Liebe -  - E-Book

Liebe E-Book

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Beschreibung

Warum lieben wir? Sind es die Hormone? Das Aussehen? Die inneren Werte? Geht es um Sex, Geld, Vertrauen? Warum lieben wir jemanden und warum werden wir geliebt? Gibt es Regeln und Erkenntnisse, die sich verallgemeinern lassen? 100 Psychologen, Soziologen und Philosophen aus der ganzen Welt teilen mit uns ihre Erkenntnisse zum schönsten aller Gefühle. Von der Aufregung der ersten Liebe bis zu den Geheimnissen der Liebe im Alter, von den Prägungen der sexuellen Orientierung bis zu Ratschlägen für anhaltendes Glück in einer Partnerschaft. »Liebe. The World Book of Love« schließt an den Erfolg von »Glück« an. Es versammelt das Wissen einer internationalen Riege von Forschern verschiedenster Fachrichtungen, die fundiert Auskunft geben über ein von Mythen besetztes Thema. Die Botschaft: Entscheide dich für die Liebe.

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Seitenzahl: 482

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Li

eb

e.

The World Book of Love

Herausgegeben von

Leo Bormans

Li

eb

e.

The World Book of Love

Das Geheimnis der Liebe

eBook 2013

© 2013 der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung aus dem Englischen: Sofia Blind

Verlagskoordination: Marisa Botz

Lektorat: Sabine Bleßmann

Satz: Silke Rieks

Umschlag: Birgit Haermeyer

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

The World Book of Love. Het geheim van de liefde

© 2013 Uitgeverij Lannoo nv, Tielt, Leo Bormans und die Autoren

Gestaltung: Kris Demey

Bildredaktion: Kris Demey

Fotografien: Getty Images

Mit Dank an Amoureus Lommel für die Fotografien:

Kapitel: Von Körper zu Körper © Jacky Geboers; Kapitel: Vom Glück des Gebens © Robert Boons;

Kapitel: Marmosetten und Tamarine © Leon van Ham; Kapitel: Sex in der Liebe © Jeroen De Wandel

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-8770-5

www.dumont-buchverlag.de

www.theworldbookoflove.com

„The autumn moved across your skin

Got something in my eye

A light that doesn’t need to live

And doesn’t need to die

A riddle in the book of love

Obscure and obsolete

Until witnessed here in time and blood

A thousand kisses deep.“

Leonard Cohen

Ich widme dieses Buch

all jenen Menschen auf der Welt,

die es nie lesen werden, die aber

hoffentlich die Kraft und Wärme

der Liebe erleben und teilen.

Besonderen Dank an

Riet, Ine, Kasper, meinen Vater und meine Mutter,

meine Freunde und meine Familie,

Yves, Maarten, De Heerlijckyt van Elsmeren und

alle, die an diesem wunderbaren Projekt

mitgearbeitet haben.

Leo Bormans

Mehr Hintergrund, Aktuelles, Reaktionen und Kontakt:

www.theworldbookoflove.com und www.leobormans.be

Liebe. The World Book of Love

Eine Forschungsreise in das Herz der Menschheit

Wo Hollywood aufhört.Liebe. The World Book of Love wird Sie tief ins Herz der romantischen Liebe führen. Wie und warum verlieben wir uns? Wenn wir das Wort „Liebe“ streichen würden, wären 90% aller Bücher, Filme, Zeitschriften und Lieder verschwunden. Wir suchen sie zu Hause, auf der Straße und im Internet. Von morgens bis abends. Google liefert in einer Sekunde 8.930.000.000 Suchergebnisse für „Liebe“. Das sind mehr als doppelt so viele wie für „Sex“. Und trotzdem folgt tödliche Stille, wenn man Menschen bittet, etwas Bedeutendes, Entscheidendes und Grundsätzliches zum Begriff der Liebe zu sagen.

Bei allen kulturellen Unterschieden – die Liebe selbst hat es immer gegeben. Sie ist universell und kann viele Formen annehmen. Sie ist ein extrem kraftvoller Gefühlszustand. Aber wir alle wissen: Das Feuer brennt nicht ewig. Vor gar nicht allzu langer Zeit durfte man das Thema noch nicht an Universitäten erforschen: „Warum sollten wir Geld für Studien über etwas so Unnützes und Frivoles wie die Liebe ausgeben?“, hieß es noch in den 1970er-Jahren. Die Zeiten haben sich geändert. Tausende von Soziologen, Psychologen, Anthropologen, Neurowissenschaftlern, Therapeuten und Sexualwissenschaftlern untersuchen weltweit zwischenmenschliche Beziehungen und die Frage, wie und warum romantische Liebe entsteht. Ihre Forschungen bringen uns dem Herzen der Menschheit näher.

Mehr als 100 der besten Wissenschaftler aus fast 50 verschiedenen Ländern teilen in diesem Buch ihr Wissen über die Liebe mit uns. Sie erzählen uns von Bindungen, Leidenschaft und Verbindlichkeit, von Eifersucht, Missbrauch und Spannungen – von Darwin bis zu Science-Fiction, von verborgenen Geheimnissen bis zu unverblümtem Sex. Sie erklären das System und entschleiern das Mysterium. In einer globalen, sich rasch wandelnden Welt können wir alle voneinander lernen. Vom Fernen Osten bis nach Nord- und Südamerika, von Europa bis Afrika. Elterliche Liebe, die Tierwelt, Ehe und Scheidung, Teenagerliebe und die Fürsorge für Ältere – die Welt der Liebe ist voller Wunder und Überraschungen, voll Schmerzen und Tränen, Verzweiflung und Hoffnung. Dieses Buch ist wie ein Spiegel oder ein Fenster, in dem Sie sich und Ihre Lieben sehen können.

Nach dem weltweiten Erfolg von Glück. The World Book of Happiness, das Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, als Neujahrspräsent allen Staatschefs der Welt überreicht hat, habe ich zwei Jahre damit verbracht, die internationale Forschung zum Thema Liebe zu studieren. Es gelang mir und meinem Team, die besten renommierten Forscher und die bemerkenswertesten Nachwuchswissenschaftler zu gewinnen – sie alle beschreiben, was wir letztlich über die Liebe wissen. Wir baten sie, ihre Botschaft an Sie und die Welt in ungefähr 1000 Wörtern zu übermitteln. Sie sind davon überzeugt, dass wir lernen können, bessere Partner, Freunde, Eltern und Liebende zu sein. Ihre Einsichten basieren auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und machen es möglich, dass sich Ideen in einer globalen Vision universeller Liebe gegenseitig befruchten. Sie haben es geschafft, Information in Wissen zu verwandeln und Wissen in Weisheit. Ich danke ihnen allen aus tiefstem Herzen und hoffe, dass dieses Buch auf die eine oder andere Weise zu mehr Liebe und einer liebenswerteren Welt beitragen wird. Wahrscheinlich werden ihre Worte Sie treffen wie Amors Pfeil. Aber denken Sie daran: Amor ist der Sohn der Götter Venus (Liebe) und Mars (Krieg). Seine Pfeile sind getränkt mit Lieblichkeit und Streit, mit Harmonie und mit Missverständnissen.

Willkommen zu Liebe. The World Book of Love.

Leo Bormans Autor und Herausgeber

Inhalt

Elaine Hatfield & Megan Forbes

USA

Leidenschaftliche Liebe für immer?

Robert J. Sternberg

USA

Was heißt „Ich liebe Dich“?

Josip Obradović & Mira Čudina

Kroatien

Vorhersehbare Veränderungen

Donatella Marazziti

Italien

Das Liebeslabor

Hsu-Ming Teo

Australien

Ein Produkt des Westens?

Emil Man Lun Ng

China

Architekten für Liebe und Sex

Hanno Beck

Deutschland

Die Ökonomie der Liebe

Bella DePaulo

USA

Glückliche Singles

Julie Fitness

Australien

Intime Lügen

Mikhail Epstein

USA / GB / Russland

Die fünf Facetten der Liebe

Rodrigo Brito

Portugal

Von Körper zu Körper

Yong Huang

USA  /  China

Konfuzianische Liebe

Robert M. Gordon

USA

Die Liebespyramide

Susan Sprecher & Beverley Fehr

USA / Kanada

Mitfühlende Liebe

Peter B. Gray

USA

Darwins Schlafzimmer

Erica Hepper

GB

Die Achterbahn der Liebe

Stephen G. Post

USA

Vom Glück des Gebens

Bijay Gyawali

Nepal

Die östliche Perspektive

Frank Ochberg

USA

Das Stockholm-Syndrom

Guy Bodenmann

Schweiz

Liebe unter Stress

Wolfgang Glatzer

Deutschland

Sieben Grundsteine

Paul Verhaeghe

Belgien

Liebe heißt geben, was man nicht hat

Madoka Kumashiro

GB

Das Michelangelo-Phänomen

Lars Penke

Schottland (GB)

Was wir wollen

Paul J. Zak

USA

Die Chemie der Liebe

Charles T. Snowdon

USA

Tierische Liebe

Keith Oatley

Kanada

Liebe ist Liebe

Félix Neto

Portugal

Die sechs Farben der Liebe

Hilton Rudnick & Kety Pavlou

Südafrika

Schwarz und Weiß

Carlos Yela

Spanien

Freie Wahl?

Stephanie Cacioppo & Elaine Hatfield

Schweiz / Hawaii (USA)

Liebe und Begehren

Cindy Meston

USA

Perfekte Partner

David Dalsky

Japan

Passive Liebe

Willem Poppeliers & Theo Royers

Niederlande

Jenseits der Scham

Rauf Yasin Jalali

Pakistan

Wir leben, um zu lieben

Frank Muscarella

USA

Liebe unter Männern

John K. Rempel

Kanada

Der Liebesmotor

Chris Burris

Kanada

Seifenblasen

Marek Blatný

Tschechien

Lebensgefahr überstehen

Alfons Vansteenwegen

Belgien

Verliebtheit ist eine Augenkrankheit

Andreas Bartels

Deutschland

Die Neurobiologie der Liebe

Ayça Özen

Türkei

Liebe und Konflikte

Benedetto Gui

Italien

Das Salz des Lebens

Mark Halstead

GB

Neugierige Kinder

Michel Meignant

Frankreich

Liebende Eltern

Bente Træen

Norwegen

One-Night-Stands

Sandro Calvani

Vereinte Nationen / Thailand

We Are The World

Charlie Azzopardi

Malta

Ihre Art von Liebe

William Jankowiak

USA

Universelle Liebe

Daniel Jordan Smith

Nigeria / USA

Igbo-Liebe

Christoph Wulf

Deutschland

Die Kultur der Leidenschaft

Elisabetta Ruspini

Italien

Sexuelle Orientierungen

Mia Leijssen

Belgien

Liebe dich selbst

Lisa M. Diamond

USA

Bisexuelle Orientierungen

Robert Neuburger

Frankreich / Schweiz

Liebe macht mich lebendig

Tamara Hovorun

Ukraine / Polen

Durch den Eisernen Vorhang

Gregory White

USA

Eifersüchtige Partner

Tina M. Lowrey

USA

Sechs Typen von Schenkenden

Rolando Díaz-Loving

Mexiko

Die Erzählung der Liebe

Zoran Milivojević

Serbien

Unsere Liebesformel

Elena Pruvli

Estland / GB

Heilige Regeln

Jean-Pierre van de Ven

Niederlande

In Therapie

Gurit E. Birnbaum

Israel

Sexuelles Begehren

Sally Farley

USA

Die Stimme der Liebe

A. P. Buunk

Niederlande / Spanien / Uruguay

Zerstörerische Eifersucht

Serena Anderlini-D’Onofrio

Italien / USA / Puerto Rico

Ökosexuelle Liebe

Sunil Saini

Indien

Aus Liebe töten

Erich Kirchler

Österreich

Das Liebesprinzip

Daniel Perlman

USA

Einsam ohne dich

Christian Bjørnskov

Dänemark

Liebe dein Land

Vid Pečjak

Slowenien

Liebe auf dem Mars

Ana Maria Fernandez

Chile

Bedingte Liebe

Gordon Mathews

Japan / China

Was ist Ihr Ikigai?

Sayyed Mohsen Fatemi

Iran

Transzendentale Liebe

Dirk De Wachter

Belgien

Das ultimative Paradox

Randy Hurlburt

USA

Die vier Kräfte der Liebe

Natsuyo Iida & Noriko Sakamoto

Japan

Die Herausforderung der Liebe

Lucy Hunt & Paul Eastwick

USA

Partner von einzigartigem Wert

Dmitry Leontiev

Russland

Reife Liebe

Oracio Barradas Meza

Mexiko

Liebe in Lateinamerika

Armand Lequeux

Belgien

Das Glück des anderen

Shahe S. Kazarian

Kanada / Libanon

Der Humor der Liebe

Roy F. Baumeister

USA

Veränderung bringt Leidenschaft

Mihaly Csikszentmihalyi

USA

Berge von Liebe

Sue Johnson

Kanada

Emotionen im Fokus

Habib Tiliouine

Algerien

Liebe im Islam

Yvon Dallaire

Kanada

Glücklichere Paare

Panos Kordoutis

Griechenland

Liebe, Sex und Risiko

Aimee Karam

Libanon

Die unsichtbare Mauer

Johan Karremans

Niederlande

Auge um Auge

Thomas d’Ansembourg

Belgien

Der Hauch der Liebe

Wilhelm Schmid

Deutschland

Glücklich verliebt

Harriet M. Phinney & Khuat Thu Hong

USA / Vietnam

Liebe in Vietnam: tinh cam

Ayala Malach Pines

Israel

Der Schatten der Liebe

Jean-Didier Vincent

Frankreich

Die Grundlage allen Lebens? Liebe!

Martha C. Nussbaum

USA

Die Intelligenz der Gefühle

Kim Bartholomew

Kanada

Der Funke ist erloschen

Pascal Lardellier

Frankreich

Liebe im Internet

Jasmeet Kaur

Indien

Lieben ist Sein

Xiaomeng Xu

China / USA

Die Zauberformel

Martha Tara Lee

Singapur

Sex in der Liebe

Barbara L. Fredrickson

USA

Wenn Ihr Körper sprechen könnte

Kaarina Määttä

Finnland

Liebe geht nicht in Rente

Ellen Berscheid

USA

Was wir über die Liebe wissen

„Leidenschaftliche Liebe und sexuelles Begehren gibt es in allen Kulturen der Welt.“

Leidenschaftliche Liebe für immer?

Für ihre lebenslange interkulturelle Forschung zum Thema Liebe erhielt Elaine Hatfield bedeutende Wissenschaftspreise. Zusammen mit ihrem Ehemann Richard L. Rapson hat sie wichtige Studien über Liebe und Sex veröffentlicht. Von ihr stammt die Unterscheidung zwischen leidenschaftlicher und kameradschaftlicher Liebe. Mit Megan Forbes beantwortet sie die Frage: Währen sie ewig?

Endlich haben Wissenschaftler aus verschiedenen theoretischen Fächern – darunter (Sozial-, Kultur- und Evolutions-) Psychologie, Neurowissenschaft, Anthropologie und Geschichte – begonnen, Antworten auf einige der wichtigen Fragen über leidenschaftliche Liebe zu liefern. Sie bedienen sich dabei einer eindrucksvollen Auswahl von Methoden, von Untersuchungen an Primaten in der Wildnis bis zu sorgfältigsten Analysen von Hirnscans. Abgesehen von den modernen Wundern an Technik und Analyse, die für dieses Streben nach Erkenntnis aufgeboten wurden, konnten auch die Historiker einen wichtigen Beitrag leisten – durch das, was „Geschichte von unten“ genannt wird. Statt nur das Leben von Königinnen und Königen zu untersuchen, wirft dieser Ansatz einen Blick „von unten“ auf das Leben (und die Liebe) der Mehrheit, über demografische Daten, Architektur, medizinische Handbücher, Kirchenedikte, Liedtexte und gelegentlich auch Zeitschriften. Dank dieser riesigen methodologischen Bandbreite ist es Wissenschaftlern gelungen, vielfältige Antworten auf Fragen zu erarbeiten, denen vorausgegangene Forschergenerationen fasziniert (und ratlos) gegenüberstanden. Wir wollen hier einige von ihnen betrachten.

Was ist leidenschaftliche Liebe?

Leidenschaftliche Liebe ist ein überaus machtvoller Gefühlszustand, der generell als extremes Verlangen nach der Vereinigung mit einem anderen Menschen definiert wird. Dieses komplexe Gefühl ist von ausgeprägten Höhen und Tiefen gekennzeichnet, außerdem durch die Neigung der Betroffenen, zwanghaft über die begehrte Person nachzudenken. Erwiderte Liebe (bei der das Objekt des Begehrens umgekehrt genauso fühlt) geht mit Erfüllung und Ekstase einher; unerwiderte Liebe (bei der das Objekt des Begehrens umgekehrt nicht genauso fühlt) ist oft mit Gefühlen der Leere, Angst oder Verzweiflung verbunden. Leidenschaftliche Liebe kann man auch „zwanghafte Liebe“, „Vernarrtheit“, „Liebeskrankheit“ oder „Verliebtheit“ nennen.

Wie eng sind leidenschaftliche Liebe und sexuelles Begehren verbunden?

In letzter Zeit haben Sozialpsychologen, Neurowissenschaftler und Physiologen begonnen, die Verbindungen zwischen Liebe, Begehren und Sexualverhalten zu erkunden. Sie haben herausgefunden, dass (zumindest im Westen und wahrscheinlich auch in vielen anderen Teilen der Welt) leidenschaftliche Liebe und sexuelles Begehren eng aneinander gekoppelt sind. Wenn junge Menschen leidenschaftlich (oder romantisch) verliebt sind, spüren sie fast immer sexuelles Verlangen nach dem oder der Geliebten. Natürlich müssen junge Leute nicht verliebt sein, um jemanden sexuell zu begehren. Das bezeugt sicher die Beliebtheit von Gelegenheitssex.

Wie lange hat die Liebe Bestand?

Leidenschaftliche Liebe ist eine flüchtige Emotion. Sie ist ein Hochgefühl, und man kann nicht für immer „high“ bleiben. Schon kurz nach der Hochzeit zeigt sich, dass die leidenschaftliche Liebe stetig abnimmt, und lang verheiratete Paare geben an, dass sie nur „ein bisschen“ leidenschaftliche Liebe füreinander empfinden.

Zum Glück hat dieses scheinbar düstere Bild vielleicht auch eine positive Seite: Man nimmt an, dass die kameradschaftliche Liebe den Platz der leidenschaftlichen Liebe übernimmt. Kameradschaftliche Liebe gilt als sanftes Gefühl, das sich aus Empfindungen von tiefer Zuneigung, Nähe und Verbundenheit zusammensetzt. Einige Forscher sind der Ansicht, dass die kameradschaftliche Liebe bei abnehmender leidenschaftlicher Liebe tatsächlich wächst. Dazu muss man jedoch sagen, dass zur Rolle der kameradschaftlichen Liebe in romantischen Beziehungen gegensätzliche – positive wie negative – Befunde vorliegen. Zum Beispiel liefert die gerade erwähnte Studie keinen Beleg für diese These: Hier berichteten Paare, dass sowohl romantische als auch kameradschaftliche Liebe im Lauf der Zeit tendenziell abnahmen (und zwar gleichermaßen).

Seit wann gibt es leidenschaftliche Liebe, und gibt es sie auf der ganzen Welt?

Die leidenschaftliche Liebe ist so alt wie die Menschheit. Den sumerischen Liebes-Mythos um Inanna und Dumuzi, in dem Inanna, die Göttin von Liebe, Sex und Krieg, sich den Hirten Dumuzi zum Liebhaber erwählt, spannen Geschichtenerzähler um 2000 v. Chr. Eine Zeitlang nahmen Anthropologen an, leidenschaftliche Liebe sei ein rein westliches Konzept, doch sind sich die meisten Wissenschaftler heute einig, dass es leidenschaftliche Liebe und sexuelles Begehren in allen Kulturen der Welt gibt.

Natürlich kann die Kultur einen tief greifenden Einfluss haben – darauf, wie Menschen die Liebe sehen, darauf, wie begierig sie nach derart stürmischen Gefühlen sind, und darauf, ob sie finden, eine Ehe sollte nur auf der Grundlage einer solchen Liebe geschlossen werden oder aber als Arrangement aufgrund praktischer Erwägungen.

Historiker haben außerdem gezeigt, wie tief greifend sich die Ansichten einer Gesellschaft zu Liebe, Sex und Intimität im Lauf der Zeit wandeln können. Nehmen wir China mit seiner uralten Kultur. Historische Aufzeichnungen beginnen vor 4000 Jahren mit der Xia- (oder Ersten) Dynastie. Sie belegen, dass Chinesen im Lauf der Zeit der romantischen und leidenschaftlichen Liebe sehr unterschiedlich gegenüberstanden, dem Wort „Liebe“ sehr unterschiedliche Bedeutungen beimaßen, sehr unterschiedliche Charakterzüge ihrer Liebespartner wünschenswert fanden und ausgesprochen unterschiedlich mit der Frage umgingen, ob romantische Gefühle der Welt kundgetan oder im innersten Herzen getragen werden sollten.

Obwohl kulturelle Unterschiede zweifellos existieren, innerhalb einzelner wie zwischen verschiedenen Kulturen, ist die Liebe selbst universell. Aus der breiten Auswahl an Studien können wir schließen, dass Liebe viele Gestalten annehmen kann. Sie kann allumfassend und verzehrend oder sanft und nährend sein. Sie kann ewig währen oder davonflattern. Nur eines ist sicher: Sie existiert, und sie existiert überall.

Die Liebesformeln

  Leidenschaftliche Liebe ist ein überaus machtvoller Gefühlszustand, der generell als extremes Verlangen nach der Vereinigung mit einem anderen Menschen definiert wird. Sie ist eng mit sexuellem Begehren verbunden.

  Sowohl leidenschaftliche als auch kameradschaftliche Liebe nehmen im Lauf der Zeit tendenziell (und gleichermaßen) ab.

  Obwohl es kulturelle Unterschiede gibt, ist die Liebe selbst universell und kann vielfältig Gestalt annehmen.

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Elaine Hatfieldist Professorin für Psychologie an der Universität von Hawaii und ehemalige Präsidentin der Society for the Scientific Study of Sexuality. Für ihr wissenschaftliches Lebenswerk hat sie angesehene Forschungspreise erhalten (z. B. von der Association for Psychological Science). Zwei ihrer Bücher haben den Nationalen Medienpreis des US-Psychologenverbandes American Psychological Association gewonnen. Elaine Hatfield hat gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard L. Rapson die Bücher: Love, Sex, and Intimacy: Their Psychology, Biology, and History (Liebe, Sex und Intimität: ihre Psychologie, Biologie und Geschichte) sowie Love and Sex: Cross-Cultural Perspectives (Liebe und Sex: interkulturelle Perspektiven) veröffentlicht. Megan Forbes ist Studentin des Master-Studiengangs Sozialpsychologie an der Universität von Hawaii. Ihre Forschungsinteressen gelten besonders der leidenschaftlichen Liebe, der Equity-Theorie, der Partnerwahl und virtuellen (Online-) Beziehungen.

„Suchen Sie jemanden, der mit dem Wort Liebe ungefähr das Gleiche meint wie Sie.“

Was heißt „Ich liebe dich“?

Wer Studien über die Liebe liest, stößt immer wieder auf seinen Namen: Robert J. Sternberg. Ein Kollege sagt über den Psychologen: „Beim Thema Liebe ist sein Name für mich so bedeutend wie der von Freud oder Maslow.“ Die „Dreieckstheorie der Liebe“ gilt als eines der besten Erklärungsmodelle für den Begriff der Liebe. Inzwischen allerdings fügt Sternberg auch unsere persönlichen „Liebes-Geschichten“ zu dem Dreieck hinzu, um die Bedeutung der drei beliebtesten Worte der Welt zu verstehen: „Ich liebe dich.“

Oft sagen sich zwei Menschen, dass sie einander lieben – nur um später zu ihrem Bedauern herauszufinden, dass sie damit nicht das Gleiche meinen. Nachdem sie Zeit, Geld und vor allem emotionale Ressourcen in die Beziehung investiert haben, wünschen sie sich möglicherweise, sie hätten schon früher gemerkt, dass Liebe für jeden von ihnen eine andere Bedeutung hatte. Was meinen Menschen, wenn sie sagen „Ich liebe dich“? Nach meiner Duplex-Theorie der Liebe hat die Liebe viele verschiedene Bedeutungen. Ob die Liebesbeziehung eines Paares erfolgreich ist, hängt zu einem Großteil davon ab, ob diese Bedeutungen bei beiden Personen vereinbar sind.

Das Dreieck der Liebe

Der erste Teil der Duplex-Theorie ist ein Dreieck. Der Grundgedanke ist, dass die Liebe aus drei Grundkomponenten besteht: Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit. Intimität umfasst Vertrauen, Fürsorge, Anteilnahme, Kommunikation, Verständnis, Empathie und ein Gefühl der Verbundenheit. Leidenschaft beinhaltet Aufregung, Energie, Begeisterung und das Gefühl, von der anderen Person magnetisch angezogen zu werden. Zur Verbindlichkeit gehört die Entscheidung, eine Beziehung einzugehen und über eine lange, vielleicht unbegrenzte Zeitspanne aufrechtzuerhalten, komme was da wolle.

Unterschiedliche Kombinationen von Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit ergeben unterschiedliche Arten von Liebe. Wenn eine der drei Komponenten fehlt, ist es keine Liebe. Intimität allein betrachten wir normalerweise als gernhaben. Leidenschaft allein ist Vernarrtheit. Verbindlichkeit allein ist leere Liebe. Intimität plus Leidenschaft ohne Verbindlichkeit ist romantische Liebe. Intimität plus Verbindlichkeit ohne Leidenschaft ist kameradschaftliche Liebe. Leidenschaft plus Verbindlichkeit ohne Intimität ist verblendete Liebe. Und Intimität plus Leidenschaft plus Verbindlichkeit ist erfüllte oder vollendete Liebe.

Zeitlicher Verlauf

Die drei Komponenten der Liebe verlaufen nach unterschiedlichen Zeitplänen. Anfangs ist die Intimität eher gering. Wenn die Beziehung gelingt, wächst sie allmählich, wenn sie scheitert, nimmt sie ab. In einer geglückten Beziehung nähert sie sich schließlich einem Maximalwert. Mit der Zeit kann sie zurückgehen, wenn einer von beiden oder beide anfangen, Geheimnisse zu haben. Es ist, als öffne man eine Tür, die nur schwer wieder zu schließen ist.

Leidenschaft verläuft vergleichbar mit einer Sucht. Zunächst wird man bei jeder Begegnung mit der Person, der man verfallen ist, von intensiven Glücksgefühlen überschwemmt. Mit der Zeit können weitere Begegnungen zur Gewöhnung führen: Es entsteht nicht mehr das gleiche umwerfende Gefühl wie zu Beginn der Beziehung. Nach einiger Zeit pendelt sich die Leidenschaft möglicherweise auf einem niedrigeren Niveau unterhalb des anfänglichen Maximums ein. Verliert man die Person, kann das zu Entzugserscheinungen führen, ähnlich wie beim plötzlichen Absetzen einer suchterregenden Substanz, an die man sich gewöhnt hatte (Alkohol, Nikotin, Koffein usw.). Es dauert eine Weile, bis man diese Entzugserscheinungen überwunden hat.

Die Verbindlichkeit wächst in erfolgreichen Beziehungen generell im Lauf der Zeit und nähert sich irgendwann einem Maximalniveau an, zum Beispiel, wenn ein Paar beschließt zu heiraten. Wenn die Beziehung günstig verläuft, bleibt die Verbindlichkeit auf diesem Niveau oder wird möglicherweise noch größer. In gescheiterten Beziehungen kann sie ganz verlorengehen.

Mehr Befriedigung

Wir haben einen Fragebogen zusammengestellt, mit dem sich die drei Komponenten der Liebe in einer bestimmten Beziehung messen lassen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass zwei Bedingungen zu mehr Glück und Befriedigung in der Liebe führen. Erstens sind Paare tendenziell umso glücklicher, je mehr Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit sie erleben. Gleichzeitig gibt es aber einen dämpfenden Faktor: Paare sind auch in dem Maße glücklicher, in dem sie übereinstimmende Dreiecksmuster zeigen. Das heißt, Paare sind in der Liebe erfolgreicher, wenn beide sich ähnliche Gleichgewichte aus Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit wünschen. Wenn die eine zum Beispiel viel Leidenschaft, aber nicht viel Intimität wünscht und der andere zwar viel Intimität sucht, aber Leidenschaft abwehrt, kann die Beziehung des Paares gefährdet sein.

Liebe ist eine Geschichte

Man könnte sich fragen, woher solche Liebes-Dreiecke stammen. Ihr Ursprung liegt in „Liebes-Geschichten“. Beinahe von Geburt an sind wir zahlreichen, sehr unterschiedlichen Liebes-Geschichten ausgesetzt – über die Beziehung der eigenen Eltern, der Eltern von Freunden, in Büchern, im Fernsehen, in Filmen und natürlich im eigenen Leben. Jede „Geschichte“ hat zwei Hauptfiguren, die ähnliche oder sich ergänzende Rollen spielen können. Die Geschichten entwickeln sich und können sich im Lauf der Zeit verändern. Menschen ordnen Geschichten zu Hierarchien. Mit anderen Worten: Sie haben nicht nur eine Lieblingsgeschichte, sondern eher eine Rangfolge von Präferenzen. Tendenziell ist man in den Liebesgeschichten glücklicher, die in der eigenen Hierarchie höher stehen. Wenn die Geschichte einer laufenden Beziehung in der Rangfolge nicht sehr weit oben steht, ist diese Beziehung bedroht, sobald einer der Partner jemanden kennenlernt, der eine höherrangige Geschichte verspricht. Geschichten können unterschiedlich angepasst werden, und einige gehen wahrscheinlich eher schlecht aus als andere.

Es gibt rund zwei Dutzend gängige Liebes-Geschichten, darunter die folgenden: a) Die Märchengeschichte, in der ein Prinz und eine Prinzessin „glücklich miteinander leben bis ans Ende ihrer Tage“; b) die Geschäftsgeschichte, in der zwei Handelspartner ihre Beziehung wie ein Geschäft mit Gewinnen und Verlusten betrachten; c) die Reisegeschichte, bei der die Partner zusammen durch die Zeit reisen und versuchen, auf dem gleichen Weg zu bleiben; d) die Polizeigeschichte, in der ein Partner den anderen ständig zu überwachen scheint; e) die Horrorstory, bei der ein Partner den anderen misshandelt; f) die Sammlergeschichte, bei der einer der Partner Geliebte sammelt.

Wir haben einen Fragebogen entwickelt, der jede der Liebes-Geschichten in einer bestimmten Beziehung misst. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Paare am glücklichsten sind, wenn ihre Geschichten positive Anpassungsreaktionen statt Ausweichmechanismen ermöglichen (z. B. Reisegeschichte versus Horrorstory) und wenn ihre Geschichten-Rangfolgen zusammenpassen – das heißt, wenn beide Partner gleiche oder ähnliche Geschichten höher bzw. niedriger bewerten.

Was folgt?

Wenn Menschen „ich liebe dich“ sagen, meinen sie unterschiedliche Dinge. Sie werden mit jemandem am glücklichsten, der mit diesen Worten etwas Ähnliches meint wie Sie.

Die Liebesformeln

  Die Liebe hat drei Grundkomponenten, die in einem Dreiecksverhältnis stehen: Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit. Unterschiedliche Kombinationen ergeben unterschiedliche Arten von Liebe.

  Die drei Komponenten der Liebe verlaufen unterschiedlich. Je mehr Sie von jeder bekommen und je mehr Ihre Bilanz der Ihres Partners gleicht, desto glücklicher sind Sie.

  Wir alle haben eine Rangfolge unserer bevorzugten Liebes-Geschichten im Kopf. Wir sind glücklicher, wenn wir eine Liebe erleben, die wir vorziehen, und wenn unsere Geschichten zusammenpassen.

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Der Psychologe und Psychometriker Professor Robert J. Sternberg ist Kanzler der Oklahoma State University (USA). Er war Präsident der American Psychological Association und gehört zum redaktionellen Beirat zahlreicher Zeitschriften, darunter American Psychologist. Sternberg hat einen B. A. der Universität Yale, einen Ph. D. aus Stanford und zehn Ehrendoktortitel von einer nordamerikanischen, einer südamerikanischen und acht europäischen Universitäten. Er ist Ehrenmitglied des Zentrums für Psychometrie an der Universität Cambridge. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören höhere geistige Funktionen (darunter Intelligenz und Kreativität) sowie Liebe und Hass. Er ist Verfasser zahlreicher Artikel, darunter A Duplex Theory of Love (Eine Duplex-Theorie der Liebe), und Bücher, unter anderem Über Liebe spricht man doch und Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt.

Vorhersehbare Veränderungen

Die Psychologen Josip Obradović und Mira Čudina haben die emotionale Entwicklung von fast tausend verheirateten Paaren analysiert: Was beeinflusst im Lauf der Jahre ihre Leidenschaft, ihre Intimität und ihre Verbindlichkeit? Machen Sie sich auf die vorhersehbaren Veränderungen Ihres Liebeslebens gefasst.

Zur Messung von Liebe verwendeten wir die bekannte Skala von Robert Sternberg, die Liebe in drei Komponenten aufteilt: Leidenschaft, Intimität und Verbindlichkeit. Wir definierten zahlreiche Variablen als mögliche Vorhersagefaktoren für die Intensität der Liebe und versuchten festzustellen, welche Charaktereigenschaften und Umstände die besten Prognosen über die Liebeserfahrung einer Person in der Ehe lieferten.

Veränderungen der Leidenschaft. Es gibt mehrere Charakterzüge und Beziehungsfaktoren, die die Leidenschaft in der Ehe steigern. Generell könnte man sagen, dass die eheliche Leidenschaft umso intensiver erblüht, je extrovertierter, umgänglicher, ausgeglichener und selbstsicherer die Partner sind. Außerdem sind jüngere Ehepartner leidenschaftlicher. Das Verhältnis von Leidenschaft und Ehedauer ist dagegen komplizierter: Zu Beginn der Ehe ist die Leidenschaft sehr stark, aber nach fünf Jahren beginnt sie abzunehmen. Im zehnten Ehejahr erreicht sie ihren Tiefpunkt und ab dem 15. steigt sie wieder, wobei sie nie wieder den beglückenden Grad der Jungverheirateten erreicht. Auch Kinder spielen eine Rolle: Nach der Geburt des ersten Kindes sinkt die Leidenschaft deutlich ab, verändert sich aber nach der Geburt des zweiten nicht mehr. Seltsamerweise wächst die Leidenschaft sogar bei Paaren mit drei Kindern. Die größte Leidenschaft erleben kinderlose Ehepaare.

Veränderungen der Intimität. Ähnlich wie bei der Leidenschaft bestimmen „gute“ Charaktereigenschaften auch die Intimität. Extrovertierte, umgängliche und ausgeglichene Partner erreichen in der Ehe mehr Intimität. Das Gleiche gilt für hohes Selbstwertgefühl und äußerliche Attraktivität. Junge Ehepartner erleben große Intimität, die nach einer Weile abnimmt, dann aber wieder wächst. Auch die Geburt von Kindern mindert die Intimität, allerdings weniger als die Leidenschaft. Nach dem ersten Kind sinkt sie eine Zeitlang ab, steigt aber relativ rasch wieder. Die intensivste Intimität erleben kinderlose Paare.

Veränderungen der Verbindlichkeit. Extrovertiertheit und Verträglichkeit der Ehepartner tragen ebenso stark zur Verbindlichkeit bei wie Selbstwertgefühl und äußerliche Attraktivität. Junge Partner fühlen sich der Ehe stark verpflichtet, aber die Verbindlichkeit sinkt mit dem Alter stetig und erreicht zwischen dem 30. und dem 40. Geburtstag ihren Tiefpunkt. Danach steigt sie ziemlich schnell wieder. Es sieht so aus, als sei die Verbindlichkeit gering, wenn die Partner persönliche Probleme lösen und Entscheidungen über ihren zukünftigen Lebensweg treffen müssen. Eine ähnlich klare Beziehung gibt es zwischen der Verbindlichkeit und der Ehedauer. Zu Beginn einer Ehe ist die Verbindlichkeit sehr hoch, beginnt aber bald zu sinken und erreicht zwischen dem 6. und dem 15. Hochzeitstag einen absoluten Tiefpunkt. Danach wächst sie wieder und ist nach 25 Ehejahren viel höher als zu Beginn. Offensichtlich durchlebt man in der Phase geringer Verbindlichkeit schwierige Zeiten, klärt einige Themen und hinterfragt die Entscheidung zusammenzubleiben. Aber wenn es einmal beschlossene Sache ist, dass man beisammen bleiben möchte, wird die Verbindlichkeit mit der Zeit stärker. Die Geburt des ersten Kindes ist eine gewisse Bedrohung für die Verbindlichkeit, aber nach dem zweiten oder dritten Kind wird die Bindung an die Ehe sehr viel stärker.

Weder Leidenschaft noch Intimität oder Verbindlichkeit hängen mit dem Bildungsniveau zusammen. Wirtschaftliche Not dagegen bringt alle drei Aspekte der Liebe in große Gefahr.

Die Liebesformeln

  Die besten Ehekandidaten sind verträgliche, offene, extrovertierte, ausgeglichene und selbstsichere Menschen.

  Seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass Zeit und Alter Ihre Ehe verändern werden.

  Unvorbereitet das erste Kind zu bekommen, kann herbe Einbußen an Leidenschaft, Intimität und Verbindlichkeit verursachen. Suchen Sie Unterstützung! Weitere Kinder stabilisieren die Lage und stärken die Verbindlichkeit sogar.

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Josip Obradović(B. A. in Psychologie, Ph. D. in Soziologie) ist Professor an der Fakultät für Kroatische Studien der Universität Zagreb (Kroatien). Er ist auf Familienpsychologie und die Soziologie von Ehe und Familie spezialisiert. Mira Čudina (B. A. in Psychologie, Ph. D. in Psychologie) ist emeritierte Professorin der Fakultät für Kroatische Studien der Universität Zagreb. Ihre Spezialgebiete sind Emotionen, Motivation und die Entwicklung Heranwachsender. Gemeinsam haben sie viele wissenschaftliche Artikel über den Verlauf von Ehen und vor allem deren Qualität verfasst, außerdem das nicht auf Deutsch erschienene wissenschaftliche Lehrbuch Psychologie der Ehe und der Familie.

Das Liebeslabor

Die Psychiaterin Donatella Marazziti hat als Erste nachgewiesen, dass die romantische Liebe auf einer biochemischen Abweichung beruht. Die Welt war schockiert! Einige Kritiker warfen ihr vor, sie zerstöre die Poesie der Liebe und reduziere sie auf ein Spiel der Moleküle. Aber ihr Liebeslabor erkundet weiterhin Schritt für Schritt das Mysterium der Liebe und enträtselt dessen biologische Abläufe. Außerdem verliebte sich Donatella – in die Liebe. Das veränderte ihr Leben vollkommen. Hier ist ihre Geschichte.

Meine wissenschaftliche Begegnung mit der Liebe war ein glücklicher Zufall. Mitte der 1990er-Jahre interessierte ich mich sowohl für Zwangsstörungen als auch für Serotonin und war auf der Suche nach einem physiologischen Modell, mit dem ich beides bei großen Gruppen untersuchen konnte. Eines Tages merkte ich plötzlich im Gespräch mit meinem Chef: Romantisch Verliebte ähneln Patienten mit Zwangsstörungen – beide denken immer und immer wieder über das gleiche Thema nach. Daher beschloss ich, einen Serotoninmarker im Blut zu messen und fand heraus, dass er bei den Patienten und den romantisch Verliebten im gleichen Maße abnahm. Ich muss gestehen: Diese Ergebnisse lagen schon 1996 vor, aber ich wartete mit der Veröffentlichung bis 1999, um sie noch mehrfach zu überprüfen. Meine Zweifel waren allerdings nicht wissenschaftlicher Natur, denn die Experimente waren korrekt. Aber ich war mir der möglicherweise großen Auswirkungen bewusst, zeigten sie doch zum ersten Mal, dass einem typisch menschlichen Gefühl wie der romantischen Liebe eine biochemische Abweichung zugrunde liegen könnte.

Ich fühlte mich stark genug, es mit den Problemen aufzunehmen, die mein Artikel vielleicht aufwerfen würde, und sandte ihn an die Zeitschrift Psychological Medicine, die Thema und Ergebnisse lobte und den Aufsatz kurz darauf zur Veröffentlichung annahm. Wie vermutet war das Medienecho auf meinen Artikel riesig, und ich musste auf der ganzen Welt in Fernsehsendungen auftreten und Interviews geben. Zusammenfassend kann man sagen, dass die meisten Kommentare positiv waren; nur eine Minderheit behauptete, ich wolle die Poesie der Liebe zerstören und sie auf ein Spiel der Moleküle reduzieren. Allerdings wusste und weiß ich: Die Liebe ist nicht „nur“ das Ergebnis verschiedener molekularer und biologischer Systeme, sondern „auch“. Außerdem bin ich sicher, dass sie nicht weniger schön und erstaunlich wird, wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass einige biologische Systeme an ihren Ausdrucksformen beteiligt sind. Und ich wollte zeigen, dass die besondere Denkweise von Patienten mit Zwangsstörungen zwar die gleichen biochemischen Abweichungen zeigt wie das Denken romantisch Verliebter, aber dass Liebe offensichtlich viel mehr ist. Man muss den Boden der Wissenschaft nicht verlassen, wenn man annimmt, dass sie nur von einem einzigen Botenstoff abhängen könnte.

Journalisten

Auf der persönlichen Ebene musste ich mein Leben in einigen Punkten ändern. Ich traf viele Journalisten und redete vor Nicht-Wissenschaftlern, sodass ich meine Sprache anpassen musste, um verstanden zu werden. Daraus lernte ich: Manchmal ist es wichtig, auch außerhalb des wissenschaftlichen Umfelds Wissen zu verbreiten und Aufmerksamkeit zu wecken.

So beschloss ich, ein Buch zu schreiben, das alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Liebe zusammenfassen sollte – das gab es damals noch nicht. Schon seit meiner Kindheit hatte ich gern geschrieben. Durch eine Reihe unerwarteter und glücklicher Umstände fand ich einen großartigen Verleger, der mein erstes Buch unter dem Titel La Natura dell’Amore (Die Natur der Liebe) veröffentlichte; es wurde in mehrere Sprachen, aber nicht ins Deutsche übersetzt. Dann schrieb ich noch ein Buch, E vissero per sempre gelosi e contenti (Und sie lebten für immer, eifersüchtig und glücklich), Bertrachtungen über die Eifersucht.

Neurohormone

Auf der wissenschaftlichen Ebene wurde Liebe mein Hauptinteresse, das sich ausweitete, bis es auch Eifersucht, Bindungsverhalten und soziale Beziehungen umfasste, weil diese Basismechanismen entscheidend für das menschliche Wohlergehen sind. Neben dem Serotonin ermittelten wir bei romantisch Verliebten die Werte einiger Neurohormone und kamen zu dem Schluss, dass das Verlieben Stress auslöst, was sich an höheren Cortisolwerten zeigt. Interessanterweise bewegte sich der Testosteronspiegel bei beiden Geschlechtern in entgegengesetzte Richtungen – bei den Frauen nach oben, bei den Männern nach unten, als ob sich beide für eine Begegnung annähern müssten. Diese Befunde passen zu der Vorstellung, dass das Verlieben ein Basisgefühl ist, das für beide Geschlechter gleich verläuft. Gleichzeitig führte ich einige Untersuchungen an eifersüchtigen Testpersonen durch und stellte fest, dass zwanghaft Eifersüchtige einen niedrigeren Serotoninspiegel haben. Außerdem merkte ich, wie komplex und wenig erforscht die normale Eifersucht ist. Sie ist auch ziemlich heterogen; wir haben mindestens fünf Typen identifiziert.

Der nächste Forschungsschwerpunkt war das Neuropeptid Oxytocin. Wir brauchten einige Zeit, um eine verlässliche Messmethode dafür zu finden, aber inzwischen nutzen wir sie täglich. Oxytocin hat etwas mit der Angst zu tun, die zu romantischen Bindungen gehört, das zeigt unsere wichtigste Publikation zu diesem Thema – es wird gebraucht, um beim Zusammensein mit dem Partner entspannt zu bleiben. Damit war offensichtlich, dass es vorteilhaft ist, sich zu verlieben, zu lieben und mit jemandem eine Bindung einzugehen. Im Hinblick auf die Hirnfunktionen könnten einige der Vorteile der Liebe der Produktion von Neurotrophinen zu verdanken sein, die zum Überleben, zur Differenzierung und zur Funktion von Nervenzellen beitragen. Interessanterweise fanden wir heraus, dass eines dieser Neurotrophine, der sogenannte Wachstumsfaktor BDNF, im Zusammenhang mit dem Bindungsverhalten steht, allerdings bei beiden Geschlechtern unterschiedlich. Es scheint, als ob hohe BDNF-Konzentrationen nur bei Frauen mit der Eigenschaft „schwache Vermeidungsstrategien“ korrelieren; mit anderen Worten werden Frauen weniger schüchtern gegenüber dem Partner und generell offener für soziale Beziehungen. Eine meiner anderen Studien zeigte, dass Frauen sehr empfindlich auf Extrakte aus männlichem Achselschweiß (vielleicht die Pheromone?) reagierten – bis hin zu einer Änderung ihrer Serotoninspiegel und dem Auftreten von Anzeichen für Impulsivität und Fixierung. Aktuell sind in meinem Labor mehrere Studien zu weiteren biologischen Aspekten der Liebe im Gange, und die ganze Gruppe, mit der ich zusammenarbeite, teilt meine große, echte Begeisterung für dieses Thema. Ich kann sagen, dass ich mich in die Liebe verliebt habe.

Vorteile

Das Erforschen der Liebe hat mich auf persönlicher Ebene zutiefst verändert. Ich war gezwungen, mein Privatleben zu überprüfen und erkannte, dass ich großes Glück gehabt hatte. Ich hatte fantastische Eltern, die mir durch ihre Erziehung Selbstwertgefühl vermittelten und mir Freiheit und Wahlmöglichkeiten ließen. Mehr noch, mein Partner liebt mich so sehr wie ich ihn, seit dem lange zurückliegenden Beginn unserer Liebesgeschichte. Je länger ich die Liebe erforsche, desto stärker bin ich fasziniert und desto mehr Respekt empfinde ich. Ich glaube, Lieben und Geliebtwerden ist die außergewöhnlichste Erfahrung, die ein Mensch machen kann – aber sie erfordert Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Flexibilität und die Bereitschaft zur Veränderung. Wir sind von Natur aus bestens ausgerüstet, um Liebe zu entwickeln und alle ihre Vorzüge zu genießen: die tiefsten Freuden unserer Existenz. Und ich glaube, dass die Wissenschaft, indem sie ihre Rätsel erkundet und eines Tages vielleicht ihre biologischen Mechanismen entschlüsselt, uns erlauben wird, auf die beste aller möglichen Weisen zu lieben.

Die Liebesformeln

  Einem typisch menschlichen Gefühl, der romantischen Liebe, liegt eine biochemische Abweichung zugrunde, die der von Patienten mit Zwangsstörungen ähnelt.

  Erhöhte Cortisolwerte beweisen, dass es Stress bedeutet, sich zu verlieben. Aber wie unsere Hirnfunktionen zeigen, ist es letztlich förderlich, zu lieben und Bindungen einzugehen.

  Liebe ist eine außergewöhnliche Erfahrung, aber sie erfordert Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Flexibilität und die Bereitschaft zur Veränderung.

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Donatella Marazzitiist Professorin für Psychiatrie am Fachbereich für Psychiatrie, Neurobiologie, Pharmakologie und Biotechnologie der Universität Pisa (Italien), wo sie Medizin und Chirurgie studiert hat. Dort spezialisierte sie sich auch auf Psychiatrie und anschließend auf Biochemie. Sie hat nationale und internationale Preise gewonnen und gehört zum redaktionellen Beirat mehrerer Fachzeitschriften. Sie hat ungefähr 350 wissenschaftliche Aufsätze und acht Bücher verfasst, darunter zwei Bestseller und einen Roman.

„Das Gefühl Liebe ist universell, aber die Ausdrucksformen und Rituale sind kulturspezifisch und verändern sich.“

Ein Produkt des Westens?

Es gibt nur sehr wenige Studien zur romantischen Liebe in nicht westlichen Gesellschaften, denn Anthropologen, Psychologen und Historiker haben schlicht angenommen, sie sei ein europäisch-amerikanischer Beitrag zur Weltkultur, der durch euro-päische Forscher und Kolonisatoren auf andere Teile der Welt übertragen wurde. Hsu-Ming Teo erklärt: Sie alle liegen falsch.

Von den 1950er- bis in die 1990er-Jahre vertraten US-amerikanische Wissenschaftler oft die Auffassung, Liebe gebe es nur in den USA und jenen Gesellschaften, deren Wertesystem sich aus der Kulturtradition Westeuropas ableitete. Auch viele europäische Wissenschaftler schlossen sich bereitwillig der These an, Liebe sei ein eher lokales Phänomen, das mit der Idee der höfischen Liebe ungefähr im 12. Jahrhundert in Südfrankreich aufkam. Damit folgten sie dem französischen Literaturkritiker Denis de Rougemont. In seinem bahnbrechenden Werk Die Liebe und das Abendland (1940) argumentierte Rougemont, dass sich die westliche Kultur von allen anderen unterscheide, weil sie die romantische Liebe erfunden und gefeiert habe – damit meinte er einen Liebesbegriff, der die geliebte Person idealisiert und Vorstellungen von Selbstlosigkeit, Freundschaft, Erotik und intensiver Leidenschaft vereint. Rougemont behauptete, die romantische Liebe sei später zu einem – notwendigen – Teil der ehelichen Liebe erklärt worden. Viele westliche Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts glaubten, dass sich dieser Gedanke als Ideal und Lebenspraxis mit der westlichen Kultur auf der ganzen Welt verbreitet habe.

Rougemont stützte seine These auf die französische Troubadourdichtung, aber andere Historiker lehnten sie ab: Literarische oder musikalische Belege seien kein Indiz dafür, dass etwas in einer Gesellschaft generell akzeptiert oder praktiziert werde. Der französische Historiker Philippe Ariès argumentierte beispielsweise in seiner Geschichte der Kindheit, dass es über weite Zeiträume der europäischen Geschichte wenig Belege für Zuneigung in Familien oder bei Paaren gibt. Englische Historiker und Soziologen stützten diese Auffassung; ihrer Vermutung nach kamen romantische Liebe und Gefühlsbindungen in der Familie erst im 18. Jahrhundert auf, als Begleiterscheinung oder vielleicht indirekter Auslöser der Modernisierung – der Industriellen Revolution wie der Agrarrevolution und der sozialen Veränderungen, die diese wirtschaftlichen Verschiebungen mit sich brachten. Die Liebe wurde in den Dienst der These von der westlichen Einzigartigkeit gestellt und als kultureller Indikator für „Zivilisation“ benutzt.

In jüngerer Zeit bemühen sich Anthropologen vielfach – allerdings nicht besonders einfallsreich – darum, diese negative Bewertung nicht westlicher Liebe zu revidieren. Sie alle bewerten nicht westliche Gesellschaften weiterhin anhand der modernen westlichen Definition romantischer Liebe: Westliche Wissenschaftler definieren romantische Liebe anhand kultureller Normen und Begriffe des Westens, dann versuchen sie, sie in nicht westlichen Kulturen zu finden (oder auch nicht). Das ist insofern problematisch, als sich selbst im Westen Ausdrucksformen der Liebe und romantische Rituale im Lauf der Zeit wandeln. Heutzutage mögen rote Rosen und eine Schachtel Pralinen für Liebe und Romantik stehen; im alten Wales dagegen drückten junge Männer ihre Liebe zu einer Frau aus, indem sie auf ihr Kleid urinierten.

Es ist eine nützliche Erkenntnis für viele Wissenschaftler, dass Liebesgefühle zwar universell sein mögen, aber dass die Ausdrucksformen und Rituale romantischer Liebe kulturspezifisch sind und sich im Lauf der Zeit verändern. Diese Einsicht bietet einen Ausweg aus der Sackgasse der Frage, ob Liebe universell oder westlich ist; sie erlaubt der Forschung, stattdessen kulturhistorisch spezifische Erscheinungsformen der Liebe zu untersuchen.

Hsu-Ming Teoarbeitet als Kulturhistorikerin am Fachbereich für Moderne Geschichte der Macquarie University in Sydney (Australien). Sie hat kürzlich ein Buch und einen Zeitschriften-Sonderband über die Populärkultur der romantischen Liebe in Australien herausgegeben. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Cultural History in Australia (Kulturgeschichte in Australien) sowie Desert Passions: Orientalism and Romance Novels (Leidenschaft in der Wüste: Orientalismus und Liebesromane). Sie hat den preisgekrönten Roman Jadetöchter geschrieben und gehört zum redaktionellen Beirat des Journal of Australian Studies und des Journal of Popular Romance Studies.

„Warten Sie nicht darauf, dass die Liebe Ihnen in den Schoß fällt.“

Architekten für Liebe und Sex

Stellen Sie sich vor, Architekten und Ingenieure würden Häuser und Brücken auf der Basis von Märchen, Mythen, Tratsch und Geschichten bauen. Ihre Bauwerke wären eine Katastrophe. Aber genau das sind immer noch die Grundlagen für die wichtigsten Bausteine in unserem Leben: Liebe und Sex. Emil Man Lun Ng hat sein Leben lang die Architektur der Liebe erforscht. Weiß er, wie wir bessere Architekten unseres eigenen Liebeslebens werden können?

Dauerhafte romantische und sexuelle Liebe findet in der modernen Welt, im Osten wie im Westen, immer weniger Anhänger, das zeigt sich am schnellen Anstieg der Scheidungsrate, dem Alter bei der Eheschließung, dem Anteil kurzlebiger Sexualbeziehungen sowie am Sinken der Geburtenrate. Ein wichtiger Grund hierfür ist der Mangel an seriöser theoretischer und praktischer Ausbildung zum Thema Sex und Liebe. Die Sexualerziehung an den Schulen ist in vielen Ländern schlecht genug, noch schlechter aber ist der Unterricht in der Liebe, da sie schwieriger zu lehren ist und die Schüler angeblich von Fächern ablenkt, die für ihre zukünftige Karriere wichtiger sind. Außerdem gelten Liebesprobleme als nicht so unmittelbar gefährlich wie Sex, der zu Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaften und Sexualverbrechen führen kann. Insofern findet ein Großteil der Liebes- und Sexualerziehung der Menschen informell statt. Es gibt populäre Medien, Märchen, Legenden und erfundene Geschichten, die reichlich Mythen und Irrglauben verbreiten. Zum Beispiel enden fast alle Märchen und Liebesgeschichten mit einem Happy End bei der Hochzeit oder kurz davor und vermitteln so den falschen Eindruck, dass die Paare von da an ohne große Anstrengung „glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ zusammenleben können. Legenden und Dichtungen über die Liebe verherrlichen alles, was mit Liebe zu tun hat, auch Eifersucht, Hass, besitzergreifendes Verhalten, Selbstmord usw., was im wahren Leben zerstörerisch auf Liebesbeziehungen wirkt.

Irreführende Botschaften

Eine ernsthaftere alltägliche Erziehung zu Liebe und Sex kann auf populärer Philosophie, Psychologie und spirituellen Lehren basieren. Aber oft sind sie ebenso verwirrend oder irreführend. Sam Vaknin bezeichnet in seinem Buch über die Pathologie der Liebe romantische Liebe und Sex als Arten von Psychose oder Sucht. Ayn Rand nennt sie schlicht eine andere Form des Egoismus: „Was man in der Liebe sucht, verdient und mitnimmt, ist einfach das eigene, selbstsüchtige Glück.“ Die japanische Lehre des Shinjū oder Doppelselbstmords erhebt sie zu einem Zustand, der sogar Stalking, Gewalt und Suizid gestattet. Die christliche Bibel preist die Liebe weit jenseits aller menschlichen Fähigkeiten: „Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“, unabhängig von den Umständen. Der Psychoanalytiker Erich Fromm versucht in seinem sehr beliebten Buch Die Kunst des Liebens die Liebe vom Sex zu reinigen, indem er dem sexuellen Aspekt nur eine Übergangsrolle im Wachstumsprozess der Liebe zu ihrer „höchsten“ Form zuschreibt, die einfach aus asexuellem Altruismus oder Gottesliebe besteht. Viele andere Philosophien der Liebe erheben die Liebe in unerreichbare abstrakte und komplexe Höhen oder mystifizieren sie zu etwas Unlogischem, Unvorhersehbarem und Unlenkbarem, wie Jennifer Smith in ihrem Buch Die statistische Wahrscheinlichkeit von Liebe auf den ersten Blick:„Liebe ist die seltsamste, unlogischste Sache der Welt.“ Das impliziert – und viele Menschen glauben das –, dass es besser ist, die Liebe dem Glück oder dem Schicksal zu überlassen, oder sie einfach als Spiel oder Luxus zu betrachten.

Um Zuversicht und Zutrauen in dauerhafte Liebe und Sex wiederherzustellen, muss man all diese widersprüchlichen Botschaften beiseite schieben. Ja, lang andauernde Liebe und Sex sind schwierig zu erlangen, und es gibt immer Spielraum für Glück oder Schicksal, aber für welche Erfolge gilt das nicht? Eine langfristig erfolgreiche Karriere ist ebenso selten und braucht die gleichen Bedingungen, trotzdem erfinden wir keine komplizierten Theorien, die behaupten, der Wunsch danach sei eine Psychose, eine Illusion, ein triviales Übergangsstadium im Leben und so weiter. Das würde uns nur Gründe dafür liefern, nicht daran zu arbeiten. Dabei könnte eine schöne, langfristige Liebes- und Sexlaufbahn sogar wichtiger sein als eine erfolgreiche lebenslange Karriere im Beruf – bei ihr geht es schließlich um das Überleben der Spezies Mensch, nicht um das eigene Ich.

Fünf Prinzipien

Wenn wir annehmen, dass romantische Liebe und Sex eine weitere Laufbahn sind, in der wir Erfolg haben wollen, sollten wir die gleichen Methoden und Anstrengungen darauf verwenden, angefangen mit Intelligenz, harter Arbeit, Engagement sowie guten emotionalen und Alltagskompetenzen. Ohne hier ins Detail zu gehen, möchte ich fünf wichtige Prinzipien nennen:

1.Beginnen Sie früh im Leben, sich vorzubereiten: Arbeiten Sie an Ihrer Persönlichkeit, denn Sie werden positive Charakterzüge nicht nur für Ihre zukünftige berufliche Karriere brauchen, sondern auch für das Eingehen und Bewahren einer guten Liebes- und Sexbeziehung.

2.Finden Sie beizeiten heraus, was Sie wollen: Legen Sie Ihre Kriterien für die Idealbeziehung und den Idealpartner früh fest, so klar und konkret wie möglich. Halten Sie sich nicht an bestehende Muster, auch wenn die Tradition oder die Mehrheit sie vorgeben – jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und Lebensumstände. Die Kriterien kann man hin und wieder bei veränderten äußeren Bedingungen ändern, allerdings nicht zu oft, damit (mögliche) Partner sich ebenfalls umstellen können.

3.Suchen und kontaktieren Sie Ihre(n) idealen Partner aktiv: Genau wie für einen guten Arbeitsplatz müssen Sie losgehen und suchen, statt darauf zu warten, dass die Liebe Ihnen in den Schoß fällt. Sie brauchen eine gute Beobachtungsgabe, Sensibilität, die Fähigkeit, Kontakte anzubahnen und die Weisheit, zu entscheiden, wann Sie durchhalten und wann Sie aufgeben sollten – friedlich und elegant.

4.Lernen Sie aus Fehlschlägen: Nur wenige haben bei ihren ersten Versuchen Erfolg, egal wie gut vorbereitet oder geübt sie sind. Lassen Sie Ihre Wunden rasch verheilen und schieben Sie die Schuld nicht auf andere. Überlegen Sie, was Sie besser hätten machen können, damit Sie beim nächsten Mal größere Erfolgschancen haben.

5.Achten Sie auf laufende Weiterbildung und Bewertung: Wie heutzutage bei allen Langzeitjobs sind sie auch bei langfristigen Liebes- und Sexbeziehungen entscheidend. Geist, Körper und Umwelt verändern sich in jedem Stadium eines Lebens und einer Beziehung. Intelligente, durchdachte Anpassungen sind nötig, um die Befriedigung in der Liebe zu erhalten.

Praktische Ausbildung

Liebesbriefe

Obwohl er das in modernen Gesellschaften vorherrschende monogame Eheprinzip scharf kritisiert und für ein pluralistisches System eintritt, ist Emil Man Lun Ng glücklich verheiratet, „seit über 40 Jahren mit einer einzigen Liebes- und Sexpartnerin (und unsere Liebe wächst immer noch)“. Zum 40. Hochzeitstag hat er die Liebesbriefe veröffentlicht, die er 1969 bis 1972, während des Vietnamkriegs, aus Hongkong an seine Frau in Vietnam schrieb. Sie trafen sich zum ersten Mal und nur für eine Woche 1971 in Vietnam. Das Buch war in China sehr erfolgreich, als lebendiges Anschauungsmaterial dafür, wie man sich um eine Liebesbeziehung als lebenslange Berufung kümmern sollte.

Bis sich auf der ganzen Welt der Nebel lichtet und eine praktische Ausbildung in romantischer Liebe und Sex beginnt, könnte es noch eine Weile dauern, aber in China geht der Trend schon jetzt dahin, dass die Massenmedien sie in die Hand nehmen. Fernsehsender strahlen in vielen Großstädten Sendungen zum Thema Partnersuche aus, bei denen Männer (oder Frauen) vor der Kamera ihre Kriterien für den Idealpartner beschreiben, sofort ein Dutzend Frauen (oder Männer) kennenlernen und im Erfolgsfall mit einer (oder einem) von ihnen ausgehen können. Diese Sendungen sind Dauerbrenner, die seit Jahren mit hohen Einschaltquoten laufen. China scheint mit seiner pluralistischen Kultur und seiner langen Geschichte einer praktischen, unvoreingenommenen Denkweise zu Sex, Liebe und Ehe führend zu sein, wenn es darum geht, den selbstgemachten Sex-Liebes-Rätseln zu entkommen – und den vielen ernsten Schwierigkeiten, die daraus entstehen.

Wir alle brauchen seriöse theoretische und praktische Erziehung zur romantischen und sexuellen Liebe. Einen Großteil unseres Wissens beziehen wir aus den Medien oder aus Märchen, Legenden und Geschichten. Sie würdigen Liebe und Sex zu einer Form der Psychose oder Besitzgier herab, verherrlichen sie so sehr, dass sogar zerstörerisches Verhalten wie Stalking, Gewalt oder Selbstmord gebilligt wird, oder überhöhen sie zu einem Heiligtum weit jenseits der menschlichen Möglichkeiten, das unabhängig von den Umständen alles „verträgt, glaubt, hofft und duldet“. Sie reinigen sie, bis sie vollkommen asexuell wird, erheben sie philosophierend in unerreichbare Höhen der Abstraktion und Komplexität oder mystifizieren sie zu etwas Unlogischem, Unvorhersehbarem und Unbeherrschbarem, das besser dem Schicksal überlassen bleibt. Sie tun die Liebe als Unterhaltung oder Luxus ab oder erteilen in Redensarten und Platitüden praxisferne Lehren. In China wie in anderen Ländern geht der Trend dahin, Liebe und Sex nicht mehr in diesen verzerrten Sichtweisen zu betrachten. Sie gelten als eine weitere lebenslange Karriere, auf die wir all jene Sorgfalt, Rationalität und Geschicklichkeit verwenden sollten, die wir brauchen, um zu Architekten unseres eigenen Liebes- und Sexlebens zu werden.

Die Liebesformeln

  Viele der Lehren über die Liebe, die wir aus populären oder seriösen Quellen beziehen, sind irreführend und zerstörerisch.

  Ein erfolgreiches Liebesleben braucht intelligente, praktische Zielsetzungen, gute Planung und unermüdlichen Einsatz, um zu funktionieren und zu gedeihen.

  Wir alle brauchen eine seriöse theoretische und praktische Erziehung zur romantischen und sexuellen Liebe, um bessere Architekten unseres eigenen Liebes- und Sexlebens zu werden.

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Emil Man Lun Ngist Honorarprofessor und stellvertretender Direktor des Family Institute der Universität Hongkong (China). Sein Erststudium schloss er 1977 an der Universität London ab. Inzwischen ist er Verfasser oder Koautor von mehr als 20 auf chinesisch und sieben auf englisch erschienenen Büchern sowie mehr als 100 Artikeln über Psychotherapie, Liebe und Sex. Er ist Gründungspräsident der Hong Kong Sex Education Association (1985) und der Asian Federation for Sexology (1990) und war Vorsitzender des 14. Weltkongresses der Sexualwissenschaft (1999). Er berät verschiedene lokale und internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, darunter die Weltgesundheitsorganisation. Die Asian Federation for Sexology verlieh ihm den Titel Sexologist of Asia (1994) und die World Association for Sexual Health die Goldmedaille für Sexologie (2003).

„Ein Kompromiss ist ein guter Schirm, aber ein schlechtes Dach.“

Die Ökonomie der Liebe

Was können Ökonomen uns über die Liebe sagen? Viel. Sie erforschen, welche Suchstrategien nützlich sind, wie sich die Ehe ökonomisch auswirkt, warum eins plus eins drei sein kann und weshalb wir teure Eheringe austauschen. „Die Ökonomie der Liebe entzaubert das Wunder der Liebe nicht“, versichert uns Hanno Beck. „Wenn wir sie geschickt anwenden, hilft sie uns, das Beste aus unserem Liebesleben zu machen.“

Menschen suchen sich die Liebe und ihre Partner nach ihrem Bauchgefühl aus, könnte man vermuten, aber nicht über Formeln oder Mathematik. Das mag wohl stimmen, trotzdem wäre es verfrüht, den Gedanken einer Abwägung von Vor- und Nachteilen der Liebe zu verwerfen: Wenn sich der erste Sturm der Gefühle gelegt hat, kann man die eigene Entscheidung noch einmal überdenken – blinder Eifer schadet nur. Und warum sollte man eine im Eifer des Gefechts getroffene Entscheidung nicht verbessern, indem man sie (noch einmal) durchdenkt? Zumindest bei Entscheidungen von solcher Tragweite wie beispielsweise einer Heirat kann kurzes Nachdenken doch nicht schaden, oder? Also, soll man sich binden?

Warum (nicht) heiraten?

Was sind die Nachteile einer dauerhaften Beziehung? Erstens bedeutet eine feste Beziehung einen Verlust an Freiheit: In einer Partnerschaft muss man Kompromisse schließen, und ein Kompromiss ist etwas, das keine der beiden Parteien so gewollt hat – ein guter Schirm, aber ein schlechtes Dach. Ein zweiter Nachteil fester Beziehungen ist der Verlust von Alternativen: Als Single hat man die Freiheit, einen Partner zu suchen; für Verheiratete ist das keine Option – oder sollte zumindest keine sein.

Andererseits bietet eine feste Beziehung viele Vorteile. Die gemeinsame Produktivität eines Paares erhöht sich in einer Partnerschaft. Beide können sich auf das spezialisieren, was sie besonders gut beherrschen. Wenn zwei Partner mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenfinden, gibt es Spielraum für Spezialisierung. Beispielsweise übernimmt ein Partner die Hausarbeit (weil er oder sie diese Aufgabe besonders gut und gerne erledigt), der andere die Kindererziehung (weil er oder sie Talent im Umgang mit Kindern hat). Auf diese Weise wird die Leistung einer Lebensgemeinschaft maximiert. Dieser Gedanke stammt vom Ökonomen David Ricardo, der herausfand, dass die Arbeitsteilung zwischen Nationen die Gesamtwohlfahrt aller beteiligten Länder mehrt – und was für Länder gilt, gilt auch für liebende Paare. Aus diesem Blickwinkel hängen die durch Arbeitsteilung entstehenden Vorteile einer Beziehung davon ab, wie verschieden die Partner sind: je größer die Unterschiede zwischen beiden, desto größer die Erträge aus der Arbeitsteilung.

Darüber hinaus gibt es einen zweiten Vorteil fester Beziehungen: Intimität. Eine Beziehung ist wie ein Unternehmen, jedenfalls ökonomisch gesehen – sie nutzt notwendige Ressourcen (zwei Partner, viele Kompromisse und ein, zwei Körnchen Liebe) zur Produktion einer bestimmten Leistung. Im Fall der Liebe ist diese Leistung kein gut geölter Haushalt, sondern ein anderes einzigartiges Ergebnis – Intimität, Nähe und Wärme. Dieses überaus exklusive Produkt kann nicht über Märkte bereitgestellt werden: ein liebender, fürsorglicher Partner, der unsere Sorgen und Ängste versteht, und Vertrautheit, die nur in einer festen Beziehung entstehen kann, in der zwei Menschen einander verstehen und füreinander sorgen.

Ähnlich oder entgegengesetzt?

Mithilfe dieser Überlegungen können wir eine der wichtigsten Fragen in Sachen Liebe klären, nämlich die Frage danach, was eine gute Beziehung ausmacht: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ oder „Gegensätze ziehen sich an“? Fangen wir mit dem Gedanken der sich anziehenden Gegensätze an, einem Arrangement, das wie gesagt die wirtschaftlichen Vorteile der Arbeitsteilung nutzt: Je ungleicher zwei Menschen, desto mehr Nutzen bringt ihre Partnerschaft über die Spezialisierung. So gesehen, ziehen Gegensätze sich an, weil sie große Vorteile aus ihrer Unähnlichkeit ziehen können, sogenannte Spezialisierungsgewinne. Wenn wir aber den zweiten großen Vorteil einer Beziehung betrachten, die Herstellung von Intimität, ist vollkommen klar: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Wenn zwei Menschen sehr ähnliche Dinge fühlen, denken und mögen, werden viel weniger Kompromisse nötig, denn die Interessenkonflikte sind nicht so groß wie bei gegensätzlichen Partnern. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von Harmonie und Intimität. Wer viel streitet, kann keine dauerhaft harmonische Beziehung erwarten. Das ist nun ein Problem: Die Gegensätze machen die Partnerschaft produktiver, Gleich und Gleich harmonischer – was ist aber für die Beziehung entscheidend?

Moderne Zeiten

Die Antwort auf diese Frage hat die moderne Technik: Staubsauger, Fertigmahlzeiten, Spülmaschinen – all diese Erfindungen haben es Alleinstehenden viel leichter gemacht, ihren Haushalt ohne Hilfe zu versorgen. Aus diesem Grund ist die klassische Ehe, bei der sich der Mann aufs Geldverdienen spezialisiert, während seine Frau den Haushalt führt, obsolet. Man lagert die komplexe Aufgabe der Haushaltsführung an den Markt aus, Spezialisierungsgewinne innerhalb der Ehe sind damit nicht mehr nötig. Insofern verliert die Idee einer arrangierten Ehe an Attraktivität, ihre Spezialisierungsgewinne nehmen ab und es wird weniger vorteilhaft, jemanden zu heiraten, der andere Fähigkeiten hat als man selbst. Die Vorteile der Idee „Gegensätze ziehen sich an“ sind verschwunden.

Damit bleibt uns nur der Ansatz „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Die Produkte einer Beziehung (Intimität, Harmonie und Liebe) können weder Technologien noch Märkte liefern. Nachdem Spezialisierung in der Ehe nicht mehr nötig ist und Harmonie und Liebe nach wie vor nur in einer festen Beziehung entstehen können, ist aus ökonomischer Sicht klar, dass dies der beste Ansatz ist. Ein Blick auf die Geschichte bestätigt diese Schlussfolgerung: Noch vor weniger als hundert Jahren war die arrangierte Ehe mit der üblichen Arbeitsteilung das gängige Modell; heutzutage wählen Menschen ihre Partner nicht wegen der Vorteile einer Spezialisierung, sondern aufgrund romantischer Gefühle. Die Partnerwahl ist heute kein Spezialisierungsthema mehr – sie ist eine Frage der Liebe.

Die Liebesformeln

  Zu den Nachteilen einer Ehe gehört ein Verlust an Freiheit und Möglichkeiten. Vorteile sind mehr Produktivität, Wohlergehen und ein einzigartiger Ertrag: Intimität, Harmonie und Liebe.

  Durch die moderne Technik sind die Vorteile der Idee „Gegensätze ziehen sich an“ verschwunden.

  Aus ökonomischer Sicht ist klar, dass es heute der beste Ansatz ist, einen Partner zu suchen, der einem ähnlich ist.

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Hanno Beckist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim (Deutschland). Zu seinen Forschungsgebieten gehören Alltagsökonomie, Verhaltensökonomik, Medienökonomie und Finanzmärkte. Er hat zahlreiche Artikel zu verschiedenen Wirtschaftsthemen und ein erfolgreiches Buch über die Ökonomie der Liebe veröffentlicht, Der Liebesökonom: Vom Kosten und Nutzen einer Himmelsmacht. Seine persönliche Liebe gilt seiner Familie und seinen Freunden, seinem Hund und seiner Gitarre.

„Die Liebe Ihres Lebens ist vielleicht eher ein ‚Was‘ als ein ‚Wer‘.“

Glückliche Singles

„Ich fand das Leben als Single immer großartig“, sagt die Sozialpsychologin Bella DePaulo, „mit Ausnahme der ganzen Stereotypen und Diskriminierungen (ich nenne das Singlismus) und dem übertriebenen Hype um Ehe, Hochzeit, Verkuppeln und romantische Liebe (Matrimania).“ Sie hat Liebe und Leben der Singles gründlich erforscht. Dabei fand sie kein Elend vor – im Gegenteil.

Ehe und romantische Liebe werden in den Medien und sogar in einigen akademischen Schriften in einem solchen Ausmaß gefeiert, dass ich annahm, ich stünde mit meiner Liebe zum Single-Dasein weitgehend allein. Andere wollten vielleicht ihr Leben als Alleinstehende aufgeben – ich nicht. Ich bin nicht deshalb Single, weil ich den richtigen Partner noch nicht gefunden habe oder weil ich Probleme habe. Ich mag das Leben als Single. Für mich ist es die sinnvollste und produktivste Lebensform. Ich bin aus tiefstem Herzen Single.

Als ich mit meinen Untersuchungen begann, verblüfften mich meine Befunde. Der Glaube, dass alleinstehende Menschen traurig, einsam und ohne Liebe leben und sich nichts mehr wünschen, als kein Single mehr zu sein, ist nichts weiter als ein Mythos. Solche Behauptungen sind krass übertrieben oder einfach falsch. Wissenschaftliche Daten liefern keine Beweise dafür. Einer der Gründe, warum es vielen allein lebenden Menschen so gut geht, liegt in ihrem wagemutigen, weit gefassten Liebesbegriff – so weit, dass er viel mehr als nur romantische Liebe umfasst. Singles ehren die vielen wichtigen Menschen in ihrem Leben nicht nur mit Worten. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Alleinstehende mit größerer Wahrscheinlichkeit als Verheiratete für ihre Geschwister, Eltern, Nachbarn und Freunde da sind.

Eines meiner Lieblingsbeispiele stammt von dem inzwischen verstorbenen Ted Sorensen – Ehemann, Vater und berühmt als Redenschreiber von US-Präsident John F. Kennedy. Als ihn die New York Times fragte, „War Ihre Arbeitsbeziehung zu JFK die große Liebesaffäre ihres Lebens?“, antwortete er: „Ja, natürlich.“ Sorensen war verheiratet, aber seine glühende Begeisterung für die Arbeit als Quelle von Liebe und Sinn sollte uns allen eine Lehre sein, unabhängig von unserem Beziehungsstatus. In der Tat hegen Singles vielleicht die größte Wertschätzung für Aufgaben, die ihre Seele berühren. Eine Untersuchung an Highschool-Absolventen zeigte, dass diejenigen, die bis Ende 20 Single blieben, sinnstiftende Arbeit bereits höher schätzten als diejenigen, die heirateten. Zehn Jahre später galt das unverändert.

Lee Virginia Chambers-Schiller hat den Haupttitel ihres Buches Liberty – A Better Husband (Die Freiheit – Ein besserer Ehemann) dem Tagebuch der im 19. Jahrhundert sehr erfolgreichen – und unabhängig lebenden – Schriftstellerin Louisa May Alcott entnommen (Betty und ihre Schwestern). Chambers-Schiller schreibt über die alleinstehende amerikanische Frau in der Zeit von 1780 bis 1840, vor dem Bürgerkrieg, die „sich ihre Freiheit als Autonomie wie auch als Zugehörigkeit ausmalte … Ihre Freiheit ermöglichte es ihr, ihr Leben und ihre Fähigkeiten der Besserstellung ihres Geschlechts, ihres Gemeinwesens oder ihrer Angehörigen zu widmen.“ Für Generationen von Frauen und Männern, die sich der Idee der sozialen Gerechtigkeit verschrieben hatten, galt immer schon: Die Bedeutung von Liebe und Leidenschaft ging und geht über Diamantringe und rote Rosen hinaus.

Wer ist die Liebe Ihres Lebens? Vielleicht ist diese Liebe eher ein „Was“ als ein „Wer“? Oder ist Ihre Liebe vielleicht groß genug für mehr als einen Menschen? Wenn Sie sich der Liebe in ihrem größten, umfassendsten Sinn öffnen, werden Sie Ihr Leben wahrscheinlich in seiner besten und bedeutungsvollsten Form führen.

Bella DePaulo