Liebe trotz allem - Annabelle Benn - E-Book

Liebe trotz allem E-Book

Annabelle Benn

3,0

Beschreibung

Eine Leben zwischen Liebe und Leidenschaft Seit ihrer Jugend sind Fiona und Aidan das Traumpaar, dem nichts fehlt - außer einem Kind. Kurz vor einem Segeltörn an der schottischen Westküste erhält Aidan die niederschmetternde Diagnose, dass er zeugungsunfähig ist. Er behält das schreckliche Wissen für sich, um Fiona den Urlaub nicht zu verderben. Während sie beim Segeln auf dem offenen Meer aufblüht, zieht er sich immer weiter zurück und verfolgt wie gelähmt dem immer heißer werdenden Flirt zwischen seiner Frau und dem attraktiven Skipper Struan. Unaufhaltsam entfernen sie sich voneinander. Für eine leidenschaftliche Affäre mit dem draufgängerischen Weltenbummler riskiert Fiona die vertraute Ehe mit Aidan. Als sie jedoch schwanger wird, ist unklar, wer der Vater ist, und Fiona beginnt auf einen bestimmten Mann zu hoffen. Doch ist der bereit, mit ihr eine Familie zu gründen? Was ist Liebe, was ist Leidenschaft? Lesen Sie selbst!

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Annabelle Benn, Anja Richter

Liebe trotz allem

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Liebe trotz allem 2000

 

Liebe trotz allem

 

Anja C. Richter

Annabelle Benn

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright: Anja Richter, 2016, Deutschland

Cover: SJR, www.sjr.cc

Bild und Bildrechte bezogen über www.pixabay.com

Jegliche Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist nur nach schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

 

Impressum:

Anja C. Richter, Gordian-Guckh-Str. 14, 83410 Laufen

[email protected]

 

Annabelle Benn ist ein Pseudonym der Autorin, unter dem sie heitere Liebesromane veröffentlicht.

 

Inhalt

Teil 1

Das Ende

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil 2 Auf offener See

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Teil 3 Anfang

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor allem haltet fest an der Liebe,

denn die Liebe deckt viele Sünden zu.[Fußnote 1]

 

•Teil 1 Das Ende

 

•Teil 1 Das Ende

 

•Kapitel 1

 

•Kapitel 1

 

 

1994, in der Nähe von Edinburgh

Ein roter VW Golf gerät auf dem Glatteis bei hohem Tempo ins Schlittern. Der Fahrer des entgegenkommenden blauen Vauxhall hupt und versucht vergeblich, auszuweichen. Doch es gibt kein Entkommen.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

 

***

 

„Nein, wirklich, es ist alles in Ordnung. Ich komme schon klar.“

Aidan sieht seiner Mutter dabei zu, wie sie nervös das Telefonkabel um ihren Finger wickelt und loslässt. Immer wieder, pausenlos. Das ganze Telefongespräch lang. Sie blickt auf. Schnell duckt er sich aus ihrem Sichtfeld. Es ist besser, nicht gesehen zu werden. „Vorher, ja … und natürlich die Beerdigung. Ja, die war schwer. Echt schwer.“ Sie schnieft. „Aber bitte, kommt nicht. Ich brauche keine Hilfe, wir kommen alleine klar …“ Ihre Stimme klingt mit jedem Wort angestrengter und verzweifelter.

Vorsichtig schielt Aidan um den Türrahmen herum. Gerade schüttelt seine Mutter eine leere Müsli-Schachtel über einer Schüssel. Da außer ein paar Flocken, die schon mehr Staub denn Nahrung sind, nichts mehr kommt, schleudert sie den Karton entnervt unter den Tisch, an den sie sich anschließend setzt. Sie stützt den Kopf mit dem strähnigen Haar in eine Hand und steckt sich mit der anderen eine Zigarette an. Früher hat sie nicht so viel geraucht. Fast gar nicht.

Der Junge schaut auf ihre zitternden Finger, ein Zeugnis ihres Verfalls.

Nach dem Unfall blätterte ihr dunkelrot glänzender Nagellack zunächst immer weiter ab, bis nur noch ein paar matte Punkte übrig waren, die sich zu keinem Ganzen mehr verbanden. Mit ihren rilligen, trockenen Nägeln erinnert sie ihn an die alte, streng riechende Köchin des Pfarrers. Ächzend steht sie wieder auf und durchsucht einen Küchenkasten nach dem anderen. Schließlich findet sie eine durchsichtige Glasflasche mit dem Rest einer klaren Flüssigkeit, den sie in eine Tasse schüttet, die außen von braunen Kaffeeflecken übersät ist. Sie steht einfach direkt vor ihr. Die Mutter legt den Kopf in den Nacken, kneift die Augen zusammen, lässt den Inhalt in einem Zug in sich fließen und schüttelt sich anschließend.

Obwohl ihm dieser Anblick vertraut geworden ist, erschrickt er und verzieht das Gesicht.

„Nein, danke für das Angebot. Das ist lieb, aber wir schaffen es auch so. Wir kommen schon irgendwie an Geld.“ Sie versucht, höflich zu klingen, aber ihre Bemühungen werden mürbe. Nun schüttelt sie die leere Flasche wie zuvor den Müsli-Karton. Vergeblich. Etwas in ihr weigert sich, zu glauben, dass sie tatsächlich leer ist. Aus, vorbei, weg. Nichts mehr da. Anders als die Schachtel stellt sie die Flasche zu den anderen unter die Spüle. „Ich kümmere mich darum. Versprochen. Ja, doch! Dieses Mal bestimmt.“ Sie sieht aus wie ein Haufen nach langer Zeit im Wasser trüb und stumpf gewordener Glasscherben.

Sie legt auf und lehnt sich gegen eine Schranktür. Stumme Tränen laufen über ihre blassen Wangen. Sie greift nach der Tasse, führt sie an die Lippen, erinnert sich, dass sie leer ist, stellt sie mit leblosen Augen wieder auf die vollgestellte Ablage und geht mit schleppenden Bewegungen ins Wohnzimmer. Aidan versucht, ungesehen zu verschwinden, doch diesmal ist er nicht schnell genug.

„Was zum Teufel ist das?“, kreischt sie schon entsetzlich laut und fürchterlich schrill. Aidan duckt sich und versteckt seinen Kopf in den Armen. „Du kleines …!“ Sie holt aus, doch er entkommt. Dabei fällt er über den Haufen, den er in den letzten Stunden wie unter Zwang methodisch aufgetürmt hat. Zuunterst liegen Bilder-, darauf Fotorahmen, dann folgen Zeitschriften und Bücher, auf die er schließlich alle Spielzeugautos, die Ian gehört haben, oder immer noch gehören, gestapelt hat. Dazwischen hat er Stifte gesteckt und ganz oben auf das silberne Kruzifix, das sein Bruder zur Erstkommunion geschenkt bekommen hat. Ian braucht seine Autos nicht mehr, und seine Stifte und das Kreuz nicht, denn Ian lebt nicht mehr. Er liegt neben seinem Vater unter der kalten Erde. Sie sind tot.

„Ich halte das nicht mehr aus! Ich schaffe das einfach nicht!“, schreit die Frau, die ihm als Mutter abhandengekommen ist. „Warum tust du das?“

„Mum …“, setzt er an und sucht Liebe, Verständnis, Halt in ihr. Nichts davon findet er; nicht einmal ihren Blick. Er weiß, dass er sagen sollte, dass es ihm leid täte, aber das stimmt nicht und er kann nicht lügen. Statt einer Entschuldigung aus seinem Mund kommt ein Knurren aus seinem Magen. Seine Mutter verengt ihre müden Augen zu Schlitzen. Ein wortloser Tadel. Wie kann er nur so schwach sein.

Sie dreht sich um und tritt gegen die kaputten Spielsachen. Ihr Weg führt zu einer aus der Mode gekommenen Glasvitrine, in der die Reste von Allans einst großer Whiskey-Sammlung stehen. Sie nimmt eine Flasche aus dem immer kleiner werdenden Kreis.

„Was?“, zischt sie, als spüre sie nun seine stumme Kritik. „Lass mich in Ruhe. Ich kann dich jetzt nicht gebrauchen.“

Mit der Flasche in der Hand stürzt sie hinaus und Aidan hört, wie sie die Schlafzimmertür hinter sich absperrt. Auf Zehenspitzen schleicht er die Treppe hinauf. Er muss nicht an der Tür lauschen. Ihr Schluchzen ist im ganzen Haus zu hören. Aus Ians verwaistem Zimmer holt Aidan einen großen Hammer und beginnt, alles auf dem großen Haufen zu zertrümmern. Endlich hört er seine Mutter nicht mehr.

Er hat Hunger, doch er weiß, dass die Müsliflocken auf dem Boden das letzte Essbare waren. Wieder knurrt sein Magen. Er legt sich ins Bett. Heiße Tränen laufen über seine blassen Wangen. Durch die Wand dringt jetzt lautes Schnarchen.

Eine ohrenbetäubende Stille erfüllt das Haus.

Schmerz gegen Schmerz.

Wand an Wand.

 

***

 

Als er am nächsten Tag im Pyjama die Treppe herunterkommt, sitzt seine Mutter am Küchentisch und hält einen Umschlag in die Flamme einer Kerze.

„Hallo Schatz, wie geht’s dir?“, ruft sie mit einem breiten Lächeln und einer Stimme, die fast wie früher klingt.

„Was tust du da? Was ist das?“, fragt er stockend. Es ist schon kurz vor Mittag und noch immer hat er nichts gegessen. Vor Hunger ist er benommen. Der Gestank des verbrennenden Papiers löst Brechreiz in ihm aus.

„Rechnungen“, sagt sie heiter und zuversichtlich. „Was wir nicht wissen, kann uns nicht schaden.“ Sie lacht irre und schaukelt dabei vor und zurück.

Aidan sagt nichts, sondern drückt sich am Küchenschrank herum. So unauffällig wie möglich sucht er nach Hinweisen, die darauf schließen lassen, dass sie Einkaufen war. Er findet keine.

„Komm her, mein Engel“, schnurrt sie plötzlich und breitet ihre Arme aus, aber er bleibt, wo er ist. Er kann sehen, dass sein Zögern ihr das Herz bricht und so rutscht er widerwillig doch näher zu ihr. Er lässt zu, dass sie ihn umarmt und an sich drückt. Ihr Atem und sogar ihre Haut stinken nach Alkohol. Wieder hebt sich sein Magen. Er fühlt sich gefangen.

„Es ist nicht gut, dass du so viel trinkst“, piepst er mit dünner Stimme und sucht für einen Moment ihren Blick. Als er ihn findet, durchbricht er ihn sofort wieder. Der Kommentar war ein Fehler. Ihre heitere Stimmung löst sich auf wie die Schäfchenwolken an einem Julihimmel, die von schweren Gewitterwolken aus dem Blau verjagt werden.

„Verpiss dich doch, du kleiner Klugscheißer!“, faucht sie genauso unerwartet, wie sie vorher geschnurrt hat, und stößt ihn von sich.

Aidan taumelt gegen die Spüle und fängt sich mit einer Hand ab. Hinter seinen Augen beginnt eine Mauer, die alles von ihm abschirmt, die nichts mehr zu ihm herein- und nichts mehr aus ihm hinauslässt.

„Raus mit dir! Lass mich in Ruhe! Hau ab! Hast du eigentlich gar keine Schule mehr?“, keift sie und ein Speichelfaden bleibt an ihrem Kinn hängen.

Der Zorn, der seit Tagen in ihm glimmt, wird zu einem lodernden Feuer. Er zittert. Ohne ein Wort dreht er sich um, läuft los, schlägt die Tür zu und rennt barfuß, im Schlafanzug, die Straße hinunter. Er läuft, bis er Galle schmeckt und ein stechender Schmerz ihn zum Stehenbleiben zwingt.

 

***

 

Etwas veranlasste Sally Macmillan von dem Braten, den sie gerade zubereitete, aufzuschauen. Ihr Blick wanderte hinaus in den klaren Vorfrühlingstag. An dem schmiedeeisernen Gartenzaun lehnte ein Junge. In – sie runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können: in einem Pyjama. Ihr Herz wurde weich vor Fürsorge und Mitleid. Welche Eltern ließen ihr Kind … Moment. Sollte er nicht in der Schule sitzen? Was stimmte mit ihm denn nicht? Warum hoben sich seine Schultern in diesem abgehackten Rhythmus? Und wieso stand er so gekrümmt da? Da erkannte sie ihn. Um Himmels willen! Das war ja der Sohn von dem Mann, Alan, der bei dem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war! Sie hatten sich nicht so gut gekannt, als dass sie zur Beerdigung gegangen wäre, aber natürlich hatte sie von der Tragödie gehört. Es war einfach zu schrecklich! Wenn man sich das nur vorstellte – von einer Sekunde auf die andere mit einer halbierten Familie. Ohne Vater und Bruder, ohne Ehemann und jüngeren Sohn. Sie sammelte sich, legte das Messer beiseite, wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und ging in den Vorgarten. Immer schneller wurden ihre Schritte, bis sie vor ihm stand. Er war gerade dabei, seine rechte Fußsohle zu inspizieren und schien ihre Anwesenheit entweder nicht zu bemerken oder sich nichts daraus zu machen.

„Ach du meine Güte!“, rief sie entsetzt, als sie das Blut sah. „Hast du dir eine Scherbe eingetreten? Ist alles in Ordnung?“ Was für eine dumme Frage, schalt sie sich umgehend selbst, denn offensichtlich war bei Weitem nicht alles in Ordnung.

Die Augen, aus denen er sie daraufhin ansah, waren traurig und leer.

„Ich hole schnell ein Tuch und Verbandszeug. Oder noch besser – kannst du gehen, wenn du dich auf mich stützt? Komm mit rein!“

Sie reichte ihm ihren Arm, an den gestützt er auf einem Bein ins Haus humpelte.

„Setz dich hin“, forderte sie ihn mit sanfter, mütterlicher Stimme auf und zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. Dann lief sie los, um den Verbandskasten zu holen. Die ganze Zeit über sagte er nichts und so verfiel auch sie in Schweigen. Mit keinem Wort erwähnte sie seinen Pyjama, dass er barfuß und nicht in der Schule war. Er machte den Eindruck, als hätte er seit Tagen nicht gegessen. Als sie das Antiseptikum auftupfte, zuckte er zusammen, gab aber außer einem kurzen, gepressten Laut nichts von sich. Mit einer Pinzette zog sie vorsichtig die Glasscherbe heraus.

„Möchtest du vielleicht ein Omelett?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, während sie einen weißen Verband um seinen Fuß wickelte. „Oder Brot? Obst oder sonst irgendwas?“

Dünn und zerbrechlich war seine Stimme, als er antwortete: „Ein Omelett wäre gut. Mit Toast. Und ein Kakao? Haben Sie Kakao?“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie war glücklich, als sie ihm beides zubereitete. Er musste tatsächlich sehr lange nichts gegessen haben, denn nach der Eierspeise aß er noch mehrere Scheiben Toast, einen Joghurt, eine Orange und eine Banane. Lächelnd sah Sally ihm dabei zu und hätte ihm am liebsten über den Kopf gestreichelt.

„Soll ich vielleicht deine Mutter anrufen? Oder deine Großeltern? Nicht, dass sie sich Sorgen machen“, sagte sie, als das Schweigen unerträglich wurde.

Sein Gesicht wurde ernst. „Nein, das bringt nichts. Kann ich nicht noch ein Weilchen hier bleiben? Ich bin auch ganz brav.“

Sie wollte, dass er blieb, aber das war nicht so einfach. „Schau, ich muss wirklich deine Mutter anrufen und ihr sagen, dass dir nichts passiert ist. Sie macht sich doch bestimmt Sorgen um dich!“ Sie sah zwar, dass er den Kopf schüttelte, bestand aber trotzdem darauf: „Gib mir bitte eure Telefonnummer. Dann kannst du von mir aus noch ein bisschen bleiben, wenn es für deine Mutter okay ist, ja?“

Aidan zog die Schultern bis an die Ohren hoch und sagte mürrisch die Nummer an, doch niemand meldete sich.

„Ihr wohnt in der 64, richtig?“, fragte Sally und griff nach ihrem Mantel.

„66“, antwortete er einsilbig und ließ die Schultern hängen.

„66, richtig. Ich bin gleich wieder da; gebe ihr nur kurz Bescheid, dass du bei uns bist und dass alles in Ordnung ist, ja?“

Er zuckte mit den Schultern, bewegte sich aber ansonsten nicht.

„Du kannst hier warten oder mitkommen, wie du willst“, schlug sie vor.

„Hier warten“, kam umgehend die knappe Antwort.

Sally holte tief Luft und hoffte, dass sie alles richtig machte. „Gut, ich bin gleich wieder da“, sagte sie dann und bemühte sich um eine feste Stimme. Vorsichtshalber schloss sie hinter sich ab; denn man wusste ja nie.

Die Haustür von Nummer 66 stand halb offen, doch auf ihr Läuten reagierte niemand. „Hallo?“, rief sie und trat ein. „Angie?“ Sie erinnerte sich an den Namen. „Angie? Ich bin’s, Sally, Sally Macmillan. Wir wohnen auch in der Straße. Weiter unten.“

In dem stillen Haus stank es nach Alkohol, kaltem Rauch und Verbranntem. Sie sah die Asche, die angesengte Tischplatte, den Staub, die Brösel und eingetrocknete Teller, die leeren Flaschen und erkannte, dass der Junge nicht ohne Grund noch im Pyjama und nicht in der Schule war. Bei jedem Schritt klebten ihre Füße am Boden fest und gaben ein seufzendes Geräusch von sich.

Sie sollte beim Familienamt anrufen, aber das konnte sie dem Jungen nicht antun, denn sie würden ihn sofort mitnehmen und in eine Pflegefamilie stecken. Gott weiß, wie übel das sein kann. Auf so leisen Sohlen, wie es der seit Langem ungeputzte Boden zuließ, schlich sie nach oben. Auch dort standen die Türen weit offen. Angie lag bewusstlos auf dem Bett, eine leere Flasche in der Hand. Sally schauderte. Mit aller Kraft drehte sie die Frau in die Seitenlage, damit sie nicht erstickte, falls sie sich erbrach. Dann suchte sie einen Eimer, den sie vor ihr abstellte, ebenso wie ein Glas Wasser und das Telefon. Am liebsten hätte sie die Wohnung aufgeräumt und gesäubert, doch das war natürlich ausgeschlossen. So weit durfte man sich nicht in das Leben anderer einmischen. Nur für den kleinen Jungen musste sie etwas tun; den konnte sie nicht hierher zurücklassen.

 

Wieder bei sich zu Hause saß sie mit Aidan am Küchentisch und sah ihm gedankenverloren dabei zu, wie er seinen Vanillepudding löffelte.

„Soll ich in der Schule anrufen und Bescheid sagen, dass du heute nicht kommst?“, fragte sie zögernd.

Gleichgültig zuckte der Junge die Schultern. „Das wissen die schon. Ich war schon seit Wochen nicht mehr dort.“

Sally atmete scharf ein und war um Fassung bemüht. Dann sagte sie: „Das ist aber schade. Dir muss ja stinklangweilig sein, oder nicht?“

Mit stierem Blick auf den Tisch schüttelte er den Kopf.

„Warum willst du denn nicht mehr hingehen?“, bohrte sie mit sanfter Stimme weiter.

„Ich kann nicht. Es geht einfach nicht!“ Er wich ihrem Blick aus und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

„Okay, okay“, beruhigte sie ihn. „Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst.“ Schon wieder überschritt sie ihre Grenzen. Das alles ging sie gar nichts an! Aber was sollte, was konnte sie mit diesem gebrochenen Kind machen? Jemand musste ihm doch helfen!

„Alle wissen es“, platzte es da aus dem zitternden Mund des Jungen heraus. „Dad ist – Dad war“, verbesserte er sich mit einem Schluchzen, „der Sportlehrer.“ Das war Sally bekannt, aber sie hatte sich in Aidans Alter getäuscht. Er sah wesentlich jünger aus, doch offenkundig ging er schon auf die Highschool, an der sein verstorbener Vater unterrichtet hatte.

„Du meinst, von dem Unfall?“, fragte sie einfühlsam und versuchte, so zu tun, als gehöre sie nicht zu den „allen“, was nicht stimmte und somit unsinnig war.

„Dass er daran schuld war“, murmelte er und schluchzte laut auf. Noch immer mied er ihren Blick und seine Stimme grollte wie der Donner eines herannahenden Gewitters. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Ihr eigenes Kind hätte sie natürlich in die Arme genommen, aber ihn?

„Seine Schuld …?“, fragte sie entgeistert und neigte den Kopf zur Seite. Jeder wusste doch, dass der andere Fahrer Schuld hatte … Sofern man bei dem blitzschnell aufgezogenen Glatteis überhaupt von Schuld sprechen konnte!

„Ja, seine Schuld. Mein Vater hat meinen Bruder umgebracht!“, fauchte er und warf ihr einen kurzen Blick zu, in dem Zorn und Wut kochten.

„Wie kommst du denn darauf?“ Sie rang nach Atem.

„Er hätte verdammt noch mal einfach schauen sollen, wo er hinfährt!“ Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch und mit einem Mal war seine Kraft verpufft. Jetzt klang er elend.

„Ach Schatz. Er konnte doch nichts tun! Der Golf ist auf dem Glatteis ins Rutschen gekommen und der Fahrer hat die Kontrolle verloren! Er ist direkt mit ihm zusammengestoßen. Es war ein ganz schrecklicher Unfall!“, rief sie verzweifelt und wollte den Jungen so gerne in die Arme nehmen, um ihm ein bisschen Halt zu geben. Oder sich selbst; da war sie sich nicht sicher. Sie hatte den Eindruck, als habe er diesen Gedanken zum ersten Mal laut ausgesprochen. Er brauchte dringend professionelle Hilfe, nicht ihre, so viel war ihr klar.

„Und warum hat der andere Fahrer dann überlebt?“, setzte er grimmig nach und biss die Lippen zwischen den Zähnen aufeinander.

„Sie sitzt jetzt im Rollstuhl“, wandte Sally kläglich ein.

„Sie hätte sterben sollen!“, schrie er, schlug mit der rechten Hand auf den Tisch und stützte die Stirn in die linke.

 

Es war keine große Sache, dass Aidan über Nacht blieb, versuchte Sally sich einzureden. Nicht für ihre Familie, die an Besuche gewöhnt war, und nicht für Angie. Bereits vor Monaten war die älteste Tochter der Macmillans, Eilean, ausgezogen; seitdem stand ihr Zimmer leer. Sally versuchte, sich weiszumachen, dass dem Jungen der Abstand zu seinem zerrütteten Zuhause guttäte und dass Angie gewiss auch mal Zeit und Raum für sich brauchte.

Als sie später am Nachmittag ihre eigenen Kinder von der Schule abgeholt hatte, hielt sie vor der Nummer 66 und hinterließ Sally eine Nachricht, dass Aidan bei ihnen sei. Sie holte seine Schuluniform aus seinem Zimmer, in der er am nächsten Morgen wie durch ein Wunder zum Frühstück erschien.

„Es ist immer ein Bett für dich frei, wenn du eins brauchst!“, versicherte sie ihm, als er sich auf den Schulweg machte und höflich verabschiedete.

Unsicher sah er sie an. „Alles wird gut“, flüsterte sie leise. Sie wollte ihm auf den Kopf, in sein dichtes braunes Haar, küssen und darüber streicheln, tat es aber nicht. Er hatte schon eine Mutter.

„Vielen Dank, Mrs Macmillan“, sagte er verlegen.

Sie sah ihm nach, bis er hinter dem Hauseck verschwunden war, an dem er am Abend wieder auftauchte.

 

•Kapitel 2

•Kapitel 2

 

2014, Oban, schottische Westküste

Nach einer rund zweieinhalbstündigen Autofahrt erreichten sie die schottische Westküste. Die malerisch zwischen grünen Hügeln in einer Bucht gelegene Kleinstadt Oban sah im Licht der tief stehenden Sonne bezaubernd aus. Im Hintergrund erhob sich majestätisch das Wahrzeichen der Stadt, der McCaig's Tower, der auf den ersten Blick an das Kolosseum in Rom erinnerte.

»Wir sind da, Schatz«, seufzte Aidan glücklich und legte seine Hand auf die seiner Frau. »Ist es nicht wunderschön?«

»Traumhaft!«, rief sie glücklich, öffnete das Autofenster und atmete die salzige Meeresluft mit geschlossenen Augen ein. »Und wie gut das riecht!«

»Oh ja. Wir werden die kommenden sieben Tage nur so gute Luft einatmen. Oh Mann, das wird einfach toll!«, freute er sich und strahlte sie an. »Hoffentlich hält das Wetter!«

»Ach, bestimmt! Und selbst einen Tag voller Regen und Sturm stelle ich mir sehr romantisch vor.«

»Meine kleine Wilde«, antwortete er liebevoll. »Aber du hast recht. Es wird auf alle Fälle großartig.« Mit einem Lächeln folgte er der roten Linie auf dem Navi und fuhr um den Calmac Fährterminal. Er bemühte sich so gut er konnte, unbeschwert zu wirken, um Fiona den lang ersehnten Urlaub nicht zu verderben. Er verwünschte die Post, die den unheilvollen Brief gestern, statt am Montag zugestellt hatte. Ohne Untersuchungsergebnis hätte er die Tage sorglos verleben können, doch mit dem Wissen, dass er die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch war, schien ihm das unmöglich. Zu schwer lastete die Schuld auf ihm. Seiner Frau hatte er noch nichts davon erzählt, denn seit Wochen und Monaten hatte sie sich auf den Segeltörn gefreut und Erholung dringend nötig. Außerdem zog sich sein Magen zusammen, wenn er an das Gespräch und die Folgen dachte. Denn so oft er das Szenario in seinem Kopf durchspielte, so wenig gelang es ihm, sich ein harmonisches Ende auszumalen.

"Glaubst du, die anderen sind schon da?", fragte sie gerade aufgeregt und reckte neugierig den Kopf aus dem Autofenster. "Lucas und Daphne brauchen ja bestimmt den ganzen Tag von London!«

»Mmmm«, brummte Aidan, der gerade einen freien Parkplatz erspähte, auf die Bremse trat, vor und zurück rangierte und schließlich den Motor abstellte.

"Na, wir werden es ja bald sehen. Wann müssen wir wo sein? Warte, ich schau mal nach", murmelte sie und zog ihr Handy aus der Tasche. "Ja, genau. Stimmt schon. Check-in ist an der Rezeption, danach treffen wir uns an der Bar." Sie nickte und lächelte verkrampft, während Aidan vergeblich versuchte, sie mit einem scharfen Nein davon abzuhalten, ihre E-Mails abzurufen.

"Hinterher ärgerst du dich nur darüber", wandte er kopfschüttelnd ein. Wie sehr er sich auf die internetfreien Tage auf See freute! Besorgt betrachtete er seine Frau, die mit ihren 34 Jahren noch immer sehr jung aussah. Erst seit einigen Monaten bildeten sich feine Falten um ihre Augen und auf der Stirn. Oft sah ihre Haut welk aus, besonders dann, wenn sie zu viel arbeitete und zu wenig schlief. Heute aber strahlte Lebensfreude aus jeder einzelnen Pore. Tief berührt strich Aidan mit dem Handrücken über ihre Wange und sah sie liebevoll an. Wie schön sie ist, dachte er glücklich und ließ seine Finger über ihr schulterlanges braunes Haar gleiten, das in der Abendsonne glänzte.

Er wusste, dass ihre schlanke Figur in der Familie lag, denn aufgrund der vielen Arbeit kam sie nicht mehr häufig zum Sport. Dabei hatte sie immer gerne Handball gespielt, war regelmäßig gejoggt oder zum Schwimmen gegangen. Sogar den Tango vernachlässigte sie. Ein oder zwei Mal war er alleine zu einer Milonga gegangen, aber ohne Fiona machte es ihm keinen Spaß. Er fühlte sich unwohl dabei, mit einer anderen Frau so leidenschaftlich zu tanzen. Denn auch nach mehr als sechzehn gemeinsamen Jahren gehörten seine Leidenschaft und sein Begehren nur ihr. Ob die anderen noch tanzten? Liz bestimmt. Er lächelte bei der Erinnerung daran, wie sich die Freunde im ersten Trimester an der Uni im Tangokurs kennenlernten. Wie jung und sorglos sie waren! Sie glaubten, die Welt stünde ihnen offen. Und Fiona – schon damals träumte sie von Kindern und einer großen Familie …

Nun seufzte sie genervt. »Wenn ich die Mails nicht anschaue, muss ich die ganze Zeit daran denken und diese Fieslinge tun mir hinter meinem Rücken bestimmt weiß Gott was an!«, schimpfte sie und starrte auf den Bildschirm, der ihr Gesicht in jener kalten Farbe erhellte, die Aidan zu hassen und fürchten begonnen hatte. Ihre Hände umklammerten das kleine schwarze Gerät, als hinge ihr Leben davon ab und Aidans schwacher Protest »Hey! Keine Handys war abgemacht!« verhallte ungehört. Oder zumindest unerhört. Hilflos musste er mit ansehen, wie Fionas noch vor wenigen Momenten von Freude erfüllter Gesichtsausdruck finster wurde und sich vor Ärger verzerrte. "Diese kompletten Arschlöcher! Die sind ja total wahnsinnig geworden!", fluchte sie, drückte die Autotür auf und stapfte hinaus. Sie war so in ihre Wut vertieft, dass sie nicht einmal die vielen Schiffe mit den hohen Masten bemerkte, die ruhig in der Bucht hin- und herwippten. Auch hatte sie kein Auge für die untergehende Sonne, die den Himmel und das Meer in ein rotes geheimnisvolles Licht tauchte. Seit sie denken konnte, träumte sie vom Segeln und nun verdarb sie sich selbst die ersten Eindrücke, indem sie die Schönheit, die sie umgab, gar nicht wahrnahm.

"Ist alles in Ordnung?", fragte Aidan widerwillig, denn nur zu gut wusste er, dass dem nicht so war, aber er wäre sich schäbig vorgekommen, nicht zu fragen.

"Tut mir leid, aber ich muss mich da jetzt echt drum kümmern", stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Aidan seufzte. Ihre Finger flogen über den Touchscreen. "Sie wollen, dass ich … Ich kann einfach nicht glauben, dass sie jetzt damit kommen! Jetzt, wo diese Idioten haargenau wissen, dass ich im Urlaub bin!", fauchte sie.

Aidan seufzte, schulterte beide Reisetaschen und machte sich auf den Weg in die Marina, wohin ihm die wütend tippende Fiona folgte. Als sie eintraten, sahen sie bereits einen Mann in legerer, aber teurer Kleidung an der Rezeption stehen. Auch er mit seinem Smartphone beschäftigt. Sein dunkelblondes Haar war leicht gewellt und wurde von genügend Haarwachs stilvoll zurückgehalten, damit es ihm nicht in die Stirn fiel.

"Ben!", rief Aidan erfreut. Mit einem nun wieder strahlenden Gesicht eilte er auf seinen Studienfreund zu, um ihn freundschaftlich zu umarmen. Ben sah auf und lächelte, während er verstohlen das Smartphone einsteckte. "Sorry, keine Handys, ich weiß!", entschuldigte er sich und hob die Schultern. "Mensch, Aidan! Schön, dass du hier bist. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!"

"Ja, viel zu lange ist es schon wieder her. Zuletzt auf deiner Hochzeit, nicht wahr?"

"Ja, echt wahr … so lange …«, antwortete er ausweichend und war sichtlich erleichtert, dass in diesem Augenblick eine junge Empfangsdame erschien, der er seine Aufmerksamkeit schenken musste. "Die zwei sind auch mit von der Partie", erklärte er, wobei Aidan der flirtende Blick zwischen den beiden nicht entging. Immer noch der Alte, dachte er schmunzelnd.

Nach dem Einchecken wurden sie in die kleine, abgelebte Bar geführt, wo sie an einem großen Tisch Platz nahmen. Aidan setzte sich zwischen Ben und Fiona auf die Bank und freute sich auf die bevorstehende Reise und Ablenkung von seinen Sorgen. Doch den beiden Freunden schien das Hier und Jetzt weniger wichtig als das Woanders, denn sie zückten erneut ihre Handys, starrten angespannt auf die Bildschirme und tippten wie besessen. Mehr als hundert, wenn nicht tausend Mal hatte er Fiona bereits gesagt, dass sie den Job, der ihr so viele schlaflose Nächte und Sorgenfalten bereitete, kündigen sollte. Permanent wurde sie zu Unzeiten belästigt. Alles drehte sich nur noch um ihre Arbeit, oder besser, das Mobbing.

Bei seiner Stelle bei Historical Scotland hingegen herrschte ein sehr angenehmes Betriebsklima. Das einzige, was wie ein Damoklesschwert über allen hing, waren drohende Stellenkürzungen, an die er nun ebenso wenig denken wollte wie an den Brief in seiner Nachttischschublade.

"Echt jetzt, Leute! Kommt mal zum Ende", rief er bemüht heiter, doch seine angespannten Nerven waren deutlich zu hören. Zumindest zeigten seine Worte Wirkung, denn die beiden schauten ihn zerknirscht an.

"Okay, fertig. Schluss!", meinte Fiona entschuldigend und legte das Gerät beiseite. "Ich hole uns was zu trinken, okay?", schlug sie vor, nahm die Getränkewünsche entgegen und stand auf.

Aidan vermutete, dass sie an der Bar weiter über ihr Problem grübeln würde, doch das konnte er nicht ändern. So wandte er sich Ben zu, der eine Hand auf Aidans Schulter legte und betont unbeschwert fragte: "Und, was gibt's Neues, Alter? Wann kommt der Nachwuchs?"

Aidan zuckte zusammen und wandte den Blick ab. Wie durch ein Wunder blieb ihm eine Antwort erspart, denn in diesem Moment betrat Liz die Bar. Wie er es seit jeher von ihr gewohnt war, zog sie, ohne etwas Besonderes zu tun, alle Blicke auf sich. Einen Rollkoffer hinter sich herziehend, stolzierte die hochgewachsene, gertenschlanke Diva in die Bar. Mit ihrem schwarz glänzenden Haar, das ihr in sanften Wellen bis zur schmalen Taille fiel, den dunklen Augen, der hellen Haut und ihrer selbstherrlichen Art erinnerte sie an Schneewittchen. Oft hatten die (damals tatsächlich sieben) Freunde gescherzt, dass sie nichts weiter als die Zwerge seien, die ihren treuen Hofstaat bildeten. Liz war es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen und sie genoss, oder brauchte, die Aufmerksamkeit, wie Marc wusste.

"Ach!", rief sie hoch und klang dabei noch englischer als bei ihrem letzten Treffen. Winkend stöckelte sie zu ihnen. "Meine Lieblings-Jungs! Wie schön! Ich kann kaum glauben, dass wir uns so lange nicht mehr gesehen haben!" Schon drückte sie Aidan an sich und küsste ihn auf die Wange, bevor sie sich wesentlich kecker Ben zuwandte. "Rutsch mal!", forderte sie ihn einfach auf und quetschte sich schon neben ihn auf Fionas Platz, die kurz darauf mit den Getränken zurückkam und nur wortlos die Augenbrauen hob. Zur nun weniger lauten Begrüßung erhob sie sich zwar kurz, setzte sich aber umgehend wieder und nahm dabei wie selbstverständlich das Getränk, das Fiona eigentlich für sich gekauft hatte.

"Sind Daphne und Lucas schon hier?", erkundigte sie sich und schaute von einem zum anderen. Dass Fiona wortlos zur Bar zurückging, um sich einen neuen Gin Tonic zu holen, schien sie nicht zu bemerken. "Die zwei habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen! Und dabei ist es mit ihnen immer so ein Spaß!"

"Wenn man vom Teufel spricht …", scherzte Ben und stand auf, um einen großen, schwarzhaarigen Mann in einem Rugby-Shirt mit einem kräftigen Klaps auf den Rücken zu begrüßen. Daphne und Liz hielten sich locker an den Oberarmen und küssten sich abwechselnd drei Mal auf die Wange, was Aidan immer schon affektiert und albern fand.

»Schön, dass ihr da seid! Damit sind wir ja vollzählig«, stellte er fest und erkundigte sich nach der Fahrt. Als auch die beiden mit Getränken am Tisch saßen, hob Lucas breit grinsend sein Glas und toastete: "Auf ein längst überfälliges Wiedersehen!"

"Und auf einen genialen Törn!", fügte Ben hinzu.

»Ohne schreckliche Stürme!«, rief Daphne und alle prosteten sich lachend zu.

Sie begannen gerade, Pläne zu schmieden, als Liz zur Tür starrte, ihr Kinn nach oben reckte und mit weit aufgerissenen Augen zischte: "Wer zum Teufel ist denn das?"

Alle folgten ihrem Blick, der auf einen braun gebrannten Hünen mit markanten Gesichtszügen gerichtet war. Er stand in beigefarbenen Leinenhosen und einer abgetragenen, dunkelblauen Segeljacke im Eingang und sah sich suchend um. Als er die Gruppe entdeckte, nickte er kurz und kam auf sie zu. Liz verschluckte sich an ihrem Gin Tonic, hustete und stieß Fiona mit dem Ellbogen an.

"Ist das die Clelland-Partie?", erkundigte sich der Fremde mit einem angenehmen Glasgower Dialekt.

"Ja, genau. Das sind wir", antwortete Lucas und reichte ihm die Hand. "Lucas Clelland. Und das ist die Crew!"

"Freut mich. Ich bin Struan, euer Skipper für den Charter." Der Reihe nach schüttelte er alle Hände. Er nahm nicht Platz, sondern fragte ohne Umschweife: "Seid ihr dann so weit? Können wir an Bord?"

"Aye, aye Käpt'n!", salutierte Liz zwinkernd, doch er stieg nicht auf ihr Spiel ein.

"Nach dir", sagte Lucas zu Daphne, gab ihr einen Klaps auf den Po und leerte den restlichen Drink auf ex.

Gemeinsam folgten sie Struan zu einem hübschen Segelschiff, das vertäut im Hafen lag. Liz hakte sich bei Fiona unter und seufzte so laut, dass jeder es hören konnte: "Mhm, der ist aber lecker! Der gehört mir!" Dabei rollte sie die Augen und leckte mit der Zungenspitze über die rot geschminkten Lippen. Während Liz lautstark und Fiona gequält leise lachte, drehte sich Aidans Magen um. Er kannte Liz mit ihrem unstillbaren Hunger nach Eroberungen und ihrem Durst nach Selbstbestätigung nur zu gut. Was Männer an ihr so unwiderstehlich fanden, war ihm schleierhaft, denn für ihn waren Frauen, die ihr Bett mit unzähligen Kerlen teilten, abstoßend.

 

Auch Fiona wäre am liebsten im Erdboden versunken, so sehr schämte sie sich vor dem Skipper für ihre Freundin. Was musste er nur von ihnen denken!

Daphne war die erste, die ihre Tasche auf dem Steg abstellte und sich von dem Skipper auf die 50 Fuß lange Holzjacht helfen ließ. Gespannt wartete Fiona darauf, dass sie an der Reihe war. Ihr wurde feierlich zumute, denn nicht nur war dies ihr erster Segeltörn, sondern sie freute sich auch seit Langem auf die Woche mit Aidan und ihren Freunden. Schließlich war sie es, die Struan die Hand reichte, damit er ihr auf das Schiff half. Es war ein überraschend intimer Moment, in dem sie auf die Hilfe eines fremden Mannes angewiesen war und sie war froh, seine raue Hand wieder loszulassen. Kurz streifte ihr scheuer Blick seinen, der vor Kraft und Selbstsicherheit strotzte. Seine Augen waren goldgrün und funkelten geheimnisvoll. Sobald sie auf dem schwankenden Schiffsboden stand, breitete sich eine längst vergessene Abenteuerlust in ihr aus. Unsicher machte sie im letzten Tageslicht ein paar Schritte zur Reling, auf die sie sich stützte. Dankbar, dem Alltag zu entkommen, schloss sie die Augen und atmete die schwere, salzige Luft tief ein. Eine merkwürdige Ruhe überkam sie, die sich auf unerklärliche Weise mit dem Drang nach Neuem verband. Erst als Aidan neben sie trat und den Arm um sie legte, öffnete sie wieder die Augen und lehnte sich lächelnd an ihn.

»Herrlich«, seufzte er leise.

»Oh ja«, stimmte sie ihm zu und drückte sich fest an ihn, bevor sie den anderen den schmalen, steilen Niedergang unter Deck folgten, wo sich alle im Salon versammelten. Dieser bot durch seine leicht erhöhte Position und die sechs Fenster einen beeindruckenden Ausblick auf das Wasser und die Umgebung. Überhaupt war das Schiff sowohl innen als auch außen ein Schmuckstück, das hauptsächlich aus dunkel glänzendem Palisanderholz bestand.

Wie sie bereits aus der Beschreibung wusste, kamen bis zu acht Personen in vier Kajüten bequem unter. Von der Ferne hatten 50 Fuß, oder 15 Meter, nach viel Platz geklungen, aber als sie nun zu den anderen auf das mit dunkelblauem Stoff bezogene Rundsofa rutschte, fühlte es sich klein an. Hoffentlich bekommen wir keinen Schiffskoller!, schoss es ihr durch den Kopf, doch sofort verdrängte sie den Gedanken wieder. Neugierig und ein wenig skeptisch sah sie sich um, doch alles schien tadellos sauber zu sein.

"Ist das nicht toll hier?", seufzte Daphne und ließ sich neben Fiona plumpsen. Diese nickte und zeigte auf eine große Waitrose-Tüte und einen Seesack. »Was scheppert und klirrt denn da drin so laut?«, fragte sie etwas besorgt.

»Na, du kennst mich doch!«, antwortete die Blonde mit einem Zwinkern und einem weiteren ihrer nervenden Stöße in Fionas Rippen. Noch weniger als das verschwörerische Rempeln gefiel ihr allerdings die Aussicht auf allnächtliche Besäufnisse, für die Lucas und Daphne seit jeher berüchtigt waren. Wurden die beiden denn nie erwachsen?

"Sind alle da?", unterbrach Struan ihre Gedanken und kam als letzter den Niedergang in sportlichem Tempo herunter. Anders als die meisten von ihnen ging er dabei mit dem Rücken zu den Stufen, um mögliche Zusammenstöße zu vermeiden. Die Freunde nickten und gaben zustimmende Laute von sich. "Sehr gut! Dann mache ich euch jetzt mit der Lady Jane bekannt!", rief er und schlug mit der Hand an den hölzernen Türrahmen, an den er sich sodann lehnte, um in lässiger Position die Sicherheitshinweise durchzugehen. Erneut bemerkte Fiona dabei das geheimnisvolle Glitzern und Funkeln in seinen goldgrünen Augen. Anschließend demonstrierte er den richtigen Gebrauch der zwei elektrisch betriebenen Toiletten und Duschen. Auch zeigte er ihnen den Navigationstisch sowie die Küche, die mit einem Kühl- und Eisschrank, Mikrowelle, Herd und sogar einem Geschirrspüler ausgestattet war.

Fiona fand alles so aufregend, dass sie Aidans Hand beinahe pausenlos fest drückte. Seit sie sich erinnern konnte, faszinierten sie Schiffe und das Meer, doch bislang hatte sie nie die Gelegenheit gehabt, sich näher damit zu befassen. Als Daphne und Lucas im Frühjahr vorschlugen, gemeinsam eine Jacht inklusive Skipper zu chartern, war ihr erster Gedanke, dass das für sie viel zu teuer sein musste. Ihre Freunde hatten sich zu Karrieremenschen entwickelt, die mit Mitte dreißig schon ein kleines Vermögen angehäuft hatten und zudem aus wohlhabenden Familien stammten. Fiona und Aidan hingegen mussten sich alles selbst erarbeiteten; sie erbten nichts und konnten beim Berufseinstieg nicht von wertvollen Beziehungen profitieren. Nichtsdestotrotz, oder gerade deswegen, waren sie mit ihrer engen, rund 50 Jahre alten Doppelhaushälfte im Süden Glasgows überglücklich, auch wenn der Kredit noch lange nicht abbezahlt war. Segeln war ihr immer wie ein unerschwinglicher Luxus vorgekommen, doch als sie die Summe durch sechs teilten, stellten sie überrascht fest, dass ein gecharterter Törn durchaus im Bereich des Möglichen lag und so buchten sie begeistert.

"Wir haben eine Woche", sagte Struan gerade und breitete eine Karte der schottischen Westküste vor ihnen aus. "Ich habe eine Route im Kopf, die wir gut schaffen und bei der ihr viel sehen könnt. Es kommt natürlich immer ein bisschen aufs Wetter an, aber ich wollte erst mal hören, ob sie grundsätzlich für euch okay wäre oder ob jemand von euch einen besonderen Wunsch hat. Wir sind flexibel und auf nichts festgelegt."

"Nö, keine Sonderwünsche. Einfach nur eine idyllische Reise an der schönen Westküste", seufzte Lucas mit einem versonnenen Lächeln und breitete die Arme seitlich auf der Lehne aus. "Das ist genau das, was mir der Arzt empfohlen hat.«

"Also, ich würde gerne in Iona anlegen", meldete Aidan sich mit glänzenden Augen zu Wort. "Die Abtei wollte ich nämlich schon immer mal sehen."

"Okay, ist notiert", meinte Struan und nickte. "Sonst noch etwas?"

"Kann man irgendwo Delfine beobachten?", fragte Liz.

"Normalerweise sieht man immer wieder mal welche. Eine feste Stelle gibt es leider nicht. Mit Riesenhaien haben wir vor Mull bestimmt eher Glück, wenn ihr wollt.« Die Freunde lachten. »Wir können ja nach den Flippers Ausschau halten", bot der Skipper an und sah sich um. "Ist das alles? Gut. Ach so, noch etwas. Ich kann natürlich komplett alleine segeln, dafür habt ihr mich schließlich angeheuert, aber wenn jemand ein bisschen was lernen oder mir zur Hand gehen will, so ist er oder sie herzlich dazu eingeladen. Gebt mir einfach kurz Bescheid."

Fionas Herz schlug schneller. Konnte sie hier wirklich segeln lernen? Seit ihrer Kindheit träumte sie davon! Doch noch während sie ihr Glück kaum fassen konnte, kam Ben ihr zuvor: "Ich hätte Lust darauf. Warum nicht!"

"Gut«, sagte Struan in seiner ruhigen und gleichzeitig ein wenig rauen Art.

"Wir Frauen bleiben lieber bei den Cocktails, was, Mädels? Die Seefahrt ist Männersache!", rief Daphne albern kichernd, stieß Fiona wieder in die Rippen und zwinkerte Liz zu. Am liebsten hätte Fiona sie sowohl für ihre dumme Bemerkung als auch für den Rempler getreten und geschrien, dass sie viel lieber segeln als Alkohol trinken wollte, doch die Gelegenheit schien verstrichen. Unsicher schielte sie zu Struan, der die Gruppe nachdenklich beobachtete und sich bestimmt fragte, wer die einzelnen Teilnehmer waren und welche Rollen sie in der Clique spielten. Der unnahbare Mann faszinierte Fiona und sie überlegte, woran das wohl lag. Sein Körperbau war robust und auf natürliche Art kräftig, seine wettergegerbte Haut von der Sonne gebräunt. Das dunkle, dichte Haar war kraus und im Nacken kürzer als vorne. In regelmäßigen Abständen fuhr er mit der vollen Hand hindurch und strich es zurück. Dass dabei sein starker Oberarm das kantige Gesicht jedes Mal einen Moment lang verbarg, gefiel ihr. Die Geste drückte etwas Weiches und zugleich Hartes aus. Es wirkte geheimnisvoll und so, als müsse er sich selbst beschützen oder wolle sich verstecken. Wie niemand anderer, den sie kannte, verkörperte er Natur, Abenteuer und Freiheit und war somit das Gegenteil von dem häuslichen Aidan.

"Morgen nehmen wir Kurs auf die Isle of Mull. Vielleicht finden wir eine hübsche Bucht an der Südküste, wo wir ankern können." Nun lauschten alle gespannt und beugten sich über die Karte. »Übermorgen können wir vor Iona anlegen und uns dort umschauen, bevor wir weiter nach Coll und am Tag danach Mull umsegeln. Wie klingt das für euch?"

"Klingt super", meinte Ben mit einem begeisterten Nicken und die anderen stimmten ihm zu.

"Wir sollten wegen der Gezeiten morgen ziemlich früh ablegen«, erklärte er. Als er jedoch die entsetzten Gesichter der Crew sah, fügte er lachend hinzu. »Na gut, ganz so früh auch wieder nicht."

"So gegen Mittag also?", scherzte Lucas und grinste breit, woraufhin Fiona die Augen rollte.

Struan ließ sich jedoch nicht beirren. "Na ja, peilen wir mal eher so neun Uhr an. Da werdet ihr nur so darauf brennen, dass es losgeht! Die Wettervorhersage ist gut, sodass wir einen tollen Segeltag vor uns haben, vorausgesetzt, der Wind spielt mit."

Abschließend teilte er ihnen die Schlafplätze zu. Fiona und Aidan würden sich die kleine, spitz zulaufende im Bug, Ben und Liz Etagenkojen nebenan und Daphne und Lucas die Kajüte im Heck teilen.

"Und wo schläfst du?", fragte Liz mit einem Zwinkern und schaute den Skipper kess an. Um Himmels willen, dachte Fiona, es geht schon los.

Struan blinzelte, zeigte auf die zweite Kajüte im Heck und erklärte trocken: "Da hinten. Ich lege mich jetzt hin. Gute Nacht allerseits!"

Als wären seine Worte ein Todesurteil, ließ Liz die Mundwinkel hängen und sah am Boden zerstört aus. »Jetzt schon? Um 21:30 Uhr?«, maulte sie leise, doch niemand beachtete sie. Fiona kannte sie lange und gut genug, um die Zeichen zu erkennen. Der Skipper würde der Diva zum Opfer fallen, daran bestand für sie kein Zweifel. Sie hoffte nur, dass Eroberung, Unterwerfung und Vernichtung möglichst undramatisch vonstattengehen würden.

"Willst du nicht noch einen mit uns trinken?", lud Daphne, die gerade Gläser und genügend Flaschen für eine Atlantiküberquerung auspackte, ihn ein.

"Danke, sehr nett, aber ich trinke nie an Bord", lehnte er freundlich ab. "Ich muss früher raus als ihr. Gute Nacht!"

"Dann bis morgen, gute Nacht, Skipper!", grüßte Ben freudig, der gerade aus seiner Kajüte auftauchte.

Daphne mixte Martinis für alle, während die Jungs begannen, über alte Zeiten zu quatschen. Fiona lehnte sich zurück, legte die Hände in den Schoß und beobachtete ihren Mann, der ruhig zwischen seinen Freunden saß und wieder etwas besorgt oder betrübt wirkte. Was war nur los mit ihm? Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie überlegte, konnte aber nichts Besonderes finden. Er würde schon zu ihr kommen, wenn er zum Reden bereit war, dachte sie nach einer Weile.

Es juckte ihr in den Fingern, nochmal ihre E-Mails abzurufen, auch wenn Aidan das nicht gefallen würde. Es war zwar spät und noch dazu Sonntag, aber diese Mistkerle von der Arbeit waren mit Sicherheit online und ihr Chef hatte ihr bestimmt bereits geantwortet. Während sich die anderen gerade laut lachend darüber austauschten, wer in der Uni mit wem was hatte, zog Fiona klammheimlich ihr Smartphone aus der Tasche und schaltete es an. Sie tat so, als würde sie sich brennend für die Unterhaltung interessieren, dabei hatte sie nur noch Augen für ihr Handy, das sich inzwischen zwar hochgefahren, aber kein Netz hatte. Ihr sank das Herz. Sie war sich sicher, dass ihr Chef geantwortet haben würde. Natürlich konnte das keine Woche warten, schließlich steckten sie mitten in einer heftigen Diskussion, wenn nicht sogar in einem Streit! Die Sache nagte zu sehr an ihr, als dass sie sich bis zum Urlaubsende nicht dazu äußern konnte. Das käme ja einer Niederlage gleich. Der Gedanke fraß sie regelrecht auf. Unruhig rutschte sie auf der Bank hin und her, bis sie beschloss, an Land zu gehen.

Die Luft war angenehm mild, obwohl es bereits Ende August war und sich der Sommer dem Ende zu neigte. Der Geruch nach Salz und Tang beschwingte sie. So roch die Freiheit!, juchzte sie innerlich und lief über den Steg. Dabei hielt sie das Handy hoch über den Kopf und hoffte auf baldigen Empfang. Sie stellte sich vor, wie es wäre, auf einem Schiff zu leben. Diese Ruhe! Die Luft! Nur sie und Aidan, ohne Internet; das wäre schön. Sie rannte zu den Duschen, weil sie den anderen gesagt hatte, dass sie lieber auf ein richtiges Klo ginge, solange sie noch die Möglichkeit dazu hatte. Sie wedelte so lange mit ihrem Telefon in der Luft herum, bis sie endlich Netz hatte. Nicht viel, aber genug.

"Jawohl!", rief sie mit einer seltsamen Mischung zwischen Erlösung, Triumph und dem Wissen, dass der Sieg ihr letztendlich mehr schaden als nutzen würde.

"Ähm", vernahm sie da eine Stimme und sah sich um. Nur zwei Meter von ihr entfernt lehnte Ben an der Mauer; auch sein Gesicht wurde von einem Display in ungesund aussehenden Farben angestrahlt.

"Gleicher Gedanke?", fragte sie, als sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte. Er gab einen brummenden Laut von sich. "Wem schreibst du denn da?", bohrte sie neugierig weiter. Nüchtern hätte sie das nicht getan, doch nach Daphnes Martini war sie angeheitert.

"Ach, nur so einem Mädchen", antwortete er ausweichend und zuckte mit den Schultern. Fiona ärgerte sich über die Antwort, denn wenn jemand so viel schrieb und dazu extra ein Schiff verließ, war es doch nicht "nur so ein Mädchen". Eine süße Sehnsucht machte sich in ihr breit. Eine Sehnsucht nach dem Gefühl, nach einem anderen Menschen süchtig und so verliebt zu sein, dass man meint, keine Minute ohne ihn leben zu können. Dass man alles tat, um nur ein Wort von ihm zu hören oder zu lesen. So wie Ben neben ihr … Wie lange schon war dieses Gefühl des Rausches, des Taumelns und Schwebens zwischen ihr und Aidan erloschen …

"Warum ist denn aus dir und Abbie nichts geworden?", erkundigte sie sich voll Mitgefühl und suchte seinen Blick. Erst letzten Herbst hatten sie doch die pompöse Hochzeit gefeiert! Extravagant war die Feier gewesen – sehr extravagant. Nur das Beste war gut genug. Vom Brautkleid angefangen, über die Band und das Menü, bis hin zu den Cocktails und der Eisskulptur, aus der Champagner floss. Abbie sah in ihrem mit kleinen Steinchen bestickten Kleid und ihrem langen honigblonden Haar einfach atemberaubend aus. Ben strahlte ununterbrochen über das ganze Gesicht. Und dann, ohne erkennbaren Grund, brach alles in sich zusammen und schon wenige Monate nach dem rauschenden Fest gab er die Trennung bekannt.

"Hat halt nicht geklappt", murmelte er ausweichend, bevor er in selbstsicherem Ton behauptete: "Weißt du, es ist gut, zu wissen, wann man aufhören muss."

"Eine Ehe ist aber doch immer Arbeit", wandte Fiona ein und hasste sich selbst dafür, so besserwisserisch zu klingen. Sie sollte sich ihm gegenüber mitfühlend und verständnisvoll zeigen, doch das gelang ihr nicht. Für so wenig Wille, Durchhaltevermögen und so schnelllebigen Egoismus konnte sie kein Verständnis aufbringen. Sie und Aidan würden bald ihren fünfzehnten Hochzeitstag feiern; sie wusste also, wovon sie sprach. Ihre Ehe war immer schön, wenn auch nicht immer einfach gewesen. Hätten sie nicht den Entschluss gefasst, dass sie zusammengehörten, wären sie, gerade in so jungen Jahren, möglicherweise ebenfalls getrennte Wege gegangen. Aber sie hatten sich nun einmal für einander und für ein gemeinsames Leben entschieden. Das Miteinander war für sie das Entscheidende, nicht die Selbstverwirklichung. Beständigkeit, nicht Veränderung. Ruhe statt Abenteuer. Natürlich mussten sie Abstriche machen, was nicht immer leicht war, aber dafür führten sie eine harmonische Ehe, in der sich beide geliebt und geborgen fühlten. Sie hatten etwas, auf das sie blind vertrauen und das ihnen niemand nehmen konnte.

"Das stimmt", sagte Ben hart und schaute mit zusammengekniffenen Augen von seinem Handy auf. "Aber nicht alle Ehen sind für die Ewigkeit gemacht."

 

•Kapitel 3

 

•Kapitel 3

1994, ein halbes Jahr später, in der Nähe von Edinburgh

„Ich wasche ab, Mrs Macmillan“, rief Aidan und sprang vom Tisch auf, an dem außer Sally ihr Mann Paul und die drei Kinder Fiona, Moira und Graham saßen.

„Sag doch endlich Sally zu mir! Du gehörst doch schon fest zu uns“, antwortete sie lachend und dachte darüber nach, wie sehr sich der Junge verändert hatte. Der ständig unter der Oberfläche brodelnde Zorn und die Unsicherheit hatten sich aufgelöst. Vergangene Woche hatte sie ihn zum ersten Mal lachen hören. Es klang stimmbrüchig und nur an wenigen Stellen so, als läge eine dünne Eisschicht über seinen Stimmbändern. Aidan verbrachte jetzt die meiste Zeit bei ihnen und Sally war glücklich, dass er sich mit ihren Kindern so gut verstand. Von Anfang an hatten sie ihn wie ein Familienmitglied aufgenommen.

Jetzt drängten sich die beiden Mädchen neben ihm um das Spülbecken. Sie kicherten und rempelten sich, dass Wasser und Schaum auf den Boden spritzten.

Ihr Ehemann Paul drückte dankbar ihre Hand und sah sie mit einem frohen Glänzen in den Augen an, als es an der Haustür läutete.

„Angie! Was für eine Überraschung!“, rief Sally zu laut und zu freudig, als sie die Frau mit einem weißen Ordner im Arm vor der Tür stehen sah. „Komm rein, wir sind gerade mit dem Essen fertig.“

„Danke, es dauert nicht lange“, erwiderte Angie zögernd und tippelte wie ein Eindringling auf Zehenspitzen über den flauschigen Teppichboden in das gemütlich eingerichtete Esszimmer, das über eine Durchreiche mit der Küche verbunden war.

„Aidan, deine Mutter ist da!“ Der Junge drehte sich langsam um und sein Gesichtsausdruck verriet blankes Entsetzen.

„Hi Mom, schön, dich zu sehen“, behauptete er und allen war klar, dass er log. Peinliches Schweigen legte sich über die Anwesenden.

„Tee? Ich setze schnell Wasser auf!“, versuchte Sally, die Situation zu überspielen, und schaltete den ständig befüllten Kocher an.

„Wie geht’s dir, Schatz?“, erkundigte Angie sich, wartete jedoch keine Antwort ab, sondern fuhr sofort strahlend fort: „Es gibt großartige Neuigkeiten!“

Paul zog einen Stuhl für sie vom Tisch hervor und deutete ihr, sich zu setzen. Sie blieb stehen, als müsse sie jeden Augenblick auf und davon laufen.

„Schau, ich habe endlich eine neue Wohnung gefunden. Eine, die ich mir leisten kann … ohne … Sie ist billig, verstehst du?“

Aidan grunzte abfällig, nahm den Ordner und blätterte durch die Farbkopien. Dann nickte er, klappte ihn mit einem lauten Schlag zusammen und gab ihn ihr zurück.

„Hübsch. Ein Zimmer“, stellte er sachlich fest, sah ihr herausfordernd und gleichzeitig trotzig in die Augen und presste die Lippen aufeinander.

Angie sah von ihrem Sohn zu Sally und dann wieder zu ihrem Sohn. Sally konnte nicht sagen, ob Aidan sich erleichtert oder zurückgewiesen fühlte. Doch eins war sicher: Wenn er es bis jetzt nicht wusste, dann wusste er es jetzt: Er lebte nicht mehr bei seiner Mutter.

 

•Kapitel 4

 

•Kapitel 4

 

Küste vor Westschottland, 2014

"Belfast Küstenwache, hier spricht Belfast Küstenwache", knarzte es aus dem Funkgerät um eine Zeit, die sich wie fünf Uhr anfühlte, sich aber als 08:10 Uhr erwies. "Bleiben Sie dran für die Maritime Safety Information, Channel 21, Channel zwo eins." Es folgte eine Reihe von Piep- und Pfeiftönen, dann rauschte es wieder.

Mit einem verlegenen Gesichtsausdruck schlurfte Fiona in die winzige Toilette neben ihrer Kajüte, weil es ihr entsetzlich peinlich gewesen wäre, wenn Struan, der am Funkgerät saß, sie im Pyjama gesehen hätte. Leise schloss sie die Tür und betete, dass sie den Rückweg ebenfalls unentdeckt meistern würde. Doch dann musste sie pumpen und pumpen. Hatte er wirklich zwanzig Mal gesagt? Das kann doch nicht sein, dachte sie mit vor Scham hochrotem Kopf, bestimmt mache ich etwas falsch. Und er hört das! Als das Spülen endlich geschafft und das Pumpgeräusch verklungen war, vernahm sie aus dem Funkgerät weitere geheimnisvolle Informationen.

"Schwach bis mäßig, im Norden stürmisch. Wind Südost 4, später zeitweise 6."

Die Worte verursachten ein aufgeregtes Kribbeln auf ihrer Haut und wie von Geisterkräften geleitet ging sie, ohne zu denken, zu dem Skipper.

"Wird das Wetter gut?", fragte sie interessiert.

"Aye, geht schon. Nicht zu schlecht", antwortete er, ohne aufzusehen, und zog einen Strich durch den Graphen auf dem Blatt Papier, das vor ihm lag. "Der Wind hat ein bisschen gedreht, deswegen muss ich den Kurs anpassen."

"Oh ja, verstehe", behauptete Fiona, obwohl sie nichts verstand. "Ist das ein Problem?"