Beschreibung

Kein Job, keine Studium, kein Mann – die Bilanz ihres bisherigen Lebens ist düster. Was bleibt Anna an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag anderes übrig, als sich mit ihrer Freundin und Mitbewohnerin Isi zu betrinken? Um ihren Ex zu vergessen, küsst sie einen wildfremden Mann und beschließt noch am selben Abend, ihr Leben zu ändern. Als Anna kurz darauf in einem großen internationalen Konzern einen Traumjob ergattert, scheint sich das Glück tatsächlich zu wenden – und der Zufall spielt ihr einen schönen Streich. Bald jettet Anna zwischen Hamburg, Shanghai, Hongkong und Tokio durch die Welt, genießt den Luxus der Business Class und lernt die Geschäftswelt Asiens kennen. Ihre Träume vom Jetsetleben gehen auf und dann steht sie plötzlich zwischen zwei Männern. Doch nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hat, erwartet Anna eine schmerzliche Überraschung …

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Liebe süßsauer

Karin Lindberg

© Copyright 2015 by Karin Lindberg.

www.karinlindberg.info

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Katrin Engstfeld www.kalliope-lektorat.de

Covergestaltung: www.kreativi-production.de

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1

„Ich liebe diese Tage,

egal wie scheiße es war ...“

Leise tönte es aus den Lautsprechern in der Damentoilette. Wie passend.

Irgendwie hatte ich mir meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag anders vorgestellt.

O Gott. Fünfundzwanzig!

Naja, noch nicht ganz. Mitternacht schlug mein Stündchen. Hätte man mich vor fünf Jahren gefragt: „Wo sehen Sie sich mit 25?“, hätte ich darauf sowas in der Art geantwortet, wie: „Mit fünfundzwanzig bin ich mit einem gutaussehenden und intelligenten Mann auf den Bahamas, wo wir uns gepflegt vom stressigen Job erholen. Wenn ich mich nicht gerade in den Paradiesen der Welt herumtreibe, arbeite ich in einem internationalen Unternehmen, für das ich unersetzlich bin. Zum Feierabend, sollte ich nicht mit meinem Partner fein essen gehen, chillen wir in unserer schicken Eigentumswohnung in Hamburg-Mitte.“

Die Realität sah leider etwas anders aus. Akut heulte ich nicht den verpassten Chancen meines bisherigen Lebens hinterher, sondern hatte ein viel konkreteres Problem: In diesem Moment stand ich im Christiansens auf der Damentoilette und versuchte, die Überreste eines Strawberry-Margarita aus meiner Jeans zu kratzen. Leider vergrößerte ich den bisher entstandenen Schaden nur noch. So ein Mist!Eigentlich blieb mir fast keine Wahl. Ich musste die Jeans ausziehen, so sah es nämlich aus, als ob ich in die Hose gepinkelt hätte. Während ich überlegte, welches Übel ich am ehesten überleben würde, ohne vor Scham im Erdboden zu versinken, setzte ich mich auf einen Hocker an der Wand. Es war gar nicht so ungemütlich hier auf dem Klo, die Musik war gut und keiner ging mir auf die Nerven. Vielleicht sollte ich einfach bleiben, wo ich war, und warten, bis alles getrocknet war. Andererseits war die Vorstellung, meinen Geburtstag auf der Damentoilette zu feiern, auch nicht gerade prickelnd. Ich stellte mir einen Dialog mit zukünftigen Traumprinzen vor, die mich nach Jubiläumsfeiern fragten: „Und wo hast du so deinen 25. verbracht?“

„Aufm Klo.“

Im günstigsten Fall würde ich einen mitleidigen Blick für die vermeintliche Magen-Darm-Infektion ernten … Die nasse Hose klebte am Hintern und ich schob die fällige Entscheidung noch ein wenig auf, während ich in Selbstmitleid versunken die ersten 25 Jahre Revue passieren ließ.

Fakt war: deutsche Mutter, englische Vater – Scheidungskind; Abitur – bestanden; eher schlecht als recht, aber immerhin. Studium – abgebrochen; warum, wusste ich nicht mehr so genau, aber wenn es das Richtige gewesen wäre, hätte ich es sicherlich durchgezogen. Da war es in meinen Augen besser gewesen, noch mal neu anzufangen. Das Richtige hatte ich leider noch nicht gefunden. Karriere? Fehlanzeige.

Aber wer konnte schon wissen! Schließlich hatte ich am kommenden Montag ein Vorstellungsgespräch bei der Stein Energy Holding AG. Vielleicht ging es endlich bergauf. Ganz sicher sogar, denn ich hatte vor, den neuen Job zu bekommen.

Schicke Wohnung in Hamburg-Mitte? Ebenso Fehlanzeige. Mein bescheidenes Einkommen reichte nur für ein Zimmer in einer WG. Der einzige Lichtblick war Isabelle, meine Ersatzbeziehung. Mein WG-Leben bewies jedenfalls, dass ich fähig war, mit jemandem zusammenzuleben, was immer Mr. Unright behauptete. Unser Zusammenleben gestaltete sich sogar relativ harmonisch.

Beim Punkt mit dem gutaussehenden Intelligenzbolzen musste ich nämlich leider auch passen. Unglücklicherweise war mir Mr. Right bisher nicht über den Weg gelaufen. Nach dem Desaster mit Paul (Mr. Unright) zog ich es vorerst definitiv vor, Single zu bleiben.

Letztens hatte ich in der Cosmo gelesen, dass Scheidungskinder im späteren Leben oft selbst Probleme in Beziehungen hatten. Vielleicht traf das ja auch auf mich zu, ganz sicher sogar, wenn ich genauer darüber nachdachte. Weshalb sonst saß ich hier alleine? Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich acht Jahre alt war. Mein Vater ging damals zurück nach Nordengland und meine Mutter blieb mit mir in Hamburg, wo ich im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses aufwuchs. Es konnte jedenfalls nur besser werden …

Ich seufzte und stand auf. Genug Trübsal geblasen, das konnte ich auch morgen noch.

Ich blickte in den Spiegel und prüfte meine Erscheinung. Viel zu dünne Beine in einem viel zu kurzen Kleid. Ich war quasi halbnackt. Aber besser als für inkontinent gehalten zu werden. Isabelle störte mein Outfit mit Sicherheit nicht. Sie sah mich zu Hause jeden Tag nackt und ihre Hemmschwelle lag deutlich höher. Um sie in Verlegenheit zu bringen, hätte ich schon oben ohne in die Bar zurückkehren müssen. Ich ging also mit der Jeans unter dem Arm an unseren Tisch zurück und versuchte dabei, so gelassen wie möglich mit meinem spärlich bekleideten Körper durch die Bar zu kommen. Ich wurde schon ungeduldig von Isabelle erwartet, die auf der Stuhlkante hin und her rutschte.

„Na endlich, du hast ja mal wieder 100 Jahre gebraucht! Was hast du gemacht? Ein Nickerchen?“

„Na, hör mal, Isi, ich will ja nicht wissen, was du hier für ’nen Aufstand gemacht hättest, wenn der Strawberry Daiquiri auf deiner Hose gelandet wäre!“ Ich funkelte Isabelle an.

„Reg dich ab, Süße! Immer schön locker bleiben. Ich dachte, wir wollten heute so richtig einen drauf machen! Du solltest dir mal wieder einen Typen suchen. Have fun! Hak Paul endlich ab und fang wieder an zu leben.“

„Ich bin locker!“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Plötzlich musste ich lachen. Sie hatte ja Recht. Wenn nicht jetzt, wann dann.

„Los, lass uns noch was bestellen, ich bin schließlich nicht zum Spaß hier.“

Einige Strawberry-Daiquiris später beschlossen wir, vom Christiansens ins CH auf der Reeperbahn zu wechseln. Als wir uns auf den Weg nach draußen machten, schwankte der Boden gefährlich unter meinen Füßen. Mein Gleichgewichtssinn ließ mich im Stich und ich rempelte einen gutaussehenden, braungebrannten Adonis an. Für meinen Geschmack zu viel Gel, zu viel Hawaiihemd und definitiv zu viel Solarium.

„Oh, là, là, schöne Frau, du kannst mich auch einfach ansprechen, wenn du Interesse an mir hast. Du musst mich nicht gleich umhauen!“

Arschloch.

Was dachte der Penner sich, mich so plump anzumachen? Da stand ich ja so was von gar nicht drauf. Unmöglich.

„Pass mal auf, Blondie! Das war keine Absicht und ich steh nicht auf Surfer!“ Angepisst lief ich weiter und rannte geradewegs in den nächsten Mann.

Megapeinlich.

Er war gut gekleidet und attraktiv. Ozeanblaue Augen durchbohrten mich, wir hatten einen Frontalzusammenstoß und sein Mojito landete – mein Glück – auf ihm selbst und nicht auf meinem Kleid. Damit hätte ich sonst beim Miss-Wet-Contest teilnehmen können. Ich spürte die Hitze über meinen Hals nach oben kriechen. Na toll, blieb mir an diesem Abend gar nichts erspart?

„O mein Gott! Es tut mir so schrecklich leid …!“ Zum Glück war es nicht besonders hell in der Bar, sodass der dunkelhaarige Typ meine knallrote Birne nicht sehen konnte.

„Halb so schlimm. War sowieso ein altes Hemd“, kommentierte er die Cocktaildusche augenzwinkernd.

„Ähm. Es tut mir leid, kann ich was tun um es wieder gutzumachen?“ Er runzelte die Stirn und verzog den Mund, als ob er wirklich überlegen müsste. Dann grinste er mich an.

„Hm. Wenn du mich so fragst … Gib mir deine Nummer!“

Der Alkohol hatte meine Zunge gelöst und verlieh mir den nötigen Mut. Dass Isabelle direkt hinter mir stand, gab den Ausschlag ihr zu beweisen, dass ich sehr wohl Spaß haben konnte. Ihre blöden Sprüche gingen mir schon länger auf den Zeiger, sollte sie sehen, dass ich keine „Schlafmütze“ war (wie sie mich bei unserem letzten Ausgehabend tituliert hatte). Ohne über die möglichen Folgen nachzudenken, nahm ich das Gesicht des Adonis zwischen meine Hände und küsste ihn leidenschaftlich. Der Kuss fühlte sich gut an. Seine Lippen öffneten sich bereitwillig und er ließ es geschehen.

Himmlisch!

Nach einigen Sekunden löste ich mich von ihm und flüsterte atemlos und ziemlich beschwipst: „Meine Nummer musstu selbst rausfinden. Mach’s gut!“

Enttäuschung spiegelte sich in den blauen Augen. Nach einem kurzen Moment strahlten sie allerdings wieder wie zuvor.

„Na dann, du schöne Unbekannte, wenn du es verantworten kannst, mich hier so stehen zu lassen ...“ Dabei legte er den Kopf schief und setzte eine leidende Miene auf.

Echt süß!

In meinem Bauch kribbelte es, es fiel mir schwer, mich von seinem Blick zu lösen. „Anna, kommst du jetzt mit oder willst du weiterflirten?“ Isabelle, die Ungeduld in Person, wollte unbedingt weiter in den Club, daher blieb mir nicht viel Zeit, meine merkwürdige Aktion zu analysieren. Ich rollte kurz mit den Augen und zuckte mit den Schultern, dann lächelte ich den Fremden an: „Sorry, ich muss los.“ Damit ließ ich den Ozeanmann endgültig stehen.

„Ciao, Anna!“, rief er mir hinterher. Ich spürte seinen Blick im Nacken.

Die kühle Abendluft ließ mich frösteln und etwas ernüchtern. Aber ich genoss die leichte Brise nach der stickigen Luft in der Bar. Der Kuss hatte mein Blut ganz schön in Wallung gebracht. Die kleine Abkühlung tat mir gut, um wieder auf normale Betriebstemperatur zu kommen.

„Was war das denn, Fräulein?“ Ich fing Isabelles tadelnden Blick auf.

„Hey, du hast gesagt, ich solle Spaß haben, also hab ich mir gedacht, mach mal was Spontanes, Anna. Und dann hab ich den gutaussehenden Typen geküsst. . Das ist doch Spaß, oder? Jetzt sag nicht, dass du das nicht gemeint hast, denn das wäre nicht fair. Dir kann ich es gerade eh nicht recht machen, hm?“ Ich redete mich geradezu in Rage.

„Hm, wenn du meinst … Happy Birthday!“

Meine Freundin spürte offenbar, dass sie besser nicht weiter nachhaken sollte. Ich konnte in der Tat ganz schön jähzornig sein, wenn mir etwas gegen den Strich ging.

Isabelle umarmte mich fest und drückte mir einen Schmatzer auf die Wange. Damit erstickte sie meine schlechte Laune im Keim und ich schmiegte mich in ihre Arme.

„Danke. Die letzten Monate waren ganz schön hart für mich, weißt du. Ich muss mich mal ein bisschen ablenken, nach dem ganzen Drama mit Paul.“

„Ist schon gut, ich verstehe dich. Komm. Lass uns kein Trübsal blasen und endlich abrocken!“ Isabelle zog mich weiter, sie hatte ein ganz bestimmtes Ziel.

Kurze Zeit später fanden wir uns auf der Tanzfläche wieder. Normalerweise hasste ich es, zwischen so vielen schweißnassen Menschen zu sein, aber heute hatte ich bereits genug getrunken, um es zu ignorieren. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Musik tragen. Es war toll, mich vom Rhythmus mitnehmen zu lassen. Ich hatte das Zeitgefühl vor einigen Cocktails verloren, irgendwann war der Club aber so gut wie leer und unverkennbare Rausschmeißermusik dröhnte aus den Lautsprechern. Wir wankten auf die Straße und suchten ein Taxi.

Als wir vor unserer Haustür ausstiegen, dämmerte es schon. Ich liebte die frische Morgenluft im Sommer an einem der Tage, bei denen man genau wusste, dass es in ein paar Stunden unerträglich heiß werden würde. Jetzt war es aber noch angenehm kühl und frisch.

Ich hatte einige Mühe, die Haustüre aufzuschließen, der Schlüssel wollte einfach nicht ins Schloss. Isabelle stand grün angelaufen daneben und jammerte und ächzte. Was mit ihr gleich passieren würde, war sonnenklar. Glücklicherweise hatte es Isi diesmal bis nach Hause geschafft, bevor sie sich den Abend noch einmal durch den Kopf gehen ließ und in unserem Badezimmer die Kloschüssel umarmte. Beim letzten Mal hatten wir nicht so viel Glück gehabt, da musste sie sich schon während der Fahrt übergeben und der Taxifahrer hatte uns rausgeschmissen. Das Schlimmste daran war, dass wir die restlichen drei Kilometer hatten nach Hause laufen müssen. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass ich mir die Ausnüchterung hatte sparen können. Im Gegensatz zu Isi ging es mir heute erstaunlich gut, ich war sogar noch in der Lage gewesen, ihr die Treppen nach oben zu helfen, obwohl ich wirklich selbst mehr als genug intus hatte. Dank Isabelles übermäßigen Alkoholkonsums fand sie nämlich, es wäre eine super Idee, auf der Treppe zu schlafen, was ich ihr zum Glück ausreden konnte. Unsere Nachbarn hätten sich außerdem wohl eher nicht über ein Geschenk auf dem Hausflur gefreut und ich hatte wenig Interesse, meinen Geburtstag zu Hause mit dem Feudel in der Hand zu starten. Deswegen war ich irgendwie erleichtert, als ich ihr Würgen aus dem Badezimmer hörte und uns somit andere Unannehmlichkeiten erspart geblieben waren.

Diese Aktion hatte mich allerdings komplett ernüchtert. Ich brachte Abstand zwischen mich und das Bad und ging in die Küche, einen Snack suchen. Meiner robusten Konstitution konnte auch Isabelles Übelkeit nichts anhaben. Das viele Tanzen hatte mich wirklich hungrig gemacht, deswegen öffnete ich den Kühlschrank in der Hoffnung auf etwas Essbares. Ich fand zwei Stücke Pizza vom Vortag. Ein Wunder! Üblicherweise war unser Kühlschrank nämlich so leer wie mein Konto. Ich klappte die Alufolie auf und biss genüsslich in das Stück kalte Pizza Hawaii. Weil ich beide Hände voll hatte, benutzte ich meinen Ellenbogen, um die Tür zuzuschlagen. Meine Beine machten sich nach dem vielen Tanzen bemerkbar, daher setzte ich mich an den kleinen Küchentisch und verspeiste den Rest meines Festmahls in aller Ruhe.

„Kalte Pizza. Du bist so ekelhaft, Anna.“ Ein kurzes Statement meiner wieder unter den Lebenden weilenden Freundin. Offensichtlich war ihr die Badaktion bekommen. Für mich kam das nur im Notfall infrage, grundsätzlich folgte ich dem Motto: Was bezahlt war, blieb auch drin.

„Danke, meine liebe Isabelle. Du bist so unheimlich liebenswürdig an diesem schönen Morgen, der übrigens immer noch mein Geburtstag ist. Also sei nett zu mir, ich brauche heute Mitleid und kein Gemeckere! Und denk dran: Ich bin fünfundzwanzig geworden! Steinalt.“

„Weissu was. Ich hab genug für heute. Ich hau mich hin. Dein Selbstmitleid ertrag ich jetzt nicht.“ Sie drückte mir einen alkoholgeschwängerten Schmatzer neben den Mund, verschwand in ihr Zimmer und ließ mich allein in der Küche zurück. Da ich noch viel zu aufgekratzt war, holte ich mir eine eisgekühlte Sprite und ging auf unseren Mini-Balkon, um den Sonnenaufgang zu genießen.

Jetzt war es also passiert. 25. Eigentlich nur eine Zahl.

Aber so langsam musste ich mir über den Sinn des Lebens Gedanken machen. So konnte es nicht mit mir weiter gehen. Was kam als nächstes?

30 … 40 …

Ein Alptraum, wenn man dann feststellte, dass man sein Leben verplempert hatte. Nichts erreicht, Hartz 4 in St. Pauli. Eine üble Vorstellung. Andere fassten Silvester neue Vorsätze, warum sollte ich das nicht an meinem Geburtstag tun?

Ab heute würde ich seriös!

Es war höchstwahrscheinlich keine gute Idee, zum Einstand wildfremde Männer in einer Bar abzuknutschen, aber darüber wollte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Den sah ich sowieso nie wieder und außerdem war das Schnee von vorhin. Der Vorteil einer Großstadt wie Hamburg war die geringe Wahrscheinlichkeit peinlicher Wiedersehen nach übermäßig spontanen Aktionen.

Im Leben trifft man sich immer zweimal!

Klar! Mein Würdewärter konnte sich nicht zurückhalten.

„Guten Morgen, Mr. Doubleyou. Vielen Dank für den Hinweis“, gab ich lautlos zurück.

Ich seufzte und trank einen großen Schluck. Er klang richtig miesepetrig. Vermutlich lag es am Alkohol. Er war offenbar keineswegs erfreut, dass ich mir heute Abend dermaßen die Kante gegeben hatte und wir bis zum bitteren Ende im Club getanzt hatten. Daran, dass sich eine Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die gar nicht meine eigene war, hatte ich mich gewöhnt. Er meldete sich immer dann, wenn mein Stolz gekränkt zu werden drohte, oder er sonstige wenig hilfreiche Kommentare zu meinem Leben hatte. Ich ignorierte seine Sticheleien, darauf hatte ich zu dieser Stunde echt keine Lust. Also ging ich lieber schlafen, anstatt weiter ins Sonnenlicht zu blinzeln.

2

Irgendetwas stimmte nicht in meinem Traum. Was war das für ein merkwürdiges Geräusch auf meiner Südseeinsel? Hier sollte es normalerweise keine Elektrizität geben. Außer meiner Strohhütte und der Sonnenliege war da doch nichts. Die Palmen wiegten sich im Wind und das Meer strahlte im schönsten Blau. Wie die Augen vom Ozeanmann. Ozeanmann?

Was machte der denn hier?!

Und was, verdammt, war das für ein Krach? Ich wollte auf meiner Insel bleiben und den Frieden genießen, aber meine Traumwelt verschwamm langsam vor mir...

Es half nichts, ich war wach. Das merkwürdige Geräusch stellte sich als das Klingeln meines Telefons heraus. Auf dem Display blinkte „Mama“.

„Mama, guten Morgen!“, krächzte ich in den Hörer.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Anna! Habe ich dich geweckt? Du hast doch nicht etwa noch geschlafen? Es ist doch bereits 11 Uhr durch! Wann wolltest du heute vorbeikommen? Ich habe einen Kuchen für dich gebacken. Du bist bestimmt gespannt auf dein Geschenk und wir freuen uns doch so … und du hast dich echt lange nicht mehr blicken lassen …!“

„Mama, puh, lass mich erst mal aufwachen.“ Ich rieb mir die Augen, hielt es aber für besser, sie noch nicht zu öffnen.

Meine Mutter redete grundsätzlich im Tempo eines Maschinengewehrs. Sie schien immer Angst zu haben, dass ihre Redezeit abgelaufen war, bevor sie alle Neuigkeiten rübergebracht hatte, die ihr gerade auf dem Herzen lagen. Anstrengend!

„Was? Du hast wirklich noch geschlafen? Warst du gestern feiern? Hast du jemanden kennengelernt? Hast du etwa einen Freund? Anna?“

„Wah! Mama. Ich komme um drei! Bis nachher!“ Damit legte ich auf und drehte mich auf die andere Seite. Ich versuchte noch eine ganze Weile wieder einzuschlafen, aber es gelang mir nicht. Mein Magen fühlte sich genau so an, wie man es nach einem Alkoholexzess erwartete. Leicht flau war deutlich untertrieben. Außerdem hämmerte jemand in meinem Kopf. Ich würde eine Aspirin brauchen. Die Aussicht auf Besserung dieser fiesen Kopfschmerzen war überhaupt der einzige Grund, warum ich es schließlich aus dem Bett schaffte. Nachdem ich mich aufgerafft hatte, schlurfte ich ins Badezimmer. Dort hockte Isabelle auf der Toilette und las in der „Instyle“.

„Moin, Isi.“

„Moin, Anna.“

Da wir beide Morgenmuffel waren, brauchten wir in den ersten dreißig Minuten nach dem Augenöffnen keine weitere Konversation. Fröhliche Menschen am frühen Morgen, die einem gut gelaunt über den Weg liefen, weckten bei mir höchstens Mordphantasien. Wie konnte man so kurz nach dem Aufwachen fröhlich sein? Schrecklich! Und an diesem Morgen gab es ganz sicher gar nichts Erfreuliches. Ich kramte im Spiegelschrank nach einer Kopfschmerztablette, die ich schnell mit einem Schluck Wasser aus dem Hahn runterspülte. Anschließend unterzog ich mich einer Katzenwäsche und träumte in kleinen Zahnbürstenkreisen vom Ozean.

„Mach mal hinne, ich will mir auch die Hände waschen und Zähne putzen.“ Isabelle hatte ihr Geschäft beendet und drängte sich neben mich ans Waschbecken. Ihr schien es deutlich besser zu gehen als mir. Wie unfair!

„Gemach, gemach, junge Frau. Eine alte Frau ist ja kein D-Zug! Schließlich bin ich jetzt ein Vierteljahrhundert alt, da geht das alles nicht mehr so schnell!“

Wir lebten seit vier Jahren zusammen und es war ähnlich wie bei einem alten Ehepaar, so stellte ich es mir jedenfalls vor. Wir hatten keine Geheimnisse mehr voreinander. Manch einer mochte es seltsam finden, dass wir die Tür des Badezimmers nicht mehr schlossen, wenn wir die Toilette benutzten, aber in unseren Augen war das Leben außerhalb der vier Wände schon kompliziert genug. Wir hatten nur ein Badezimmer und deswegen Stress zu machen, war sinnlos.

Ich war noch schrecklich müde und hatte auch schon mal besser ausgesehen. Aber obwohl mir immer noch leicht übel war, freute ich mich auf einen Kaffee. Hoffentlich verkraftete mein Magen jetzt überhaupt schon Koffein. So schnell gab es für mich keinen Alkohol mehr.

Igitt.

Isabelle widmete sich noch der Körperpflege, als ich in die Küche schlich, um unsere alte Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Ach, wenn dieser Tag doch nur schon vorbei gewesen wäre!

Punkt fünfzehn Uhr klingelte ich bei meiner Mutter. Herbert, ihr neuer Freund, öffnete mir die Tür und umarmte mich herzlich. Dabei erdrückte er mich fast. „Alles Gute, Anna, ich freue mich, dass du hier bist!“

Herbert hatte eine Halbglatze, einen Schnauzer und etwa zwanzig Kilo Übergewicht. Er war mit seiner Erscheinung zwar nicht unbedingt mein Traummann, der sollte doch etwas sportlicher und männlicher aussehen, aber ich wollte meiner Mutter da nicht reinreden. Es war ja ihr Leben und insgeheim war ich froh, dass sie nicht mehr alleine war. Außerdem war er mit seiner offenen Art liebenswert und ehrlich und ich höchstwahrscheinlich viel zu oberflächlich. Dabei sollte ich eigentlich meine Lektion nach Paul gelernt haben!

Meine Mutter kam aus der Küche gerannt, ihre Schürze hatte dunkle Schokoladenflecken und ihre Wangen waren vom Backstress gerötet.

„Hallo, meine Kleine! Herzlichen Glückwunsch!“

Sie drückte mir einen dicken Schmatzer aufs Gesicht und umarmte mich fest. Nach gefühlten drei Stunden ließ sie mich los und wir gingen gemeinsam ins Esszimmer. Dort wartete schon – ach, du Scheiße – Paul. Wenn man vom Teufel sprach!Wie konnte sie mir das nur antun?

Ich biss die Zähne zusammen und zwang mich zu einem Lächeln. Wie konnte meine Mutter nur auf die bescheuerte Idee kommen, meinen Ex zum Geburtstag einzuladen? Rote Rosen, ein Geschenk, eine Umarmung und schon fühlte ich mich wieder eingelullt. Dabei war ich doch gerade so über ihn weg, nachdem das miese Arschloch mich mit was weiß ich wie vielen Weibern betrogen hatte. Nach zwei Jahren war ich ihm auf die Schliche gekommen, was für ein Schock, was für eine Demütigung. Mein Selbstvertrauen war weit unter den Nullpunkt gesackt. Wie meine Laune in diesem Moment.

Zum Glück war ich nie auf die Bitte Pauls eingegangen, bei ihm einzuziehen. Das hätte mein Leiden garantiert verschlimmert. Dass meine Mutter ihn eingeladen hatte, zeugte von ihrer Ignoranz und einem hartnäckigen Wunschdenken. Für sie war und blieb Paul der perfekte Schwiegersohn. Groß, durchtrainiert, reiche Eltern, BWL-Studium, gutaussehend, Zahnpastalächeln, volles, dunkelblondes Haar. Der Traum jeder Schwiegermutter und zu vieler Frauen, die auf ihn hereinfielen.

Paul hatte jedem weiblichen Wesen, das sich blenden ließ, seine Loverqualitäten willig demonstriert.

Bis ich ihm auf die Schliche gekommen war.

Am liebsten hätte ich ihm die Eier abgeschnitten. Aber gut, da wir leider in einer Zivilisation lebten, musste ich es ihm anders heimzahlen. Ich hatte radikal den Kontakt abgebrochen – oder es versucht. Offensichtlich hatte meine Taktik bei ihm den Jagdtrieb geweckt, denn seitdem lief er mir hinterher wie ein Hündchen. Er nahm die Einladung meiner Mutter als Gelegenheit wahr, mir seine ewigtreue Liebe vorzuführen. Und jetzt wurde ich ihn verdammt noch mal nicht mehr los. Ich hatte meine Wunden lange genug geleckt. Endlich hatte ich meinen Liebeskummer vergessen, er bedeutete mir nichts mehr – weniger als nichts. Und jetzt stand er wieder vor mir und ging mir sowas von auf die Nerven!

Was man haben kann, will man nicht, und was man hat, ist nicht gut genug. Hmpf!

„So, dann setzt euch, ihr Lieben! Paul, du sitzt hier neben Anna.“

Mit einem breiten Lächeln präsentierte sie ihre Schokoladenspezialgeburtstagstorte.

„Anna, Liebes, jetzt musst du erst die fünfundzwanzig Kerzen auspusten. Und wünsch dir was!“

O Mann. Ich konnte es kaum ertragen. Wo war Marty McFly mit seiner Zeitmaschine, oder wie hieß Michael J. Fox noch mal in „Zurück in die Zukunft“? Ich hätte nichts lieber getan, als mich aus dem Kaffeekränzchen wegzubeamen.

Um des lieben Friedens willen beließ ich es bei einem Augenrollen und spielte mit. Mit Mama zu kämpfen schaffte ich in meiner akuten Verfassung definitiv nicht.

„Ach, wie schön, Anna, ich hoffe, du wünschst dir das Richtige.“ Pauls blendend weiße, gerade Zähne strahlten mich an.

„Ja, ganz bestimmt, du Arsch. Ich wünsch mir, dass du dich in Luft auflöst!“, dachte ich, sagte aber stattdessen:

„Wir werden sehen, Paul.“ Ich lächelte ihn mechanisch an. Vielleicht war ich nicht erfolgreich, vielleicht war ich nicht besonders hübsch. Für meine 1,70 war ich viel zu dünn, meine langen, braunen Haare hätten mal wieder einen Schnitt vertragen können und meine Haut war nach der durchtanzten Nacht grau, der Spiegel im Flur meiner Mutter hatte jedes Detail widerwärtig genau gezeigt.

Aber ich hatte auch meinen Stolz.

Den Punkt der Verzweiflung hatte ich lange hinter mir gelassen. Nur meine blöde Mutter wollte es einfach nicht verstehen.

Damn. Wenn Daddy doch nur hätte hier sein können. Er wäre auf meiner Seite gewesen. Wahrscheinlich hätte er Paul damals die Zähne ausgeschlagen.

Ich fühlte, wie ein Grinsen auf meinem Gesicht erschien. Das hätte mir gefallen. Daddy beschützt seine kleine Prinzessin. Wie früher.

Mein Vater kam leider selten zu Besuch. Sein Job als Sachbearbeiter brachte ihm nicht genug ein, um mehrmals im Jahr nach Deutschland fliegen zu können. Aber wir sahen uns trotzdem, so oft es ging. Die Ferien verbrachte ich während meiner Schulzeit meistens bei ihm. Ich hatte viele schöne Erinnerungen an verregnete Sommertage in Nordengland. Er fehlte mir. Mit ihm musste ich nicht viel reden, er verstand meine Sorgen und meine Gedanken auch ohne große Worte. Es hatte lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass ich keine echte Familie mit Mama und Daddy mehr hatte. Mittlerweile kam ich gut damit klar, nur in Momenten wie diesen vermisste ich ihn. Auch als Erwachsene brauchte man gelegentlich eine Schulter zum Anlehnen.

Mamas Torte war wie immer ein echter Knaller, aber nach dem ersten großen Stück musste ich kapitulieren. Zu mächtig für meinen gereizten Magen. Paul machte meiner Mutter ein Kompliment nach dem anderen, er hatte es einfach drauf, weibliche Wesen, egal welchen Alters, für sich zu gewinnen. Sie hing ihm förmlich an den Lippen und zwinkerte mir mehrmals verschwörerisch zu. Als ob sie nicht gewusst hätte, dass ich mich von ihm getrennt hatte, weil er mich nach Strich und Faden betrogen hatte. Plötzlich wünschte ich mir einen großen Schnaps, und das trotz meiner guten Vorsätze. Aber auch dieses Flehen wurde nicht erhört. Mama machte sich daran, den Tisch abzuräumen und Herbert machte währenddessen ein Schläfchen auf dem betagten Sofa. Genug für Paul, um näher zu rücken und mich vollzuquatschen. Reden, das konnte er wirklich verdammt gut. Und ich erinnerte mich ziemlich schnell daran, warum ich damals auf ihn reingefallen war.

Gegen sieben verabschiedete ich mich von meiner Familie, bevor ich meine guten Vorsätze schon nach wenigen Stunden vergaß. Mit Unbehagen dachte ich daran, dass ich mich zudem noch auf mein Vorstellungsgespräch am nächsten Tag vorbereiten musste. Dieses Mal wollte ich es richtig machen. Mein neues Leben mit 25!

Leider nutzte Paul die Gelegenheit, um mit mir allein zu sein. Ich war irgendwie nicht überrascht, er war sicher aus einem ganz bestimmten Grund zu meinem Geburtstagskaffee bei Mama aufgetaucht. Das hatte er mir in den letzten Stunden auch schon deutlich zu verstehen gegeben. Er hatte aber auch eine verdammt breite Brust und dieses verführerisch strahlende Lächeln.

Mist.

Bleib stark!, schrie Mr. Doubleyou mich an.

„Anna, warte doch mal. Ich muss mit dir reden.“ Seine braunen Augen nagelten mich fest und meine blöden Beine verweigerten mir ihren Dienst und bewegten sich keinen Millimeter von Paul weg.

„Haben wir nicht schon hundertmal miteinander geredet? Ich glaube, es gibt nichts mehr zu sagen.“, protestierte ich leise.

„Ich liebe dich, Anna. Wie oft soll ich es wiederholen? Es tut mir leid.“

Mit seinem treuen Hundeblick und den sanften braunen Augen blinzelte er mich an, dann umarmte er mich und meine Beherrschung schmolz dahin. Ob es an der Müdigkeit oder der emotionalen Belastung des Vierteljahrhunderts lag, konnte ich nicht sagen … Aber ehe ich mich versah, stand ich knutschend mit ihm im Park. Und, meine Güte –, küssen konnte er ... Mein Körper konnte sich viel zu gut an vergangene Zeiten erinnern. Was unser Liebesleben betraf, hatten wir immer gut harmoniert. Ich wurde schwach, schmiegte mich in seine starken Arme und ließ mich von ihm küssen. Es war schön, begehrt zu werden.

Mein Herz raste und mein Atem ging nur noch flach. Mein Gehirn hatte bereits vor einigen Minuten den Dienst beendet und meine Hormone hatten das Kommando übernommen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort standen, aber wir landeten am Ende in seiner Wohnung und ich fand mich nackt und ziemlich befriedigt in seinem Bett wieder. Paul schnarchte leise.

Wir hatten wieder miteinander geschlafen.

Herrgott noch mal, Anna! Wo war meine Beherrschung, mein Selbstwertgefühl geblieben? Jetzt war ich wieder nur eine von vielen. Ich war doch schon über diesen Punkt hinaus. Warum tat ich mir das immer wieder an?

So leise wie möglich zog ich mich an. Was wäre, wenn …? Wenn er mich nicht betrogen hätte, wären wir dann vielleicht immer noch ein Paar? Mit einer rosigen Zukunft? Happily ever after? Wer wusste das schon. Was ich jetzt wusste, war nur, dass ich so schnell wie möglich hier weg musste. Sonst fing alles von vorne an.

„Anna, Süße. Geh nicht! Komm wieder ins Bett!“ Er winkte mich schlaftrunken zu sich.

„Ach, Paul. Es tut mir leid. Es war ein Fehler. Zwischen uns ist alles gesagt.“

Mit dieser abgedroschenen Floskel rannte ich aus dem Apartment. Pauls Wohnung lag ungefähr fünfhundert Meter vom Park und einen guten Kilometer von der Wohnung meiner Mutter entfernt. Hoffentlich lief er mir nicht wieder hinterher, um mir auf dem ganzen Weg zu meinem Auto eine Szene zu machen. Wie beim letzten Mal.

Beim letzten Mal?

Da war ja was.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund fiel ich immer wieder auf die Betörungen des Paul Hinze rein. Schrecklich. Mr. Doubleyou fand das gar nicht gut. Laut und absolut nicht erfreut meldete er sich zu Wort:

Was soll das, Anna? Wirst du niemals erwachsen? Heute sollte das neue Leben anfangen? Und als erstes hüpfst du mit deinem Ex in die Kiste?

Jaja, schon gut. Ich hatte es begriffen. Der Geist war willig, das Fleisch war schwach.

Ich war etwas aus der Puste, als ich meinen Wagen erreichte. Vielleicht war Sport mal wieder angebracht, im Stillen fügte ich es auf der Liste für mein neues Leben hinzu. Für heute hatte ich aber genug von allem. Gemächlich schlich ich mit meiner roten Klapperkiste durch Hamburg. Wenn ich noch geraucht hätte, hätte ich mir jetzt eine Kippe angesteckt. Aber das hatte ich ein Jahr zuvor aufgegeben. Schlecht für den Teint und für den Geldbeutel.

Mist.

In diesem Moment bereute ich den Entschluss. Das Telefon klingelte und mein Vater gratulierte mir zum Geburtstag. Das lenkte mich von meinem erneuten Fehltritt mit Paul ab und ich genoss es, eine Weile mit ihm zu plaudern.

Es war bereits dunkel, als ich meinen Wagen in einer winzigen Parklücke abstellte und mich auf den Weg in unsere Wohnung machte. Hoffentlich war Isi schon im Bett. Auf ihr Verhör hatte ich gar keine Lust. Sie merkte immer sofort, wenn was im Busch war.

Ich hatte Glück. Keine Spur von Isabelle, und ihre Zimmertür war geschlossen. Seufzend verschwand ich in unserem Bad mit den bahamabeigen Fliesen und dem türkisen Duschvorhang. Stylisch war es nicht, aber gemütlich. Überall standen kleinen Fläschchen mit Parfüms, Shampoo, Bodylotion oder sonstigen Kosmetikartikeln. Ein echtes Mädchenbad. Nachdem ich mich bettfertig gemacht hatte, recherchierte ich noch ein wenig über die Stein Energy Holding AG und machte mir einen kleinen Notizzettel über potenzielle Antworten für das morgige Vorstellungsgespräch. Das war eigentlich nicht meine Art, aber ich wollte mein Leben verändern – und das ging sicherlich nicht ohne etwas mehr Eigeninitiative.

3

Tief durchatmen.

Ich stand vor dem Gebäude der Stein Energy Holding AG und das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war zehn Minuten zu früh, aber es schadete sicherlich nicht, frühzeitig dort zu sein, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und zu zeigen, wie zuverlässig ich war.

Die Dame an der Information wies mir den Weg in den zehnten Stock, dort läge das Büro des Chefs und ich solle mich im Vorzimmer seines Büros melden.

Wahnsinn. Das war das coolste Gebäude, das ich jemals betreten hatte. Der helle, marmorierte Eingangsbereich war offen und großzügig eingerichtet. Es gab zwei Drehtüren, die in das Foyer führten. Von dort aus gelangte man zu den Aufzügen. Vor meinem geistigen Auge spielte sich ein netter Film ab, in dem ich eine glorreiche Hauptrolle spielte. In unglaublich tollen Designerklamotten und Schuhen mit mörderischen Absätzen schwebte ich vorbei und trug die geheimen Akten zur Rettung der Welt in die nächste Konferenz …

Das Bing des Lifts riss mich in die Gegenwart zurück. Oben angekommen lief ich den Flur entlang bis zum Vorzimmer des Chefs, der eine neue Assistentin suchte. Die ich werden wollte! Was das wohl für ein Typ war? Ein Gespräch zur Vorauswahl mit dem Personalchef hatte ich eine Woche zuvor, offensichtlich erfolgreich, gemeistert. Ich war mir nicht sicher, ob der schleimige Typ mehr von meinem Outfit oder meinen Antworten begeistert gewesen war. Ekelhafter Kerl, fettige Haare, Übergewicht und eine übertrieben protzige Rolex am Handgelenk. Aber wenn sogar der Personalchef sich eine Rolex leisten konnte, musste das hier genau die richtige Firma für Anna Barker sein.

Ich stellte mich bei der scheidenden Vorzimmerdame vor, einer schlanken Blondine in den Vierzigern, die mir anschließend den Weg ins Chefbüro wies. Ihr Stuhl sollte also – hoffentlich – mein Stuhl werden.

Sie öffnete mir die Tür und ich trat ein – heilige Mutter Maria! Ich schaffte es gerade noch, einen Pfiff durch die Zähne zu unterdrücken. Die Einrichtung war mehr wert als ich je in einem Jahr verdient hatte.

Alles durchgestylt mit schwarzen USM-Haller-Büromöbeln. An den Wänden hingen diverse Kunstwerke und neben dem schwarzen Ledersofa standen rechts und links merkwürdige Skulpturen. Die hatten wahrscheinlich ein Vermögen gekostet, aber schön waren sie nicht. Obwohl ich nicht in der Welt der Reichen aufgewachsen war, hatte ich durch die Zeit mit Paul viel über „wichtige“ Statussymbole gelernt. Es war mir zwar nicht ganz klar, warum man für einen simplen Tisch unter Umständen mehrere Tausend Euro bezahlen sollte, nur weil er von einer bekannten Firma hergestellt wurde, aber mit einer Prada-Handtasche war das wohl ähnlich. Das Prinzip hatte ich verstanden, auch wenn ich mir wahrscheinlich niemals eine leisten würde können. Nicht mit meinem derzeitigen Einkommen jedenfalls.

Herr Stein stellte sich als schlanker, älterer Herr mit grauen, etwas verwuschelten Haaren heraus. Kaum hatte er mich freundlich begrüßt und mir den Stuhl gegenüber von seinem blankpolierten Schreibtisch angeboten, öffnete sich die Bürotür und eine zierliche ältere Dame in einem Chanel-Kostüm kam nach einem knappen Nicken in Richtung Schreibtisch direkt auf mich zu.

„Guten Tag, liebe Frau, äh…“

„Barker“, half ich ihr aus.

„… Frau Barker, ach, wie schön! Ich freue mich, dass ich Sie auch gleich treffe. Ich bin Frau Stein. Kommen Sie doch hier herüber, das ist viel gemütlicher. Ich war zufällig in der Gegend und dachte, ich nehme beim Gespräch teil.“

Sie duldete offensichtlich keinen Widerspruch, und Herr Stein stand mit einem Lächeln auf, ging zum Sofa und platzierte sich zur Rechten seiner Frau. Zum Glück hatte ich nichts besonders Aufreizendes angezogen, sonst hätte mich Frau Stein wahrscheinlich direkt wieder aussortiert. Jetzt richtete Herr Stein das Wort an mich:

„Herr Schneider war nach Ihrem Gespräch letzte Woche ganz begeistert von ihnen, Frau Barker.“ Er lächelte mich freundlich an.

Hoffentlich hatte der Macho-Arsch-Personaler nicht vor, mich anzugraben, falls ich eingestellt wurde.

„Wie Sie wissen, suche ich eine persönliche Assistentin. Das Aufgabengebiet wurde Ihnen bereits dargestellt. Wichtig wäre mir zu klären, ob Sie Probleme damit hätten, viel zu reisen. Wären Sie bereit, durchschnittlich eine Woche im Monat, gelegentlich mehr, auf Abruf auch kurzfristig zu verreisen und sich um alle diesbezüglichen Arrangements zu kümmern? Außerdem erwarte ich von meiner persönlichen Assistentin die permanente Kontrolle meiner eingehenden E-Mails. Sehen Sie, ich bin ein alter Mann, ich habe erst sehr spät gelernt, mit Computern und diesen ganzen elektronischen Dingen umzugehen, und um ganz offen zu sein: Ich meide es, wo immer ich kann. Dennoch muss ich mich der heutigen Zeit anpassen und erreichbar sein, um auf dem Laufenden zu bleiben.“

Ich holte gerade Luft, um meine uneingeschränkte Bereitschaft für diese Aufgaben zu versichern und dass das quasi meine Lieblingsbeschäftigung sei, aber er hob die Hand und fuhr fort:

„Außerdem ist es sehr wichtig für mich, dass ich auf meinen Reisen im Ausland und bei meiner Korrespondenz in Englisch einen guten Eindruck hinterlasse. Aber damit dürften Sie als halbe Britin ja wohl kein Problem haben, oder?“

Das klang ganz schön anstrengend. Natürlich würde ich alles, was er forderte, sofort zusagen. Die Zweifel würden mich nie weiterbringen, also schob ich die Fragen, ob ich das alles schaffen würde, beiseite und ignorierte das flaue Gefühl im Magen, das sich unweigerlich beim Stichwort „Reisen“ einstellte.