Liebe & Respekt im Miteinander - Emerson Eggerichs - E-Book

Liebe & Respekt im Miteinander E-Book

Emerson Eggerichs

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Beschreibung

Ist es wahr? Ist es freundlich? Ist es notwendig? Ist es einladend? Emerson Eggerichs wirft vier Fragen auf, die man sich stellen sollte, bevor man etwas sagt oder schreibt. Denn nur allzu oft - ob im persönlichen Miteinander, übers Telefon oder in sozialen Netzwerken - geben wir Worte von uns, die wir eigentlich gar nicht äußern wollten. Jeder von uns läuft täglich Gefahr, sich verletzende "Schnitzer" im Miteinander zu leisten. Der Autor gibt Hilfestellung, wie Missverständnisse möglichst vermieden und ein besseres Verständnis füreinander ermöglicht werden. Ein Ratgeber und Leitfaden, der hilft, liebevoller und respektvoller miteinander zu kommunizieren.

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Seitenzahl: 306

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Über den Autor

Emerson Eggerichs ist Theologe und promovierter Familientherapeut. Er war lange Jahre Pastor einer großen Gemeinde, bevor er sich ganz auf seine Arbeit als Ehetherapeut konzentrierte. Mit seiner Frau Sarah lebt er in Grand Rapids, Michigan; gemeinsam leiten sie die Organisation Love and Respect Ministries und sprechen auf vielen Konferenzen. In seiner Buchreihe „Liebe und Respekt“ lässt der Autor mehr als 30 Jahre Beratungserfahrung sowie fundierte Umfrageergebnisse einfließen.

Mehr unter: facebook.com/LoveRespectInc und loveandrespect.com

Meine beiden Enkelkinder – der sechsjährige Jackson und die zweijährige Ada – bereiten Sarah („Mimi“) und mir („Poppi“) große Freude. In unserem Haus hängt ein Spruch an der Wand: „Großeltern zu sein ist das Einzige im Leben, das nicht überschätzt wird.“ Doch wenn ich an ihre Zukunft denke, frage ich mich, ob wir die Welt, die sie einmal erben werden, jemals unterschätzen dürfen. Wie werden sie sich durch die weltumspannende Interaktion mit anderen navigieren? Wie wir wissen, werden ihnen die meisten Kulturen mit nur einem Wisch offenstehen. Durch die sozialen Medien, E-Mails und Messenger-Dienste werden sie zu jeder Zeit mit jedem Menschen kommunizieren können. Darum widme ich dieses Buch Jackson und Ada Joy Marie. Möge es sie in ihren Gedanken und Worten leiten. Dieses Buch fordert sie auf, erst nachzudenken, bevor sie reden, und erinnert sie an vier Grundfragen für alles, was sie sagen wollen:

Ist es wahr?Ist es freundlich?Ist es notwendig?Ist es eindeutig?

Wenn die Antwort Nein lautet, sollten sie auf keinen Fall auf Senden klicken. Doch wenn die Antwort Ja lautet, dann sagt Poppi ihnen: „Klick auf Senden!“

INHALT

Einleitung

Kapitel 1 – Ist es wahr?

Ist es die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

Worum es im Kern geht

Die Goldene Regel wahrheitsgetreuer Kommunikation

Warum kommunizieren wir, was nicht wahr ist?

1. Der Ängstliche

2. Der Egoist

3. Der Ausweicher

4. Der Stolze

5. Der Eilige

6. Der Emotionale

7. Der Unaufmerksame

8. Der Schmeichler

9. Der Selbstbetrüger

10. Der Gefallsüchtige

11. Der Genötigte

12. Der Beschützer

13. Der Gewohnheitslügner

14. Der Nachahmer

15. Der Verstrickte

16. Der Schambehaftete

17. Der Schwörer

18. Der Clevere

19. Der Wortakrobat

20. Der Gamer

Warum sollten wir nur reden, was wahr ist?

Wie können wir auf andere reagieren, die nicht die Wahrheit sagen?

Zum Abschluss

Kapitel 2 – Ist es freundlich?

Klingen meine Worte liebevoll und respektvoll?

Worum es im Kern geht

Die Goldene Regel der freundlichen Kommunikation

Warum kommunizieren wir Dinge, die nicht freundlich sind?

1. Der Drangsalierer

2. Der Racheengel

3. Der Schonungslose

4. Der Empathielose

5. Der Ungeduldige

6. Der Eroberer

7. Der Nachtragende

8. Der Respektverweigerer

9. Der Fatalist

10. Der Neider

11. Der Intolerante

12. Der Unachtsame

13. Der Aufgebrachte

14. Der Rebell

15. Der Zeitgemäße

16. Der Unsoziale

17. Der Taube

18. Der Traditionsbewusste

19. Der Grenzüberschreiter

20. Der Selbstverächter

Warum sollten wir nur reden, was freundlich ist?

Wie können wir auf andere reagieren, die unfreundlich sind?

Zum Abschluss

Kapitel 3 – Ist es notwendig?

Ist es notwendig, es auszusprechen – jetzt, später oder überhaupt?

Worum es im Kern geht

Die Goldene Regel der notwendigen Kommunikation

Warum kommunizieren wir, was nicht notwendig ist?

1. Die Informationsbombe

2. Der Vulkan

3. Der Ungehobelte

4. Der Ungelegene

5. Das Klatschmaul

6. Der Neugierige

7. Der Unberechenbare

8. Der Vorschnelle

9. Der Wiederkäuer

10. Der Mitleidheischende

11. Der Spion

12. Die Glucke

13. Die Quasselstrippe

14. Der Übertreiber

15. Der Unterbrecher

16. Der Unzufriedene

17. Der Ablenker

18. Die Rampensau

19. Der Überstrapazierer

20. Der Gebetsverweigerer

Warum sollten wir nur reden, was notwendig ist?

Wie können wir auf andere reagieren, die Unnötiges von sich geben?

Zum Abschluss

Kapitel 4 – Ist es eindeutig?

Ist es eindeutig ausgedrückt – für mich und für andere?

Worum es im Kern geht

Die Goldene Regel der eindeutigen Kommunikation

Warum kommunizieren wir Dinge, die nicht eindeutig sind?

1. Der Gedankenlose

2. Der Unbeholfene

3. Der Verhedderte

4. Der Absichtslose

5. Der Fragmentarische

6. Der Ignorante

7. Der Unorganisierte

8. Der Überhebliche

9. Der Spaßvogel

10. Der Uneditierte

11. Der Impulsive

12. Der Zwiegespaltete

13. Der Provozierte

14. Der Unentschlossene

15. Der Relativist

16. Der Demütige

17. Der Übersensitive

18. Der Unstimmige

19. Der Erschöpfte

20. Der Panikmacher

21. Der Heuchler

Warum sollten wir nur reden, was eindeutig ist?

Wie können wir auf andere reagieren, die uneindeutig reden?

Zum Abschluss

Nachwort – Vorschnell auf Senden geklickt? Wie Sie Kommunikationsfehler wiedergutmachen

Anmerkungen

„Tanzen Sie so, als würde Sie niemand beobachten, aber schreiben Sie Ihre E-Mails so, als würden sie eines Tages laut vor Gericht vorgelesen.“

Olivia Nuzzi, The Daily Beast

Dieses Zitat von Olivia Nuzzi wurde nach dem Datenklau von knapp 20000 E-Mails des nationalen Verbandes der Demokratischen Partei in den USA vor deren Parteitag 2016 veröffentlicht.1

Innerhalb von 24 Stunden werden 205 Milliarden E-Mails in den Cyberspace geschickt;2 pro Minute werden auf Facebook 510 Kommentare gepostet (das sind 734000 Posts am Tag)3; und in jeder Sekunde werden fast 6000 Tweets über das Twitter-Universum verbreitet – das sind 350000 Tweets pro Minute und 500 Millionen Tweets am Tag4. Auch wenn einem bei diesen Statistiken bereits der Kopf schwirrt: Sie umfassen noch nicht einmal YouTube, WhatsApp, Instagram, Pinterest, Google+, Tumblr oder die unzähligen anderen Plattformen, die jedes Jahr neu hinzukommen.

Das sind Billionen von Nachrichten, die täglich verschickt werden! Sicher ist es nicht weit hergeholt, dass nicht alle von ihnen wohlüberlegt sind. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Menschen wünschen würden, sie hätten vor dem Senden ihrer Nachricht etwas länger darüber nachgedacht, was sie da losschicken. Vermutlich würden einige den Inhalt, den sie vielleicht unbedacht oder in einem emotional aufgeheizten Moment gesendet haben, noch einmal überarbeiten oder gar ganz löschen. Ist es Ihnen selbst oder jemandem aus Ihrem Umfeld schon einmal so ergangen? Dann werden Sie verstehen, welche innere Unruhe das auslösen und zu welchen Dimensionen es sich auswachsen kann.

Wie ist das mit dem Spitzensportler, der sich nicht zurückhalten kann und seine Meinung über die Liga oder seine Mannschaft offen herausprustet? Vielleicht ist ihm gar nicht bewusst, dass ihn sein Recht auf freie Meinungsäußerung nicht vor den Konsequenzen bewahrt, die sein Arbeitgeber folgen lässt. Oder wie steht es um die Politikerin, deren kleinste Äußerungen von den Medien und von aufmerksamen Beobachtern analysiert werden? Die schrecken nicht davor zurück, ihre eigenen Mutmaßungen über die Aussagen der Kandidatin zu veröffentlichen. Und was ist mit dem Fernsehstar, dessen vorschnell gepostete Meinung von der Öffentlichkeit nicht sehr positiv wahrgenommen wird – ja sogar so viel Wirbel erzeugt, dass seine Sendung zeitweilig oder ganz aus dem Programm genommen wird?

Doch muss man nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen, um eine E-Mail oder einen Facebook-Post zu bereuen. Nehmen Sie zum Beispiel die Frau, die ein Jobangebot von einer großen Software-Firma bekam und daraufhin twitterte: „Cisco hat mir einen Job angeboten. Jetzt muss ich abwägen, ob das fette Gehalt den langen Arbeitsweg und eine Tätigkeit, die ich nicht mag, aufwiegt.“ Kurz nach ihrem unüberlegten Tweet folgte eine Antwort von einem Angestellten besagter Firma: „Wie heißt denn der Personalchef? Ich bin mir sicher, den wird brennend interessieren, dass du den Job ätzend findest. Weißt du, wir hier bei Cisco kennen uns im Web aus.“5

Da ist auch noch das Beispiel von Justine Sacco, die als Leiterin der Kommunikationsabteilung für einen internationalen Medienkonzern arbeitete. Die New Yorkerin wollte die Weihnachtstage in Südafrika verbringen und twitterte auf dem Flug: „Fliege nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. War nur ein Scherz – ich bin ja weiß!“ Nach der Landung erfuhr sie, dass ihr Tweet sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Das Ende vom Lied war, dass ihr Chef sie feuerte und sie immensen Anfeindungen ausgesetzt war.6 Sacco hatte aus ihrer Sicht einen lächerlichen, überzogenen und ironisch gemeinten Tweet verschickt. Doch so war er nicht aufgenommen worden. Sie wurde sehr schnell zum Paradebeispiel für einen unmöglichen Tweet. Das Ereignis erregte große mediale Aufmerksamkeit.

Soziale Medien sind eben genau das, was ihr Name sagt: sozial, also von gesellschaftlichem Interesse. Und das World Wide Web bedeutet eben weltweit. Unsere Kommunikationsmittel erlauben es, dass unsere Nachrichten potenziell an Millionen anderer Menschen weitergeleitet werden können. Doch nicht nur Twitter-Fans können sich auf diese Weise Probleme einhandeln. Jeder von uns kann sich in die Nesseln setzen, zum Beispiel in E-Mails. Aus diesem Grund fragt sich der Autor Seth Godin jedes Mal, bevor er auf Senden klickt: „Enthält diese E-Mail irgendetwas, von dem ich nicht will, dass es an einen Staatsanwalt, die Medien oder an meinen Boss gelangt? (Wenn die Antwort ja lautet, klicken Sie auf Löschen.)“7 Solche Fragen und Checklisten helfen bei jeder Form der Kommunikation, nicht nur in E-Mails und in den sozialen Medien.

Ich bin mir sicher, Tony – der den folgenden Kommentar auf unserer Facebook-Seite Love and Respect gepostet hat – würde sich wünschen, er wäre so eine gedankliche Checkliste durchgegangen, bevor er am Arbeitsplatz den Mund zu voll nahm:

Einmal bediente ich an der Fleischtheke eine Mutter mit Kleinkind. Ihr Bauch wölbte sich auffällig vor und ich fragte sie: „Wann ist es denn so weit?“ Sie erklärte mir, dass sie nicht schwanger sei. Als mir dämmerte, welcher Lapsus mir da gerade unterlaufen war, deutete ich auf das Kind und antwortete: „Nein, ich meinte, wann ist es denn so weit, dass Ihre Kleine in den Kindergarten kommt?“ An ihrem Gesicht konnte ich ablesen, dass sie mir das nicht abnahm. Seitdem versuche ich, aufmerksamer zuzuhören, bevor ich den Mund aufmache.

Oder der Pastor, der von der Kanzel herab die Ankündigung machte: „Kommen Sie nächste Woche wieder. Hören Sie unserem neuen Organisten zu und finden Sie mal heraus, wie es sich in der Hölle anfühlt.“ Er hatte einfach nicht nachgedacht, bevor er den Mund aufmachte! Bei dem Versuch, gleich für beides Werbung zu machen – für den neuen Organisten und die nächste Predigt über die Hölle – eilten seine Lippen seinem Hirn voraus.

Jeder Tag bietet uns Gelegenheiten, mit gesprochenen oder geschriebenen Worten in Fettnäpfchen zu treten. Da macht es keinen Unterschied, ob wir an der Fleischtheke mit einer Fremden sprechen, am Handy mit dem Kundendienst chatten oder eine E-Mail an Kollegen versenden. Immer kann es passieren, dass wir uns falsch ausdrücken und von anderen missverstanden werden.

Wenn wir nicht innehalten, bevor wir reden, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns und unsere Intentionen falsch darstellen. Das wiederum kann dazu führen, dass andere unser Verhalten falsch deuten. Dann zweifeln sie an unserem guten Willen oder unserem gesunden Menschenverstand – oder an beidem. Wenn wir drauflosreden, ohne nachzudenken, erhöhen wir die Chancen, dass andere durch unsere Worte verletzt, frustriert, verwirrt, verärgert, verängstigt oder beleidigt werden. Das passiert schneller, als man denkt:

beim Telefonieren mit Mutter oder Schwiegermutter, die sich darüber aufregt, dass wir uns nicht häufiger melden;beim Texten einer Nachricht an einen Freund, der versprochen hat, beim Umzug zu helfen, aber nicht erschienen ist;in einer hitzigen Diskussion über unterschiedliche musikalische Lobpreisstile beim Gemeindefest;im Gespräch mit Kollegen, die sich darüber ärgern, dass in diesem Jahr die Mitarbeiterboni ausbleiben;beim Bewerbungsgespräch mit dem zukünftigen Arbeitgeber, der unsere Referenzen hinterfragt;in WhatsApp-Nachrichten an unsere Nachbarn, in denen wir unseren Lieblingspolitiker loben, den sie unglücklicherweise für die Ausgeburt des Teufels halten.

Ob in WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, Facebook-Posts oder im Gespräch – in jeglicher Art der Kommunikation gilt es, sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Was sind das für Gedanken, die wir uns machen sollen? Es gibt vier Grundfragen, die Sie sich bei jedem Ihrer Kommunikationsvorgänge stellen sollten:

Ist es wahr?Ist es freundlich?Ist es notwendig?Ist es eindeutig?

Als Student saß ich einmal in einem Gottesdienst in der Kapelle des Wheaton College. Ich hörte den Prediger sagen: „Wir alle müssen uns drei Fragen stellen, bevor wir kommunizieren: Ist es wahr, freundlich und notwendig?“ Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen des Predigers; an diesen Rat hingegen erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Er leuchtete mir sofort ein. Ich musste ihn nicht einmal auswendig lernen. Diese knappe Aussage brachte etwas in mir zum Klingen, und sie verankerte sich in meinem Hirn. Es war ein unvergesslicher, prägender Moment. Dieser Satz ist wie ein Prüfstein für mein Denken geworden – und das seit nunmehr über 40 Jahren.

Später fand ich heraus, dass diese so wichtigen Fragen, ob etwas wahr, freundlich oder notwendig sei, Sokrates zugeschrieben werden*, einem Philosophen, der von 469 bis 399 v. Chr. gelebt hat.8 Allerdings weiß niemand, wer sie ursprünglich gestellt hat. Ich fragte einen befreundeten Professor der Philosophie, ob er mir das genaue Zitat von Sokrates nennen könne. Er antwortete: „Da erwischst du mich auf dem falschen Fuß.“ Dann fragte ich meinen guten Freund Eric Metaxes, der in Manhattan die Veranstaltungsreihe Socrates in the City ins Leben gerufen hat; er schrieb mir zurück: „Ich hab’s gerade mal gegoogelt – ehrlich gesagt, die Informationen sind ziemlich unklar.“

Wie auch immer – in jenem Gottesdienst habe ich mir eine Kommunikationsregel zu eigen gemacht, die mir gute Dienste geleistet hat (und dies sicher auch für Sie tun wird). Jede der drei Fragen hat mein Reden und Schreiben geleitet und überwacht. Und auch viele andere Menschen haben diese Checkliste als wertvoll für sich erkannt.

In einem Kinderbuch von 1920 – The Children’s Story Garden – lesen wir über die „Drei Siebe“:

Ein kleiner Junge kam nach der Schule nach Hause gelaufen und rief aufgeregt: „Oh Mutter, was sagst du zu Tom Jones? Ich habe gerade gehört, dass …“

„Einen Moment, mein Junge. Hast du das, was du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“

„Welche Siebe meinst du, Mutter?“

„Nun, das erste ist das Sieb der Wahrheit. Ist es wahr?“

„Na ja, ich weiß es nicht, aber Bob Brown hat gesagt, Charlie habe ihm gesagt, dass Tom …“

„Was für ein Nachrichtenkarussell! Doch wie steht es mit dem zweiten Sieb der Freundlichkeit. Ist es etwas Freundliches?“

„Ob es etwas Freundliches ist? Nein, ich kann nicht gerade behaupten, dass es freundlich ist.“

„Nun das dritte Sieb: Notwendigkeit. Passt es durch dieses Sieb? Musst du mir diese Geschichte erzählen?“

„Nein, Mutter, ich muss das nicht wiedergeben.“

„Nun denn, mein Sohn, wenn es weder notwendig noch freundlich und vielleicht noch nicht einmal wahr ist, dann setze dieser Geschichte ein Ende.“9

Die drei Fragen nach Wahrheit, Freundlichkeit und Notwendigkeit schwingen auch überall in der Bibel mit. Eine bekannte und häufig zitierte Stelle ist Epheser 4,15: „Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe“ (ELB). Da steckt beides drin: Wahrheit und Liebe. Ich bin nun seit fast 20 Jahren Pastor und habe häufig gehört, wie meine Gemeindeglieder über diesen Vers sprachen.

Vermutlich ist Ihnen auch diese Stelle bekannt: „Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: … Schweigen und Reden“ (Prediger 3,1.7). Manche Dinge müssen nicht gesagt werden, andere schon. Vielleicht können wir die Bibelstelle nicht genau benennen, trotzdem dürfte sich uns die tiefe Einsicht daraus eingeprägt haben. Unterm Strich bedeutet das: Wir wissen intuitiv, dass wir die Wahrheit in Liebe und zum angemessenen Zeitpunkt reden sollten. Das ist ein unumstrittener Grundsatz der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es leuchtet jedem ein.

Jedenfalls gefielen mir diese drei Fragen. Denn ich wollte nicht, dass Menschen mir vorwerfen, ich hätte Dinge geäußert, die unwahr, unfreundlich oder unnötig gewesen wären. Eine solche Kritik hätte mich zutiefst erschüttert. Ich wollte ein Mensch sein, den andere in seinem Reden und Schreiben als wahrheitsliebend, wohlwollend und hilfreich erleben. Ich hatte nicht nur den Wunsch, kompetent, vertrauenswürdig, effizient, sondern auch ein guter Gesprächspartner zu sein. Auf keinen Fall wollte ich mir Leid und Kopfzerbrechen einhandeln, weil ich ständig redete, ohne nachzudenken.

„Aber, Emerson, sprachst du nicht von vier Fragen, die wir uns stellen sollten?“ – Ja, seit jenem Tag in der Hochschulkapelle bin ich zu dem Schluss gekommen, dass unserer Checkliste ein viertes Element hinzugefügt werden sollte: Was wir kommunizieren, sollte nicht nur wahr, freundlich und notwendig, sondern auch eindeutig sein.

Ich konnte mir zwar oft sicher sein, dass meine Worte wahr, freundlich und notwendig waren. Aber ich hatte mich nicht immer klar ausgedrückt, wie ich später herausfand. So ging ich zum Beispiel fälschlicherweise davon aus, dass andere alle Fakten kannten – die ganze Wahrheit sozusagen; doch weil sie nicht auf dem Laufenden waren, verwirrten sie meine Äußerungen.

Ich nahm an, dass meine Scherze auch als solche verstanden wurden und ich nicht etwa sarkastisch oder unfreundlich wirkte. Doch andere fühlten sich von mir herabgesetzt.

Ich war mir sicher, dass meine Leser die vielen Informationen schätzten, fand jedoch bald heraus, dass sie einiges davon als unnötig betrachteten. Es verwirrte sie vielmehr und veranlasste sie zu der Frage: „Was genau willst du eigentlich sagen?“

Der Apostel Paulus spricht von der Notwendigkeit, sich eindeutig auszudrücken – in 1. Korinther 14,9 lesen wir: „Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist?“ (LU). Diese rhetorische Frage besitzt universale Bedeutung.

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, die vier Grundfragen zu meiner inneren Checkliste zu machen:

Ist das, was ich kommuniziere, wahr?Ist das, was ich kommuniziere, freundlich?Ist das, was ich kommuniziere, notwendig?Ist das, was ich kommuniziere, eindeutig?

Wenn ich sie im Gespräch mit Ihnen berücksichtige, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Sie mich falsch verstehen. Deutlich größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie verstehen, was ich zu sagen versuche. Das spart mir viel Zeit, die ich sonst damit verbringen würde, Missverständnisse und Beziehungsstörungen zu klären. Es erspart mir Seelenschmerz und Kopfzerbrechen.

Ich weiß, wie bedeutsam diese Fragen sind. Ich selbst wünsche mir, dass Sie so mit mir kommunizieren. Ich möchte nicht, dass Sie mich anlügen, unfreundlich zu mir sind, mir Dinge erzählen, die ich nicht zu wissen brauche oder mich mit schwer verständlichen Ausführungen verwirren.

Vor Jahren schrieb Robert Fulghum ein Buch mit dem Titel Alles, was du wirklich wissen musst, hast du schon als Kind gelernt.10 Ich liebe diesen Titel. Er impliziert, dass wir mit fünf Jahren bereits genug gelernt haben, um in Beziehungen erfolgreich zu sein – vorausgesetzt wir handeln als Erwachsene danach!

Viele kennen den Grundsatz „Denk nach, bevor du redest“ seit Kindertagen. Meine Eltern haben mir diese Regel beigebracht, als ich vielleicht vier Jahre alt war. Doch auch die Klügsten unter uns wissen: Es gibt keine Garantie dafür, dass wir heute leben, was wir gestern gelernt haben.

Bei der Frage, ob es uns gelingt, erfolgreich mit anderen Menschen zu interagieren, geht es nicht so sehr darum, Neues zu lernen. Es geht vielmehr darum, die Weisheiten, die uns mit ein paar Jahren beigebracht wurden, umzusetzen. Solche Grundlagen sind nicht umsonst genau das: Grund-legend.

In seinem Buch When Pride Still Mattered schreibt David Maraniss über das Leben der Football-Trainerlegende Vince Lombardi. Er berichtet über ein Trainingscamp der Green Bay Packers im Jahr 1961:

[Lombardi] nahm nichts für selbstverständlich. Er hatte es sich zur Tradition gemacht, jedes Mal bei null zu beginnen. So als wären die Spieler wie ein unbeschriebenes Blatt und hätten nichts von den Erkenntnissen der Vorjahre in die neue Spielzeit mitgenommen. Er hielt ein Stück Schweinsleder in die Höhe und begann mit der wohl fundamentalsten Aussage, die man machen kann: „Gentlemen, das ist ein Football.“11

Ich kann Ihnen versichern: Auch die Besten im Metier der Kommunikation müssen sich tagtäglich den „Football“ vor Augen halten. Für mich besteht der „Football“ der Kommunikation aus der Umsetzung der vier Fragen. Wenn ich diese vier Fragen nicht stelle, gleitet mir der Ball aus den Händen. Auf den folgenden Seiten möchte ich mit Ihnen zu diesen Grundlagen zurückkehren und die vier Fragen genauer betrachten. Dabei werden wir Antworten auf die folgenden Fragen erhalten:

Ist es die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Klingen meine Worte liebevoll und respektvoll?Ist es notwendig, es auszusprechen – jetzt, später oder überhaupt?Ist es eindeutig ausgedrückt – für mich und für andere?

Lassen Sie uns tanzen, als würde niemand zusehen. Aber lassen Sie uns schreiben, als würde die ganze Welt es lesen. Und lassen Sie uns reden, als könne es die ganze Welt hören.

* Anmerkung der Übersetzerin: Im Deutschen lauten die drei Siebe, durch die wir nach Sokrates unser Reden sieben sollen: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig? Da dieses „gut“ im Englischen mit „kind“ übersetzt wird, verbindet es Eggerichs eher mit dem Tonfall und der freundlich-gütig gesonnenen Herzenshaltung (was auch den meisten biblischen Texten zum englischen Begriff „kind“ entspricht) und nicht so sehr mit dem ethisch Guten, das wir im Deutschen mit dem dritten sokratischen Sieb verbinden.

Bibelverse zum Nachdenken über:

Reden, was wahr ist

Epheser 4,25: „Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde von Jesus.“Kolosser 3,9: „Hört auf, euch gegenseitig zu belügen. Ihr habt doch euer altes Leben mit allem, was dazugehörte, wie alte Kleider abgelegt.“Titus 1,2: „Gott lügt nicht.“Apostelgeschichte 5,3–4: „Aber Petrus durchschaute ihn. ‚Hananias‘, fragte er, ‚warum hast du es zugelassen, dass der Satan von dir Besitz ergreift? Warum hast du den Heiligen Geist belogen und einen Teil des Geldes unterschlagen? Niemand hat dich gezwungen, das Land zu verkaufen. Es war dein Eigentum. Und auch nach dem Verkauf hättest du das Geld behalten können. Wie konntest du dich nur auf so etwas einlassen! Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott selbst.‘“Offenbarung 14,4–5: „Sie sind ihrem Herrn treu geblieben … und folgen dem Lamm überallhin. Von allen Menschen sind sie es, die freigekauft und ausgewählt wurden, Gott und dem Lamm allein zu gehören. Keine Lüge und kein betrügerisches Wort kommen aus ihrem Mund; sie sind ohne Tadel, und niemand kann ihnen etwas vorwerfen.“Sprüche 12,19: „Lügen haben kurze Beine, die Wahrheit aber bleibt bestehen.“Sprüche 12,22: „Lügner sind dem Herrn zuwider, aber er freut sich über ehrliche Menschen.“Sprüche 19,5: „Wer als Zeuge einen Meineid schwört, kommt nicht ungeschoren davon – er wird die Strafe dafür erhalten.“Sprüche 21,6: „Schätze erwerben mit verlogener Zunge ist Jagen nach dem Windhauch und Suchen nach dem Tod“ (EÜ).Psalm 35,20: „Was sie sagen, dient nicht dem Frieden, und gegen die Menschen, die ruhig und friedlich in diesem Land leben, erfinden sie falsche Anschuldigungen.“

Ist es die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

In Große Erwartungen von Charles Dickens heißt es: „‚Es gibt eines, da kannst du dir sicher sein, Pip‘, meinte Joe nach einigem Nachdenken. ‚Lügen sind Lügen. Wie auch immer sie entstanden sind, sie hätten nicht entstehen sollen.‘“12

Das amerikanische Rechtssystem offenbart, was es mit diesem „wie auch immer“ auf sich hat, auf dreifache Weise. Zeugen werden vor Gericht gebeten, die rechte Hand zu erheben und die linke auf eine Bibel zu legen, während ihnen die Frage gestellt wird: „Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe?“

Unter Strafandrohung muss der Zeuge drei Wege zur Lüge meiden: Zum Ersten soll er nichts kommunizieren, von dem er weiß oder annimmt, dass es falsch ist. Das würde bedeuten, nicht die Wahrheit zu sagen. Zum Zweiten soll er keine Halbwahrheiten kommunizieren. Denn Halbwahrheiten führen in die Irre. Und zum Dritten soll er die Wahrheit nicht mit Lügen durchsetzen, weil das die ganze Wahrheit in Frage stellt.

Leider neigen Menschen zum Lügen, wenn man ihnen nicht unter Eid eine Strafe androht. Das liegt in unserer menschlichen Natur. Einmal schrieb mir jemand in einer E-Mail: „Lügen passiert doch ständig. Ich mache es. Die anderen machen es. Jeder scheint zu lügen. Es ist halt einfacher, nicht die Wahrheit zu sagen.“ Ich glaube nicht, dass Menschen wie er das Lügen als angenehm empfinden; sie halten es nur für selbstverständlich.

In dem Moment, wo ein Zeuge lügt, verwirft das Gericht die gesamte Aussage. Denn wer will noch einem Menschen glauben, der einmal beim Lügen erwischt wurde? Wer vor Gericht lügt, hat schon zweimal gelogen, denn er hat ja schließlich zuvor geschworen, die Wahrheit zu sagen. Selbst wenn so jemand dann doch noch die Wahrheit sagt, werden ihm weder Richter noch Geschworene vertrauen.

Manche halten dagegen, dass es erlaubt sei, die Unwahrheit zu sagen, wenn man glaubt, es sei notwendig oder geschehe aus Liebe. Aber Lüge bleibt Lüge, so wie eine Rose immer eine Rose bleibt, egal wie man sie nennt. Und egal wie mitfühlend man ist, während man die Unwahrheit sagt – irgendwann wird jemand diese Lüge entlarven.

Der berühmte Medizinwissenschaftler Dr. John Ioannidis hat die hellsten und besten Köpfe der akademischen Welt entlarvt. „Sein Modell sagte in unterschiedlichen Forschungsfeldern Fehlerquoten voraus. 80 Prozent der nicht-randomisierten Studien (und das ist der weitaus häufigste Typ) erwiesen sich als fehlerhaft, ebenso wie 25 Prozent der maßgeblich mit Gold ausgezeichneten randomisierten† Versuchsanordnungen und ganze 10 Prozent großer mit Platin ausgezeichneten randomisierten Versuchsanordnungen.“ Von 49 Forschungsprojekten, die die Medizinwelt mehr als andere Entdeckungen geprägt haben und weltweit unzählige Male zitiert wurden, wurden 43 erneuten Tests unterzogen. Von diesen 43 erwiesen sich 14 als falsch! „Das waren Artikel, die zur weitverbreiteten Popularität bestimmter Behandlungsmethoden führten, so zum Beispiel der Hormonersatztherapie bei Frauen in der Menopause, der Behandlung mit Vitamin E zur Risikominderung von Herzerkrankungen, dem Einsatz von Stents zur Abwehr von Herzinfarkten und der Dauerbehandlung mit niedrigdosiertem Aspirin zur Blutdruckregulierung und Vermeidung von Herzinfarkten und Schlaganfällen.“ Ioannidis glaubt, „dass Forscher häufig Datenanalysen manipulieren, weil sie eher auf karriereförderliche Ergebnisse aus sind als auf gut durchgeführte Wissenschaft. Sie nutzen sogar Begutachtungsverfahren: Fachzeitschriften bitten Wissenschaftler um ihr Urteil zu der Frage, welche Studien veröffentlicht werden sollen, um auf diese Weise gegensätzliche Meinungen zu unterdrücken.“13

Es macht keinen Unterschied, was uns treibt: Mitgefühl, die Beflügelung unserer Karriere oder die Unterdrückung anderslautender Meinungen. Es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn wir uns weigern, die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Abraham Lincoln hat es so ausgedrückt: „Falschheit … ist der schlimmste Feind des Menschen. Die Wahrheit ist in der Tat dein treuster Freund, egal unter welchen Umständen.“14

Worum es im Kern geht

Irgendwann in den Jahren nach 1800 sollte ein junger Schwarzer auf einem Sklavenmarkt in den USA verkauft werden. Wer den höchsten Preis für ihn bieten würde, wäre sein neuer Besitzer. Vor Beginn der Auktion kam ein Sklavenhalter auf ihn zu und fragte ihn: „Wirst du ehrlich zu mir sein, wenn ich dich kaufe?“ Respektvoll antwortete der junge Mann: „Ich werde ehrlich sein – ob Sie mich kaufen oder nicht.“15

Als ich diese Geschichte vor Jahren hörte, war das so ein Aha-Moment für mich. Die Einstellung des jungen Mannes beeinflusste mein Denken. Er wollte ehrlich sein, unabhängig von anderen Personen oder äußeren Umständen. Er war als Ebenbild Gottes geschaffen – und das gab ihm die Freiheit, nach Gottes Moralkodex zu leben. Keiner konnte ihn zwingen, dagegen zu verstoßen. Er hatte sich vorgenommen, ein integrer Mensch zu sein. Er mochte ein Sklave sein, das Opfer einer bösartigen Unzivilisiertheit, aber er weigerte sich, ein Sklave der Lüge zu werden. Sein erstaunliches Vorbild brachte mich zu dem Schluss, dass andere Menschen nicht die Ursache für meine Lügen sind. Sie offenbaren nur meine Entscheidung, die Unwahrheit zu sagen. Es geht um eine Herzenshaltung.

Jesus hat gesagt: „Wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus! Wenn ein guter Mensch spricht, zeigt sich, was er Gutes in sich trägt.“ (Matthäus 12,34–35). Mit anderen Worten: Der Mund spricht aus, was gut und ehrlich ist, weil da ein gutes Herz ist. Jesus erkannte zwar, dass alle Menschen gefallene Sünder sind und ihn als ihren Erretter brauchen. Doch er zögerte nicht, manchen Menschen ein „gutes Herz“ zuzusprechen. In Lukas 8,15 lesen wir: „Aber dann gibt es auch Menschen, die sind wie der fruchtbare Boden, auf den die Saat fällt: Sie hören Gottes Botschaft und nehmen sie mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen an. Sie halten treu daran fest, lassen sich durch nichts beirren und bringen schließlich reiche Frucht.“

Auf der anderen Seite weist Lüge auf ein schlechtes Herz hin – auf unsere dunkle Natur. In Johannes 8,44 sagt Jesus zu den Pharisäern: „Denn ihr seid Kinder des Teufels. Und deshalb tut ihr bereitwillig das, was euer Vater wünscht. Der … stand nie auf der Seite der Wahrheit, denn sie ist ihm völlig fremd. Sein ganzes Wesen ist Lüge, er ist der Lügner schlechthin – ja, der Vater jeder Lüge.“

Nach Jesu Aussage entspringt die Lüge der Natur jedes Menschen. Um eine Analogie zu benutzen: Was kommt dabei heraus, wenn ein betrunkener Pferdedieb aufhört zu trinken? Ein Pferdedieb. Seine Natur, die ihn zum Stehlen bewegt, bleibt erhalten.

Woran erkennen wir, ob Lügen zu unserer Natur gehört? Wir haben alle unseren Preis – und wenn der erbracht wird, werden wir lügen. Hananias wollte die frühe Kirche ebenso beeindrucken, wie es zuvor Barnabas getan hatte. Die Bibel berichtet davon in Apostelgeschichte, Kapitel 5. Barnabas hatte Land verkauft und das gesamte Geld der Gemeinde gespendet. Hananias hätte die junge Gemeinschaft gern ähnlich tief beeindruckt. Er sehnte sich nach der Anerkennung, die Barnabas zuteil geworden war. Doch Hananias heckte einen Plan aus, wie er das damit verbundene Opfer minimieren konnte. Er verkaufte Land zu einem bestimmten Preis. Sagen wir nach heutiger Währung 250000 Dollar. Den Gemeindeleitern erzählte er jedoch, er habe das Land für insgesamt 150000 Dollar verkauft – diesen „Gesamtbetrag“ wolle er der Gemeinde überlassen. In Wahrheit behielt er 100000 Dollar für sich. Hananias hatte seinen Preis, für den er bereit war, seine Ehrlichkeit zu verkaufen. Als Folge davon verloren sowohl er als auch seine Frau Saphira, die ihn gedeckt hatte, durch Gottes Hand ihr Leben.

Welchen Preis haben Sie? Für welchen Preis würden Sie Ihren Charakter und Ihre Ehrlichkeit verkaufen?

Die Goldene Regel wahrheitsgetreuer Kommunikation

Vor kurzem sprach ich mit einem Freund über sein Auto. Dieser hatte von seinem Mechaniker erfahren, dass sein Wagen ein größeres Problem habe und daher nun wertlos sei. Würde er ihn reparieren lassen, müsse dies im Gebrauchtwagenzertifikat vermerkt werden – mit der Folge, dass niemand den Wagen kaufen würde. „Wir könnten die Reparatur aber auch lassen“, meinte der Leiter der Kfz-Werkstatt, „dann können Sie das Auto verkaufen, ohne dass Ihr Käufer von den Problemen erfährt. Und im Zertifikat stünde auch nichts davon.“ Mein Freund fragte mich, was er tun solle. Ich antwortete: „Die Antwort ist einfach. Stell dir vor, du wärst der Käufer und der Wagen verreckt dir mitten im Berufsverkehr an einer vielbefahrenen Autobahn. Wärst du dann nicht auf hundertachtzig? Meine Erfahrung ist, dass sich Ehrlichkeit immer auszahlt, selbst wenn sie uns kurzfristig einen hohen Preis abverlangt.“

Die Goldene Regel besagt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr von ihnen behandelt werden möchtet“ (Lukas 6,31). Sie wollen wissen, wie es gelingen kann, in der Kommunikation mit anderen stets die Wahrheit zu sagen? Dann fragen Sie sich in Anlehnung an die Goldene Regel: Kommuniziere ich mit meinen Mitmenschen so, wie ich mir auch ihre Kommunikation mit mir wünschen würde?

Ich finde es faszinierend, dass manche Leute – und darunter sind auch sehr kluge Köpfe – an diesem Punkt Kompromisse eingehen. Sie wollen im Sinne der Goldenen Regel der wahrheitsgetreuen Kommunikation behandelt werden. Doch selbst wollen sie nicht an diese Regel gebunden sein. Wie heuchlerisch das ist, blenden sie völlig aus.

Paul Grice, ein großartiger Kommunikationstheoretiker, prägte mehrere Maximen über gute Gesprächsführung, darunter auch diese: „Sage nichts, von dem du glaubst, dass es falsch sei.“ Seine Maximen kommentierte ein Gelehrter mit den Worten: „Man sollte diese Maximen eher als eine Beschreibung der Vorannahmen verstehen … ‚auf die wir uns als Zuhörer verlassen und die wir als Sprecher für unsere Ziele nutzen‘ (Bach 2005).“16 Grice betonte, dass es sich dabei nicht um Vorgaben dafür handele, wie wir reden sollten.

Begreifen Sie, worauf er hinauswill? Wenn andere mit uns reden, erwarten wir, dass sie die Wahrheit sagen. Aber wenn wir mit ihnen reden, halten wir uns die Option zu lügen offen. Mit anderen Worten: „Wehe du lügst mich an, aber ich darf dich selbstverständlich anlügen!“ Sind wir denn so viel wichtiger als die anderen?

Wenn es darauf ankommt und wir meinen, etwas zu verlieren oder etwas nicht zu bekommen, wenn wir die Wahrheit sagen: Sind wir bereit, falsche Angaben zu machen, um unsere Interessen zu wahren? Schleichen wir uns an der Wahrheit vorbei und führen unsere Mitmenschen an der Nase herum? Knicken wir ein und kompromittieren die Wahrheit? Scheuen wir uns davor, etwas auszusprechen, von dem wir wissen, dass es ausgesprochen werden müsste? Oder bleiben wir standhaft bei dem, von dem wir überzeugt sind, dass es recht ist: die Wahrheit zu sagen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr uns Gott helfe?

Wir wissen, dass es keine Einbahnstraße sein darf, die Wahrheit zu sagen. Warum sollte dann die Goldene Regel der wahrheitsgetreuen Kommunikation nicht auch für uns gelten? Warum sollten wir sie ablehnen und andere belügen, wo wir doch auch von ihnen erwarten, dass sie uns die Wahrheit sagen? Schauen wir uns einige Gründe dafür an.

Warum kommunizieren wir, was nicht wahr ist?

Vor Jahren meinte ein Freund zu mir: „Weißt du was ‚rationalisieren‘ bedeutet? Rational begründete Lügen zu verbreiten.“ Diese Erkenntnis trifft sehr gut, was die Ursachen dafür sind, warum wir oft nicht wahrhaftig sind. Wir haben unsere Gründe dafür!

Das Problem ist, dass wir häufig reden (oder etwas im Netz verbreiten), ohne vorher nachzudenken. Wir wollen zwar die Wahrheit sagen, lassen aber zu, dass andere Faktoren unseren Entschluss zunichtemachen.

Ich möchte Sie an dieser Stelle einladen, 20 rational begründete Lügen zu betrachten. Klingelt es bei einer von ihnen? Beschreibt sie das innere Skript, nach dem Sie sich vor sich selbst rechtfertigen? Erklären Sie anderen auf diese Weise, warum Sie manchmal weniger wahrheitsliebend sind? Schauen wir jede Begründung kurz an:‡

Der Ängstliche: „Ehrlich, ich mache mir jetzt noch Sorgen wegen der möglichen Konsequenzen vergangener Fehler – deshalb vertusche ich sie.“Der Egoist: „Was soll ich sagen? Lügen bringt mir Vorteile – und das ist es, was ich will.“Der Ausweichende: „Wenn andere nicht wissen, was ich falsch gemacht habe, tut es allen weniger weh.“Der Stolze: „Ich muss mich besser darstellen als ich bin, damit meine Mitmenschen ein gutes Bild von mir haben und mich mögen.“Der Eilige: „Ich lüge, weil ich damit schneller ans Ziel komme und es erst einmal leichter habe.“Der Emotionale: „Ich muss nicht alle Fakten bedenken. Was ich sage, muss sich nur richtig für mich anfühlen.“Der Unaufmerksame: „Ich habe nicht gewusst, dass das, was ich gesagt habe, nicht stimmt. Jeder macht mal Fehler.“Der Schmeichler: „Ich möchte wahrheitsliebend und taktvoll sein. Besser funktioniert es aber, wenn ich den Leuten Honig ums Maul schmiere.“Der Selbstbetrüger: „Einige Leute sagen, ich würde mir etwas vormachen. Aber das stimmt nicht! Ich bin immer absolut ehrlich zu mir selbst.“Der Gefallsüchtige: „Ich scheue Konflikte, darum passe ich meine Ansichten meinen jeweiligen Zuhörern an. Ich will es ihnen recht machen.“Der Genötigte: „Es ist nicht meine Schuld. Ich wurde dazu genötigt, die Lügen eines anderen für mich zu behalten.“Der Beschützer: „Ich muss die Interessen meiner Mitmenschen schützen, selbst wenn ich dafür eine Lüge erzählen muss.“Der Gewohnheitslügner: „Ich habe immer schon gelogen, selbst wenn es besser gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen. Das kommt einfach so über mich.“Der Nachahmer: „Ich will nicht unbedingt lügen, aber alle machen es. Also mach ich es auch.“Der Verstrickte: „Ich lüge, damit andere Lügen, die ich schon erzählt habe, mich nicht einholen. Es ist traurig, aber Lügen gebären Lügen.“Der Schambehaftete: „Mir ist peinlich, was ich schon alles falsch gemacht habe. Ich lüge, um gut dazustehen.“Der Schwörer: „Ich gebe zu, dass ich in Gottes Namen schwöre, damit andere glauben, was ich sage. Auch wenn ich mich eigentlich um die Wahrheit herumdrücke.“Der Clevere: „Ich bin ein kluges Kerlchen: Ich mache mir sowohl Lügen als auch Wahrheiten geschickt zunutze. Es ist echt leicht, damit davonzukommen.“Der Wortakrobat: „Es macht mir Spaß, Worte zu verdrehen. Doppeldeutig zu reden und andere in die Irre zu führen, fällt mir nicht schwer.“Der Gamer: „Offen gesagt, ist es für mich wie ein aufregendes Spiel, andere hinters Licht zu führen.“

1. Der Ängstliche

Oftmals befürchten wir, dass unsere Mitmenschen uns ablehnen könnten, wenn wir eine unangenehme Wahrheit über uns selbst oder andere preisgeben. Ängstliche Menschen schweigen dann lieber. Oder sie sagen oder tun etwas, das der Wahrheit entgegensteht, damit nicht eintritt, wovor sie Angst haben. Achten Sie in den folgenden Aussagen einmal darauf, wie Ängste zum Motor für Lügen werden können:

„Ich habe die Affäre verleugnet, weil ich Angst hatte, meine Frau würde sich von mir scheiden lassen.“„Wenn ich auf der Webseite unserer Firma die Wahrheit über dieses neue Produkt sagen würde, würde mich der Zorn der Geschäftsleitung treffen.“„Ich habe beim Angebot und bei der Zeitplanung geschummelt und gesagt, was mein Kunde hören wollte. Ich hatte Angst, den Auftrag nicht zu bekommen.“„Ich habe gelogen, was meine Referenzen angeht, weil ich Angst hatte, sie würden mich gar nicht erst zum Bewerbungsgespräch einladen.“