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Ein feinköstlicher Liebesroman Chrissys Feinkostgeschäft steht kurz vor der Pleite. Sie braucht dringend neue Geschäftsräume, in einer besseren Lage und groß genug, um sich ihren Traum von einem Catering-Service zu erfüllen. Ein passendes Objekt ist schnell gefunden. Sie muss nur noch Vermieter Vincent von Larsenstein von sich überzeugen und arrangiert ein zufälliges Aufeinandertreffen auf einem Ball. Doch Chrissys Erzrivalin scheint ihr zuvor gekommen zu sein. Jetzt muss Chrissy sich mächtig ins Zeug und hat auch kein Problem damit, sich mit dem gutaussehenden Vincent zu romantischen Dates zu verabreden, auch wenn ihr Interesse eigentlich nur seiner Immobilie gilt. Zumindest am Anfang.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
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Über die Autorin
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»Sie können die Schalen kleinschneiden und in die Soße geben. Das sorgt für ein schönes Aroma. Aber nicht mitkochen!« Chrissy drehte den Plastikbehälter mit den eingelegten Zitronen so, dass die Kundin das Etikett erkennen konnte.
Die ältere Dame kramte eine Halbmondbrille aus ihrer Handtasche und beäugte misstrauisch den Inhalt der Box. Sie hatte nach frischen, unbehandelten Zitronen gefragt, die sie zum Kochen verwenden konnte. Dabei gab es in Chrissys Laden kein frisches Obst.
»Und die sind dann genauso gut?«, fragte die Dame wieder.
»Sogar besser, wenn Sie mich fragen. Die Zitronen sind in Salzlake eingelegt, wodurch die Schale die Bitterstoffe verloren hat.«
Die Dame runzelte die Stirn. »Salzlake?«
Chrissy nickte und lächelte, als wären in Salz eingelegte Zitronen das Selbstverständlichste, das man sich vorstellen konnte. Für sie war es das auch. Für diese Kundin offensichtlich nicht. Sie war mit falschen Erwartungen hergekommen. Irgendjemand hatte ihr vermutlich gesagt, dass sie hier Zitronen zum Kochen bekam, aber nicht erklärt, dass es keine frischen waren. Doch Chrissy wusste aus Erfahrung, dass zu viel Erklärung wie Rechtfertigung klang. Je mehr sie etwas anpries, umso mehr bezweifelten die Leute, dass die Sachen wirklich gut waren und nicht nur überteuerte und als Feinkost bezeichnete Lebensmittel. Es war besser für Chrissy so zu tun, als wüsste jeder Kunde genauso gut Bescheid über Delikatessen wie sie. Wenn sie gefragt wurde, versuchte sie, nicht zu belehrend zu wirken.
Offenbar hatte die Kundin ihr Urteil gefällt, denn sie verstaute die Brille wieder in ihrer Tasche.
»Ich probiere es mal«, sagte sie.
Chrissy nickte wieder und lächelte. »Darf es noch etwas sein?«
Die Dame sah sich um. Es war offensichtlich, dass sie mit dem Angebot überfordert war. Die Regale waren voller Konserven und Gläser, deren Inhalt meist in Italienisch oder Französisch angegeben war. Lediglich an der Frischetheke waren Schinken, Wurst und Käse als solche identifizierbar, auch wenn es natürlich keine gewöhnlichen Sorten gab. Unter verschieden großen Käseglocken präsentierten sich französischer Blau- und Weißschimmelkäse, Hartkäse, Ziegenkäse, Limburger, Tilsiter. Sogar Harzer Käse bot sie an, obwohl der sehr selten nachgefragt wurde. Die Glocken sorgten dafür, dass sich die Gerüche nicht unangenehm vermischten.
Die Kundin betrachtete gerade die Wurstauslage. Chrissy musste sich zusammenreißen, um nicht in einen Vortrag über die verschiedenen Sorten zu verfallen. Dabei war offensichtlich, dass die Dame die meisten Wurstsorten nicht einmal erkannte.
Chrissy schob einen Flyer, in dem ihr Laden und das Angebot näher beschrieben wurden, und die Silberplatte mit den Nduja-Brothäppchen näher zur Kundin.
»Das ist eine Streichsalami, sehr würzig«, erklärte Chrissy.
Die Dame nahm vorsichtig eins davon, kaute und nickte dann.
»Schmeckt sehr gut«, sagte sie und zückte ihr Portemonnaie. »Ich nehme erst mal nur die Zitronen.«
Chrissy ärgerte sich, nicht doch die Trüffelsalami für die Häppchen ausgewählt zu haben. Trüffel waren den meisten Leuten eher ein Begriff, den sie mit Feinkost verbanden als »Streichsalami«. Sie kassierte sieben Euro und neunundvierzig Cent, verstaute den Behälter mit den Zitronen in einer großen braunen Papierhenkeltasche, reichte sie der Kundin und bedankte sich.
Als die Dame den Laden verlassen hatte, kam Chrissys Angestellte Mia aus dem Hinterzimmer. Sie hielt zwei Konserven in der Hand.
»Die laufen bald ab«, sagte sie und streckte sie Chrissy entgegen.
Chrissy seufzte. »Das werden nicht die einzigen sein. Wir setzen zu wenig um. Mit dem Verkauf der Zitronen ist unser Tagesumsatz auf dreiundvierzig Euro fünfundzwanzig angestiegen. Noch schlechter als gestern.«
»Ach, das wird schon wieder«, sagte Mia. »Wir haben die Stammkunden.«
»Aber es kommen keine neuen dazu. Der Laden braucht Laufkundschaft.«
»Und wo willst du die herbekommen?«
Chrissy zuckte mit den Schultern. »Darum kümmere ich mich morgen. Heute muss ich erst mal heulen.« Sofort hatte sie ein schlechtes Gewissen. Es gehörte sich nicht, einfach so vor ihrer Angestellten herumzujammern. Mia hatte allein ein Kind zu versorgen und sollte sich nicht auch noch Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen müssen.
Chrissy versuchte ein Lachen. »Ich bekomme das schon wieder hin«, sagte sie. »Ich lasse mir was einfallen. Wie immer. Mach dir jetzt bloß keine Sorgen!«
Mia sah sie stirnrunzelnd an. »Es ist schlimm?«
Chrissy nickte, obwohl sie hätte lügen sollen. Aber wem konnte sie sonst davon erzählen? Der Laden ließ keine Zeit für Freunde oder gar Freizeit, um welche zu finden. Und ihre Familie bestand aus ihr und ihrer Mutter, schon immer, solange Chrissy denken konnte. Vermutlich hatte sie Mia deshalb eingestellt, weil sie wusste, wie schwer es für Alleinerziehende war. Außerdem waren sie sich sofort sympathisch gewesen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass das neue Einkaufscenter so viele Kunden abziehen würde«, sagte Chrissy. »Immerhin gibt es dort keinen vergleichbaren Laden. Uns fehlen die Leute, die zufällig vorbeikommen und etwas kaufen, weil sie es sehen. Aber, wie gesagt, ich lass mir was einfallen.«
»Ich muss jetzt leider gehen.« Mia sah auf ihre Uhr.
»Ja, ich komme mit dem Andrang hier alleine klar.«
Mia sah sie besorgt an.
Chrissy zwang sich erneut zu einem Lächeln. »Geh schon zu deiner Tochter!«
Mia holte ihre Jacke aus dem Hinterzimmer.
»Morgen überlegen wir zusammen, wie wir was ändern könnten, okay?« Sie streichelte über Chrissys Arm und lächelte ihr aufmunternd zu.
Der Rest des Tages verlief wie die meisten davor. Der nasskalte Januarnachmittag trieb die wenigen Passanten in Windeseile an ihrem Laden vorbei. Und so blieb Chrissy allein, bis sie um achtzehn Uhr die Außenläden herunterließ, die Türen verschloss und sich auf den Nachhauseweg machte.
Da der kleine Feinkostladen ihr Lebensinhalt war, hatte Chrissy sich eine Wohnung nur zwei Straßen entfernt gesucht. Sie war winzig und teuer, bot aber alles, was Chrissy brauchte. Ein Schlafzimmer, das eigentlich ein halbes Zimmer war und in dem geradeso ein Bett und ein kleiner Schrank Platz fanden, ein Wohnzimmer, in dem ein Esstisch stand, an den maximal zwei Personen passten – von mehr als einer Person gleichzeitig bekam sie nie Besuch – und ein Bad, das neben Toilette und Waschbecken fast vollständig von einer Badewanne ausgefüllt wurde, sowie eine Küche, in der sie die neuen Spezialitäten ihres Ladens ausprobieren konnte, die sie dann alleine verspeiste.
Als Erstes brühte sie sich einen Bratapfeltee auf, der noch von Weihnachten übrig war, und setzte sich an den Laptop. Sie starrte den Stapel Briefe an, der daneben lag und unzweifelhaft weitere Rechnungen beherbergte. Wie jeden Abend schloss sie die Augen und zog einen der Briefe heraus. Es war die Stromabrechnung für den alten Nachtspeicherofen; der Anbieter stellte ihren Abrechnungszeitpunkt von September auf Dezember um. Und da ihr Verbrauch in den letzten drei Monaten natürlich extrem hoch gewesen war, stand dort ein entsprechend erhöhter neuer monatlicher Abschlag. Chrissy tippte eine gepfefferte E-Mail an den Stromanbieter, in der sie darauf hinwies, dass Herbst- und Wintermonate nicht repräsentativ für ihren jährlichen Stromverbrauch seien, und verlangte einen geringeren Abschlag.
Dann war ihr Bedarf an Ärger mit Rechnungen für diesen Abend gedeckt. Unschlüssig starrte sie auf den Bildschirm. Sie hatte auf einer Weihnachtsfeier eines ihrer Lieferanten, zu der sie als Kundin eingeladen gewesen war, etwas von einem Gebäude gehört. Leitzstraße, eine Querstraße vom Einkaufscenter entfernt. Die Wohnungen in dem Haus sollten saniert werden und im Erdgeschoss ein neues Ladengeschäft entstehen. Chrissy war mehrere Male vorübergegangen. Tolle Lage, genau im Dunstkreis des Centers, in der Innenstadt, was vermutlich der Grund für den Umbau zu einem Laden war. Doch erkennen konnte man davon noch nichts. Es wurde gebaut, aber das Gebäude war eingerüstet und das Gerüst verhüllt worden, damit kein Schutt auf die belebte Straße fallen konnte. Ein anderes Gerücht besagte, dass eben diese Straße bald als Fußgängerzone ausgewiesen werden sollte.
Doch sie brauchte sich wohl sowieso keine Chancen ausrechnen, den Laden mieten zu können. Die Wohnungen wurden von einer Immobilienfirma als mietbar beworben. Jeder, der von dem Laden wusste und Interesse daran hatte, würde dort anrufen. Wenn Chrissy davon gehört hatte, konnte sie wohl annehmen, dass es bereits die Hälfte der anderen Geschäftsleute wusste. Von dem Center hatte sie erst erfahren, als es mitten im Bau war. Da waren bereits alle Läden vermietet gewesen. Der Laden in der Leitzstraße wurde nicht beworben. Ob er schon vergeben war?
Chrissy gab den Namen der Immobilienfirma in die Suchmaschine ein und fand eine Telefonnummer. Sie klickte sich durch die Homepage. Ansprechpartner war eine Frau Radtke. Auf dem Foto sah sie aus, als wäre sie in Chrissys Alter, so Ende zwanzig. Ob sie Verständnis für Chrissy haben würde? Aber die Firma nannte sich LS Immobilienverwaltungsgesellschaft mbH. Die Dame war also eine Angestellte. Ob man herausfinden konnte, wer an der Gesellschaft beteiligt war? Wofür stand LS? Irgendeine Firma?
Chrissy googelte LS GmbH und hatte mehrere Treffer – eine Firma für Babynahrungsmittel, eine Investmentfirma, die Immobilienverwaltung und sogar ein Forstunternehmen? Letzteres klickte sie an. Ein Name fiel ihr ins Auge.
»Von Larsenstein«, murmelte sie. Eine Adelsfamilie. Sie klickte auf eine Unterseite, die mit »Familienunternehmen« überschrieben war. Und tatsächlich, die Familie verwaltete ihre Reichtümer unter dem Kürzel LS und betrieb auch mehrere Unternehmen.
Das Haus mit dem Laden gehörte wohl zu den Latifundien der Familie. Hieß das so? Sie klickte auf den Button »Familie«. Nach den Angaben dort handelte es sich um eine alteingesessene Adelsfamilie, die in der Umgebung Wald besaß und jede Menge Landwirtschaft betrieb. Schloss Larsenstein war der Familiensitz. Chrissy dachte angestrengt nach, aber sie hatte noch nie von diesem Schloss gehört. Doch das hieß nichts. In der Umgebung gab es haufenweise Schlösser – größere und kleinere.
Familienoberhaupt war ein Richard Freiherr von Larsenstein. Freiherr? Chrissy hatte keine Ahnung von Adelstiteln. Was war gleich noch ein Freiherr? Seine Frau war Freiherrin und hieß Clara, der Kronsohn Vincent Freiherr von Larsenstein, die Tochter nannte sich Franziska Freiin von Larsenstein. Freiin? Den Ausdruck hatte Chrissy erst recht noch nie gehört.
Sie blieb beim jungen Freiherrn hängen. Er war zweiunddreißig Jahre alt und sah ganz normal aus – nicht hübsch, nicht hässlich, soweit man das auf dem Foto erkennen konnte. Darunter stand, dass er die Familiengeschäfte maßgeblich leitete. Aha! Das war doch mal ein interessanter Ansprechpartner. Aber wie sollte sie an ihn herankommen? Einfach anrufen? Zum Schloss fahren? Würde sie um eine Audienz bitten müssen? Sie grinste bei dem Gedanken.
Nach einigem Suchen fand sie etwas Interessantes. Die Familie war ein Sponsor des Stadtballs, der diese Woche Samstag stattfand. Da würde sich doch bestimmt der Erbe des Hauses blicken lassen. Sie musste dahin.
Sofort googelte sie, ob es noch Karten gab. Nein, ausverkauft! Mist!
Chrissy trommelte mit den Fingerspitzen gegen ihre Teetasse. Hatte sie nicht im Dezember eine Mail bekommen, in der ihr Karten für Unternehmer angeboten worden waren?
Tatsächlich! In dem Mail-Papierkorb-Ordner schlummerte die Nachricht vom November. Bestimmt war es schon zu spät. Da stand die Kontaktnummer des Stadtmarketings. Aber sie musste bis morgen warten.
Sie klickte wieder zum Bild des Kronsohnes. Besser, sie fing jetzt schon an, sich sein Gesicht einzuprägen. Ihr Gesichtergedächtnis war nämlich schlecht. Gab es vielleicht noch weitere Fotos von ihm? Sie googelte seinen Namen und hatte mehrere Treffer – etwas über eine Versammlung der Forstunternehmer und ein Bericht über Parks in der Umgebung, außerdem ein Zeitungsartikel mit einem Foto, auf dem er einem Bio-Bauern die Hand schüttelte, weil er besonders hochwertiges Gemüse für die Babynahrung anbot. Also gehörte diese Firma auch der Familie.
Schnell schnitt sie sein Gesicht aus den verschiedenen Fotos aus und speicherte die Ausschnitte ab. Innerhalb kürzester Zeit sah ihr Bildschirm aus wie der einer Stalkerin – Fotos aus verschiedenen Perspektiven, Hintergrundinfos, Profile von diversen Seiten. Doch alles war belanglos. Es stand nichts wirklich Wichtiges über ihn im Netz. Sie fand nichts Persönliches, außer seinem Familienstand – ledig –, keine Hobbys oder so. Und wenn, dann wäre es bestimmt Reiten oder Golf oder sonst was, was Chrissys Mutter sich nie für ihre Tochter hätte leisten können.
Chrissy seufzte bei dem Gedanken. Sie wollte nicht so neidisch denken. Der Herr Freiherr konnte ja auch nichts dafür, dass er so reich geboren worden war. Zumindest lächelte er nett. Sie musste zu diesem Ball und irgendwie persönlichen Kontakt mit ihm knüpfen.
Wie, darüber würde sie später nachdenken.
Am nächsten Tag um neun Uhr schloss Chrissy ihren Laden auf. Mia würde gegen zehn kommen, auch wenn das in Anbetracht der wenigen Kunden kaum nötig war. Sie rief die Nummer an, die sie aus der E-Mail hatte. Doch die Dame am Telefon konnte ihr nicht weiterhelfen.
»Das macht meine Kollegin«, erklärte sie. »Und die kommt erst gegen halb elf. Aber sie kann sie zurückrufen.«
Bis Mia eintraf, hatte sich eine Kundin in den Laden verirrt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie verlangte nach frischem Kalbsfilet, obwohl Chrissy kein Frischfleisch verkaufte, was die Frau nicht davon abhielt, die Frischetheke ganz genau zu inspizieren, falls sich doch Fleisch darin versteckte.
»Da müssen Sie zum Römer-Metzger«, erklärte Chrissy und erntete dafür einen empörten Blick, bevor die Dame sich umdrehte und ohne weiteren Gruß den Laden verließ.
»Jetzt erzähl mal«, begann Mia, nachdem sie ihre Jacke im Hinterzimmer verstaut hatte. »Was ist los mit unserem Laden?«
Chrissy lächelte dankbar. Mia setzte sich genauso für das Geschäft ein wie sie selbst, jedenfalls soweit es ihre Zeit zuließ. Es würde bestimmt leichter sein, sich zusammen etwas auszudenken, was dem Laden helfen konnte.
»Ich schreibe rote Zahlen.« Chrissy seufzte. »Schon seit sechs Monaten. Und davor war es auch nicht gerade üppig.«
»Liegt es an meinem Gehalt?« Mia kratzte sich an der Stirn.
Chrissy wusste, dass Mia auf diesen Job angewiesen war. Teilzeitarbeitende alleinerziehende Mütter fanden kaum einen bezahlten Job, der kein Minijob war.
»Selbst ohne dein Gehalt wäre ich in den Miesen«, erwiderte Chrissy schnell. »Es liegt an den Umsätzen. Zu wenig Kunden.«
Mia nickte. »Ich hatte gehofft, dass es besser wird, weil vor Weihnachten mehr los war«, sagte sie.
Chrissy schnaubte. »Das ist nichts gegen früher. Das Dezembergeschäft entsprach dem, was vor anderthalb Jahren normal war. Deswegen hatte ich dich damals eingestellt. Es liegt an dem Center, an der Lage. Ich hab nicht aufgepasst. Ich hätte eines der teuren Geschäfte dort mieten sollen. Aber die waren alle schon weg, und ich hatte gehofft, es ginge hier so gut weiter.«
»Wir müssen umziehen?«, fragte Mia.
Chrissy nickte.
Das Telefon klingelte. Die Dame mit den Karten.
»Es sind noch Flanierkarten zu haben«, erklärte sie. »Keine Platzkarten mehr. Kosten fünfundzwanzig Euro.«
»Ich nehme zwei«, sagte Chrissy und blickte zu Mia, die natürlich noch nicht ahnte, was ihr bevorstand.
Nachdem sie aufgelegt hatte, sah Chrissy sie immer noch an.
»Du hast schon einen Plan, oder?« Mia grinste.
»Es gibt da einen Laden, der bald mitten in der neuen Fußgängerzone liegt.«
»Und? Ist der zu haben? Worauf wartest du?«
Chrissy zuckte mit den Schultern. »Ich habe noch nicht herausfinden können, ob er schon vermietet wurde. Das Gebäude gehört einer Immobilienverwaltungsgesellschaft.«
Mia sah sie stirnrunzelnd an.
»Das heißt wirklich so«, setzte Chrissy hinzu. »Die verwalten die ganzen Immobilien von so einer Adelsfamilie. Die Familie, die auch den Ball der Stadt mitfinanziert.«
Mia zwinkerte verschwörerisch. »Und du hast gerade Karten für den Ball bestellt?«
Chrissy nickte. »Die wichtigsten Geschäftsleute der Stadt werden auch dort sein. Denen habe ich das alles zu verdanken. Die wollten das Center und haben dann die Geschäfte unter sich aufgeteilt. Und ich verliere meine Kunden. Aber ich gehe nicht wegen denen dahin. Nein, ich will den Herrn Freiherrn treffen.«
»Freiherr?«
»Ja, der heißt so.« Chrissy lachte. »Ich habe recherchiert, die halbe Nacht. Ich muss den jungen Freiherrn bezirzen, damit er mir vielleicht den Laden vermietet.«
»Das ist aber ganz schön vage. Was, wenn er längst vermietet ist?«
»Dann soll er den Mieter rausschmeißen. Oder er hat noch andere Läden. Die Familie ist ziemlich einflussreich. Die Kinder studieren ganz tolle Sachen, übernehmen die Familiengeschäfte oder sollen in die Politik. Du sagst immer, ich müsste mich mehr vernetzen. Wenn das kein guter Kontakt wäre.«
Mia sah sie skeptisch an. »Das ist ein Kontakt, den man über andere Kontakte bekommt, die du aber nicht hast. Willst du ihn einfach so anquatschen? Auf einem Ball?« Sie schüttelte den Kopf. »Moment mal!« Sie kniff die Augen zusammen. »Du hast zwei Karten bestellt.«
Chrissy setzte ein flehendes Gesicht auf. »Ich mag da nicht alleine hingehen. Du musst mit!«
»Und wo lasse ich Leni?«
»Babysitter?«
Mia sah sie schweigend an.
»Ich bezahle den auch. Und dein Kleid.«
Immer noch Schweigen.
»Sieh es als Überstunden an! Ich bezahle dir die Zeit.«
Mia grinste. »Wenn du mir jetzt noch dein Erstgeborenes versprichst, schmeiß ich mich weg. Ich komme mit, geht ja auch um meinen Job. Ein Kleid hätte ich übrigens.«
***
Die nächsten zwei Tage verbesserte sich die Lage im Laden kaum. Einige Stammkunden kauften für private Partys ein. Und Chrissy überlegte zum hundertsten Mal, ob sie die lange vergrabene Idee mit dem Catering-Service wieder aufnehmen sollte.
»Dafür müsste ich noch jemanden einstellen«, erklärte sie Mia.
»Ja, aber die Kunden könnten uns über das Internet finden und müssten nicht zufällig vorbeikommen.«
»Hier wäre auch gar nicht genug Platz. Vielleicht im neuen Laden.« Chrissy biss die Lippen zusammen. Wenn sie den nur bekäme! Vorne Mia im Verkauf, hinten sie und jemand, der die Anfragen für den Catering-Service bearbeitete und ihr beim Zubereiten der Delikatessen half. Sie wollte diesen Laden haben!
»Ich muss mich gründlich auf diesen Ball vorbereiten«, sagte sie.
»Was meinst du? Shoppen?«
»Schön wär’s! Ich muss lernen.«
Und das tat Chrissy auch. Sie suchte abends mehr Informationen über die von Larsensteins und sonstige Lokalprominenz. Bisher hatte sie sich weitgehend rausgehalten aus den örtlichen Veranstaltungen. Das war vermutlich ein Fehler gewesen. Es gab Bilder des jungen Freiherrn mit allen möglichen Leuten – dem Bürgermeister, dem örtlichen Landtagsabgeordneten, der Vorsitzenden des Stadtmarketings. Und sie lernte, dass es bei der persönlichen Anrede nicht Freiherr hieß, sondern Baron. Wie witzig war das denn? Das hatte sie noch nie gehört. Woher auch? Sie war in einer Gegend der Stadt groß geworden, in der man solche Leute nicht traf.
