Liebe kann man nicht googeln - Julia K. Stein - E-Book
Beschreibung

Lena ist 33 Jahre und ganz frisch Single. Sie schreibt für das Frauenmagazin »Grace« - jedenfalls wenn sie nicht gerade googelt, im Internet shoppt oder Facebook durchkämmt. Um ihren Traummann Björn zu beeindrucken, muss eine neue Lena her: eine ernsthafte Journalistin mit perfektem Styling, die Bergsteigen liebt statt Blaubeer-Muffins. Leider hat diese Frau nichts mit der echten Lena gemein. Björn verliebt sich dennoch in sie, aber wie lange kann das gut gehen? Hat Lena ihre Chance vergoogelt?

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Seitenzahl:522

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Julia K. Stein

Liebe kann man nicht googeln

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

Herstellung / E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © eringii – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4276-6

Willkommen auf Lenas Blog

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Herzlichen Glückwunsch! Wenn du diese Zeilen liest, hast du bereits bewiesen, dass du überdurchschnittlich intelligent und einigermaßen wohlhabend bist. Du kommst weder aus einem Entwicklungsland noch bist du Friseurin – das hat nämlich eine Umfrage letztens über Blogleser herausgefunden. Ich kann mir allerdings auch nicht erklären, warum gerade Friseure keine Blogs lesen. Außerdem sind Blümchen am Rand, also keine Angst, es wird nicht zu tiefschürfend. Ich konnte keine ähnlichen Statistiken über Blogschreiber finden. Aber das ist vielleicht auch gut so. Lehn dich zurück, trink einen Schluck Wein und genieße deinen Wohlstand.

21. Juni, 10:01 Uhr

OH MEIN GOTT! Noah Becker, Boris’ Sohnemann, hat 4.984 Freunde auf Facebook. Ich habe sechs (6) Freunde auf Facebook, wobei zwei davon nur Bekannte sind, mit denen ich nichts gemeinsam habe, außer dass wir auf Facebook ein Konto haben. Wie man so unfassbar wenige Facebook-Freunde haben kann, obwohl man doch die Mühe der Anmeldung irgendwann auf sich genommen hat? Dies liegt an der sozialen Verwahrlosung, die mit einer elfjährigen Beziehung einhergeht, die zehn Jahre lang in komatösem Schlaf beziehungsweise Beischlaf – die Grenzen waren fließend – auf einem schwarzen Ledersofa in München-Denning stattfand. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Sex mit Karsten ist gar nicht so langweilig gewesen. Vor allem dann nicht mehr, nachdem wir gemerkt haben, dass wir uns beide nur so beeilten, damit wir den Fernseher wieder anschalten konnten. Wir sind später dann dazu übergegangen, den Fernseher gar nicht erst auszuschalten, und dann ist es automatisch weder stressig noch langweilig gewesen. Außerdem konnte man *danach* immer besser schlafen. Ganz ehrlich, ich glaube, das ist bei den meisten so, nur traut sich niemand, das zuzugeben. Mein Tipp im Rahmen dieses vertraulichen Blogs: Fernseher anlassen.

Ich habe unter den 265 (!) Facebook-Freunden von Charlotte, meiner besten Freundin hier bei Grace, immerhin ein paar vage vertraute Gesichter entdeckt und angefragt, ob sie *mein Freund* sein wollen. Drückt mir mal die Daumen, dass sie zusagen. Außerdem habe ich Noah Becker eine Freundschaftsanfrage geschickt. Auf einen mehr oder weniger kommt es bei dem doch wirklich nicht an. Ich mache jetzt die gesetzlich vorgeschriebene Frühstückspause und genehmige mir etwas Gemüse in Form eines Karottenkuchens. Ich werde mich jetzt gesünder ernähren. In diesen elf Jahren auf dem schwarzen Ledersofa hat sich nämlich eine Menge Beziehungsspeck angesammelt.

PS: Ich bin natürlich nicht völlig verpeilt und weiß, dass es gesünder wäre, Karotten-Rohkost statt Karotten-Kuchen zu essen. Aber Karotten-Kuchen ist immer noch besser als zwei Maxi-Tüten frittierte Chips mit glasigen Augen beim Tatort. Ich will ja nur dünner, nicht depressiv werden.

12:13 Uhr

Seit wir letzten Freitag erfahren haben, dassGracevon einem Investor gekauft worden ist, demonstrieren alle maximale Geschäftigkeit durch verbissenes Einhämmern auf die Tastatur. Nur gelegentlich raschelt eine Bäckereitüte, wenn ein Puddingteilchen in den Mund geschoben und mit kostenlosem Bürokaffee heruntergespült wird. Falls telefoniert wird, dann nur mit lauter Stimme, um sich bei jemandem oder über jemanden zu beschweren und die eigene gehobene Position in der Hackordnung zu manifestieren. Privat zu telefonieren ist in unserem Büro sowieso kaum möglich, weil jeder mithören kann – ein modernes Großraumbüro eben. Sogar Marie, die sonst ungeschminkt und mit einer Tüte Obst ins Büro kommt, um dann auf dem Klo gemütlich ihren Obstsalat zu schnippeln und Eyeliner aufzutragen, hat bisher keine Pause gemacht. So eine unterwürfige Arbeitnehmer-Panik ist mir fremd. Da ich mit meiner Arbeit für heute schon fertig bin, gestehe ich mir zu, an meinem neuen Blog zu arbeiten. Wenn ich das Internet nutze, störe ich schließlich niemanden in seinem Arbeitsrausch und nutze meine kostbare Lebenszeit dazu, aktiv an der barrierefreien Kommunikationsgemeinschaft teilzunehmen und anderen zu ermöglichen, an meinem Leben teilzuhaben. Gerade hat mir Charlotte, die eine Etage tiefer sitzt, eine Facebook-Message geschrieben und mich an den Junggesellinnenabschied von Caro auf Sylt erinnert. Warum wir, obwohl wir in München wohnen, für einen Junggesellinnenabschied nach Sylt gurken müssen, ist eines dieser Mysterien. Die Norddeutschen schmeißen sich bei ähnlicher Gelegenheit in Tracht und kommen auf eine bayrische Alm, wir kieken mit einem Jever in der Hand in die norddeutsche Brandung. Ich verstehe ebenfalls nicht, warum Charlotte mir jetzt eine Facebook-Message schreibt, statt einer normalen E-Mail. Bis vor zwei Wochen hat sie normale E-Mails geschrieben oder über das Bürotelefon angerufen. Aber seit ich meinen Facebook-Account reaktiviert habe, muss ich jetzt noch einmal mehr klicken, um die Message zu lesen. Außerdem kann ich bald kein Deutsch mehr.

13:12 Uhr

Wuupsi! Gerade kam Cordula, die Ressortleiterin, und ich konnte meinen Bildschirm nur in allerallerletzter Sekunde schließen. Sie wollte kontrollieren, ob ich an dem Portrait von dieser Pole-Tänzerin arbeite und nicht Flüge buche, Schuhe bestelle oder Trailer anschaue – von meinem neuen Blog weiß sie nichts. Dabei ist das Portrait schon fertig, aber es kann ja nicht der Lohn meiner Effektivität sein, dass ich mehr machen muss als die anderen. Cordula blickt vor allem deshalb so sauertöpfisch drein, weil ich dieses saucoole Kleid anhabe. Ich habe die Etiketten hinten festgeklebt, weil ich es noch zurückschicken wollte, da es 390 Euro kostet (Designerteil, aber totales Must-have). Aber so wie Cordula geschaut hat, werde ich es behalten müssen. In so einem Kleid ist man plötzlich eine dieser Frauen, die ich immer beneidet habe. Ehrlich gesagt war ich mein ganzes Leben davon ausgegangen, dass ich mir ab dreißig solche Kleider locker leisten kann, was sich bisher alles andere als bewahrheitet hat. Doch mit dem neuen Investor werden die Karten neu gemischt. Hoffentlich kann mir mein Vater bis dahin unter die Arme greifen. Unser MagazinGracesoll nämlich mit Rowe Media Invest einen Relaunch erhalten, den unser Blatt dringend nötig hat. Ich habe schon eine Präsentation mit meinen Vorschlägen vorbereitet. Es müssen ein paar niveauvollere Themen rein, dann könnte ich auch meinem Vater endlich mal wieder einen Artikel von mir schicken. Ich habe mit ein paar Leuten vom Relaunch-Team gesprochen und sie waren ganz meiner Meinung und haben kodiert angedeutet, dass das für mich auf einen verantwortungsvolleren Posten aka mehr Kohle hinauslaufen wird. Schließlich sind nicht alle Frauen dumpfe Shopping-Automaten, die nur Hollywood-News, High Heels, Augenbrauen-Styling und Orgasmus-Techniken im Kopf haben. Natürlich interessiert mich das auch. Aber erstens lese ich dasheimlichund zweitens kann das ja nichtallessein, und drittens muss man zumindestversuchen, geistig nicht völlig zu verwahrlosen.

24. Juni, 9:13 Uhr

Hallo, ihr da draußen! Ich habe gerade etwas Schreckliches getan: Ich habe mir meine Blog-Statistiken angeschaut. Mit deren Hilfe kann man sehen, wie viele Leute meinen Blog lesen. Vielleicht sollte ich nicht mehr ›Hallo, ihr‹ schreiben, sondern eher ›Hallo, du‹? Das Ergebnis sah folgendermaßen aus:

Abrufe: 31 (Eigene Abrufe: 30)

Ich werde *sofort* daran arbeiten, den Blog noch interessanter zu gestalten. Um alle treuen und neuen Blogleser zu belohnen, werde ich deshalb eine Live-Berichterstattung von Caros Junggesellinnenabschied auf Sylt anbieten. Charlotte hat allerdings gerade mitgeteilt, dass jeder 100 Euro für den Junggesellinnenabschied beisteuern muss. Meine Güte, sind das alle Krösusse? Ich meine Krösi? Muss das kurz googeln.

12:15 Uhr

Gerade gegoogelt und bin am Durchdrehen. Wo ich gerade dabei war, wollte ich schnell noch wissen, ob es sein kann, dass ich von Karsten schwanger bin, obwohl ich nach unserem allerletzten und sozusagen abschließenden Schlaf/Beischlaf auf der Couch schon einmal meine Tage hatte. Und das Schockierende ist: Jawohl. Das ist absolut möglich! Ich bin diesen Monat nämlich sehr spät dran. Aber jetzt kommt’s: Vielleicht bin ich gar nicht schwanger, denn die gleichen Symptome weisen auch auf eine verfrühte Menopause hin. So etwas gibt es nämlich schon mit 33! Ich muss diese Informationen jetzt ganz schnell verdrängen. Eine Kokosnuss kann man übrigens ganz leicht knacken, wenn man auf die richtige Stelle klopft (es sind drei Punkte drauf, die ein Gesicht bilden, einfach auf den Mund schlagen). Die frische Milch ist laut Gwyneth Paltrow wahnsinnig nahrhaft. Außerdem ist sich im Internet niemand einig, wie Krösus eigentlich im Plural lauten muss. Aber bei Scrabble ist es ein unzulässiges Wort. Man erfährt bei einer einfachen Suche immer viel mehr, als man überhaupt wissen wollte – und schwups sind alle Gehirnzellen blockiert. Das ist so ein Dauerproblem bei mir. Erschwerend kommt hinzu, dass ich ein fotografisches Gedächtnis besitze, wenn es um Hollywood geht und entsprechend über ein unverhältnismäßig großes Wissen an Tratsch verfüge. Eine Begabung, die mir in die Wiege gelegt wurde wie anderen Leuten das absolute Gehör. Aus mir unerklärlichen Gründen kann ich mir die Namen von Heidi Klums Kindern und ihren Brüsten merken – sogar die der internationalen Sprösslinge von Angelina und Brad – und weiß, wie viele Paar Schuhe Suri Holmes Cruise in ihrem pinken Kleiderschränkchen verstaut hat, habe aber Probleme, vier Ministerpräsidenten aufzuzählen. Alles, was farbig und hochglänzend in großformatigen Magazinen präsentiert wird, brennt sich ohne Zeitverzögerung unlöschbar in mein Hirn. Und dann ist für die Tagesschau keine Gehirnzelle mehr frei. Sobald die vorbei ist, verpuffen die afrikanischen Hauptstädte und die Namen aller politischen Führer aus dem Nahen Osten. Dies ist ein ernsthaftes Handicap, wenn man seit Urzeiten seine Zukunft als meinungsmachende, politische Journalistin sieht. Außerdem ist aufgrund dieser aufwendigen Recherche schon Mittagspausenzeit. Man kommt einfach zu nichts. In Kürze geht’s heute immerhin ab nach Hause. Ich muss noch meine Strandtunika, große Sonnenbrille und Jil Sander Sun einpacken. Nicht, dass ich mir irgendetwas von einem profanen Junggesellinnenabschied erwarte. Ich bin erst ganz frisch Single und von Natur aus eher zurückhaltend und werde beschämt zusehen müssen, wie die Mädels auf diesem Junggesellinnenabschied auf Knopfdruck zu den vulgärsten Flittchen mutieren. Ich wette Charlotte hat eine Familienpackung Kondome in ihr rotes Portemonnaie gequetscht. Ich verspreche, meinen treuen Lesern keine peinlichen Details vorzuenthalten.

12:38 Uhr

Warte mal:DreiMinisterpräsidenten, fürchte ich.

25. Juni, 9:20 Uhr

Sitze gerade im Zug nach Sylt, weil der Flug zu teuer war und versuche Zwiebelgeruch der Döner-essenden Person neben mir durch konzentriertes Arbeiten in Vergessenheit geraten zu lassen. Habe Zwischenstopp in Köln eingelegt, um meinen Vater zu besuchen, seine neue Single-Wohnung am Ubierring zu begutachten und mich zu versichern, dass er nicht verhungert. Mein Vater weiß weder ob man Nudeln in Wasser oder in Öl kocht, noch ob ein Spiegelei gebraten oder gedünstet wird. Er ist damals direkt von seiner Mutter zu meiner Mutter gezogen und wohnt nun mit 63 Jahren zum ersten Mal allein. Er wäre nie gegangen, wenn meine Mutter ihn nicht auf für ihn unverzeihliche Weise betrogen hätte. Zugegebenermaßen bin ich auch hingefahren, um mir etwas Geld von ihm zu leihen. Zu meiner Erleichterung sah er einigermaßen lebendig aus, als er die Birkenfurnier-Tür seiner neuen Wohnung öffnete. Er ist sehr dünn und durch seine Größe entsprechend schlaksig, aber das war er schon immer. Er lächelte zurückhaltend, drückte mich vorsichtig und küsste mit trockenen Lippen meine Wange. Sein gesamtes Verhalten trägt den leicht autistischen Zug der Männer einer Generation, bei der Gefühle-Zeigen unmännlich ist. Aus der Nähe roch er etwas schal, aber nicht übermäßig muffig. Sein Teint war blass und seine blauen Augen blinzelten, als hätte er schon länger nicht in den hellen Flur geschaut, aber immerhin war er nicht aufgedunsen und teigig wie ich während des Studiums, als ich neben dem Chinesen wohnte, der später wegen Hygieneproblemen schließen musste.

»Geht’s Karsten und dir gut?«, fragte er, als wir kurz darauf mit unseren Kaffeetassen verlegen voreinander saßen. Er wich meinem Blick aus, während er die Frage stellte und schabte mit dem Finger an einem imaginären Fleck auf der grauen Tischplatte. Mein Vater und ich haben in den letzten 20 Jahren keine persönlichen Gespräche geführt und sind damit eigentlich ganz gut gefahren. Wir mögen uns auch, ohne viel zu reden, und so ersparen wir uns peinliche Momente und jede Art von Generationenkonflikt. Fragen dieser Art hat bisher nur meine Mutter gestellt, aber wahrscheinlich dachte er, dass ich jetzt dergleichen von ihm erwartete, da meine Mutter nicht am Tisch saß.

»Ja, natürlich«, antwortete ich, um ihn nicht vollständig aus der Fassung zu bringen. Außerdem hätte ich möglicherweise heulen müssen, wenn ich ihm erzählt hätte, dass ich es endlich geschafft habe, mich von Karsten zu trennen, beziehungsweise dass Karsten es endlich geschafft hatte, dass ich mich von ihm trennen musste, damit ich schuld war. Meine Freundinnen betrachten das als Sieg, ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht zu früh aufgegeben habe. Meine Freundinnen kennen schließlich nur die Version, die ich erzähle, wenn ich sauer bin. Natürlich kommt Karsten in der Geschichte immer besonders schlecht weg. Aber manchmal ist es auch ganz nett gewesen. Ich habe im Bett nicht so kalte Füße gehabt und ein lebendiger Körper im selben Bett übt eine beruhigende Wirkung aus und wehrt Albträume ab. Menschen, die Hunde haben, leben doch ebenfalls länger, das ist schließlich wissenschaftlich bewiesen. Aber darüber konnte ich nun wirklich nicht mit meinem Vater reden, vor allem, wo er jetzt selbst allein ist. Mit so einer geballten Ladung Gefühle hätte keiner von uns beiden umgehen können. Deshalb stand ich auf und durchsuchte den Kühlschrank nach Milch. Der Kühlschrank hatte Camping-Größe und der Inhalt des Kühlschranks war mehr als übersichtlich, sodass ich die Suche künstlich ausdehnen musste.

»Und, bei dir, Papa?«, fragte ich in den Kühlschrank hinein. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er an seiner zierlichen neuen Tasse nippte, um Zeit zu schinden. In Papas Generation schüttet man Kaffee nicht in Halbliter-Bechern in sich rein. Ich trank schon die dritte Tasse, um überhaupt auf Pegel zu kommen.

»Ja«, sagte er dann. So, als würde jetzt noch was kommen, aber es kam nichts. Er trank langsam noch einen weiteren Schluck Kaffee und ich stellte eine extra kleine Tüte H-Milch auf den Tisch, wie alleinstehende Senioren sie kauften. Ich merkte, wie meine Augen feucht wurden. »Die ist neu«, bemerkte mein Vater mit Blick auf die Kaffeemaschine. »Man verschwendet viel weniger Kaffee, weil man nicht immer zu viel macht, den man wegschütten muss. Schmeckt doch lecker, nicht?«

Ich hatte nicht gewusst, dass ein Kaffeekapsel-Automat zu seinen nicht ausgelebten Träumen gehörte. Mir fiel vor allem der Fleck auf seinem gestreiften Hemd auf. Ich hoffe, er wird in Zukunft nicht verwahrlosen. Seine Haare hätten ebenfalls eine Shampoonierung vertragen.

»Ja, ist wirklich köstlich«, sagte ich schnell, wobei mir jeder Kaffee schmeckt, wenn er stark ist. Aber er blickte mich immer noch erwartungsvoll an, als wäre er an meiner ehrlichen Meinung zur Kaffeequalität interessiert, als wäre das ein brennendes Thema. Über seinen Auszug aus Köln-Rodenkirchen und die Gründe dafür hatten wir hingegen noch überhaupt nicht gesprochen. Ich sammelte also all meinen Mut und fügte hinzu: »Mama kommt schon wieder zur Vernunft. Sie hätte nie gedacht, dass du wirklich ausziehst. Sie wird sich entschuldigen und du kannst zurück.«

»Mmmh«, brummt er. Ein Ausdruck, der keinerlei beziehungsweise jede Interpretation zuließ.

Eigentlich bin ich mir sicher, dass mein Vater in ein paar Wochen zurück zu meiner Mutter ziehen würde. Was soll er in so einer deprimierenden Wohnung allein überhaupt machen? Er hat genau zwei Stühle gekauft, als würde er gar nicht damit rechnen, mehr Besuch zu kommen. Es gibt keinerlei gemütliches Gedöns, keinen sentimentalen Nippes, der herumstand. Das Apartment ist so unpersönlich wie ein Hotelzimmer, ein billiges Hotelzimmer in Bochum oder Oberlohberg. Außerdem kann man sich nach 35 Jahren nicht einfach wegen eines misslungenen Physik-Experiments trennen.

»Deine Wohnung ist aber wirklich gemütlich«, sagte ich, weil wir schon wieder von einem unangenehmen Schweigen eingehüllt zu werden drohten und mir partout kein unverfängliches Thema einfallen wollte.

»Ja, findest du?«, fragte er unsicher. Er schob mir einen Teller mit Butterkuchen hin. Den hatte meine Oma früher immer gebacken. Bei Anblick der gezuckerten Mandelsplitter schossen mir aus unerklärlichen Gründen schon wieder Tränen in die Augen und ich tat so, als hätte ich eine Wimper im Auge. »Ja, so … so modern irgendwie. Luftig.«

»Ach, ich sollte wohl noch einen Teppich besorgen. Was macht der Journalismus? Hattest du nicht etwas für die Small World geschrieben? Ich habe mir die letzten Ausgaben alle gekauft und habe diese Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland gelesen. Das war doch dein Artikel, oder? Ich lasse mich von den Pseudonymen nicht täuschen. Ich erkenne deinen Stil.«

Es stimmt, dass ich mal etwas für die Small World schreiben wollte. Ich hatte sogar eine Gliederung entworfen. Aber dann war mir der Artikel ›Trend: Edles Sexspielzeug‹ für die Grace dazwischengekommen, der seinen Erwartungen von Journalismus weniger entsprach und dann war das irgendwie untergegangen.

»Mmh«, brummte ich vage, mir seine Kommunikationsstrategie aneignend.

»Ich wusste es«, nickte er. »Ich bin so stolz auf dich.«

Mein Vater hat leider ein völlig falsches Bild von mir und meinen Fähigkeiten.

Er räusperte sich. »Ich wusste, dass du mal eine echte Journalistin werden würdest. Dann kannst du auch bald bei dieser Frauenzeitschrift aufhören. Ich weiß gar nicht, wer das Zeug lesen soll.«

»Papa, das lesen viele Frauen. Grace ist gar nicht so schlimm. Und demnächst wird sie neu gestaltet. Da kommen dann noch mehr Artikel mit Niveau rein.«

Ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wieder Artikel drin sind, die ich ihm mit guten Gewissen zeigen kann.

Ich hatte mir außerdem eine komplizierte Geschichte zurechtgelegt, um ihn zu fragen, mir etwas Geld zu leihen. Der Kernpunkt war, dass ich mir etwas von Karsten geliehen hätte, was ich in zwei Wochen wiederbekäme. Aber während ich versuchte, die vielschichtige Geschichte, die ich mir gestern Abend im Bett ausgedacht hatte, wieder zusammenzubekommen, räusperte sich mein Vater.

»Das ist vielleicht etwas ungewöhnlich, Lena«, sagte er, und betrachtete dabei noch einmal ganz genau seine Kaffeetasse, »aber könntest du mir eventuell etwas Geld borgen? Es wäre nur für einen kurzen Zeitraum, aber ich habe gerade all diese Möbel gekauft«, er nickte in den leeren Raum hinter sich. »Dann war da noch die Kaution und meine Bankkarte ist verloren und jetzt muss ich eine neue beantragen und dann hatte ich deiner Mutter noch Geld gegeben …«

»Klar«, unterbrach ich ihn, als ich mein Erstaunen unter Kontrolle bekam, um diesen unangenehmen Moment für uns beide so schnell wie möglich zu beenden. »Wie viel brauchst du denn?« Meine Stimme quietschte etwas bei dieser Frage und ich räusperte mich schnell, um meine Souveränität wiederzugewinnen.

»Also, nicht soo viel, also, ich meine, vielleicht ungefähr, sagen wir mal, 2.000 Euro?«

»2.000 Euro?«, wiederholte ich betreten.

»Also natürlich nur, wenn das für dich kein Problem ist«, fügte er hinzu, allerdings mit Panik in den Augen. »Ist ja nicht für so lange. Bis ich das alles geklärt habe. Ich will deine Mutter nicht fragen, wo das Geld von unserem gemeinsamen Konto ist.«

»Ach, natürlich, Papa, kein Problem«, beruhigte ich ihn, weil es ihm offensichtlich unsagbar peinlich war, von seiner Tochter Geld zu leihen. Peinlicher als es mir gewesen wäre, mir von ihm Geld zu leihen, wie ich beklommen feststellen musste. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Mutter ihm sein Geld weggenommen hatte, das muss sie mit Absicht getan haben.

»Ach, Häschen, weiß du was?« Meine Zusage hatte eine enorme Erleichterung bei ihm ausgelöst. »Ich wäre auch gern noch mal so jung wie du.« Bei diesem Geständnis fuhr er sich verlegen durch die strähnigen, grauen, aber immer noch sehr vollen Haare, als würde er etwas sehr Intimes preisgeben. »Dann würde einem alles nicht so viel ausmachen.«

»Aber du bist doch noch ganz jung!«, entgegnete ich betont fröhlich. »Du siehst viel besser aus als letztes Jahr.« Das traf bedingt sogar zu. Sein Hemd zierte zwar dieser breiige gelbe Fleck und der Kord seiner Hose war an einigen Stellen glänzend gerieben, dafür wirkte er entspannter und hatte nicht mehr dieses komische zittrige Bein.

»Wenn ich in den Spiegel schaue, sieht mich ein alter Mann an. Meine Haare sind grau.«

Das stimmt. Im letzten Jahr ist er vollständig grau geworden. »Immerhin hast du noch deine Haare. Eine Glatze ist schlimmer. Und bei Männern macht das Grau nichts.« Er tut mir leid. Das sind fast die gleichen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich mit dem Vergrößerungsspiegel meine sich stetig tiefer eingrabende Stirnfalte betrachte. Er hat immerhin eine Frau und ein Kind, auch wenn sein Kind einen weniger fantastischen Job hat, als er annimmt. Und er die Frau natürlich gerade für ein paar Wochen verlassen hat.

»Aber so grau«, wiederholte mein Vater.

»Es ist wirklich nur die Farbe, die dich so stört?« Seine Beharrlichkeit bei dem Thema war auffällig. Natürlich ist er nicht blutjung, er ist schließlich mein Vater und nicht mein Freund. Da ist es völlig in Ordnung, alt auszusehen. Ich bin heilfroh, dass wir nicht eine dieser modernen Familien sind, wo die Eltern mit ihren Kindern über Liebhaber und Sexualtechniken sprechen, das hätte ich psychisch gar nicht verkraftet.

Er sah mich resigniert an und zuckte mit den Schultern.

»Lass sie dir doch färben«, schlug ich vor.

»Ich gehe doch nicht zum Friseur und lasse mir die Haare färben!«, entrüstete er sich, wie ich von ihm erwartet habe. Ich atmete auf und nahm noch ein Stück Butterkuchen. Als ich hochblickte, begegnete ich seinem Blick, der erwartungsvoll auf mich gerichtet war. Das konnte doch nicht sein.

»Soll ich dir die Haare färben, Papa?«, fragte ich zögernd und fuhr, bestärkt durch seinen geringfügig hoffnungsvoller werdenden Blick, fort: »Wirklich, ich kann das. Weißt du noch, wie ich mir früher immer selbst die Haare gefärbt habe?«

»Mmmh. Waren die danach nicht orange?«

»Aber nur, weil ich sie blond wollte. Du bekommst doch schwarze Haare. Jeder Präsident der Welt färbt sich die Haare. Hast du dir mal Berlusconi angesehen?«

»Meinst du wirklich, Lena?«

Meine Güte, mein Vater wollte, dass ich ihm die Haare färbe! Ich ging also zum Drogeriemarkt und besorgte schwarze Farbe. Dann ging ich beim Bankautomaten vorbei und räumte mein Sparkonto ab und mit der Kreditkarte jeden Euro, den der Automat irgendwie ausspucken wollte. Es kamen immerhin noch 1.890 Euro zusammen. Das würden die allerletzten sein, meine EC-Karte hatte schon länger den Geist aufgegeben. In meinem Portemonnaie befanden sich noch ein zerknitterter 20-Euro-Schein und Kleingeld, das Sylt-Geld war zum Glück schon überwiesen.

»Ich habe das Geld neben den Kühlschrank gelegt«, sagte ich leichthin, als ich nach Hause kam, als wäre es gar kein Problem für mich, meinem Vater 1.890 Euro zu leihen, damit er sich nicht noch schlechter fühlte. Er saß auf dem Sofa, das einsam im Raum stand und auf den Fernseher ausgerichtet war. Es war das aus dem Keller, das im Hobbyraum gestanden hatte. Ein mit grauem Chenille bezogenes Monstrum mit modernen Farbklecksen im Stoff, das eigentlich sogar für unseren Keller eine Beleidigung gewesen war.

»Es ist ein bisschen weniger wegen des Tageslimits«, erklärte ich.

»Nein, nein, das reicht. Ich bezahle meine Schulden natürlich in Kürze«, brummte er verlegen.

»Quatsch, Papa, mach ich doch gern, gar kein Problem«, sagte ich unangemessen unbesorgt. Dann machten wir eine Haarfärbe-Session, so wie ich das vor Jahren immer mit meinen Freundinnen gemacht hatte. Mein Vater setzte sich auf einen Stuhl in seinem grün gekachelten Bad. Einsam stand seine elektrische Zahnbürste auf der Glasablage unter dem fleckigen Spiegel neben einer bis zum Limit ausgequetschten Tube Ajona. Ich legte ihm eine aufgeschnittene Tengelmann-Tüte um den Hals. Es dürfte schon Jahrzehnte her sein, dass ich mit meinem Vater gemeinsam im Badezimmer gestanden hatte, weil wir zu Hause getrennte Bäder gehabt hatten. Dann mischte ich die Farbe, pfriemelte die Plastikhandschuhe über meine Hände und rubbelte ihm eingenebelt vom ätzenden Gestank des Alkohols die Farbe in die Haare. Sie waren wirklich dicht und kräftig, aber ich weiß nicht, wer die Prozedur unangenehmer fand: So viel körperliche Nähe sind wir einfach nicht gewohnt. Dann setzten wir uns für die Einwirkzeit auf eine aufgeschnittene Mülltüte auf das Sofa, das eigentlich keine Schonung nötig hatte, und guckten eine Quizshow. Das Färbe-Ergebnis war super. Mein Vater hatte tiefschwarze Haare. Gut, er sieht jetzt ein klein wenig wie ein Zuhälter aus, aber er war happy. Zum Abendessen holte ich ein knuspriges Brathähnchen vom Imbisswagen, das wir direkt vor dem Fernseher aus dem Papier futterten, wie Mama das nie erlaubt hätte. Später schlief ich auf dem gleichen Sofa, eingehüllt in einer modrigen Wolke von Kellergeruch, unter einem beigen Laken und einer grünen, vage nach Benzin riechenden Fleecedecke aus Polyester, die er aus der Garage mitgenommen haben musste.

Als ich aufwachte, wusste ich im ersten Moment überhaupt nicht, wo ich war. Es fühlte sich so an, wie nach einem meiner früheren Alkohol-Abstürze, wenn ich in einer fremden WG aufgewacht bin. Der muffige Geruch des Sofas hatte sich in meinen Haaren festgesetzt und die Ausdünstungen aus der Fleece-Decke hatten wahrscheinlich zu einer leichten Vergiftung geführt. Mein Hals war trotz der weichen Polsterung steif.

Mein Vater brachte mich bis auf den Bahnsteig und winkte durchs Fenster. Er sah wahnsinnig allein und hilflos aus, wie er dort stand, allerdings auch, weil er durch die verdunkelten Fenster nichts erkennen konnte und mit unfokussierten Augen in Richtung meines Sitzplatzes winkte. Meine Güte, so wie er will ich wirklich nicht enden. Aber vielleicht ist das mein Schicksal? »Du musst das Leben genießen«, hatte er zum Abschied eindringlich gesagt. Er tut mir so leid. Vielleicht habe ich deshalb keinen Freund mehr, weil ich eine neue Aufgabe habe. Vielleicht soll ich bei ihm einziehen und wir werden eines dieser skurrilen Paare, über das die Nachbarn reden: Eine Tochter mit schlechter Haut dank übermäßigem Koffeingenuss und billigen Anziehsachen, die mangels Geld und männlicher Interessenten mit ihrem Vater eine trostlose Lebensgemeinschaft eingeht. Ich würde mich für ihn opfern. Schließlich ist es eine sinnvolle Aufgabe, seinem Vater das Leben im Alter zu verschönern. Mir schossen im Zug vor Rührung schon wieder die Tränen in die Augen, bis mir auffiel, dass ich ja von mir selbst gerührt war.

13:35 Uhr, blogged via iPad

Bin mit den Mädels auf Sylt und ihr seid wie versprochen *live* dabei und es geht sofort los! Die Mädels – das sind die Braut Caro, meine beste Freundin Charlotte und Janina, die aus mir nicht ganz einleuchtenden Gründen ebenfalls eine BFF von Caro ist. Caro wollte nur ihre allerbesten Freundinnen dabei haben. Gerade musste sie einen ultrakurzen rosa Tüllrock zu einem bauchfreien Glitzer-Top anziehen. Der Rock saß leider etwas knapp, sodass unten ihre zellulitisgefährdeten Pobäckchen herausquollen, oben wulstige Bauchfalten, die ich ihr nie zugetraut hätte (sie ist eine dieser Apfelform-Frauen, die dauerhaft dünne Beine haben, aber Fett in überraschend großen Ringen um die Körpermitte anhäufen, die sie sonst meist gut kaschiert (erstaunlich gut, muss man sagen, deshalb haben wir das Bauchfrei-Top ja überhaupt besorgt, damit hatte schließlich niemand rechnen können)). Sie hätte vorher vielleicht eine dieser modernen Ultraschall-Fettweg-Behandlungen machen sollen, vielleicht wäre ein entsprechender Gutschein ein nettes Hochzeitsgeschenk. Natürlich habe ich auf ihre panische Frage, ob sie nicht total dick aussähe, ganz energisch abgewinkt. Schließlich will ich ihr nicht die Laune verderben. Dazu trägt sie noch einen Schleier aus dem Second-Hand-Shop und eine rosa Barbie-Krone über ihren langen, geflochtenen Zöpfen. Sie ist total erleichtert, dass sie mit 36, kurz vor zappenduster, noch unter die Haube kommt. Ich meine, kann sie ja auch sein. Ich freue mich wirklich ganz doll für sie mit. Ich bin erst 33 und da ist der Hoffnungsschimmer am Horizont schon klein genug. Ich habe jetzt beschlossen, dem Schicksal in Sylt noch die Chance zu geben, mir zu zeigen, dass es eine sinnvolle Alternative zur Wohngemeinschaft mit meinem Vater gibt. Man könnte schließlich auch zu dritt zusammen wohnen. Schließlich bin ich mit meinen neuen Strähnchen nahezu blond und Single, womit ich laut Volksglaube massig Spaß haben sollte. »Sylt, I’m ready, zeig mir, was du drauf hast!«

PS: Die Rechtschreibprüfung in meinem Mac (sobald man einen Mac hat, redet man nicht mehr von seinem Laptop, sondern nur noch von seinem Mäc), behauptet, dass Zellulitis falsch geschrieben ist. Ich habe es gegoogelt, und es ist richtig geschrieben! Die doofe Word-Rechtschreibprüfung kennt dieses Wort überhaupt nicht! Die Rechtschreibprüfung wurde also entweder von einem Mann oder einer 20-jährigen Praktikantin entwickelt.

PPS: Noah Becker ist mein Freund! Ich bin mit der Promi-Welt verbunden! Außerdem bin ich noch mit dem schrulligen Kollegen von Charlotte befreundet, aber was soll’s. Acht Freunde. Es geht bergauf.

14:20 Uhr, blogged via iPad

Leute, es ist unmenschlich heiß hier. Die Sonne kracht vom Himmel, als gäbe es kein Morgen. Ich habe direkt gegoogelt, wie das Wetter in München ist (Sommertief!). Das mache ich immer, wenn das Wetter gut ist. Wenn das Wetter woanders nämlich schlechter ist, fühlt man sich direkt noch besser. Die Wissenschaft nennt so etwas positive Verstärkung. Aber Achtung, bei schlechtem Wetter darf man keinesfalls googeln. Doch es wird noch schöner: Ich habe auch nachgeschaut, wie das Wetter in Malibu ist. Ich war zwar noch nie in Malibu, aber da wohnen eine Menge reicher Leute, die sich aussuchen können, wo sie wohnen, und deshalb habe ich den Malibu-Wetterbericht auf meinem iPhone gespeichert. Aber jetzt kommt’s: In Malibu regnet es! Ha. Hahahaha. Ha. Selbst schuld! Wir stapfen mit unseren Glitzer-Flipflops über den Kampener Strand und mischen uns unter die Hautevolee mit den Louis-Vuitton-Strandtaschen. Mir ist einfach ein Rätsel, wieso irgendjemand ein Vermögen für eine echte Louis-Vuitton-Tasche ausgibt, wenn wirklich jeder Afrikaner der Welt einem für kleines Geld das Gleiche besorgen kann. Janina hat erzählt, dass so eine spießige Hütte hier mehrere Millionen Euro kostet. Wer so blöd ist, sich ein Schlumpfhaus zum Preis einer Kölner Villa zu kaufen, kauft eben auch eine echte Louis Vuitton. Janina war schon bei Ankunft makellos braun durch Selbstbräuner, stinkt allerdings entsprechend. Sie macht sich wahrscheinlich Hoffnung, auf Sylt einen reichen Junggesellen zu finden. Vorher sollte sie definitiv Parfum auflegen, um diesen Verwesungsgeruch zu übertünchen. Charlotte hat ihre geblümte Kühltasche, die ich noch vom Studium kenne, mitgebracht, randvoll mit Feigling, Jägermeister und Eierlikör gegen Durst und/oder Magenverstimmung. Hilft ganz gut, aber wenn Caro in ihrem Bauchladen Kondome mit Schoko-Bananengeschmack an verwöhnte Sylt-Jünglinge oder diese Kampener Junggebliebenen in Poloshirts mit applizierter Polo-Nummer über der Plauze (Plauze kennt die Rechtschreibprüfung. Sag ich doch, das Ding hat ein Mann entwickelt) verkauft, wirkt das inzwischen etwas surreal. Es ist allerdings eine wundervolle Methode, Jungs kennenzulernen. Wir könnten eigentlich immer so tun, als wären wir auf Junggesellinnenabschied. Das ist so ähnlich wie beim Karneval in Köln. Man kann einfach jeden anquatschen, aber der Vorteil ist, dass man nicht so ein bescheuertes Kostüm anhat und vor allem, viel entscheidender, dass der andere kein bescheuertes Kostüm anhat wie an Karneval, als ich mit diesem coolen Römer geknutscht habe, der dann ohne Kostüm als Handyverkäufer in senffarbenem Jackett aufschlug. Und ich meine, der war erst Anfang 20 und hatte schon ein senffarbenes Jackett an. Was trägt der heute eigentlich? Jedenfalls hat Caro gerade diesem total netten Typen aus Hamburg ein Kirschkondom und einen Lutscher (mit Cola-Geschmack) verkauft. Wir haben dann alle um ihn und seinen Freund rumgestanden und gekichert und uns mit eingezogenen Bäuchen in unseren Bikinis präsentiert. War nett.

15:58 Uhr, blogged via iPad

Ich bin wieder stocknüchtern. Gerade hatten wir eine Begegnung der dritten Art.

»Hey, schaut mal da drüben, da ist noch ein Junggesellinnenabschied«, lallte Charlotte begeistert, während wir uns wünschten, wir hätten einen Sonnenhut, mehr 30er-Sonnencreme beziehungsweise überhaupt Sonnencreme dabei. Begeistert torkelten wir der Truppe entgegen. Das war ja totaler Wahnsinn, dass jemand die gleiche kreative Idee hatte und eine werdende Braut mit obszönem Verkaufssortiment und Schleier am Strand rumschickte. Aus der Nähe betrachtet, bestand die andere Gruppe aus blonden Mädels, frisch aus Hamburg. »Hey«, hauchte eine sehr schlanke Person mit leicht gebräunten Oberschenkeln, die bei anderen Personen auch als Oberarme zu verwenden gewesen wären. Sie hatte auf den kleinen Schleier zusätzlich eine silberne Tiara in ihre honigblonden, dicken Haare gesteckt, was bei ihr nicht bescheuert, sondern ganz entzückend aussah.

»Hey«, erwiderte Caro, wobei sich ihre Augen beim Anblick der flachen Bäuche und der winzigen Bikinis, kaum mehr als Farbtupfer auf den knackigen Körpern, zusammenzogen, als hätte sie eine plötzliche Sehschwäche überkommen. Zusammengenommen war die Gruppe durchschnittlich zehn Jahre jünger und geschätzte 37 Kilo leichter als unsere Gruppe (obwohl unsere aus einer Person weniger bestand).

»Ich bin Maja. Du bist die Braut?«, sagte das Mädchen mit der Tiara an Caro gewandt, weil Caro keinen Ton rausbrachte.

»Korrekt«, hauchte Caro und zupfte sich verlegen den Schleier aus dem Gesicht.

»Süß, dein Schleier«, sagte Maja und lächelte uns warm an. Ihre Haut war makellos, keine Akne, keine Falte, nur Sahnekaramellbonbon-braun, weil sie noch nicht weiß, dass man von der Sonne tatsächlich Falten bekommt, aber eben erst ein paar Jahre später.

»Findest du echt?«, sagte Caro unterwürfig. Maja sah freundlich von einem zum anderen und fummelte an ihrer Muschelkette herum, die um ihren Hals hing und die Blicke des Betrachters auf ihr Bikini-Oberteil lenkte, in dem ein Busen steckte, der auch ohne Drahtgestell und Stoffeinlagen eine perfekte Form und Größe besaß. Wir rissen uns von dem Anblick los und starrten belämmert zurück in ihr Gesicht.

»Na, dann feiert man schön!«, sagte Maja, als weiterhin niemand etwas sagte und winkte graziös mit ihrer schlanken Hand. »Bei uns läuft das Geschäft ganz gut.« Sie zwinkerte mit einem Auge, ohne das andere im Mindesten zu bewegen. Das habe ich früher immer vor dem Spiegel geübt und nie hinbekommen. Dann wandte sie sich zum Gehen und ihre Freundinnen, alles Blondinen zwischen weizen- und honigblond mit diesen großen, weißen Zähnen, für die Hamburger Mädels eine genetische Veranlagung besitzen, lächelten uns milde an und liefen ihr nach.

»Den mitleidigen Tonfall kannst du dir definitiv sparen«, fauchte Charlotte, die bisher nur getrunken und noch keine feste Nahrung zu sich genommen hatte, ihr nach.

»Wie bitte?« Maja blickte sich verwundert um.

»Nichts«, fiel ich Charlotte ins Wort und winkte eifrig zurück. »Viel Erfolg.« Ich blickte freundlich, wenn auch vielleicht etwas starr wie einer dieser Botox-Junkies aus Hollywood. Dabei zwickte ich Charlotte fest in den Rücken.

»Aua!« Charlotte zog meine Hand mit einem Ruck nach unten. »Hey, checkst du’s nicht, oder was? Dieser freundlich-mitleidige Tonfall ist eine Unverschämtheit. Macht dich das nicht aggressiv? Den haben die doch nur, weil sie sich als optische Sieger fühlen«, zischte sie.

Zum Glück waren die Mädels schon außer Hörweite oder ignorierten uns zumindest gnädig. Während sie mit ihren kleinen, straffen Pos in die andere Richtung davonwackelten, riss Caro mir eine fast volle Flasche lauwarmen Prosecco aus der Hand, setzte an und trank sie mit entschlossen zusammengekniffenen Augen leer. »Ich mein’, diese Braut ist doch unfreiwillig geschwängert«, keuchte sie, als sie absetzte und sich mit dem Unterarm den Schleier aus dem Gesicht zu wischen versuchte, der an ihrer feuchten Wange klebte. »Wer bitte schön heiratet ohne Grund im besten Partyalter und verschenkt die Möglichkeit zehn Jahre selbstbewusster und zellulitisfreier (die Rechtschreibprüfung lernt’s einfach nicht) One-Night-Stands?«

»Hast du gesehen, wie entrückt die alle aussahen? Die sind alle bullemisch oder magersüchtig«, fiel Charlotte ein. Sie hatten natürlich beide recht. Aber manchmal wünscht man sich, man hätte überhaupt das Durchhaltevermögen, sich eine echte Essstörung anzugewöhnen, wenn das solche Ergebnisse bringt.

20:01 Uhr

Meine Güte, ich fühle mich hundeelend nach den paar Feigling. Wenn man das klebrige Zeug runtersüffelt, ist nicht absehbar, dass ein paar Stunden später ein saurer Waschpulvergeschmack übrig bleibt. Und die Party hat ja noch nicht einmal angefangen. Wie soll sich mein Kopf eigentlich morgen anfühlen? Glücklicherweise hat irgend so ein Vollidiot in Kampen neben uns ein ungesichertes WLAN, das ich mitbenutzen kann. Typisch Sylt, denen hängt das Geld aus den Ohren raus, aber zu blöd, um das eigene Wireless zu sichern. Allein aus pädagogischen Gründen sollte ich seine Passwörter runterladen und bei Ebay, Amazon und Zalando für ihn einkaufen gehen. Der würde sich wundern, wenn plötzlich 500 Pakete bei ihm ankommen. Habe gerade gegoogelt. Im Internet kann jeder herausfinden, wie man Bankdaten und Passwörter klaut. Man kann schließlich auch herausfinden, wie man aus einfachen Haushaltsgegenständen eine Bombe baut, Reismilch herstellt und sich selbst einen Einlauf macht – alles gibt’s in Farbe auf YouTube. Niemand braucht mehr Freunde oder eine nette Oma, die einem den Kreuzstich erklärt. Vielleicht verschicke ich gleich einfach mal meinen gesamten Foto-Ordner, um sein Netz lahmzulegen. Mann, habe ich Kopfschmerzen.

Gerade hat sich Braut Caro kurz von ihrem Lager erhoben, schlurfte für ein kleines Kötzerchen ins Bad, immer noch mit Schleier und rosa Krönchen, schaute dort in den Spiegel und lallte: »Herrgott, sehe ich beschissen aus.« Ihr Gesicht ist vom Sonnenbrand und einer aggressiven Sonnenallergie verquollenen und mit kleinen Pusteln übersäht, am Mundwinkel klebt Spucke mit kleinen Körnchen, und ihr haselnussbraunes, langes Haar, sonst eines ihrer Pluspunkte, steht glanzlos und gekreppt vom Flechten und vom Salzwasser in alle Richtungen. Spontan fiel mir nichts Gegenteiliges ein, um sie zu trösten. Aber weil weder Charlotte noch ich, die mit ihr ein Zimmer beziehungsweise ihr Bett teilen, widersprochen haben, warf sie sich aufs Bett und zog sich beleidigt die Decke über die Ohren. Janina ist nebenan schon mit ihrem Make-up beschäftigt. Klar, sieht sie gut aus, aber sie verbringt fast ihr ganzes Leben damit, dann ist das ja auch keine Kunst.

Oh mein Gott, meine Stirnfalte ist grausig! Hatte gerade aus Versehen die eingebaute Kamera im Mac angeklickt und plötzlich starrte mich eine wirre Frau mit grimmigen Gesichtsausdruck an. Das bin ich. Wann genau mache ich diesen garstigen Gesichtsausdruck, der sich derart in mein Gesicht gegraben hat, wohl noch? Hoffentlich nur im Dunkeln.

22:13 Uhr

Die Mädels und ich haben uns aufgerafft und machen uns zum Ausgehen fertig. Wir benötigen wahnsinnig viel Make-up (fast so viel wie Janina an einem normalen Tag), um das Krebsrote etwas abzudämpfen. Zum Ausgehen fertig machen, bedeutet bei Charlotte, dass sie ihre Unterhose auszieht, bevor sie einen silbernen Fummel überstreift. »Ich fühle mich dann einfach sexyer und das strahlt man dann auch aus«, erklärt sie uns faden, freudlosen Gestalten in Kaufhaus-Unterwäsche. »Leute, ihr müsst das einfach mal ausprobieren«, sagt sie mit einem weiteren eindringlichen Blick auf unsere zweifelnden Gesichter. »Früher im Kirchenchor haben wir einmal die ganze Weihnachts-Gala ohne Unterwäsche gesungen. Der britische Chorleiter hat in solchen Fällen ›Chor, go commander‹ angeordnet und diese Aufführungen hatten grundsätzlich viel mehr Biss. Das Kommando stammt angeblich aus dem Vietnam-Krieg, wo die Soldaten wegen besserer Luftzirkulation ohne Unterwäsche kämpfen sollten«, fügt sie hinzu, während sie abgeplatzten roten Lack am Fußnagel notdürftig überpinselt. Vielen Dank, ich fühle mich mit Unterhose ganz gut.

Braut Caro, derentwegen wir ja überhaupt angereist sind und 100 Euro geblecht haben, hat sich weiterhin unter der Bettdecke verschanzt. Und eben verkündet sie, sie kommt nicht mit! Der fiese Sonnenbrand im Gesicht wird sie allerdings voraussichtlich um ein paar Jahre altern lassen. Aber sie hat ja einen Mann, deshalb ist das nicht so schlimm. Sie behauptet zudem, sie hätte einen Sonnenstich und nur deshalb dreimal gekotzt. Sie hätte kaum etwas getrunken, sondern bräuchte qualifizierte ärztliche Hilfe und Wadenwickel. Die Wahrheit ist wahrscheinlich, dass sie die Begegnung mit der scharfen Junggesellinnenabschieds-Konkurrenz-Truppe psychisch nicht verkraftet hat. Wir haben nach spontaner Beratschlagung beschlossen, Caro in ein paar feuchte Handtücher zu wickeln, einen beruhigenden Film aus den Neunzigern wie ›e-m@il für Dich‹ oder so was für sie herunterzuladen und den Junggesellinnenabschied ohne sie zu feiern, weil wir ja nun eh schon hier sind.

26. Juni, 1:03 Uhr, blogged via iPhone

Ich bin imPonyim Kampen und tanze auf dem Tisch und ihr seid live dabei! Und das Beste ist: Es sind total lustige Typen hier, die einem ständig was zu trinken ausgeben. Der Punkt ist, wenn man schon elf Jahre (!) nicht geflirtet hat, weil man in so einer drögen Beziehung festgesteckt hat, die so dröge war, dass man sogar verpennt hat, sich zu trennen, weil man sich nie gestritten hat, sondern zusammen Olympia geglotzt hat, obwohl man schon von Kindesbeinen an eingefleischter Sporthasser ist, dann hat man keine Ahnung mehr, wie das überhaupt geht, das Flirten. Wenn man dann allerdings diese Erdbeer-Bowle trinkt, die alle auf Sylt trinken, klappt es trotzdem wie geschmiert. Außerdem sind genug Typen für alle da, Caro braucht ja keinen. Wir stoßen aber immer mal wieder auf sie an. Die Musik ist top: Shazam! Ha, dank dieser genialen iPhone-App, die jeden Song erkennt, wenn ich mein Handy hochhalte, kann ich euch sagen, welches Lied es ist: Heavy Cross. Fühle mich wahnsinnig sexy, trotz Unterwäsche.

Der Typ vom Strand mit dem Kondom und dem Lutscher, der wieder aufgetaucht ist, flirtet mit mir. Jörn heißt er. Angeblich kann eine Frau ja schon nach wenigen Sekunden entscheiden, ob das Gegenüber Potenzial hat oder nicht. Ich glaube, dafür hat mein Stammhirn nur eine Nano-Sekunde gebraucht: mit diesem Genmaterial kann ich exzellenten Nachwuchs produzieren! Mein Stammhirn würde am liebsten sofort zur Tat schreiten. Ich beobachte ihn gerade, wie er mit meinem Drink an der Tanzfläche steht und wartet, dass ich von der Toilette zurückkomme. Seine Brustmuskeln zeichnen sich durch das schmale Hemd ab. Als ich ihm etwas in seine harmonisch geformten Ohrmuscheln geschrien habe, roch er aus der Nähe nach frischer Zitrone oder einem teuren Weichspüler. Seine Wangen sind glatt rasiert, sodass ich beim Küssen keinen Wundbrand auf den Wangen entwickeln würde. Gott, so bin ich sonst wirklich nicht, aber ich kann mir sehr genau vorstellen, wie ich das Polohemd der Länge nach zerreiße, sodass die beiden Knöpfe am Kragen durchs ganze Pony katapultiert werden, ihn mit den Handflächen flach zu Boden werfe und über ihn herfalle wie in diesen semi-pornografischen Vampir-Serien. Wir sind alle offensiv overdressed (schließlich ist dies hier ein Junggesellinnenabschied) und ich trage einen superkurzen roten Paillettenrock/Pomanschette und ein goldenes, ärmelloses Bustier-Top, was eigentlich für die Braut vorgesehen war, die ja glücklicherweise keine Verwendung dafür hat. Und was ich feststellen muss: Ordinäre Kleidung wirkt! Jetzt lächelt er allerdings eine Tante neben ihm an, wobei er mehr kräftige, weiße Zähne entblößt, als das anatomisch betrachtet möglich ist. Es könnte sein, dass er etwas jünger ist, er hat so einen Touch britischer Internatsschüler an sich. Aber ich glaube, er findet mich total scharf, so wie er mit mir getanzt hat. Fühle mich wie Demi Moore, bin Demi Moore, aber das Beste ist, bin wesentlich jünger als Demi Moore und noch besser in Schuss, da nie Brustimplantate eingesetzt und wieder herausgenommen bekommen! Muss los und mein Revier markieren!

2:12 Uhr, blogged via iPhone

Habe alberne, viel zu hohe Schuhe weggeworfen. Gerade sind wir barfuß durch den samtigen Kampener Luxus-Sand gelaufen, der einfach nicht aufzuhören scheint. Also der Jörn, da passiert gleich was … Bin nämlich nicht allein hier. Der Mond ist doppelt so groß und hängt doppelt so tief wie sonst. Ich werde nachsehen, wie das eigentlich sein kann, dass der Mond so dermaßen seine Größe wechseln kann. Das Meer schimmert wie ein von Lurexfäden durchwobener Luxus-Pulli. Der Wind weht etwas frischer, und ich habe schon eine Gänsehaut auf den Armen, die sich nach der Hitze imPonywunderbar anfühlt. Jetzt ruhen wir uns in einem dieser gemütlich gestreiften Strandkörbe aus. Hoffentlich geht mein unromantischer Schluckauf gleich weg. Jetzt hat er mein iPhone entdeckt, glaube m

11:10 Uhr

Sorry, dass die nächtliche Live-Berichterstattung eingestellt werden musste. Die Autorin fühlte sich unpässlich. Falls jemand hochhackige goldene D&G-Schuhe am Kampener Strand findet, diese bitte*umgehend*in der PensionBei Gretaabgeben. Man könnte jetzt falsche Rückschlüsse dahingehend ziehen, was gestern Abend passiert ist. Möglicherweise hatte ich die Situation bei meinem letzten Live-Eintrag falsch eingeschätzt. Dies war schließlich meine Chance, meine elfjährige Flirt-Abstinenz und daraus resultierende Flirt-Unfähigkeit zu überwinden und mal wieder mit einem niedlichen Typen zu knutschen und zu fummeln (sagt man das heute noch?). Es war der ersehnte Wink des Schicksals, der mich davor bewahren sollte, als *spätes Mädchen*, wie meine Oma das bezeichnet hätte, mit aschgrauem Pagenkopf in Polyesterhose den Rest meines Lebens auf dem Chenille-Sofa meines Vaters zu verbringen. Ich erzähle der Reihe nach, wie es zu dem hoffnungsvollen letzten Eintrag um 2:12 Uhr kommen konnte.

Es begann vielversprechend. Jörn und ich tanzten im Pony zusammen, beziehungsweise nebeneinander. Umspielt von weichem Rotlicht drehten wir uns voreinander hin und her, ohne uns zu berühren, beziehungsweise nur gelegentlich *aus Versehen*. Wir schüttelten die Schultern, gingen in die Knie und ich schleuderte meine Hüften mit einer derartigen Wucht hin und her, dass die Gelenke in den Hüftpfannen bei meinen Ü-Dreißig-Knochen hörbar geknirscht hätten, wenn die laute Musik nicht gewesen wäre. Manchmal grinsten wir uns an, wenn der andere einen besonders absurden Move versucht hatte. Jörn hatte inzwischen Schweißperlen auf der Stirn und einige dunkelblonde Haarsträhnen klebten an seinen Schläfen, die er gelegentlich nach hinten strich. Wenn ich aus Versehen beim Tanzen mit der Nase an sein blaues Polohemd kam, roch es nach dieser wundervollen Zitrone trotz der Hitze im Pony. Gelegentlich wandten wir uns unseren Freunden oder anderen x-beliebigen Personen zu und lächelten die freundlich an, wie man das macht, wenn man sich unverbindlich aneinander herantanzt, aber noch ein bisschen auf schwer zu haben macht. Irgendwann begannen wir die anderen Tanzenden und ihre Moves zu parodieren, was zu gelegentlichen Lachanfällen führte und dazu, dass wir immer mehr ausschließlich voreinander tanzten und mein Grinsen fest in mein Gesicht einzementiert war. Der Raum verschwamm wie ein unscharfes Hintergrundbild, nur sein Gesicht war scharf gestellt. Dann allerdings drängte sich ein älterer Headbanger, der schon zu AC/DC-Zeiten geübt haben musste, nah an uns ran und wir begannen, ihn ebenfalls zu parodieren. Kurz später standen wir uns gegenüber und ließen wie wahnsinnig unsere Köpfe kreisen. Ich hatte das Gefühl, gleich abzuheben von dem Drehen, der Bowle, der lauten Musik. Meine ganze Existenz war nur noch auf Jörn ausgerichtet. Dann schleuderte ich ihm aus Versehen meine Haare mit Karacho in die Augen. Er zuckte zurück, als hätte ich ihm einen Kinnhaken gegeben, drückte sich die Hände auf die Lider und stand einen Moment wie gelähmt da. Als er hochsah, hatte sein linkes Auge wie wild zu tränen begonnen.

»Oh nein, oh nein, das tut mir so leid«, schrie ich über die Musik hinweg und nutzte die Gelegenheit, fürsorglich meine Hand um sein heißes Handgelenk zu legen und insgesamt nah heranzukommen. Sofort wurde ich wieder von dem Zitronen-Weichspüler umnebelt und konnte keinen Gedanken mehr fassen, weil ich nur sein glühendes Handgelenk zwischen den Fingern spürte.

»Macht gar nichts«, rief er wenig glaubwürdig, während er sich hektisch das manisch tränende Auge rieb. »Ich muss nur mal kurz raus.« Jörn entzog mir seine Hand und stolperte halb blind Richtung Tür. Ich wankte hinterher.

»Es ist nur wegen meiner Kontaktlinse«, sagte er, als wir kurz später vor dem Pony standen und er in die Nacht blinzelte. Dann tippte er sich mit dem Zeigefinger mitten auf die Pupille, wie nur Kontaktlinsenträger es übers Herz bringen und sagte: »Ich glaube, sie ist noch drin. Sie ist mir mal hinten in die Augenhöhle gerutscht. Das war ein Gemetzel, bis ich sie wieder draußen hatte.«

»Ah«, nickte ich, glücklicherweise unfähig mir vorzustellen, wie sich das anfühlte, und insgesamt noch benebelt von der Tatsache, dass wir plötzlich allein auf der Straße standen. Immerhin konnte ich bei der ganzen Aktion sehr genau seine Augen anschauen, deren Farbe dunkelgrün oder leuchtend braun war, je nach Lichteinfall. Seine Wimpern waren lang und dunkel, solche Wimpern habe ich auch nach zwei Monaten Nutzung eines brennenden, schweineteuren Wimpernwachstumsmittels nie entwickelt. Für einen Moment starrten wir beide wortlos Richtung Nordsee. Jörn rieb sich ab und an das braun-grüne Auge und tupfte mit dem unteren Teil seines Polohemds die Tränen weg, was dazu führte, dass ich einen Moment wie hypnotisiert auf die Wölbung seines Bauches und seine Hüftknochen starrte, die dabei unweigerlich entblößt wurden. Ich riss mich schnell los und blickte zurück zur Nordsee, als er das Hemd wieder herunternahm. Sein Auge beruhigte sich endlich und wir sahen weiterhin Richtung Meer, das wie ein dunkler Schatten hinter den sanften Dünen, den Silhouetten der Gräser und Heckenrosen lag, und atmeten die salzige, frische Nachtluft.

»Diese Idioten, die sich in einen kleinen Raum quetschen, obwohl es hier draußen doch viel schöner ist«, sagte Jörn.

»Vollidioten«, stimmte ich zu, wobei ich ihm wahrscheinlich bei allem zugestimmt hätte.

Unsere Blicke trafen sich wieder und es war ein bisschen so, als hätten wir uns zum ersten Mal angesehen, ohne die lärmende Musik, die Lichter und die schlechte Luft. Mein Stammhirn sendete allerdings auch in der neuen Umgebung unverändert die gleiche Botschaft aus.

»Wir könnten zum Strand gehen«, schlug ich mutig vor, zuckte dabei jedoch mit den Schultern, als wäre mir seine Antwort nicht so wichtig. »Ist vielleicht zu weit«, fügte ich hinzu, als er nicht sofort antwortete. Meine Güte, es war so verunsichernd, gleichzeitig war ich hypersensibilisiert für jede Regung seiner Silhouette vor mir, im Halbdunkel.

»Warum nicht?«, entgegnete er endlich. Er musterte mich von oben bis unten in meinem Glitzer-Party-Outfit, sodass ich einen Schritt zurücktrat und meine Stirn in kritische Falten legte. »Willst du mir noch in den Mund schauen, ob meine Zähne in Ordnung sind?« Eigentlich gefiel mir das natürlich. Schließlich hatte ich die Pomanschette nicht angelegt, um übersehen zu werden.

»Kannst du damit hinten drauf?«

»Wie bitte?«

»Auf mein Fahrrad. Kannst du da mit dem Rock drauf?«

Kurz darauf balancierte ich meinen Hintern auf seinem unbequemen Gepäckträger und klammerte mich an den Fahrradsattel, um meine Hände nicht um seinen Bauch legen zu müssen, womit ich jetzt kein Problem gehabt hätte, was aber sogar mir zu aufdringlich erschien. Es fiel mir schon schwer genug, nicht zu sehr auf seinen Hintern oder seinen Rücken und die sich abzeichnenden Schulterblätter zu schauen, was kompliziert ist, wenn man hinten auf dem Gepäckträger sitzt und das Stammhirn unentwegt mit einem lauen Lüftchen aus Testosteron bombardiert wird. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis wir am Strand waren und losliefen und tapfer die Pärchen ignorierten, die den ungewöhnlich warmen Abend am Strand verbrachten. Wir waren das einzige gemischtgeschlechtliche Paar, das sich in der lauen Nachtluft nicht begrabbelte.

»Ich habe ein Faible für Romantik«, murmelte Jörn, dem die schwülstig-romantische Atmosphäre offensichtlich ebenfalls nicht entgangen war. Vielleicht war er auch nervös.

»Ah, das sagen sie am Anfang alle«, erwiderte ich eifrig. Der Satz hallte in meinen Ohren nach und ich ärgerte mich sofort, dass ich wie eine frustrierte Frau in den Wechseljahren klang und nicht wie eine humorvolle Abenteurerin zum Pferde-Stehlen und in der Scheune-Übernachten.

»Und was passiert danach?«, fragte Jörn, dem der Ton nicht entgangen war.

Ich zuckte die Schultern. »Ach«, winkte ich ab und setzte ein fröhliches Gesicht auf. Schließlich will niemand beim Kennenlernen direkt ein problemorientiertes Gespräch führen.

»Heiratet deine Freundin denn den Richtigen? Welche war’s denn?« Jörn malte bei dem Wort ›Richtigen‹ zwei Anführungszeichen in die Luft.«

»Nein, nein, sie war nicht dabei.« Ich grinste und blickte ihm aus Versehen direkt in die Augen. Sofort begann das Blut in meinem Kopf wieder zu rauschen. Schnell sah ich nach vorn. Mein Stammhirn hatte mich in der Hand, es war unglaublich.

»Sie war nicht dabei?«, fragte er ungläubig. »Ist das nicht der Sinn von einem Junggesellinnenabschied? Aber vielleicht bin ich da altmodisch.«

»Sie hat zu viel Sonne abbekommen und liegt im Bett. Aber da wir ja schon mal hier waren …«

Wir stapften weiter durch den Sand, ich inzwischen barfuß.

»Ist dir kalt?«, fragte er, nachdem er beim Gehen mit seinem warmen, meinen kalten Arm gestreift hatte.

»Hier, nimm meinen Pulli, mir ist sowieso warm«, bot er an, als sei das ein ganz normales Angebot und nicht die klassische Flirt-Ouvertüre, die mit einem Pulli oder einer Jacke anfängt und mit einem geliehenen Flanellhemd beim Frühstück endet. Ich hätte nichts dagegen gehabt, mir morgen ein Flanellhemd von ihm auszuleihen, meinetwegen auch Boxer-Shorts, sogar weiße, stoffintensive Feinripp-Unterhosen, wie mein Vater sie trägt, schienen in diesem Moment attraktiv. Aber er trug seinen Pullover tatsächlich bloß in der Hand, weshalb es sich wahrscheinlich um ein neutrales Angebot handelte. Ich griff nach seinem Pulli, der weich und leicht in meiner Hand lag wie eine Feder. Er fühlte sich teuer an. Zudem roch er leicht nach dem Zitronen-Waschpulver wie das Polohemd, in das ich beim Tanzen meine Nase gesteckt hatte und, wie ich erkannte, als der weiche Kaschmir an meinem Gesicht vorbeiglitt, nach Égoïste. Aber das sagte ich nicht. Es kam mir aufdringlich vor, sein Aftershave sofort zu identifizieren. Ich bin schließlich kein Spürhund.

»Du kommst bestimmt aus Hamburg. Dunkelblauer Kaschmirpulli ohne Logo – das ist doch ein Paradefall des klassischen Hamburgischen Understatement.« Er sprach zudem mit einer leichten norddeutschen Betonung, welche diese Vermutung noch unterstützte.

»Du bist ein scharfsinniger Beobachter.«

»Es stimmt also?«

Er nickte. »Stimmt.«

Ich warf zufrieden meinen Kopf nach hinten. Meine Menschenkenntnis hatte sich wieder bestätigt.

»In Sylt ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus Hamburg kommt, natürlich ohnehin eher groß«, sagte Jörn mit leicht abfälliger Betonung. Der Sand zwischen meinen Zehen war wie Puder. Kampener Sand ist einfach unschlagbar.

»Und woher komme ich?« Das sollte er mir erst mal nachmachen.

»Keine Ahnung, Ruhrgebiet?«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte ich entrüstet. Das war unmöglich. Es stimmt nämlich, dass ich in Duisburg geboren bin, bevor wir nach Köln gezogen sind. Aber jeder weiß, dass Hamburger arrogant sind, was das Ruhrgebiet angeht, beziehungsweise alle Deutschen, die nicht aus dem Ruhrgebiet kommen, sich über das Ruhrgebiet lustig machen. Völlig ungerechtfertigterweise. Es ist in jedem Fall nie als Kompliment gemeint, wenn jemand sofort vermutet, dass man wahrscheinlich aus dem Ruhrgebiet kommt. Ich steuerte abrupt auf das Meeresufer zu, sodass Jörn hinter mir herlaufen musste.

»Ach, keine Ahnung, vielleicht dein Akzent?«

»Mein Akzent?« Ich war fassungslos. Hatte ich etwa ›Boaar!‹ gesagt oder ›Wat?‹ oder ›Echt, ey?‹ Das konnte nicht sein.

»Deine Kleidung, die goldenen Schuhe mit der großen Marke, die du vorhin stehen gelassen hast – das riecht förmlich nach Düsseldorf.«

»Düsseldorf gehört zur Metropolregion Rhein-Ruhr, nicht zum echten Ruhrgebiet, du Schlaumeier. Aber erstens bin ich in Köln groß geworden und zweitens wohne ich in München«, sagte ich sauer. Das stimmt schließlich und ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben, recht gehabt zu haben. Deshalb ließ ich meinen Geburtsort Duisburg vorsichtshalber weg. Inzwischen liefen wir auf dem feuchten Sand nah am Meer, der meine von den unbequemen Sandalen geschundenen Füße angenehm kühlte.

»Wirklich, du kommst gar nicht aus dem Ruhrgebiet?«

Ich blickte ihn entgeistert an und blieb stehen. Er sah mich amüsiert an, zu amüsiert wie ich fand.

»Deine Freundin hat’s mir erzählt.« Er legte beschwichtigend seine Hand auf meinen Arm, was einer Art Stromschlag gleichkam. »Sie meinte, ihr kämt ursprünglich alle aus dem Pott. Allerdings hat sie das mit Stolz gesagt. Kann es sein, dass ich bei dir auf ein unverarbeitetes Trauma gestoßen bin? Seit Herbert Grönemeyer ist es doch in Ordnung aus dem Ruhrgebiet zu kommen.«

Ich konnte gar nichts sagen vor Ärger, dass ich darauf reingefallen war und wegen des Stromschlags. Die Stelle, wo seine Hand auf meinem Arm gelegen hatte, pulsierte immer noch. »Ich bin dort geboren, okay? Ich habe kein Trauma, aber seit ich denken kann, wohne ich in Köln.«

»Und wie gefällt dir Bayern, so als Kölner? Hast du schon ein Dirndl?«, fragte er beschwichtigend.

Ich seufzte. »Okay, wenn du’s wirklich wissen willst: Ja. Wenn man frisch nach München kommt, denkt man, man würde nie eins kaufen, aber die sind sehr praktisch. Du kannst die hier zu jeder Gelegenheit von Hochzeit, zur Taufe bis Beerdigung anziehen und es ist immer richtig. Man gewöhnt sich dran.«

»Du siehst bestimmt nett aus in einem Dirndl«, grinste er.

»Du müsstest mich mal sehen, wenn ich mich als Hausmädchen verkleide. Und du? Hast du einen Matrosenanzug? Ich stehe auf Männer in Uniform«, erwiderte ich ironisch.

»Hey, hey. Das war ein Kompliment.« Er hob die Arme, als wollte er sich ergeben. »Darf man noch nicht einmal mehr ein Kompliment machen, ohne als sexistisches Arschloch dazustehen? Sorry, wird nicht wieder passieren.« Er wirkte allerdings nicht sonderlich geknickt und wiegte den Kopf abwägend hin und her. »Okay, Dirndl sind vielleicht eine Männerfantasie. Und, was machst du, wenn du gerade kein Dirndl trägst und weder beim Oktoberfest noch beim Ochsenrennen bist?«

»Hey!« Ich griff nach seinem Arm und schubste ihn, sodass er glucksend zur Seite stolperte. »Ich bin Journalistin«, sagte ich, was sich gut anhörte und noch nicht einmal gelogen war. Jetzt durfte er nur nicht nachfragen, über welche Themen ich schreibe. »Und was machst du so in Hamburg? Seemannslieder singen und auf der Reeperbahn abhängen oder steif rumsitzen und Tee trinken?«, fragte ich schnell. Wir redeten viel zu viel über mich.

»Immerhin brauchen wir Hamburger keinen Karneval, um locker zu werden.«

»Was arbeitest du denn in Hamburg?« Ich ließ mich nicht provozieren. Inzwischen liefen wir beide mit nackten Füßen im Wasser. Das Meer lag still, es gab kaum Wellen. Die Kälte des Wassers stieg durch die Zehen die Beine nach oben und bei jedem Schritt sanken wir ein klein wenig im Sand ein.

»Gar nichts momentan.«

»Klingt großartig.«

»Weil ich demnächst in München bin, ehrlich gesagt …« Jörn hielt inne.

»Ach Quatsch.« Wir blickten uns an. Die Möglichkeit, sich wiederzusehen, führte dazu, dass sich ein warmes Gefühl in meinem Magen ausbreitete. Gleichzeitig begann irgendeine Ader in meinem Kopf, die ich noch nie bemerkt hatte, wie verrückt zu pulsieren. »Und warum kommst du nach München?«

»Wegen der Arbeit.«

»Ja? Was denn?«, fragte ich, weil Jörn abrupt zu sprechen aufgehört hatte. Wir waren stehen geblieben. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust, um meine Hände irgendwo zu platzieren, sodass sie nicht nervös an meinem kurzen Rock rumziehen konnten.

Jörn fuhr sich durch die Haare, was er sehr gut konnte, und schwieg.

»Du musst ja wirklich einen schlimmen Job haben, dass du ein Geheimnis draus machen musst. Porno-Branche, Suspensorium-Fabrik-Besitzer, Jurist?«, fragte ich mitleidig.

»Also echt, Jurist? Sehe ich so aus?« Er blickte mich betont betroffen an.

»Na ja, so ganz abwegig ist es nicht«, sagte ich vorsichtig, weil er offensichtlich keinesfalls wie ein Jurist aussehen wollte. Er sah hundertprozentig aus wie ein Jurist oder BWLer. Zwar wie ein gut aussehender Jurist, aber trotzdem wie jemand, den ich im Studium als »Hölle konservativ« bezeichnet hätte. Aber ich war bereit, darüber hinwegzusehen. Schließlich bin ich selbst ja auch älter geworden und nicht mehr so oberflächlich und ich musste zugeben, dass ihm dieser Poloshirt-Look und der adrette Haarschnitt mit den langen Ponysträhnen sehr gut stand. Und ich trug schließlich auch keine sorgfältig zerrissenen Leggins mehr zu asymmetrischem blond/schwarz-Haarschnitt.

»Ach, ich mach so einen Berater-Kram«, sagte Jörn ausweichend und zuckte mit den Schultern. Dabei fuhr er sich wieder durch die Haare und wir schlenderten vom Wasser zurück in den Sand. Der warme Sand wärmte die Zehen sofort wieder auf.

»Das ist natürlich extrem unangenehm«, sagte ich ernst.

Diesmal boxte er mich in die Seite und warf seinen Kopf amüsiert ganz leicht nach hinten. Er fand mich witzig, immerhin.

»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?«, fragte ich.

Er nickte, als wäre er dankbar, dass das Job-Thema erledigt war. Dann lehnte er sich nach vorn und sah mich betont verschwörerisch an. Dabei kam sein Gesicht ziemlich nah an meins und mir wurde sofort warm und mein Herzschlag beschleunigte sich. »Ich bin ganz Ohr.«

»Dirndl sind faule Eier. Sie bevorteilen vollbusige Birnen-Frauen«, flüsterte ich mit vor Aufregung leicht brüchiger Stimme.

»Birnen-Frauen?«, flüsterte er zurück.

»Die, die viel Oberweite haben, aber potenziell auch einen dicken Po und Volumen-Schenkel. Oben sieht es top aus und unten sind die vielen Röcke drüber. Da kann man ganz böse mit reinfallen.«

»Ach wirklich? Interessant. Danke für den Tipp. Dann kann mir ja nichts mehr passieren, wenn ich nach München komme.« Er sprach wieder in normaler Lautstärke, legte den Zeigefinger auf die Lippen und dachte einen Moment nach. »Und du gehörst dann zu den …«

»Entschuldige mal, darum geht es hier gerade gar nicht.«

»Du hast doch damit angefangen, deine Geschlechtsgenossinnen in sexistischer Art und Weise zu kategorisieren. So etwas würde ich mir nie anmaßen.«

»Ich bin eine Zucchini.«

»Zucchini?«

»Zerbrich dir nicht den Kopf. Hier, lass mal kurz in den Strandkorb setzen und chillen.« Darauf hatte ich das Gespräch definitiv nicht bringen wollen. Ich bin nur eine halbe Birnen-Frau. Oben mit weniger Oberweite ausgestattet als diese bayrischen Vollblut-Birnenfrauen. Schoko-Croissants setzen sich trotzdem an den Oberschenkeln ab.

Wir sanken in einen gestreiften Strandkorb, der aufs Meer ausgerichtet war. Jörn wischte, ganz Gentleman, den Sand vom blau-weiß gestreiften Plastiksitz und wir ließen uns nebeneinander, dabei weder betont weit, noch auffällig nah aneinander, auf den Sitz fallen. Wir taten das, als würden wir nicht weiter darüber nachdenken. Vielleicht dachte Jörn tatsächlich nicht darüber nach.