde fahren, kaum jemand aber hielt sich daran. Es galt: Das ist nur ein Zeichen und kein Polizist. Und damit das Recht des Stärkeren.

Ich überlebte knapp und betrat Paolos Bar. Der Gestank von abgestandenem Fett, billigem Reinigungsmittel und Erbrochenem waberte mir entgegen, kaum, dass ich einen Schritt ins Düstere setzte. Laut scheppernd fiel etwas um, das ich mit dem Fuß streifte. Ein Eimer vermutlich, denn übel riechendes Wasser breitete sich auf dem zerkratzten Linoleum aus, das wohl seit der Eröffnung der Bar dort lag. Laut dem Messingschild am Eingang war das anno 1934.

»Eileen!«, rief Paolo aus irgendeinem versteckten Winkel. »Du bist spät dran.« Er trat hervor und breitete seine speckigen Arme aus, als würde er mich an sein Herz ziehen wollen.

Ich hob die Hand und winkte ihm lächelnd zu. »Ich weiß, ich weiß. Darum habe ich es auch sehr eilig. Hast du die Pizzabrötchen fertig?«

»Aber sicher, Chica! Und eine Pulle Rotwein gibt es noch dazu. Die geht aufs Haus.« Er drückte seinen voluminösen Bauch durch die schmale Thekentür und hob ein Blech mit Gebäck und eine staubige Flasche auf den Tresen. »Siehst du, nur vom Feinsten.«

Ich nickte, auch wenn ich das anders sah. Paolo nannte fein, was für mich vor kurzem noch ungenießbar gewesen wäre. Die Jugendstilvilla in Pelham, Alabama war jedoch Geschichte. Eine einzige Krankenhausrechnung hatte sie pulverisiert.

»Für die Pizzas bekomme ich fünf Dollar. Ich habe dir nur den Warenwert berechnet. Für den Wein«, er deutete auf seine pockennarbige Wange, »bekomme ich ein Küsschen.«

Ich wusste nicht, wie viel tiefer ich noch sinken konnte, hoffte aber, dass der Nullpunkt erreicht war und sie Skala dort endete. Tief atmete ich ein und beließ die Luft in meinen Lungen, atmete nicht, während ich mich zu ihm beugte und seiner Aufforderung nachkam. Der Geschmack von schalem Bier und altem Rauch blieb dennoch an mir kleben.

Eilig griff ich die Waren, verabschiedete mich, rannte beinahe aus der Bar und verfrachtete das Essen und meine Umhängetasche kurz darauf im Kofferraum meines über zwanzig Jahre alten, rostigen BMW. Er würde durch den nächsten TÜV fallen, weil die Bremsen nicht mehr zuließen, dass ich schneller als vierzig Meilen fuhr. Nicht, dass es ein Kriterium für die Überprüfung war. Die Tanknadel stand im fast dunkelroten Bereich und ich betete, dass ich noch bis zur Feuerwache 41 kam.

Der Stadtverkehr floss zäh, die Nadel sank, aber ich erreichte den Parkplatz noch. Schweiß rann mir aus jeder Pore. Selbstverständlich verfügte Moby – so nannte ich die Rostlaube, weil sie so schwerfällig war, wie der Walfisch – nicht über eine Klimaanlage. Zum Glück aber auch nicht einmal über ein Thermometer. Ich wusste also nicht zu sagen, ob ich nur angebraten oder schon gut durch war. Der Wein ging, als ich ihn auslud, in jedem Fall als Glüh-Variante durch.

Es ließ sich für den Moment nicht ändern und ich hoffte, dass er bis zum Feierabend durchkühlte. Die Spätschicht endete erst um neunzehn Uhr und es war gerade erst Mittagszeit. Die Pizza also kam sicher zur rechten Zeit. Der Dienst hatte erst vor einer Stunde begonnen, und ich vermutete, dass sie noch nicht zum Essen gekommen waren.

Die Türen standen einladend offen, soweit ich es überblicken konnte, befanden sich alle Einsatzfahrzeuge dort. Ich würde mich also gleich der ganzen Truppe vorstellen können. Hoffentlich verließ mich mein gutes Namens- und Gesichtergedächtnis auch heute nicht. Nichts erschien mir schlimmer, als seine direkten Vorgesetzten nicht zu erkennen, wenn man ihnen schon einmal begegnet war. Bisher kannte ich nur den Chief. Einen dunkelhäutigen, aufgeschlossenen Mann, der während meines Einstellungsgesprächs mehr von sich und seinen Männern erzählte hatte, als er von mir wissen wollte. Er hörte auf den Namen Anthony Moore.

Einen langen Moment ließ ich den Anblick des imposanten Gebäudes auf mich wirken. Die letzte Wache, auf der ich gearbeitet hatte, war nicht halb so groß gewesen, nicht halb so modern, doch die Stimmung war stets herzlich und familiär. Was vielleicht daran lag, dass die Hälfte der Mitarbeiter miteinander verwandt war. Ich bezweifelte, dass es in einer so anonymen Stadt wie Atlanta ähnlich zuging, hoffte aber das beste. Ich hoffte immer das Beste.

Mit beschwingten Schritten überquerte ich den Parkplatz und betrat die Halle. »Hallo?«, rief ich und erhielt auch nach zwei Wiederholungen keine Antwort. Meine eigene Stimme hallte nur zurück. Einfach durch die Tür hindurch ins Allerheiligste zu marschieren, kam mir jedoch falsch vor. Ob Klopfen sinnvoll wäre?

Ich sah mich noch einmal um, hob doch die Hand, um es wenigstens zu probieren. Im exakt gleichen Moment aber sprang die Sirene an, zerfetzte mein erschrecktes Trommelfell beinahe. Noch ehe ich reagieren, zurücktreten konnte, flog die graue Stahltür auf und ein großer, breiter Kerl fiel mir beinahe in die Arme und in jedem Fall mitten in die Brötchen. Die Weinflasche sauste zu Boden und zersprang in wohl tausend Teile. Ihr tiefroter Inhalt breitete sich wie Blut in einer Lache am Asphaltboden und auf meinen Füßen und den Stiefeln des Mannes aus.

»Meine Fresse, wie kann man nur so dämlich im Weg rumstehen?«, blaffte er über seine Schulter, während er zum Rüstwagen eilte.

Eine Antwort meinerseits wurde offensichtlich nicht erwartet.

Auch der Rest der Truppe stürzte, noch während die Lautsprecheransage lief, an mir vorbei. »Vollzählig«, klang es vom Löschzug, auf dem ein blauer Walfisch prangte. »Beeilung, verdammt«, schnauzte der, der auch mich schon angepflaumt hatte. Motoren röhrten, Reifen quietschten, Türen wurden zugeschlagen. Was dann blieb, war Stille, die sich anfühlte, als wäre jemand gestorben. Und ich betete dafür, dass sie alle am Leben blieben. Die Männer und Frauen der Wache 41 und die Menschen, zu deren Rettung sie eilten.

Rotwein benetzte meine Füße noch immer klebrig.

Ich kniete mich herab und öffnete die Schnallen meiner ehemals weißen Sandalen, hob sie auf und trug sie zum Waschbecken, das nun deutlich sichtbar an der Wand zu meiner rechten hing. Früher hatte ich Wildleder getragen und die Schuhe wären für immer ruiniert, diese hier aber waren Made in Taiwan und bestanden aus Plastik. Die Sohle aus irgendeinem übel riechenden Gummi. Ich spülte sie ab und ließ sie dann an die Wand gelehnt stehen. Abgas hatte sie verfärbt und meine Schuhe würden keinen Schaden anrichten. Dennoch rechnete ich damit, dass ich dafür den nächsten Anschiss kassieren würde, überlegte, ob ich sie besser raus zu meinem Auto bringen sollte. Ein Schritt auf den heißen Asphalt aber ließ mich umkehren und sie zurückbringen. Bei dem groben Kerl war ich ohnehin untendurch und ich hoffte, dass er mir nichts zu sagen hatte.

Barfuß sammelte ich die Brötchenplatte auf, die kopfüber und laut scheppernd zu Boden gestürzt war. Teile des Belags klebten an der Frischhaltefolie, im Allgemeinen aber sahen sie aus, als könnte man sie noch verzehren. Den ersten negativen Eindruck würden sie vielleicht eher bestätigen, als revidieren, aber der Gedanke zählte vielleichte dennoch.

Mit der freien Hand fuhr ich mir durch die mittlerweile ziemlich wirren Haare, während ich in der anderen das Tablett balancierte. Vermutlich erinnerte ich mittlerweile an eine Vogelscheuche oder einen Wischmopp. Letzteren brauchte ich dringend für den Wein, meinen Kopf wollte ich dafür allerdings nicht opfern.

Zum Glück reichte ein kurzer Blick ringsum. Eine Armee von Schrubbern stand hinter der Tür herum und ich griff mir den, der am ehesten danach aussah, als dürfte man damit den Hallenboden wischen. Eimer gab es en masse und Wasser hatte ich ja bereits entdeckt. Nur an Putzmittel fehlte es, und so erreichte ich zwar, dass von dem grellen Blutrot nur noch ein roséfarbener Schimmer blieb. Er erinnerte mich an teuren französischen Wein. Der Boden aber klebte noch immer und so auch meine Fußsohlen. Vielleicht würde wenigstens jemand meinen Versuch loben.

Seufzend ging ich zurück zum Wasserhahn, leerte den Eimer, spülte den Schrubber, stellte ihm zum Trocknen an die frische Luft, verbrannte mit die Zehen und ließ mich erschlagen in einen überraschend bequemen Klappgartenstuhl direkt im Eingang sinken. Nach zu vielen kurzen, unruhigen Nächten schlief ich schneller ein, als der Sekundenzeiger von einer auf die nächste ticken konnte.

Es grenzte wohl an das Glück eines Millionengewinns im Lotto, dass ich beim ersten Klang sich nähernder Fahrzeuge wieder erwachte. Als das Erste rückwärts über die Schwelle rumpelte, war ich auf den Füßen, blinzelte kräftig in den Sonnenschein, um nur ja nicht verschlafen zu wirken.

»Sie sind ja immer noch hier!« Obgleich zwischen uns sicher zwanzig Meter lagen, war es unmöglich den abschätzigen, kalten Blick des ungehobelten Klotzes vom Mittag zu übersehen. Sein Gesicht war rußig und seine Haare fettig vom Schweiß. »Falls sie vom Catering kommen, den Scheiß da bezahlen wir nicht.«

»Nein«, rief ich, aber er hielt nicht einmal inne, stapfte einfach weiter. »Ich bin die neue Sanitäterin.«

»Gott steh uns bei!« Die Tür fiel einfach hinter ihm zu.

Ich musste mich nicht umblicken, um zu wissen, dass jeder einzelne Kollege mich musterte. Mochte ich mich auch sonst nie als Mittelpunkt sehen und nicht glauben, dass sich irgendwer für mich interessierte, in diesem Moment wusste ich, dass jeder sich seine Meinung über mich schon gebildet hatte. Ich war abgestempelt und würde über Wochen Spül- und Putzdienste verrichten müssen. Halleluja.

Tief atmete ich durch und wandte mich um. »Hallo«, sagte ich und meine Stimme klang so piepsig wie die einer Zwölfjährigen. »Ich bin --«

»Die neue Sanitäterin, haben wir gehört.« Missmutig blickte mir eine etwas plumpe Brünette entgegen. Sie sagte nicht, dass es sie freute, und als ich einen Schritt auf sie zu machte, wandte sie sich ab und kletterte durch die hintere Tür in den Rettungswagen. Eigentlich konnte ich direkt wieder gehen.

»Eileen?« Chief Moore näherte sich von der Seite. »Schön, dass du heute schon hier bist.«

»Das scheinen nicht alle so zu sehen.« Ich schluckte die aufsteigenden Tränen. Im Moment war ich so nah am Wasser gebaut, dass ich Feuer auch ausweinen könnte.

»Oh, denk dir nichts. Der Einsatz war hart, wir haben ein ... eine Person verloren.«

»Oh«, machte ich und verstand noch im selben Moment, wieso er mitten im Satz gestockt hatte. Tränen sammelten sich in meinen Augen. »Ein Kind, oder?«

»Tut mir leid.« Er hob die prankenartige Hand und streichelte mir über den halbnackten Oberarm.

»Mir auch«, sagte ich und senkte den Blick auf meine bloßen Füße, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte.

Der Chief nahm mich mit in sein Büro und unterhielt sich zwanglos mit mir, so lange wir darauf warteten, dass der Rest der Truppe duschte oder sich zumindest umzog. Während wir redeten, streifte mein Blick umher, hängte sich an Kleinigkeiten, wie einem Miniatur-Löschzug und einem Ölgemälde von einem Großbrand auf. Der Ebenholzschreibtisch war, im Vergleich zu den vollgestopften Regalen und einem mit Klamotten und Papieren übersäten Sessel, beinahe penibel aufgeräumt. Gemeinsam gingen wir nach einer guten halben Stunde herüber und trafen die Crew beim Essen an. Jemand hatte Spaghetti gekocht und die Küche in ein Schlachtfeld verwandelt.

Ob ich meinen schlechten in einen guten Eindruck verwandeln konnte, wenn ich spülte und wischte, während sie im nächsten Einsatz waren?

»Leute, herhören«, rief der Chief ungeachtet dessen, dass alle den Mund bis zum Anschlag vollzuhaben schienen, und ohnehin keiner sprach. »Das hier ist Eileen Scott, sie wird uns ab morgen als Sanitäterin unterstützen. Seid nett, so wie ich es von euch gewohnt bin und stellt keine Fragen, die ich nicht auch stellen würde.«

Die Antwort war ein allgemeines Nicken, dann stopften sie sich die Münder wieder voll, kauten, schluckten und wiederholten das Ganze.

»Setz dich hierhin.« Ein etwas bulligerer Mann mit karamellfarbenen Augen und kurzem schwarzen Haar zog, ohne aufzustehen, einen Stuhl knarzend über den Boden und an seine Seite. Während er sprach, wackelte sein etwas wirrer Schnauzer in dem Tomatensoße klebte.

»Jo, James, wie immer zuvorkommend!«, grölte ein unscheinbarer aber hochgeschossener Typ von der anderen Tischseite.

»Kann ja nicht jeder so ungehobelt sein wie du.« Auffordernd lächelte James mir zu und ich umrundete die Gruppe langsam. Fast wie die unterdrückten Mädchen früher in der Schule, die immer Angst haben mussten, dass die beliebteren ihnen ein Bein stellten.

Natürlich geschah das nicht. »Danke«, murmelte ich und setzte mich.

»Woher kommst du, Eileen?« Die Frage kam von einer Blonden. Wenn ich mich richtig erinnerte, fuhr sie den Rettungswagen. Sie war unheimlich schlank, beinahe dürr und ihr Lächeln wirkte freundlich, doch eine Spur reserviert.

»Gebürtig aus Texas, aber ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Alabama gewohnt.«

»Hört man«, flog es mehrstimmig durch den Raum.

»Juckelt ihr da immer noch mit Pferden herum?«

»Ja, und wir geben Rauchzeichen.« Meine Klappe war manchmal schneller als ich, und immerhin lachten ein paar. Ausschließlich Männer allerdings. Ob das gut oder schlecht war, würde sich wohl zeigen.

»Bist du alleine?«

»Nein, ich habe einen Sohn. Aaron.«

»Aber keinen Mann?«

»Nein.«

Das Gespräch verstummte und sie aßen weiter. Mir bot keiner einen Teller an.

2. Kapitel

Nach Schichtende gingen die meisten noch einen Trinken und auch mich überzeugte man davon. Nicht, dass es viel Überredungskunst kostete – den Abend hätte ich sonst alleine in meinem verwohnten Apartment verbracht. Mit den matschigen Pizzabrötchen und Limonade ohne Geschmack.

Das Night time entpuppte sich allerdings als eine dieser Bars, die ich für gewöhnlich mied. Aus großen staubigen Boxen, die in den hölzernen Deckenbalken hingen, dröhnte Musik mit dumpfen, wummernden Bässen. Sie als leichte Hintergrundberieselung zu bezeichnen, käme Blasphemie gleich, sie eignete sich aber auch nicht, um darauf zu tanzen. In meinem Kopf hämmerte es, als würden tausend Martinshörner ein Konzert spielen.

Grace marschierte schnurgerade voran zum Tresen. Sie wirkte, als verbrächte sie jeden einzelnen dienstfreien Abend hier. »Ich hoffe, es ist okay für dich, dort zu sitzen?« Sie deutete auf zwei etwas abgeranzte, mit rostrotem Kunstleder überzogene Hocker. »Von hier aus hat man den besten Blick auf die anderen Gäste und ich weiß immer gerne, wer kommt und geht.« Ein winziges Lächeln umspielte ihren schmalen Mund. Sie zeigte ihre Zähne offensichtlich nie. Ich konnte mir aber kaum vorstellen, dass dieses gertenschlanke Wesen nicht auch Wert auf eine gute Zahnhygiene legte. »Am Ende heißt es sonst nur wieder, ich wäre unhöflich, weil ich den Chief oder einen der Lieutenants nicht begrüßt habe.«

Ich ließ mich auf einen Hocker sinken, überging ihre Frage damit wortlos. »Sind sie so streng?«

Grace wiegte den Kopf und kämmte sich die blonden Haare mit den Fingern über die linke Schulter nach vorne. »Oh, na ja, im Einsatz schon, aber ob ich sie hier mit Small Talk langweile, nett grüße oder ihnen zuproste, ist ihnen egal. Das interessiert mehr die anderen, du verstehst?«

Ich verstand, und probierte, den penetranten, übelkeitserregenden Geruch von schalem Bier, verschütteten Spirituosen und Zigarettenqualm zu ignorieren. »Habe ich dir schon gesagt, wie dankbar ich dir bin, dass du so nett zu mir bist?«

Grace kicherte und bestellte mit einer Geste beim Barkeeper, der endlich auf uns aufmerksam wurde. »Ungefähr dreimal auf der Autofahrt hierher. Vielleicht auch viermal.« Sie nickte zu dem brünetten, etwas linkisch wirkenden Mann hinter dem Tresen, der irgendwas Buntes in einen Cocktailshaker laufen ließ. »Ich hoffe, du magst Planter’s Punch.«

»Das ist mit Rum und ziemlich sauer, oder?« Ich prostete anderen für gewöhnlich mit Rotwein zu. Teurem, nicht solchem, den ich am Mittag in der Wache verschüttet hatte. Für gewöhnlich fühlte sich allerdings an, als wäre seit dem eine Ewigkeit vergangen. Ein Leben vielleicht – oder zwei.

»Es ist vor allem der einzige Cocktail, der so wenig Alkohol enthält, dass man danach noch unbedenklich fahren kann. Ansonsten hätten wir nur noch Bier trinken können und ich hasse den pappigen Geschmack davon.«

Ich hatte nur ein einziges Mal im Leben welches getrunken. »Da haben wir was gemeinsam«, sagte ich daher und lächelte wohl zum ersten Mal an diesem Abend.

Der Barkeeper stellte sie Longdrinks vor uns ab und nuschelte etwas, das möglicherweise ›zum Wohl‹ heißen sollte. Seine gepflegten Augenbrauen zogen sich zusammen, kräuselten sich. Er beäugte mich so misstrauisch, als vermutete er eine Waffe bei mir. Neue Gesichter sah man hier wohl eher seltener.

»Prost!« Grace hob ihr Glas an und ließ es gegen meines tippen, als ich es ihr gleichtat. Es klang dumpf.

»Die sind aus Plastik«, stieß ich aus und statt zu trinken, betrachtete ich das verlogene Gefäß. Es sah täuschend echt aus und fühlte sich erschreckend kalt an.

»Denk dir, was passiert, wenn sie es nicht sind. Das hier ist nicht Atlantas beste Gegend.«

Wir befanden uns also im Zentrum der Stadt. »Wieso verbringt ihr eure Abende nicht in einer besseren Location?«

»Sei nicht so oberflächlich, Eileen. Das mögen die Leute hier nicht besonders.«

Ich nickte und trank. »Der ist lecker«, sagte ich schwach. Mir fiel nichts Besseres ein, um den Frieden wiederherzustellen. Die Uhr über der Theke rückte unaufhaltsam vorwärts und das Bett und all seine quietschenden, harten Federn riefen nach mir.

»Wie lange bist du schon in Atlanta?« Immerhin sprach Grace noch mit mir.

»Knapp sechs Wochen. Ich gewöhne mich langsam ein. Die meiste Zeit habe ich aber damit verbracht, es mir ein bisschen gemütlicher in der neuen Wohnung zu machen. Von der Stadt habe ich daher noch nicht viel gesehen.«

»Ab morgen siehst du mehr, allerdings muss ich dich warnen, unsere Einsatzorte sind meistens nicht besonders hübsch, wenn wir sie erreichen.«

»Das waren sie in Alabama auch nie.«

Grace vollführte eine beschwichtigende Geste, während sie schluckte und das Glas wieder auf den unebenen Tresen stellte. »Entschuldige, du siehst noch so jung aus, ich habe ganz vergessen, dass du gar nicht mehr so ein Küken bist.« Ihre kalte Hand berührte meine Fingerspitzen für einen Moment.

»Das macht nichts. Ich schätze, ich werde noch froh darüber sein, wenn du es zwischendurch wieder vergisst. Mein letzter Einsatz ist acht Jahre her.«

»Oh, du Glückliche!« Grace schlug sich auf den Mund, als ein paar andere Gäste sich zu ihr umdrehten. »Du hast dich die ganze Zeit um deinen Sohn gekümmert und nicht arbeiten müssen?« Sie sprach etwas leiser, aber noch immer voller Enthusiasmus. »Das ist mein Traum, du lebst meinen Traum!«

»Es war auch meiner, aber nun ist alles anders.« Ich blieb bewusst vage, erzählte ihr nicht mehr von Travis und Aaron.

»Stimmt ja, du hast gesagt, dein Mann ist nicht mit hergekommen. Ich habe auch kein Glück mit Männern, irgendwie war ich schon immer Single. Oder unglücklich. Oder beides. Ist es sehr indiskret, wenn ich dich frage, warum du ihn verlassen hast?«

Als indiskret empfand ich es nicht, allerdings erschien mir der Abend und auch das Ambiente nicht als geeignet, um meine Geschichte zu erzählen. Gerade als ich ansetzen wollte, Grace dies höflich zu erklären, landete eine Pranke auf meiner rechten Schulter und eine silberne Plastikschale direkt vor mir auf dem Tresen. ›Cho Ching Chang‹ las ich auf dem mittigen Klebesticker. Darunter stand eine Adresse in Atlanta und links und rechts prangten chinesisch anmutende Gebäude in knallviolett.

»Das geht doch in Ordnung, oder?« Michael Snyder, der Praktikant, der auch erst seit Kurzem zur Truppe gehörte, drängelte sich zwischen Grace und mich. Seine Hand beließ er bei mir und wandte den Blick in Richtung des Barkeepers.

»Essen von außer Haus?«

Michael zuckte mit den Schultern. »Komm schon, es ist ja nicht so, dass es in Konkurrenz zu euch stehen würde. Es sei denn, ihr bietet seit neuestem auch China Food oder überhaupt irgendwas mehr als ranzige Nüsse an.«

»Tun wir nicht.« Der Barkeeper seufzte und deutete auf die Schale. »Ich habe das einfach nicht gesehen, falls jemand fragt.«

»Das wollte ich hören.« Michael lachte und senkte dann den Blick auf mich. Seine Augen schimmerten in der Farbe von Morast, selbst im schwachen Licht aber konnte ich die karamellfarbenen Sprenkel um die Pupille klar erkennen. »Tut mir leid, dass du heute Mittag hungern musstest.« Er drückte meine Schulter, als wäre ich ein kleines Mädchen, das um ein heruntergefallenes Eis trauerte. »Die Spaghetti waren einfach alle, da habe ich dir jetzt was vom Chinesen geholt.«

Ohne abzuwarten, ob ich meinen Unterkiefer auch wieder einfangen konnte, ging er lächelnd davon.

»Danke«, stotterte ich und mein Magen knurrte. »Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.«

Michael hob die Hand zu einem Winken, wandte sich aber nicht wieder um.

»Ich habe dir doch gesagt, dass sie dich nicht hassen.« Grace lüftete den Deckel und drückte mir die Gabel in die Hand. »Guten Appetit.«

Als wir das Night time verließen, zeigte die Uhr auf meinem iPhone beinahe Mitternacht. Gähnend stieg ich in Graces Ford Fiesta und wünschte, ich müsste am nächsten Morgen nicht arbeiten.

»Du wohnst östlich der Stadt, oder?« Grace ließ sich in den Fahreritz sinken. Ihre Augen blitzten noch ganz klar und sie wirkte auf mich, als würde sie noch weiterziehen wollen.

»Woher weißt du das?«

Sie zuckte mit den Schultern und ließ den Motor an. »Auf der Wache spricht sich vieles schnell herum. Wenn du nicht willst, dass jemand etwas erfährt, machst du es besser gar nicht erst.« Schwungvoll parkte sie aus und fädelte sich in den starken Verkehr ein. »Es wäre kein Problem für mich, dich wieder mit rauf zur Wache zu nehmen. Ich fahre quasi dran vorbei, wenn ich zu mir will, aber ich könnte dich auch eben nach Hause bringen. Das sind von hier aus nicht einmal drei Meilen und du könntest eher im Bett sein.«

Wie, als wäre das ein Kommando, gähne ich erneut, hielt mir die Hand nur gerade noch rechtzeitig vor den Mund.

Grace lachte leise und drehte das Radio etwas lauter. »Ich nehme das einfach als ein Ja, oder?«

Bässe wummerten und ließen das Auto beinahe hüpfen. Grace hätte ich eher Justin Bieber zugetraut oder ältere Songs von Take That, tatsächlich aber schrien mir Iron Maiden entgegen. So täuschte man sich in Menschen. Wobei ich Grace eigentlich noch überhaupt nicht kannte. Genau wie die anderen Kollegen von der Wache. »Nein«, sagte ich und deutete nach rechts. Wir befanden uns im Süden von Downtown und wenn mich nicht alles täuschte, mussten wir an der Ampel abbiegen, um zurück zu meiner neuen Arbeitsstätte zu gelangen. »Ich habe Frühschicht und brauche mein Auto.«

Grace winkte ab und ordnete sich links ein. »Ashley wohnt in Hunter Hills, sie kann dich mitnehmen. Ich schreib ihr gleich, wenn wir angekommen sind.«

»Sie mag mich nicht besonders.«

»Ashley mag überhaupt niemanden besonders. Zumindest nicht am Anfang. Tu einfach, was sie sagt, gib keine Widerworte und sie wird dich mögen. Auf ihre ganz eigene Art.« Grace löste den Blick nur einen Moment von der Straße und legte mir ihre Hand auf den Unterarm. »Vertrau mir einfach.«

An den Thurmond Apartments setzte sie mich ab und ich gab vor, hineinzugehen. In Wahrheit wohnte ich gut anderthalb Meilen von hier entfernt. An diesen Häusern aber bröckelte die Fassade nicht, der Park wurde von Strelitzien und Obstbäumen gesäumt und die Grundschule befand sich in direkter Nachbarschaft. Ob ich nur vorgab, hier zu wohnen, um den schönen Schein zu wahren und mich selbst besser darzustellen oder um Graces Traum von einem Leben wie meinem nicht zu zerstören, wusste ich selbst nicht zu sagen.

Als ich am Morgen meine tatsächliche, abgewrackte Wohngegend verließ, dämmerte der Tag gerade erst, dennoch fühlte ich mich bedeutend sicherer, als fünf Stunden zuvor. Der Marsch weckte meine müden Geister, wie es sonst nur Kaffee vermochte, in dem der Löffel senkrecht stand. Ich konnte den Tag kaum noch erwarten, an dem ich mir diesen wieder leisten konnte. Ein Königreich für ein Pfund Kaffee und eine Maschine. In unserer Villa in Pelham besaßen wir eine DeLonghi. So ein Monstrum, das jede gewünschte Sorte innerhalb von Sekunden herstellte. Eintausendfünfhundert Dollar hatte Travis dafür hingeblättert und sie bei seinem Auszug als erstes in sein Auto gepackt.

Gerade noch rechtzeitig, um durchzuatmen, und meinen Puls zu beruhigen, erreichte ich Thurmond. Pünktlich wie die Feuerwehr erschien Ashley Pooles dunkelblaue Mercedes A-Klasse an der Ecke der Sunset Avenue.

»Guten Morgen«, sagte ich und ließ mich in den Beifahrersitz sinken, der rötlichbraune Flecken – Gott wusste welcher Herkunft – aufwies. »Vielen Dank, dass du mich abholst. Das ist wirklich sehr nett.«

»Schon gut. Quatsch nicht so viel. Ich hasse es, früh aufzustehen.«

Und das meinte sie ernst. Auf dem ganzen Weg zur Echo Street sagte sie kein einziges Wort mehr. Sogar das Radio schwieg.

Seite an Seite betraten wir schließlich noch immer stumm die große Halle. »In fünfundzwanzig Minuten beginnt unsere Schicht. Falls du also noch Fragen zum Ablauf hast, stellst du sie besser jetzt.«

Ashley sah mich an, als wäre ich ein Kleinkind, das noch nicht alleine auf die Toilette gehen konnte. Das schien im Allgemeinen zu sein, was die Mitarbeiter dieser Wache gerne taten. Einen klein machen.

»Keine? Umso besser. Schweigen scheinst du zu können. Pluspunkt für dich.« Sie öffnete die Tür zu den Innenräumen, hielt sie aber nicht für mich auf. Fast donnerte sie mir mitten ins Gesicht. »Im Einsatz habe auch ich das Sagen. Nur damit das schon mal klar ist.«

Ich schwieg – weil ich es so gut konnte.

Der erste Einsatz ließ nicht lange auf sich warten. Kaum, dass ich meine Kleider gewechselt hatte, erklang die Sirene. Routinierte Hektik brach aus, wir sprangen mit Anlauf in die Fahrzeuge. Niemand achtete darauf, ob alle Türen geschlossen waren, bevor wir auf die Hauptstraße einbogen.

Als wir die Wohnsiedlung von Washington Park erreichten, stand das Einfamilienhaus an der Westseite schon komplett in Flammen. Der Geruch von modrigem, brennendem Holz, alter Farbe und Eternit drang in unseren Einsatzwagen, obgleich die Lüftung auf Innen stand. Ashley stierte grimmig durch die Frontscheibe hinaus.

»Hoffentlich ist dort niemand mehr drin«, sagte ich.

Ashley schnaubte und blickte mich erneut so an, als glaubte sie, bei mir fehlten etliche Tassen im oberen Schränkchen. »Probier einfach, keinen Fehler zu machen, und heul nicht rum.«

Sie riss die Handbremse hoch, noch ehe der Wagen ganz stand, mein Kopf flog herum und kollidierte fast mit der Armatur.

»Immer vorbereitet sein, Scott.«

Ich schwor mir, sie im Auge zu behalten, obgleich es eher in ihrem Aufgabengebiet lag, mich zu beobachten.

Gerüchten zufolge befanden sich zehn Menschen im Haus. Mehr sagte man Ashley und mir nicht, unser Job bestand aus Warten, bis die Arbeit sich von selbst ergab. Und wir warteten. Und warteten länger als unsere Kollegen, die von einer anderen Wache kamen und erst fünf Minuten nach uns eintrafen. Sie waren jung, jünger als wir, übermotiviert und voller Testosteron. Sie griffen eine rußverschmierte Frau noch fast zu nah am brennenden Haus ab, wurden vom Chief gerügt und störten sich doch nicht dran. Beide umklammerten die Handgelenke der Frau und drängten sie beinahe grob zum Einsatzwagen. In ihren Augen blitzte die blanke Panik.

Noch bevor sie ein Kind aus den Flammen im Erdgeschoss holten, wusste ich, dass die motzende alte Dame, die gleich auf unsere Männer zugerannt war, nicht gelogen hatte. Hier brannte das schäbige Eigenheim einer Großfamilie komplett aus. Und selbst, wenn sie alle mit dem Schrecken, leichten Rauchvergiftungen und kleinen Wunden davonkämen, wäre ihre Existenz ausgelöscht.

Als Ashley das erste hustende Kind – einen dreijährigen Jungen in verschlissenen Schlafanzughosen und mit einer verschorften Lecknase – auf unsere Trage setzte, mich anbellte, weil ich ihr nicht schnell genug anreichte, wonach sie verlangte, wusste ich, dass sie ruiniert waren. Dieses Haus war nicht mehr zu retten, es würde auf die Grundmauern niederbrennen und alles, was ohnehin nicht von Wert war, in Schutt und Asche verwandeln.

Sie besaßen ganz sicher keine Feuerversicherung und niemand würde ihnen die verkohlten Teddybären und Erinnerungen ersetzen, die schon vorher nicht von materiellem aber emotionalen Wert waren. Die medizinische Notfallbehandlung würde ihnen lebenslange Schulden bescheren und auch wenn sie heute überlebten, starb mindestens eines der Kinder an nicht behandelten Spätfolgen – einer Lungenentzündung oder einer Sepsis. Tränen rannen über meine von der Feuerwut brennenden Wangen herab, während ich der Zwillingsschwester des Jungen versprach, dass alles wieder gut werden würde.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als wir das Krankenhaus verließen, und würde mit ihrer Macht ganz sicher schon bald das nächste trockene Waldgebiet in Brand setzen oder ein weiteres Haus dem Erdboden gleichmachen. Die große Trockenheit forderte ihre Opfer und wenn wir wüssten, wie man den Wettergott beschwor, wären wir längst dazu übergegangen. Alle zehn Bewohner des Hauses im Jackson Boulevard befanden sich mittlerweile im Krankenhaus, die Eltern der Kinder ließen sich auf eigenes Risiko nicht behandeln. Alles Beknien meinerseits trug keinerlei Früchte. Sie wussten um die Gefahren, ihnen fehlten allerdings wie erwartet die finanziellen Mittel.

»Das System ist zum Kotzen«, rief ich und knallte die Fahrertür des Rettungswagens in den Rahmen.

Ashley schnallte sich an und blickte mich mit einer Gleichmut auf den plumpen Zügen an, dass ich ihr am liebsten mitten hineingeschlagen hätte. Dabei war mir nie zuvor die Hand ausgerutscht.

»Findest du das etwa nicht?« Mühsam beherrscht startete ich den Motor, brach dabei fast den Schlüssel ab. Meine Hände zitterten und ich klammerte sie ins Lenkrad. »Geht dir das Schicksal denn gar nicht nahe?«

»Du musst noch viel lernen, Scott.« Sie betrachtete ihre Fingernägel, als prüfte sie, ob einer abgebrochen war.

»Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?« Wütendes Hupen erklang, als ich den Wagen auf die öffentliche Straße lenkte.

»Ich sag noch genau zwei Dinge. Erstens: Bring uns nicht um. Zweitens: Bete um deinen Arbeitsplatz.«

»Wieso um meinen Arbeitsplatz? Ich habe korrekt gehandelt und alles getan, was du von mir verlangt hast. Du kannst mir nichts vorwerfen.«

»Ich schweige genau einmal für dich. Aber vermutlich wird dir das auch nichts nützen. Wenn einer der Lieutenants dein Geheule gesehen hat, bist du raus.«

»Entschuldige, dass ich Gefühle habe?«

»Entschuldige dich dafür nicht bei mir.«

Während Poole – und für mich würde sie ab sofort nur noch so heißen – ihre Nägel schrubbte, putzte ich den Rettungswagen. In gewisser Weise tat ich es sogar freiwillig, versteckte mich hier vor dem Chief und den Lieutenants in der Hoffnung, dass sie meinen Gefühlsausbruch vergaßen, wenn ich beim nächsten Einsatz eiskalt das Verlangte ausführte. Wenn das Glück auf meiner Seite stand, war mein Vergehen unerkannt geblieben.

»Ey Scott, heulst du jetzt hier rum?«

Offensichtlich nicht.

Unter der unerwarteten Ansprache ruckte ich hoch und stieß mir den Kopf an einer der offenstehenden Schranktüren im Rettungswagen. Tränen des Schmerzens wanderten aufwärts, aber ich hielt sie auf meiner Zunge fest, biss die Zähne zusammen und sah Lieutenant Ryan – dem Kerl, der in meine Weinflasche gestolpert war – direkt in die schnippisch funkelnden Augen. »Nein, Sir«, sagte ich und rieb mir nicht über die pochende Stelle, blieb aufrecht, auf erhöhter Stufe und mit gesenkten Händen vor ihm stehen. »Ich putze das Einsatzfahrzeug.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Wenn du fertig bist, kannst du dir deine Papiere abholen. Du bist dienstuntauglich.«

»Man hat mir attestiert, dass ich körperlich und psychisch gesund bin.« Meine Stimme zitterte. Meine Hände versteckte ich hinter dem Rücken.

»Du hast während des Einsatzes geheult wie ein verdammtes, kleines Mädchen, Scott.« Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust. »Das ist so weit weg von diensttauglich wie die Erde von Pluto. Derjenige, der dir den Schein ausgestellt hat, mag vielleicht auf deine langen Beine und deinen Scheiß-Südstaaten-Akzent gestanden haben, aber nur weil du ficken kannst, heißt das nicht, dass du gesund bist.« Er wandte sich nach einem letzten Blick ab, unter dem ich mir nackt vorkam. »Mach den beschissenen Wagen sauber und dann verschwinde.«

Nachdem ich den Rettungswagen vorbereitet hatte, verkroch ich mich für eine Weile im Waschraum. Als ich ihn wieder verließ, schimmerten meine blauen Augen so rot wie die Südsee nach einem tödlichen Haiangriff. Ich sehnte das Schichtende herbei und wünschte, es würde nicht so unprofessionell wirken, wenn ich mich bis dahin in der Umkleide versteckte.

Mit den schweren Arbeitsschuhen geräuschlos über die Flure zu gleiten, stellte sich als unmöglich heraus, dennoch probierte ich, ungesehen in die Umkleide zu gelangen. Ich atmete erleichtert auf, als ich nur noch zwei Schritte entfernt war, und alles nur, um in der Tür fast mit Lieutenant Taylor zusammenzustoßen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen senkte ich den Blick zu Boden und nuschelte eine Entschuldigung.

»Wofür?«, fragte er mit seiner melodischen Stimme. »Es ist nichts passiert.«

»Ich entschuldige mich lieber einmal zu oft.« Noch immer hielt ich den Blick auf unsere Füße gesenkt. Sie steckten in den gleichen Schuhen, nur waren seine bedeutend größer.

»Damit machst du dich selbst zur Schnecke.«

Ich drückte das Kinn nur ein bisschen höher. Taylor lehnte sich in den Türrahmen, als würde er noch lange bleiben wollen. Seine Schulter presste sich hart ins Eichenholz, als könnte sie es eindellen und nicht andersherum. »Du gibst anderen eine gute Angriffsfläche und wunderst dich dann, wenn jemand sie ausnutzt. Warst du beliebt in der Schule, Scott?«

Ich wünschte mir, wenigstens gut lügen zu können, schüttelte aber den Kopf, der Wahrheit entsprechend. »Bei den Mädchen nie.«

Er schnaubte und klang beinahe amüsiert. »Und bei den Jungs erst, als sie alt genug waren, um deine Schönheit zu erkennen.«

Nun hob ich den Blick doch. Taylors Mundwinkel zuckten belustigt, diese Reaktion war sein Ziel gewesen. Ich versagte bei solchen Spielen jedes Mal. Es handelte sich bei Weitem nicht um ein ernst gemeintes Kompliment.

»Gib nen Scheiß auf Ryan und das, was er sagt, er probiert nur, dich einzuschüchtern.« Taylor rollte mit dem Kopf, bis sein Nacken knackte. Wassertropfen perlten aus den noch nassen, etwas zu langen, blonden Haaren über die glatten Wangen. Aus dem Winkel seiner pastellblauen Augen beobachtete er mich genau.

»Das kann ich nicht.«

Seine breite Hand fand meine schmale Schulter mit einem fast schmerzhaften Knall, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich wieder den Boden anstarrte. »Dann lernst du es.« Fest und mit regungsloser Mimik blickte er mich noch einmal an. »Du überlebst hier sonst keine drei Schichten.«

3. Kapitel

Gemeinsam aßen wir zu Mittag und kein weiterer Einsatz scheuchte uns hinaus in die brütende Hitze. Uns war das Glück hold, die Wachablösung aber rückte keine zwei Minuten nach der Übergabe fluchend aus.

Sicherlich wäre es klug, sich vor der elf Stunden dauernden Nachtschicht zuhause auszuruhen und eine Runde zu schlafen, das aber konnte ich meinem Sohn unmöglich erklären. Für ihn war ich einfach nur Mama, und ihn nun seltener zu sehen, brachte mich ohnehin schon um.

Auf wundersame Weise hatte sich Mobys Tank nicht über Nacht gefüllt und ich investierte fünfzehn meiner letzten dreißig Dollar in neuen Sprit und zwei in ein winziges Plüsch-Feuerwehrauto. Die verbliebenden dreizehn mussten mich noch durch weitere anderthalb Tage bringen. Dann erst erhielt ich meinen ersten Lohn. Mein Glück, dass ich Abendessen und Frühstück bei der Nachtschicht bekam.

Der Verkehr in Atlanta war durch einen Großbrand in der Innenstadt fast zum Erliegen gekommen und ich gurkte anderthalb Stunden über Ausfallstraßen, bis ich endlich die Kinderklinik im Osten erreichte. Zum Glück kannte man mich auf der Station und auch am Empfang bereits und ich musste mich nicht in eine lange Schlange einreihen und umständlich nach der diensthabenden Schwester fahnden. Auf direktem Wege marschierte ich durch die langen Gänge. Eilig vergewisserte ich mich nur noch in einem Waschraum, ob mein Make-up die Spuren meines Heulanfalls tatsächlich genügend überdeckte, dass ein Siebenjähriger sie nicht mehr wahrnahm.

Aaron wusste für sein junges Alter ohnehin schon zu viel von den Schattenseiten des Lebens, er musste nicht auch noch meinen Kummer auf seinen schmalen Schultern tragen.

Auf mein Klopfen an der Zimmertür mit der Nummer 517 erklang dreistimmiges Gebrüll, das man sonst nur vom Löwengehege im Zoo kannte. Ein Lächeln stahl sich auf meine Züge, und ich drückte die Klinke herab, trat ein.

»Mama!«, kreischte Aaron und warf die viel zu dünnen Ärmchen in die Luft. »Siehst du Max«, krakeelte er zum Bett auf der anderen Seite. »Ich hab dir gesagt, sie überlebt auch Feuer. Meine Mama ist Superwoman.«

»Okay«, nuschelte Max. »Von mir aus.« Er verschränkte die Arme vor dem dürren Körper und sank wieder tiefer in die Laken.

»Ist dir nicht zu warm, Max?«, fragte ich und hielt das Plüschauto noch immer versteckt hinter dem Rücken. Es tat mir leid, dass ich Max und Simon – dem Jüngsten im Zimmer – nicht auch etwas mitbringen konnte. Sobald ich meinen ersten Lohn in den Händen hielt, würde ich auch ihnen etwas Schönes kaufen.

»Nö, geht.« Er verschränkte die Arme noch fester und schloss die Augen. Seine Wangen leuchteten fiebrig rot. Ob die Schwester das schon wusste?

»Max hat erröte Temperatur«, rief Aaron und ich verbesserte ihn nicht. Es erleichterte mich, dass das Personal die Jungs so gut beobachtete, und linderte mein schlechtes Gewissen wenigstens ein bisschen. »Können wir in den Park, Mama?«

»Hast du heute gespuckt?«

»Hat er nicht!« Simon schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass die wenigen blonden Haarbüschel flogen, die noch übrig waren. »Er hat sogar alles aufgegessen, toll, oder?« Simon klang, als wäre er wirklich stolz auf Aaron. »Darf ich mit euch kommen?«

»Oh bitte, Mama! Bitte kann er mitkommen?« Aarons Augen zeigten starke Rötungen, im Gegensatz zu mir aber heulte er nie.

»Lass mich die Schwester fragen, ja? Von mir aus aber gerne.«

Beide Jungs jubelten und ich legte einen Finger auf meine Lippen. »Nehmt ein bisschen Rücksicht auf Max, ja? Ich bin gleich wieder da.«

»Pscht«, sagte Simon und imitierte mich.

»Ganz mucksmäuschenleise.« Aaron schob die Zunge vor und wackelte an seinem rechten Eckzahn. »Balb iff ber rauff.«

Die Schwester erteilte mir die Erlaubnis, beide Jungs mit in den Park zu nehmen. »Nicht länger als eine Stunde«, warnte sie und ich nickte gewissenhaft und sah auf die Uhr.

Als ich das Zimmer betrat, zog Simon sich seine Paw-Patrol-Cap über und blickte mich aus großen tiefgrünen Augen an.

»Uuuund?«, fragte Aaron und rückte das rot-weiß gezackte Piraten-Bandana zurecht.

Abermals legte ich den Finger auf die Lippen und lächelte dahinter beiden zu. Sie verstanden und blieben still. Simon hüpfte aus seinem Bett und hielt Aaron eine Hand zum Abklatschen hin. Vorsichtig schlug er drauf ein, grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd.

Schneller als ich mich umdrehen konnte, hatte Simon den in Regenbogenfarben lackierten Kinderrollstuhl gepackt und ihn an Aarons linke Bettseite gekarrt. »Quiiiiietsch«, rief er und lachte. »Das Raumschiff ist zum Einsteigen bereit, Sir!«

Hart biss ich mir auf die Lippe und hielt diesmal die Tränen zurück.

Aaron hob beide Arme. Unter Simons kritischem Blick und Rufen wie »Noch zwanzig Zentimeter«, »Noch zwei aber weiter reeeeechts«, setzte ich ihn auf die weiche Lederfläche.

Fachmännisch schloss Simon den Gurt. »Und los!«, rief er und probierte, zu schieben. Bis zur Zimmertür schaffte er es unter großer Anstrengung, dann übernahm ich.

»Oh man, ich hätte auch gerne so ein Teil«, seufzte er und wischte sich über die Stirn, öffnete und schloss die Tür.

Ich wollte so etwas sagen, wie: Wünsch dir das lieber nicht. Oder Aaron würde auch lieber laufen. Aaron selbst aber kam mir zuvor: »Ist geil, nä?«, rief er und ich tadelte ihn nicht.

~~~

Der erste Einsatz der Nacht führte uns zu einem Feierabend-Handwerker, der drohte, von seinem eigenen Dach zu stürzen. Nicht wenig Alkohol vernebelte seine Sinne und dass wir ihn relativ unversehrt im Krankenhaus einlieferten, entging ihm aufgrund seines Pegels offensichtlich vollkommen. Statt auf die Fragen der Ärztin zu reagieren, probierte er, bei ihr ein Bier zu bestellen und einen Doppelkorn für seinen Freund. Dieser erwies sich als imaginär, denn auch die alarmierte Polizei fand niemanden in den Büschen und Blumenrabatten rund um das heruntergekommene Einfamilienhaus.

Nach unserer Rückkehr zur Wache bekam ich die wahnsinnig erhebende Aufgabe zugeteilt, Erbrochenes im Rettungswagen aufzuwischen. Lieutenant Ryan stapfte fluchend an mir vorbei, blaffte mich wegen des Gestanks an, als träfe mich auch nur die geringste Schuld daran, und ging dann seine Wunden lecken. Kratzer in seinem schlecht rasierten Gesicht, die auf den Besoffenen zurückzuführen waren, der sich während der Bergung glupsch an ihn klammerte. Poole bot an, ihm bei der Verarztung zur Seite zu stehen, ich probierte mein Glück gar nicht erst, aber auch sie biss sich an ihm die Zähne aus.

»Der kann mich auch mal kreuzweise«, motzte sie und stapfte in die andere Richtung, während ich fröhlich weiter wischte.

Kaum, dass ich den Eimer zum Auswaschen unter fließend Wasser hielt, sprang der Alarm wieder an, scheuchte Poole und mich zu einem Besäufnis einer Jugendgruppe. Eine gute Stunde später putzte ich erneut. Diesmal schaffte ich es sogar, den Eimer auszuwaschen, bevor die Rüstgruppe gemeinsam mit uns zu einem Verkehrsunfall mit eingeklemmtem Beifahrer und mehreren Brüchen ausrückte.

Mitternacht verbrachten wir in der Notaufnahme, fragten uns kurz darauf, wer zu nachtschlafender Zeit drauf kam, Reinigungsmittel zu trinken, ohne betrunken zu sein oder die Absicht zu hegen, sich umzubringen. Als wir um kurz nach zwei zur Wache zurückkehrten, scheuchten wir ein Käuzchen auf, das schuhuhend im nächsten Baum verschwand. Das Motorengeräusch verebbte und ich trat hinaus in die Nacht, genoss einen Moment die Ruhe vor dem vielleicht nächsten Sturm. Ich breitete die Arme aus, atmete tief ein und wieder aus. Der Wind ließ die Ärmel meines dunkelblauen Shirts flattern und ich dankte still für die Abkühlung, bevor wir zu einem Großbrand in einer Lagerhalle ausrückten.

Kurz vor dem Morgengrauen lagen fast alle in ihren Betten im Ruheraum. Der Aufenthaltsraum war verwaist und ich zog vor, es mir dort gemütlich zu machen. Ich schenkte Zitronenlimonade in ein großes Glas, ließ Einwürfel aus dem Spender am Kühlschrank hineinklimpern und machte es mir auf einer der Couchen bequem. Müdigkeit ergriff keinen Besitz von mir, obgleich das Licht heruntergedimmt war. Meine Gedanken standen still. Ich befand mich im Hier und Jetzt und erschrak so auch nicht, als Lieutenant Taylor den Raum betrat. Er lief barfuß und wie schon am Mittag standen seine Haare wirr und noch feucht um sein Gesicht. Er wirkte nachdenklich, in sich gekehrt, doch als er mich erblickte, hoben sich seine Augenbrauen.

»Gut gemacht, Scott«, sagte er und es klang beiläufig. Am Tresen blieb er stehen und fischte sich einen Apfel aus der geflochtenen Bastschale. Einen Moment lang betrachte er ihn still, dann befand er ihn offensichtlich für gut und biss hinein. Kauend öffnete er den Kühlschrank, nahm die Zitronenlimonade, schwenkte den Inhalt und setzte die Flasche an den Mund. Gläser wurden wohl überbewertet. Bei Travis hatte ich dieses Verhalten immer furchtbar gefunden, bei Taylor hingegen wirkte es auf seltsame Weise anregend.

Ich schüttelte den Kopf über mich selbst und erinnerte mich erst jetzt an seine Worte. »Danke«, murmelte ich, auch wenn es mir eigentlich unnötig erschien nach den zu vielen verstrichenen Sekunden.

»Nein, wirklich.« Taylor stellte die Flasche ab, schraubte sie aber nicht zu. Er spielte mit dem Deckel und musterte mich still.

So lange, bis ich die Arme verschränkte. Sein Blick prickelte ungut auf meiner Haut und ich fühlte mich trotz der Uniform nackt.

»Wieso hast du in deinem ersten Einsatz so emotional reagiert?« Er ließ den Deckel fallen. Mit einem Plopp fiel er auf die marmorne Tresenplatte. Taylor schenkte ihm keine Aufmerksamkeit mehr, griff die Flasche auf, biss erneut in den Apfel und kam zu mir herüber. »Was war da los?«

»Nichts«, sagte ich und verschränkte die Arme fester. »Es war einfach nur mein erster Einsatz.«

»Das ist nicht die richtige Antwort.« Er stellte die Flasche auf den niedrigen Ebenholztisch und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Unterlippe. Fast konnte ich die Mischung aus Apfelsaft und Zitronenlimonade auf meiner Zunge schmecken.

»Es war mein erster Einsatz seit acht Jahren.« Ich knibbelte an der rauen Haut meines linken Daumens, um Taylor nicht weiter ansehen zu müssen.

»Ich weiß.« Wassertropfen spritzten bis zu mir herüber, legten sich kalt auf mein Gesicht, als er sich durch die Haare wuschelte. Seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und die Wangenknochen stachen prominenter hervor. »Hast du ein Kind verloren?«

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken herab und ich sammelte alle Kraft in mir, um mich nicht zu schütteln. »Nein«, sagte ich wahrheitsgemäß, aber mit enger Kehle, und dachte an Aaron. An seinen zierlichen Körper, an seine Stupsnase und die Sommersprossen, die immer enger zusammenrückten, seit seine Wangen nicht mehr so pausbäckig waren. Unwillkürlich berührte ich das silberne Kreuz, das ich um den Hals trug.

»Aber?« Taylor biss in den Apfel und kaute auf dem letzten roten Stück, das ihn zuvor noch von der Umrundung trennte.

Ich schwieg. Mein Herz flatterte unruhig im Wind.

»Was ist dein Problem? Was ist passiert?«

Ich schwieg beharrlich. Orkan zog auf.

»Du hast einen Sohn, richtig?«

Ich schloss die Augen und schluckte. »Aaron hat nichts damit zu tun.«

»Warum liegt er in der East End - Kinderklinik?«

Mein Körper zuckte zusammen und verriet alles, was Taylor ohnehin schon wusste. »Woher hast du das? Vom Chief?« Ich wich ein Stück zurück, bereit aufzustehen und ihn sitzenzulassen, auch wenn das mein Todesurteil sein könnte.

»Ryan hat dich dort auf den Parkplatz fahren sehen.«

Scheiße. Ausgerechnet Lieutenant Ryan. Scheiße, verdammt.

»Den Rest habe ich mir erschlossen.«

Ich schwieg abermals, weil ich es so gut konnte.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »War es ein Feuer?«

»Nein.« Ich nahm mir vor, nur einsilbige Antworten zu geben in der Hoffnung, dass er aufhören würde, mich zu durchlöchern. Mit Fragen und seinem Blick aus eisblauen Augen.

»Die Klinik ist bekannt für ihre Kinderkrebsstation.« Er sprach mit so ruhiger Stimme, dass es mich beinahe umwarf, er war das Gegenstück zu dem Tornado, der in mir wütete, seit Aaron die Diagnose Osteosarkom gestellt bekam.

»Ja.« Ich senkte den Blick wieder auf meine Hände.

»Wie schlimm ist es?«

»Du hast nicht das Recht, mich danach zu fragen«, sagte ich, weil Ja oder Nein keine Option war.

»Nein, aber ich will dir helfen.«

Ich sog die Oberlippe zwischen die Zähne und biss hart darauf. So hart, dass ich Blut schmeckte. Es überdeckte das Salz auf meiner Zunge. »Mir kann niemand helfen«, presste ich hervor.

»Wird er sterben?«

»Die Frage ist unsensibel.« Innerlich schnappte ich nach Luft, aber ich probierte alles, um mir nicht anmerken zu lassen, dass er mich schockierte. Ich verengte die Augen zu Schlitzen und stierte ihn an.

»Hier geht es immer nur darum. Der Tod ist unser ständiger Begleiter.«

»Deswegen macht er dir weniger Angst?«

»Nein, aber ich bin mir seiner Anwesenheit stets bewusst.«

Ich nickte, weil ich ihn verstand. Der Tod war mir oft begegnet. In jeder erdenklichen Form. Auch an Aarons Bett hatte er viele Nächte verbracht. Nicht so viele wie ich. »Vor vier Wochen haben sie ihm den linken Unterschenkel amputiert.«

»Verdammt.« Taylor versteckte sein Gesicht einen Moment lang in den Händen. »Das ist hart.«

Wem sagte er das?

»Wie geht er damit um?«

Ein Lächeln überwältigte mich und endete in einem Schluchzer und darin, dass ich mir noch fester auf die Lippe biss.

»Besser als du, oder?« Taylors Stimme klang zum ersten Mal weich.

Ich nickte und schwieg, weil ich nicht reden konnte, wenn ich mich beherrschen wollte.

Taylor stand auf, wischte sich die Finger an den derben Arbeitshosen ab. »Darf ich?« Er deutete auf den Platz direkt an meiner Seite.

»Okay«, sagte ich, obgleich es wie eine merkwürdige Antwort schien. Es war die Einzige, die ich gerade finden konnte.

Das Polster sank tief ein. Er ließ nur wenig Abstand zwischen uns. Sein Arm schlängelte sich um meine Schultern und seine Finger drückten sich kräftig in meinen ihm abgewandten Oberarm. Eine feine Rauchnote drang noch aus seinen Haaren und vermengte sich mit dem süßlichen Duft von Himbeeren, den ich seinem Shampoo zuordnete.

»Wir sind hier eine Familie und du musst jetzt nicht mehr alles mit dir selbst ausmachen, klar?«

Er gestattete mir nicht, zu antworten, sondern zog mich noch fester an sich, bis sich mein Gesicht von alleine an seinem Schlüsselbein vergrub. Der Geruch seines herben Deos war übermächtig und ließ mich fast ersticken. Ich weinte nicht, aber ich atmete an ihm durch. Seine rechte Hand grub sich noch immer in meine Schulter, die linke krallte sich fast in meinen empfindsamen Nacken.

Entfernt nahm ich das Quietschen einer Tür wahr, blickte aber nicht auf. »Wieso tust du das mit mir?«, fragte ich, als ich mich wieder gerade hinsetzte, und konnte selbst nicht definieren, wovon ich sprach.

Taylors Gesicht wirkte so starr, wie als er den Raum betreten hatte. »Weil du gut bist und weil ich will, dass du überlebst.«

4. Kapitel

Donnerstagmittag. Meine Küche erinnerte an ein Schlachtfeld. Ein aufgerissener Kartoffelsack lag auf dem schmalen Tresen, in ihm Knollen, die schon keimten. Daneben ein scharfes, aber angerostetes Messer. Ein Cutter, der in einem der untersten Schränke herumgammelte, seit ich eingezogen war. Immerhin erwies er sich nun doch noch mal als nützlich, und ich beglückwünschte mich selbst, dass ich ihn nicht weggeworfen hatte. Ansonsten wären wohl meine Zähne zum Einsatz gekommen. Mein Zahnarzt – den ich mir ohnehin nicht leisten konnte – würde mir dankbar sein.

Auf dem alterschwachen Gasherd, der nur müde vor sich hin flammte, stand ein Topf mit billigen Spiralnudeln aus dem Dollarshop und in einer vergilbten, ehemals wohl roten Plastikschüssel rührte ich Mayonnaise an. Die, die man für kleines Geld kaufen konnte, schmeckte fürchterlich und die Markenware konnte ich mir nicht leisten. Wenn man es genau nahm, befanden sich in meinem Portemonnaie noch genau siebenunddreißig Cent. Zwei Eisbecher für Aaron und Simon, eine einzige Kugel Stracciatella für mich und der Großeinkauf, um Nudel- und Kartoffelsalat für das Feuerwehrfest im Park herzustellen, ließen mich nackt zurück.

Jeder von uns sollte in die Kasse einzahlen für Würstchen, Steak und Soßen. Fünfzehn Dollar pro Person. Ich besaß nur noch sieben und ein paar Cent, als Michael Snyder – unser Praktikant – nach der Nachtschicht alle daran erinnerte und ich betete, dass sie es nicht auf dem Fest einsammelten. Mein erstes Gehalt bekam ich erst morgen beim Spätdienst.

Vor dem Kleiderschrank verbrachte ich weit weniger Zeit, als in meiner schäbigen Küche. Mein Wissen mochte nicht weit gestreut sein, aber mich zu kleiden, fiel mir leicht. Ein paar simple Griffe in meinen Schrank, der aus billigstem Eichenholz bestand und dessen Türen so windschief waren, dass sie sich nicht einmal mehr vollständig schließen ließen, und mein Outfit stand fest. Ein weißer Sommerrock mit bunt verteilten, knallroten Rosen, ein eng anliegendes, tiefausgeschnittenes, weißes Top und hochhackige Sandalen. Sicherlich gewagt, wenn man bedachte, wir feierten auf einer unebenen Wiese, aber ich konnte darauf laufen. Auch betrunken. Wobei ich nicht vorhatte, vor meinen neuen Kollegen am Nachmittag Alkohol anzurühren.

Grace holte mich an den Apartments ab und auch wenn der kleine Lauf dorthin mich etwas wacher gemacht hatte, gähnte ich ihr zur Begrüßung etwas vor.

»Mit der Zeit wird es besser, versprochen.« Genau wie ich trug sie ihre Haare zum Pferdeschwanz gebunden, ihr hellgrünes Shirt allerdings war weitaus formloser und ihr Rock länger als meiner. »Die ersten Schichten sind die schlimmsten. Auch nach jedem Urlaub wieder.« Sie schlug sich auf den Mund und schüttelte den Kopf wohl über sich selbst. »Entschuldige, ich habe schon wieder vergessen, dass du kein Anfänger bist.«

»Das macht nichts, im Moment fühle ich mich deutlich wie einer, also erzähl mir nur weiter, dass es besser wird.«

»Es wird besser«, sagte sie und lupfte die Augenbrauen so hoch, dass ich grinsen musste.

»Gibt es auch Kaffee auf dem Fest?«

»Sind wir bei der Feuerwehr?«

Ja, wir waren bei der Feuerwehr und der Kaffee erwies sich als so stark, dass mein Kreislauf Achterbahn fuhr. An diesem Abend würde ich es nicht zu spät werden lassen, mindestens zehn Stunden schlafen und Aaron dann in aller Frische besuchen. Am Morgen war ich nur kurz bei ihm, um ihm endlich die Plüschfeuerwehr zu bringen. Max ging es besser und er war mit seinen Plastik-Matchboxautos gleich in Aarons Bett gefallen. Simon mit alten Schokoladenosterhasen von seiner Heimbetreuerin hinterher.

Mit den Bechern noch in den Händen schlenderten wir langsam zu den bereits an einem Tisch sitzenden Kollegen vom Rettungsdienst.

»Wieso hast du Aaron eigentlich nicht mitgebracht? Schau, da hinten spielen ganz viele Kinder zusammen an einer Hüpfburg. Hat dir das niemand gesagt?«