Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Liebe auf Schamanisch - Kari Lessír

Was, wenn Du in die Augen eines Menschen siehst und dabei in seiner Seele liest wie in einem Buch? Was, wenn Du seine Ängste, Sehnsüchte und Träume spürst, aber nicht weißt, wie Du damit umgehen sollst? Was, wenn Du andere klarer erkennst als Dich selbst? Patricks Leben könnte so schön sein: Er liebt Christiane, die Frau an seiner Seite, und seinen Beruf als Lehrer. Wäre da nicht diese Gabe, die ihn in die Seele anderer Menschen sehen lässt. Er hasst diese Fähigkeit, bringt sie ihm doch nichts als Ärger ein. Als es dann auch noch mit Christiane kriselt, beschließt er herauszufinden, was es mit seiner Gabe auf sich hat. Gemeinsam mit einer weisen Alten taucht er ein in eine spirituelle Welt, in der er auf Drachen, Angstfresser und bizarre Paralleldimensionen stößt. Eine abenteuerliche Reise zu sich selbst beginnt, die Patrick an die Grenzen seiner Kräfte und darüber hinaus führt. Wird er sich finden und endlich mit Christiane glücklich sein? Dieses Buch ist eine abenteuerliche Reise zu sich selbst. „Liebe auf Schamanisch“ ist der zweite Band der spannenden Seelenreise-Reihe der Erfolgsautorin Kari Lessír. In diesem spirituellen Liebesroman kämpft Patrick um seine Liebe zu Christiane – und um sein eigenes Glück. Gewohnt tiefgründig und mitreißend nimmt die Autorin ihre Leser mit auf eine atemberaubende Reise durch die Welt der Spiritualität und zeigt auf, dass es im Leben nicht darum geht, sich den Vorstellungen anderer anzupassen, sondern vor allem darum, sich selbst anzunehmen und zu lieben. Der spielerische Schreibstil von Kari Lessír, ihre charakterstarken Protagonisten und ihre Begeisterung für NLP, Meditation und schamanisches Wirken machen diesen Roman zu einem tief greifenden Leseerlebnis. Die Autorin schildert das Glück, seine Wurzeln zu entdecken und mutig den eigenen Weg zu gehen. „Liebe auf Schamanisch“: ein Liebesroman, der berührt und unter die Haut geht.

Meinungen über das E-Book Liebe auf Schamanisch - Kari Lessír

E-Book-Leseprobe Liebe auf Schamanisch - Kari Lessír

Inhalt

Liebe auf Schamanisch

Zitat

TEIL EINS

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

TEIL ZWEI

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

TEIL DREI

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Epilog

Nachwort

Qindie

Über die Autorin

Weitere Bücher der Autorin

Impressum

Kari Lessír

Liebe auf Schamanisch

Seelenreise #2

Roman

Zitat

»Wenn dich ein Drache berührt,

dann möchte er dich lehren,

den dir zugedachten Platz einzunehmen.

Er wird dich mit großen Kräften

verbinden und dich lehren,

die Kraft der Elemente zu beherrschen.

Er ist der Hüter des gesamten

Wissens des Universums.

Er lehrt dich, mutig deinen Weg zu gehen

und über dich hinauszuwachsen.«

Zitat aus:

Christine Arana Fader: Das kleine Drachenhandbuch.

Verbinde dich mit deinem Seelenbegleiter, S. 8.

© 2014 Schirner Verlag, Darmstadt.

TEIL EINS

Kapitel eins

Christiane

Meine Blicke streichelten den Körper neben mir. Sanft webte das durch die Vorhänge hineinfließende Licht der nächtlichen Großstadt einen Weichzeichner, der sich über den nackten Oberkörper und die zur Seite gerutschte Sommerdecke schmiegte. Die Nacht war lau und friedlich. Der Autoverkehr und gelegentlich vorbeirauschende S-Bahnen drangen nur ge­dämpft durch die Straßenschlucht nach oben. Doch im Augenblick gab es für mich nichts Schöneres, als hellwach neben dem Mann zu liegen, dem mein Herz gehörte. Er war sportlich, auf eine zurückhaltende Weise attraktiv – und mein Traummann: Der Mann, den mein Engel Ylo’omzak mir im Traum gezeigt hatte, als ich mir den perfekt passenden Partner gewünscht hatte.

Seit meiner Kindheit besaß ich die Gabe, meine Wünsche wahr werden zu lassen, indem ich sie in ein magisches Wunschbuch eintrug und meinen Engel um Hilfe bat. Dass ich bei meinem Partnerwunsch Schwierigkeiten gehabt hat­te, die Patrick in einen Unfall verwickelt und ihm einen gebrochenen Arm beschert hatten, war ein Thema, an das ich in unserer ersten gemeinsamen Nacht in Berlin lieber nicht denken wollte.

Patrick war so anders als all die Männer, zu denen es mich bislang hingezogen hatte. Niemals hätte ich erwartet, dass der seltsam scheue Nachbar, der seit über einem Jahr Tür an Tür mit mir wohnte, mein Herz erobern würde. Aber genau das war geschehen. Manchmal kam es mir wie ein Wunder vor, dass Patrick nach all dem, was vorgefallen war, den Mut aufgebracht hatte, mit mir eine Beziehung einzugehen.

Mein Blick wanderte zu seinem Gesicht. Er hatte den Mund leicht geöffnet. In der Dunkelheit wirkte er unendlich friedlich, beinahe glücklich. Wir waren jetzt seit knapp drei Wochen zusammen, und wir hatten beide unsere gemeinsame Zeit genossen. Doch ich ahnte mehr, als ich wusste, dass ein Teil von ihm auf Distanz blieb. In den letzten Tagen hatte er sich immer mehr in sich zurückgezogen und richtig körperlich verkrampft. Dabei versuchte ich, mir weiszumachen, alles wäre in schönster Ordnung. Es gab so vieles, über das er nicht sprach, aber ich hatte mir zu Beginn unserer Beziehung vorgenommen, ihn nicht zu bedrängen. Er sollte selbst entscheiden, wann er sich mir öffnete.

Allerdings hoffte ich, dass unsere Zeit in Berlin diesen Prozess beschleunigen würde. Ich hatte ihn zu dieser Reise überredet, nachdem er endlich den Unterarmgips losgeworden war. Die letzten Stunden schienen mir recht zu geben: Mit jedem Kilometer, den sich der Fernbus dem Reiseziel genähert hatte, hatte sich Patrick mehr entspannt. Immer wieder hatte er nach meiner Hand gegriffen, sie für einen Moment festgehalten und mir strahlend ins Gesicht gesehen. Und als uns dann die Rezeptionistin beim Einchecken nach unseren Zimmerwünschen gefragt hatte und wir uns beide wie aus einem Munde für das Doppelbett entschieden hatten, kannte mein tanzendes Glücksgefühl keine Grenzen. Meine Finger auch nicht: Sie hatten sich mit seinen verflochten, während er den Zimmerschlüssel entgegen genommen hatte.

Wieder betrachtete ich seine geschlossenen Lider mit den langen, ineinander verschränkten Wimpern. Seine braunen Augen waren, wie so vieles an ihm, völlig unscheinbar. Normalerweise. Doch es gab Momente, in denen sie von einem pulsierenden Leuchten erfüllt wurden: Wenn er anderen Menschen bis in die Tiefe ihrer Seele sah und deren Botschaften empfing. Genauso eigenartig war sein Stottern. Mal stieß er nur mit Mühe Worte hervor, mal sprach er flüssig mit einer tiefen warmen Stimme, die mein Innerstes jedes Mal zum Klingen brachte. Gedankenverloren strich ich ihm über die Haare.

»Christiane?« Zärtlich umschmeichelte mich mein Name.

»Ich wollte dich nicht wecken. Aber dich nur anzuse­hen, war mir plötzlich zu wenig. Ich musste dich einfach be­rühren.«

Das von außen hereintröpfelnde Licht verirrte sich in seinen Haaren, sein Gesicht lag im Schatten. Er strich mir über die Wange, dann beugte er sich zu mir und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.

»Besser?«, fragte er.

»Ein wenig.«

»Aber du willst mehr.« Sein Tonfall ließ mich ahnen, dass er schmunzelte.

»Ja.«

»Rutsch rüber«, forderte er mich auf.

Inzwischen wusste ich, was er damit meinte: Dass ich mich mit dem Rücken an ihn schmiegen sollte, während er mich in seine Arme schloss, mich streichelte und mit dem Feuer spielte. Aber mehr ließ er nicht zu. Noch nicht, hoffte ich. Ich spürte seine Männlichkeit an meinem Po, und er stöhnte auf, als ich mich dagegen presste. Ein wohliger Schauer überzog mich. Ich griff hinter mich und strich ihm sacht über die nackte Haut am Rücken. Jetzt war er es, der sich unter meiner Berührung wand. Seine Lippen liebkosten meinen Nacken. Ich wollte endlich mehr. Wie von selbst wanderte meine Hand zwischen uns und machte sich auf den Weg zu seiner Körpermitte. Doch seine Finger legten sich auf meine, verflochten sich mit ihnen und führten sie wieder nach vorne.

»Noch nicht, Christiane«, hauchte er.

»Du willst es doch auch. Das merke ich deutlich. Was hindert dich daran, dich mir ganz hinzugeben?«

»Noch nicht.«

»Bitte sag mir den Grund, Patrick. Ich möchte dich ver­stehen.« Schon ein paar Mal hatte ich ihn gefragt, doch er wich mir beharrlich aus. So auch jetzt. Er strich meine Haare aus dem Nacken und ich spürte zarte Küsse auf meiner Haut.

Ich sprach meine Vermutung aus. »Hat das auch mit deiner Gabe zu tun?«

»Bitte hab Geduld.«

»Muss ich ja wohl, wenn ich mit dir zusammen sein will.«

»Ich bin a-anders«, murmelte er mit einem kleinen Hän­genbleiben, das mir zeigte, dass ich nicht weiterbohren durfte. Zumindest im Augenblick nicht.

»Das weiß ich«, erwiderte ich. Ich dirigierte seine Hand an mein Herz, legte meine obenauf und umschloss sie.

»Danke«, flüsterte er.

Ich spürte, wie er sich nach und nach hinter mir entspannte, der Druck an meinem Gesäß ließ nach und seine Atemzüge wurden langsamer. Schließlich folgte auch ich ihm in den Schlaf.

oOo

Patrick

Gestern Abend nach unserer Ankunft hatte mich der Blick über die Dächer Berlins überwältigt. Ich hatte mit Christiane im Arm auf der Dachterrasse der Cafeteria gestanden und den Blick über die Häuser auf der anderen Straßenseite schweifen lassen, von dort über die Baukräne in der Ferne bis zu den Hochhäusern rund um das Europa-Center.

Heute Morgen stand mir der Sinn nicht nach schöner Aussicht. Ich war vom Frühstücksbuffet, das in der Cafeteria angerichtet war, und den vielen Menschen auf engstem Raum nach draußen auf die Dachterrasse geflohen. Um mich herum hatte die Luft zu flirren begonnen. Ich hatte das Licht und die elektrischen Entladungen gespürt, die nach einem Kanal – nach mir – gesucht hatten. Irgendwo unter all den Menschen im Frühstücksraum war jemand, dessen Seele auf Sendung war und mir ihre Botschaften aufdrängen wollte. Zumindest kam es mir so vor. Doch ich hatte die Anzeichen früh genug erkannt. Die Bilder waren noch unscharf gewesen. Ich hatte fliehen können, bevor ich vollkommen vereinnahmt gewesen wäre und keine Kontrolle mehr über mich gehabt hätte. Ich wollte nichts empfangen, weder jetzt noch sonst!

So fand ich mich jetzt auf der Dachterrasse wieder, den Blick in die Ferne gerichtet. Es nieselte. Entsprechend einsam war es, was mir recht war.

Die Schiebetür hinter mir wurde geöffnet. Zwar versuch­te ich, das Geräusch zu ignorieren, dennoch musste ich mir eingestehen, dass ich nicht einmal hier in Sicherheit war. Irgendjemand schickte sich an, meine Ruhe zu stören. Dabei wollte ich alleine sein. War das so schwer zu erkennen? Nun gut, ich würde auch diesen Platz räumen.

Ich wollte mich gerade umdrehen und erneut die Flucht ergreifen, als ich eine Hand im Rücken spürte.

»Hier bist du!« Christianes Stimme.

Ich wandte mich ihr zu, und ihre grünen Augen blitzten mich fröhlich an.

Sie registrierte das feuchte Geländer und die nassen Sitz­möbel. »Was machst du hier draußen? Es regnet!« Sie zog die Schultern hoch und versuchte gleichzeitig, den Kopf einzuziehen. Sie sah so bezaubernd aus.

Wortlos zog ich sie an mich und atmete den blumigen Duft ihrer Haare ein. Meine Sprache würde mir im Augenblick nicht gehorchen.

Christiane schälte sich aus meinem Arm und musterte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Ich wusste, was das bedeutete: Sie würde so lange nachbohren, bis sie eine befriedigende Antwort hatte.

»Patrick? Ich rede mit dir. Du hast noch gar nicht ge­­früh­stückt.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du willst mir jetzt nicht weismachen, dass du keinen Hunger hast? Wo wir uns gestern Abend nur an ein paar Automatensnacks bedient haben.«

Ich gab mich geschlagen. »G-geht nicht.«

Sie drehte sich um und sah nach drinnen. »Du hast wieder Seelenbilder empfangen? Einfach so beim Frühstück?«

»D-das Seelensehen fragt n-nicht.«

»So läuft das hier nicht«, erklärte sie resolut. »Ich will frühstücken, und zwar mit dir.«

»N-nein.« Ich konnte keinesfalls wieder zurück. Das Essen würde mir im Hals stecken bleiben.

»Dann gehen wir woanders hin. Hier in Charlottenburg gibt es genügend kleine Bistros, in die wir uns setzen können.«

In meinem Bauch ging die Sonne auf. Das war sie, meine Christiane, in die ich mich verliebt hatte. Jetzt meldete sich auch mein Hunger wieder.

»O-okay«, murmelte ich und hielt ihr meine Hand hin. Sie ergriff sie und gemeinsam meisterten wir die entgegenflirrende Strömung des Frühstücksraums.

oOo

Patrick

Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Der Tag hatte einen denkbar schlechten Start hingelegt, und doch war es Christiane mit ihrer ruhigen bestimmten Art gelungen, mich aus meinem inneren Gefängnis zu befreien. Wir hatten in einem kleinen Café in der Nähe des Hotels gefrühstückt und Pläne für den Tag geschmiedet, sobald mir meine Stimme wieder gehorcht hatte. Mit keinem Wort hatte sie nachgebohrt, sondern die Situation hingenommen, wie sie war. Genau das hatte ich gebraucht. Christiane war ein Geschenk, für das ich unendlich dankbar war. Wie sehr, konnte ich nicht in Worte fassen. Dafür hätte ich zu weit ausholen müssen, ihr so vieles erklären müssen, das mir noch nicht über die Lippen kommen wollte. Aber ich wusste, dass es notwendig wäre. Bald, sehr bald.

Bis dahin wollte ich unseren ersten gemeinsamen Ur­laubstag genießen – wie ein ganz normales Pärchen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich, der alte Einsiedlerkrebs, eng umschlungen mit einer Frau an meiner Seite durch eine Stadt geschlendert war. Dabei waren nur vierzehn Monate vergangen, seitdem mich Pasquale verlassen hatte.

In meiner euphorischen Stimmung schaffte ich es sogar, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, durch den Tiergarten zu flanieren und mich mit Christiane im Regierungsbezirk und an den Mauergedenkstätten zwischen all den vielen Menschen zu bewegen, ohne von Seelenbildern erstickt zu werden. Nicht eine Sekunde hatte ich gezaudert. Mit Christiane an meiner Seite hatte ich mich in das Abenteuer Berlin in drei Tagen gestürzt und es bis jetzt nicht bereut. Die Welt stand auch mir offen. Ich hatte es nur vergessen – oder vielleicht nie ernsthaft ausprobiert.

Egal. Jetzt war ich hier. Ich lebte in diesem Moment und wollte dieses wundervolle Gefühl von Freiheit und Un­ab­hängigkeit bis zur Neige auskosten. Ich wollte nicht darüber nachdenken, was morgen oder nächste Woche wäre. Ich wollte überhaupt nicht denken. Vielleicht hatte ich in der Vergangenheit zu viel gegrübelt und mich und mein Leben zugrunde analysiert. Es war so viel einfacher, alles hinter mir zu lassen und mit einer neuen Frau an meiner Seite neu anzufangen.

Außerdem war Christiane nicht irgendeine Frau, sondern meine Seelenpartnerin. Das hatte ich von dem Moment an gewusst, als sie mir zum ersten Mal in unserem Mietshaus in Wiesbaden begegnet war. Sie war eine der lauten Seelen, die immer sendeten und deren Botschaften ich beständig empfing, ohne mich in ihre Augen zu versenken und die Tür zu ihrer Seele willentlich zu öffnen. Seit wir uns näher gekommen waren, war ihre Seele still geworden. Zumindest überfiel sie mich nicht mehr ungefragt, sodass wir uns wie zwei ganz normale Liebende verhalten konnten. Nach dem peinlichen Moment auf der Dachterrasse des Hotels hatte sich der heutige Tag perfekt entwickelt. Ich wünschte, alles würde so bleiben, wie es jetzt gerade war.

Ich stand auf der Aussichtsplattform des Panoramapunkts am Potsdamer Platz und hielt mich am Gitter fest, das freie Sicht über Berlin ließ, aber Selbstmordkandidaten am Sprin­gen hinderte. Der Wind brachte Klarheit in meinen Kopf. Genau das hatte ich gebraucht. Ich sah über die Dächer der Stadt, ohne meine Umgebung wirklich wahrzunehmen. Ich war einfach nur da, eins mit den Elementen und – das überraschte mich selbst – auch eins mit mir selbst.

Hier in Berlin war es in Ordnung, Patrick Wittmann, der Seelenseher, zu sein. Ich war nichts Besonderes, nur ein Mann unter vielen anderen Menschen. Ich konnte mein Leben leben, auch wenn ich zu Hause im Alltag Probleme damit hatte.

Direkt neben mir begann ein Kind zu schreien. Ich blinzelte und sah mich um. Wie lange hatte ich mich am Gitter festgehalten und meinen Gedanken nachgehangen? Und wo steckte Christiane? Ich konnte sie nirgends entdecken. Also verließ ich die Spitze des dreieckigen Grundrisses, an der ich gestanden hatte, und schlenderte die Aussichtsplattform entlang. An einer der historischen Darstellungen des Potsdamer Platzes entdeckte ich sie endlich. Mit einem Lächeln sah sie mir entgegen, die braun-orangenen Locken in einem Pferdeschwanz zusammengefasst.

»Wieder zurück?«, erkundigte sie sich.

»Ich stand nur da vorne.«

»Körperlich ... ja, aber dein Geist war Lichtjahre entfernt. Ich hatte mir mit dir die Schautafeln durchlesen wollen, aber du hast auf nichts reagiert.« Sie sah mir neugierig ins Gesicht.

»Es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.«

»Hattest du wieder …?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, es geht mir gut. Ich bin genau da, wo ich hingehöre.«

Jetzt betrachtete sie mich mit zusammengezogenen Au­gen­brauen.

Lachend breitete ich meine Arme aus. »Ich kann ein Mensch unter Menschen sein. Ich kann leben und lieben, auch als Seelenseher.«

Es dauerte einen Moment, bis ihre Brauen sich entspannten, die Augen groß wurden und sich ein Lächeln über ihrem Gesicht ausbreitete. Sie kam auf mich zu, umfasste meine Wangen, sah mich an, neigte sich schließlich zu mir und küsste mich ganz zart auf die Lippen. Sie zupfte und saugte, während ich sie umfing und an mein Herz zog. Genau dort war ihr Platz. Nichts sollte mehr zwischen uns stehen. Ich würde ihr alles offenbaren. Nicht nur die Gründe meines Stotterns, sondern auch das wahre Wesen unserer Seelenverbindung.

Ich gab mich ganz ihrer Nähe, ihrem Duft und ihrem Geschmack hin. Ich kostete sie mit der Zunge. Meine Hände begannen, ein Eigenleben auf ihrer Haut zu führen und sandten die köstlichsten Verlockungen an meinen Verstand, der kurzerhand das Feld räumte und meiner Lust die Führung überließ.

Eine amüsierte Stimme streifte mein Bewusstsein. »Die jungen Leute …«

»Lass uns weitergehen, Erich. Wir waren früher auch nicht anders gewesen. Erinnerst du dich noch?«

»Patrick.« Christiane drang langsam zu mir durch.

»Was?«

Jetzt spürte ich auch wieder ihre Hände, die meine Haare zerzausten und sich schließlich in ihnen vergruben. Schwer atmend umfing ich sie mit meinen Armen. Was, verdammt noch mal, war so wichtig, dass sie uns unterbrochen hatte?

»Patrick, wir sollten ins Hotel gehen«, raunte sie in mein Ohr.

Endlich begriff ich. Ich hob den Kopf und erkannte, wo wir waren: gut hundert Meter über den Straßen Berlins auf der Aussichtsplattform des Panoramapunkts. Welche Sicherungen waren bei mir durchgebrannt? Hitze loderte in meinen Ohrmuscheln auf. Na, super! Auch das noch. Wie bei einem Schuljungen würde mir die Röte jetzt von den Ohren über den Hals in den Kragen kriechen.

Hinter uns erklang zaghaftes Klatschen, dem sich andere anschlossen, bis schließlich alle Besucher hier oben lachten, grölten und den Daumen reckten.

Hektisch sah ich mich nach dem Ausgang um, konnte ihn aber auf Anhieb nicht entdecken. Christiane nahm die Situation ganz gelassen. Wie ein Soap-Star lachte und winkte sie in die Runde. Wie sie das nur hinbekam? Ich dagegen ertrank in meiner Scham. Sie schien das zu spüren. Ihre Hand suchte meine und vermittelte mir genau den Halt, den ich jetzt brauchte. Meine innere Aufruhr verblasste. Christiane war meine Rettung.

»Wir sind dann mal weg!«, rief sie den Umstehenden gut gelaunt zu und zog mich einfach mit – zum Ausgang, der uns über eine Treppe hinab zum Aufzug bringen würde.

oOo

Christiane

Ich zog die Zimmertür unseres kleinen Hotelzimmers hinter mir ins Schloss, während Patrick wortlos ins Bad ging. Ich selbst löste vor dem Flurspiegel meinen Pferdeschwanz und wuschelte durch meine bunten Locken, die ich inzwischen nicht mehr missen wollte. Erst durch Patrick war mir klar geworden, wie kindisch es gewesen war, mich seit der Pubertät hinter schwarz gefärbten und geglätteten Haaren zu verstecken, wenn mir die Natur doch einen wunderschönen erdbeerroten Wuschelkopf geschenkt hatte.

Meine Güte, hatte er vorhin einen heißen Auftritt hingelegt! Ich kicherte. Schon allein der Gedanke an diese irre Szene hoch oben auf dem Panoramapunkt kurbelte die Hitze erneut in mir an. Nie hätte ich erwartet, dass Patrick jemals so aus sich herausgehen würde – und das in aller Öffentlichkeit. Das war selbst mir zu viel gewesen, obwohl ich bei weitem nicht so zurückhaltend war wie er. In den wenigen Wochen unserer Beziehung hatten wir nur miteinander geschmust, uns geküsst und Händchen gehalten.

Jetzt erschien mir sein Ausweichen, sein ständiges »Noch nicht«, in einem ganz anderen Licht. War er, einmal von seiner Lust übermannt, so unersättlich, dass er fürchtete, mich dadurch zu verscheuchen? War ich, männertechnisch gesehen, schon wieder auf dem besten Weg, danebenzugreifen?

Stopp. Schluss mit dem geistigen Im-Kreis-Drehen. Ich hatte mir vorgenommen, Patrick in Ruhe kennenzulernen und uns beiden eine Chance zu geben. Genau daran würde ich mich halten. Selbst wenn ich mir ein wenig Sorgen machte.

Die WC-Spülung lief, dann hörte ich den Wasserhahn rauschen. Endlich öffnete sich die Badezimmertür, und Patrick kam um die Ecke des Flurs. In seinem Gesicht war nichts zu lesen, sein Blick gesenkt. Er setzte sich neben mich aufs Bett. Irgendetwas bedrückte ihn, das konnte ich deutlich spüren. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich von ihm im Augenblick keine Initiative erwarten konnte. Wenn Patrick die Mauer hochgezogen hatte, dann würde er sie von alleine nicht einreißen. Ich war hier gefragt. Mal wieder.

Ich griff nach seiner Hand. »Darf ich?«

Er nickte. Noch immer war sein Blick abgewandt.

»Bitte mach dir keine Vorwürfe wegen unserer heißen Küsse. Was du getan hast, war vollkommen in Ordnung. Außerdem habe ich es sehr genossen, auch wenn du mich ein bisschen überrascht hast.«

Wieder nickte er und drückte jetzt meine Hand. Endlich sah er mich an. Da war etwas in seinem Blick.

»Du solltest etwas über mich wissen«, sagte er.

Hatte er Angst? Vor mir? Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Ein Geheimnis?«

»Nichts von der Art, an die du vielleicht denkst.« Er holte tief Luft und stieß sie dann wieder aus. In meinem Bauch bildete sich ein Knoten, der sich immer mehr vergrößerte.

»Es hat mit dem zu tun, was ich bin«, fuhr er fort.

Jetzt drückte ich seine Hand, obwohl ich selbst moralische Unterstützung gebraucht hätte.

Nach einem weiteren Atemzug schlich sich ein schiefes Lächeln in sein Gesicht. »Wenn ich mit einer Frau intim werde, gehe ich eine unauflösbare Seelenverbindung ein.«

Ich starrte ihn an. »Bitte?«

»Wenn ich mit dir schlafe, Christiane, wirst du ein Teil von mir.«

»Was?«, entfuhr es mir.

»Es ist nicht so schlimm, wie du denkst. Durch die Seelen­verbindung bin ich auf geistiger und seelischer Ebene mit dir verbunden. Ich weiß dann immer, wie du dich fühlst.«

»Ach so. Wenn es weiter nichts ist …« Sarkasmus erschien mir die einzig mögliche Reaktion auf eine solche Offenbarung.

»Na ja, außerdem öffnen sich mir deine früheren Leben. Ich kann in ihnen lesen.«

Ich ächzte und sank in mich zusammen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Wie viele Haken hatte mein Traummann denn noch? Reichte es nicht, dass er mit den Seelen der Menschen kommunizierte? Ich hatte von einer ganz normalen Beziehung geträumt, von Liebe und Sex mit einem normalen Mann. Sicher nicht von einer solchen Ver­pflichtung.

»Was denkst du jetzt?«, erkundigte sich Patrick zaghaft.

Ich richtete mich auf und starrte ihn an, woraufhin er seine Augen sofort wieder abwandte. Meine Hände zu Fäusten geballt, atmete ich mehrmals tief durch. Wenigstens meine Stimme wollte ich einigermaßen im Griff haben, wenn ich ihm antwortete.

»Ich will das nicht. Ich will nicht ausgekundschaftet werden und auch kein Spielball deiner seltsamen Gaben sein. Ich will einfach nur einen Partner, der mich nicht gleich für die Ewigkeit an sich bindet.«

»Das … das bin ich leider nicht.«

»Scheint so.« Was sollte jetzt aus uns werden? Gab es überhaupt noch ein uns? Ich musste hier raus. Ich brauchte Abstand, um über all das nachzudenken. Eine unauflösbare Seelenverbindung!

Ich erhob mich vom Bett. Patrick saß noch immer dort und wirkte nicht besonders glücklich. Wie auch – mit einer solchen Bürde. Auf der einen Seite tat er mir leid, auf der anderen ging es um mich. Und ich musste mich ganz offensichtlich hier und jetzt entscheiden, wie weit ich bereit war, mich auf diesen Mann einzulassen. Einfach mal so eine lockere Beziehung mit ihm einzugehen, würde unmöglich sein. Wortlos verließ ich unser Zimmer, während mich meine Füße wie von selbst nach oben zur Dachterrasse führten.

oOo

Christiane

»Bist du denn anders?«

Ich sprang von meinem Lounge-Chair auf, den ich mir auf der Dachterrasse des Hotels so versteckt in eine Ecke gezogen hatte, dass mich niemand auf Anhieb von der Cafeteria aus entdecken konnte. Offenbar drehte ich jetzt vollkommen durch! Geisterstimmen flüsterten in meinem Kopf.

»Erkennst du mich denn nicht mehr?«

Ich sank zurück auf meinen Stuhl. »Ylo’omzak?«, piepste ich mit einem Kinderstimmchen, als ich an den Engel meiner Kindheit zurückdachte. Ich meinte, ein leises Lachen zu vernehmen.

»Was machst du hier?«, fragte ich. »Warum kann ich dich plötzlich wieder hören?«

»Oh, ich war immer bei dir, all die Jahre, Monate und Tage, in denen du dein Herz so fest verschlossen hattest, dass ich nicht mehr zu dir durchkam.«

»Was? Du warst immer da?«

»Wie sonst hätte ich dir in deinen Träumen antworten können?«

»Aber … aber … warum gerade jetzt?«, stotterte ich fassungs­los.

»Mach die Tür nicht wieder zu, die du gerade geöffnet hast.«

»Welche Tür?«

Keine Antwort.

»Ylo’omzak?«, zischte ich und kam mir sehr hilflos vor.

Was für ein Tag: Erst hatte mir der Mann, in den ich mich verliebt hatte, eine weitere Seite von sich offenbart, die mich in die Flucht geschlagen hatte. Und ich war mir sicher, immer noch nicht alle Aspekte seines Wesens zu kennen. Dann tauchte auch noch mein Engel wieder auf und warf mir einen Ratschlag vor die Füße. Mit dieser Angewohnheit hatte Ylo’omzak mich schon in der Pubertät zur Weißglut getrieben, bis ich ihn mit meiner störrischen Art aus meinem Leben vertrieben hatte. Okay, jetzt wusste ich, dass er gar nicht weggewesen war.

Mach die Tür nicht wieder zu, die du gerade geöffnet hast. Heiliges Kanonenrohr, was wollte Ylo’omzak mir damit sagen? Offensichtlich sollte ich wieder einmal Rätsel raten. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihm seinen Willen zu lassen, denn aus Erfahrung wusste ich, dass seine Hinweise wichtig für mich waren. Mit einem tiefen Atemzug lehnte ich mich zurück, schloss die Augen und gab mich meinen Gedanken hin.

oOo

Christiane

»Hallo? Ist noch jemand hier draußen? Die Cafeteria schließt in wenigen Minuten.«

Ich zuckte zusammen und sah auf die Armbanduhr. Es war bereits kurz vor acht! Ich musste weit über eine Stunde hier draußen gesessen haben.

»Ich komme!«, rief ich und schälte mich aus dem Lounge-Chair, den ich brav wieder an den Platz an einem der kleinen Tische stellte. Dann kehrte ich in die Cafeteria zurück und verabschiedete mich von der Angestellten, die das Buffet um­räumte. Wahrscheinlich bereitete sie das Frühstück für den nächsten Tag vor. Ich zog die Tür hinter mir zu – und starrte Patrick auf den Mund, der gerade die Treppe heraufgekommen war.

»Hast du mich erschreckt!«, stieß ich hervor.

»T-tut m-mir leid. A-alles«, brachte er mühsam hervor.

»Wieso alles? Was meinst du damit?«, fragte ich irritiert nach.

»D-das jetzt und v-vorhin. I-ich …« Er verstummte mit einer hilflosen Geste, aber ich verstand ihn. Soweit kannte ich ihn ja schon. Ganz offensichtlich hatte er sich in der Zwischenzeit mit Selbstvorwürfen zerfleischt. Mit dem Er­gebnis, dass sein Stottern ihm die Worte verweigerte, die er mir gerne gesagt hätte.

Mein Herz blutete. Ich empfand unendlich viel für ihn, und doch war es so schwer. Wie sollte ich mit all seinen Be­sonderheiten klarkommen? Ylo’omzaks Worte fielen mir wieder ein, und so zog ich Patrick an mich. Ich spürte, wie angespannt und verkrampft sein Körper sich anfühlte.

»Es war total bescheuert von mir, einfach weg­zu­laufen. Das hätte ich niemals tun dürfen, nachdem du mir ein solches Geheimnis anvertraut hast. Bitte verzeih mir.«

Seine Augen suchten meine. Ich erlaubte ihm diesen Weg, mit mir zu kommunizieren. Anders als die meisten Menschen nahm ich das Seelensehen wahr. Es fühlte sich für mich an, als würde ein Lichtball durch meine Augen in mich hineinschlüpfen und sich überall ausbreiten. Mein ganzer Körper bitzelte und kribbelte in einem fort. Ich war jedes Mal wie gelähmt und ging hinterher zu Boden. Diesmal standen wir einander ziemlich eng gegenüber, und so fing mich Patrick in seinen Armen auf, als mir die Beine versagten. Er half mir, mich auf die Treppe zu setzen, nahm neben mir Platz und zog mich an sich.

»Christiane, ich liebe dich. Dich zu verlieren, würde mir entsetzlich weh tun.«

»Hattest du das vorhin befürchtet, als ich weggerannt bin?«

»Ja.«

»Und dann hast du dich für das verflucht, was du bist.«

»Ganz genau«, murmelte er mit einem schiefen Lächeln.

Ich zog seinen Kopf zu mir und küsste ihn zaghaft auf die Lippen. Dann sah ich ihm in die Augen, die jetzt wie dunkle, fast schwarze Seen wirkten.

»Ich liebe dich auch, Patrick. Und eigentlich weiß ich, dass es dich nur so gibt, wie du bist.«

Seine Seen drohten überzulaufen, doch er blinzelte die Tränen einfach weg. Eine Geste, die ich schon des Öfteren an ihm beobachtet hatte. Unsere Lippen trafen erneut aufeinander, doch alle Vorsicht, alle Ängste und Zweifel, die mich zuvor belastet hatten, zerbarsten in genau dem Moment, als ich Patrick schmeckte.

Er ist mein Wunschpartner, sagte ich mir selbst und ließ mich in seine Umarmung, sein Zungenspiel und seine Hände fallen, die mich festhielten und zugleich in Brand setzten. Auch ich krallte mich an ihm fest, um nicht in ihm zu ertrinken. Erst allmählich flammte die Leidenschaft ab und die Zärtlichkeit trat in den Vordergrund.

»Hast du einen Wunsch für heute Abend?«, fragte mich Patrick, als er den Kuss kurz unterbrach.

Ich zögerte. Dass er genau dieses Wort gewählt hatte, konnte kein Zufall sein. Ylo’omzak musste seine Finger im Spiel haben. Vielleicht gab mir mein Engel dadurch ein Zeichen. »Erklär mir das Geheimnis deines Stotterns. Manchmal bekommst du kein Wort über die Lippen, jetzt sprichst du wieder vollkommen normal.«

Patrick griff nach meiner Hand und nickte. »Auf diese Frage warte ich schon lange.«

Was würde jetzt kommen? Würde mich auch diese Er­klärung in die Flucht schlagen? Ich hoffte nicht.

Doch statt zu antworten, zog er mich auf die Füße und die Treppe hinab zu unserem Zimmer. Sobald er die Tür hinter uns ins Schloss gedrückt hatte, streifte er mich mit einem Blick, dann trat er ans Fenster und schaute hinaus.

Ich folgte ihm und legte meine Hand auf seinen Rücken.

»Mein Stottern ist mein Seelenbarometer«, hob er schließ­lich an und verfiel gleich darauf wieder in Schweigen. Ich tat es ihm gleich, denn ich spürte, dass er Zeit brauchte, um sich mir zu offenbaren. Außerdem wollte ich diesmal gelassener auf sein Geständnis reagieren.

»Wenn ich mich ablehne und mich für das hasse, was ich bin, dann wird jedes Wort zur Qual. Um normal sprechen zu können, muss ich mit mir im Reinen sein und mich wohl­fühlen.«

Ich schluckte. Was für ein Schicksal! Mitleid wollte mich übermannen, doch ich schob es zur Seite. Dieses Gefühl hatte zwischen Patrick und mir nichts zu suchen. Nur Liebe und Verständnis.

»Dann kann man also an deiner Sprechweise erkennen, wie es dir geht.«

Er nickte.

»Wie ist es im Zusammensein mit mir? Inzwischen sprichst du meistens normal, wenn wir uns unterhalten.«

Endlich wandte er sich mir zu. »Du tust mir gut. Das hilft mir, mich zu entspannen. Bei anderen Erwachsenen stottere ich grundsätzlich.«

»Das ist mir schon aufgefallen. Hast du Angst vor ihnen?«

»Nein, das wäre zu einfach. Ihre Seelenbotschaften bedrängen mich. Sie nehmen mir die Luft zum Atmen. Deswegen vermeide ich es von vorneherein, andere Menschen anzusehen. Das wiederum wirkt abweisend für mein Gegenüber. Eine Zwickmühle, aus der ich noch keinen Ausweg gefunden habe.«

Jetzt strich ich ihm über den Rücken und lächelte ihn an. »Dein Leben ist nicht einfach. Danke, dass du mir das erzählt hast.« Nach meiner bescheuerten Aktion vorhin,die alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme gewesen war, ergänzte ich im Stillen.

Er zog mich an sich und vergrub seine Nase in meine Haare. Eine ganze Weile verharrten wir so und hingen unseren eigenen Gedanken nach, während ich ihn ganz bewusst einfach nur festhielt. Mehr konnte ich nicht für ihn tun, aber vielleicht brauchte ich das auch gar nicht.

Da knurrte mein Magen laut und vernehmlich.

»Entschuldigung«, murmelte ich.

»Dafür doch nicht, Christiane. Wir sollten etwas essen. Noch einen Abend mit Automatensnacks stehe ich nicht durch. Lass uns irgendwo hingehen.«

»Und dabei reden?«

»Auch das, wenn du es möchtest.«

Und ob ich das wollte. Ich hatte noch so viele offene Fragen.

Kapitel zwei

Patrick

Wir entschieden uns für ein kleines italienisches Restaurant am Savignyplatz. Obwohl es gut besucht war, erhielten wir einen kleinen Tisch etwas abseits vom Trubel des Gast­raumes. Beim Betreten hatte ich keine herumwabernden Seelenbotschaften gespürt, und so war es bis jetzt auch geblieben. Ich hoffte, heute Abend von den Seelenbildern wildfremder Menschen verschont zu bleiben. Ich hatte genügend eigene Probleme, um die ich mich kümmern musste. Dazu gehörte die Seelenverbindung, die ich mit einer Frau einging, sobald ich mit ihr intim wurde. Und nichts wollte ich mit Christiane mehr!

Aber ihr Entsetzen auf mein Geständnis konnte ich auch sehr gut nachvollziehen. Wer erwartete denn, sich durch Sex untrennbar an einen anderen Menschen zu ketten? Auch ich nicht, als ich in meiner Jugend zum ersten Mal mit einem Mädchen gegangen war. Ziemlich schnell hatten wir erkundet, was man mit unseren Körpern so alles gemeinsam anstellen konnte – mit für mich schrecklichen Folgen. Von Liebeskummer hatte ich zwar schon gehört, doch dass man nach einer Jugendliebelei, die nur ein paar Tage gedauert hatte, wochenlang solche seelischen und körperlichen Qualen erleiden konnte, dass ich zu sterben glaubte, war mir damals vollkommen fremd gewesen. Ich hatte es noch ein weiteres Mal ausprobiert, danach hatte ich für lange Zeit die Finger vom weiblichen Geschlecht gelassen.

Mein Magen verkrampfte sich, als sich all die Schmerzen wieder in Erinnerung rufen wollten, die automatisch mit einem Beziehungsende einhergingen. Nein, ich musste mich auf Christiane konzentrieren. Und auf mein Essen, das vor mir stand, und in dem ich in den letzten Minuten nur abwesend herumgestochert hatte. Dabei duftete die Lasagne unglaublich aromatisch nach Auberginen, Tomaten und frischen Kräutern. Sie jetzt auf meiner Zunge zu spüren, war ein Fest der Sinne, das mir half, endlich wieder hier anzukommen und gleichzeitig meinen Magen zu besänftigen.

Ein Lächeln und ein paar Gabeln später fragte ich mich, wie ich Christiane gestehen sollte, dass ich zudem nicht einmal wusste, ob und wie man eine solche Seelenverbindung wieder lösen konnte. Bislang hatte ich die Qualen einfach so lange erduldet, bis sie irgendwann – nach Wochen, mitunter Monaten, in denen ich kaum lebensfähig gewesen war – verblasst waren. Ich hatte mein Anderssein hingenommen, mich klein und unsichtbar gemacht und nie darüber nachgedacht, ob es einen Ausweg gäbe. Wollte ich denn einen? Ich wusste es nicht. Die Frage hatte ich mir nie gestellt.

Aber jetzt war es mir wichtig, Christiane nicht zu verlieren. Der Gedanke, sie könnte in Anbetracht all meiner Besonderheiten das Abenteuer Patrick beenden und mich zum Teufel jagen, wohin ich vielleicht tatsächlich gehörte, war schrecklich. Wie sollte ich dann weiterleben, wenn ich sie weiterhin jeden Tag sehen würde, da wir Tür an Tür wohnten? Nein, ich musste mit ihr sprechen und alles vor ihr ausbreiten – im Vertrauen darauf, dass sie mich verstehen würde.

Eine Hand legte sich auf meinen Arm. Christiane. Ich zuckte zusammen.

»Du bist ganz weit weg, Patrick. Komm zurück«, sagte sie.

Ich starrte erst sie, dann meine nur halb aufgegessene Lasagne an.

»Machst du dir Sorgen?«, erkundigte sie sich.

Ich schüttelte den Kopf. »Lass uns zahlen und gehen.«

Sie lachte. »Auf keinen Fall! Das Essen ist ein Traum. Ich lasse nicht den kleinsten Krümel zurückgehen.«

»Dann bestelle ich mir derweil einen Espresso.«

»Für mich bitte einen Cappuccino.«

Bis die Getränke kamen, verspeiste sie ihre Pasta und ließ mich nicht mehr aus den Augen. Wahrscheinlich, damit ich nicht erneut abdriftete. Einerseits amüsierte mich das, aber zugleich war ich ihr unendlich dankbar für diese Anteilnahme. Und es tat mir überraschend gut, mich so wahrgenommen zu wissen.

Ich hatte mir fest vorgenommen, ihr alles zu erklären, sobald wir das Restaurant verlassen hatten und alleine waren. Doch nun stand ich vor der Tür und rätselte über die richtigen Worte, die sich mir partout nicht zeigen wollten. Je mehr ich nach ihnen suchte, desto weiter wichen sie zurück.

»Komm, lass uns ein paar Schritte laufen. Ich brauche das jetzt«, unterbrach Christiane mein Gedankenkarussell.

Dankbar ergriff ich ihre Hand und schlenderte mit ihr über den Savignyplatz. Vielleicht half der Spaziergang ja auch mir, meine Gedanken zu sortieren. Doch wo sollte ich anfangen, wie ihr die Dinge erklären, die ich selbst nicht begriff?

Schließlich gab ich auf. »Frag mich einfach, was du wissen möchtest.«

Fast schien sie darauf gewartet zu haben, denn sie sprudelte gleich los. »Warum du stotterst, habe ich verstanden. Aber diese Seelenverbindung ist mir noch unbegreiflich.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Ich sage es dir ganz ehrlich, Patrick. Mir macht es Angst, dass du dann noch mehr von mir weißt. Ich könnte nichts mehr vor dir verbergen. Du wärst komplett in mir. Ständig. Das ist … gruselig.«

»Ganz so ist es nicht. Ich bin nicht in dir drin. Weder sehe ich dir in den Kopf, noch verfolge ich dich per geistigem Radar. Ich spüre einfach, wie du dich fühlst und was du empfindest.«

»Wie ist so etwas möglich?«

»Das kann ich dir nicht erklären. Für mich ist es, als ob sich meine Wahrnehmung erweitert. Du wirst zu einem Teil von mir.«

»Und das hattest du bisher mit jeder Frau, mit der du geschlafen hast?«

Ich nickte.

»Aber … wenn du diese Verbindung nicht beenden kannst, dann bist du ja noch immer …« Christiane erschauderte.

»Nein, ich bin im Augenblick mit niemandem liiert.«

»Aber du sagtest doch …«

»Das stimmt auch. Ich kann die Seelenverbindung nicht aktiv trennen. Doch bislang hat sie immer irgendwann ge­endet, nachdem meine Beziehungen auseinandergegangen waren. Bis dahin war es sehr schwer, und es dauerte immer eine lange Zeit, bis ich wieder in Ordnung kam.«

Sie starrte mich an. »Du wirst sogar krank davon?«

»Christiane, es ist wie eine Amputation, wenn auch auf geistig-seelischer Ebene. Du überlebst den Verlust eines Beines, aber die Heilung dauert eben. So ist es auch für mich. Ich erleide heftige Schmerzen, habe Depressionen und möchte nicht mehr leben. Im Alltag funktioniere ich nur mit größter Willensanstrengung, manchmal klappt selbst das nicht.«

»Das ist grauenvoll! Wie kannst du dieses Risiko eingehen wollen? Du weißt doch gar nicht, ob eine Beziehung hält? Ob unsere Beziehung hält?«

»Manchmal ist die Sehnsucht einfach größer als alle Vernunft. Und die Liebe«, fügte ich nach kurzem Zögern hinzu.

Sie blieb vor mir stehen, umfasste mein Gesicht mit ihren Händen und sah mich ganz bewusst an. »Ich weiß nicht, ob ich für dieses Seelending bereit bin.«

Das hatte ich befürchtet. Ich schluckte.

»Hast du deinen anderen Frauen früher gesagt, was passiert, wenn ihr miteinander schlaft?«

»Nein, aber ...« Ich zog sie in meine Arme und vergrub meinen Kopf in ihren Locken. »Du spürst das Seelensehen. Vielleicht würdest du auch die Seelenverbindung wahrnehmen. Ich will nicht, dass noch irgendetwas zwischen uns steht.«

»Patrick, du machst es mir echt nicht leicht.«

Ich seufzte. Hätte ich einen Ausweg aus diesem Dilemma gewusst, hätte ich ihn schon vor Jahren beschritten. Aber ich steckte fest. »Ich bin, wie ich bin«, erklärte ich mit wenig Überzeugung. Leider.

oOo

Christiane

Wie sollte ich nach diesem Geständnis mit Patrick umgehen? Auf dem Weg zurück ins Hotel gelang es mir, meinen Verstand auszublenden und mich auf seine Nähe einzulassen. Ich genoss es, von ihm gehalten und geküsst zu werden. Die Frage, ob ich mit dem Mann, den ich liebte, schlafen sollte, blendete ich aus. Vorerst. Doch sobald wir das Hotelzimmer betraten, überrollte mich erneut meine innere Zerrissenheit. Auf der einen Seite rührten mich Patricks Vertrauen und seine Gefühle für mich. Er hätte auch schweigen können, so wie er es wohl früher immer getan hatte – auf das Risiko hin, dass ich ihm irgendwann auf die Schliche gekommen wäre. Auf der anderen Seite hatte ich Angst. Was würde auf mich zukommen, wenn ich mich auf einen Mann mit solch außergewöhnlichen Fähigkeiten einließe? Einen Mann, der sich unsichtbar machte und – ganz offensichtlich – vor sich selbst und anderen versteckte. Tiefes Mitgefühl überkam mich, und doch half es mir nicht weiter bei meiner Frage, ob ich mit ihm intim werden sollte – oder besser die Flucht ergriff.

Ylo’omzaks Worte kamen mir in den Sinn: Mach die Tür nicht wieder zu, die du gerade geöffnet hast. Bezogen sie sich auf die frische Beziehung zwischen Patrick und mir, die ich jetzt, wo wir zum ersten Mal an einen kritischen Punkt kamen, nicht leichtfertig wegwerfen sollte? Brauchte Patrick mich? Hatte ich gar eine wichtige Funktion in seinem Leben? Oder hatte mein Engel den Kontakt zu sich selbst gemeint, der so viele Jahre nur einseitig über Träume möglich gewesen war? Beides erschien mir plausibel.

Wie sollte ich zügig eine Lösung finden? Am liebsten hätte ich Mia, meine beste Freundin, Ratgeberin und moralische Instanz angerufen, doch die Geräusche aus dem Bad sagten mir, dass mir dafür nicht mehr ausreichend Zeit blieb. Es gab nur noch eine Möglichkeit: einen Notfall-Expresswunsch an Ylo’omzak, meinen Engel.

Liebes Universum, lieber Engel,

mein Geist und mein Verstand sind klar, mein Herz rein und voller Liebe zu mir und allem, was ist. Ruhe und Gewissheit erfüllen mich. Mein Lebens­weg und Patricks Aufgaben darin sind deutlich zu erkennen. Ich danke Euch für die Erfüllung dieses Wunsches.

Ich hatte mich kaum gesammelt, als Patrick – mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet – aus dem Bad kam, seine getragenen Kleidungsstücke über eine Stuhllehne breitete und dann auf seiner Seite des Bettes unter die Decke schlüpfte. Eine kleine Lampe auf meinem Nachttisch tauchte das Zimmer in sanftes goldenes Licht und ließen mich den melancholischen Zug um seinen Mund erkennen. Mein Herz zog sich zusammen, und doch saß ich noch immer starr auf meiner Betthälfte. Wie sollte ich mich jetzt verhalten? Ich wollte ihn nicht für seine Offenheit mir gegenüber bestrafen, indem ich mich von ihm fernhielt. Das hatte er nicht verdient. An meinen Gefühlen zu ihm hatte sich nichts geändert. Ich liebte ihn nicht weniger, nur weil ich verunsichert war. Zudem würde Ylo’omzak mir Klarheit schenken, sobald er es für richtig hielt. Ich hoffte, nicht allzu lange warten zu müssen.

Ich räusperte mich. »Darf ich zu dir kommen?«

Patrick hob seine Bettdecke ein klein wenig an. »Jederzeit. Das weißt du.«

Jetzt gab es für mich kein Halten mehr, und ich schlüpfte zu ihm. Noch achtete ich auf Abstand zwischen uns. Nur meine Beine, die schlang ich um seine Oberschenkel. Ich brauchte den Körperkontakt und hätte so gerne mehr davon gehabt. Ich wollte ihn berühren, an ihm knabbern und ihn schließlich bis zur Neige auskosten. Nur die Angst vor den Folgen half mir, mich zurückzuhalten.

Patrick lachte rau auf. »Du bist so herrlich inkonsequent!«

Dann zog er mich ganz nah zu sich heran und schenkte mir einen Kuss, dass mir die Sinne und Bedenken schwanden.

oOo

Christiane

Die nächsten anderthalb Tage spazierten wir meist Hand in Hand und, wenn es unser Besichtigungsprogramm zuließ, eng umschlungen durch Berlin. Nein, miteinander geschlafen hatten wir nicht. Trotzdem fühlte ich mich zutiefst mit Patrick verbunden. Er war der sprichwörtliche Deckel zu meinem Topf – und umgekehrt. Dessen war ich mir absolut sicher. Nur vor dem letzten Schritt, der Seelenverbindung, sträubte sich etwas in mir.

Inzwischen saßen wir wieder im Bus zurück nach Wies­baden. Ich mochte gar nicht daran denken, dass jeder von uns in wenigen Stunden wieder in seine eigene Wohnung gehen würde – Tür zu, fertig. Außerdem war am Freitag Patricks Krankschreibung abgelaufen, und er würde ab morgen wieder in der Schule unterrichten. So wirklich glücklich schien er darüber allerdings nicht zu sein, obwohl ich wusste, dass er seinen Beruf über alles liebte. Doch er weigerte sich beharrlich, mit mir darüber zu sprechen. Ich streifte ihn kurz mit einem Blick. Er sah zum Anbeißen aus, den Kopf gegen seinen zusammengeknüllten Pulli ans Fenster gelehnt, den Mund leicht geöffnet, die Augen mit den langen Wimpern geschlossen und die braunen Haare ein bisschen verwuschelt.

Wer sagte eigentlich, dass wir uns heute Abend trennen mussten?

Kapitel drei

Patrick

Ich war wieder in meinen Alltag eingetaucht, als hätte es die vergangenen drei Wochen mit Christiane nicht gegeben. Mein Wecker forderte mich um zwanzig nach sechs auf voranzumachen, um – wie üblich an Schultagen – kurz nach sieben Uhr das Haus zu verlassen. Mein Schlafzimmer wirkte mit der auf dem Boden liegenden Matratze und dem Kleiderschrank, der aus einem Besenstiel zwischen zwei Stuhllehnen und daneben stehenden Wäschekörben bestand, zwar etwas karg, doch es erfüllte seinen Zweck: Ich hatte einen Schlafplatz und die Möglichkeit, meine Kleidung nach einem festen System zu sortieren. Solche Strukturen waren wichtig für mich. Sie gaben mir ein Gefühl von Sicherheit, und ich konnte morgens – quasi im Blindflug – die richtige Jeans und das passende Hemd aus dem Schrank nehmen. So wie jetzt.

Erst Christiane war es gelungen, mein Leben durcheinanderzuwirbeln, dachte ich, als ich mich in der Küche mit meinem Standardfrühstück aus einer Scheibe Käsebrot und einer Tasse Kaffee an den Tisch begab. Nach unserer Rückkehr aus Berlin hatten wir gestern noch bei ihr zusammengesessen, aber je später der Abend geworden war, desto schwerer war es mir gefallen, mich auf sie zu konzentrieren. Irgendwann konnte ich nicht mehr und bestand darauf, die Nacht alleine zu verbringen. In meiner Wohnung. Ich bemerkte sofort, wie sehr ich sie damit verletzte. Ich verstand sie sogar, aber ich konnte nicht anders. Ich hatte meine gewohnte Umgebung und meinen normalen Rhythmus benötigt, um wieder in den Alltag zu finden. Und mich den Dämonen zu stellen, die ich während des Urlaubs so erfolgreich verdrängt hatte. Es waren zwar nur Gerüchte gewesen, die mich aus der Schule erreicht hatten, aber sie hatten genügt, erst vor ihnen reißauszunehmen und mir dann in der letzten Nacht zunehmend Sorgen zu bereiten.

Was würde mich heute erwarten – in Anbetracht des beunruhigenden Gemunkels und meiner langen Abwesenheit wegen des gebrochenen Arms?

Ich straffte mich, stieß den Küchenstuhl nach hinten, räumte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine und woll­te mich gerade fertigmachen, als es klingelte.

Christiane, fuhr es mir durch den Sinn und mein Herz trommelte einen aufgeregten Takt dazu. Als ich sie tatsächlich in dem hautengen Radtrikot vor der Tür stehen sah, in dem sie mich schon einmal überrascht hatte, übernahm meine Sehnsucht die Regie. Ich zog sie an mich und tauchte in ihren Geschmack ein. Unter ganz viel Kaffeearoma fand meine Zunge endlich das, was ich letzte Nacht so sehr vermisst hatte, auch wenn ich bis eben nicht bereit gewesen war, mir das einzugestehen: die Frau, die ich liebte und in deren Armen ich wahrscheinlich besser hätte abschalten können als in meiner selbst gewählten Einsamkeit.

»Ich bin ein solcher Idiot«, murmelte ich.

»Dir auch einen guten Morgen, Patrick. Ganz offensichtlich hat dir die Nacht ohne mich gut getan.« Sie strich mir unter den Augen entlang, wo ich wahrscheinlich dicke schwarze Schatten hatte. Nur unwillig löste ich mich von ihr.

»Ich muss los«, meinte ich.

»Ich weiß. Ich begleite dich.«

»Aber meine Schule liegt nicht auf deinem Weg.«

»Ab heute schon. Zumindest an meinen Frühschichttagen im Studio.«

Christiane war ein Geschenk. Ich musste meinen Blick mit Gewalt von ihren Kurven lösen, die ihr Outfit kaum verbergen konnte.

»Ich bin gleich so weit«, sagte ich schließlich, schlüpfte in Schuhe und Sweatjacke, ergriff meine Hinterradtasche fürs Fahrrad und setzte den Helm auf.

Während ich die Tür hinter mir zuzog und abschloss, musterte mich Christiane sichtlich amüsiert. »So, wie du jetzt aussiehst, erinnere ich mich an dich.«

»Ach ja?«

»Das ist der Nachbar, der morgens immer zur gleichen Zeit das Haus verließ und abends genauso exakt zurückkam. Ich hatte vermutet, dass du in irgendeiner Behörde einen langweiligen Bürojob hast.«

Meine Augenbrauen wanderten nach oben.

»He, ich hab mich geirrt!«, lachte sie.

Ich sah an mir herab. »Meine Kleidung ist genau richtig für einen langen Tag in der Schule: praktisch und bequem.«

»Ich will mich mit dir unterhalten«, erwiderte Christiane auf meine Frage, warum sie mich plötzlich auf dem Weg zur Arbeit begleiten wolle.

Das brauchst du nicht, lag mir bereits auf der Zunge, doch es gelang mir gerade noch, die Worte zurückzuhalten. Denn die Wahrheit war, es tat mir gut, sie an meiner Seite zu wissen – und das an einem Morgen, an dem ich ziemlich verunsichert war. Was ich allerdings vor ihr zu verbergen suchte.

Nachdem wir endlich mit den Rädern die Fußgängerzone erreicht hatten, holte sie auf und fuhr neben mir her. Unsere Blicke kreuzten einander und sie lächelte mir zu. Sie war so schön, selbst mit Fahrradhelm und Schutzbrille. Ich schluckte und sah wieder nach vorne. Meine Gefühle für sie schmerzten in meiner Brust, so intensiv waren sie zu spüren.

»Wissen die an der Schule, dass du heute wiederkommst?«, fragte sie.

»Meine Krankmeldung ist am Freitag ausgelaufen.«

»Aber gemeldet hast du dich nicht?«

»Ich war mit dir verreist«, wich ich ihr aus.

Ihr Blick traf mich. »Mein Chef würde mir ziemlichen Ärger machen, wenn ich ihn derart hängen ließe.«

»Das ging alles so schnell vor unserer Abreise«, verteidigte ich mich, merkte aber selbst, wie wenig überzeugend meine Ausrede klang.

»Patrick!«

Ich sah zu ihr hin.

»Was verbirgst du vor mir?«

Ich seufzte. »Ich wollte mit niemandem sprechen. Außer­dem hätte ich auch heute Morgen noch anrufen können, wenn ich nicht wieder arbeitsfähig gewesen wäre.« Das war nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Dennoch hoffte ich, Christiane damit zu überzeugen. Worum es wirklich ging, wollte ich ihr auf keinen Fall verraten.

Sie ging nicht weiter auf meine Worte ein. Inzwischen überquerten wir den Marktplatz.

»Ich wäre letzte Nacht sehr gerne für dich da gewesen. Du solltest gemerkt haben, dass ich zuhören und trösten kann.«

Ich kniff die Lippen zusammen und nickte.

Christiane kam dichter an mich herangefahren und berührte meinen Oberarm. »Ich habe dich auch vermisst, Patrick.«

Ich schluckte hart. Warum war ich so? Warum fiel es mir nur derart schwer, auf sie zuzugehen und ihre Nähe zuzulassen?

»Weißt du, was das Problem ist? Du vertraust mir nicht, dabei liebe ich dich und würde gerne für dich da sein.«

Damit mochte sie recht haben. Vertrauen zu anderen Menschen war noch nie mein Spezialgebiet gewesen. Aber ich wusste nicht, wie ich das ändern konnte. Heute Morgen sowieso nicht mehr. Wir erreichten die Wilhelmstraße und hielten an, weil sich hier unsere Wege trennten. Zumindest für diesen Moment.

Christiane sah mir aufmerksam in die Augen, während ich mir verzweifelt wünschte, aus meiner Haut heraus zu können.

»Du hast gerade einen ganz traurigen Hundewelpen-Blick.« Sie strich mir über den Rücken, was es definitiv nicht besser machte. Am liebsten hätte ich mich in ihre Arme geflüchtet, aber es war nicht der richtige Moment, die Fassung zu verlieren. Stattdessen versuchte ich es mit einem Lächeln, das sicher nicht mein überzeugendstes wurde.

»Mach dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung«, murmelte ich.

Sie schüttelte den Kopf. Ganz offensichtlich glaubte sie mir kein Wort. Für einen kurzen Moment war ich unendlich dankbar, dass sie nicht meine Fähigkeit des Seelensehens besaß.

»Ich muss los, Christiane«, lenkte ich sie ab.

»Kommst du später bei mir vorbei?«

»Ja, versprochen.«

»Ich warte auf dich.«

Ich nickte – und nahm mir vor, ihr alles zu erzählen. Heute Nachmittag. Wenn ich diesen Tag überstanden hätte.

oOo

Patrick

Sobald ich mich an der Wilhelmstraße von Christiane verabschiedet hatte, war mein Fokus ausschließlich auf meine Arbeit ausgerichtet. Wie immer nahm ich die Steigung der Bierstadter Straße in Angriff, doch bereits an der ersten Hofausfahrt war mir klar, dass die vergangenen Wochen nicht spurlos an mir vorbeigezogen waren. Atemlos, mit einem hochroten Kopf und einem unangenehmen Pochen im rechten Arm stieg ich ab und schob mein Rad auf den Bürgersteig. Den Rest der Strecke würde ich zu Fuß gehen. Wenigstens gab mir das die Möglichkeit, länger über mein Vorgehen nachzusinnen.

In einem ersten Reflex war ich geneigt, direkt zu meiner Klasse zu gehen. Vernünftiger dürfte es allerdings sein, mich erst im Schulsekretariat zu melden und zu schauen, ob mich der Schulleiter sprechen wollte. Nach einer so langen Fehlzeit würde er bestimmt von mir wissen wollen, wie es mir ginge. Außerdem stellte sich die Frage, inwieweit ich wieder Sportunterricht und die Nachmittags-AGs abhalten konnte. Auch darüber hatte ich mir bislang keine Gedanken gemacht. Dafür war auch jetzt keine Zeit mehr, denn inzwischen stand ich vor dem Fahrradständer des Hauptgebäudes, in dem die Verwaltung der Schule untergebracht war. Mein Hals war trocken, meine Hände dagegen feucht vor lauter Nervosität. Ich wischte sie mir an der Hose ab, schloss das Rad an und löste die Hinterradtasche vom Gepäckträger. Nach einem tiefen Atemzug straffte ich mich und ging die Treppe hinauf.

Ich hatte die Eingangstür noch nicht erreicht, da hörte ich schon, dass mein Name gerufen wurde.

»Mensch, Patrick, du bist es tatsächlich! Wieder fit?« Stefan Schwartz, ein Kollege aus einer vierten Klasse, mit dem ich mich ganz gut verstand, rannte über den Parkplatz auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. Ich gab ihm die Linke.

»G-geht so.«

»Wir haben die letzten Wochen ohne dich ganz schön jongliert. Gut, dass du zurück bist.«

Das glaubte ich ihm aufs Wort.

»Ich muss weiter. Wir reden später«, meinte er und eilte vor mir ins Gebäude.

»Ja, b-bis dann«, murmelte ich, doch er hatte mich sicher nicht mehr gehört.

Im Eingangsbereich wandte ich mich zur Tür des Sek­retariats, klopfte an, öffnete und streckte meinen Kopf hin­ein. Plötzlich geschah alles gleichzeitig, zumindest erschien es mir so. Die Schulsekretärin, Frau Rodriguez, ließ den Telefonhörer fallen, sprang auf und eilte mit ihrem kleinen Terrierkörper auf mich zu. »Guten Morgen, Herr Wittmann, wir waren unsicher, ob Sie heute wiederkommen würden.«

»I-ich auch.« War hier immer alles so schnell gewesen? Ich kam mir wie ein Fremder vor.

»Aber Sie sind da, und nur das zählt. Ich sage schnell Herrn Clausnitzer Bescheid.« Sie drehte sich schon wieder um und eilte an ihren Arbeitsplatz zurück.

»M-meine Klasse?«

Sie hatte bereits den Hörer in der Hand und wählte. »Machen Sie sich keine Gedanken. Für die Kinder ist gesorgt. Wir unterrichten auch heute nach dem Vertretungsplan.«

Nun wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Telefon zu, während ich ein wenig verloren in der offenen Tür stand. Vielleicht war es gut, das Gespräch, vor dem ich mich so fürchtete, gleich hinter mich zu bringen.

Schon landete der Hörer wieder auf dem Apparat, und Frau Rodriguez strahlte mich erneut an. »Herr Clausnitzer hat gleich Zeit für Sie. Wollen Sie sich derweil einen Kaffee holen?«

Ich folgte ihrem Vorschlag und besorgte mir in der kleinen Teeküche gegenüber eine Tasse Kaffee. Kaum hatte ich mich im Wartebereich vor dem Büro des Schulleiters niedergelassen, kam Frau Rodriguez aus dem Sekretariat und meinte, ich könne jetzt zum Schulleiter. Hastig erhob ich mich, griff nach Tasse und Tasche, doch meine rechte Hand verweigerte ihren Dienst. Die Tasche war zu schwer. Ich schwitzte. Meine Ohren fingen an zu glühen.

Was tat ich hier? Vielleicht hätte ich mich doch besser noch länger krankschreiben lassen sollen. Die Röte zog sich inzwischen von den Ohren über den Hals bis in mein offenes Hemd. Ganz hervorragend, dachte ich und knirschte mit den Zähnen.

»Warten Sie, Herr Wittmann. Ich helfe Ihnen.« Frau Rodriguez übernahm die Initiative, eilte auf mich zu und griff nach meiner Tasche und der Kaffeetasse. »Bitte gehen Sie doch vor.«

Ich nickte, auch wenn mir ihr Eingreifen mehr als unangenehm war. Hoffentlich würde das Gespräch mit dem Schulleiter besser verlaufen.

Eigentlich mochte ich Eberhard Clausnitzer. Er war bisher immer fair zu mir gewesen und hatte mein Stottern nie in irgendeiner Form thematisiert. Zumindest hatte er mich das nie spüren lassen. Er hatte mich stets danach beurteilt, wie ich mit meinen Schülern umging, und mit ihnen hatte ich nie Probleme gehabt. Allerdings machte ich mir darüber Sorgen, ob mir gerade das jetzt das Genick brechen würde. Ich zögerte, doch dann wähnte ich Frau Rodriguez hinter mir und ging weiter.

Eberhard Clausnitzer kam um seinen Schreibtisch herum und mir mit offenen Armen entgegen. Eine kleine Geste, die genügte, um meine Nervosität ein wenig zu dämpfen.

»Herr Wittmann, ich freue mich, dass Sie endlich wieder im Haus sind.«

Auch ihm gab ich nur meine Linke. »D-danke.«

»Bitte nehmen Sie doch Platz.« Er deutete auf mehrere Ledersessel, die um einen runden Tisch gruppiert waren. Frau Rodriguez stellte meine Sachen dort ab und verließ das Büro. Der Schulleiter wählte den nächsten Sessel, sodass ich mich schräg von ihm platzierte und meine Kaffeetasse zu mir zog. Für einen Moment breitete sich Schweigen zwischen uns aus, während mich Eberhard Clausnitzer kritisch betrachtete.

»Sie haben uns vor ganz schöne Herausforderungen ge­stellt, als Sie plötzlich so lange ausgefallen sind. Wie geht es Ihnen inzwischen?«

»G-ganz gut. Unterrichten sollte wieder m-möglich sein.«

»Aber vollständig wiederhergestellt sind Sie noch nicht«, stellte er mit einem Blick auf meinen rechten Arm fest. Ich ballte die Faust und öffnete sie gleich wieder. Bleib ruhig, ermahnte ich mich selbst.

»N-nein, aber es s-sollte reichen.«

»Vielleicht täte es Ihnen gut, noch eine gewisse Zeit lang­sam zu machen.«

Jetzt kommt’s, dachte ich. Mein Blick streifte ihn kurz. Natürlich musterte er mich noch immer mit seinen eisgrauen, distanziert wirkenden Augen hinter der schmalen Brille.

»Letzte Woche haben Eltern aus Ihrer dritten Klasse eine ziemlich heftige Anschuldigung gegen Sie erhoben. Ich habe ihnen eine rückhaltlose Aufklärung zugesichert – allerdings verbunden mit der Bitte, die Polizei vorerst aus dem Spiel zu lassen.«

Ich schluckte, und mein Magen verkrampfte sich. Die Ge­rüchte waren also tatsächlich wahr gewesen.

»Vorerst«, wiederholte er. »Falls sich jedoch herausstellen sollte, dass der Vorwurf des Kindesmissbrauchs berechtigt ist, muss ich die Polizei einschalten. Eine solche Tat ist kein Kavaliersdelikt. Das dürfte Ihnen klar sein, Herr Wittmann.«

Natürlich wusste ich das, verdammt noch mal! Nur wie sollte ich das jetzt überzeugend rausbringen? Mein Kehlkopf war ein einziger verkrampfter Knoten. Im Entspannen auf Knopfdruck war ich noch nie gut gewesen. Ich machte meinen Mund auf, wollte die Worte rauspressen, würgte an ihnen, aber sie blieben einfach stecken! Verdammt, das war noch schlimmer, als ich befürchtet hatte. Schweiß brach mir aus, und ich wusste nicht mehr weiter. Ich war geliefert.

»Ich hatte befürchtet, dass Sie so reagieren.«

Ich schloss die Augen. Das war’s dann wohl.

»Wären Sie bereit, mit mir einen Spaziergang zu machen?«

Völlig überrascht starrte ich ihn an, zumindest ganz kurz, bevor ich meinen Blick wieder abwandte. Eberhard Clausnitzer beobachtete mich noch immer, doch alle Distanz, die üblicherweise in seinen Augen zu erkennen war, hatte Wärme und Mitgefühl Platz gemacht. Ich brachte ein Nicken zustande.

»Wunderbar. Lassen Sie Ihre Sachen einfach stehen. Wir kommen später wieder zurück. Ich lasse auch mein Telefon hier. Der Vormittag gehört Ihnen.«

Und der Missbrauchsgeschichte, ergänzte ich im Stillen. Aber er gab mir eine Chance, und er wollte mich anhören. Das war mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Vielleicht hätte ich gleich zu ihm kommen sollen, als mir die Gerüchte letzte Woche zu Ohren gekommen waren.