Liebe unter kaltem Himmel - Nancy Mitford - E-Book
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Beschreibung

Nancy Mitford schrieb eine Reihe unvergesslicher Romane über die feine britische Gesellschaft und ihre Abwege. Zu den schönsten gehört Liebe unter kaltem Himmel, die Geschichte der eigensinnigen jungen Polly, Erbin des Montdore-Anwesens und im heiratsfähigen Alter. Niemand anderes als der abgelegte Liebhaber ihrer Mutter, ein in die Jahre gekommener Don Juan, hat ihr den Kopf verdreht ... Ein erfrischendes Bäumchen-wechsel-dich mit messerscharfen Dialogen und einem wunderbar exzentrischen Showdown.

Debütantinnenball in London. Polly, Erbin des Montdore-Anwesens ist zart und hinreißend – interessiert sich aber nicht im Geringsten für ihre betuchten Verehrer. Im Gegenteil, die junge Lady wird immer blasser, denn auf das Wort Verlobung reagiert sie allergisch: Niemand anderes als der abgelegte Liebhaber ihrer Mutter, ein in die Jahre gekommener Don Juan, hat ihr den Kopf verdreht. Es beginnt ein herrlich-absurdes Tauziehen, das den spleenigen Montdores nicht gerade zur Ehre gereicht. Nancy Mitford macht aus einer klassischen Gesellschaftssatire eine erfrischendes Bäumchen-wechsel-dich mit prickelnden Dialogen und einem wunderbar exzentrischen Showdown.

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Seitenzahl:0


Nancy Mitford

Liebe unter kaltem Himmel

Roman

Aus dem Englischenvon Reinhard Kaiser

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Die Originalausgabe erschien 1949 unter dem Titel»Love in a Cold Climate« bei Hamish Hamilton, London.Die Erstausgabe dieser Übersetzung erschien 1990 imEichborn Verlag, Frankfurt am Main.Von Nancy Mitford liegen im Graf Verlag vor:»Landpartie mit drei Damen« (2011, auch als List Taschenbuch)»Englische Liebschaften« (2012, auch als List Taschenbuch)

ISBN 978-3-8437-0575-2

Copyright © The Estate of Nancy Mitford, 1949© der deutschsprachigen Ausgabe:2013 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

eBook: LVD GmbH, Berlin

Für Lord Berners

Erster Teil

1

Ich bin genötigt, diese Erzählung mit ein paar Andeutungen über die Geschichte der Familie Hampton zu beginnen, denn es muss ein für alle Mal gesagt werden, dass die Hamptons sehr vornehm waren und sehr reich. Ein kurzer Blick in den Adelskalender von Burke oder den von Debrett würde diese Tatsache hinreichend deutlich machen, aber nicht jeder hat diese wuchtigen Bände bei der Hand, und die einschlägigen Bücher von Lord Montdores Schwager, Boy Dougdale, sind allesamt vergriffen. Sein großes Talent für den Snobismus hat im Verein mit seinem geringen Talent für die Literatur drei ausführliche Studien über die Ahnen seiner Gattin hervorgebracht, aber lesen kann sie heutzutage nur, wer zuvor einen Buchhändler darum bittet, sie antiquarisch zu besorgen. (Der Buchhändler setzt alsdann eine Annonce in sein Branchenblatt Die Clique: »H. Dougdale, alles, dringend gesucht«, und wenig später hagelt es Exemplare zu einem Shilling das Stück. Stolz unterrichtet er seinen Kunden, er habe »tatsächlich gefunden, was Sie suchten« – womit er stundenlanges Herum­stöbern in den Handkarren der fliegenden Buchhändler ­andeutet –, »spottbillig für dreißig Shilling alle drei«.)

Georgiana Lady Montdore und ihr Kreis, Die großen Montdores und Alte Chroniken von Hampton – sie liegen neben mir, während ich dies schreibe, und der erste dieser Bände ­beginnt so:

»Zwei Damen, die eine brünett, die andere blond, beide jung und hübsch, fuhren an einem schönen Maimorgen in munterem Tempo auf das kleine Dorf Kensington zu. Es waren Georgiana, Gräfin von Montdore, und ihre beste Freundin Walburga, Herzogin von Paddington. Es war ein Anblick von entzückender Lebhaftigkeit, wie sie die brennende Frage des Augenblicks erörterten: Sollte man für ein Abschiedsgeschenk an die arme, liebe Fürstin von Lieven zeichnen oder nicht?«

Gewidmet ist dieses Buch Ihrer Königlichen Hoheit, der Großherzogin Peter von Russland, mit gnädiger Erlaub­nis, und es hat acht ganzseitige Abbildungen.

Es sei auch nicht verschwiegen, dass sich diese triste Trilogie nach ihrem ersten Erscheinen beim Publikum der Leihbibliotheken einiger Beliebtheit erfreute.

»Die Familie Hampton ist im Westen Englands alteingesessen, und tatsächlich schreibt Fuller in seinen Berühm­ten Männern, sie sei von staunenswertem Alter.«

Bei Burke ist sie sogar noch etwas älter eingesessen als bei Debrett, aber beide tauchen bis ins Mittelalter hinab und fördern aus dem Nebel der Zeiten Vorfahren mit Schicksalen wie bei Walter Scott und mit Namen wie Ug und Bert und Thred ans Licht, die den neuesten Romanen von P. G. Wode­house entnommen sein könnten. »Seine Lordschaft wurde seiner Ehrenrechte für verlustig erklärt – enthauptet – verurteilt – geächtet – des Landes verwiesen – von einer wüten­den Menge aus dem Kerker geschleift – bei der Schlacht von Crécy erschlagen – ging mit Wilhelm, dem Sohn Heinrichs I., auf dem ›Weißen Schiff‹ unter – fiel im Dritten Kreuzzug – starb im Zweikampf.«

Natürliche Todesfälle gibt es aus dieser nebelhaften Frühzeit kaum zu berichten. Und sowohl Burke als auch Debrett verweilen mit unverhohlenem Vergnügen bei einem Gegenstand von so echtem Schrot und Korn wie dieser Familie, unverfälscht von den Zweideutigkeiten weiblicher Linien und irgendwelcher Eigentumsübertragungen. Auch vermochte keines jener abscheulichen Bücher, die es im 19. Jahrhundert unter dem Deckmantel genealogischer Interessen auf die Verunglimpfung des Adels abgesehen hatten, dieser Urtümlichkeit etwas anzuhaben. Barone von hohem Wuchs und goldblondem Haar, ehelich geboren und einander allesamt sehr ähnlich, folgten in Hampton einer dem anderen, auf einem Grund und Boden, der nie gekauft und nie verkauft worden war, bis im Jahre 1770 der damalige Lord Hampton von einem Besuch in Versailles eine französische Braut heimführte, eine Mademoiselle de Montdore. Der Sohn, der aus dieser Verbindung hervorging, hatte braune Augen, einen dunklen Teint und vermutlich – auf allen Porträts ist es nämlich gepudert – schwarzes Haar. Die Schwärze indessen hielt sich in der Familie nicht; er heiratete eine Erbin mit goldenem Haar aus Derbyshire, und die Hamptons kehrten zu der blonden Blauäugigkeit zurück, für die sie bis auf den heutigen Tag berühmt sind.

Der Sohn der Französin war klug und weltgewandt; er betätigte sich in der Politik und verfasste ein Buch mit Aphorismen. Eine tiefe, lebenslange Freundschaft mit dem Regenten verschaffte ihm neben anderen Vergünstigungen auch die Grafenwürde. Nachdem die ganze Familie seiner Mutter während der Schreckensherrschaft in Frankreich ausgelöscht worden war, nahm er ihren Namen als Titel an. Er war ungeheuer reich und gab ungeheuer viel aus, hegte eine Vorliebe für französische Kunst­gegen­stände und kaufte in den Jahren nach der Revolution eine großartige Kollektion zusammen, darunter viele Stücke aus den königlichen Haushaltungen und andere, die von Plünderern aus dem Hôtel de Montdore in der Rue de Varenne geraubt worden waren. Um für diese Sammlung eine angemessene Umgebung zu schaffen, machte er sich daran, in Hampton das große, schlichte Haus niederzureißen, das der berühmte Adam für seinen Großvater gebaut hatte, und stattdessen ein gotisches Château Stein für Stein aus Frankreich nach England herüberzuschaffen (wie es heutzutage angeblich die amerikanischen Millionäre tun). Dieses Château baute er um einen prachtvollen, von ihm selbst entworfenen Turm wieder zusammen, verkleidete die Zimmerwände mit französischer Holztäfelung und Seide und umgab das Ganze mit einer formvollendeten Landschaft, die er ebenfalls selbst entwarf und selbst anlegte. Alles war sehr großartig und sehr verrückt und in der Zeit zwischen den Weltkriegen, über die ich hier schreibe, auch sehr altmodisch. »Vermutlich ist es schön«, sagten die Leute, »aber offen gestanden, begeistert bin ich nicht.«

Dieser Lord Montdore erbaute auch Montdore House an der Park Lane in London und ein Schloss auf einer Felsenspitze in Aberdeenshire. Er war der bei Weitem inte­ressanteste und originellste Charakter, den die Familie je hervorgebracht hatte, aber jedes ihrer Mitglieder wahrte das überkommene Ansehen. Einen tüchtigen, ehren­werten, mächtigen Hampton mit enormem Einfluss in Westengland, dessen Rat auch in London nicht unbeachtet blieb, findet man auf jeder Seite der englischen ­Geschichte.

Diese Tradition wurde auch von dem Vater meiner Freundin Polly Hampton fortgeführt. Wenn es unter Engländern je einen Abkömmling der Götter gab, dann ihn; so sehr verkörperte er den englischen Edelmann, dass diejenigen, die an die Adelsherrschaft glaubten, zur Rechtfertigung ihrer Thesen stets zuerst auf ihn verwiesen. Jeder war der Meinung, dass es sehr viel besser um dieses Land bestellt wäre, wenn es mehr Menschen seines Schlages gäbe, und sogar die Sozialisten räumten seine Vortrefflichkeit ein – sie konnten es sich leisten, weil es nur einen Mann wie Lord Montdore gab und dieser eine obendrein immer älter wurde. Gelehrter, Christenmensch und Gentleman, der beste Schütze der Britischen Inseln, der bestaussehende Vizekönig, den wir je nach Indien entsandten, ein allseits beliebter Grundbesitzer, ein Stützpfeiler der Konservativen Partei, kurzum, ein wunderbarer alter Herr, der niemals etwas Nichtswürdiges tat noch dachte. Meine Cousine Linda und ich, zwei respektlose kleine Mädchen, auf deren Ansichten es nicht ankam, hielten ihn indessen für einen wunderbaren alten Heuchler, denn uns schien, dass in seinem Hause in Wirklichkeit Lady Montdore das Zepter führte. Lady Montdore ihrerseits tat und dachte fortwährend Nichtswürdiges. Sie war außerordentlich unpopulär und so verhasst wie ihr Gatte beliebt, dergestalt, dass jede Handlung, die man seiner nicht für würdig hielt oder die seinem Ansehen nicht gemäß schien, sogleich ihr zur Last gelegt wurde. »Bestimmt steckt wieder sie dahinter.« Andererseits habe ich mich oft gefragt, ob er jemals etwas wirklich Bemerkenswertes in der Welt zuwege gebracht hätte, wenn sie ihn nicht gedrängt und geschoben hätte, wenn sie für ihn nicht die Pläne geschmiedet und intrigiert und »dahintergesteckt« hätte und wenn ihr hierbei nicht ebenjene Eigenschaften zu Hilfe gekommen wären, derentwegen sie so unbeliebt war, ihre Hart­näckig­keit, ihr Ehrgeiz, ihre nimmermüde Betriebsamkeit.

Sehr populär ist diese Theorie nicht. Man sagt mir, zu der Zeit, da ich ihn näher kennenlernte, nach der Rückkehr der Familie aus Indien, sei er schon alt und erschöpft und kampfesmüde gewesen, während er in der Blüte seiner Jahre nicht nur über die Geschicke der Menschen geboten, sondern auch die vulgäre Art seiner Frau in Zaum gehalten habe. Ich bezweifle das. Lord Montdore hatte nämlich etwas derart Unkräftiges an sich, einen Mangel an Wirkung, der durchaus nicht mit dem Alter zusammenhing; gewiss, er bot einen schönen Anblick, aber es war eine leere Schönheit, wie bei einer Frau, die keine erotische Ausstrahlung besitzt; wunderbar sah er aus und alt, aber obwohl er noch immer regelmäßig ins Oberhaus ging, an den Zusammenkünften des Kronrats teilnahm, in vielen Ausschüssen saß und oft in der Liste der alljährlich zum Geburtstag des Königs mit Orden und Ehrungen Ausgezeichneten erschien, hätte er ebenso gut aus wunderbarem altem Pappkarton sein können.

Lady Montdore hingegen war wirklich aus Fleisch und Blut, eine geborene Perrotte, die hübsche Tochter eines Landadeligen von geringem Vermögen und geringem Verdienst, sodass ihre Heirat mit Lord Montdore das, was sie vernünftigerweise je hatte erhoffen dürfen, weit übertraf. Während ihre Habgier, ihr Snobismus und ihre grobe Art mit der Zeit sprichwörtlich wurden und den Stoff zu mancher Legende lieferten, setzte sich bei den Leuten die Ansicht durch, Lady Montdore müsse entweder niedriger oder transatlantischer Herkunft sein, aber in Wirklichkeit war sie von untadelig vornehmer Abstammung und war ordnungsgemäß zu dem erzogen worden, was man »eine Dame« zu nennen pflegte; es gab also keine mildernden Umstände, und sie hätte es besser wissen müssen.

Ohne Zweifel muss ihre vulgäre Art mit den Jahren immer deutlicher und ungehemmter zutage getreten sein. Aber ihr Gatte schien nichts davon zu bemerken, und die Ehe war ein Erfolg. Lady Montdore schob ihn bald auf das Gleis einer öffentlichen Karriere, deren Früchte er ohne übermäßig viel Arbeit genießen konnte, denn stets sorgte seine Gemahlin dafür, dass ihm ein Schwarm tatkräftiger Untergebener zur Seite stand, und obwohl er vorgab, das gesellige Leben zu verachten, welches andererseits dem Dasein von Lady Montdore erst wirklich seinen Sinn gab, fügte er sich doch sehr taktvoll ein, ließ seiner natürlichen Begabung für die gefällige Konversation ihren Lauf und nahm die Bewunderung der Leute entgegen wie etwas, das ihm ganz selbstverständlich zustand.

»Ist Lord Montdore nicht wunderbar? Sonia ist natürlich unmöglich, aber er ist so brillant, ein Schatz, ich mag ihn wirklich.«

Die Leute taten gern so, als würden sie allein seinetwegen in sein Haus kommen, aber das war völliger Unsinn, denn wenn es auf Lady Montdores Partys lebhaft und lustig zuging, so lag dies nicht an ihm, und so unausstehlich sie in vieler Hinsicht sein mochte – als Gastgeberin war sie unüber­troffen.

Kurz, sie waren glücklich miteinander und passten ausgezeichnet zusammen. Doch es gab ein Kümmernis, das sie während vieler Ehejahre tief betrübte: Sie hatten keine Kinder. Lord Montdore litt darunter, weil er sich naturgemäß einen Erben wünschte, außerdem auch aus eher gefühlsbestimmten Gründen. Lady Montdore litt noch heftiger. Zum einen, weil sie sich einen Erben wünschte, zum anderen aber auch, weil ihr jede Art von Versagen verhasst war, weil sie es nicht ertragen konnte, wenn ihr etwas nicht gelang, und außerdem sehnte sie sich nach einem Ding, auf das sie all jene Energien konzentrieren konnte, die weder von der Gesellschaft noch von der Karriere ihres Mannes in Anspruch genommen wurden. Sie waren schon beinahe zwanzig Jahre verheiratet und hatten den Gedanken an ein Kind längst aufgegeben, als sich Lady Montdore ein wenig unwohl zu fühlen begann. Sie achtete nicht weiter darauf, ging ihren gewohnten Geschäften nach und bemerkte erst zwei Monate vor der Geburt, dass ein Kind unterwegs war. Sie war allerdings so klug, sich gegen den Spott, den eine solche Lage oft auf sich zieht, mit der Behauptung abzuschirmen, sie habe das Geheimnis mit Absicht so lange für sich behalten, sodass schließlich kein allgemeines Gelächter losbrach, sondern jeder sagte: »Ist Sonia nicht abso­lut phänomenal?«

Ich weiß dies alles, weil mein Onkel Davey Warbeck es mir erzählt hat. Er selbst hat während vieler Jahre die meisten der im Gesundheitslexikon verzeichneten Unpässlichkeiten durchlitten – oder genossen – und kennt sich im Klatsch und Tratsch der Privatkliniken gut aus.

Dass es sich bei diesem Kind, als es dann zur Welt kam, um eine Tochter handelte, scheint die Mont­dores nicht bekümmert zu haben. Möglich, dass sie Polly zunächst gar nicht als Einzelkind ansahen, denn Lady Montdore war damals noch keine vierzig, und als ihnen im Laufe der Zeit klar wurde, dass sie kein weiteres Kind bekommen würden, da liebten sie Polly längst so sehr, dass der Gedanke, sie könnte auch anders sein, ein anderer Mensch, ein Junge, einfach undenkbar geworden war. Gewiss hätten sie gern einen Jungen gehabt, aber nur zusammen mit Polly – nicht an ihrer Stelle. Sie war ihr Juwel, der Mittelpunkt ihrer Welt, um den sich alles drehte.

Polly Hampton war eine Schönheit, und diese Schönheit war ihr auffälligstes Kennzeichen. Sie gehörte zu jenen Menschen, an die man nicht denkt, ohne dass man sie sofort vor sich sieht, und ihr Aussehen blieb sich stets gleich, unterlag nicht dem Einfluss von Kleidern, Alter, äußeren Umständen und selbst Gesundheit oder Krankheit. Wenn sie krank oder erschöpft war, sah sie allenfalls zerbrechlich aus, aber nie gelb oder welk oder geschrumpft; sie war schön geboren und hat, solange ich sie kannte, nie aufgehört, schön zu sein; ihre Schönheit nahm auch nie ab, im Gegenteil, sie nahm ständig zu.

Pollys Schönheit und die Wichtigkeit ihrer Familie sind wesentliche Bestandteile dieser Geschichte. Aber während man sich über die Hamptons in mehreren einschlägigen Büchern kundig machen kann, hat es wenig Zweck, in alten Ausgaben des Tatler nachzublättern und sich Polly auf den Zeichnungen von Lenare oder von Dorothy Wilding anzusehen. Das Knochengerüst, die äußere Gestalt, ist da – hässliche Hüte und altmodische Posen können ihr nichts anhaben, stets sind Pollys Figur und die Form ihres Gesichts vollkommen. Aber Schönheit besteht nicht aus Knochen, Knochen gehören dem Tod an, sie sind unverweslich; Schönheit hingegen ist etwas Lebendiges, hauchdünn liegt sie an der Ober­fläche, ein bläulicher Schatten auf weißer Haut, Haar, das wie Goldgefieder in eine glatte, weiße Stirn wippt, sie zeigt sich in den Bewegungen, im Lächeln und vor allem im Blick einer schönen Frau. Pollys Blick war ein blauer Blitz, das Blauste, Plötzlichste, das mir je begegnet ist, so merkwürdig unverbunden mit dem Akt des Sehens, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, diese undurchsichtigen blauen Steine würden beobachten und etwas in sich aufnehmen, würden etwas anderes tun, als dem, auf den sie sich richteten, eine Wohltat zu erweisen.

Kein Wunder, dass ihre Eltern sie liebten. Selbst Lady Montdore, die einem hässlichen Mädchen oder einem exzentrischen, eigensinnigen Knaben eine schlimme Mutter gewesen wäre, fiel es nicht schwer, sich in vorbildlicher Weise um ein Kind zu kümmern, das ihr, wie es schien, in der Welt zu Ansehen gereichen musste und ihren Ehrgeiz krönen würde; dies Letztere vielleicht sogar im wörtlichen Sinne. Polly war gewiss zu einer ganz außerordentlichen Ehe ausersehen – und hatte Lady Montdore nicht tatsächlich etwas sehr Großes ins Auge gefasst, als sie ihr den Namen Leopoldina gab? Hat dieser Name nicht einen königlichen, irgendwie coburgischen Beiklang, der sich eines Tages als äußerst passend erweisen konnte? Träumte sie von einer gewissen Abtei, einem Altar, einem Erzbischof, einer Stimme, die sprach: »Ich, Albert Edward Christian George Andrew Patrick David, nehme dich, Leopoldina«? Der Traum war kein bloßes Hirngespinst. Andererseits konnte nichts englischer, anspruchs­loser, schlichter sein als »Polly«.

Meine Cousine Linda Radlett und ich wurden schon in jungen Jahren immer wieder zum Spielen mit Polly ausgeliehen, denn die Montdores lebten wie viele Eltern von Einzelkindern in der ständigen Sorge, ihre Tochter könnte vereinsamen. Ich weiß, dass meine eigene Adoptivmutter, Tante Emily, im Hinblick auf mich die gleichen Ängste hegte und alles lieber getan hätte, als mich während der Ferien ohne Spielgefährten zu lassen. Hampton Park ist nicht weit von Alconleigh entfernt, wo Linda zu Hause war, und da sie und Polly ungefähr gleichaltrig waren, schien es ihnen vorbestimmt, füreinander die besten Freundinnen zu werden. Aber aus irgendeinem Grunde kamen sie nie besonders gut miteinander aus. Auch konnte Lady Montdore Linda nicht leiden und erklärte, kaum dass Linda alt genug war, sich überhaupt an Gesprächen zu beteiligen, ihre Konversation sei »unpassend«. Ich sehe Linda noch vor mir, beim Lunch im großen Esszimmer in Hampton (diesem Esszimmer, in dem ich zu ganz verschiedenen Zeiten meines Lebens solche Schrecken ausgestanden habe, dass allein schon sein Geruch, ein Aroma, das schwere Speisen, schwere Weine, schwere Zigarren und schwer­reiche Frauen während hundert Jahren dort verdichtet hatten, auf mich noch heute so wirkt wie der Geruch von Blut auf ein Tier), ich höre ihre laute, singende Radlett-Stimme: »Hast du schon mal Würmer gehabt, Polly? Ich ja, du glaubst nicht, wie zappelig sie sind. Aber das Allerschönste war: Doktor Simpson kam und entwurmte mich. Und du weißt doch, Doc Simp war schon immer meine große Liebe – da kannst du dir vorstellen …«

Das war zu viel für Lady Montdore, und Linda wurde nie wieder eingeladen. Aber ich war in den Ferien fast jedes Mal eine Woche dort, wurde auf dem Weg nach Alconleigh oder auf dem Heimweg einfach dort deponiert, wie man das mit Kindern eben so macht, ohne zu fragen, ob es ihnen gefällt und ob sie überhaupt wollen. Mein Vater war durch seine Mutter mit Lord Montdore verwandt. Ich war ein braves Kind, und ich glaube, Lady Montdore hatte mich ganz gern, jedenfalls muss sie mich für »passend« gehalten haben, ein Ausdruck, der in ihrem Wortschatz eine wichtige Rolle spielte. Irgendwann jedenfalls war einmal die Rede davon, ich könnte auch während der Schulzeit in Hampton wohnen und zusammen mit Polly Unterricht bekommen. Aber als ich dreizehn war, reisten sie ab, um Indien zu regieren, und nachher verblassten Hampton und seine Besitzer für mich zu einer verschwommenen und dennoch stets beunruhi­gen­den Erinnerung.

2

Als die Montdores und Polly aus Indien zurückkehrten, war ich herangewachsen und hatte schon eine Saison in London hinter mir. Lindas Mutter, meine Tante Sadie (Lady Alconleigh), hatte mich zusammen mit Linda »eingeführt«, das heißt, wir hatten eine Reihe von Debütantinnenbällen besucht, auf denen die Leute, die wir kennenlernten, ebenso jung und ebenso schüchtern waren wie wir selbst – und das alles hatte sehr nach Trockenschwimmen ausgesehen; mit der wirklichen Welt hatte es nichts zu tun, und als Vorbereitung auf sie taugte es genauso viel wie ein Kindergeburtstag. Gegen Ende des Sommers verlobte sich Linda, und ich kehrte nach Kent zurück, wo ich bei meiner anderen Tante und meinem anderen Onkel, Tante Emily und Onkel Davey, wohnte, die meinen geschiedenen Eltern die beschwerliche Aufgabe abgenommen hatten, ein Kind großzuziehen.

Ich langweilte mich zu Hause, wie es jungen Mädchen ergeht, wenn sie die Schulzeit hinter sich haben und keine Partys bevorstehen, mit denen sie sich in Gedanken beschäftigen können – doch eines Tages wurde diese Eintönigkeit von einer Einladung unterbrochen, ich solle den Oktober in Hampton verbringen. Tante Emily kam mit dem Brief von Lady Montdore zu mir in den Garten hinaus.

»Lady Montdore schreibt, es würden hauptsächlich Erwachsene kommen, ›junge verheiratete‹ Leute, sagt sie, aber dich möchte sie als Gesellschaft für Polly dabeihaben. Es werden natürlich auch zwei junge Männer für euch eingeladen. Schade, dass ausgerechnet heute der Tag ist, an dem sich Davey immer betrinkt. Ich muss es ihm unbedingt erzäh­len, es wird ihn sehr interessieren.«

Es blieb uns jedoch nichts anderes übrig, als zu warten; Davey war völlig hinüber, und sein Schnarchen erfüllte das ganze Haus. Die Ausflüge meines Onkels in die Intemperenz hatten indessen nichts Lasterhaftes an sich, sie waren vielmehr rein therapeutischer Natur. Er praktizierte seit einiger Zeit ein neues System zur Erhaltung vollkommener Gesundheit, das auf dem Kontinent ­damals angeblich sehr in Mode war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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