Liebe, fertig, los! - Rachel Gibson - E-Book

Liebe, fertig, los! E-Book

Rachel Gibson

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Beschreibung

Prickelnde Liebesszenen, witzige Dialoge und eine herzerwärmende Story

Eigentlich sollte es für Georgeanne der schönste Tag ihres Lebens werden. Doch vor dem Traualtar kommen ihr plötzlich Zweifel, ob der knapp 60-jährige Virgil Duffy, Besitzer der Eishockey-Mannschaft „The Seattle Chinooks“, wirklich der Richtige für sie ist – und entscheidet sich für „Nein!“. Im letzten Moment flüchtet sie von der Hochzeitsgesellschaft und rennt direkt in die Arme des Eishockeyspielers John Kowalsky, den sie kurzfristig zum Fluchthelfer erklärt. John nimmt sie bereitwillig bei sich auf. Zwar nur für eine Nacht, doch diese bleibt nicht ganz folgenlos …

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Buch

Für Georgeanne Howard soll es eigentlich der schönste Tag ihres Lebens sein. Doch am Traualtar kommen ihr Zweifel. Ist der knapp 60-jährige Virgil Duffy, Besitzer der Eishockeymannschaft »The Seattle Chinooks«, wirklich der Richtige für sie? Im letzten Moment macht sie einen Rückzieher, schnappt sich ihre Tasche und flüchtet von der Hochzeitsgesellschaft. Dabei läuft sie John Kowalsky in die Arme, einem der Eishockeyspieler von Virgils Mannschaft. Georgie überzeugt John, sie mit seinem Auto mitzunehmen und sie erst einmal bei sich zu Hause zu verstecken. Doch schon bald verbindet die beiden mehr als ihre gemeinsame Unterkunft, und es knistert gewaltig …

Autorin

Seit sie sechzehn ist, erfindet Rachel Gibson mit Begeisterung Geschichten. Mittlerweile hat sie nicht nur die Herzen ihrer Leserinnen erobert, sondern wurde auch mit dem »Golden Heart Award« der Romance Writers of America und dem »National Readers Choice Award« ausgezeichnet. Rachel Gibson lebt mit ihrem Ehemann, drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund in Boise, Idaho.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinWidmungPROLOGEINSZWEI DREI VIER FÜNF SECHS SIEBEN ACHT NEUN ZEHN ELF ZWÖLF DREIZEHN VIERZEHN FÜNFZEHN SECHZEHN SIEBZEHN ACHTZEHN NEUNZEHN EPILOGCopyright

Für Jessica, Carrie and Jamie, die massenhaft Tiefkühlpizza gegessen haben, damit Mom schreiben konnte.

PROLOG

McKinney, Texas1976

Von Mathematik bekam Georgeanne Howard Kopfschmerzen, und beim Lesen taten ihr die Augen weh. Allerdings konnte sie beim Lesen wenigstens manchmal mit dem Finger unter den schwierigen Wörtern entlangfahren und so tun als ob. Bei Mathe ging das nicht.

Georgeanne ließ den Kopf auf den Aufgabenzettel sinken, der auf ihrem Pult lag, und hörte von draußen den Lärm der anderen Viertklässler, die in der Pause unter der warmen Texas-Sonne spielten. Sie hasste Mathe, doch ganz besonders hasste sie es, diese doofen Bündel aus Stäbchen zu zählen. Manchmal starrte sie so intensiv auf die kleinen Stäbchenzeichnungen, dass ihr davon Kopf und Augen wehtaten. Doch bei jedem Zählen bekam sie dasselbe Ergebnis heraus – das falsche.

Um sich von Mathe abzulenken, dachte Georgeanne an die Teestunde in Pink, die sie und ihre Großmutter nach der Schule abhalten wollten. Großmutter hatte die kleinen pinkfarbenen Petit Fours bestimmt schon fertig, und die beiden würden sich in pinkfarbenen Chiffon hüllen und die pinkfarbene Tischdecke, die Servietten und die dazu passenden Tassen aus dem Schrank holen. Georgeanne liebte Teestunden in Pink, und servieren konnte sie auch gut.

»Georgeanne!«

Sie nahm ruckartig Haltung an. »Ja, Ma’am?«

»War deine Großmutter mit dir beim Arzt, wie wir es besprochen haben?«, fragte Mrs. Noble.

»Ja, Ma’am.«

»Hat deine Großmutter dich testen lassen?«

Sie nickte. In der vergangenen Woche hatte sie drei Tage lang einem Doktor mit großen Ohren Geschichten vorgelesen. Seine Fragen beantwortet und Geschichten geschrieben. Gerechnet und Bilder gemalt. Bilder malte sie sehr gern, aber der Rest war echt doof gewesen.

»Bist du fertig?«

Georgeanne schaute auf die schmuddelige Seite vor ihr. Sie hatte so oft radiert, dass die kleinen Lösungskästchen mattgrau verschmiert und neben den Stäbchenbündeln mehrere Dreiecke eingerissen waren. »Nein«, sagte sie und verdeckte das Aufgabenblatt mit der Hand.

»Lass mich mal sehen, wie weit du gekommen bist.«

Vor Angst wie gelähmt, erhob sie sich und versuchte, Zeit zu schinden, indem sie den Stuhl im exakten Winkel unter ihr Pult schob. Die Sohlen ihrer Lackschuhe waren kaum zu hören, als sie schuldbewusst zum Lehrerpult schlich. Ihr war richtig schlecht.

Mrs. Noble nahm Georgeanne den liederlichen Zettel weg und kontrollierte die Matheaufgaben. »Du hast es schon wieder gemacht«, sagte sie verärgert und betonte dabei jedes Wort. Missbilligend kniff sie ihre braunen Augen zu Schlitzen zusammen, wodurch ihre dünne Nase noch spitzer wirkte, als sie sowieso schon war. »Wie oft willst du denn noch die falschen Lösungen hinschreiben?«

Georgeanne schaute über die Schulter der Lehrerin zum Sozialkunde-Tisch, auf dem zwanzig kleine Iglus aus Zuckerwürfeln standen. Eigentlich hätten es einundzwanzig sein müssen, doch aufgrund ihrer schlechten Leistungen musste Georgeanne noch warten, bis sie ihr Iglu bauen durfte. Vielleicht morgen. »Ich weiß nicht«, flüsterte sie.

»Ich hab dir bestimmt schon vier Mal gesagt, dass die Lösung der ersten Aufgabe nicht siebzehn lautet! Warum schreibst du es also immer wieder hin?«

»Ich weiß nicht.« Wieder und wieder hatte sie jedes einzelne Stäbchen gezählt. Da waren je sieben in zwei Bündeln und drei einzelne daneben. Das machte siebzehn.

»Ich hab es dir doch schon mehrfach erklärt. Sieh auf den Zettel.«

Als Georgeanne gehorchte, deutete Mrs. Noble auf das erste Stäbchenbündel. »Dieses Bündel steht für zehn«, sagte sie ungeduldig und fuhr mit dem Finger weiter. »Dieses Bündel steht für weitere zehn, und daneben haben wir drei Einser. Wie viel ist zehn plus zehn?«

Georgeanne stellte sich die Zahlen vor. »Zwanzig.«

»Plus drei?«

Sie schwieg und zählte im Stillen. »Dreiundzwanzig.«

»Ja! Die Antwort lautet dreiundzwanzig.« Die Lehrerin schob ihr das Blatt Papier hin. »Jetzt geh und löse die restlichen Aufgaben.«

Als sie wieder saß, betrachtete Georgeanne die zweite Aufgabe auf der Seite. Sie studierte die drei Bündel, zählte sorgfältig alle Stäbchen und schrieb einundzwanzig hin.

Sobald die Schulglocke das Unterrichtsende verkündete, schnappte sich Georgeanne ihren neuen violetten Poncho, den ihre Großmutter für sie gestrickt hatte, und rannte praktisch den gesamten Weg nach Hause. Als sie durch die Hintertür trat, fiel ihr Blick auf die pinkfarbenen Petit Fours auf der blau-weißen Marmortheke. Die Küche war zwar klein, und hier und da löste sich die rotgelbe Tapete von der Wand, doch sie war trotzdem Georgeannes Lieblingszimmer. Sie roch angenehm nach Kuchen und Brot, Haushaltsreiniger und Spülmittel.

Das silberne Service stand schon auf dem Teewagen bereit, und sie wollte gerade nach ihrer Großmutter rufen, als sie im Salon die Stimme eines Mannes hörte. Da niemand, außer wirklich wichtiger Besuch, diesen Raum betreten durfte, schlich sich Georgeanne heimlich durch den Flur zum Vorderteil des Hauses.

»Ihre Enkelin scheint abstrakte Begriffe überhaupt nicht erfassen zu können. Sie verdreht die Wörter, oder ihr fällt einfach nicht die richtige Bezeichnung ein. Als sie zum Beispiel das Bild eines Türknaufs gezeigt bekam, nannte sie ihn ›das Ding, an dem ich drehe, um ins Haus zu kommen‹. Trotzdem konnte sie eine Rolltreppe, eine Spitzhacke und den Großteil der fünfzig Bundesstaaten exakt bestimmen«, erklärte der Mann, den Georgeanne als den Doktor mit den großen Ohren wiedererkannte, der in der Woche zuvor die blöden Tests mit ihr gemacht hatte. Sie blieb knapp vor der Tür stehen und lauschte. »Die gute Nachricht ist, dass sie bei den Textverständnisfragen eine sehr hohe Punktzahl erreicht hat«, fuhr er fort. »Das bedeutet, dass sie versteht, was sie liest.«

»Wie kann das sein?«, fragte ihre Großmutter. »Einen Türknauf benutzt sie jeden Tag, aber eine Spitzhacke hat sie meines Wissens noch nie in der Hand gehabt. Wie kann sie die Worte verdrehen und trotzdem verstehen, was sie liest?«

»Wir wissen nicht, warum manche Kinder an einer Funktionsstörung des Gehirns leiden, Mrs. Howard. Wir wissen auch nicht, was diese Behinderung verursacht. Sie ist leider unheilbar.«

Georgeanne lehnte sich an die Wand, die vom Zimmer aus nicht zu sehen war. Ihre Wangen brannten, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Funktionsstörung des Gehirns? Sie war nicht so blöd, dass sie nicht wusste, was das hieß. Er hielt sie für zurückgeblieben.

»Was kann ich für meine Georgie tun?«

»Vielleicht können wir mit weiteren Tests genauer bestimmen, womit sie die meisten Probleme hat. Manchen Kindern konnte mit Medikamenten geholfen werden.«

»Ich werde Georgeanne nicht auf Medikamente setzen.«

»Dann melden Sie sie in einer Benimmschule an«, riet er. »Sie ist ein hübsches kleines Mädchen und wächst bestimmt zu einer schönen jungen Frau heran. Sie wird problemlos einen Ehemann finden, der sich um sie kümmert.«

»Einen Ehemann? Meine Georgie ist erst neun, Dr. Allen.«

»Ich will nicht respektlos sein, Mrs. Howard, aber Sie sind die Großmutter des Kindes. Wie lange können Sie noch für sie sorgen? Meiner Meinung nach wird Georgeanne nie besonders helle sein.«

Georgeannes Magen krampfte sich noch heftiger zusammen, als sie durch den Flur zurückrannte und aus der Hintertür stürzte. Sie kickte wütend eine Kaffeedose von der Treppe, sodass die Wäscheklammern ihrer Großmutter quer durch den kleinen, gepflegten Garten flogen.

In der staubigen Einfahrt parkte ein El Camino, der Georgeannes Meinung nach dieselbe Farbe hatte wie Root Beer. Der Wagen stand auf vier platten Reifen und war seit dem Tod ihres Großvaters vor zwei Jahren nicht mehr gefahren worden. Ihre Großmutter fuhr einen Lincoln, weshalb Georgeanne den El Camino als ihren Privatbesitz ansah und ihn für Ausflüge an so exotische Orte wie London, Paris und Texarkana nutzte.

Aber heute hatte sie keine Lust auf eine Spritztour. Sie saß auf dem Vinylsitz, umklammerte das kühle Lenkrad und starrte mit leerem Blick auf das Chevrolet-Emblem auf der Hupe.

Ihre Augen schwammen in Tränen. Vielleicht hatte ihre Mutter, Billy Jean, es gewusst. Vielleicht hatte sie die ganze Zeit schon gewusst, dass Georgeanne nie »besonders helle« sein würde. Vielleicht hatte sie sie auch deshalb bei ihrer Großmutter abgeladen und war nie wiedergekommen. Großmutter sagte immer, dass Billy Jean noch nicht reif für ein Kind gewesen wäre, doch Georgeanne hatte sich stets gefragt, was sie verbrochen hatte, dass ihre Mutter abgehauen war. Vielleicht wusste sie es jetzt.

Als sie mit leerem Blick in ihre Zukunft sah, schwanden ihre Kindheitsträume mit den Tränen, die über ihre heißen Wangen rollten, und ihr wurden diverse Dinge klar. Sie würde nie mehr unbekümmert in der Pause spielen oder ein Iglu bauen wie der Rest der Klasse. Ihr Traum, Krankenschwester oder Astronautin zu werden, war geplatzt, und ihre Mutter würde niemals zurückkommen, um sie abzuholen. Die Kinder in der Schule würden es wahrscheinlich herausbekommen und sie auslachen.

Georgeanne hasste es, ausgelacht zu werden.

Oder sie würden sie verspotten wie Gilbert Massey. Gilbert hatte in der zweiten Klasse noch in die Hose gemacht, und niemand hatte ihn das je vergessen lassen. Sie nannten ihn jetzt Gilbert Nassey. Georgeanne wollte nicht mal darüber nachdenken, wie sie sie nennen würden.

Und wenn sie dabei draufging, sie war wild entschlossen, dass niemand je herausfinden sollte, dass sie anders war. Sie war wild entschlossen, dass niemand je herausfinden würde, dass Georgeanne Howard eine Funktionsstörung des Gehirns hatte.

EINS

1989

In der Nacht vor Virgil Duffys Hochzeit prasselte ein Sommerregen auf den Puget-Sound. Am nächsten Morgen waren die grauen Wolken verschwunden und gaben den Blick auf die Elliot-Bucht und die atemberaubende Skyline der Innenstadt von Seattle frei. Mehrere von Virgils Hochzeitsgästen schauten zum klaren Himmel und fragten sich, ob er Mutter Natur genauso kontrollierte wie sein Reederei-Imperium. Sie fragten sich, ob er auch seine junge Braut kontrollieren konnte oder ob sie für ihn bloß ein Spielzeug war wie sein Eishockeyteam.

Während die Gäste auf den Beginn der Zeremonie warteten, tranken sie in kleinen Schlückchen aus Champagnerflöten und spekulierten darüber, wie lange die Ehe zwischen der blutjungen Frau und dem älteren Mann halten würde. Nicht lange, lautete der allgemeine Konsens.

John Kowalsky ignorierte den gemurmelten Austausch von Klatsch und Tratsch um ihn herum. Er hatte ganz andere Sorgen. Er hob ein Becherglas aus Kristall an die Lippen und kippte den hundert Jahre alten Scotch weg wie Wasser. In seinem Kopf hämmerte ein unaufhörlicher Schmerz, in seinen Augenhöhlen pochte es, und ihm taten die Zähne weh. Offensichtlich hatte er sich letzte Nacht blendend amüsiert. Er wünschte bloß, er könnte sich daran erinnern.

Von seinem Platz auf der Terrasse schaute er auf einen quergeschnittenen smaragdgrünen Rasen, mustergültig gepflegte Blumenbeete und spritzende Springbrunnen. In Armani und Donna Karan gehüllte Hochzeitsgäste schlenderten zu den weißen Stuhlreihen gegenüber einer Laube, die mit Blumen, Bändern und irgendwas Hauchzartem in Pink geschmückt war.

Johns Blick wanderte zu seinen Mannschaftskameraden, die mit ihren marineblauen Blazern und abgewetzten Loafers deplatziert wirkten und sich unwohl fühlten. Sie machten den Eindruck, als hätten sie genauso wenig Lust wie er, mitten in der High Society von Seattle festzusitzen.

Links von ihm setzte sich eine dünne Frau in einem fließenden lavendelfarbenen Kleid und dazu passenden Schuhen an ihre Harfe, lehnte das Instrument an ihre Schulter und begann, nur geringfügig lauter als die Geräusche, die vom Puget-Sound widerhallten, an den Saiten zu zupfen. Sie schaute zu ihm auf und schenkte ihm ein Lächeln, das er sofort erkannte. Das Interesse der Frau überraschte ihn nicht, und er ließ den Blick ganz bewusst über ihren Körper wandern. Mit seinen achtundzwanzig Jahren hatte John schon Frauen in allen Formen und Größen und mit den unterschiedlichsten sozialen und intellektuellen Niveaus gehabt. Er war grundsätzlich nicht abgeneigt, im Groupie-Pool zu schwimmen, doch er stand nicht besonders auf Gerippe. Während ein paar seiner Teamkameraden mit Models ausgingen, zog John weiche Rundungen vor. Wenn er eine Frau anfasste, wollte er keine Knochen spüren, sondern richtig was in der Hand haben.

Das Lächeln der Harfenistin wurde koketter, und John schaute weg. Nicht nur, dass die Frau zu dürr war, sondern er hasste Harfenmusik fast so sehr wie Hochzeiten. Er hatte schon zwei eigene hinter sich, und keine davon war besonders glücklich verlaufen. Das letzte Mal, als er einen so schlimmen Kater gehabt hatte wie heute, war vor sechs Monaten in Las Vegas gewesen, als er in einer Hochzeitssuite aus rotem Samt aufgewacht und urplötzlich mit einer Stripperin namens DeeDee Delight verheiratet gewesen war. Die Ehe hatte nicht viel länger gedauert als die Hochzeitsnacht. Und das echt Beschissene daran war, dass er sich nicht mal erinnerte, ob DeeDee ihrem Namen Ehre gemacht hatte.

»Danke, dass Sie gekommen sind, Junge.« Der Besitzer der Seattle Chinooks näherte sich John von hinten und tätschelte ihm die Schulter.

»Ich glaube, wir hatten keine Wahl«, konterte John und schaute in Virgil Duffys faltiges Gesicht.

Virgil lachte und stieg weiter die breite Backsteintreppe hinab, in seinem silbergrauen Smoking der Inbegriff von Reichtum schlechthin. Unter der frühen Nachmittagssonne repräsentierte Virgil genau das, was er war: Mitglied des Clubs der reichsten fünfhundert Firmenbesitzer in den USA, Besitzer eines Profi-Eishockeyteams und ein Mann, der sich ein junges Trophäenweibchen kaufen konnte.

»Hast du ihn gestern Abend mit der Frau gesehen, die er heiratet?«

John warf seinem neuesten Teamkameraden Hugh Miner über die rechte Schulter einen Blick zu. Sportjournalisten hatten Hugh mit James Dean verglichen, sowohl was sein Aussehen betraf als auch sein rücksichtsloses Verhalten auf dem Eis und jenseits davon. Eigenschaften, die John an einem Mann schätzte. »Nein«, antwortete er, während er unter seinen Blazer griff und seine Ray-Bans aus der Brusttasche seines Oxford-Hemds zog. »Ich bin ziemlich früh gegangen.«

»Tja, sie ist ganz schön jung. Zweiundzwanzig oder so.«

»Hab schon gehört.« Er trat beiseite, um eine Gruppe älterer Damen vorbeizulassen, die ebenfalls die Treppe hinabstiegen. Da er selbst ein eifriger Schürzenjäger war, hätte er sich nie für einen selbstgerechten Moralisten gehalten, doch es hatte etwas Armseliges und leicht Krankes, wenn ein Mann in Virgils Alter eine fast vierzig Jahre jüngere Frau heiratete.

Hugh stieß John mit dem Ellbogen in die Seite. »Und Titten hat sie, dass man um Buttermilch betteln könnte.«

John setzte seine Sonnenbrille auf und lächelte die Damen an, die entgeistert zu Hugh zurückschauten. Seine Beschreibung von Virgils Verlobter war nicht gerade leise ausgefallen. »Du bist auf ’nem Bauernhof aufgewachsen, stimmt’s?«

»Ja, etwa fünfzig Meilen vor Madison«, sagte der junge Keeper stolz.

»Tja, das mit der Buttermilch würd ich an deiner Stelle nicht zu laut sagen. Frauen werden stocksauer, wenn du sie mit Kühen vergleichst.«

»Ja.« Hugh lachte und schüttelte den Kopf. »Was sieht sie deiner Meinung nach in einem Kerl, der so alt ist, dass er ihr Großvater sein könnte? Ich meine, sie ist schließlich nicht hässlich oder fett oder so. Sie sieht sogar echt gut aus.«

Mit seinen vierundzwanzig Jahren war Hugh nicht nur jünger als John, sondern offensichtlich auch sehr naiv. Er war auf dem Weg, der beste Keeper in der Profiliga zu werden, hatte aber die echt bedauerliche Angewohnheit, den Puck mit dem Kopf aufzuhalten. Nach seiner letzten Frage zu urteilen, brauchte er offensichtlich einen stabileren Schutzhelm. »Schau dich doch mal um«, antwortete John. »Soweit ich weiß, ist Virgil über sechshundert Millionen schwer.«

»Na ja, mit Geld kann man nicht alles kaufen«, grummelte der Keeper und schickte sich an, die Stufen weiter hinabzusteigen. »Kommst du mit, Wall?«, fragte er über seine Schulter.

»Nee«, antwortete John. Er ließ einen Eiswürfel in seinen Mund gleiten und warf das Becherglas in einen Topffarn, womit er der Pflanze dieselbe Geringschätzung erwies wie vorher dem Scotch. Er hatte sich gestern Abend auf der Party sehen lassen und sich auch heute blicken lassen. Er hatte sein Soll erfüllt, aber er blieb nicht bis zum bitteren Ende. »Ich hab ’nen Scheißkater«, erklärte er auf dem Weg die Treppe hinab.

»Wo fährst du hin?«

»In mein Haus in Copalis.«

»Mr. Duffy wird das nicht gefallen.«

»Schade aber auch«, lautete sein unbekümmerter Kommentar, als er um die zweistöckige Backsteinvilla zu seiner 1966er Corvette lief, die dort parkte. Vor einem Jahr hatte er sich das Kabrio selbst zum Geschenk gemacht, nachdem er an die Chinooks verkauft worden war und bei dem Seattler Eishockeyteam einen Vertrag über mehrere Millionen Dollar unterschrieben hatte. John liebte den leistungsfähigen Motor und die vielen PS. Er nahm sich vor, oben offen zu fahren, sobald er auf dem Freeway war.

Als er sich aus seinem blauen Blazer schälte, erregte das Aufblitzen von etwas Pinkfarbenem ganz oben auf der breiten Backsteintreppe seine Aufmerksamkeit. Er warf seine Jacke in den glänzend roten Wagen und hielt inne, als eine Frau in einem knappen pinkfarbenen Kleid durch die massive Flügeltür schlüpfte. Eine kleine beigefarbene Reisetasche knallte gegen das Hartholz, und eine Brise wehte Dutzende dunkler Korkenzieherlocken über ihre nackten Schultern. Sie sah aus, als sei sie von den Achseln bis zur Mitte der Oberschenkel in Satin eingeschweißt. Die große weiße Schleife, die am Dekolleté angenäht war, half wenig, um ihren Pin-up-Girl-Busen zu verhüllen. Ihre Beine waren lang und braun, und an den Füßen trug sie wacklige, riemenlose Stöckelschuhe.

»Hey, Mister, warten Sie«, rief sie ihm leicht atemlos und mit einem eindeutigen Südstaatenakzent zu. Die Absätze ihrer lächerlichen Schuhe machten leise klickende Geräusche, als sie etwas wacklig die Treppe heruntereilte. Ihr Kleid war so eng, dass sie seitlich gehen musste, und mit jedem Schritt drückten ihre Brüste gegen das Oberteil des Kleides.

John überlegte, ob er ihr raten sollte, lieber stehen zu bleiben, bevor sie noch hinfiel. Stattdessen verlagerte er sein Gewicht auf einen Fuß, verschränkte die Arme und wartete, bis sie auf der anderen Seite seines Wagens stehen blieb. »Sie sollten lieber nicht so rennen«, riet er ihr.

Unter perfekt gewölbten Brauen schauten ihn blassgrüne Augen an. »Sind Sie einer von Virgils Eishockeyspielern?«, fragte sie, trat aus ihren Schuhen und bückte sich, um sie aufzuheben. Dabei glitten glänzende dunkle Locken über ihre gebräunten Schultern und streiften ihr Dekolleté mit der weißen Schleife.

»John Kowalsky«, stellte er sich vor. Mit ihren vollen, »Küss mich, Daddy«-Lippen und den schräg stehenden Augen erinnerte sie ihn an die Lieblingssexgöttin seines Großvaters, Rita Hayworth.

»Ich muss hier weg. Können Sie mir helfen?«

»Klar. Wo wollen Sie hin?«

»Nur hier weg«, antwortete sie und warf ihr Reisetäschchen und die Schuhe in den Fußraum seines Wagens.

Ein Lächeln verzog seine Mundwinkel, als er sich in seine Corvette gleiten ließ. Er war nicht auf Gesellschaft eingestellt, aber dass Miss Januar in seinen Wagen sprang, war keine üble Schicksalswendung. Sobald sie auf dem Beifahrersitz saß, brauste er aus der kreisförmigen Zufahrt. Er fragte sich, wer sie war und warum sie es so eilig hatte.

»O Gott«, stöhnte sie, wandte sich um und starrte zurück zu Virgils rasch verschwindendem Haus. »Ich hab Sissy dort allein gelassen. Sie wollte ihren Strauß mit fliederfarbenen und pinkfarbenen Rosen holen, und ich bin einfach rausgerannt.«

»Wer ist Sissy?«

»Meine Freundin.«

»Sollten Sie an der Hochzeit teilnehmen?«, fragte er. Als sie nickte, nahm er an, dass sie Brautjungfer war oder irgendein Gast. Als sie an dichten Wänden aus Tannenbäumen, hügeligem Ackerland und pinkfarbenen Rhododendren vorbeirasten, musterte er sie aus den Augenwinkeln. Eine gesunde Bräune tönte ihre glatte Haut, und als John sie richtig anschaute, fiel ihm auf, dass sie hübscher war, als er zunächst geglaubt hatte – und jünger.

Sie wandte sich wieder nach vorn, und der Wind fuhr in ihr Haar und ließ es um ihr Gesicht und ihre geraden Schultern tanzen. »O Gott. Diesmal hab ich echt Mist gebaut«, stöhnte sie und zog die Vokale in die Länge.

»Ich könnte Sie zurückbringen«, bot er an und fragte sich, was passiert sein konnte, dass diese junge Frau ihrer Freundin weggelaufen war.

Sie schüttelte den Kopf, und ihre langen Perlenohrringe streiften die glatte Haut knapp unter ihrem Kiefer. »Nein, es ist zu spät. Jetzt ist es passiert. Ich meine, ich hab das schon mal gemacht … aber das … das ist die Krönung.«

John richtete sein Augenmerk wieder auf die Straße. Weibertränen kümmerten ihn nicht weiter, aber er hasste Hysterie, und er hatte den üblen Verdacht, dass sie gleich hysterisch würde. »Äh … wie heißen Sie?«, fragte er, in der Hoffnung, eine Szene zu vermeiden.

Sie atmete tief ein, versuchte, langsam wieder auszuatmen, und legte dabei die Hand auf den Bauch. »Georgeanne, aber alle nennen mich Georgie.«

»Nun, Georgie, wie heißen Sie mit Nachnamen?«

Sie befühlte ihre Stirn. Ihre sorgfältig gefeilten Nägel waren unten hellbeige und an den Rändern weiß lackiert. »Howard.«

»Wo wohnen Sie, Georgie Howard?«

»McKinney.«

»Liegt das südlich von Tacoma?«

»Meine Herren«, stöhnte sie, und ihr Atem ging schneller. »Ich kann es nicht glauben. Ich fasse es einfach nicht.«

»Müssen Sie sich übergeben?«

»Ich glaube nicht.« Sie schüttelte den Kopf und schnappte nach Luft. »Aber ich kann nicht atmen.«

»Hyperventilieren Sie etwa?«

»Ja – nein – ich weiß nicht!« Sie schaute ihn nervös mit feuchten Augen an. Ihre Finger krallten sich in den pinkfarbenen Satinstoff über ihren Rippen, und der Saum ihres Kleides rutschte an ihren glatten Oberschenkeln höher. »Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht glauben«, jammerte sie zwischen tiefen, hicksenden Atemzügen.

»Stecken Sie den Kopf zwischen die Knie«, instruierte er sie und schaute kurz auf die Straße.

Sie beugte sich leicht vor, richtete sich wieder auf und ließ sich zurück in den Sitz fallen. »Ich kann nicht.«

»Warum, zum Teufel, nicht?«

»Mein Korsett ist zu eng … Du lieber Himmel!« Ihre für Südstaatler typisch schleppende Sprache wurde lauter. »Diesmal hab ich’s richtig verbockt. Ich kann es nicht glauben …«, setzte sie die inzwischen bekannte Litanei fort.

John dämmerte langsam, dass es nicht die brillanteste Idee gewesen war, Georgeanne zu helfen. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und trieb die Corvette über eine Brücke, die sich über einen schmalen Streifen des Puget-Sounds spannte, sodass sie Bainbridge Island schnell hinter sich ließen. Grüntöne rasten vorbei, während die Corvette den Highway 305 auffraß.

»Das wird Sissy mir nie verzeihen.«

»An Ihrer Stelle würde ich mir um Ihre Freundin keine Sorgen machen«, meinte er, ein wenig enttäuscht, feststellen zu müssen, dass die Frau in seinem Wagen einen Sprung in der Schüssel hatte. »Virgil wird ihr was Hübsches kaufen, und alles ist vergeben und vergessen.«

Zwischen ihren Augenbrauen erschien eine Falte. »Das glaub ich nicht«, murmelte sie.

»Ganz bestimmt«, beharrte John. »Wahrscheinlich entführt er sie in ein schweineteures Hotel.«

»Aber Sissy mag Virgil nicht. Sie hält ihn für einen geilen alten Bock.«

Eine wirklich üble Vorahnung zwackte John im Nacken. »Ist Sissy denn nicht die Braut?«

Sie starrte ihn mit großen grünen Augen an und schüttelte den Kopf. »Das bin ich.«

»Das ist nicht lustig, Georgeanne.«

»Ich weiß«, jammerte sie. »Ich kann nicht glauben, dass ich Virgil am Altar versetzt habe!«

Das Zwacken in Johns Nacken schoss in seinen Kopf und erinnerte ihn an seinen Kater. Er trat abrupt auf die Bremse, und die Corvette schwenkte nach rechts und hielt am Rand des Highways. Georgeanne wurde gegen die Tür geschleudert und hielt sich mit beiden Händen am Griff fest.

»Großer Gott!« John schaltete auf Parken und riss sich die Sonnenbrille von der Nase. »Sagen Sie mir, dass Sie Witze machen!«, verlangte er und warf die Ray-Bans aufs Armaturenbrett. Er wollte nicht mal ansatzweise daran denken, was passieren würde, wenn er mit Virgils Ausreißerbraut erwischt würde. Andererseits musste er da nicht allzu scharf nachdenken. Er wusste, was passieren würde. Er wusste, dass er schneller an ein Verliererteam verhökert werden würde, als er sein Schließfach ausräumen konnte. Er spielte gern für die Chinooks. Er lebte gern in Seattle. Das Letzte, was er wollte, war ein Transfer.

Georgeanne richtete sich auf und schüttelte den Kopf.

»Aber Sie tragen gar kein Brautkleid.« Er fühlte sich übers Ohr gehauen und deutete anklagend mit dem Finger auf sie. »Was für eine Braut trägt denn kein verdammtes Brautkleid?«

»Das ist ein Brautkleid.« Sie griff nach dem Saum und versuchte, ihn züchtig über ihre Oberschenkel zu ziehen. Doch je mehr sie es zu den Knien zerrte, desto weiter rutschte es an ihren Brüsten herab. »Es ist bloß kein traditionelles Brautkleid«, erklärte sie, packte die große weiße Schleife und zog das Oberteil wieder hoch. »Virgil war schon fünfmal verheiratet und fand, ein weißes Kleid wäre geschmacklos.«

John holte tief Luft, schloss entsetzt die Augen und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er musste sie loswerden – und zwar schnell. »Sie wohnen südlich von Tacoma, stimmt’s?«

»Nein. Ich komme aus McKinney – McKinney, Texas. Bis vor drei Tagen war ich noch nie weiter nördlich als Oklahoma City.«

»Das wird ja immer besser.« Er lachte ironisch und wandte sich zu ihr, die dasaß wie ein Geschenk, das speziell für ihn eingewickelt worden war. »Ihre Familie ist doch sicher zur Hochzeit hergekommen, oder?«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

John runzelte die Stirn. »Natürlich.«

»Ich glaub, mir wird schlecht.«

John hechtete aus dem Wagen und rannte zur Beifahrerseite. Wenn sie kotzen musste, dann nicht in seiner funkelnagelneuen Corvette. Er riss die Tür auf und packte sie an der Taille, und obwohl John 1,96 Meter groß war, im Adamskostüm 102 Kilo wog und mühelos jeden Spieler gegen die Bande drängen konnte, war es kein leichtes Unterfangen für ihn, Georgeanne Howard aus dem Wagen zu hieven. Sie war schwerer, als sie aussah, und fühlte sich unter seinen Händen an wie in einer Suppenbüchse eingeschweißt. »Müssen Sie sich übergeben?«, fragte er ihren Scheitel.

»Ich glaub nicht«, antwortete sie und schaute mit flehendem Blick zu ihm auf. Er hatte genug Erfahrung mit Frauen, um eine Schmusekatze zu erkennen, wenn sie auf seinem Schoß landete. Er kannte die Exemplare der Sorte »Liebe mich, fütter mich, kümmer dich um mich«. Sie schnurrten und strichen einem um die Beine, waren aber zu nichts anderem nütze, als einen zum Heulen zu bringen. Er würde ihr helfen, dahin zu kommen, wo sie hinmusste, doch das Letzte, was er wollte, war, die Frau zu versorgen und zu verköstigen, die Virgil Duffy verschmäht hatte. »Wo kann ich Sie absetzen?«

Georgeanne fühlte sich, als hätte sie Dutzende Schmetterlinge verschluckt, und bekam kaum Luft. Sie hatte sich in ein Kleid gezwängt, das ihr zwei Nummern zu klein war, und konnte nur ganz flach atmen. Sie schaute in seine dunkelblauen Augen mit den dichten Wimpern und wusste, dass sie sich lieber mit einem Buttermesser die Pulsadern aufschneiden würde, als sich vor einem Mann zu übergeben, der so unerhört gut aussah. Die dichten Wimpern und die vollen Lippen hätten ihm einen leicht femininen Touch geben können, aber Fehlanzeige. Der Typ strahlte so viel Maskulinität aus, dass man ihn für nichts anderes halten konnte als für einen hundertprozentig heterosexuellen Mann. Georgeanne, die 1,77 Meter groß war und 64 Kilo wog – jedenfalls an guten Tagen, wenn ihr Körper gerade kein Wasser einlagerte –, kam sich neben ihm fast klein vor.

»Wo kann ich Sie absetzen, Georgie?«, fragte er sie noch einmal. Dabei fiel ihm eine Locke seines vollen braunen Haares in die Stirn und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine dünne weiße Narbe, die durch seine linke Augenbraue verlief.

»Ich weiß nicht«, flüsterte sie. Schon seit Monaten hatte sie eine schreckliche Last mit sich herumgetragen. Eine Last, von der sie so sicher geglaubt hatte, dass ein Mann wie Virgil sie ihr abnehmen konnte. Mit Virgil hätte sie nie mehr vor Steuereintreibern oder wütenden Vermietern davonlaufen müssen. Sie war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt und hatte versucht, für sich selbst zu sorgen, doch wie bei den meisten Dingen in ihrem Leben hatte sie versagt – und zwar kläglich. Sie war schon immer eine Versagerin gewesen. Sie hatte in der Schule versagt und bei jedem Job, den sie je hatte, und jetzt auch noch darin, sich selbst davon zu überzeugen, Virgil Duffy lieben zu können. Und an jenem Nachmittag, als sie vor dem Standspiegel stand und sich und das Hochzeitskleid, das er für sie ausgesucht hatte, darin betrachtete, hatte die Last auf ihrer Brust gedroht, sie zu ersticken, und sie wusste, dass sie Virgil nicht heiraten konnte. Nicht mal für das viele schöne Geld konnte sie mit einem Mann ins Bett steigen, der sie an den erfolglosen Präsidentschaftskandidaten H. Ross Perot erinnerte.

»Wo ist Ihre Familie?«

Sie dachte an ihre Großmutter. »Ich hab eine Großtante und einen Großonkel, die in Duncanville leben, aber Lolly kann wegen ihres Hexenschusses nicht reisen, und Onkel Clyde musste zu Hause bleiben und sich um sie kümmern.«

Er verzog die Mundwinkel nach unten. »Wo sind Ihre Eltern?«

»Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, aber sie hat schon vor einigen Jahren ihre letzte Reise in den Himmel angetreten«, antwortete Georgeanne und hoffte stark, dass er sie nicht nach ihrem Vater fragen würde, den sie nie gekannt hatte, oder nach ihrer Mutter, die sie nur einmal gesehen hatte, und zwar auf der Beerdigung ihrer Großmutter.

»Freundinnen?«

»Sie ist bei Virgil.« Allein beim Gedanken an Sissy bekam sie Herzrasen. Sie hatte sich solche Mühe gegeben, um das Outfit aller Anwesenden farblich auf die Lavendelbowle abzustimmen. Doch jetzt kam ihr die Koordination von Kleidern und gefärbten Pumps belanglos und albern vor.

Er verzog das Gesicht. »Natürlich.« Er nahm seine großen Hände von ihrer Taille und fuhr sich ratlos mit den Fingern durchs Haar. »Das klingt nicht so, als hätten Sie einen festen Plan.«

Nein, sie hatte keinen Plan, ob nun fest oder sonst wie. Sie hatte sich ihr Schminkköfferchen geschnappt und war aus Virgils Haus gerannt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wohin sie wollte oder wie sie dorthin kommen sollte.

»Oh, verdammt.« Er ließ die Hände sinken und schaute die Straße hinunter. »Dann sollten Sie sich schleunigst was überlegen.«

Georgeanne hatte das schreckliche Gefühl, dass John, wenn ihr in den nächsten zwei Minuten nichts einfiel, wieder in seinen Wagen springen und sie am Straßenrand stehen lassen würde. Sie brauchte ihn, wenigstens für ein paar Tage, bis sie wusste, was sie als Nächstes tun sollte, und deshalb tat sie, was bei ihr schon immer funktioniert hatte. Sie legte die Hand auf seinen Arm und beugte sich ein Stückchen zu ihm, gerade weit genug, um ihm das Gefühl zu geben, dass sie für alle Vorschläge offen wäre. »Vielleicht könnten Sie mir helfen«, säuselte sie mit ihrer sanftesten, in Bourbon eingeweichten Stimme, und rundete das Ganze mit einem »Du bist so ein großer starker Hengst, und ich bin so hilflos«-Lächeln ab. Georgeanne mochte in allen anderen Aspekten ihres Lebens eine Versagerin sein, aber im Flirten war sie sehr versiert und ein echter Knaller, wenn es ums Manipulieren von Männern ging. Verschämt senkte sie den Blick, dann schaute sie wieder in seine wunderschönen Augen. Dabei verzog sich ein Mundwinkel zu einem verführerischen Versprechen, das sie nicht einzuhalten gedachte. Sie strich mit den Handflächen über seine harten Unterarme, eine Geste wie eine Liebkosung, in Wahrheit aber ein rein taktisches Manöver, um sich gegen allzu flinke Hände zu schützen. Georgeanne hasste es, wenn Männer ihre Brüste betatschten.

»Sie sind eine echte Versuchung«, murmelte er, legte den Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich hoch. »Aber Sie sind den Preis nicht wert, den ich zahlen müsste.«

»Preis?« Eine kühle Brise wirbelte mehrere Spirallocken auf und ließ sie um ihr Gesicht tanzen. »Was meinen Sie damit?«

»Ich meine«, begann er, und schaute vielsagend auf ihre Titten, die an seine Brust gepresst waren, »dass Sie etwas von mir wollen und bereit sind, dafür vollen Körpereinsatz zu geben. Ich steh zwar genauso auf Sex wie alle Männer, aber meine Karriere sind Sie nicht wert, Schätzchen.«

Pikiert rückte Georgeanne von ihm ab und strich sich das Haar aus den Augen. Sie hatte in ihrem Leben schon diverse intime Verhältnisse gehabt, doch ihrer Meinung nach wurde Sex wirklich überbewertet. Männer schienen echt Spaß daran zu haben, aber für sie war die Prozedur schlicht und ergreifend peinlich. Der einzige Pluspunkt daran war, dass es nur drei Minuten dauerte. Sie hob trotzig das Kinn und schaute ihn an, als hätte er sie tödlich beleidigt. »Sie irren sich. So eine bin ich nicht.«

»Verstehe.« Er erwiderte ihren Blick, als wüsste er genau, was für eine sie war. »Sie geilen die Männer gezielt auf.«

Aufgeilen war ein so hässliches Wort. Sie sah es eher als Schauspielerei.

»Warum hören Sie nicht einfach mit dem Scheiß auf und sagen mir, was Sie wollen?«

»Okay«, gab sie nach und änderte ihre Taktik. »Ich brauche Hilfe, und ich brauche für ein paar Tage eine Unterkunft.«

»Hören Sie« – er seufzte und verlagerte sein Gewicht auf einen Fuß –, »da sind Sie an den Falschen geraten. Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Warum haben Sie mir Ihre Hilfe dann angeboten?«

Er kniff die Augen zusammen und antwortete nicht.

»Nur für ein paar Tage«, bat sie verzweifelt. Sie brauchte Zeit, um sich ihre nächsten Schritte zu überlegen – jetzt, wo sie ihr Leben total verkorkst hatte. »Ich mache Ihnen auch keine Umstände.«

»Das bezweifele ich«, meinte er finster.

»Ich muss mich mit meiner Tante in Verbindung setzen.«

»Wo ist Ihre Tante?«

»Daheim in McKinney«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Auf das Gespräch mit Lolly freute sie sich nicht gerade. Ihre Tante war wegen Georgeannes Hochzeitsplänen völlig aus dem Häuschen gewesen. Auch wenn Lolly nie so taktlos gewesen war, es offen auszusprechen, argwöhnte Georgeanne, dass ihre Tante fest mit teuren Geschenken wie einem Breitwandfernseher und einem elektrisch verstellbaren Bett gerechnet hatte.

John sah sie scharf an. »Scheiße, steigen Sie ein«, knurrte er und lief vorn um den Wagen herum. »Aber sobald Sie Kontakt zu Ihrer Tante aufgenommen haben, setze ich Sie am Flughafen oder am Busdepot ab oder wohin, zum Henker, Sie sonst müssen.«

Trotz seines alles andere als begeisterten Angebots vergeudete Georgeanne keine Zeit. Sie sprang in den Wagen und knallte die Tür zu.

Sobald John wieder am Steuer saß, schaltete er in den ersten Gang, und der Wagen schoss zurück auf den Highway. Das Geräusch von Reifen, die auf Asphalt trafen, übertönte das betretene Schweigen zwischen ihnen – wenigstens empfand Georgeanne es als betreten. John schien es überhaupt nichts auszumachen.

Sie hatte jahrelang Miss Virdie Marshalls »Schule für Ballett, Stepptanz und Benimm« besucht. Obwohl sie nie das Mädchen mit der besten Koordination gewesen war, hatte sie alle anderen mit ihrem Talent, jedermann überall und jederzeit mit ihrem Charme einzuwickeln, in den Schatten gestellt. Doch heute bereitete ihr das Probleme. John schien sie nicht zu mögen, was Georgeanne verblüffte, weil Männer sie immer mochten. Soweit sie es nach der kurzen Zeit beurteilen konnte, war er auch kein Gentleman. Er stieß so häufig Gotteslästerungen aus, dass es an Gewohnheit grenzte, und entschuldigte sich nicht mal dafür. Die Männer aus den Südstaaten, die sie kannte, fluchten zwar auch, baten aber normalerweise danach um Verzeihung. John dagegen schien nicht der Typ zu sein, der sich für irgendwas entschuldigte.

Sie drehte sich zu ihm und machte sich daran, John Kowalsky einzuwickeln. »Stammen Sie aus Seattle?«, fragte sie, wild entschlossen, dass er sie allerspätestens mögen würde, wenn sie am Ziel ankamen. Das würde alles viel einfacher machen. Denn auch, wenn er es noch nicht wusste: John würde ihr anbieten, eine Weile bei ihm zu wohnen.

»Nein.«

»Woher kommen Sie denn?«

»Saskatoon.«

»Woher?«

»Kanada.«

Ihr Haar flatterte ihr ums Gesicht, und sie raffte es mit einer Hand zusammen und hielt es an der Seite fest. »Ich war noch nie in Kanada.«

Keine Antwort.

»Wie lange spielen Sie schon Eishockey?«, fragte sie, in der Hoffnung, ihn zu einem netten Gespräch bewegen zu können.

»Schon mein ganzes Leben.«

»Und wie lange spielen Sie für die Chinooks?«

Er griff nach seiner Sonnenbrille auf dem Armaturenbrett und setzte sie auf. »Ein Jahr.«

»Ich hab mal ein Spiel von den Stars gesehen«, sagte sie und bezog sich damit auf das Eishockeyteam aus Dallas.

»Ein Haufen impotenter Memmen«, murmelte er, knöpfte sich an der Hand, mit der er steuerte, den weißen Ärmel auf und krempelte ihn hoch.

Nicht gerade ein nettes Gespräch, fand sie. »Haben Sie studiert?«

»Nicht so richtig.«

Georgeanne hatte keinen Schimmer, was er damit meinte. »Ich war auf der University of Texas«, log sie, um ihn für sich einzunehmen.

Er gähnte.

»Ich war sogar in der Kappa-Studentinnenverbindung«, log sie weiter.

»Ja? Und?«

Trotz seiner alles andere als begeisterten Reaktion fuhr sie unverzagt fort: »Sind Sie verheiratet?«

Er starrte sie durch seine Sonnenbrille an und ließ keinen Zweifel daran, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. »Wer sind Sie, der verdammte National Enquirer?«

»Nein. Ich bin bloß neugierig. Ich meine, wir werden einige Zeit zusammen verbringen, deshalb dachte ich, es wäre schön, nett miteinander zu plaudern und uns kennenzulernen.«

John richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße und machte sich an seinem anderen Ärmel zu schaffen. »Ich plaudere nicht.«

Georgeanne zerrte am Saum ihres Kleids. »Darf ich fragen, wohin wir fahren?«

»Ich hab ein Haus in Copalis Beach. Von dort aus können Sie Kontakt zu Ihrer Tante aufnehmen.«

»Ist das in der Nähe von Seattle?« Sie verlagerte ihr Gewicht auf eine Seite und zog weiter an ihrem Kleidersaum.

»Nee. Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, wir fahren nach Westen.«

Panik stieg in ihr auf, als sie weiter weg von allem fuhren, was ihr auch nur entfernt vertraut war. »Woher, zum Kuckuck, soll ich das wissen?«

»Vielleicht, weil wir die Sonne im Rücken haben.«

Das hatte Georgeanne nicht bemerkt, und selbst wenn, wäre ihr nicht im Traum eingefallen, die Himmelsrichtung nach dem Sonnenstand zu bestimmen. Sie brachte diesen Norden-Süden-Osten-Westen-Quatsch sowieso immer durcheinander. »Kann ich davon ausgehen, dass Sie in Ihrem Strandhaus ein Telefon haben?«

»Natürlich.«

Sie musste ein paar Ferngespräche nach Dallas führen. Sie musste Lolly anrufen, und sie musste Sissys Eltern kontaktieren und ihnen sagen, was passiert war und wie sie sich mit ihrer Tochter in Verbindung setzen konnten. Sie musste auch in Seattle anrufen und in Erfahrung bringen, wohin sie Virgils Verlobungsring schicken sollte. Ihr war zum Heulen, als sie auf den einzeln eingefassten, fünfkarätigen Diamanten an ihrer linken Hand blickte. Sie liebte den Ring, aber sie wusste, dass sie ihn nicht behalten konnte. Sie mochte skrupellos flirten und vielleicht sogar gezielt Männer aufgeilen, doch sie hatte ihre Prinzipien. Der Diamant musste zurück, aber nicht jetzt. Jetzt musste sie erst mal ihre Nerven beruhigen, bevor sie noch zusammenbrach. »Ich war noch nie am Pazifischen Ozean«, verkündete sie und spürte, wie sich ihre Panik etwas legte.

Er antwortete nicht.

Georgeanne hatte sich immer für ein perfektes Blind Date gehalten, weil sie das Blaue vom Himmel herunterreden konnte, besonders wenn sie nervös war. »Aber ich war schon oft am Golf von Mexiko«, legte sie los. »Als ich zwölf war, hat meine Oma mich und Sissy in ihrem großen Lincoln mitgenommen. Junge, war das ein Schlitten. Sissy und ich hatten uns gerade diese echt coolen Bikinis gekauft. Ihrer sah aus wie die amerikanische Flagge, und meiner war aus seidigem Bandana-Stoff. Das werde ich nie vergessen. Wir sind bis nach Dallas gefahren, nur um bei J. C. Penney’s diesen Bikini zu kaufen. Ich hatte ihn im Katalog gesehen und wollte ihn unbedingt haben. Jedenfalls stammt Sissy mütterlicherseits von den Millers ab, und die Miller-Frauen sind im ganzen Collin County für ihre breiten Hüften und ihre Elefantenbeine bekannt – nicht sehr attraktiv, aber trotzdem eine nette Familie. Einmal –«

»Läuft das auf irgendwas hinaus?«, unterbrach John sie.

»Ich wollte gerade darauf kommen«, erklärte sie und bemühte sich, freundlich zu bleiben.

»Bald?«

»Ich wollte nur wissen, ob das Wasser vor der Küste von Washington sehr kalt ist.«

John lächelte und warf ihr einen Blick zu. Dabei fiel ihr zum ersten Mal das Grübchen in seiner rechten Wange auf. »Sie werden sich Ihren Südstaatenhintern abfrieren«, verkündete er, bevor er auf die Konsole zwischen ihnen schaute und eine Kassette herausnahm. Er steckte sie in den Rekorder, und eine jammernde Harmonika setzte jedem Versuch, sich weiter zu unterhalten, ein Ende.

Notgedrungen richtete Georgeanne ihre Aufmerksamkeit auf die hügelige Landschaft, die mit Tannen und Erlen übersät und mit verwischten Flecken aus Blau, Rot, Gelb und natürlich Grün gesprenkelt war. Bis jetzt war es ihr relativ gut gelungen, sich von ihren Problemen abzulenken, aus Angst, von ihnen überwältigt und gelähmt zu werden. Doch ohne jede Ablenkung überrollten sie sie nun wie eine texanische Hitzewelle. Sie dachte über ihr Leben nach und darüber, was sie heute angerichtet hatte. Sie hatte einen Mann am Altar stehen lassen, und auch wenn die Ehe eine Katastrophe geworden wäre, hatte er das nicht verdient.

Ihr gesamtes Hab und Gut befand sich in vier Koffern in Virgils Rolls-Royce, wenn man mal von der Reisetasche im Fußraum von Johns Wagen absah, in die sie am Abend zuvor das Wichtigste für ihre Hochzeitsreise mit Virgil gepackt hatte.

Und nun war alles, was sie bei sich hatte, eine Geldbörse mit sieben Dollar und drei überzogene Kreditkarten, Kosmetikartikel, eine Zahnbürste und eine Haarbürste, eine Dose Haarspray, sechs »French Cut«-Slips mit passenden Spitzen-BHs, ihre Antibabypillen und ein Snickers.

Das war der absolute Tiefpunkt, sogar für Georgeanne.

ZWEI

Das Aufblitzen blauen, kristallklaren Sonnenlichts, wallendes Seegras und eine salzige Brise, die so intensiv war, dass man sie schmecken konnte, hießen Georgeanne an der Pazifikküste willkommen. Als sie den Hals reckte, um einen Blick auf das wogende blaue Meer und die schaumgekrönten Wellen zu erhaschen, bekam sie auf den Armen eine Gänsehaut.

Möwenschreie hallten durch die Luft, als John die Corvette in die Einfahrt eines unscheinbaren grauen Hauses mit weißen Fensterläden steuerte, auf dessen Veranda ein alter Mann in einem ärmellosen T-Shirt, grauen Polyester-Shorts und mit billigen Gummi-Badelatschen an den Füßen stand.

Sobald der Wagen rollend zum Stehen kam, öffnete Georgeanne die Tür und stieg aus – ohne Johns Hilfe abzuwarten, mit der sie sowieso nicht rechnete. Nach anderthalb Stunden Autofahrt schmerzte ihr Bustier so sehr, dass sie fürchtete, sich doch noch übergeben zu müssen. Sie zupfte züchtig den Saum des pinkfarbenen Kleids über ihre Oberschenkel und griff nach dem Reisetäschchen und ihren Schuhen. Als sie sich bückte, um ihre Füße in die pinkfarbenen Mules zu zwängen, stachen die Korsettstangen aus Metall ihr in die Rippen.

»Großer Gott, Junge«, knurrte der Mann auf der Veranda mit tiefer, rauer Stimme. »Schon wieder eine Tänzerin?«

Stirnrunzelnd brachte John Georgeanne zur Haustür. »Ernie, ich möchte dir Miss Georgeanne Howard vorstellen. Georgie, das ist mein Großvater, Ernest Maxwell.«

»Nett, Sie kennenzulernen, Sir.« Georgeanne reichte ihm die Hand und schaute dem alten Mann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Burgess Meredith hatte, ins Gesicht.

»Südstaatlerin … hmm.« Er wandte sich ab und verzog sich nach drinnen.

John hielt Georgeanne die Fliegentür auf, und sie betrat das Haus, dessen Einrichtung in eleganten Blau-, Grün- und Hellbrauntönen gehalten war, wodurch der Eindruck entstand, dass die Natur vor dem großen Aussichtsfenster ins Wohnzimmer geholt wurde. Alle Möbelstücke schienen ausgewählt zu sein, um mit dem Ozean und dem Sandstrand zu verschmelzen  – abgesehen von einem schwarzen Resopalsessel, der notdürftig mit silbernem Klebeband geflickt war, und zwei zerbrochenen Eishockeyschlägern, die wie ein zur Seite geneigtes X über einer mit Trophäen vollgestellten Vitrine hingen.

John nahm seine Sonnenbrille ab und warf sie auf den Couchtisch aus Holz und Glas. »Das Gästezimmer liegt am Ende des Flurs, die letzte Tür links. Das Bad ist rechts«, erklärte er, während er hinter Georgeanne zur Küche durchging. Er schnappte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und schraubte den Deckel ab. Während er die Flasche an die Lippen hob, lehnte er sich mit den Schultern gegen die geschlossene Kühlschranktür. Diesmal hatte er echt Mist gebaut. Er hätte sich nie darauf einlassen sollen, Georgeanne zu helfen, und sie, verdammt noch mal, nie mit zu sich nach Hause nehmen sollen. Das hatte er ursprünglich auch nicht gewollt, doch dann hatte sie zu ihm aufgeschaut und so verletzlich und verängstigt gewirkt, dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, sie am Straßenrand stehen zu lassen. Er hoffte nur, dass Virgil nie davon Wind bekam.

Er stieß sich vom Kühlschrank ab und schlenderte zurück ins Wohnzimmer. Ernie hatte sich in seinen Lieblingssessel plumpsen lassen und war total auf Georgeanne fixiert, die mit windzerzausten Haaren am Kamin stand; ihr knappes pinkfarbenes Kleid war verknittert. Sie wirkte erschöpft, doch Ernies Blick nach zu urteilen, fand er sie appetitlicher als ein »All You Can Eat«-Büfett.

»Stimmt was nicht, Georgie?«, fragte John und hob die Flasche an die Lippen. »Warum ziehen Sie sich nicht um?«

»Ich hab da ein kleines Problem«, sagte sie schleppend und schaute ihn an. »Ich hab nichts anzuziehen.«

Er deutete mit der Flasche. »Und was ist in dem Köfferchen?«

»Schminksachen.«

»Ist das alles?«

»Nein.« Sie warf Ernie einen verlegenen Blick zu. »Ich hab noch Unterwäsche und meine Geldbörse.«

»Wo sind Ihre Klamotten?«

»In vier Koffern in Virgils Rolls-Royce.«

Es sah so aus, als müsste er sie nicht nur verköstigen und beherbergen, sondern auch noch einkleiden. »Kommen Sie«, murmelte er, stellte sein Bier auf den Couchtisch und führte sie durch den Flur in sein Schlafzimmer. Er trat an die Frisierkommode und zog ein altes schwarzes T-Shirt und eine grüne Drawstring-Shorts aus den Schubladen. »Hier«, brummte er und warf die Klamotten auf die blaue Steppdecke auf seinem Bett, bevor er sich wieder zur Tür wandte.

»John?«

Sein Name auf ihren Lippen ließ ihn innehalten, doch er drehte sich nicht um. Er wollte den verängstigten Ausdruck in ihren grünen Augen nicht sehen. »Was ist?«

»Ich komm nicht allein aus dem Kleid raus. Ich brauche Ihre Hilfe.«

Als er sich umwandte, stand sie in einem goldenen Fleck Sonnenlicht, das durchs Fenster strömte.

»Ganz da oben sind ein paar kleine Knöpfe.« Sie deutete verlegen hin.

Sie wollte ihm also nicht nur sozusagen an die Wäsche, sondern auch noch von ihm ausgezogen werden.

»Die sind teuflisch glatt«, erklärte sie.

»Umdrehen«, befahl er barsch und trat auf sie zu.

Wortlos wandte sie ihm ihr Profil zu und schaute zum Spiegel über der Kommode. Zwischen ihren glatten Schulterblättern hielten vier winzige Knöpfe das Kleid zusammen. Sie raffte ihr Haar zur Seite und entblößte dabei knapp unter dem Haaransatz babyweiche Löckchen. Ihre Haut, ihr Haar, ihr Südstaatenakzent, alles an ihr war weich.

»Wie sind Sie da reingekommen?«

»Ich hatte Hilfe.« Sie schaute ihn im Spiegel an. John erinnerte sich nicht, je einer Frau aus den Kleidern geholfen zu haben, ohne danach mit ihr ins Bett zu steigen, aber er hatte nicht vor, Virgils Ausreißerbraut länger anzufassen als nötig. Daher machte er sich mit spitzen Fingern an ihr zu schaffen, bis eines der Knöpfchen aus seiner glatten Schlaufe glitt.

»Nicht auszudenken, was jetzt alle von mir halten müssen. Sissy hat ja versucht, mich vor der Heirat mit Virgil zu warnen. Ich dachte, ich könnte es durchziehen, aber ich konnte es nicht.«

»Finden Sie nicht, dass Sie schon früher zu diesem Schluss hätten kommen müssen?«, fragte er und ließ die Finger tiefer gleiten.

»Bin ich ja. Ich hab auch versucht, Virgil zu sagen, dass ich Zweifel habe. Gestern Abend hab ich versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er wollte nichts davon hören. Und dann hab ich das Silberbesteck gesehen.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, und eine weiche Korkenzieherlocke fiel auf ihren Rücken und strich über ihre weiche Haut. »Ich hatte mir als Muster ›Francis I‹ ausgesucht, und seine Freunde haben mir einen ganzen Haufen davon geschickt«, erzählte sie verträumt, als ob er wüsste, wovon, zum Henker, sie überhaupt sprach. »Oh – allein schon vom Anblick der vielen Früchte auf den Messergriffen bekam ich eine Gänsehaut. Sissy findet, ich hätte lieber Repoussé nehmen sollen, aber ich fand schon immer ›Francis I‹ toll. Schon als ich klein war …«

Johns Toleranzschwelle für solches Weibergeschwätz war nicht besonders hoch. Er wünschte, er hätte einen Kassettenrekorder und eine weitere Tom-Petty-Kassette zur Hand. Da er das nicht hatte, blendete er sie einfach aus. Man warf ihm oft vor, ein echter Scheißkerl zu sein, ein Ruf, den er für einen Aktivposten hielt. So brauchte er sich wenigstens keine Sorgen zu machen, dass Frauen auf die dämliche Idee kamen, eine feste Beziehung zu wollen.

»Da Sie schon mal hier sind, könnten Sie mir auch den Reißverschluss aufmachen? Jedenfalls«, fuhr sie fort, »hab ich vor Freude fast geweint, als ich die Gurkengabeln gesehen hab und die Grapefruit-Löffel und …«

John sah sie im Spiegel böse an, doch sie achtete nicht auf ihn. Ihr Blick war auf die große weiße Schleife gerichtet, die an ihrem Dekolleté angenäht war. John griff nach dem kleinen Metallanhänger, und als er daran zog, wurde ihm klar, warum Georgeanne Probleme beim Atmen hatte. Unter dem klaffenden Reißverschluss des Hochzeitskleids hielten silberne Haken ein Mieder zusammen, das John sofort als Bustier identifizierte. Das Korsett aus pinkfarbenem Satin, Spitze und Stahl schnitt tief in ihre weiche Haut.

Sie griff nach der Schleife und hielt sie über ihren großen Brüsten fest, damit ihr das Kleid nicht runterrutschte. »Das Silberbesteck mit meinem Lieblingsmuster ist mir wohl zu Kopf gestiegen, und dann hab ich mich von Virgil überzeugen lassen, dass ich nur Muffensausen hatte. Und ich wollte ihm auch wirklich glauben …«

John war mit dem Reißverschluss fertig und verkündete: »Das war’s.«

»Oh.« Sie schaute im Spiegel zu ihm auf und senkte den Blick rasch wieder. Ihre Wangen röteten sich, als sie fragte: »Könnten Sie mir mein äh … äh, Ding zur Hälfte aufmachen?«

»Ihr Korsett?«

»Ja, bitte.«

»Ich bin nicht die verdammte Kammerzofe«, schimpfte er und machte sich noch einmal daran, an den Haken und Ösen zu zerren. Während er sich an den winzigen Verschlüssen zu schaffen machte, streiften seine Fingerknöchel über die rosafarbenen Male auf ihrer Haut. Ein Schauder durchfuhr sie, und sie stöhnte lustvoll auf.

Überrascht blickte John in den Spiegel und hielt inne. Normalerweise sah er solche Ekstase im Gesicht einer Frau nur, wenn er tief in ihr vergraben war. Ein schneller Fausthieb aus Lust traf ihn im Unterleib. Die Reaktion seines Körpers auf die Glückseligkeit in ihren Augen und auf ihren Lippen irritierte ihn.

»O Gott.« Sie atmete tief durch. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wunderbar sich das anfühlt. Ich hatte nicht vor, dieses Kleid länger als eine Stunde zu tragen, und jetzt waren es drei.«

Sein Körper konnte gern auf eine schöne Frau reagieren – er würde sich sogar Sorgen machen, wenn es nicht so wäre –, doch er hatte nicht vor, deshalb aktiv zu werden. »Virgil ist ein alter Mann«, knurrte er und gab sich keinerlei Mühe, die Irritation in seiner Stimme zu verbergen. »Wie, zum Teufel, hätte er Sie da wieder rauskriegen sollen?«

»Das war nicht nett«, flüsterte sie.

»Erwarten Sie keine Nettigkeiten von mir, Georgeanne«, warnte er sie und zerrte ungehalten an diversen weiteren Haken. »Sonst enttäusche ich Sie nur.«

Sie schaute ihn prüfend an und ließ ihr Haar über ihre Schultern gleiten. »Ich glaube, Sie könnten nett sein, wenn Sie wollten.«

»Stimmt«, antwortete er und fuhr mit den Fingerspitzen über die Male auf ihrem Rücken. Doch bevor er die Reizung ihrer Haut mit seiner Berührung lindern konnte, ließ er die Hand sinken. »Wenn ich wollte«, murmelte er, verließ das Zimmer und schloss mit Nachdruck die Tür hinter sich.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Simply Irresistible« bei Avon Books, an Imprint of HarperCollins Publishers, New York.

1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung September 2008

Copyright © der Originalausgabe 1998 by Rachel Gibson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Getty Images/Image Source Pink Redaktion: Ilse Wagner KS · Herstellung: Str. Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

eISBN 978-3-641-10174-9

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