Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Liebe nach Herzenslust - K.C. Stevens

Drei Männer sind keiner zuviel? Die Grafikdesignerin Lizzy könnte mit dem Anwalt Max glücklich sein, wenn dieser nicht schon mit seiner Ehefrau glücklich wäre. Auf einer Silvesterparty lernt sie den Studenten Sebastian kennen, der sie immer wieder zu Eskapaden verführt. Gerade, als Lizzy denkt, ihr Leben könne nicht noch komplizierter werden, trifft sie auf den Yogalehrer Tobi, der ihr als Gegenleistung für Werbeaufträge Tantramassagen anbietet. Mit diesen drei Männern erlebt sie ein turbulentes Jahr, das ihr Leben und Denken auf den Kopf stellt. Eine moderne Liebesgeschichte mit einem Schuss Erotik und Humor

Meinungen über das E-Book Liebe nach Herzenslust - K.C. Stevens

E-Book-Leseprobe Liebe nach Herzenslust - K.C. Stevens

Inhalt

Drei Männer sind keiner zuviel?

Prosit Neujahr

Dating Alaaf

Hoch-Zeit

Tief-Schläge

Vive la Lizzy

Herbststürme

O du Fröhliche

Impressum

Drei Männer sind keiner zuviel?

Die Grafikdesignerin Lizzy könnte mit dem Anwalt Max glücklich sein, wenn dieser nicht schon mit seiner Ehefrau glücklich wäre. Auf einer Silvesterparty lernt sie den Studenten Sebastian kennen, der sie immer wieder zu Eskapaden verführt. Gerade, als Lizzy denkt, ihr Leben könne nicht noch komplizierter werden, trifft sie auf den Yogalehrer Tobi, der ihr als Gegenleistung für Werbeaufträge Tantramassagen anbietet.
Mit diesen drei Männern erlebt sie ein turbulentes Jahr, das ihr Leben und Denken auf den Kopf stellt.
Eine moderne Liebesgeschichte mit einem Schuss Erotik und Humor

Prosit Neujahr

Für Lizzy beginnt das neue Jahr mit einem Knall: Sie hat – ungeplanterweise – innerhalb von 24 Stunden Sex mit drei verschiedenen Männern …

»Wie schade, dass ich dich nicht heiraten kann.«

Verschlafen öffnete Lizzy ein Auge. Neben ihr auf dem Bett lag Maximilian, der sie zärtlich ansah.

»Ich weiß, dass du nicht geschlafen hast.«

Da wusste er mehr als sie. Lizzy hatte tatsächlich kurz geschlafen, nicht nur gedöst, wie sie es manchmal, nachdem sie mit Max geschlafen hatte, zu tun pflegte. Aber er war einer der Männer, die sich gerne ihre eigene Realität schufen. Inklusive Ehefrau, zwei entzückenden Kindern, einem Häuschen im Grünen – und einer Geliebten in einem teuren Appartement in der Stadt. Lizzy.

Sie hatte sich die Rolle nicht ausgesucht. Nichts hatte ihr ferner gelegen, als die Gespielin eines älteren, glücklich verheirateten Mannes zu werden. Als sie Max traf, genoss sie noch ihr Studentenleben und träumte davon, nach erfolgreichem Abschluss ein tolles Jobangebot zu bekommen, einen netten Mann zu treffen, irgendwann einmal mit ihm zusammenzuziehen und für immer glücklich zu leben.

Doch es kam anders. Sie und Max kamen sich näher, und da das tolle Jobangebot ausblieb und Lizzys WG aufgelöst wurde, machte Max ihr eine andere Art von Angebot, das sie nach anfänglichen Gewissensbissen und Skrupeln schließlich annahm.

Immerhin hatte das mit dem netten Mann gestimmt, dachte Lizzy, sonst wäre sie niemals auf seinen Vorschlag eingegangen. Denn Max war nett. Nett, kultiviert, großzügig und verlässlich. Alles Eigenschaften, die nicht zu verachten waren, wenn man sich als eine von vielen freiberuflichen – eine freundliche Umschreibung für unterbeschäftigt und chronisch pleite – Grafikdesignerinnen im Großstadtdschungel durchzuschlagen versuchte. Köln, die Medienstadt, hatte nicht gerade auf Lizzy gewartet.

Sanft strich Max ihr eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht. Sie drehte sich zu ihm. »Wieso ist das schade? Es ist doch genau das, was wir beide wollten.«

Tatsächlich liebte sie es, mit Max zu schlafen. Er war gepflegt und attraktiv, und obwohl er nicht viel Sport machte, wirkte er trainiert. Außerdem waren sie aneinander gewöhnt, wussten, was der jeweils andere mochte, und nahmen darauf Rücksicht. Lizzy war sich bewusst, dass sie Max’ Flucht aus dem Alltag war, aber auch er war ihre Fluchtmöglichkeit. Sie ergänzten sich.

Max besuchte sie etwa zweimal wöchentlich in der Wohnung, die er für sie gemietet hatte, meistens dienstags und freitags. Inzwischen waren sie über zwei Jahre zusammen, seit gut einem Jahr lebte sie hier. Laut Max war die Miete auf Dauer sogar preiswerter als Treffen in Hotels. In solcher Hinsicht dachte er praktisch. Er war sanft und zärtlich, verwöhnte sie ab und zu mit Geschenken und verlangte nie etwas von ihr, wozu sie nicht bereit war. Das Liebesspiel mit ihm dauerte erfahrungsgemäß zwischen dreiundzwanzig und achtundzwanzig Minuten, geschuldet der Tatsache, dass die Treffen mit Lizzy entweder in seiner Mittagspause oder während seiner angeblichen Squash-Stunden stattfanden. Seine Frau ahnte nicht, dass er schon seit längerem nur noch sehr sporadisch zum Sport ging und sein Ballspiel stattdessen in die Horizontale verlagert hatte.

»Ich habe ein schlechtes Gewissen dir gegenüber.«

Er sollte besser ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber haben, dachte Lizzy. Sie selbst war mit offenen Augen in die Affäre gestolpert, während seine Frau von ihrem kleinen Arrangement nichts wusste. »Ist schon okay.«

»Du verdienst etwas Besseres. Ich will, dass du glücklich bist, Charlotte.«

Wenn er sie Charlotte nannte, musste es ihm ernst sein. Was war das denn jetzt, ein Anflug von Neujahrsblues? Dabei war heute erst Silvester.

Liebevoll fuhr Lizzy mit den Fingern über seine grau melierten Schläfen, die ihm ein leicht distinguiertes Aussehen gaben. Männer sahen mit zunehmendem Alter immer besser aus, fand sie. Charismatischer. Insofern störte sie der Altersunterschied zwischen ihnen überhaupt nicht. »Ich bin glücklich. Mit dir. Jetzt werd mal nicht melodramatisch, Mäxchen.«

»Du weißt, dass du mich nicht so nennen sollst.«

Lizzy wusste es nur zu gut, machte sich aber einen Spaß daraus, ihn weiter zu reizen. Immerhin war heute Silvester, und Max hatte länger Zeit für sie als sonst. Mit einem aufreizenden Lächeln ließ sie ihre Hand über seine Brust und seinen Bauch weiter nach unten wandern, bis sie seinen Penis unter ihren Fingerkuppen spürte. »Mäxchen.«

Mit einem zufriedenen Seufzer rollte er sich auf sie. »Na warte.«

*

Einunddreißig Minuten später trat Max aus ihrer Dusche, trocknete sich mit einem extra für ihn bereitgelegten Duschtuch ab und zog sich wieder an. »Ich muss los. Wir sind heute Abend eingeladen.«

Lizzy hatte gelernt, nicht nachzufragen, wenn er ihr ab und zu einige wenige Einblicke in sein Privatleben gab. Sie wusste nur, dass seine Frau Claudia hieß, dreiundvierzig Jahre alt war und sie zwei Kinder hatten, einen Sohn, Leon, und eine Tochter, Marie, die beide noch in die Grundschule gingen. Max selbst war sechsundvierzig, doppelt so alt wie Lizzy, und Partner in einer Anwaltskanzlei in der Nähe des Doms. Er wohnte mit seiner Familie in Lindenthal, einem der alten Villenviertel.

Der Mietvertrag für ihr Appartement hingegen lief auf sie, darauf hatte Lizzy bestanden, selbst wenn Max die Miete bezahlte. In einer Stadt wie Köln war Wohnraum ein Luxusgut, schon winzige Bruchbuden kosteten mehrere hundert Euro im Monat. Daran, dass sie sich die Miete für dieses Appartement alleine gar nicht leisten konnte, wollte sie lieber nicht denken. Für sie war er kein Sugar Daddy, er war Max, und Lizzy liebte ihn.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm im Flur noch schnell einen Abschiedskuss zu geben. »Frohes neues Jahr.«

»Dir auch.«

Weg war er.

Lizzy drehte sich um und ging ins Badezimmer, um ebenfalls zu Duschen. Max mochte es nicht, wenn jemand anders das Bad betrat, während er darin war. Er hatte keine Hemmungen, an einem Tag sowohl mit seiner Ehefrau als auch mit seiner Geliebten Sex zu haben, aber ihn beim Duschen zu beobachten war anscheinend ein Eingriff in seine Intimsphäre.

Nicht, dass in ihrer Duschkabine Platz für zwei Personen gewesen wäre, dachte Lizzy nicht zum ersten Mal. Die Wohnung war luxuriös, aber nicht unbedingt praktisch konzipiert. Es war ein Appartement, wie es nur ein Architekt auf dem Reißbrett planen konnte: Ein schickes, aber fensterloses Bad mit einer Duschnische statt einer Badewanne und einem edlen Steinboden, auf dem man, wenn er nass war, schnell ausrutschte. Die Küche war so klein, dass man sich darin kaum umdrehen, geschweige denn eine Mahlzeit zubereiten konnte, die mehr Kochkünste erforderte als ein Fertigmenü in der Mikrowelle zu erwärmen. Was Lizzy, die ungern kochte, als Ausrede nahm, die Küche so weit wie möglich zu ignorieren. Abends aß Max sowieso bei seiner Familie, und wenn er mittags kam, gab er sich mit Schnittchen oder einer Suppe zufrieden. Lizzy war inzwischen ziemlich gut im Fertigsuppen-Aufwärmen und darin, edlen Belag auf ausgefallene Brotsorten zu legen.

Auch das Schlafzimmer war relativ klein, hatte aber einen traumhaften Blick auf den Dom. Lizzy hatte auf einem 1,40 Meter breiten Bett mit einer einzelnen Matratze bestanden, anstatt auf dem breiteren Standardbett mit zwei Matratzen. Schließlich kam Max nur vorbei, um mit ihr und nicht bei ihr zu schlafen. Außerdem war auf diese Weise noch Platz für ihren Kleiderschrank gewesen.

Einzig das Wohnzimmer, ebenfalls mit Domblick, war relativ groß. Das war auch nötig, weil sie in der Ecke am Fenster ihren Arbeitsplatz eingerichtet hatte. Natürlich war es nicht schön, Geschäfts- und Privatleben ständig zu vermischen, aber dadurch, dass sie von zuhause aus arbeitete, sparte sie die zusätzliche Miete für ein Büro.

Gerade, als sie im Bademantel ins Wohnzimmer kam, klingelte ihr Telefon. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick aufs Display. »Hi, Gina!«

Gina war ihre beste Freundin aus Studientagen. Sie hatten sich an der FH kennengelernt, wo sie beide Media Design studierten. Genau wie Lizzy war auch Gina nach dem Abschluss ihres Studium in Köln geblieben. Im Gegensatz zu Lizzy hatte sie allerdings schnell einen Job gefunden, in einer Werbeagentur am Rheinauhafen.

»Sag mal, was machst du heute Abend?«, fragte Gina ohne Umschweife.

»Ich dachte, ich komme später noch bei dir vorbei, und wir sehen uns um Mitternacht am Rhein zusammen das Feuerwerk an?«

Das war zumindest der ursprüngliche Plan gewesen. Alles, um nicht mit ihren Eltern zu feiern und einen auf traute Familie machen zu müssen. Weihnachten hatte Lizzy in dieser Hinsicht gereicht. Außerdem sollte Max ihr kleines Geheimnis bleiben und nicht zum Familiengeheimnis werden. Obwohl sie schon seit mehreren Jahren in Köln lebte, hatte sie, wahrscheinlich auch aufgrund der etwas außergewöhnlichen Rolle, die Max in ihrem Leben spielte, nur wenig gute Freunde. Zumindest keine, die sie Silvester eingeladen hatten. Bis auf Gina.

»Ja, ich weiß, aber hättest du vielleicht Lust, anstatt auf der Straße zu frieren, lieber in einem Penthouse mit Blick auf den Rhein zu feiern?«

»Was ist das denn für eine Frage? Erzähl, los!«, rief Lizzy in den Hörer.

»Also, ein Kollege von mir hat von dieser Party gehört. Sind wohl Studenten, die sie veranstalten, aber der Blick von der Dachterrasse muss gigantisch sein. Kostet allerdings zwanzig Euro Eintritt.«

»Studenten? Wie kommen die denn an ein Penthouse?«

»Keine Ahnung. Vielleicht haben sie es nur für den Abend gemietet? Kann ja sein, es gibt ja inzwischen einige Websites, über die man sein Gästebett oder seine Wohnung für ein paar Tage untervermieten kann.«

»Bei zwanzig Euro Eintritt gibt’s hoffentlich Getränke umsonst, oder was meinst du?«, überlegte Lizzy laut.

»Ich glaube schon. Geht angeblich ab zehn los. Wenn du magst, können wir vorher bei mir noch was essen und einen Sekt köpfen zum Vorglühen. Ich habe eh eine Flasche besorgt.«

Lizzy warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach sieben. »Ich bin so gegen neun bei dir, ist das okay?«

»Prima. Zieh dir was Schickes an, ja? Ich will mich endlich mal wieder aufbrezeln und nicht die Einzige sein, die mit ’nem dünnen Kleidchen rumsteht, während alle um mich herum Jeans und Pulli tragen. Bei Studenten weiß man ja nie.«

»Geht klar«, antwortete Lizzy automatisch. In Gedanken war sie schon beim Inhalt ihres Kleiderschrankes. ›Was Schickes‹ darin zu finden war gar nicht einfach, denn als Studentin hatte sie hauptsächlich Jeans und bügelfreie Tops getragen. Auch in den Werbeagenturen, für die sie ab und zu arbeitete, passten Jeans normalerweise gut zum Kreativ-Look der Branche. Auf schicke Events war sie so gut wie nie gegangen, und die Studentenpartys hatten nicht unbedingt nach schicken Kleidchen verlangt. Als Geliebte investierte sie hingegen überwiegend in Dessous, denn Max ging so gut wie nie mit ihr aus – die Gefahr, jemanden zu treffen, den er kannte, war ihm in Köln einfach zu groß.

Entsprechend war es kein Problem, in ihrem Kleiderschrank ›was Schickes für Drunter‹ zu finden. Lizzy angelte ein hellblaues Set mit cremefarbener Spitze aus der Schublade. Der String betonte ihren Po, der dank regelmäßigem Fitnesstraining schön straff war. Der BH war unauffällig gepolstert, bei Körbchengröße 70B ein lohnendes Investment. Polster waren okay, Silikon nicht, hatte Lizzy für sich entschieden. Max war mit ihrem Busen zufrieden, also war sie es auch.

Stirnrunzelnd zog sie ein Teil nach dem anderen aus ihrem Schrank und hängte es wieder zurück. Die schwarze enge Hose kombiniert mit einem coolen Top wäre eine Option, aber ihr dazu passendes Lieblingsoberteil war gerade in der Wäsche. Das dunkelblaue Kleid mit den langen Ärmeln war zwar warm, aber erzkonservativ und schon gar nicht schick. Der Jeansrock erschien ihr für Silvester unangebracht. Am ehesten passte wohl noch ihr kleines Schwarzes, aber das war ärmellos und zu kalt für diese Jahreszeit. Studenten – insbesondere männliche Studenten – neigten ja oft dazu, selbst im Winter die Heizung nicht anzumachen, weil sie so selten froren. Anders als ihre Freundinnen oder WG-Mitbewohnerinnen, die meistens bibbernd danebensaßen. Nach drei Jahren einschlägiger WG-Erfahrung hatte Lizzy ihre Lektion gelernt und genoss ihre Wohnung und vor allem die Fußbodenheizung ohne schlechtes Gewissen. Die Nebenkosten musste sie schließlich nicht selbst zahlen, und im Winter keine kalten Füße mehr zu haben oder mit Handschuhen und Jacke am PC sitzen zu müssen hatte durchaus Vorteile.

Sie beschloss, die Kleiderfrage zu verschieben und sich erst um Frisur und Make-up zu kümmern. Ihre glatten, langen Haare steckte sie hoch und zupfte nur vereinzelte Strähnen aus dem kunstvoll wild aussehenden Knoten. Dann verwandelte sie ihre blauen Augen mittels dunkelblauem und dunkelviolettem Lidschatten sowie viel Wimperntusche in dramatische Smokey Eyes. Dunkelvioletter Lippenstift vervollständigte ihren Look.

Als sie Max das erste Mal getroffen hatte, hatte sie eine schwarze Hose und eine weiße Bluse getragen und die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er war, zusammen mit einem anderen Mann, mittags Kunde in dem Bistro gewesen, in dem sie während des Studiums ab und zu kellnerte. Ein Geschäftsessen, wie er ihr später gesagt hatte. An diesem Tag hatte er ihr ein üppiges Trinkgeld und seine Visitenkarte gegeben. Lizzy hatte ihn natürlich nicht angerufen. Das hatte Max aber nicht davon abgehalten, in der Woche darauf wiederzukommen, diesmal alleine, und in der nächsten Woche erneut. So lange, bis sie endlich eingewilligt hatte, ihn zu einem Kaffee zu treffen.

Lizzy seufzte. Anstatt mit ihren Gedanken in die Vergangenheit zu schweifen, sollte sie sich lieber mit gegenwärtigen Kleiderfragen für eine zukünftige Party beschäftigen.

Schwarze Hose oder schwarzes Kleid? Gina hatte gesagt, sie wolle nicht als Einzige in einem dünnen Kleidchen rumstehen. Also schön, für Gina, dachte Lizzy und zog entschlossen ihr kleines Schwarzes aus dem Schrank. Es hatte breite Träger, einen verhältnismäßig züchtigen Ausschnitt, und reichte ihr bis zu den Knien. Das Oberteil war figurbetont gearbeitet, der Rock etwas weiter geschnitten.

Sie nahm eine Kette mit großen, silberfarbenen Kugeln aus der Schale im Wohnzimmer, in der sie ihren Modeschmuck aufbewahrte. Der einzige echte Schmuck, den sie besaß, waren die zierlichen Diamantohrstecker, die Max ihr letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, und die sie täglich trug. Auch die Armbanduhr einer bekannten Luxusmarke kam von ihm.

Strumpfhose oder Strümpfe? Aus einem Impuls heraus angelte Lizzy eine neue Packung mit zwei passenden schwarzen halterlosen Strümpfen aus der Schublade. Da es Winter war, zog sie dazu ihre schwarzen, kniehohen Stiefel mit Absatz an. Der Gesamteindruck war gar nicht mal schlecht, wie ihr ein prüfender Blick in den großen Spiegel im Flur zeigte.

Nun brauchte sie nur noch etwas Warmes, das sie über dem Kleid tragen konnte. Ein Blazer erschien ihr für den Anlass zu streng, eine Strickjacke zu leger. Als sie schon aufgeben wollte, erinnerte sie sich an die schwarze Stola, die ihre Tante ihr vor einigen Jahren gegeben hatte, weil sie noch zu gut für die Altkleidersammlung war. Lizzy zog sie aus den Tiefen des Kleiderschranks hervor. Sie war dünn, aber warm, und roch dezent nach Lavendel – ein Duft, der sie an ihre Tante erinnerte.

Etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues, dachte Lizzy und musste unwillkürlich grinsen. Fehlte eigentlich nur noch etwas Geliehenes.

*

Als sie unten vor dem Haus ankam stand ihr Fahrrad nicht mehr dort, wo sie es heute Morgen abgestellt hatte. Hoffentlich hat das jemand nur mal kurz ausgeliehen, dachte Lizzy genervt, obwohl sie, nachdem ihr in vier Jahren bereits drei Fahrräder abhanden gekommen waren, selbst nicht daran glaubte.

Also öffentliche Verkehrsmittel. Seufzend zog sie ihren schwarzen Wollmantel enger um sich und machte sich auf den Weg zur Haltestelle. Ihr Appartement lag in Deutz, in einem schicken neuen Hochhaus mit allem Schnickschnack: Video-Türsprechanlage, Conciergeservice, Tiefgarage. Im Erdgeschoss gab es ein Sportcenter, einen richtigen Fit- und Wellnesstempel mit den neuesten Geräten, Kursen, die jeden Trend sofort aufgriffen, Schwimmbad, Sauna, Personal Trainer, teuren Massage-Angeboten. Für jemanden wie Lizzy war das alles eigentlich too much, aber Max war begeistert gewesen.

Leider lag Deutz auf der rechten Rheinseite, von den Kölnern auch verächtlich als ›Schäl Sick‹, falsche Seite, bezeichnet. Der Dom, die Altstadt, die Szeneviertel, selbst Max’ Arbeitsstelle und Lebensmittelpunkt befanden sich auf der linken Rheinseite, überlegte Lizzy, während die Straßenbahn den Fluss überquerte. Aber Max hatte auf dem Appartement in Deutz bestanden. Eine säuberliche Trennung zwischen seinem ›richtigen ‹und seinem ›falschen‹ Leben, dachte sie leicht säuerlich. Für den Fall, dass man ihn ortete, war er sogar Mitglied in dem Sportstudio geworden, um eine Erklärung zu haben, wieso er oder sein Wagen sich in dem Gebäude aufhielten. Aber immerhin war dadurch auch Lizzy in den Genuss ihrer Mitgliedschaft gekommen, und sie nutzte das Studio fast täglich.

Gina wohnte im Belgischen Viertel in einer kleinen Altbauwohnung, nur ein paar Minuten Fußweg vom Friesenplatz entfernt. Lizzy warf ihren Mantel über einen Stuhl und umarmte ihre Freundin. »Schick siehst du aus!«

»Meinst du?« Etwas verlegen drehte Gina sich um die eigene Achse. Als Italienerin war sie eher klein, sogar noch kleiner als Lizzy, die mit 1,62 selbst nicht gerade groß war, und nahm leicht zu. Momentan hatte sie wieder mal ein paar Kilo zu viel auf den Hüften, dem Umstand geschuldet, dass ihre Familie ein paar Straßen weiter eine Pizzeria betrieb und Gina dort öfters abends nach der Arbeit vorbeischaute. Natürlich blieb es nicht beim Schauen, denn sie wurde immer liebevoll mit Pizza und Pasta versorgt. Es war Ginas ganz persönlicher Teufelskreis: Je mehr Stress sie bei der Arbeit hatte, desto mehr aß sie, und je mehr sie aß, desto unwohler fühlte sie sich, und desto öfter ging sie zu ihrer Familie.

Lizzy, die Ginas Gewichts- und Familienproblematik kannte, entschied sich für ein diplomatisches »das Kleid kaschiert schön.«

»Echt?« Gina zupfte an dem Stoff. »Weihnachten passte es noch besser.«

Tatsächlich spannte es um ihren Busen herum ziemlich. Aber manche Männer standen ja darauf, wenn die Ware direkt vor ihren Augen präsentiert wurde. »Du siehst gut aus. Es betont dein Dekolleté, und Rot passt super zu deinem dunklen Typ.« Zumindest das stimmte. Schnell wechselte Lizzy das Thema: »Wie war das mit dem Sekt?«

»Kommt sofort.« Gina holte eine bereits geöffnete Flasche aus dem Kühlschrank. Im Spülbecken stapelte sich benutztes Geschirr. »Ich muss nur noch schnell Gläser suchen. Bin noch nicht zum Aufräumen und Spülen gekommen, war bis nachmittags in der Agentur, weil eine Präsentation unbedingt noch in diesem Jahr fertig werden musste.« Sie rollte mit den Augen. »Dabei kann der Kunde sowieso erst im neuen Jahr darüber entscheiden.«

Lizzy ließ sich auf das Ausziehsofa fallen und schob einen Stapel Ordner auf dem Couchtisch beiseite. Gina wohnte in einem kleinen 1-Zimmer-Appartement, das gleichzeitig Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche war. Obwohl sie als angestellte Medienplanerin weit mehr als die vertraglich vereinbarten vierzig Stunden in der Woche arbeitete, kam sie finanziell gerade so eben über die Runden, denn Überstunden wurden von ihrem Chef als selbstverständlich vorausgesetzt und ebenso selbstverständlich nicht vergütet. Davon abgesehen, dass er zu denken schien, seine Mitarbeiter könnten sich glücklich schätzen, dass sie in einer so angesagten Agentur arbeiten durften, dass sie besser ihn zahlen sollten als er sie.

»Hast du denn jetzt deine Weihnachtsgratifikation bekommen?«, fragte Lizzy.

Gina stoppte kurz mit was auch immer sie gerade tat. »Nein. Angeblich gab es die nur für ausgewählte Mitarbeiter. Aber wenn ich es richtig mitbekommen habe, haben alle Männer eine bekommen.«

Der Vorteil der Agentur war, dass sie so klein war, dass jeder jeden kannte und jeder alles mitbekam. Was manchmal auch ein Nachteil sein konnte. »Wie sieht es denn mit der versprochenen Gehaltserhöhung aus?«

»Frag nicht. Ich will mich nicht auch noch an Silvester über die Arbeit aufregen.« Gina hatte zwischenzeitlich zwei Gläser gespült und goss Alkohol ein. »Prost. Auf dass das neue Jahr besser werden möge als das alte.«

Der Sekt war nicht kühl genug und schmeckte nicht. Im gleichen Moment erschrak Lizzy über ihre Gedanken. Sei nicht so ein verdammter Snob, ermahnte sie sich selbst. Max hat dich schon angesteckt mit seinem Lebensstil. Dies hier ist Gina, deine beste Freundin und die einzige Person in deinem Umfeld, die von Max weiß. »Auf dass das neue Jahr besser werden möge«, wiederholte sie.

»Hast du Hunger?« Geschäftig sprang Gina auf und schaute in ihren Kühlschrank. »Spaghetti mit Pesto oder Spaghetti mit Tomatensoße?«

»Tomatensoße.«

»Ich hab extra welche aus der Pizzeria mitgebracht.« Gina schraubte ein Glas auf und goss die bereits fertige Soße in einen Topf. Ein paar Minuten später stellte sie zwei gut gefüllte Teller auf den Tisch. »Henkersmahlzeit!«

»Weil es so blutrünstig aussieht?« Zweifelnd griff Lizzy nach ihrer Gabel.

»Nein, weil es das letzte Essen in diesem Jahr ist, natürlich.«

»Ach so.« Lizzy drehte ein paar Spaghetti um die Gabel, die jedoch wieder hinunterrutschten, während Gina ihre Nudeln geschickt aufwickelte. »Willst du nicht doch lieber mit deiner Familie feiern?«

»Bloß nicht. Die wollen dann immer nur wissen, wann ich endlich heiraten und viele Bambini produzieren werde. Das hat mir Weihnachten schon gereicht.«

Zumindest ihre eigene Familie war in dieser Hinsicht entspannter, dachte Lizzy. Insbesondere, weil ihre jüngere Schwester schon seit Jahren mit ihrem Freund zusammenlebte und es ausgemacht schien, dass sie in absehbarer Zeit heiraten würden.

»Anfang zwanzig ist heutzutage doch kein Alter«, versuchte Lizzy ihre Freundin zu trösten.

»Bei uns Italienern schon. Da wohnen normalerweise alle zuhause, bis sie heiraten.«

Lizzy erinnerte sich noch gut an den Widerstand von Ginas Eltern, als ihre Tochter eine eigene Wohnung nehmen wollte. Insgeheim hatte sie gehofft, dass Gina dadurch selbständiger werden würde, aber sie hing nach wie vor abends in der Pizzeria ab.

»Dann suchen wir dir heute Abend einen netten Mann.«

»Bloß keinen Studenten«, sagte Gina sofort. »Denk daran, was mit Manon passiert ist.«

Ihre Kommilitonin hatte einen gut bezahlten Job als Webdesignerin ergattert, sich in einen Studenten verliebt und ihn den Rest seines Studiums über finanziert. Er war sogar bei ihr eingezogen. Kaum hatte er seinen Abschluss, bewarb er sich bei einer Hamburger Werbeagentur und zog weg. Allerdings nicht, ohne vorher noch den Großteil ihres Hausstands mitzunehmen. Seitdem machte Manon um Männer einen großen Bogen.

»Da sind bestimmt auch noch andere Männer«, entgegnete Lizzy, obwohl sie selbst ihre Zweifel hatte. »Wo ist das überhaupt?«

»In der Nähe vom Ebertplatz. Wir können mit der Bahn fahren. Dein Rad kannst du hier lassen.«

»Mein Fahrrad? Das ist mir heute geklaut worden.«

Gina machte große Augen. »Schon wieder?«

Lizzy zuckte gespielt nonchalant mit den Schultern, obwohl es in ihr brodelte. Sofern nicht gerade Schnee lag – in Köln eher selten – oder es böig war oder wie aus Eimern goss – schon öfter der Fall – war das Fahrrad ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Sie schob ihren halbvollen Teller von sich. »Kommt dein Kollege auch mit, der, der dir von der Party erzählt hat? Wer ist es überhaupt?«

»Ach, nur Rafael.« Gina wurde rot. »Er hat gesagt, dass er vielleicht vorbeischauen wollte.«

Rafael war Ginas heimlicher Schwarm. Er arbeitete erst seit Kurzem in der Werbeagentur, allerdings als Creative Supervisor, obwohl er kaum älter war. Lizzy kannte ihn bisher nur aus Ginas Erzählungen. Bisher schien Rafael von Ginas Existenz jedoch wenig mitbekommen zu haben, obwohl sie seit einigen Monaten Kollegen waren. Anscheinend hatte sich das gerade geändert. »Hey, Glückwunsch, er hat dich angesprochen! War das eine Einladung? Kommt er dich abholen? Soll ich unauffällig verschwinden?«

Doch Gina wehrte mit beiden Händen ab. »Nein, nein, so war das nicht! Ich stand zufälligerweise in der Nähe, als er versucht hat, Angie zu der Party einzuladen, da habe ich es mitbekommen.«

Oha, dachte Lizzy. Das klang, als müsste sie an diesem Abend Schadensbegrenzung betreiben. Wenn der schöne Rafael mit der nicht minder schönen Angie im Schlepptau auftauchen würde, wäre für Gina der Abend gelaufen. »Willst du wirklich hingehen? Noch können wir uns anders entscheiden.«

»Nein, ist schon gut.« Gina lachte etwas zu schrill. »Lass uns fahren, bevor ich den Mut verliere.«

*

»Bist du sicher, dass hier heute Abend eine Party stattfindet?« Zweifelnd blickte Lizzy nach oben, als ob sie von der Straße aus ins Penthouse sehen könnte. Bei der angegebenen Adresse handelte sich um einen weißen Neubau mit großen, schwarz eingefassten Fenstern, sehr edel aussehend.

Sie las die Namen neben den Klingelknöpfen laut vor, aber Gina guckte nur eingeschüchtert. Gerade, als Lizzy ihr vorschlagen wollte, wieder zu gehen, sah sie einen Mann auf die Eingangstür zusteuern. Unter den linken Arm hatte er mehrere Flaschen geklemmt. »Entschuldigung! Wissen Sie zufällig, ob hier heute Abend eine Party stattfindet?«

Er maß sie ungeniert mit Blicken. Offensichtlich gefiel ihm, was er sah. Er selbst sah auch nicht schlecht aus, dachte Lizzy unwillkürlich. Groß und schlank, noch recht jung, mit dunklen, etwas zu langen Locken und einem Lausbubenlächeln. Auch Gina schien er zu gefallen. Ein idealer Kandidat, um Rafael eifersüchtig zu machen.

»Für euch beiden Hübschen ganz bestimmt.« Der Mann klingelte, rief nur »ich bin’s, hab Nachschub dabei!« in die Gegensprechanlage und bedeutete, ihm zu folgen, als sich die Haustür mit einem Summen öffnete.

Während er den Aufzugknopf drückte, musterte Lizzy ihn unauffällig. Doch, ein Prachtexemplar, selbst bei der harschen Flurbeleuchtung. Außerdem einen Tick zu alt für einen Studenten. Er trug einen dunklen Mantel, aber keine Jeans, sondern eine schwarze Hose. Außerdem hatte er drei Flaschen Champagner im Arm.

»Kannst du bitte mal ...«, sagte er zu Lizzy, als sich die Aufzugtüren öffneten. »Fünfter Stock.«

Lizzy drückte auf die genannte Nummer, und die Türen schlossen sich hinter ihnen. Die Fahrt verlief schweigsam, war aber glücklicherweise nur kurz. Im fünften Stock empfing sie laute Musik aus einer geöffneten Wohnungstür.

Ihr Begleiter drückte jemandem die Flaschen in die Hand, der damit verschwand. Dann legte er je einen Arm um Lizzy und um Gina. »Immer herein in die Höhle der Löwen.«

Inzwischen hatte Gina ihre Sprache wiedergefunden. »Kostet das nichts?«

»Schöne Frauen kommen umsonst rein.« Er ignorierte Gina, grinste dafür Lizzy spitzbübisch an. »Du kannst dich später bedanken. Darfst dir schon mal was Schönes ausdenken.«

Im ersten Moment glaubte Lizzy, sich verhört zu haben. »Danke, dann zahl ich doch lieber Eintritt«, antwortete sie so kühl wie möglich.

»Ach komm, war doch nur Spaß.« Er zog sie beide mit ins Getümmel. »Zieht euch aus, nehmt euch ’nen Drink, tanzt auf den Tischen, habt Spaß.«

Auf dem Couchtisch tanzte tatsächlich eine barfüßige, hippiemäßig aussehende Blondine. Wahrscheinlich auf Drogen, dachte Lizzy zynisch. Sie warf Gina einen fragenden Blick zu. »Alles okay? Willst du bleiben?«

Gina nickte. Sie hatte zielsicher gesehen, dass es in der Küche etwas zu Essen gab. »Schau mal, Räucherlachs!«

»Gina, krieg dich wieder ein. Du hast doch gerade gegessen. Gib mir erst mal deine Jacke«, sagte Lizzy energisch. »Ich hänge sie schnell auf. In der Zwischenzeit kannst du uns ein Glas Champagner organisieren.« Sie hatte die Marke auf den Flaschen erkannt. Dies hier war keine gewöhnliche Studentenparty!

Als Garderobe diente eine giftgrüne Chaiselongue, die im Flur stand. So weit sie sehen konnte war die komplette Wohnung weiß gestrichen, der Boden bestand aus hellem Parkett. Das war ganz bestimmt keine Studentenwohnung. Gina musste Rafael falsch verstanden haben. Wo immer sie gerade gelandet waren, Lizzy dankte dem Himmel für das Missverständnis und nahm sich vor, den Abend zu genießen.

Sie warf Ginas Jacke und ihren eigenen Mantel auf den Haufen von Kleidung, der bereits auf der Chaiselongue lag. Es war noch nicht allzu voll, vielleicht vierzig Leute, aber das Wohnzimmer war riesig, bestimmt doppelt so groß wie Lizzys, so dass sie sich gut verteilten.

Sie fand Gina in der Küche, wo sie sich bereits einen Teller mit Lachs-Canapés angerichtet hatte. Lizzy griff nach einem Champagnerglas und einer Flasche, die geöffnet in einem Eiskübel auf dem Tisch stand. Das Glas beschlug leicht, kaum dass sie es vollgeschenkt hatte, das Getränk perlte himmlisch auf der Zunge. Sie schloss genüsslich die Augen.

»Eine Frau, die Sex mit ihrem Glas hat. Ein göttlicher Anblick.«

Da war er wieder, der Mann, der sie reingelassen hatte. Auch er hatte sich zwischenzeitlich den Mantel ausgezogen. Sein schwarzer Anzug und das rosafarbene Hemd sahen edel aus. Wahrscheinlich schwul, dachte Lizzy bedauernd. Irgendwie waren in Köln alle gutaussehenden Männer immer entweder vergeben oder schwul. Aus einem Impuls heraus hielt sie ihm ihr halb volles Glas hin: »Willst du auch?«

Er ergriff es am Kelch, woraufhin seine warmen Finger Lizzys berührten. Sie spürte einen kleinen elektrischen Schlag und runzelte einen Moment lang die Stirn. Dann setzte der Mann das Glas an seine Lippen und trank den Inhalt in einem Zug aus, während er sie dabei anschaute. Sein Adamsapfel war prominenter ausgeprägt als Max’, seine Lippen voller. Er leckte sich die Lippen und hielt ihr das leere Glas hin.

Lizzy musste sich räuspern. »Und du hattest keinen Sex mit meinem Glas?«

»Doch.« Er trat noch einen Schritt näher und stellte das Glas auf den Küchentresen, da sie keine Anstalten machte, danach zu greifen. »Lust auf einen Quickie, nachdem wir das Vorspiel schon hinter uns haben?«

Oder doch nicht schwul, dachte Lizzy. Dann bestimmt vergeben. Wo war Gina? Die Küche war plötzlich leer. Elende Verräterin, fluchte Lizzy innerlich, kaum will man sie verkuppeln, nimmt sie Reißaus. Obwohl selbst Lizzy zugeben musste, dass dieser Mann wahrscheinlich nichts für Gina war: Viel zu selbstbewusst für die zurückhaltende Gina. Und viel zu gutaussehend, fügte eine kleine, gemeine Stimme in ihrem Kopf hinzu.

»Ich überlege mir meine guten Vorsätze fürs neue Jahr noch«, antwortete sie mit so viel Würde, wie sie meistern konnte. Was zugegebenermaßen nicht viel war, denn seine Brust berührte inzwischen ihre, und sein warmer Atem streifte ihre Schläfe.

»Überleg nicht zu lange. Ich komme wieder.«

Heißer Typ, dachte Lizzy anerkennend, während sie seiner Rückenansicht hinterherschaute.

Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, machte sie sich auf die Suche nach Gina. Sie fand sie in einer Ecke neben der Musikanlage, alleine mit ihrem Glas.

»Lass uns Tanzen!«, schrie Lizzy ihr ins Ohr, um die Musik zu übertönen. Doch Gina sah sie nur entsetzt an und schüttelte vehement den Kopf.

Doch Lizzy ließ sich davon nicht abhalten. Die Hippie-Blondine tanzte noch immer barfuß auf dem Couchtisch. In einer Ecke drehte sich ein Pärchen selbstvergessen in einem langsamen Rhythmus zu schnellen Techno-Beats. Zwei, drei einzelne Frauen und ein Mann hopsten in einer Ecke des Wohnzimmers, die wohl Tanzfläche sein sollte, herum. Lizzy warf sich dazwischen und bewegte sich im Rhythmus der Musik. Einige Lieder lang vergaß sie alles um sich herum.

»Heiß!« Schon wieder er, der Mann ohne Namen. Ein paar Minuten tanzte er mit Lizzy, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, ohne sie zu berühren. Trotzdem berührte er sie. Sie wusste in jeder Sekunde genau, wo er war, selbst wenn er sich hinter ihr befand. Dann war er wieder verschwunden, genauso schnell, wie er gekommen war.

Fast ein bisschen enttäuscht ging Lizzy in die Küche, um sich ihr Glas noch einmal zu füllen. Gina machte sich gerade einen weiteren Teller Lachshäppchen.

»Sollen wir mal die Dachterrasse checken?«, schlug Lizzy vor.

Doch Gina schüttelte den Kopf. »Ist mir zu kalt, ich gehe erst zum Feuerwerk raus. Die Party gefällt mir nicht, merkwürdige Leute hier. Ich hoffe nur, dass Rafael bald auftaucht.«

Lizzy warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Zwanzig vor zwölf. Sie hatte keine Lust, zwanzig Minuten mit einer mies gelaunten Gina in der Küche abzuhängen. »Okay, dann sehen wir uns gleich draußen?«

Gina zog eine Schnute, aber Lizzy ließ sie trotzdem alleine. Die Dachterrasse ließ sich durch große Glasschiebetüren betreten, von denen eine ein Stück weit geöffnet war. Der Boden war mit Holzbohlen belegt. Alle paar Meter standen graue, viereckige Pflanzenkübel mit etwas, das trotz der winterlichen Temperaturen grün aussah. Alles sehr stylish.

Lizzy ging ein paar Meter weg von der Menschenmenge und lehnte sich an das Stahlgeländer. Von hier aus hatte man tatsächlich Rheinblick, keinen unverbauten, aber zumindest ein Stückchen. Vereinzelt wurden erste Feuerwerkskörper abgeschossen.

»Lebe wild und gefährlich.«

»Was?« Lizzy drehte sich um. War ja klar, wer da wieder hinter ihr stand.

»Mein Motto. Lebe wild und gefährlich. Du darfst es dir als guten Vorsatz fürs neue Jahr ausleihen.«

Was Altes, was Neues, was Blaues und was Geliehenes, dachte Lizzy und musste unwillkürlich kichern. Sie war doch tatsächlich nervös. Dabei war sie eine junge, moderne Frau, die heute bereits zweimal mit dem Mann geschlafen hatte, den sie liebte.

»Okay«, sagte sie. Ein bisschen Flirten konnte nicht schaden. Sie fühlte sich von diesem Mann tatsächlich begehrt, und das Gefühl stieg ihr schneller zu Kopf als der Champagner. »Hiermit offiziell geklaut.«

»Gut.« Er zog sie näher, bis sie sich an ihn schmiegte und er seine Arme von hinten um sie legen konnte. An ihrem Hintern spürte Lizzy deutlich etwas Hartes, das sich an ihr rieb.

»Soll ich dir noch was verraten?«, raunte er ihr ins Ohr. »Ich will dich. Hier und jetzt, im Stehen gegen diese Wand gepresst, bis zu schreist.«

Lizzy kam gar nicht dazu, nachzudenken, ob sie das auch wollte. Innerhalb von Sekunden hatte er sie um die Ecke bugsiert, wo die Dachterrasse weiterging, und gegen die weiße Hauswand gepresst. Bis hierhin fiel der Lichtschein des Wohnzimmers nicht, und es war auch keine Außenbeleuchtung an. Trotzdem war es nicht ganz dunkel.

Dort küsste er sie. Seine Lippen strichen sanft, aber bestimmt über ihre, seine Zunge drängte sich in ihren Mund und spielte mit ihrer, seine Zähne knabberten an ihrer Unterlippe. Anders als Max. Max war sanft und zärtlich, dieser Mann war leidenschaftlich und zunehmend ungestüm. Unwillkürlich hatte Lizzy die Augen geschlossen und genoss, welche Macht sie über ihn zu haben schien. Doch von einer Sekunde zur nächsten änderten sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen. Besitzergreifend fuhr er mit den Händen über ihre Hüfte, schob ihr Kleid hoch und seine Finger unter ihren Slip. Lizzy keuchte überrascht auf.

»Du willst mich.« Da war keine Frage in seiner Stimme, nur triumphierende Gewissheit. Hilflos spürte sie, wie er zwei – waren es zwei? – Finger in sie schob, mit dem Daumen zielsicher ihre Klitoris fand und gerade so viel Druck ausübte, dass sie atem- und bewegungslos vor Spannung verharrte. So leicht, wie es ihm fiel, musste sie extrem feucht sein.

Er ließ kurz von ihr ab, um etwas Kleines, Flaches, Glänzendes aus seiner Jacketttasche zu ziehen. Eine Kondompackung. Lizzy sog zitternd Luft ein. Die Zeit reichte ihm, um seine Hose zu öffnen, seinen Phallus zu befreien und sich das Gummi überzurollen. Mit der linken Hand schob er ihren Slip beiseite, mit der rechten zog er ihr Knie nach oben, um es auf Höhe seiner Taille festzuhalten. Dann schob er sich mit einer geübten Hüftbewegung bis zum Anschlag in sie.

Lizzy unterdrückte einen Schrei. Sein Penis fühlte sich groß an, größer als Max’, und er benutzte ihn in einem deutlich schnelleren, härteren Rhythmus. Und Lizzy, die normalerweise innerhalb der knappen halben Stunde mit Max selten zum Höhepunkt kam, merkte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie nicht nur erregt war, sondern sich sogar an den Fremden klammerte, ihm ihre Hüften in seinem Rhythmus entgegen schob, dass sie diejenige war, die sich mit den Fingern in seinen Haaren festkrallte, während sie ihn küsste.

Er grunzte und erhöhte die Geschwindigkeit seiner Stöße. Sie stieß kleine, atemlose Schreie aus, die sie so von sich überhaupt nicht kannte. Vor ihren halb geschlossenen Augen explodierten bunte Blitze, und es dauerte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass es sich um das Silvesterfeuerwerk handelte.

»Du solltest dir vielleicht den Lippenstift abwischen.«

Mit einem unsanften Ruck kehrte Lizzy zurück in die Realität und nahm wieder wahr, was um sie herum vorging: die Raketen, die mit lautem Knallen in der ganzen Stadt abgeschossen wurden und einen bunten Sternenhimmel verursachten, der sich permanent änderte. Das Stimmengewirr von der Party, die nur wenige Meter von ihnen entfernt stattfand. Der Mann, der das Kondom mit verdächtig geübten Bewegungen zuknotete, in ein Taschentuch einwickelte und in seiner Jacketttasche verschwinden ließ. Er reichte Lizzy ein weiteres Taschentuch. Automatisch griff sie danach und tupfte sich über die Lippen. Erst dann wagte sie, ihren Gegenüber anzusehen. Auch sein Gesicht zierten dunkelviolette Lippenstiftspuren. Überraschenderweise standen sie ihm gar nicht schlecht, soweit sie das in der Dunkelheit beurteilen konnte.

»Du aber auch«, sagte sie.

Er nahm ihr das Taschentuch ab und wischte damit über seine eigenen Lippen, bevor er auch dieses in seine Jacketttasche steckte. »Happy New Year«, sagte er und verschwand pfeifend in der Menge.

*

Mit wackeligen Knien ging Lizzy Richtung vorderer Dachterrasse. War das gerade wirklich passiert? Hatte sie soeben Max betrogen, und das, obwohl das neue Jahr gerade erst angefangen hatte? Das durfte doch nicht wahr sein!

Ganz ruhig, redete sie sich selbst ein. Einmal ist keinmal. Das war noch nicht mal ein One-Night-Stand, wahrscheinlich noch nicht mal ein Zehn-Minuten-Stand. Das zählte praktisch nicht.

Gina durfte sie davon nichts erzählen. Zumindest war sie sich jetzt sicher, dass dieser Mann nichts für Gina war. Herrjemine – sie hatte ihre Freundin ganz vergessen. Nicht, dass Gina sie gesucht und nicht gefunden hatte ... Nicht, dass Gina sie gesucht und gefunden hatte! Lizzy wurde kalt vor Schreck. Während der ganzen Zeit auf der Dachterrasse hatte sie nicht gefroren, jetzt hingegen zog sie ihre Stola fester um sich. Schnell wand sie sich durch die Menge, froh, dass Gina nicht draußen zu sein schien, obwohl das Feuerwerk noch in vollem Gange war.

Im Wohnzimmer war es deutlich leerer als vorher. Die meisten waren wohl draußen. Sie sah Gina sofort: Ihre Freundin stand stocksteif in einer Ecke und beobachtete ein Paar, das eng umschlungen in der Mitte des Raumes stand, einen mittelgroßen Mann mit blonden Locken und eine große blonde Frau, die ihn auf ihren hohen Absätzen um einen halben Kopf überragte.

Resolut durchquerte Lizzy den Raum. Gina sah ihr mit angsterfülltem Blick entgegen. »Er ist da!«, zischte sie.

»Rafael und Angie?«, zischte Lizzy mit Seitenblick auf die beiden zurück.

Gina nickte, ein Häufchen Elend.

»Okay, du kannst hier nicht stehen bleiben. Gina, hörst du mir zu? Komm mit mir. Wir gehen.«

Aber Gina widersetzte sich. »Das ist so was von feige.«

»Rafael? Ja, ist er, aber du willst doch trotzdem nicht, dass er dich hier so sieht, oder? Komm schon.«

»Nein, ich.« Ginas Unterlippe zitterte, und ihre Augen schimmerten feucht. »Ich habe mir vorgenommen, dass ich dieses Jahr nicht mehr feige wegrennen werde.«

»Das ist eine prima Idee, Gina, aber du musst ja nicht sofort damit anfangen. Kommst du kurz mit mir auf die Toilette? Ich wollte mein Make-up auffrischen.«

Endlich ließ Gina sich von dem Anblick des immer noch eng umschlungenen Paares loseisen und folgte Lizzy in den Flur. Sie probierte mehrere Türen aus – die erste führte in eine Abstellkammer, die zweite in ein Arbeitszimmer, hinter der dritten fanden sie schließlich das Bad.

Gina tupfte sich mit Toilettenpapier die Tränen aus den Augenwinkeln, während Lizzy neuen Lippenstift auftrug.

»Hat er dich schon gesehen?«

»Ich glaube nicht.« Gina ließ sich auf den geschlossenen Toilettendeckel sinken.

»Okay, zwei Optionen«, verkündete Lizzy energisch. »Option eins: Wir verschwinden, bevor er dich sieht. Option zwei: Du gehst da gleich raus und zeigst ihm so richtig, wie viel Spaß du ohne ihn hast.«

»Aber ich habe ohne ihn keinen Spaß.«

»Du sollst ja nur so tun, als ob. Das ist doch gerade der Sinn der Sache. Zeig ihm, was er verpasst.«

»Wie soll ich das denn machen?«

Am liebsten hätte Lizzy ihre Freundin geschüttelt. »Mensch, Gina, denk dir was aus! Schnapp dir ’nen Kerl und geh mit ihm auf Tuchfühlung, misch dich unter die Tanzenden, quatsch mit ’n paar Leuten, die Stimmung machen ... Irgendwas wird dir schon einfallen.«

»Du hast gut Reden.« Gina betrachtete die Bodenfliesen. »Das trau ich mich alles nicht.«

»Wie war das noch mit deinem guten Vorsatz fürs neue Jahr, nicht mehr feige wegzurennen?«

»Ich fang morgen damit an.« Gina stand auf und zupfte ihr Kleid zurecht. »Lässt du mich kurz ’nen Moment alleine, ich muss mal.«

»Klar.« Lizzy packte ihren Lippenstift ein und schloss die Badezimmertür von außen hinter sich. Vor der Tür hatte sich zwischenzeitlich eine Schlange von drei Frauen gebildet. Angie war unter ihnen, die dritte in der Reihe. Rafael stand ein paar Meter entfernt am Eingang zum Wohnzimmer, und auch ihre Dachterrassenbekanntschaft kam gerade um die Ecke.

Lizzys Herzschlag beschleunigte sich. Wenn man vom Teufel sprach ... Bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie direkt auf ihn zu. »Würdest du mir einen Gefallen tun und gleich meine Freundin küssen? Nur einmal, so dass er –«, sie deutete unauffällig auf Rafael, »es mitbekommt?«

Er sah noch nicht einmal überrascht aus. »Dafür schuldest du mir aber was.«

Lizzy dachte eigentlich, dass er ihr was schuldete. »Machst du’s?«

»Geht klar.« Vielleicht war er ein Schauspieler in irgendeiner dieser vielen Soaps, die in Köln gedreht wurden, dachte Lizzy, denn kaum kam ihre Freundin aus dem Badezimmer, ging er mit einem breiten Lächeln auf sie zu, nahm sie am Arm und führte die überrumpelte Gina an Rafael vorbei ins Wohnzimmer, wo er sie keinen Meter von ihm entfernt in die Arme schloss und überschwänglich küsste. Weil Gina auszuweichen versuchte und sich dabei zurücklehnte, musste der Kuss von Rafaels Blickwinkel aus noch weit dramatischer und leidenschaftlicher aussehen. Jetzt durfte Gina ihrem unfreiwilligen Partner nur keine Ohrfeige verpassen, sonst wäre der Effekt dahin.

Doch Gina kam gar nicht dazu, irgendetwas zu machen, denn schon hatte er sie herumgewirbelt, so dass sie mit dem Rücken zu Rafael stand. »Bella! Bellissima! Mach mich zum glücklichsten Mann des Abends!«

Wahrscheinlich hatte er Gina absichtlich so gedreht, dass Rafael nur seine Worte hören, nicht aber Ginas Reaktion sehen konnte. Eins musste man ihm lassen, dachte Lizzy, er war ein verdammt guter Schauspieler. Als er, den Arm um Gina gelegt, mit ihr auf die Dachterrasse ging, starrte Rafael den beiden verblüfft nach. Angie musste ihn mehrfach auf die Schulter tippen, bevor er sich zu ihr umdrehte. Kurz darauf holten die beiden ihre Mäntel und verschwanden.

Lizzy grinste immer noch, als sie nach draußen trat. Gina und der Mann standen nebeneinander am Geländer und blickten auf den Rhein. Vereinzelt zischte noch eine Silvesterrakete in die Höhe, aber der Großteil des Feuerwerks schien vorbei zu sein. Der Mann beugte sich zu Gina und sagte etwas zu ihr, woraufhin sie lachte. Das sah aber sehr nach trauter Zweisamkeit aus, dachte Lizzy. Fast gab es ihr einen kleinen Stich. Dabei sollte sie sich doch freuen, wenn Gina endlich jemanden kennenlernte.

Kurz zögerte sie, ob sie die beiden überhaupt stören sollte, dann trat sie doch neben sie. »Sie sind gerade gegangen.«

Augenblicklich sah Gina wieder traurig aus. »Ich gehe auch.«

»Du bleibst«, sagte der Mann so leise zu Lizzy, dass nur sie es hören konnte.

»Kommst du alleine nach Hause?«, fragte Lizzy an Gina gewandt.

»Ja, klar. Ich habe kaum was getrunken. Außerdem fährt die Bahn um diese Zeit noch.«

Die drei Stationen könnte man notfalls auch laufen, dachte Lizzy, hielt sich aber zurück. »Ich würde gerne noch ein bisschen hierbleiben. Ich muss eh in die andere Richtung.«

»Okay. Ja, dann noch viel Spaß.«

»Komm gut nach Hause. Ich ruf dich morgen an, ja?«

Lizzy sah Gina nach, bis sie das Wohnzimmer durchquert hatte und um die Ecke in den Flur bog. Zwischen ihr und dem Mann, der immer noch am Geländer lehnte, baute sich eine Spannung auf, die fast greifbar war.

»Gut gemacht«, sagte er. »Vom Wohnzimmer aus geht hinten rechts ein weiterer Flur ab. Die zweite Tür rechts ist ein Schlafzimmer. Zieh dich aus, ich komme in zehn Minuten nach.«

Lizzy blieb doch glatt die Luft weg. Einmal war keinmal. Aber auf ein zweites Mal konnte er lange warten! Statt nach rechts brauchte sie einfach nur nach links zu gehen, ihren Mantel zu nehmen und zu verschwinden. Er kannte weder ihren Namen noch ihre Telefonnummer. Sie würden sich nie wiedersehen.

Warum tat sie es dann nicht? Unschlüssig verharrte Lizzy mitten im Wohnzimmer. Fast bildete sie sich ein, seinen Blick in ihrem Rücken zu spüren.

Bestimmt dachte er, dass sie kneifen würde. Lizzy bog den Rücken durch und ging in aufrechter Haltung nach rechts. Dort war tatsächlich eine Tür, die in einen anderen Flur führte. Mit klopfendem Herzen ging sie die paar Schritte bis zur zweiten Tür und klopfte kurz an. Nichts rührte sich. Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt, suchte den Schalter und knipste das Licht an. Ein Schlafzimmer, ja, aber nicht nur: An der einen Wand sah sie einen Schreibtisch mit einem Laptop darauf, an der zweiten Wand hing ein riesiger Plasmafernseher, an der dritten stand ein Bett. Sogar einigermaßen gemacht. Trotzdem war klar, dass dieses Zimmer bewohnt war. Sie konnten doch nicht so einfach während einer Party in fremden Schlafzimmern ...?

Zögernd setzte Lizzy sich auf das Bett. Sie war nervöser, als sie sich selbst eingestehen wollte. Dann sah sie eine zweite Tür: ein Badezimmer, das nur zu diesem Zimmer zu gehören schien. Rasch ging sie auf die Toilette und versuchte, sich so gut es ging frisch zu machen.

Beim Rückweg löschte sie das Licht und tastete sich im Dunkeln zum Bett vor. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Sie hatte vergessen, auf die Uhr zu schauen. Von der Party hörte man nur noch undeutlich die Bässe, die bis in ihren Magen zu vibrieren schienen. Hatte sie da eine Tür gehört? Sie lauschte. Waren das Schritte? Nein, sie musste sich getäuscht haben. Was, wenn er nicht kam? Was, wenn statt ihm der rechtmäßige Bewohner des Zimmers kam?

Sie war kurz davor, in Panik zu geraten, als die Tür geöffnet wurde und das Licht anging. Er stand im Türrahmen, groß und bedrohlich. Das war keine gute Idee, dachte Lizzy, während er die Tür hinter sich abschloss und auf sie zukam. Sie wich bis ans Kopfende des Bettes zurück.

Er blieb vor dem Fußende stehen und betrachtete sie missbilligend. »Du solltest dich ausziehen. Habe ich mich nicht präzise genug ausgedrückt?«

Er sah jung aus, vielleicht sogar jünger als sie, aber Lizzy blieb der Protest im Halse stecken. Reglos saß sie auf dem Bett während er sich auszog, mit präzisen, ökonomischen Bewegungen. Erst das Jackett, das er achtlos über einen Stuhl warf, dann das Hemd, die Schuhe, die Socken, die Anzughose, zuletzt die Boxershorts. Das alles hatte keine Minute gedauert. »Jetzt du. Ich warte.«

Lizzy schloss einen Moment die Augen. Das hier war so komplett anders als mit Max. Niemals wäre Max auf die Idee gekommen, so mit ihr zu reden, sie so herumzukommandieren. Max und sie liebten gedämpftes Licht und leise Musik. Hier hingegen war volle Beleuchtung, und außer dem fernen Bass hörte man nur ihr Atmen, das ihr plötzlich unnatürlich laut vorkam.

Langsam zog sie den Reißverschluss ihrer Stiefel herunter und streifte sie ab, einen nach dem anderen. Dann nestelte sie in ihrem Rücken, bis sie den Reißverschluss ihres Kleides zu fassen bekam, und zog auch diesen herunter, bevor sie es über den Kopf zog. In blau-cremefarbener Unterwäsche und schwarzen Strümpfen kniete sie auf dem Bett.

»Sehr schön.« Seine Stimme klang rau. »Ich wusste, dass du eine Schlampe bist. Lass die Strümpfe an, aber zieh den Rest aus.«

Lizzy wollte aufbegehren, dass sie keine Schlampe sei, dass sie sich nicht ausziehen würde, wenn er so mit ihr sprach, aber sein Blick stoppte sie. »Kannst du wenigstens das Licht ausmachen? Das blendet.«

Er schaltete einen Deckenstrahler ein und das Zimmerlicht aus. Sein Penis stand bereits horizontal. »Los jetzt.«

Schnell schlüpfte Lizzy aus BH und Höschen und kniete sich wieder auf die Matratze.

»Leg dich auf den Rücken und spreiz die Beine.«

Falls er den Schock in ihren Augen sah, ignorierte er es. Aus seiner Jacketttasche zog er mehrere Kondome und warf sie, bis auf eins, achtlos neben das Bett. Das eine zog er sich über seinen erigierten Penis. Eine gefühlte Ewigkeit stand er, die Hand an seiner Erektion, vor dem Bett und betrachtete Lizzy, sie sich unter seinem Blick sichtlich unwohl fühlte. Dann kam das nächste Kommando. »Nimm die Knie an die Brust.«

Was soll das denn geben, fragte Lizzy sich, da war er ihr schon in einer flüssigen Bewegung aufs Bett gefolgt. Er kniete sich zwischen ihre gespreizten Beine, zog ihre Füße an den Knöcheln über seine Schultern, so dass sie fast im Schulterstand zu liegen kam, und beugte sich dann vor.

»Sag: Ich bin eine geile Schlampe!«, forderte er.

»Ich habe einen Freund!«, sagte Lizzy stattdessen.

»Und warum bist du dann hier?«

Darauf hatte Lizzy auch keine passende Antwort.

Er penetrierte sie tief und ausdauernd. Trotzdem dachte er nicht nur an sein eigenes Vergnügen: Seine Finger rieben ihre Perle, zogen ihre Schamlippen auseinander, massierten die Falten, die sich um seinen Schaft schmiegten.

Obwohl die Position für Lizzy ungewohnt und ein Stück weit auch unbequem war, verfehlte sie nicht ihre Wirkung. Dazu das schmatzende Geräusch, wenn er in sie hinein- und wieder herausglitt: Innerhalb kürzester Zeit ging ihr Keuchen in Stöhnen über, bis sich ihre Anspannung in einem langgezogenen Schrei entlud.

Jemand rüttelte an der Türklinke.

»Besetzt!«, rief ihr Partner und zog sich aus ihr zurück.

»Ja, hört man, seid gefälligst was leiser!«

»Dreh dich um«, sagte der Mann zu Lizzy, die Störung ignorierend. »Auf alle Viere. Nein, auf Knie und Unterarme.«

Noch immer ganz benommen von ihrem Orgasmus, fiel es Lizzy schwer, seiner Aufforderung nachzukommen. Kaum kniete sie in der gewünschten Position, drang er wieder in sie ein. Mit jedem Stoß schob er sie ein Stückchen über die Matratze, bis Lizzys Hände sich am Kopfteil des Bettes abstützten.

Auch in dieser Position konnte er sie tief und heftig stoßen. Sie spürte zu ihrem eigenen Erstaunen, dass ihre Beine schon wieder anfingen zu zittern, sie schon wieder ins Kopfkissen stöhnte.

Mit einem Ruck benutzte er seine Knie, um ihre Beine weiter zu spreizen. Während er gleichzeitig seine rechte Hand auf ihrem Kitzler hielt, drückte er mit der linken und seinem Gewicht nach unten, so dass sie bäuchlings auf seiner Hand landete. Die doppelte Stimulation war zu viel für Lizzy: Mit einem erstickten Schrei kam sie erneut und spürte, wie er nur Sekunden später in ihr zuckte. Gleich darauf zog er sich aus ihr zurück und klatschte ihr mit der flachen Hand einmal links, einmal rechts auf die Pobacken.

Wie betäubt blieb Lizzy liegen. Sie fühlte sich benutzt, sie fühlte sich wie eine billige Schlampe, sie fühlte sich ausgelaugt und gleichzeitig zutiefst befriedigt.

Und es hatte ihr Spaß gemacht.

Hatte sie sie eigentlich noch alle?

Schnell setzte sie sich auf. »Ich muss nach Hause.«

»Du kannst auch hier bleiben.«

»Das geht doch nicht, hier wohnt doch jemand«, sagte Lizzy und versuchte vergeblich, vom Bett aus ihren BH zu greifen, der auf dem Boden lag.

»Das ist mein Zimmer«, sagte er und zog die Decke über ihre Körper. »Still. Schlaf jetzt.«

Okay, jetzt wurde es wirklich zum One-Night-Stand. Hiermit war es sozusagen offiziell: Sie hatte Max betrogen.

*

»Frühstück im Bett?«

Verschlafen öffnete Lizzy die Augen und blinzelte verwirrt ins ungewohnt helle Sonnenlicht. Und dann gleich noch einmal, denn auf dem Bett, das nicht ihres war, kniete ein verdammt gutaussehender Mann mit verwegenem Lächeln und einem Beinahe-Dreitagebart, obwohl er doch gestern Abend noch frisch rasiert gewesen war.

»Ich frühstücke morgens nicht.«

»Aber ich. In der Küche sind noch Reste von gestern.«

Der dachte doch nicht etwa ernsthaft, dass sie ihm Frühstück machen und ans Bett bringen würde? »Wie heißt du überhaupt?«

»Seb. Und du?«

Der Klischee-Klassiker: Neben jemandem aufzuwachen, mit dem man zwar die Nacht verbracht hatte, von dem man aber noch nicht einmal den Namen wusste. Lizzy schloss kurz die Augen, aber es half nichts: Der Typ war immer noch da. Beziehungsweise sie war immer noch da, nackt, in seinem Bett. »Charlotte.« Dass sie normalerweise Lizzy genannt wurde, wollte sie ihm nicht auf die Nase binden.

»Cool. Charlie. Lust auf noch ’ne Runde?«

Immerhin hatte er heute Morgen den Anstand zu fragen und nicht zu kommandieren, dachte Lizzy leicht irritiert. Doch sowohl ihr Verstand als auch ihre Muskeln protestierten bei seiner Frage. »Nein, danke. Kann ich bei dir duschen?«

»Feel free.«

»Danke. Hast du ein Handtuch für mich?«

»Badezimmerschrank. Da müssten noch welche liegen.«

»Okay.« Da er keine Anstalten machte, das Bett zu verlassen, und Lizzy sich nicht hollywoodfilmmäßig die einzige Decke umwickeln wollte, blieb ihr nichts anderes übrig als so, wie sie war, aus dem Bett zu steigen und ins Bad zu gehen. Dass er dabei einen erstklassigen Blick auf ihre Rückenansicht hatte, versuchte sie auszublenden. Schließlich hatte er letzte Nacht noch viel mehr gesehen.

Sie warf einen Blick in den Badezimmerspiegel und erschrak vor ihrem eigenen Spiegelbild: Das kam davon, wenn man sein Make-up vor dem Schlafengehen nicht entfernte. Fast könne man meinen, sie wäre verprügelt worden, so, wie sich die Smokey Eyes in zwei Beinahe-Veilchen verwandelt hatten.

Im Badezimmerschrank fand sie tatsächlich frische Handtücher in verschiedenen Größen, feuchtete eins davon an und begann, sich die Make-up-Spuren aus dem Gesicht zu wischen.

Nach einer ausgiebigen heißen Dusche mit einem herb riechenden Duschgel – sie war eindeutig in einem Männerbadezimmer gelandet – und ohne sich die Zähne putzen zu können, trocknete Lizzy sich schließlich ab, benutzte das Männerdeo und wickelte das Badetuch um ihren Körper, bevor sie das Schlafzimmer betrat. Doch ihre Sorge, dass Seb ihr beim Anziehen zuschauen würde, löste sich in Luft auf, denn das Zimmer war leer.

War das Erleichterung, die sie verspürte, oder Enttäuschung? Schnell zog Lizzy sich Kleid und Strümpfe an. Einer hatte eine Laufmasche. Missmutig zog sie ihre Stiefel darüber. Ihr Höschen, das zusammengeknüllt auf dem Boden lag, wollte sie nach den gestrigen Eskapaden auf keinen Fall mehr anziehen, und den BH brauchte sie auch nicht wirklich. Lizzy steckte beides in ihre Handtasche, froh, dass der Mann sie sich nicht unter den Nagel gerissen hatte. Zugetraut hätte sie es ihm.

Wo war er überhaupt? Leise öffnete Lizzy die Tür und schlich durch den Flur ins Wohnzimmer. Aus der Küche hörte sie Stimmen, die Tür war halb geöffnet. Ob sie sich unentdeckt daran vorbeischleichen konnte? Ihr Mantel lag auf dem Boden neben der Chaiselongue. Immerhin war er noch da, selbst wenn er so aussah, als ob sich jemand darauf erbrochen hatte.

Sie wollte gerade darauf zugehen, als Seb aus der Küche kam. Er trug inzwischen eine schwarze Jogginghose und einen ebenfalls schwarzen Pullover mit V-Ausschnitt, aber weder Schuhe noch Socken. »Ah, da bist du ja. Mit oder ohne?«

Lizzy sah ihn irritiert an. Wer, wie, was mit oder ohne was?

»Kaffee?«

Unschlüssig blieb sie stehen. Es duftete tatsächlich verlockend nach Kaffee. »Mit einem Drittel Milch und zwei Löffeln Zucker.«

»Hui, du bist ja ’ne ganz Süße.« Er drehte sich um, und Lizzy folgte ihm zögernd.

In der Küche standen, jeweils mit den Rücken an die Küchenunterschränke gelehnt, ein Mann und eine Frau, beide geschätzt Anfang bis Mitte zwanzig. Der Mann war groß, schlank, dunkelhaarig und trug eine schwarze Nerd-Brille. Dazu verwaschene Jeans, die tief auf den Hüften saßen, und ein langärmliges dunkelblaues Shirt. Auch er war barfuß.

»Hi. Matthi.«

»Lizzy«, sagte Lizzy automatisch, während Seb gleichzeitig »das ist Charly, und unsere Prinzessin da ist Sasha«, sagte.

Die Prinzessin, eine zierliche Rothaarige mit Schmollmund und sehr heller Haut, versenkte ihre Nase in die Tasse, die sie in der Hand hielt, dem Geruch nach Kamillentee. Sie beachtete Lizzy nicht.

»Matthi und Sasha sind zusammen«, erklärte Seb.

»Nee, sind wir nicht«, sagte Sasha, die jetzt doch aufsah, und hielt den Löffel, der noch in ihrer Tasse war, fest, während sie einen weiteren Schluck trank.

»Seid wann denn das?«, fragte Matthi.

»Gestern Nacht«, sagte Sasha und blies in ihre Tasse. »Gute Vorsätze und so.«

»Okay, also Sasha und Matthi wohnen beide hier«, sagte Seb. »Wir sind ’ne WG.«

»Nee, so ist das auch nicht«, sagte Sasha und warf ihre langen roten Haare, die ihr bis zur Taille reichten, über die Schulter, wobei sich ihr knöchellanger weißer Bademantel öffnete und den Blick auf einen pinkfarbenen Hausanzug oder Pyjama freigab. Dazu trug sie pinkfarbene Plüschsocken. »Wir ficken schon noch.«

»Ja, Freunde mit gewissen Vorzügen«, sagte Matthi. »Nachdem Sasha gestern Nacht diese langhaarige Blondine aus meinem Bett gezerrt und in ein Taxi verfrachtet hat.«

»Die Zugekiffte?«, fragte Seb interessiert. »Ich dachte, du hättest die kleine Schwarze flachgelegt?«

»Die auch. Mit der Blondine lief aber nicht viel. Zu zugedröhnt. Wollte vor allem reden, und dann schlafen. Keine Ahnung, woher die ihren Stoff hatte.«

Wo bin ich denn hier gelandet?, dachte Lizzy, während sie einen Becher Kaffee mit Milchschaum annahm, den Seb einem High-Tech-Kaffeeautomaten entlockt hatte. Er schob ihr ein Schälchen mit Zucker zu, und sie rührte zwei Löffel davon in ihren Kaffee.

»Ihr mit euren blöden Wettkämpfen, wer die meisten Frauen flachlegen kann«, ätzte Sasha.

Wettkampf? War sie hier etwa auch nur eine Trophäe?, dachte Lizzy und warf Seb einen bösen Blick zu, den er ignorierte.

»Du bist ja bloß neidisch, weil du keinen abgekriegt hast«, sagte Matthi.

»Vielleicht wollte ich ja gar keinen.«

»Das darfst du nicht persönlich nehmen«, sagte Seb.

»Ich sagte doch, ich hab ’nen Freund«, antwortete Lizzy, bis sie merkte, dass Seb gar nicht sie gemeint hatte. Sie trank einen Schluck – und spuckte den Kaffee quer über die Küchenplatte.

»Hey, spinnst du jetzt, oder was?«

»Nein, ich meine, bist du sicher, dass das Zucker ist?« Lizzy schüttelte sich angewidert.

Matthi stippte seinen Finger in das Schälchen und probierte. »Salz.«

»Ich mach dir einen neuen«, sagte Seb, ohne erkennen zu lassen, ob das Salzmalheur absichtlich oder unabsichtlich geschehen war. Niemand machte Anstalten, die Küchenplatte abzuwischen.

Einen Moment zögerte Lizzy, aber Matthi stellte gerade Reste von geräuchertem Lachs, Sour Cream und frisch aufgebackenes Weißbrot auf den Küchentresen. Dazu etwas, das verdächtig nach Kaviar aussah. Lizzy hatte nicht gelogen, als sie sagte, dass sie morgens nicht frühstückte, aber ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte, dass es zwanzig vor zwölf war, und ihr Magen knurrte tatsächlich. Außerdem hatte sie noch den widerlichen Geschmack vom Salzkaffee im Mund. »Ist der echt?«

»Nee, Forellenkaviar. Schmeckt aber auch.«

Während Seb ihr einen neuen Kaffee machte, bestrich Lizzy sich eine Weißbrotscheibe mit Sour Cream und verteilte ein Löffelchen voll Kaviar darauf. Auf der Räucherlachsplatte lagen noch ein paar Zitronenscheiben, von denen sie eine darüber auspresste, bevor sie hineinbiss. Diesmal probierte sie, ob in dem Schälchen vor ihr wirklich Zucker war, bevor sie zwei Löffel davon in ihren Kaffee rührte. Seb aß derweil mit Appetit ein Räucherlachs-Kaviar-Brot.

»Ich geh wieder ins Bett«, sagte Sasha. »Hab Krämpfe.« Sie schnappte sich eine gefüllte Wärmflasche, die hinter ihr auf dem Tresen gelegen hatte, und eine halbvolle Champagnerflasche. »Ihr könnt ja alleine aufräumen.«

»Ey, hast du dir den Saustall hier mal angeguckt?«, begehrte Matthi auf.

Sehr wahrscheinlich hat sie genau das getan, dachte Lizzy. Sie war sich auch sicher, dass Sasha genau den Moment, in dem sie nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, ausgesucht hatte, um sich wieder zu Wort zu melden. Insgeheim bewunderte sie die Rothaarige für ihre Technik: Zwei Männer, die ihr hinterher putzten, hatte sie nicht. Sie hatte auch keinerlei Ambitionen, sich selbst einspannen zu lassen. »Ich glaube, ich geh dann mal.«

»Wo musst du hin?«

»Deutz.«

»Ich fahr dich schnell.« Seb schnappte sich einen Schlüsselbund von der Theke und drängte Lizzy aus der Küche.

Eigentlich wollte sie protestieren, dass sie problemlos mit der Bahn fahren könnte, aber der Gedanke an ihren stinkenden Mantel stoppte sie. Anziehen wollte sie ihn nicht, und ohne war es definitiv zu kalt bis zu ihr nach Hause. »Also schön.«

Seb grinste, während er in seine Schuhe schlüpfte. Matthi nicht. »Ich habe dich durchschaut, Kumpel!«

»Kannst ja schon mal ohne mich anfangen.« Fröhlich pfeifend zog Seb die Wohnungstür von außen zu und drückte auf den Aufzugsknopf. Lizzy folgte ihm, den Mantel über ihrem Arm. Kaum hatten sich die Aufzugtüren hinter ihnen geschlossen, drängte Seb sie in die Ecke und küsste sie überfallartig. Sein Atem roch fischig, und seine Arme fühlten sich an, als wäre ein Oktopus am Werk, so viele schienen es zu sein. Einen Moment war Lizzy wie gelähmt, dann drehte sie sich ruckartig weg. »Fass mich bloß nicht an!«

»Hä?«

»Du hast mich geschlagen, schon vergessen, du blöder Perverser?«

Er sah schon süß aus, so bedröppelt, wie er guckte. »Die meisten Frauen mögen es.«

»Ich bin aber nicht die meisten Frauen!«

»Ist okay, krieg dich wieder ein! Warum hast du nicht einfach was gesagt, anstatt jetzt ’n Tag später rumzuzicken? Das ist ja auch unfair!«

Glücklicherweise öffneten sich in diesem Moment die Aufzugtüren zur Tiefgarage. Seb drückte auf eine Fernbedienung, und ein schwarzer, kleiner, neu aussehender BMW blinkte auf. Innen hatte er schwarze Ledersitze. Lizzy ließ sich hinein sinken und legte vorsichtig ihren gefalteten Mantel auf den Schoß. Vertraute sie ihm überhaupt, sie heil nach Hause zu bringen? Noch könnte sie ein Taxi rufen.

Doch Seb fuhr bereits aus der Tiefgarage und Richtung Zoobrücke. Sein Fahrstil war tatsächlich rasant, aber die Straßen waren glücklicherweise leer. »Wohin?«

»Kennst du das Hochhaus in der Nähe vom Deutzer Bahnhof?«

Er pfiff durch die Zähne, und augenblicklich bereute Lizzy ihre Gegenfrage. »Ich muss da unten ins Fitnessstudio«, fügte sie lahm hinzu.

»Ja, klar. Ohne Sportsachen.«

»Vielleicht will ich ja nur in die Sauna, Mister Oberschlau.«

»Ja, klar«, wiederholte er. »Sauna kannst du auch mit mir machen. Ich mag’s gerne heiß, Baby.«

Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Seb hielt mitten auf der Straße vor dem Eingang – zum Hochhaus, nicht zum Fitnessstudio – an. Lizzy biss die Zähne zusammen, als sie hinauskletterte. »Danke fürs Fahren.«

»Man sieht sich.«

Sie knallte die Autotür hinter sich zu. Man sieht sich? Toller Spruch. Noch nicht mal nach ihrer Telefonnummer hatte er gefragt. Nicht, dass sie ihm ihre Nummer gegeben hätte, aber es wäre schon schön gewesen, wenn er wenigstens gefragt hätte.

Weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht, denn neben dem Eingang stand ein Fahrrad, das ihr bekannt vorkam. Ihr Rad war wieder da! Liebevoll tätschelte sie über den Sattel, bevor sie beschwingt das Foyer betrat.

»Frau Heinen?«

Lizzy stoppte mitten im Foyer und sah den Concierge an. »Ja, Raoul?«

Raoul war einer der drei Concierges, die sich im Schichtdienst am Empfang abwechselten. Er stammte, wie er Lizzy einmal erzählt hatte, aus Argentinien und hatte Medizin studiert, fand in Deutschland aber keine adäquate Stelle.

»Wir haben die Fahrräder gestern reingestellt, damit sie nicht zu Schaden kommen. Sie wissen doch, dass es einen Fahrradkeller gibt.«

Das Letzte sagte er ohne Vorwurf in der Stimme. »Danke, Raoul. Der Fahrradkeller ist immer so umständlich. Sie haben mir einen ganz schönen Schreck eingejagt.«

»War nicht unsere Absicht, Frau Heinen. Ach, und dies hier ist für sie abgegeben worden.« Er hob einen Blumenstrauß hoch, der wohl in einer Vase hinter der Rezeption gestanden hatte. Zwölf langstielige dunkelrote Rosen vermischt mit filigranen weißen Blüten, die Lizzy nicht kannte.

»Wow, ist der edel.« Beeindruckt nahm sie den Riesenstrauß in Empfang. Aus den Stängeln tropfte Wasser auf das Steinzeug, das den Foyerboden zierte. Eine nasse Spur hinter sich lassend, ging sie zu den Aufzügen.

In ihrer Wohnung ließ sie den Mantel auf den Boden fallen, bevor sie eine passende Vase suchte. Dann riss sie das Kärtchen von der Folie ab. FÜR DIE WUNDERVOLLSTEN 12 MONATE MEINES LEBENS, MAXIMILIAN stand mit einer verschnörkelten Handschrift darauf, die nicht von Max stammte. Lizzy zog die Nase kraus. Meinte er die letzten zwölf Monate, oder die kommenden? Und wieso sprach er nur von seinem Leben, nicht von ihrem?

Merkwürdige Neujahrsüberraschung, dachte Lizzy und zog ihr Smartphone aus der Tasche. Vier Anrufe in Abwesenheit von Gina. Sie hatte wenig Lust, ihre Freundin zurückzurufen, und öffnete stattdessen den Messenger-Dienst, über den Max und sie verschlüsselt kommunizierten. In dieser Hinsicht war sie eine mustergültige Geliebte: Nie rief sie ihn an, weder auf seinem Handy noch in der Kanzlei und zuhause natürlich erst recht nicht. Immer war Max derjenige, der sich bei ihr meldete. Nur über den Messenger durfte sie ihn kontaktieren. Passwortgeschützt und sicher, wie er ihr versichert hatte.

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN, tippte Lizzy und zögerte dann. Das klang so nichtssagend und könnte genauso fehlinterpretiert werden wie seine Nachricht auf dem Blumenstrauß. Sie löschte den letzten Teil des Satzes wieder und schrieb stattdessen VIELEN DANK FÜR DIE WUNDERVOLLEN BLUMEN, IN LIEBE L.

In Liebe? Vielleicht etwas unpassend, immerhin kam sie gerade aus dem Bett eines anderen Mannes.

Nachdem dein Geliebter die Nacht feiernd mit seiner Frau verbracht hat, meldete sich eine kleine boshafte Stimme in ihrem Kopf. Trotzdem. So etwas machte man nicht. Das war ja quasi Betrug am Betrüger. Kein guter Start ins neue Jahr.

Ganz kurz zögerte sie, aber weil ihr kein besserer Satz einfiel, schickte sie ihre Nachricht ab.

Als Nächstes schrieb sie SMS an ihre Eltern und ihre Schwester. Die waren zwar bestimmt schon wach, aber Lizzy fühlte sich nach den Ereignissen der letzten Nacht noch nicht fit genug, um persönlich mit ihnen zu sprechen.

Sie griff gerade zum Festnetztelefon, um Gina zurückzurufen, als es klingelte. Das musste Gedankenübertragung sein!

»Hi, Süße«, antwortete Lizzy, wohl wissend, dass sie Gina gegenüber etwas gut zu machen hatte.

»Äh – spreche ich mit Frau Charlotte Heinen?«, drang eine fragende männliche Stimme an ihr Ohr.

»Mist«, rutschte es Lizzy raus. Schnell verbesserte sie sich. »Ja, am Apparat.«

»Ich rufe wegen ihrer Website an.«

»Ja ...?«, sagte Lizzy gedehnt. An Neujahr würde kein Kunde wagen, anzurufen.

»Äh, also, mein Name ist Tobias, Tobias Schmitz. Sie sind doch Grafikerin? Steht zumindest so auf Ihrer Website.«

Fassungslos starrte Lizzy auf ihr Telefon. Ein Neukunde, der an Neujahr anrief? Bis jetzt war es nie ein Problem gewesen, dass ihr Geschäftsanschluss gleichzeitig ihr Privatanschluss war. Als selbständige Grafikdesignerin wollte sie sogar immer und überall erreichbar sein, vielleicht mit Ausnahme der Zeit, in der Max bei ihr war. Bisher hatten die Kunden sie auch nicht gerade mit Aufträgen überschüttet, so dass sie sich normalerweise über jeden Anruf freute. Nun, über fast jeden.

»Ja, Charlotte Heinen, CHDesignsCologne.«

»Und sie können Flyer und so was machen?«

Lizzy verdrehte die Augen. Flyer waren nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung, aber sie brachten Geld. Vor allem, wenn der Kunde womöglich noch ein Logo, Visitenkarten, Briefköpfe und Inhalte für seine Website brauchte. »Ja, ich mache auch Flyer und so was. Steht alles auf meiner Website. Sogar mit Beispielen.«

»Ja, äh, das ist toll, ja. Äh – was ich fragen wollte, also, ich bräuchte da was, aber ich weiß nicht, wie ...«