Liebe und Marillenknödel - Emma Sternberg - E-Book

Liebe und Marillenknödel E-Book

Emma Sternberg

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9,99 €

Beschreibung

Gibt es ein Rezept für die Liebe?

Für das Leben gibt es kein Rezept. Oder hat Sophie es nur noch nicht gefunden? Jedenfalls geht bei der 33-jährigen Hamburgerin gerade alles schief: Beziehung kaputt, Job weg, und dann stirbt auch noch ihre geliebte Tante Johanna. Immerhin: Sophie erbt Johannas Pension in den Südtiroler Alpen, Chance für einen Neubeginn. Nur: Statt Bergidylle findet sie eine Hütte ohne Gäste vor, und dann ist auch noch das Küchenpersonal weg. Wer soll nun die berühmten Marillenknödel machen? Fast will sie aufgeben, als ein neuer Koch anfängt – hat er auch ein Rezept für das Glück?

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Seitenzahl: 466

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Emma Sternberg

Liebe und

Marillenknödel

Roman

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Originalausgabe 05/2012

Copyright © 2012 by Emma Sternberg

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Eva Philippon

Umschlaggestaltung: © Eisele Grafik∙Design, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07562-0V002

www.heyne.de

Diese Schlaglöcher! Diese Serpentinen! Oh, tut mir der Hintern weh. Ich schlage die Tür meines Allrad-Pandas zu, werfe einen Blick auf die gegenüberliegenden Gipfel, die heute bedrohlich nahe stehen, und hieve meine Einkäufe ins Haus.

Natürlich ist es nicht bei den Zutaten fürs Gulasch geblieben– neben neuem Deo und einem Vorrat Fünf-Minuten-Terrinen habe ich mir sämtliche deutschsprachigen Zeitschriften in den Wagen gepackt, die ich finden konnte. Hätte ich auch nicht gedacht, aber kaum ist man mal vier Tage ohne Telefon, Internet oder Fernseher auf einem Berg, fühlt man sich in einem Supermarkt wie eine Verdurstende, die in der Wüste Sahara tatsächlich auf die Punica-Oase gestoßen ist.

In der Küche packe ich die Einkäufe aus und reihe sie auf der Arbeitsfläche aus Edelstahl auf. Mir wird fast ein bisschen schwindelig. Ausgerechnet ich soll daraus etwas kochen? Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass Gianni mir dabei hilft, aber der ist spurlos verschwunden, genauso wie diese unberechenbaren Jirgls. Und das, wo doch jederzeit ein Gast kommen kann.

Gut nur, dass ich Tante Johannas Kochbuch habe– in Zukunft bekommt hier niemand mehr Dosenfutter serviert. Ab sofort wird sich hier etwas ändern!

Wagemutig schlage ich die Seite mit dem Rezept auf.

Gadertaler Gulaschsuppe. Zubereitung, steht da, und: Als Erstes die Zwiebeln schälen und würfeln.

Okay, es kann losgehen. Ich schiele noch einmal auf die Mengenangabe. 1500 Gramm. Dann schiele ich noch einmal auf die drei Netze, die vor mir liegen. Je 500 Gramm. Es sind extra kleine Zwiebelchen, ungefähr so groß wie Pingpongbälle. Ich hätte ein bisschen nachdenken sollen statt einfach die Sorte in den Wagen zu packen, die am niedlichsten aussieht. Bis ich diese blöden Minidinger geschält habe, ist Justin Bieber ein Bart gewachsen.

Vielleicht fange ich doch lieber einfach mit dem zweiten Schritt an.

Das Fleisch trocken tupfen.

Meine leichteste Übung. Ich reiße das Päckchen mit dem Fleisch auf, breite die Würfel auf einem großen Holzbrett aus und sehe mich um. Die Wände hängen voller Pfannen, die Regale und Schränke sind mit riesigen Töpfen und Sieben gefüllt und jeder Menge anderem Profi-Bedarf. Und ausgerechnet Küchenrolle soll es hier nicht geben? Aber nein, ich finde keine. Na ja. Werde ich einfach etwas Klopapier benutzen. Ist am Ende doch dasselbe, nur dass die Blätter kleiner sind.

Sag ich doch. Ganz einfach. Fleisch trocken tupfen. Tupf, Tupf, Tupf. Und es geht ganz schnell. Ich meine, es war vielleicht auch ein bisschen übertrieben, von mir zu behaupten, ich könne überhaupt nicht kochen. Ich kann zum Beispiel Nudeln mit Sahnesauce, mein Spezialgericht. Und Wokgemüse mit Sojasauce und Hühnchen. Außerdem kann ichFünf-Minuten-Terrine und Ikea-Tiefkühl-Köttbullar. Die kann ich sogar so gut, dass sie genauso schmecken wie im Ikea-Restaurant. Der Trick: Die Sauce gibt es im Schweden-Shop ebenfalls zu kaufen. Man muss das Pulver nur in Wasser einrühren, aufkochen lassen, Schuss Sahne dazu, umrühren– fertig!

Oh. Was ist das? Das Klopapier löst sich ja auf! Da passt man ein paar Minuten nicht auf, und schon ist das ganze schöne Fleisch voller weißer Fetzen.

Ich hätte ein OP-Besteck mit einpacken sollen, statt Nagelfeile und Wimpernzange.

Es dauert fast eine halbe Stunde, bis ich die Papierschnipsel weitgehend abgefieselt habe, deshalb beschließe ich, das Fleisch, das noch nicht klopapierkontaminiert ist, eben einfach feucht zu lassen. Am Ende wird es in der Pfanne ja sowieso erhitzt, da verdunstet doch das ganze Wasser. Und wenn nicht: Hinterher wird es ohnehin mit Rotwein abgelöscht. Da ist es doch grad egal.

So, was kommt als Nächstes?

Schmalz in einem gusseisernen Bräter erhitzen.

Ich hole Tante Johannas Lieblingsschmortopf aus dem Regal und sehe mich in der Küche um… Schmalz… Schmalz… Was meinen die jetzt wohl mit Schmalz? Wahrscheinlich Butter, oder? Ich meine, das Wort gibt es doch: Butterschmalz. Ist vermutlich dasselbe. Eben.

Manchmal muss ich meinem Vater schon recht geben: Die Fähigkeit zu logischem Denken ersetzt so manchen Studiengang.

Als ich die Butter aus dem Kühlschrank hole, fälltmein Blick auf die drei Netze mit den Zwiebeln. Die hätte ich fast vergessen. Hm. Aber na ja, seien wir doch mal ehrlich: In Tante Johannas Gulasch hatten sich die Zwiebeln doch stets vollständig aufgelöst, sodass man sie gar nicht mehr bemerkte. Und besonders stark danach geschmeckt hat die Suppe auch nicht, sondern eher würzig, nach viel Paprika. Ich werde die Zwiebeln einfach weglassen. Genau. Das merkt gar niemand.

Gulasch portionsweise kräftig anbraten, dabei wenden.

Ich drehe das Gas auf und gebe ein Stück Butter in den Bräter. Sie schmilzt wie nichts. Schnell eine Portion Fleisch hinein. Wie das spritzt! Ich nehme einen Kochlöffel und versuche, das Fleisch zu wenden. Aber es bäckt binnen Sekunden so kräftig an, dass ich es beim Versuch, es vom Boden des Bräters zu lösen, in Fetzen reiße.

Mist. Wenn ich nicht aufpasse, verbrennt mir hier alles.

Vielleicht tue ich einfach die nächste Portion rein. Bevor alles schwarz wird, zum Abkühlen quasi.

Wieder spritzt es, inzwischen steigt schwarzer Rauch auf. Ich versuche, das Fleisch in der Pfanne umzurühren, und bemerke, dass es am Boden schon ganz schwarz ist. Schnell schmeiße ich die restlichen Fleischstücke dazu. Das hilft, denn plötzlich tritt eine helle Flüssigkeit aus dem Fleisch aus, in der sich die verbrannten Stellen lösen. Ich rühre schnell um und lese weiter:

Wenn es schön gebräunt ist, herausnehmen.

Schön ist relativ, denke ich, und kippe das Fleisch in eine Schüssel. Es sind lauter schwarze Stückchen dazwischen, aber wenn ich jetzt anfange, die herauszupicken, werd ich ja blöde, und außerdem bleibt dann nichts mehr übrig.

Zwiebeln im Bratfett goldbraun anbraten.

Das überspringe ich angesichts der Variation des Rezeptes.

Gesamtes Fleisch zu den Zwiebeln geben und weiterbraten, bis sich am Topfboden eine braune Kruste bildet.

Äääh, ja. Also das Fleisch wieder hinein in den Bräter. Als Kruste muss die von vorhin gelten.

Mit Rotwein und Essig ablöschen, etwas einkochen lassen.

Ich öffne eine Flasche Vernatsch und gieße einen großen Schluck davon in die Pfanne– ablöschen kann sogar ich. Dann gieße ich einen zweiten großen Schluck in die Köchin, denn der steht ganz schön der Schweiß auf der Stirn. Ich würze mit Salz und ordentlich viel Paprika– ich habe extra das besonders edle Rosenpaprika gekauft, das wird bestimmt lecker. Ich gieße Wasser an und lasse das Ganze schmoren, lang, mindestens eineinhalb Stunden lang. Währenddessen bleibe ich nervös neben dem Topf sitzen und trinke noch ein bisschen mehr Vernatsch. Wie das Gulasch wohl wird?

Als die Zeit vorbei ist, öffne ich den Deckel und warte, bis sich der Dampf, der mir entgegenkommt, verzogen hat.

Hm. Bei Tante Johanna sah das Ganze immer ein bisschen anders aus.

Ich hole die Zitrone und eine Reibe und rühre die geraspelte Schale gründlich unter.

Ich schnuppere. Es riecht nicht unbedingt schlecht… nur ein klein wenig nach altem Ofen.

Aber wie hat Tante Johanna immer gesagt? Erst probieren, dann meckern.

Ich hole einen großen Holzlöffel, fische ein Stück Fleisch und ein bisschen Sauce heraus und schiebe ihn mir in den Mund. Dann gehe ich zum Mülleimer, spucke das Brikett wieder aus, gehe mit brennendem Rachen zum Kühlschrank und trinke in großen Schlucken einen halben Liter Milch. Dann sehe ich mir die Gewürzdose, die ich verwendet habe, noch einmal an. Rosenpaprika, steht da. Und, ganz klein darunter, so winzig, dass man doch wohl nun wirklich nicht ernsthaft erwarten kann, dass jemand darauf aufmerksam wird: Extrascharf.

»Hallo?«

Oh nein. Das kam aus dem Flur.

»Ist da jemand?«

Ausgerechnet jetzt– Kundschaft!

Zwei Wochen zuvor…

1

Ich wache auf, weil das Telefon klingelt. Es klingelt fast lautlos, denn ich habe es irgendwann mal leise gestellt und kann seitdem den Menüpunkt nicht mehr finden, unter dem man den Befehl rückgängig macht. Kein Problem, ich verpasse nie einen Anruf– selbst, wenn ich in der Badewanne liege, dauert es selten länger als drei Sekunden, dann bin ich auch schon dran. Leider ruft außer meinem Bankberater, der mir einen Gesprächstermin über kreditfinanzierte Rentenversicherungen aufschwatzen will, kaum jemand an.

Das Telefon klingelt weiter. Ich drehe mich auf die andere Seite– mein Kopf dröhnt wie eine leere Öltonne. Tut das weh! Ich blinzele, kratze mich stöhnend am Hintern und stelle überrascht fest, dass ich nackt bin! Nackt bin ich normalerweise nie, zumindest nicht morgens beim Aufwachen– ich gehöre zu den Menschen, die nicht einmal daran denken können einzuschlafen, wenn sie nicht wenigstens ein T-Shirt anhaben. Aber ich bin nackt, das ist sicher, denn da vorne neben dem Fernseher liegt es, klein und hellblau und verschrumpelt: mein Unterhöschen.

Wer auch immer da versucht, mich anzurufen, er gibt nicht auf. Das Büro! Ganz kurz durchzuckt mich ein Schreck– es ist offensichtlich schon ziemlich spät, aber dann fällt mir ein, dass es gar nicht das Büro sein kann. Ich bin arbeitslos, seit gestern.

Und plötzlich weiß ich auch, woher ich die Kopfschmerzen habe. Ich habe mich so sehr betrunken, ich dürfte bis Ende der Woche Restalkohol haben. Aua.

Das Telefon klingelt weiter. Ich lasse einen Arm aus dem Bett fallen und taste blind auf dem Fußboden herum– Buch, Haargummi, Kaffeelöffel, halb volle Packung Choco Crossies, zertretene Choco Crossies, leere Fünf-Minuten-Terrine, gebrauchtes Taschentuch. Dann stoße ich gegen eine Flasche, eine Flasche Whisky, wie ich bemerke, als sie über das Parkett kullert, eine Flasche Chivas Regal, die offensichtlich leer ist. Ganz leer. Kein Wunder, dass mein Kopf so dröhnt. Ich wusste gar nicht, dass ich Whisky im Haus hatte.

Stifte, ein Blätterstapel mit Gummi drum herum, noch ein Buch, leere Wasserflasche, dann erreichen meine Fingerspitzen endlich das Telefon. Ich mache den Arm noch einmal ganz lang und kann es endlich greifen. Es klingelt immer noch, und ich sehe widerwillig nach, was auf dem Display steht: Eltern. Und weil mein Vater eigentlich nur anruft, wenn es um diesen Aktienfond geht, in den er jahrelang für mich eingezahlt hat (und dessen Wert inzwischen in den Negativbereich geht), kann Eltern nur heißen: meine Mutter.

Das Letzte, was ein Mensch, der gerade seinen Job verloren hat, gebrauchen kann, ist meine Mutter.

Ich weiß ganz genau, was passieren würde, wenn ich jetzt dranginge und ihr die Wahrheit sagte: Sie würde sich maßlos aufregen, mich mit vorwurfsvoller Stimme an ihre angeborene Herzschwäche erinnern und mir dann subtil zu verstehen geben, dass ich an meiner Situation ja offensichtlich selbst schuld sei, man sehe sich nur mein Magisterzeugnis an. Dann würde sie alle vier Stunden anrufen, um zu hören, ob es schon etwas Neues gibt. Manchmal frage ich mich wirklich, wie man so sadistisch und zugleich so masochistisch sein kann wie sie.

Das Telefon klingelt ein allerletztes Mal, dann ist es endlich still.

Ich lege mich wieder auf den Rücken und versuche zu rekonstruieren, was gestern geschehen ist. Keine leichte Übung.

Also, ganz langsam:

Wie bei allen negativen Dingen im Leben sah am Anfang alles noch ganz positiv aus. Es begann gestern Vormittag, als ich mit dem Manuskript von Ziele verwirklichen durch visuelle Autosuggestion auf dem Weg in die Herstellung war. Auf dem Flur begegnete mir Olaf Schwarz, der Chef des Schwarz Verlags, in dem ich als Lektorin arbeite (na gut, arbeitete)– ein dicklicher Mann mit Halbglatze, viel Energie und schwachen Nerven. Im Vorbeigehen rief er mir zu, ich möge doch gleich mal in seinem Büro vorbeikommen, natürlich erst, wenn ich meinen Gang erledigt hätte. Ich schenkte ihm mein breitestes Mit-Vergnügen-Chef-Lächeln, legte den Papierstapel auf den Schreibtisch der zuständigen Herstellerin Nadine ab und hinterließ ihr, obwohl wir uns nicht ausstehen können, ein schleimiges Post-It mit einem dümmlichen Smiley und einem aufgesetzt fröhlichen Danke!!!

Dann schlenderte ich, ein stummes Pfeifen auf den Lippen, hinauf in den fünften Stock, wo Geschäftsführung und Buchhaltung ihre Büros haben. Ich arbeitete bereits seit fünf Jahren bei Schwarz, erst als Praktikantin, dann als Volontärin, dann noch einmal zwei Jahre als Assistentin. Seit fast einem Jahr war ich nun als Lektorin im Bereich Lebensberatung und Berufsstrategie tätig; jetzt endlich, da war ich mir sicher, würde mir Olaf Schwarz eine unbefristete Stelle anbieten. Als ich sein Zimmer betrat, fing er auch tatsächlich an, etwas von großartiger Arbeit und fantastischer Kollegin zusäuseln, von Zuverlässigkeit und unbestechlichem Urteil, doch dann fiel plötzlich das Wort Wirtschaftskrise, und mein Lächeln fror ein, vor allem, weil er mir nicht eine Sekunde lang in die Augen sah. Er nuschelte noch irgendetwas von betriebsbedingt und E-Book-Markt und begleitete mich, weitere Entschuldigungen sabbernd, zur Tür, die er hinter mir schloss, kaum, dass ich draußen war.

Er hatte mich gerade entlassen.

Ich saß immer noch wie vor den Kopf gestoßen an meinem Schreibtisch, als er zwei Stunden später eine blonde, langhaarige Mittzwanzigerin auf Elf-Zentimeter-Absätzen durch die Abteilungen führte. Natürlich brachte er sie nicht direkt in mein Zimmer (so viel Feingefühl hat sogar ein Mann mit seinem Haaransatz), aber als ich mich aufs Klo schlich, um nach einem heimlichen Heulkrampf hinter verschlossener Bürotür mein verschmiertes Make-up zu richten, sah ich, wie sie mit unserem Hörbuch-Programmleiter Reinhold Feininger über ihre Lektoratserfahrung sprach. Reinhold Feininger– ein Mann mit Haartolle, dem seine Frau jeden Morgen eine Tupperware-Dose mit den Resten vom Abendessen mitgab– starrte mit glasigen Augen auf den dritten Knopf ihrer schwarzen Seidenbluse, während die Tussi von ihrer Tätigkeit bei Gloom & Cherubim Publishing erzählte, einem Verlag, der vor allem Hausfrauen mit Esoterik versorgt. Pendelanleitungen, Quantenheilung und so Quark.

Das war so demütigend! Ich presse meinen Kopf ins Kissen und versuche, mir nicht zu deutlich auszumalen, wie demütigend das war. Aber wenn ein Chef denkt, er könnte einen locker durch ein blondes Dummchen ersetzen, dann sollte man wirklich über seine Perspektiven nachdenken: Gas? Gift? Oder doch lieber springen?

Auf alle Fälle wollte ich auf gar keinen Fall irgendwelchen Kollegen begegnen– ich hatte einfach nicht den Mut, den anderen ins Gesicht zu sehen und ihnen, wenn sie Tschüss, bis morgen! sagen, die Wahrheit zu erzählen: Olaf Schwarz hat mich gegen etwas mit IQ13 und Jeansgröße 25/34 ausgetauscht.

Also verkroch ich mich in meinem Büro, bis die anderen gegangen waren, und richtete alle laufenden Vorgänge so her, dass man mir zumindest nicht vorwerfen konnte, meine Nachfolgerin hätte keine Chance gehabt, sich zurechtzufinden. Dann packte ich sämtliche Bücher, die ich in den letzten Jahren lektoriert hatte und die noch nicht zu Hause in meinem Regal standen, in eine Kiste, rief mir ein Taxi und versuchte mich dazu zu zwingen, mich beim Verlassen des Verlags nicht noch einmal umzusehen.

Der Pappkarton als Krisenaccessoire– jetzt auch in Hamburg-Harvestehude.

Natürlich rammte ich draußen vor der Tür als Erstes Reinhold Feininger, der mit zwei Tengelmanntüten voller Manuskripte im Hauseingang stand und darauf wartete, dass seine Frau ihn abholen kam. Sein Blick wurde mitleidig, als er erkannte, wer der Rowdy mit dem Pappkarton war, aber schließlich erklärte er mir doch, dass man die Neue habe nehmen müssen– Mitarbeiter mit diesen Qualifikationen gebe es nicht oft auf dem Arbeitsmarkt.

»Was für Qualifikationen?«, fragte ich gereizt und eigentlich nur, weil ich sehen wollte, wie Reinhold Feininger mit rotem Kopf zu stammeln beginnt, aber dann erzählte er, dass die Dame eine Urenkelin Max Plancks sei, in Oxford studiert habe und vorher Sachbuch-Programmleiterin beim berühmten Bloomsbury-Verlag in London gewesen sei.

Bloomsbury Publishing. Nicht Gloom & Cherubim.

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist, als durch ein blondes Dummchen ersetzt zu werden– wenn sie dich durch ein blondes Dummchen ersetzen, das dreimal so klug ist wie du und auf Elf-Zentimeter-Absätzen laufen kann.

Zu Hause schüttete ich eine halbe Flasche Weißwein in mein Riesenrotweinglas und trank es noch im Stehen aus. Dann schenkte ich mir die andere Hälfte ein und machte einen SOS-Anruf bei meiner besten Freundin Sarah. Sarah und ich kennen uns noch aus meiner Studentenzeit, als sie in meinem Lieblingscafé kellnerte und immer einen guten Grund wusste, warum ich lieber noch einen Cappuccino bestellen und die Vorlesung sausen lassen sollte. Eine Zeit lang gingen wir fast jeden Abend zusammen aus, denn durch ihre Kontakte in die Gastronomie wusste sie wirklich von jeder Party der Stadt. Sie stand entweder auf der Gästeliste oder wurde vom Türsteher vom Ende der Schlange nach vorne gewunken. Sie wusste, bei welchem Barkeeper man Freigetränke bekam und wer noch Zigaretten hatte, wenn alle Automaten leer gekauft waren.

Inzwischen hat sie den Job, den sie sich immer gewünscht hat, und ist ein bisschen ruhiger geworden. Sie arbeitet als Köchin im Edelweiß, einem Blankeneser Nobelrestaurant, das so angesagt ist, dass es inzwischen sogar meine Eltern mitbekommen haben. Schon seit Monaten versucht meine Mutter mich dazu zu überreden, einmal mit ihnen dort hinzugehen– sie will einfach nicht kapieren, dass es mir irgendwie unangenehm wäre, mich mit meinen Eltern von meiner besten Freundin bewirten zu lassen. Wahrscheinlich fände sie es sogar schick, raushängen zu lassen, dass ich mit jemandem aus einer Zwei-Hauben-Küche befreundet bin.

Eine Stunde nach meinem Anruf saßen Sarah und ich im Roten Stern, einer Bar im Schanzenviertel, in der sich die Hamburger Gastroszene nach der Arbeit trifft, um sich mit unschlagbar billigen Drinks volllaufen zu lassen. Man kann sich dort eine Flasche Schnaps und Gläser auf den Tisch stellen lassen, hinterher wird der Füllstand abgemessen, und man bezahlt nach getrunkenen Zentimetern.

Sarah bestellte eine Flasche Wodka und zwei Gläser und tat auch sonst alles, was man von einer besten Freundin in einer solchen Situation erwartet: Sie streichelte meine Hände und sprach mir Mut zu, machte dumme Witze über Olaf Schwarzens Halbglatze und erteilte mir zwischendrin die klügsten Ratschläge, die ich je bekommen hatte.

Leider kann ich mich an keinen einzigen mehr erinnern.

Ich kann mich eigentlich an nichts von dem erinnern, was danach geschah, so sehr ich mein angeschlagenes Hirn auch bemühe. Nur so viel weiß ich noch: Irgendwann muss sich meine Laune verbessert haben, denn durch meinen Kopf geistern ein paar schemenhafte Bilder davon, wie plötzlich, als Sarah sich zu fortgeschrittener Stunde verabschiedete, ein paar ihrer Kollegen an meinem Tisch saßen und ich mich köstlich über die riesige Nase des einen amüsierte und es unglaublich witzig fand, dumme Anspielungen auf seinen Johannes zu machen.

Wie beschämend. Mein ganzes Leben ist beschämend! Seit die Sache mit Jan passiert ist, geht es bergab. Was kommt denn bitte schön als Nächstes? Ich bin arbeitslos, und jetzt? Ich sehe es schon vor mir: wie Menschen, die einmal mit mir befreundet waren, nun wegsehen, wenn sie mir auf der Straße begegnen. Wie ich, statt wie bisher Grünen Veltliner bei Jacques’ Weindepot zu holen, anfange, Wilthener Goldkrone bei Lidl zu klauen. Wie lange werde ich mir noch die Miete leisten können? Ich stelle mir vor, wie ich in dem nudefarbenen Kaschmirkleid, das ich mir neulich in den Alsterarkaden gekauft habe, auf dem PVC-Belag einer Sozialwohnung liege, der Boden hat Brandlöcher, das Kleid Branntweinflecken, und meine Augen– meine Augen sehen aus, als hätte jemand zwei Zigaretten darin ausgedrückt und die Stummel stecken lassen.

Moment. Ich muss doch gar keine Miete zahlen. Die Wohnung, in der ich lebe, haben sich meine Eltern gekauft, aus Steuergründen. Meine Gedanken müssen wirklich konstruktiver werden. Ich male mir aus, wie ich Olaf Schwarz eine Flasche Goldkrone über das rosa Käppchen auf seinem Schädel ziehe– ach, das war gar kein Käppchen, sondern Ihre Stirnglatze? Ooopsie!

Schon besser. Mir gelingt ein erstes Grinsen.

Das Telefon fängt schon wieder an zu klingeln. Meine Güte, wie kann man nur so penetrant sein! Ich bringe es immer noch nicht über mich dranzugehen. Ich fühle mich um Galaxien zu schwach, meiner Mutter vorzulügen, dass alles in Ordnung sei– und die Wahrheit kann ich ihr ja wohl schlecht sagen. Mama, in Wirklichkeit bin ich gar nicht mehr mit Jan zusammen, schon seit drei Monaten nicht mehr– und, übrigens: Arbeitslos bin ich auch!

Ich meine, es ist ja nicht so, dass ich immer von einer befristeten Stelle als Lektorin für Lebensberatung und Berufsstrategie geträumt hätte, ganz im Gegenteil.

Gott, ich erinnere mich noch lebhaft an den Moment, als mich meine Eltern mit bleichen Mienen beiseitenahmen und mich fragten, was ich mit diesem Germanistikstudium denn bitte schön anfangen wolle (sie sprachen es aus, dass es klang wie Ger-mist-ikstudium). Dazu muss man wissen, dass ich einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie entstamme, zu deren festen Ansichten die gehört, dass die Beschäftigung mit Kunst, Philosophie, Theater und ähnlichem Unfug einem den gesunden Menschenverstand vernebelt und dass man zum Geschäftemachen keine modernen Versepen, sondern Schneid und einen klaren Kopf braucht. Als ich den beiden antwortete, ich wolle Verlagslektorin werden, seufzte meine Mutter wie eine Märtyrerin, die ihr liebstes Kind an die Ungläubigen verloren hat. Mein Vater zog sich ohne ein weiteres Wort in sein Arbeitszimmer zurück, um den Schmerz bei einem Pfeifchen zu verdauen.

Ehrlich gesagt, hatte ich, als ich »Lektorin« sagte, noch an elegante Prosa gedacht, an hohe Literatur, an gesellschaftskritische, revolutionäre Romane. Aber bekanntlich besteht ja eine der wichtigsten Lektionen im Leben darin zu erkennen, wenn man zu hohe Ansprüche an selbiges stellt. Das behauptet zumindest Willibald Abraham Smith, Autor des Weltbestsellers Gib dich auf– und du bekommst dich doppelt und dreifach zurück, dem ersten Ratgeber, den ich in meinem Leben gelesen habe, als Vorbereitung meines Vorstellungsgesprächs für das Praktikum bei Schwarz. Ich habe mich nie für Ratgeber interessiert und hätte mich nicht mal im Traum bei Schwarz beworben, wenn ich von irgendeinem literarischen Verlag eine positive Antwort bekommen hätte. Nicht, dass ich das meiner Mutter gegenüber zugeben würde, aber wahrscheinlich lag das tatsächlich an meinen Abschlussnoten: Auch ohne Ratgeberlektüre war ich immer überzeugt gewesen, dass man seine Studienzeit kreativ nutzen sollte, schließlich geht es bei der Sache ja vor allem auch um Persönlichkeitsentwicklung. Entsprechend sah dann leider mein Magisterzeugnis aus. Durchschnitt: 3,3.

Oh Gott. Wenn ich mein Leben weiterhin Revue passieren lasse, fange ich noch an zu heulen. Ich muss irgendetwas tun, sonst artet das hier endgültig in eine Depression aus. Ja, genau, etwas tun– das ist gut, das ist doch das, was ich von meinen Eltern gelernt habe. Erst mal aufstehen. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich ins Gleichgewicht gefunden habe, aber dann geht es, wer sagt’s denn. Ich hebe meinen Bademantel vom Fußboden auf, schlurfe ins Bad und klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht. Beim Blick in den Spiegel bemerke ich, dass die rechte Seite meines blonden Lockenkopfs ganz plattgelegen ist– als hätte ich die ganze Nacht wie ohnmächtig dagelegen. Ich versuche gar nicht erst, meinem Haar eine neue Form zu geben, sondern gehe in die Küche und mache mir einen schönen starken Kaffee. Er schmeckt scheußlich, aber was tut man nicht alles. Und immerhin, als ich die erste Tasse getrunken habe, fühle ich mich schlagartig zehn Jahre jünger– ungefähr wie neunundsiebzig statt neunundachtzig. Und eine gute Idee habe ich plötzlich auch. Ich gehe in den Flur und suche aus meinem traurigen Pappkarton ein Buch heraus, das ich noch als Volontärin betreut habe: Arbeitslos, na und? Kündigung als Chance.

Na also.

Wollen wir doch mal sehen, welche Chance darin liegt, kein Geld, keine Aufgabe und keinen Sozialstatus mehr zu haben. Ich weiß zwar, dass der Autor ein Universitätsprofessor und damit unkündbar ist und außerdem in seinem ganzen Leben nie weniger als ein sechsstelliges Jahresgehalt bezogen hat, aber was soll’s. Ich setze mich an den Küchentisch und schlage das Buch auf.

Oh no.

Das war ja mal wieder klar: ein Rechtschreibfehler, gleich auf der ersten Seite des Vorworts. Den muss ich übersehen haben. Statt »die Gelegenheit beim Schopfe packen« steht da: »backen«. Mist. Warum passiert das immer nur mir? Ich kann ein Buch zwanzigmal Korrektur lesen, und auf der ersten Seite ist ein Fehler. Manchmal vermute ich ja, dass die biestige Nadine aus der Herstellung die absichtlich reinmacht.

Na ja. Inzwischen kann es mir ja egal sein. Ich blättere weiter zum ersten Kapitel.

Mann. Warum klingelt das Telefon denn schon wieder, ausgerechnet jetzt, wo ich dabei bin, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen? Ich stöhne wütend auf, rolle mit den Augen, dann denke ich, na gut, meinetwegen, geh ich eben dran. Ich meine, genau genommen gibt es doch eigentlich gar keinen Grund, meiner Mutter die Wahrheit zu sagen. Ich bin eine gute Lektorin, das haben mir schon so viele Leute gesagt. Ich werde mir einfach etwas Neues suchen und meinen Eltern dann sagen, dass ich ein besseres Angebot bekommen habe. Wahrscheinlich wäre das nicht einmal eine Lüge, weil mein Einkommen im Vergleich zu dem bei Schwarz ja eigentlich nur besser werden kann. Ja, das ist gut. So werde ich es machen.

»Hardenberg?«, melde ich mich mit derselben supergehetzten Stimme, die ich im Büro immer aufgelegt habe, wenn das Telefondisplay die Nummer eines Autoren zeigte, dem ich eine Reaktion auf sein Manuskript schuldig war. Autoren fühlen sich ständig ungeliebt und denken immerzu, ihr Manuskript sei das einzige, für das man sich nicht interessiere, weshalb Lektoren immerzu so tun, als würden die Umstände sie zwingen, selbst Günther Grass sechs Monate auf eine Antwort warten zu lassen. Aber wie heißt es so schön in Lügen haben lange Beine– einfach besser aussehen mit kleinen Flunkereien: Menschen wollen belogen werden, zumindest manchmal.

»Da bist du ja endlich, ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen!«

Darf ich vorstellen: meine Mutter. Sie hat sofort einen dermaßen anklagenden Unterton in der Stimme, dass ich meinen linken Daumen ganz fest umklammere, um ihr wirklich ganz sicher nicht versehentlich doch die Wahrheit zu sagen.

»Oh, wirklich?«, sage ich. »Das tut mir leid, tja, das muss ich irgendwie…« Ich muss nicht lange stammeln, denn natürlich lässt sie mich nicht ausreden. Macht sie nie!

»Dein Handy hast du ja wieder mal ausgeschaltet, also hab ich es im Büro probiert, aber da sagte mir deine Sekretärin, du seiest momentanfreigestellt, was auch immer sie mir damit mitteilen wollte.«

Ich muss schlucken. Freigestellt nennen sie das also. Sie haben mich gezwungen, meinen Resturlaub sofort zu nehmen! Und welche blöde Kuh ist bitte einfach an mein Telefon gegangen? Mir schießen die Tränen in die Augen, und ich kann gar nichts sagen, was meine Mutter zum Glück natürlich nicht bemerkt. Sie bemerkt ja nicht mal, dass ich in meinem ganzen Leben nie auch nur einen Tag lang eine Sekretärin hatte. Aber so sind wahrscheinlich alle Mütter: Im Notfall bilden sie sich den Erfolg ihrer Kinder einfach ein. So wird aus einem hübschen Liedvortrag bei der Familienfeier schnell eine bescheidene Weltkarriere als klassische Sopransängerin.

»Na ja«, plappert sie weiter, »auf alle Fälle habe ich mich ja längst damit abgefunden, dass du schwer zu erreichen bist, aber diesmal, also ich muss schon sagen…«

»Vielleicht war ich gerade in der Badewanne«, schlage ich mit matter Stimme vor. Meine Lieblingsausrede, denn jeder in meinem Bekanntenkreis kennt meine Leidenschaft für ausgedehnte Wannenbäder. Ich würde niemals in eine Wohnung ziehen, in der es bloß eine Dusche gibt, und fühle mich erst dann irgendwo zu Hause, wenn ich in der Lage bin, den Wasserhahn ohne hinzusehen mit den Füßen zu bedienen.

»In der Badewanne? Ich dachte, du arbeitest zu Hause!«

Mann, wahrscheinlich muss ich ihr auch noch Rechenschaft über meinen Alltag ablegen, wenn ich in Rente bin. Ach, was soll’s. Ich sollte lieber froh sein, dass sie denkt, »freigestellt« bedeute so viel wie »Heimarbeitstag«.

»Tu ich ja auch«, sage ich, ziehe den Arbeitslosigkeitsratgeber auf den Schoß, raschle mit den Seiten und schicke einen stillen Wunsch ins Universum: dass dieser Tag und vor allem dieses Telefonat schnell zu Ende gehe.

»Na ja, ist ja auch egal«, sagt sie und atmet durch. »Warum ich eigentlich anrufe: Tante Johanna ist tot.«

2

»Oh«, sage ich erst, und dann: »Oh weh.« Dann schweige ich, und meine Mutter schweigt auch. Kurz darauf bemerke ich, dass sich die Traurigkeit um mich legt wie eine schwere Decke.

Eigentlich ist Tante Johanna gar nicht meine Tante, sondern eine Schwester meiner Großmutter, und ich habe sie nicht sehr oft gesehen, in meinem ganzen Leben vielleicht zehn- oder zwölfmal. Als Kind habe ich hin und wieder die Ferien bei ihr verbracht, aber längst nicht so oft, wie ich es gern getan hätte. Meine Familie wollte nicht mehr viel mit ihr zu tun haben, seit sie vor vielen Jahren einen Weinbauern aus dem Südtiroler Gadertal kennengelernt und geheiratet hat. Sie hat dann eine Pension in den Bergen eröffnet, die so einfach ist, dass die Zimmer weder eigene Bäder noch eine Heizung haben. Das mit der Heizung ist eigentlich egal, weil Alrein ohnehin nur in den Sommermonaten geöffnet ist. Trotzdem reagierten die Hardenbergs so heftig auf ihren Entschluss, wie nur Menschen reagieren können, die sich unter dem Wort »Sommerfrische« eine kalte Dusche vorstellen, und denken, Menschen mit Aussteigerfantasien seien nicht reif für die Insel, sondern für die Klapse.

Ich hatte Tante Johanna schon als Kind sehr gern, weil sie es, anders als meine Eltern, ganz und gar nicht unmöglich fand, Wurstbrote nicht mit Messer und Gabel zu essen. Später dann war sie die Einzige in meiner Familie, die mich unterstützte, als ich mich weigerte, meinen Eltern zuliebe eine kaufmännische Lehre zu machen. In dieser Zeit schrieb sie mir regelmäßig Briefe, in denen sie von ihrem Leben in Alrein erzählte, von den Gästen und deren Marotten, von den Angestellten und davon, was es zu essen gab. Ich beantwortete diese Briefe, nun ja, eher unregelmäßig, aber zu ihren Geburtstagen rief ich sie an, und dann verbrachten wir Ewigkeiten damit, über meine überehrgeizigen Cousinen, meine Mutter und meine jeweils aktuellen Männer zu schimpfen. Man könnte sagen, dass Tante Johanna und ich die beiden schwarzen Schafe des Hardenberg-Clans waren, obwohl ihr Nachname inzwischen Pichler war.

»Na ja, wir sind natürlich alle furchtbar traurig, nicht wahr?«, sagt meine Mutter. »Aber, ach je, sie war immerhin 85, vielleicht war es auch einfach an der Zeit. Auf alle Fälle musst du dir übermorgen freinehmen, wegen der Beerdigung, und danach ist ja Leichenschmaus und dieser ganze… na ja.«

Dieser ganze Quatsch wollte sie sagen, das weiß ich genau.

»Übermorgen? In Südtirol?«

»Nicht Südtirol, Kindchen«, sagt sie in einem Ton, als hätte ich sie gefragt, ob es tatsächlich stimmt, dass Babys von Störchen geliefert werden. »Wir werden Tante Johanna in Blankenese beerdigen, in unserem Familiengrab. Das Bestattungsunternehmen hat die Überführung schon veranlasst, morgen ist sie da.«

Und ich ahne schon, wieso. Wahrscheinlich hat Papa ausgerechnet, dass es viel billiger ist, einen Leichnam nach Hamburg transportieren zu lassen, als mit der ganzen Familie nach Brixen zu reisen. Schon bei der Beerdigung von Johannas Mann, Onkel Schorschi, hat er die ganze Reise lang über die irrsinnigen Preise für die Flugtickets gejammert.

»Aber meinst du nicht, dass sie lieber in Südtirol beerdigt werden würde? In ihrer Heimat? Bei ihrem Mann?«

»Kindchen. Nur Gott weiß, was Tante Johanna damals geritten hat, ihre Familie zu verlassen, um mit diesem Almöhi ihr Leben zu ruinieren, aber eines ist doch sicher: Ihre Heimat ist immer noch hier in Hamburg.«

Wenn ich meine Mutter so höre, ahne ich durchaus, was Tante Johanna geritten hat, aber zum Thema Leben ruinieren verkneife ich mir im Augenblick besser jeden Kommentar. Ich will mich gerade verabschieden, da fällt ihr noch etwas ein.

»Und, Sophie? Bitte zieh dir was Ordentliches an. Nicht wieder so etwas wie dieses sogenannte Kleid von letztens, ja? Marianne wird kommen, Lydia und Helena auch, und ich möchte mich nicht wieder für dich schämen müssen! Hast du gehört, Sophie?«

Oh, was hätte ich Lust, sie anzubrüllen! Nicht, dass sie das beeindrucken würde, aber das sogenannte Kleid war ein noch im Schlussverkauf sündhaft teures Stück von Martin Margiela, einem Designer, der immerhin schon mal eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst hatte. Ich weiß ganz genau, dass es ihr nur aus einem Grund nicht gefallen hat, weil es ein bisschen wie ein Trainingsanzug aussah, sportlich statt bieder. Meine Mutter findet, dass es auf der Welt nur eine akzeptable Modemarke gibt: Chanel, und zwar die Sachen, die Coco noch persönlich designt hat.

Statt, wie ich es im Streit mit ihr schon einmal gemacht habe, den Inhalt meines Geschirrschranks Stück für Stück in der Spüle zu zerhauen, schlucke ich meinen Zorn herunter und antworte mit liebenswürdiger Stimme: »Ja, Mama.«

Als sie aufgelegt hat, lehne ich mich zurück, schließe die Augen und versuche mich daran zu erinnern, welche Atemtechnik Sri Swami Aloo Gobi in Lotus-Atmung für Manager– in ruhigem Rhythmus zum Erfolg für Stresssituationen wie diese empfohlen hat. Leider vergeblich.

Ach, aber wer macht sich nicht manchmal Gedanken darüber, ob das Verhältnis zu den eigenen Eltern nicht ein Fall für eine Psychotherapie wäre? Eigentlich wäre meine Mutter gar nicht so ein schlimmer Mensch, das Problem ist bloß, dass die Familie für sie das ist, was die Partei für die DDR gewesen ist– sie hat immer recht, und wer sich ihr nicht unterordnet oder sie sogar verrät, hat für alle Zeiten ausgeschissen.

Arme Tante Johanna, ich hatte sie wirklich gern. Wann war ich das letzte Mal bei ihr oben in Alrein? Das muss bei der Beerdigung von Onkel Schorschi gewesen sein. War das vor drei Jahren? Oder sogar vor vier? Auf alle Fälle muss ich damals schon mit Jan zusammen gewesen sein, denn ich weiß noch ganz genau, dass wir am Abend nach der Beerdigung ziemlich schmutzigen Sex hatten. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, aber ich weiß noch, dass ich hinterher ein furchtbar schlechtes Gewissen hatte.

Es tut mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, dass ich mich nach der Beerdigung, statt mich um Johanna zu kümmern, mit Jan aufs Zimmer verzogen hab. Ausgerechnet mit Jan, diesem Arschloch! Und dass ich sie seitdem kein einziges Mal mehr besucht habe. Dabei wusste ich doch, dass sie zwar unglaublich rüstig, aber eben auch unglaublich alt war.

Ach, und von wegen besucht– nicht einmal gedacht habe ich an sie. Stattdessen hab ich mich wie verrückt auf meine Arbeit konzentriert.

Ich fühle mich ganz elend, wie der schlechte Abklatsch einer karrieregeilen Tussi, die nur Sex und Klamotten und ihren Job im Kopf hat. Und das ist jetzt die Strafe, dass ich gar nichts mehr habe, keine Arbeit und keinen Sex. Was anzuziehen hat man ohnehin nie, und meine Großtante habe ich auch verloren.

In meinem Hals wächst ein riesiger Kloß heran, und ich spüre, wie eine Träne langsam über meine Wange läuft. Ich wische sie mir aus dem Gesicht, kippe mir zwei Fingerbreit Trost-Rum in den Kaffee, schnappe mir meinen Ratgeber und schlurfe in Richtung Schlafzimmer– wo sich plötzlich das Bett bewegt.

Hä?

Autsch! Mir muss vor Schreck das Buch aus der Hand gefallen sein, denn es ist mit der Ecke voran auf meinem nackten Fuß gelandet, Mist. In einem zweiten Schreck habe ich den Kaffee verschüttet, natürlich nicht übers Parkett, sondern über meinen weißen Bademantel aus Kuschelfrottee. Als sei das alles nicht schon schlimm genug, ich meine alles, die Sache mit dem Job, mit Jan, mit Johanna, mit dem Buch, mit dem verschütteten Kaffee– finde ich jetzt auch noch einen Typen in meinem Bett, von dem ich keine Ahnung habe, wie er dort hingekommen ist. Ich kenne keine Männer, die einen solch breiten Rücken haben. Ich kenne auch keine Männer, die um diese Jahreszeit einen appetitlich gebräunten Rücken haben. Ich kenne eigentlich nur Männer, die Pickel…

Oh Gott, er dreht sich um.

Oh Gott, und wie ich den kenne.

Ohgottohgottohgott.

Über den Laken erscheint, umrahmt von einer dunklen Strubbelmähne, ein strahlendes Lächeln.

»Gibt’s schon Kaffee?«, sagt der Typ.

Er ist einer von Sarahs Gastro-Freunden von letzter Nacht. Johannes, der mit der Nase.

3

Es gab wirklich schon viele Momente in meinem Leben, in denen ich mir gewünscht habe, kein Mitglied meiner Familie zu sein, aber so schlimm wie heute war es noch nie. Tante Johanna und Onkel Schorschi hatten keine Kinder, und weil ihre Schwester, Oma Grethe, vor ungefähr zehn Jahren an Hartherzigkeit gestorben ist (na gut, es war ein Myokardinfarkt, aber ich wette, dass man sich den auch durch emotionale Kälte zuziehen kann), sind Tante Marianne und meine Mutter ihre nächsten lebenden Verwandten. Und, ganz ehrlich, ich muss sagen: Sie spielen diese Rolle vorzüglich.

Besonders unfassbar benimmt sich Tante Marianne, die neben der Queen und allenfalls noch Victoria Beckham vermutlich die einzige Frau auf Erden ist, die heute noch mit schwarz verschleiertem Hut auf Beerdigungen geht. Der Unterschied ist freilich, dass sogar Victoria Beckham wüsste, dass es einen Tick too much ist, zum schwarzen Schleier auch noch eine riesige Sonnenbrille zu tragen– vor allem dann, wenn man in einer Aussegnungshalle steht, die bis auf den von einem Deckenstrahler beleuchteten Sarg total schummrig ist. Sie sieht aus wie ein erschrockenes Insekt, das mit dem Kopf in ein Spinnennetz geraten ist. Immer wieder schluchzt sie leise auf, wirft den Kopf in den Nacken und blinzelt durch die Sonnenbrille zur Decke, als würde sie Gott um eine Antwort anflehen, dabei fragt sie sich vermutlich bloß, wie sie es am besten hinkriegt, so zu weinen, dass ihr Make-up nicht verschmiert.

Auch meine Mutter läuft herum wie eine russische Immobilienspekulantenwitwe von der Upper West Side. Anders als normale Blankeneserinnen, die gerne zeigen, dass sie es nicht nötig haben, ihren Reichtum zu zeigen, hat sie die Neigung, ausschließlich Seide, Kaschmir und Tweed von den Äußeren Hebriden zu tragen, dazu antike Perlenketten, die so lang sind, dass man daran eine Ladung Buntwäsche aufhängen könnte. Auch heute liefert sie wieder einen gelungenen Auftritt. Obwohl draußen die Sonne scheint und man die Temperaturen durchaus als frühlingshaft bezeichnen könnte, trägt sie ihren schwarzen Nerzmantel, dazu ein Kopftuch aus schwarzer Seide.

Sehr zum Leidwesen meines Vaters, der ihre Luxusspielchen meiner Ansicht nach nur mitspielt, weil er die Unannehmlichkeiten einer Scheidung fürchtet, hat sie wahnsinnige Angst davor, für einen ganz gewöhnlichen Menschen gehalten zu werden und zum Beispiel im Restaurant den Katzentisch neben den Klos zu kriegen. Diese Angst führt dazu, dass es jedes Mal, wenn meine Mutter mit dem Dienstleistungssektor zusammentrifft, zu Auseinandersetzungen kommt, die meinem Vater so peinlich sind, dass er mit rotem Kopf in seinen Krawattenknoten nuschelt: »Ist schon gut, Gisela, der Kellner kann doch nichts dafür.« Was meine Mutter bislang noch nie sonderlich beeindruckt hat.

Auch das sollte ich noch über meine Familie sagen: Bei den von Hardenbergs herrscht das totale Matriarchat. Männer haben bei uns schon seit Generationen nichts mehr zu melden, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass mein Großvater meiner Großmutter je widersprochen hätte. Und dass meine Mutter und Marianne ihre Männer dazu gezwungen haben, bei der Hochzeit den Namen von Hardenberg anzunehmen, spricht ja wohl auch Bände. Die Art und Weise, wie meine Eltern vorhin die Aussegnungshalle betreten haben, ist ganz typisch: Meine Mutter hatte sich zwar bei meinem Vater eingehakt, trotzdem sah man ganz genau, dass er nicht sie leitete, sondern sieihn quasi an der Leine führte.

Jetzt kommen auch noch meine verhassten Cousinen herein, Helena und Lydia, die Töchter von Tante Marianne. Ihre Männer, die inzwischen übrigens ebenfalls von Hardenberg heißen, folgen mit zwei Schritten Abstand– Sicherheitsabstand, wenn man mich fragt. Ich glaube, die beiden Schnepfen haben ihre ganze Ehe lang noch keinen Gedanken daran verschwendet, was mit ihren Jacken passiert, nachdem sie sie von den Schultern haben gleiten lassen– es stand immer ein treuer Gatte parat, der das gute Stück pfleglich auf einen Bügel hängte.

Helena und Lydia sind eineiige Zwillinge, und schlimmer noch, sie sind wie eineiige Zwillinge aus einem dieser Horrorfilme, an denen man manchmal hängen bleibt, wenn man spätnachts nicht schlafen kann– womit sich dann die Sache mit dem Einschlafen endgültig erledigt. Die beiden sind drei Jahre älter als ich, und schon als Kind dominierten unser Verhältnis, na ja, nicht ausschließlich harmonische Töne. Ich weiß noch genau, wie sie vor den Erwachsenen mit ihren hübschen bunten Oilily-Kleidchen und braven Zöpfen Blümchen pflückten und Babypuppen pflegten, kurz: ohne Gnade auf niedlich machten, nur um mir, kaum, dass wir wieder aus dem Blickfeld der Großen waren, die allerfiesesten Streiche zu spielen. Juckpulver, Furzkissen, Frisierpuppen mit Haaren, die dann, oh weh!, komischerweise doch nicht nachwuchsen– ich habe alles erlebt, ehrlich, und vor allem die Sache mit der Frisierpuppe ist mir mehr als nahegegangen. Ich hatte ausprobieren wollen, wie ihr ein Bubikopf steht, und stellte fest: gar nicht…

Heute sind Helena und Lydia Rechtsanwältinnen in irgendeiner internationalen Topkanzlei, obwohl sie mit ihren Jil-Sander-Kostümen, Büropumps, Seidentüchern und perfekt gescheitelten Pagenfrisuren eher wie Lufthansa-Stewardessen aussehen. Davon abgesehen, dass sie dich eher mit Spiritus übergießen würden als dir einfach mal so etwas zu trinken zu bringen. Wirklich, ich habe Mitleid mit jedem, der vor Gericht mit einer der beiden zu tun hat, zumindest als Gegner. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen, die beiden haben im Auftrag ihrer Mutter sogar gegen den eigenen Vater eine Unterhaltsklage geführt!

Selbst jetzt, da Helena und Lydia vor Johannas Sarg treten, um einen Kranz mit den zärtlichen Worten Der Herr hat genommen– Deine Lydia und Helena abzulegen, schauen sie noch drein, als befänden sie sich in einem Strafprozess und würden dem Richter gleich triumphierend den entscheidenden Beweis vorlegen.

Na ja, vielleicht sollte ich lieber still sein. Immerhin haben sie einen Kranz mitgebracht. Ganz im Gegensatz zu mir. Das geht mir immer so: Vor einer Beerdigung finde ich allein den Gedanken an Grabblumen schleimig, falsch und abgeschmackt, aber wenn ich dann mit leeren Händen vor dem Sarg stehe, schäme ich mich furchtbar.

Jetzt erklingt Orgelmusik, und alle setzen sich. Der Pfarrer, der neben den Sarg tritt, ist ein jungenhafter blonder Typ, dessen Haare so struppig in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass es wirkt, als hätte der liebe Gott tatsächlich mal von oben ins Geschehen eingegriffen und ihm höchstpersönlich durchs Haar gewuschelt. Ich kann es mir nicht verkneifen, ihn ein ganz klein bisschen niedlich zu finden, obwohl Frauen, die Männer niedlich finden, eigentlich doch ganz schön dämlich sind. Ich meine, Hand aufs Herz: Was nervt mehr als Til Schweiger auf der Leinwand? Frauen, die am Cine-Lady-Tag im Kino hocken, Prosecco aus Plastikgläsern verschütten und kreischen: »Til Schweiger! Süüüüß!«

Der Pfarrer wartet, bis die Orgelmusik verklungen ist, dann verschränkt er die Hände vor dem Schoß, seufzt und fängt an zu reden.

»Liebe Familie von Hardenberg, liebe Angehörige und Freunde, liebe Trauergemeinde.«

Oh weh. Der niedliche Pfarrer hat eine Kastratenstimme wie Philip Seymour Hoffman in dem Film über das Leben des schwulen Schriftstellers Truman Capote– und ist mit einem Schlag nicht mehr ganz so niedlich.

»Letzten Freitag«, leiert er weiter, »wurde unsere Schwester in Christo Johanna Pichler, geborene von Hardenberg, im gesegneten Alter von 85 Jahren vor unseren Schöpfer gerufen. Ich möchte das Gedenken an unsere Schwester in Christo unter ein biblisches Wort stellen, welches zugleich ihr Konfirmationsspruch gewesen ist…«

Die Rede ist so öde, dass Tante Johanna spätestens jetzt gestorben wäre, aus Langeweile. Ob sich die anderen auch gerade überlegen, was das süße Pfarrerlein unterm Kittelchen trägt? Ob er sich allzeit bereithält für kleine, blonde Bübchen? Jaaaa, okay, sorry, ich weiß selbst, dass man an Beerdigungen der Verstorbenen würdigere Dinge denken sollte, aber so leid es mir tut, irgendwie kriegt es dieser Struwwelpriester hin, dass mich die ganze Zeremonie kein bisschen berührt. Im Gegenteil. Man sollte sein tussiges Gesabbel auf Band aufnehmen und als nebenwirkungsfreie Alternative zu Baldrian-Hopfen-Tee verkaufen. Oh, pssst, Moment mal. Was redet er da?

»…verstarb im Pflegeheim Villa Desideria in Brixen, und statt ihren Tod zu beklagen, sollten wir ihrem Schöpfer, unserem Herrn, von Herzen dafür danken, dass er ihr langes Leiden beendet hat.«

Pflegeheim? Langes Leiden? Brixen? Meine Mutter hat erzählt, sie sei beim Wandern ausgerutscht und dabei auf einen Stein gefallen! Ich blicke zu ihr hinüber, aber sie bemerkt mich nicht, sondern schaut mit betroffener Miene in Richtung Pfarrer. Der Pfarrer stimmt ein Lied an, der Pfarrer lässt uns beten, und alle machen mit, als sei nichts.

Für das, was meine Mutter ohne den Hauch einer Irritation »Leichenschmaus« nennt, haben wir einen kleinen Nebenraum im Alten Fährhaus in Blankenese reserviert, vor dem ein Schild mit der Aufschrift »Geschlossene Gesellschaft« unschuldige Gäste davor schützt, in der Mittagspause von einer Trauergesellschaft daran erinnert zu werden, dass sie sterblich sind.

Ich komme als Letzte in den Raum und muss mich entscheiden, welcher der beiden verbliebenen Sitzplätze das kleinere Übel ist: Der neben meinen Eltern oder der neben meinen Cousinen. Mit Rücksicht auf meine aktuelle Lebenslüge, und darauf, wie heikel ein Sichverplappern wäre, lasse ich mich neben Lydia nieder, die sofort einen teilnahmsvollen Blick aufsetzt und mit dem anfängt, was sie am liebsten tut: angewidert meine Sommersprossen beäugen, ihren perfekten Porzellanteint nachpudern, das Schminkzeug in der Handtasche verstauen– und dann mit lustvollem Ekel in fremdem Elend stochern.

»Na, Sophie? Was macht das Leben?«, fragt sie und greift demonstrativ verliebt die Hand von Thomas, ihrem Mann. Oh, wie ich es hasse, wenn sie mir vorführen muss, wie toll ihr Leben ist. Die beiden schauen mich an wie Afrikatouristen ein besonders mitleiderregendes Bettelkind.

»Alles fantastisch!«, sage ich strahlend, greife in den Brotkorb vor mir, schiebe mir ein Stück Körnerbaguette ins Grinsen und überlege verzweifelt kauend, was ich sagen soll. Alles fantastisch, Jan war ein Griff ins Klo, ich bin arbeitslos und neulich musste ich mir zum ersten Mal in meinem Leben beim Friseur Strähnchen machen lassen, denn stell dir nur vor, meine schönen blonden Locken werden langsam gelblich-grau, wie eine alte Herrenunterhose? Nee, ich weiß was Besseres.

»Und, bei dir?«, frage ich scheinheilig zurück. »Das ist doch wirklich schön, dass es bei euch endlich geklappt hat!«

»Was hat endlich geklappt?«, fragt Lydia misstrauisch.

»Na ja«, sage ich, wackle andeutungsvoll mit den Augenbrauen und deute mit der Nase auf das Speckwülstchen, das über den Bund ihres Röckchens hängt. Das musste jetzt einfach sein. Wenn es zwei dunkle Punkte im perfekten Leben der Zwillinge gibt, dann ihren Kinderwunsch, der sich nicht erfüllen will, und die Gene, die sie von ihrem übergewichtigen Vater haben. Ex-Vater, meine ich.

»Was soll das heißen?« Lydia greift sich erschrocken an den Rockbund.

Ich reiße die Augen auf, schüttle wie wild den Kopf und stammle: »Oh, das tut mir soleid! Verzeih bitte, aber ich dachte… Du sahst nur so… na ja, gesund aus… Ach, vergiss einfach, was ich gesagt hab!«

Lydia nickt blöde, kann aber nicht verbergen, wie getroffen sie ist.

Strike!

Aber klar: Kaum ist Lydia zu Boden gegangen, tritt Helena in den Ring.

»Sophie, wir müssen dir etwas erzählen. Lydia und ich wurden im Januar ins International Lawyers Network aufgenommen, als die jüngsten Frauen in der Geschichte des Verbandes. Ist das nicht toll?«

»Ja, toll!«, sage ich anerkennend, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, was das für ein Verein sein soll, aber als ich Helenas böse blitzenden Augen sehe, wird mir schlagartig klar, dass diese Information ohnehin nur der Schwung für eine besonders fiese Linke ist.

»Und, bei dir? Was macht der Job? Haben sie dir jetzt endlich mal eine richtige Festanstellung verpasst?«

Ich könnte sie umbringen.

»Na ja«, sage ich und lege mir ein frisches Lächeln auf. »Sagen wir so: Es sieht ganz danach aus, als würde sich mein Leben bald ganz dramatisch ändern!«

Ich versuche ein Gesicht zu machen wie eine gewiefte Karrierefüchsin, die genau weiß, was sie will, abgebrüht und zugleich verschmitzt. Sophie von Hardenberg, eine Frau geht ihren Weg.

»Wie?«, mischt sich jetzt wieder Lydia ein. »Das ist ja fantastisch! Hat Jan dir etwa einen Antrag gemacht?«

Schnell, bitte, mein Riechsalz!

»Nein, ich meinte das eher beruflich«, sage ich schnell. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass man mir die Wahrheit an der Nasenspitze ansieht. Ich habe keinen Freund mehr. Ich habe nur noch One-Night-Stands mit Männern, an deren Namen ich mich beim Aufwachen nicht mehr erinnern kann.

»Wow, du machst Karriere«, seufzt Lydia in einem Tonfall, für den ich ihr gerne meine Vorspeisengabel in den Bauch rammen würde. »Dann interessiert dich ja vermutlich gar nicht, was in Großtante Johannas Testament verzeichnet ist?«

Wie bitte? Wie widerwärtig ist das denn? Das Grab ist noch nicht ganz zugeschüttet, und schon geht es nur noch darum, sich möglichst schnell die Geldbörsen zu füllen. Und überhaupt: Alles, was Johanna besaß, war ihre Pension. Und ein klappriger, pinkfarbener Fiat Panda Allrad.

4

Ihr Lieben,

ich hatte ja bis zuletzt gehofft davonzukommen, jetzt hat es mich also doch erwischt. Wahrscheinlich seid ihr froh, mich los zu sein, was mir, das solltet ihr wissen, egal ist. Georg und ich haben ein herrliches Leben gehabt, mit Sonne und Frischluft und Liebe, auch wenn ihr mir das nicht glaubt.

Na gut, na gut, ich will mich kurzfassen, Zeit ist schließlich Geld, was? Nun, ich habe von beidem nicht mehr viel. Wir haben es nie darauf angelegt, reich zu werden. Wir hatten Alrein, und das genügte.

Ich weiß, wie viel die Pension und vor allem das Grundstück, auf dem sie steht, inzwischen wert sind, und ich weiß auch, dass es Leute gibt, die sofort bereit wären, diesen Betrag zu bezahlen, zur Not auch doppelt und dreifach. Deshalb vertraue ich Marianne und Gisela nicht. Ich will nicht, dass sie mein Lebenswerk, noch bevor mein Körper ausgekühlt ist, irgendeinem Immobilienhai zum Fraß vorwerfen– vor allem, weil Georgs Großvater uns das Grundstück damals unter einer Bedingung vererbt hat: Es muss in der Familie bleiben und zwar als ein einziges großes Stück Land. Es darf nicht aufgeteilt werden und muss ohne Zäune bleiben, offen für jeden Menschen und jedes Tier. Deshalb vererbe ich Alrein meiner Großnichte Sophie. Ich weiß, dass sie das Zeug dazu hat, die Pension weiterzuführen– wir haben es schließlich mit Gästen zu tun, die nicht nur ihre Rechnung begleichen, sondern sich bei uns auch wohl- und geborgen fühlen wollen.

Liebe Sophie– ich vertraue darauf, dass Du etwas Besseres aus Alrein machen wirst als der Rest Deiner Familie es tun würde: dass Du das Haus und seine Tradition pflegst und erhältst und weiterführst. Ich hoffe, ihr könnt damit leben, ich will nämlich erst mal meine Ruhe da oben im Himmel oder wo auch immer ich jetzt bin.

Ade, Johanna

Der Notar verstummt, sieht einen Augenblick lang in die Runde, dann steckt er Tante Johannas Testament in die Aktenmappe zurück. Wir müssen irgendwelche Formulare unterschreiben, keiner von uns spricht.

Als wir den Besprechungsraum des Hotel Atlantic verlassen und über dicke Teppichböden einen langen Flur zurück in Richtung Lobby stapfen, höre ich meine Mutter und Tante Marianne mühsam beherrscht miteinander flüstern. Ich verstehe nicht, was.

Ich verstehe sowieso überhaupt nichts. Alrein? Ich?

»Kommt, wir gehen noch einen Tee trinken«, schlägt Lydia plötzlich vor und marschiert, ohne auf die anderen zu warten, zum Café im Hotelatrium. Helena folgt ihr sogleich, Tante Marianne marschiert weiter in Richtung Ausgang, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nur meine Eltern sind stehen geblieben.

»Also, ehrlich gesagt, nach Tee ist mir im Augenblick nicht zumute«, sagt meine Mutter.

»Kannst auch Schnaps bestellen«, sage ich und versuche, nicht zu flehend zu klingen. Plötzlich habe ich wahnsinnige Angst, mit den Cousinen allein zu bleiben.

Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Geht ihr mal und besprecht das«, sagt sie.

Ich starre sie an. Was meint sie? Was ist denn nur bitte los hier?

»Na komm, Gisela, gehen wir«, sagt mein Vater.

»Okay«, sage ich und gehe mit qualmendem Kopf hinüber zu den Zwillingen. Die beiden bestellen Earl Grey für sich und Sekt für mich, aber ich bin zu verwirrt, als dass ich mich darüber wundern würde. Ganz ehrlich, das alles ist gerade doch ein bisschen viel. Erst gestern war die Beerdigung meiner Großtante, und schon einen Tag später haben wir einen Termin im berühmtesten Luxushotel Hamburgs, bei dem ich erfahre, dass ich eine Pension erben werde. Eine Pension in den Bergen. Ich.

»So, was machen wir jetzt mit dir?«

Lydias Stimme schreckt mich auf. Ich bin einen Moment lang abgelenkt gewesen, gerade eben ist doch tatsächlich Udo Lindenberg durch die Halle geschlurft.

»Was meinst du?«, frage ich und sehe ihr ins Gesicht.

»Na ja, du könntest dich natürlich schon an einen Makler wenden, aber ehrlich gesagt, wir haben ein Angebot von einem Unternehmer vor Ort vorliegen, das so gut ist, dass wir finden, du solltest einfach zuschlagen.«

»Zuschlagen?«, frage ich. Langsam komme ich wieder zu mir. Diese Biester haben also tatsächlich vor, Alrein zu verkaufen?

»Ja, Alpine Relax, ein Hotelkonzern, der gerade ganz groß baut. Die wollen im Gadertal die erste Adresse werden, na ja, und das lassen die sich gern auch etwas kosten.«

»Spinnt ihr?«, sage ich und baue mich, soweit das im Sitzen geht, vor den Zwillingen auf. »Tante Johanna schreibt in ihrem Testament, ich soll den Gasthof behalten– und ihr schlagt mir vor, ihn zu verscherbeln?«

»Ich vertraue darauf, dass Sophie etwas Besseres… Blablabla…« Helena rollt genervt die Augen. »Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass diese Formulierung rechtsbindend ist?«

»Das ist mir völlig egal«, sage ich und werde langsam lauter. »Ich muss ihr doch ihren letzten Wunsch erfüllen!«

»Und was willst du bitte schön tun? Willst du den Gutshof vielleicht übernehmen? Das Ding ist völlig heruntergewirtschaftet, das Personal hat fast nichts mehr zu tun, es kommen kaum noch Gäste!«

»Woher willst du das wissen?«, frage ich schnippisch.

Helena hebt scheinheilig die Schultern.

»Ihr seid dort gewesen? Ohne mir etwas zu sagen?«

»Sophie, du hättest dich doch nur aufgeregt. Ich meine, Tante Johanna lag seit diesem Oberschenkelhalsbruch im letzten Herbst flach, und es wurde immer klarer, dass sie sich nicht davon erholen würde. Man weiß ja, wie schnell das geht in dem Alter, du stürzt, und mit einem Schlag kommst du nicht mehr auf die Beine.«

»Heißt das, ihr wusstet Bescheid und habt mir nichts gesagt?«

»Sie hat das letzte halbe Jahr in einem wirklich hübschen Pflegeheim in Brixen verbracht«, versucht Helena mich zu beschwichtigen.

»Wunderschön«, sagt Lydia mit großen Augen. »Wir haben die Prospekte gesehen!«

»Ihr, ihr, ihr… fiesen Biester«, presse ich hervor. Ich kann es kaum glauben. Wenn man einen Film über meine Familie drehen würde, würden sämtliche Kritiker schreien: Klischee! Klischee!

»Hör zu, Sophie, die Leute von diesem Hotel sind völlig versessen darauf, das Grundstück von Alrein dazuzukaufen. Die bezahlen dir einen richtig guten Preis, 550 000 Euro. Na komm, du kannst doch auch ein bisschen Kohle gebrauchen. Wolltest du nicht immer mal ein Buch schreiben oder so was? Den Traum könntest du dir endlich erfüllen!«

Igitt. Helena sollte ein Buch schreiben, nicht ich. Das Impertinenz-Prinzip– durch Unverfrorenheit zum Erfolg. Mit einem Vorwort von Bahn-Chef Rüdiger Grube. Würde sicher ein Bestseller. Schade, dass ich nicht mehr in der Branche bin.

Andererseits: Mit einer halben Mille auf dem Konto müsste ich vielleicht nie wieder bei einem Verlag arbeiten. Vielleicht könnte ich wirklich ein Buch schreiben. Ich könnte das Geld anlegen und von den Zinsen leben. Ich könnte mir das nudefarbene Kaschmirkleid auch noch in Schwarz kaufen!

»Na, Sophie? Was sagst du?« Helena schaut mich neugierig an. »Du könntest dir von dem Geld natürlich auch endlich einmal schöne Möbel für deine Wohnung kaufen!«

Schöne Möbel? Meine Wohnung ist bereits schön eingerichtet! Sehr schön sogar! Was für eine Frechheit!

»Wieso seid ihr eigentlich so versessen darauf, dass ich verkaufe?«, frage ich misstrauisch.

»Wir? Versessen? Wir wollen dir helfen, mehr nicht!« Lydia verschränkt beleidigt die Arme vor der Brust. »Wir dachten, du würdest dich freuen, wenn dir jemand mit juristischem und finanziellem Know-how unter die Arme greift.«

»Na Sophie, was ist?«, fragt Helena unbeirrt.

Ich starre sie an. So freundlich hat sie mich in ihrem ganzen Leben nicht angesehen. Ihre Augen strahlen aufmunternd, und ihr Lächeln ist so breit, dass ich ein Petersilienblättchen erkennen kann, das zwischen ihren Backenzähnen hängt. Ich starre auf ihren lächelnden Mund, die aufgerissenen Augen, das gepuderte Näschen.