Liebe währt drei Leben - Rita Maffini - E-Book

Liebe währt drei Leben E-Book

Rita Maffini

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Beschreibung

Martha erhält zu ihrem 75. Geburtstag am 21. August 2011 ein ungewöhnliches Geschenk: Ein Jahresabo für das Fitnessstudio. Eines Tages sieht sie auf einem der Laufbänder einen gutaussehenden jungen Mann namens Marius Fuerster, trainieren. Sie ist überzeugt, ihn zu kennen und schaut neugierig zu ihm hin. Als sein Blick den ihren trifft, wird sie ohnmächtig. Von diesem Moment an nimmt Marthas Schicksal eine seltsame Wendung. Sie glaubt, bereits im 13. Jahrhundert als Isadora in Sizilien gelebt zu haben. Ihre große Liebe war damals ein junger Maler, Matteo, den sie in besagtem Marius Fuerster wiederzuerkennen meint. Martha durchlebt nun eine Zeit des Zweifels und des Schmerzes. Um dem Geheimnis ihres früheren Daseins auf den Grund zu gehen, beschließt sie in die Mongolei zu fliegen und einen sehr bekannten Schamanen, Burgediin Kahn, zu suchen. Er wird ihr helfen, Licht in das Dunkel zu bringen. Inzwischen wird auch Marius klar, dass er schon früher gelebt haben muss. Nach einer langen, ereignisreichen und schmerzhaften Odyssee wird auch er das Geheimnis seines früheren Lebens lüften können.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Rita Maffini

Liebe währt drei Leben

© 2023 Rita Maffini

Lektorat :

1. Lektorat: Hannah Koinig / 2. Lektorat: Heike Knorr

Coverdesign: Renee Rott/Dream Design - Cover and Art

Covergrafik: Renee Rott / Dream Design - Cover and Art

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH

Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:

Rita Maffini, Auf der Höh 2, 35619 Braunfels, Germany.

Dieses Buch ist ein Werk der Fantasie. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Tatsachen ist rein zufällig.

Überarbeitete Fassung

meines Romans TRIPLUM – Drei Leben, ein Weg,

erschienen im Oktober 2014.

Für meinen Mann Jens

und

Für alle Menschen, die an die starke undunerschütterliche Kraft der Liebe glauben.

Wir sind nicht umsonst

in diese Welt gesetzt.

Wir sollen hier reif für eine

andere werden.

(Matthias Claudius)

Omnia vincit amor

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

PROLOG

Im dreizehnten Jahrhundert

Teil 1. 2011Der Geburtstag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Teil 2. Die Ausstellung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Teil 3. Die letzte Reise

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Teil 4. Das erste Leben

Kapitel 1

Kapitel 2

Teil 5. Der Tod und die Trauer

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Teil 6. Die Schwangerschaften

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 7. Der Verlust

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil 8. Im Jahr 2033

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

EPILOG

DANKE

Liebe währt drei Leben

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

PROLOG

DANKE

Liebe währt drei Leben

Cover

1

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PROLOG

Im dreizehnten Jahrhundert

Die Entbehrungen der letzten Tage haben ihren Tribut gefordert. Sie merkt, wie ihre Kräfte nachlassen. Ein Versuch aufzustehen, schlägt fehl. Jäher Schwindel und starkes Zittern erfassen sie, sodass sie gezwungen ist, sich wieder hinzulegen.

Die Stimme ihrer Mutter dringt sanft durch den Nebel, der sie umhüllt. »Bitte, mein Kind, du musst etwas trinken. Ich habe dir eine kräftige Hühnerbrühe mitgebracht. Bitte, probiere mal. Seit Tagen nimmst du nichts zu dir, willst du denn sterben? Bitte …« Ein leises Schluchzen begleitet das Flehen.

Das bittere Weinen ihrer Mutter lässt sie kalt. Ihre Augen bleiben geschlossen. Sie sehnt sich danach, den letzten Atemzug zu nehmen.

Wofür lohnt es sich noch zu leben? Man hat ihr das Liebste genommen: Kind, Mann, einfach alles …

Ihr Atem geht schwer. Sowohl seelische als auch physische Schmerzen scheinen sich mit langen Tentakeln wie ein Krake durch ihren Körper zu winden.

Sie regt sich nicht. Ihre Qualen werden heftiger,

grauenhafter, rauben ihr den Verstand.

Die Gegenwart ihrer Mutter ist für sie unerträglich. Am liebsten möchte sie allein sein und das letzte Stück des dunklen Weges in Ruhe zurücklegen. Plötzlich strahlt ein helles Licht am Horizont. Der Umriss seiner Gestalt bewegt sich darin. Freude erfüllt sie.

Ihre Mutter verlässt den Raum, schlägt die Tür hinter sich zu und schließt von außen ab. Man hält sie hier gegen ihren Willen in der Kälte gefangen.

Ist Liebe ein Grund, sie einem derartigen Martyrium auszusetzen? Eine verzehrende Sehnsucht packt sie.

Eigentlich wollte sie nur ihr ganzes Leben gemeinsam mit den geliebten Menschen in Frieden verbringen.

Warum konnte das nicht möglich sein?

Wie kann so viel Grausamkeit auf der Welt existieren?

Auf einmal hört sie eine vertraute Stimme, die ihren Namen ruft, und erkennt die Konturen seines Gesichts. Er ist zu ihr gekommen.

Endlich!

Sie streckt ihre Hände den seinen entgegen, um schnell zu ihm zu gelangen. Mühsam erhebt sie sich von ihrem Lager und ergreift seine dargebotene Hand. Leicht und unbeschwert versinkt sie in seinen Armen und findet die Erlösung von allen Leiden. Nichts und niemand wird sie jemals trennen können.

Die Liebe hat gesiegt.

Teil 1

2011Der Geburtstag

Kapitel 1

Im Halbschlaf versucht Martha mit einer Hand die nervige Last, die auf ihrem Brustkorb liegt, wegzuschieben. Fehlanzeige. Diese lässt sich nicht mühelos fortbewegen. Als Martha ihre Augen öffnet, blickt sie in ein gelbes Augenpaar. Nach einer Schrecksekunde bemerkt sie, dass es sich um ihren Kater Leo handelt. Er fixiert sie und miaut kläglich.

Im Zimmer ist es halbdunkel. Für einen Moment ist sie verwirrt und weiß nicht genau, wo sie sich befindet. Sie reibt sich die Augen, schaltet die Lampe auf dem Beistelltisch ein und schaut, wie spät es ist: Ihre Alabasteruhr zeigt 22.10 Uhr. Vollständig angezogen liegt sie auf ihrem Sofa.

Der Kater springt von ihr herunter, läuft mit erhobenem Schwanz davon und fängt an, eindringlicher zu miauen. Sie erhebt sich und folgt ihm in die Küche. Leo steht vor einer leeren Schale, die er mit der Schnauze hin und her schiebt.

Oje, das schlechte Gewissen regt sich in ihr. Er hätte schon vor drei Stunden sein Fressen bekommen müssen. Martha streichelt kurz sein glänzend schwarzes Fell.

Schleunigst öffnet sie eine Dose und schüttet den Inhalt in die Schale. Leo schlingt das Futter herunter und schmatzt laut. Mit liebevollen Augen betrachtet sie ihn und murmelt vor sich hin: »Du Armer, dir hing der Magen bestimmt unter den Pfoten.« Sie schmunzelt über ihren eigenen Witz.

Zurück im Wohnzimmer schaut sie durch das Glas der Terrassentür in den Garten. Die Dunkelheit hat den Kampf gegen das Tageslicht noch nicht endgültig gewonnen. Die weißen, runden Solarlampen, die überall platziert sind, leuchten bereits und sie kann weiterhin die prachtvollen, in vielen Farben blühenden Rosenbüsche erkennen. Ihr Blick weidet sich an ihren Lieblingsblumen, die sie mit Hingabe hegt und pflegt.

Martha betritt die geräumige Terrasse. Der Duft der Rosen dringt in ihre Nase. Sie atmet tief ein und mit einem zufriedenen Seufzer setzt sie sich auf einen Stuhl am runden Terrassentisch. Kein Lüftchen ist zu spüren, die Hitze hält hartnäckig die Welt in ihrem Bann. Alles ist ruhig, nur ein paar Fledermäuse und Glühwürmchen fliegen umher. Der Kater schleicht sich an ihr vorbei und verschwindet im Halbdunkel des Gartens.

Sie schließt die Augen und lässt den Tag Revue passieren.

Es ist der 21. August, ihr fünfundsiebzigster Geburtstag. Ihre Tochter hatte für sie ein kleines Fest bei ihrem Lieblingsitaliener veranstaltet. Bei schönstem Wetter fand das Essen unter freiem Himmel auf der gemütlichen Terrasse des Restaurants statt. Rote und weiße Geranien in verschiedenen Terrakotta-Gefäßen schmückten das Ambiente. Ein zwei Meter hoher Olivenbaum thronte in der Mitte des Freisitzes und verströmte ein angenehmes und wohltuendes mediterranes Flair. Der Tisch war mit einer weißen Tischdecke, weißen Porzellantellern, Silberbesteck und weißen Stoffservietten edel gedeckt. In der Mitte der Tafel befand sich ein großes Gesteck mit fünfundsiebzig roten Rosen.

Sechs Personen saßen mit ihr am Tisch: Tochter Iva mit Mann Peter, Enkelin Rosa, ihre liebste Freundin Wilma und die Nachbarn Renate und Kurt, mit denen sie seit zehn Jahren befreundet ist. Es wurde gegessen, getrunken, geplaudert, gescherzt und viel gelacht. Als Peter Komplimente über ihr beinahe jugendliches Aussehen machte, geriet sie in Verlegenheit. Darauf konnte sie nur augenzwinkernd mit dem Satz erwidern: »Ich kann mich selbst auf den Arm nehmen.« Ihre Bemerkung ging im Gelächter der Anwesenden unter.

Martha Truasiem fühlte sich ungemein wohl zusammen mit Familie und Freunden. Während der Stunden des geselligen Beisammenseins empfand sie eine aufrichtige Zuneigung für ihre Allerliebsten.

Gegen 18.00 Uhr löste sich die Gesellschaft auf. Alle waren satt, beschwipst und müde. Sie beschlossen nach Hause zu fahren, etwas auszuruhen und sich dann abends erneut bei ihr zu treffen.

Sobald sie sich auf ihrem Sofa ausgestreckt hatte, schlief Martha ein, bis Leo sie schließlich aufweckte.

Es ist bereits spät, mit dem Wiedertreffen wird es wohl heute nicht mehr klappen, gesteht sie sich ein. Martha kehrt ins Haus zurück und ruft ihre Tochter an. »Hallo, Iva, es tut mir leid, ich bin gerade erst aufgewacht. Der Tag war doch stressig für mich.«

»Oh, hallo, Mama, schön dich zu hören. Ich habe gegen 20.00 Uhr vergeblich versucht, dich telefonisch zu erreichen. Deshalb habe ich Renate gebeten, bei dir vorbeizuschauen. Auf ihr Klingeln hast du nicht reagiert, also ist sie mit ihrem Schlüssel hereingekommen. Sie hat dich schlafen sehen und ist beruhigt weggegangen.«

»Ich will mich ein weiteres Mal bei dir für den wunderschönen Tag bedanken. Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt derart angenehme Stunden verbracht habe. Danke von Herzen dafür.«

»Gerne. Für dich würde ich alles tun, das weißt du. Auch für uns war die Feier spitze.«

Martha lacht. »Übrigens, ich schätze, es ist zu spät, um die Feier fortzusetzen?«

»Ja, so ist es«, antwortet Iva.

»Gut, jetzt lass uns bitte von deinem Geschenk reden. Ich verstehe nicht, was ich in einem Fitnessstudio soll. Fünfundsiebzig Jahre lang bin ich ohne zurechtgekommen. In meinem Garten bewege ich mich genug.«

»Nein, in deinem Garten hast du zwar Bewegung, aber keine Fitness. Nur mit Krafttraining kannst du deine Muskeln stärken, damit die Knochen geschützt sind. Das Studio befindet sich bei dir um die Ecke. Du kannst dorthin zu Fuß gehen. Außerdem bin ich sicher, dass es dir Spaß bereiten wird.«

»Das ist schön und gut, dennoch weiß ich gar nicht, was ich da machen soll.« Martha seufzt laut.

»Es ist super einfach. Du gehst hin und sprichst mit einer Trainerin, die dir das Nötige zeigen wird.«

»Ich glaube, es ist nichts für mich. Kannst du das Jahresabo nicht zurückgeben?«

»Auf keinen Fall. Peter und ich besuchen das Studio seit zwei Jahren und sind wirklich angetan. Man ist an keine Zeiten gebunden: Die Entscheidung liegt bei dir, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit du trainieren willst. Zweimal die Woche würden dir definitiv reichen. Also bitte, gib dir einen Ruck, Mama, mir zuliebe.«

»Okay. Ich kann allerdings nicht versprechen, ein Jahr lang durchzuhalten.«

»Warten wir ab. Einen Test solltest du trotzdem wagen.«

Martha gibt sich geschlagen. »Du hast mich überzeugt, meine liebe Tochter. Danke und gute Nacht. Grüß mir Rosa und Peter. Ein Kuss und bis demnächst.«

»Eine ruhige Nacht, Mama, schlaf gut, bis bald.«

Martha legt mit zwiespältigen Gefühlen auf. Es überkommt sie eine Vorahnung, als ob mit dem Fitnessstudio etwas Seltsames zusammenhängen würde.

Blödsinn, überlegt sie. Was soll mit einem Fitnessstudio sein? Sie hat Iva versprochen, es zu probieren, also wird sie morgen oder übermorgen dort vorstellig werden. Auf jeden Fall will sie das Ganze mit Wilma besprechen. Vielleicht ist sie bereit, sie zu begleiten?

Mit einem Anflug von Zärtlichkeit denkt Martha an ihre Herzensfreundin. Wilma und sie hatten sich vor Jahren während eines Urlaubes auf Mallorca kennengelernt. Martha war nach dem Tod ihres Mannes Alfred mit den Nerven total fertig gewesen.

Damals kam sie mit einer Reisegruppe gemischten Alters in Palma de Mallorca an und wurde von der dortigen Reiseleiterin Wilma Vossent begrüßt. Beide mochten und verstanden sich auf Anhieb. Das war der Beginn ihrer wunderbaren Freundschaft, die bis heute hält.

Wilma war und ist immer noch ledig, da sie nie das Bedürfnis verspürte, zu heiraten. Martha nennt sie Wilmachen, weil sie ein wenig kleiner und jünger ist als sie. Von ihr wird sie wiederum meine Beste genannt, denn Martha ist für sie die beste Freundin, die sie sich hätte wünschen können.

Als Wilma in Rente ging, kaufte sie eine Eigentumswohnung in der kleinen Stadt bei Frankfurt am Main, in der Martha und ihre Tochter mit Familie wohnen. Seitdem sind sie wie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Wilma ist seit zehn Jahren im Ruhestand. Das hält sie nicht davon ab, manchmal für das Reiseunternehmen, bei dem sie drei Jahrzehnte beschäftigt war, als Reiseleiterin einzuspringen.

Von Zeit zu Zeit betreut sie Gruppen von Touristen aus dem Ausland, die eine Sightseeing-Tour in einer Großstadt in Deutschland unternehmen wollen. Dabei ist sie auf München, Frankfurt am Main und Heidelberg spezialisiert. Die Aushilfsarbeit bringt ihr eine Menge Spaß, denn sie fühlt sich gebraucht und verdient ein bisschen Geld dazu.

Wenn sie nach solchen Exkursionen nach Hause kommt, besucht sie umgehend Martha und erzählt ihr detailliert alle netten und unerquicklichen Erfahrungen, die sie während der Reise gesammelt hat. Die Freundin hört sich stets äußerst interessiert diese Ausführungen an und beide haben einen Riesenspaß.

Im Großen und Ganzen ist Martha eine zufriedene Frau, obwohl sie schlimme Zeiten hinter sich hat. Daran erinnert sie sich mit unendlicher Schwermut.

Ihr Mann Alfred ist zehn Jahre lang krank gewesen. Seine Tragödie fing an, als er fünfundfünfzig war. Während einer Geschäftsreise erlitt er nachts plötzlich einen Schlaganfall, der leider erst Stunden später bemerkt wurde. Seitdem war er halbseitig gelähmt und ein Pflegefall. Trotz intensiver Therapie konnte er kaum richtig sprechen und laufen.

Dieser Umstand war für Martha und Iva eine Tragödie. Der beste Ehemann und Vater, ein Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte, ein aufmerksamer Zuhörer und wahrer Freund, war plötzlich ein körperliches Wrack. Die schönen Momente im Alltag wurden ständig seltener.

Das Leben verlief für die Familie nicht mehr so wie vor der Krankheit. Selbst die Jahreszeiten verloren ihren Reiz. Die Welt wurde von einem dunklen Schleier umhüllt, und nicht mal die stärkste Sonne konnte Licht in diese Finsternis bringen.

Tagein, tagaus pflegte Martha ihren geliebten Mann. Bedauerlicherweise hatte sie nicht nur die Bürde der Pflege, sondern auch die Sorgen um ihre Tochter zu tragen. Als ihrem Vater das schreckliche Unglück widerfuhr, war sie vierundzwanzig Jahre alt, studierte Sprachwissenschaften an der Universität und stand vor ihrer Diplomarbeit. Das Unfassbare stürzte sie in eine tiefe Depression. Iva verließ die Uni, weil sie überhaupt keinen Sinn darin sah, das Studium fortzusetzen. Martha flehte sie an, nicht aufzugeben, jedoch war Iva nicht von ihrem Vorhaben abzuhalten. Sie blieb zu Hause und half ihrer Mutter. Während dieser Zeit lachte sie nie. Stattdessen las sie eine Vielzahl von Büchern, die mit Wiedergeburt, Leben nach dem Tod und ähnlichen Themen zu tun hatten.

Martha war verzweifelt: Wie sollte es weitergehen?

Eines Morgens wachte sie auf und schaute ihren noch schlafenden Mann an. Nach ungefähr fünf Minuten öffnete er die Augen und gab sich Mühe, mit seinem schiefen Mund Worte zu formulieren.

Martha sah, dass er sich extrem anstrengte, ihr etwas mitzuteilen. Allerdings konnte sie ihn nicht verstehen, und es misslang ihr sogar von seinen Lippen abzulesen.

Sie begann zu weinen, aber nach mehreren Anläufen wurden Alfreds Worte klarer: »Alles wird gut.«

Fassungslos küsste sie Alfreds Wange. »Hast du gesagt: Alles wird gut?« Er nickte und wiederholte die drei Worte.

»Mein Gott, wie kannst du so etwas behaupten? Nichts ist in Ordnung und nichts wird gut …«

Alfred ließ sich nicht beirren und wiederholte die Worte nochmals. Martha musste daraufhin lachen. Er versuchte es ebenfalls und scheiterte jämmerlich.

»Alles wird gut, Alfred, du hast mich davon überzeugt, es wird gewiss so sein, mein Liebling«, entgegnete Martha in versöhnlichem Ton und streichelte ihn sanft.

Seit diesem Vorfall veränderte sich die Situation ihrer Tochter tatsächlich zum Besseren.

Iva ging eines Tages in die Apotheke, um Medikamente für ihren Vater zu kaufen und lernte dort den Sohn des Besitzers kennen, Peter Moerter. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie verabredeten sich für den darauffolgenden Abend und sie erzählte ihm, was auf ihrer wunden Seele lag: Die Misere mit ihrem Vater, die Melancholie, welche sie seit dem Geschehen in sich trug und wie geduldig ihre Mutter mit beiden war. Sie liebte ihre Eltern so sehr.

Peter hörte ihr fast eine Stunde ununterbrochen zu. Anschließend nahm er ihre Hand und meinte nur: »Ab sofort stehe ich dir bei.«

Knapp zwölf Monate danach heirateten sie, und alsbald kam Tochter Rosa zur Welt.

Iva war sehr froh, dass ihr Vater seine Enkeltochter noch kennenlernen durfte. Er strahlte und war selig, wenn die kleine Familie zu Besuch kam und das Kind auf seinem Schoß saß. Er senkte dann den Kopf, das Kind zog ihn an den Haaren und juchzte vergnügt.

Die Heirat mit Peter und die Geburt ihrer Tochter änderten Ivas Einstellung zum Leben. Sie blühte auf, war fröhlich und lebte wieder wie andere junge Frauen im Hier und Jetzt. Die Depressionen waren wie weggeblasen. Ihr Studium legte sie endgültig ad acta, denn den Beruf einer Hausfrau und Mutter genoss Iva besonders.

Peter beendete sein Pharmaziestudium und arbeitete als Kompagnon in der Apotheke seines Vaters. Das Geschäft gedachte er später zu übernehmen.

Martha war Peter unendlich dankbar, da er es geschafft hatte, Iva positiv zu beeinflussen.

Unglücklicherweise verschlechterte sich Alfreds Zustand dramatisch. Er erlitt einen zweiten Schlaganfall und war nun beidseitig gelähmt. Auf Martha lastete ein enormer seelischer Druck. Ihren Mann so zu erleben, war viel schlimmer als die stressige Arbeit, die mit der Pflege zusammenhing. Manchmal war sie zutiefst verzweifelt.

Sie musste sich anstrengen, um nicht alles über den Haufen zu werfen und einfach vor dem täglichen Elend davonzurennen.

Zehn Jahre lang mussten Alfred und sie diese Qualen ertragen, bis Martha eines Morgens aufwachte und feststellte, dass ihr Mann aufgehört hatte zu atmen. Unverzüglich rief sie den Arzt an, der kam und Alfreds Tod bestätigte.

Sie empfand Wehmut und Erleichterung zugleich. Nach dem Weggang des Mediziners küsste sie Alfred auf die Stirn und flüsterte ihm zu: »Auf Wiedersehen, Alfred.« Als Nächstes teilte sie Iva mit, ihr geliebter Vater sei von ihnen gegangen. Weinen konnte sie nicht. Jegliche innere Erregung wurde unterdrückt. In ihrem Kopf spukte dauernd der Gedanke: Die quälenden Jahre sind vorbei.

Martha überstand den Trubel vor, während und nach Alfreds Beerdigung mit extremer Anstrengung, und danach kam die große Leere. Es dauerte Monate, bis sie mit der Tatsache klarkam, sich nicht weiter um ihren kranken Mann sorgen und ihn pflegen zu müssen. Jeden Tag vergoss sie unzählige Tränen. Sie ging selten aus dem Haus, vernachlässigte ihre geliebten Rosen, aß kaum noch und machte im Haushalt nur das Notwendigste. Alfred hatte nun seinen Frieden gefunden und das war okay, so. Jedoch fehlte er ihr und sie spürte eine grenzenlose Verlassenheit.

Iva war ernsthaft besorgt und versuchte ihre Mutter aufzumuntern, bis sie merkte: Sie musste ihr nur Zeit gewähren, um sich wiederzufinden.

Monate später kaufte sie heimlich ein Flugticket nach Mallorca, verbunden mit einem Hotelaufenthalt, Vollpension und begleiteten Wanderexkursionen auf der Insel für einen Zeitraum von zehn Tagen. Sie legte die Reiseunterlagen auf Marthas Nachttisch und wartete ab.

Martha fand das Ticket am Abend, als sie schlafen ging. Zuerst las sie die Zeilen auf dem Couvert: Liebste Mama, findest du nicht, du hast eine schöne Reise verdient, um die strapaziöse Periode hinter dir zu lassen? Hier bietet sich dir die Gelegenheit. Ein dicker Kuss, deine Iva.

Martha war verblüfft. Als sie einen Blick in die Reiseunterlagen warf, war ihre erste Reaktion: Ich kann das nicht, ich bin noch nicht so weit. Neugierig schaute sie sich aber das Reiseziel genauer an, überlegte minutenlang, bis sie plötzlich dachte: Ja, das tue ich einfach. Sie rief trotz der späten Stunde ihre Tochter an und bedankte sich herzlich bei ihr.

Zum ersten Mal seit beinahe elf Jahren schlief Martha zufrieden ein und träumte vom Meer.

Seitdem war ihr das Schicksal hold.

Auf der Insel lernte sie Wilma kennen. Im folgenden Jahr nahm sie vom Tierheim den schwarzen Kater Leo zu sich. Sie hatte keine Bedenken, eine schwarze Katze aufzunehmen. Schwarze Katzen bringen Pech? Nicht Leo, er hatte ihr bisher viel Liebe entgegengebracht. Von Pech keine Spur, im Gegenteil, er war ihre Glückskatze.

Kapitel 2

Marthas Erinnerungen reißen ab, als Leo auf ihren Schoß springt. »Oh, da bist du ja, mein Liebling.« Die Katze dreht sich zweimal im Kreis und lässt sich anschließend nieder. Sie streichelt das Tier minutenlang, bis sie beschließt, ins Haus zurückzukehren, um Wilmas Nummer zu wählen.

Eine schläfrige Stimme meldet sich nach dem sechsten Klingeln. »Vossen.«

»Hallo, Wilmachen, du hast doch nicht geschlafen, oder?« Martha lacht laut in den Hörer.

»Oh, hallo, meine Beste, nein, nein, ich habe nicht geschlafen. Soll ich herüberkommen? Wollen wir weiter Party machen?«

»Quatsch, es ist inzwischen zu spät. Wir haben verschlafen, so wie es bei alten Frauen üblich ist. Apropos, ich muss dir unbedingt etwas erzählen. Stell dir vor, was mir Iva zum Geburtstag geschenkt hat, das errätst du nie.«

Sie hört, wie Wilma tief ein- und ausatmet. »Du hast ein Jahresabo für das Fitnessstudio erhalten und ich wusste es von Anfang an. Übrigens, ich finde die Idee toll, denn ich habe vor, dich zu begleiten. Ich möchte auch eine Kleinigkeit für meine Fitness tun. Wir werden nicht jünger.«

»Du wusstest es? Das ist ja ein Ding. Na gut, dann sag mir, wann wollen wir starten? Wann hast du Zeit?«

»Gleich morgen. So gegen 15.00 Uhr komme ich bei dir vorbei. Wir trinken einen Kaffee zusammen und hinterher laufen wir gemächlich zum Studio und schauen uns das an.«

»Fein, fein, so sei es! Dann bis morgen. Schlaf gut, meine liebe Freundin.«

»Gute Nacht, meine Beste, bis morgen.«

Jetzt ist Martha gar nicht mehr so abgeneigt ins Fitnessstudio zu gehen. Mit Wilma wird es bestimmt lustig.

Der 21. August ist in einer halben Stunde vorbei. Ein neuer Tag wird beginnen. Martha ist sehr müde und geht ins Bett, kann aber nicht einschlafen. Gedanken rasen ihr durch den Kopf. Bilder der Vergangenheit vermischen sich mit denen der Gegenwart. Sie wälzt sich hin und her und kommt nicht zur Ruhe. Leo springt auf das Bett und legt sich auf die ihm zugeteilte Decke. Er fängt prompt an, leise zu schnurren und verströmt eine sanfte, angenehme Ruhe. Nach langer Zeit kommt schließlich der ersehnte Schlaf.

Am nächsten Morgen guckt Martha zum Himmel. Dunkle Wolken haben sich über der Stadt angesammelt. Es könnte jeden Moment anfangen zu regnen. Deshalb entscheidet sie keine Gartenarbeit anzufangen, sondern alle fünfe gerade sein zu lassen.

Während eines ausgedehnten Frühstücks liest sie die Zeitung und streichelt ab und zu Leo, der neben ihr liegt.

Wie jeden Morgen bekommt der Kater seine Streicheleinheiten. Dann steht er auf, macht einen krummen Buckel und verschwindet nach draußen zu seinen täglichen katzenhaften Abenteuern.

Der Vormittag vergeht langsam. Martha nimmt mittags eine Kleinigkeit zu sich und danach legt sie sich kurz aufs Ohr. Nach dem Aufstehen wartet sie auf Wilma.

Inzwischen hat es angefangen, stark zu regnen. Der Himmel ist dunkel und wolkenverhangen, es blitzt und donnert: Ein Sommergewitter wie aus dem Bilderbuch.

Um halb drei setzt sie Kaffee auf und deckt den Kaffeetisch mit Wilmas und ihren Lieblingsplätzchen: Cantuccini mit Schokoladenstückchen.

Pünktlich wie die Feuerwehr klingelt die Freundin an der Tür. Martha lässt sie herein. Sie umarmen sich, setzen sich an den Tisch, trinken Kaffee, essen reichlich von dem Gebäck, reden über dies und jenes. Nach einer Dreiviertelstunde brechen sie auf und kommen innerhalb von zehn Minuten im Studio an. Das Gewitter ist vorbei, dennoch ist die Luft heiß und schwer.

Sie treten ein und schauen sich erst einmal um. Männer und Frauen gemischten Alters trainieren an verschiedenen Geräten. Diese scheinen neuwertig zu sein. Der Raum macht einen hellen und offenen Eindruck. In verschiedenen Ecken sind Grünpflanzen in Töpfen platziert. Der Boden ist mit großen Terrakotta-Fliesen ausgelegt. Die Atmosphäre ist geschäftig und wohltuend.

Martha und Wilma steuern auf den Empfangstresen zu.

Dahinter sitzt eine blonde, junge Frau, die am Computer arbeitet. Sie blickt auf, lächelt und begrüßt sie herzlich. Wilma übernimmt das Reden. Sie stellt sich und ihre Freundin vor und erklärt, warum sie gekommen sind.

»Hallo, herzlich willkommen. Ich bin Hanna, schön, euch kennenzulernen. Ich hoffe, es ist in Ordnung für euch, dass wir uns hier alle duzen? Wir möchten dadurch eine freundschaftliche Stimmung ohne Zwänge erreichen. Jeder soll sich gleich wohlfühlen. Nun, was euer Anliegen betrifft, ist es erforderlich, ein Formular mit mehreren Fragen durchzugehen, damit ich mir ein Bild von eurer körperlichen Verfassung machen kann. Davon hängt ab, welche Übungen geeignet sind.«

Gesagt, getan. Nach fünfzehn Minuten sind die Fragebögen ausgefüllt und Hanna bittet die zwei Freundinnen, sich ein paar Minuten zu gedulden, um das Ergebnis auswerten zu können. Nach einer Stunde hat die Trainerin den beiden das Notwendige erklärt und die in Frage kommenden Geräte mit ihnen ausprobiert. Die Öffnungszeiten des Studios werden ausgehändigt zusammen mit einem weiteren Formular, auf dem Martha und Wilma unter anderem das Datum des Studiobesuches einzutragen haben. Dann sind sie entlassen, mit der Bitte, möglichst bald anzufangen. Mit einem warmherzigen Ciao verabschieden sie sich.

Die zwei Frauen gehen hinaus.

Wilma dreht sich zu Martha um. »Na, siehst du, alles ist erledigt. Mir raucht zwar von so vielen Informationen der Kopf, ich bin jedoch optimistisch, die Übungen zu schaffen. Sie werden uns definitiv guttun.«

Martha hakt sich bei Wilma unter. »Bin deiner Meinung. Und mittlerweile kann ich dem Fitnesskult sogar ein wenig abgewinnen.«

»Was sollen wir mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen? Wollen wir etwas unternehmen oder möchtest du nach Hause?«, erkundigt sich Wilma.

»Wenn ich ehrlich sein soll, würde ich gerne heimkehren, ein Glas Wein mit dir trinken und besprechen, wann wir mit dem Training anfangen wollen.«

Wilma stimmt dem Vorschlag sofort zu. »Okay, wunderbar, ich bin einverstanden, also lass uns gehen.«

Als sie ankommen, hat Martha noch nicht den Schlüssel in das Schloss gesteckt, da hören sie das Telefon klingeln. Sie macht rasch auf und eilt zum Apparat.

»Truasiem, hallo«

Eine männliche Stimme ist am anderen Ende. »Hier ist Kurt. Martha, kann ich rüberkommen?«

Martha ist erstaunt. »Ja, gerne. Wilma ist hier, wenn es dich nicht stört, dann komm. Was ist los?«

Für zwei Sekunden ist es still. »Das erzähle ich dir gleich. Nein, Wilma stört mich nicht, sie kennt die alte Leier schon …« Kurt trifft nach einer Minute ein. Er sieht furchtbar aus.

Seine Augen sind dunkel umrandet, so als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hat. Martha ist erschrocken.

Der Mann lässt sich in einen Sessel fallen und blickt die zwei Frauen traurig an.

»Es ist zum x-ten Mal soweit. Renate hat ihr Baby verloren.«

»Ihr Baby? War sie denn schwanger?«, rufen die Freundinnen unisono aus.

»Ja, das haben wir euch verschwiegen, da wir sicher sein wollten, dass es diesmal klappt. Aber leider, leider, dem war nicht so. Die Unglückliche ist heute früh mit Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte konnten das Baby nicht retten. Ich war bis jetzt bei ihr. Sie ist außer sich vor Kummer und Schmerz. Wir wissen nicht weiter …«

»Das ist ja schrecklich, lieber Kurt«, äußert sich Martha.

»Die Situation ist nicht auszuhalten«, echot Wilma. »Wie geht es Renate? Können wir sie besuchen?«

»Heute besser nicht, ihr geht es zu schlecht. Dies ist das fünfte Grauen, das sie miterleben muss. Kein Mensch kann das ertragen!« Kurt vergräbt den Kopf in beide Hände und atmet hörbar aus.

»Wir fühlen mit dir und werden sie morgen besuchen, nicht wahr, Wilmachen ?«, meldet sich Martha zu Wort.

»Genau, morgen wird sich herausstellen, ob wir sie einen Tick aufmuntern können,« bestätigt prompt die Freundin.

Sie legt dann eine Hand auf Kurts Arm. »Wie kommst du denn mit dieser schrecklichen Situation zurecht?«

Kurt gibt keine Antwort, er fängt stattdessen lautlos zu weinen an. Die zwei Frauen geben ihm gleichzeitig einen Kuss aufs Haar und schweigend streicheln sie ihn sanft. Für eine solche Situation kann man kaum Worte finden, sie ist zu schrecklich und zu verfahren.

Kurt beruhigt sich, wischt sich die Tränen mit dem Handrücken ab und erwidert mit leiser Stimme: »Danke meine Lieben für eure emotionale Unterstützung. Wie ihr euch vorstellen könnt, geht es mir miserabel. Seit fast fünfzehn Jahren versucht Renate schwanger zu werden, vergeblich. Kein Arzt konnte uns bisher helfen. Wir haben alle möglichen und unmöglichen Untersuchungen über uns ergehen lassen. Jeder Arzt ist bisher der Meinung, uns fehle es körperlich an nichts. Renate wird schwanger, aber innerhalb der ersten sechs Wochen verliert sie das Baby. Und nun, zum fünften Mal, dasselbe Prozedere. Das kann kein normaler Mensch aushalten.« Kurt lässt den Kopf sinken.

Martha hat völliges Verständnis für seinen grenzenlosen Trübsinn. Sie fühlt sich machtlos. Das Leben kann so hart sein.

Renate und Kurt sind ihr ans Herz gewachsen. Sie erinnert sich, wie diese vor zehn Jahren ins Nachbarhaus eingezogen sind.

Das Haus war uralt und vergammelt.

Eine alleinstehende Frau wohnte darin mit mehreren Katzen und zwei Hunden. Frau Gundi, so hieß die betagte Vorbesitzerin, war ein griesgrämiger, schrulliger Mensch. Niemand wusste, ob Gundi der Vor- oder Nachname war.

Sie hatte nie Besuch. Scheinbar hatte sie weder Verwandtschaft noch Freunde.

Die Kinder der Nachbarschaft machten sich öfters einen Spaß und beschimpften sie oder riefen ihr nach: »Alte Hexe, alte Hexe«. Sie warfen Mengen von Unrat in ihren Garten und rannten davon. Frau Gundi scherte sich scheinbar einen Teufel darum. Sie reagierte nicht auf die Beleidigungen der Kinder und räumte nichts weg. Im Laufe der Jahre glich der Garten einer Müllhalde.

Die Behörden, besonders der Tierschutzverein, besuchten sie mehrfach, um den Zustand der Tiere zu kontrollieren. Aber diesbezüglich hatten sie nichts gegen die alte Frau in der Hand. Die Tiere waren gepflegt und wohl genährt. Das Innere des Hauses war sehr alt, jedoch nicht unbedingt schmutzig. Aus diesem Grund konnten sie nichts unternehmen, also ließen sie sie letztendlich in Ruhe.

Frau Gundi sprach mit niemandem. Wenn es absolut unvermeidlich war, antwortete sie auf gestellte Fragen nur mit einem Ja oder Nein. Niemand hatte sie jemals einen längeren, zusammenhängenden Satz sprechen hören. Gegenüber Martha verhielt sie sich freundlich. Bei zufälligen Begegnungen lächelte sie ihr sogar zu.

Martha bemühte sich öfters vergeblich, die alte Frau aus der Reserve zu locken.

Eines Tages, nach Jahren der Nachbarschaft, winkte Frau Gundi Martha zu sich. Diese wunderte sich darüber.

Sie ging mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend zu ihr. »Guten Morgen, Frau Gundi, kann ich etwas für Sie tun?«

Die Alte blickte Martha direkt in die Augen, hob den Zeigefinger ihrer rechten Hand, so wie eine Lehrerin, die ihrer Klasse etwas mitzuteilen hatte, und sagte: »Du bist zurückgekommen.«

Martha verstand den Sinn dieser Aussage nicht und fragte nach: »Wer ist zurückgekommen? Meinen Sie mich? Frau Gundi, erklären Sie es mir, bitte!«

Frau Gundi reagierte nicht, wiederholte nur den vorigen Satz, diesmal klarer und deutlicher. Dann drehte sie sich um und, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging sie ins Haus, gefolgt von ihren Hunden. Martha schaute der alten Frau zutiefst verwundert hinterher. Sie rief ihr nach, sie solle mit ihr reden, sie verstünde das Ganze nicht. Aber sie war nicht mehr zu sehen.

Nach diesem merkwürdigen Ereignis sah Martha Frau Gundi nie wieder. Zwei Tage darauf starb sie. Der Schock dieser Nachricht traf Martha heftig.

Die Behörden schalteten sich ein, denn es musste untersucht werden, ob ein fremdes Verschulden vorlag. Nach der Obduktion wurde der Körper für die Beerdigung freigegeben. Das Letzte, was die Behörden für Frau Gundi erledigten, war ihre Beisetzung zu organisieren. Die Tiere kamen ins Tierheim.

Nach Frau Gundis Ableben erfuhren Martha und alle, die es interessierte, wie die alte Frau wirklich hieß: Ihr Name war Gundula Grössel, fünfundachtzig Jahre alt, von Beruf Lehrerin. In ihrer Jugend war sie einmal verheiratet gewesen und hatte zwei Söhne, verlor aber ihre Liebsten bei einem Autounfall. Seit diesem schrecklichen Vorfall war sie ein anderer Mensch geworden: Der Mensch, den man kannte.

Martha träumte später manchmal von ihr. Sie erschien ihr nicht als alte Frau, sondern als junge, dynamische, nette und liebenswürdige Person, die andauernd beteuerte: »Du bist zurückgekommen.«

Mit der Zeit verblasste die Erinnerung an sie und ihre Worte.

Unterdessen war Frau Gundis Haus an Renate und Kurt verkauft worden. Das Ehepaar investierte eine Menge Arbeit und Geld in die Modernisierung. Die Mühe hat sich wahrlich gelohnt. Das Anwesen ist heute eines der schönsten weit und breit. Hier wollten Renate und Kurt glücklich werden und mindestens zwei Kinder großziehen. Dieser Wunsch ist ihnen leider bisher vom Schicksal verwehrt worden.

Am nächsten Morgen ist das Wetter eine Katastrophe. Es regnet in Strömen und es ist für die Jahreszeit zu kühl. Trotzdem fahren Martha und Wilma ins Krankenhaus und finden die Witterung ausgesprochen passend zu dem, was sie vorhaben.

In einem Blumenladen kaufen sie einen Strauß duftender Rosen. Sie wissen, in welchem Zimmer Renate liegt, und begeben sich direkt dorthin.

Ein zaghaftes Klopfen und sie treten ein. Renate liegt im Bett und scheint zu schlafen. Die zwei Freundinnen tauschen einen kurzen Blick aus und wollen kehrtmachen. Kaum haben sie die Tür erreicht, hören sie Renates Stimme: »Ihr könnt bleiben, ich schlafe nicht, sondern habe nur gedöst. Ich freue mich, dass ihr da seid.«

Die Frauen umarmen sich und es fließen sogleich die Tränen. Martha schweigt und geht eine Vase für die Blumen holen. Sie gesteht sich ein, traurig, kraftlos und feige zu sein. Sie möchte Wilma den Anfang der Konversation überlassen, weil ihre Freundin immer die richtigen Worte findet. Und so ist es auch diesmal. Für eine Weile reden sie mit Renate über dies und jenes und natürlich ebenfalls von dem Unglück, das ihr bereits vielfach widerfahren ist.

»Ich schwöre, ich werde nicht mehr versuchen, ein Kind zu bekommen. Ein sechstes Mal würde ich das nicht verkraften und Kurt geht daran langsam ebenso zugrunde. Wir haben uns vorgenommen, unser Leben ohne Zwang weiterzuleben. Wir spielen mit dem Gedanken, ein Kind zu adoptieren. Allerdings sind wir unschlüssig, ob wir die Prozedur einer Adoption durchstehen können«, verkündet Renate mit ernster Miene.

Martha drückt ihr die Hand und gleichzeitig sprudeln aus Wilma die Worte heraus: »Ich finde, es ist eine gute Entscheidung.« »Liebe Renate«, fährt Wilma fort, »du hast einen wunderbaren Mann, der dich abgöttisch liebt, ein behagliches Heim und genügend Geld. Ihr seid reizende Leute und führt eine tolle Ehe. Ich bin mir sicher, ihr findet die Stärke, das langwierige Verfahren einer Adoption zu ertragen. Gemeinsam schafft ihr das. In der Zwischenzeit solltet ihr euch das Leben so erfreulich wie nur möglich gestalten.«

»Du hast recht, Wilma, so weit bin ich sogar selbst, aber ich habe vielleicht diese Rückschläge gebraucht, um zu dem heutigen Schluss zu kommen. Vorher hätte ich so nie gedacht, da mein Kinderwunsch zu stark war. Es ist mir klar, ich habe Kurt mit meiner Obsession weh getan, jedoch wird es ab sofort anders. Wir haben nun Frieden mit dem Schicksal geschlossen und werden endlich leben, ohne einem unerreichbaren Traum nachzujagen. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt, meine biologische Uhr tickt unaufhörlich. Es ist an der Zeit, meine Zukunft so zu gestalten, um Freude an dem zu empfinden, was ich gerade habe, und nicht an dem, was ich haben könnte.«

Martha reagiert augenblicklich. »Sehr schön, meine Liebe, gut hast du das gesagt. Ich bin heilfroh, diese Worte aus deinem Munde zu hören. Ab jetzt geht es aufwärts, Mädels.« Dann fügt sie aufgeregt hinzu: »Ob wir hier in der Cafeteria Champagner finden können? Ich schaue mal. Darauf muss unbedingt ein Glas gehoben werden.« Und schwuppdiwupp ist Martha weg.

Nach einer Viertelstunde kehrt sie mit einer Flasche Sekt zurück. »Champagner gab es nicht, aber dies ist auch feuchter Alkohol. Also, meine Lieben, begnügen wir uns damit. Übrigens, Gläser habe ich mitgebracht.« Sie öffnet die Flasche unter Gelächter und schenkt ein. »Prosten wir auf das Leben!«

Die drei Frauen sitzen auf dem Bett, trinken den Sekt und freuen sich, dass die missliche Geschichte ein Ende gefunden hat.

Die Luft im Zimmer scheint leichter geworden zu sein, und es hat aufgehört zu regnen. Aus den Wolken blickt die Sonne hervor und überflutet das Zimmer mit dem warmen Licht ihrer Strahlen.

Kapitel 3

Am Tag darauf beginnen Martha und Wilma eifrig im Fitnessstudio mit den ihnen aufgetragenen Übungen. Sie sind glücklich, weil Renate endlich Frieden mit der Angelegenheit Kinderkriegen geschlossen hat. Beide freuen sich auf ihre Entlassung aus dem Krankenhaus. Martha will bei der Gelegenheit eine Einladung zum Essen aussprechen. Sie hat sich vorgenommen, ein typisch italienisches Gericht zu kochen und dazu einen erlesenen italienischen Wein anzubieten. Nach der düsteren Periode wird Renate ein bisschen Leichtigkeit vertragen können. Außerdem möchte Martha ihre Lieben um sich versammeln und Spaß haben.

Drei Tage später kommt Renate heim und Martha spricht ihre Einladung aus. Der Termin wird für den nächsten Samstagabend festgelegt.

Der Abend verläuft harmonisch. Die Gastgeberin tischt Lasagne, Salat und Tiramisu auf. Jeder überhäuft Martha mit Komplimenten für ihre Kochkunst. Alle lassen sich den Chianti munden, sodass sie sich zur späten Stunde einen Schwips angetrunken haben.

Ach, ist das Leben schön!

Der Gang zum Fitnessstudio macht Martha mehr Spaß, als sie jemals gedacht hätte. Nach drei Wochen hat sie sich an die Geräte gewöhnt, ohne am nächsten Tag Muskelkater zu haben. Inzwischen kennt sie die Fitnessfreunde, die am Vormittag wie sie das Studio besuchen und ungefähr in ihrem Alter sind. Unter ihnen sind auch jüngere, aber eher selten, denn um die Zeit sind diese entweder bei der Arbeit oder in der Schule.

An einem Donnerstag regnet es wie aus Kübeln. Martha wacht mit Kopfschmerzen auf. Sie muss Wilma vertrösten, da sie nicht weiß, ob sie heute wie gewohnt mit ihr zum Training gehen kann.

Sie schluckt eine Schmerztablette, trinkt einen doppelten Espresso, isst ein Toastbrot mit Butter und legt sich dann nochmal hin. Auf den Schmerz will sie sich nicht konzentrieren, sondern auf etwas Angenehmes. Sie malt sich aus, auf einer Südseeinsel zu verweilen. Der lange, feinsandige Strand schlängelt sich am Meer entlang. Martha spürt das Plätschern der blauen Wellen und die warme Brise, welche die Blätter der hohen Palmen leicht wedeln lässt. Es ist hell, ruhig und wunderschön in ihrer Fantasie. Wenn nur dieses lästige Kopfweh nicht wäre!

Nach einer gewissen Zeit lassen die Schmerzen langsam nach, und sie schläft ein. Nach dem Aufwachen fühlt sie sich zwar benommen, aber der Schmerz hat sich verflüchtigt.

Nachdem Martha geduscht und sich angezogen hat, bereitet sie einen Salat zu, isst ihn in aller Ruhe am Küchentisch und liest gleichzeitig die Nachrichten in der Tageszeitung. Anschließend legt sie sich aufs Sofa.

Nach langem Überlegen kommt sie zu dem Entschluss, doch Fitness zu machen.

Ein Anruf genügt: Wilma erklärt sich bereit, sie zu begleiten. Eine Stunde später gehen beide in bester Laune in die Muckibude.

Der Regen hat nunmehr aufgehört, die Sonne spielt Versteck mit den Wolken, es ist schwül. Die zwei Freundinnen kommen zu einer für sie ungewohnten Zeit an. Am Anmeldetresen müssen Wilma und Martha warten, bis jemand vom Personal erscheint, um ihnen einen Schlüssel für den Spind im Umkleideraum auszuhändigen.

Neugierig schaut sich Martha um. Das Publikum ist ein ganz anderes als am Vormittag. Ihr Blick bleibt an einem der Laufbänder hängen. Ein junger Mann, groß, dunkelhaarig, läuft rhythmisch und schweißüberströmt auf dem Band. Martha guckt ihn intensiv an. Er, vielleicht von ihrem Blick magisch angezogen, schaut zu ihr zurück. Seine Augen sind pechschwarz, die Nase eine Spur hakenförmig, allerdings nicht störend in seinem gutaussehenden Gesicht.

Martha ist wie vom Blitz getroffen. Sie glaubt, ihn zu kennen, weiß zwar nicht woher, aber seine Physiognomie ist ihr sehr vertraut. Ihre Beine fühlen sich unvermittelt wie Pudding an und versagen ihren Dienst.

Ohne zu begreifen, was mit ihr geschieht, spricht Marta die Wörter aus: Matteo amore mio per sempre (Matteo, meine Liebe für immer). Sie gleitet langsam zu Boden und die Dunkelheit umfängt sie.

Verwirrt und ohne Erinnerung daran, was mit ihr geschehen ist, kommt sie zu sich. Sie schaut hoch und sieht drei Köpfe mit fragender Miene über ihrem Gesicht.

Wilma erkundigt sich sofort: »Meine Beste, was ist mit dir los?«

Unmittelbar danach ist eine männliche Stimme zu vernehmen: »Martha, geht es dir gut?« Es ist Markus, einer der Trainer.

Eine andere, ihr fremde Stimme fragt: »Frau Truasiem, Sie sind ohnmächtig geworden, wissen Sie, wo Sie sind?«

Stumm versucht Martha aufzustehen. Zwei starke Arme drücken sie nach hinten auf die Liege. Sie stöhnt und schließt die Augen.

»Mein Gott, Martha, sag bitte etwas«, sagt Wilma voller Sorge.

»Entspannen Sie, Frau Vossent. Mit ihrer Freundin ist alles im grünen Bereich, sie hat nur einen kleinen Schwächeanfall erlitten. Kein Wunder bei der Hitze und bei ihrem niedrigen Blutdruck. Ihr Puls ist nun aber stabil, das Herz schlägt zwar ein bisschen schnell, aber regelmäßig. Ich bin davon überzeugt, sie wird sich schleunigst erholen.«

Martha hört diese Erklärung und öffnet die Augen.

»Wilmachen, was ist passiert, warum liege ich hier?« Sie dreht sich dann zu dem Fremden, guckt ihn an und wendet sich erneut Wilma zu. »Wer ist dieser Mann? Was will er von mir?«

Wilma streichelt Marthas Wange. »Du liegst hier, weil du von jetzt auf gleich umgefallen bist. Dieser Mann ist ein Arzt, den wir gerufen haben, da du nicht aus deiner Bewusstlosigkeit erwachen wolltest.«

Martha will sich aufzurichten. »Ich benötige keinen Arzt, mir fehlt nichts. Ich möchte trainieren, wie vorgehabt.«

Wilma widerspricht ihr. »Sachte, sachte, meine Beste, nicht so stürmisch. Sobald du dich halbwegs erholt hast, werden wir heimgehen und du ruhst dich aus. Unsere Übungen machen wir morgen, wenn überhaupt.«

Martha wedelt mit einem Arm, als ob sie eine lästige Fliege wegscheuchen wollte.

»Nach Hause? Auf gar keinen Fall, ich bin wieder fit.«

Der Arzt schaltete sich ein. »Frau Truasiem, es ist vermutlich besser, wenn Sie auf Ihre Freundin hören. Sie kehren nach Hause zurück und legen sich hin. Ich denke, Ihr Unwohlsein war nur eine Momentaufnahme, aber es wäre angebracht, heute keinen Sport mehr zu treiben.«

So hundertprozentig wohl ist ihr nicht, also gibt Martha nach. »Okay, wenn Sie es mir verordnen, dann höre ich auf die Stimme der Vernunft.«

Sie erhebt sich vorsichtig, hakt sich bei Wilma unter, und gemeinsam treten sie den Heimweg an.

Im Fitnessraum wirft sie einen Blick auf die Laufbänder. Der junge Mann ist fort. Die Neugierde nagt an ihr. Sie wendet sich an den Trainer.

»Entschuldigung, Markus, vorhin trainierte auf dem Laufband ein junger Mann, groß, dunkelhaarig, mit schwarzen Shorts, einem roten T-Shirt und schwarz-roten Sportschuhen bekleidet. Wer ist er?«

Markus überlegt eine Sekunde. »Du meinst den jungen Mann von vorhin, als dir schlecht wurde?«

»Ja, genau der.«

»Ach so, Marius Fuerster. Er ist seit Neustem Mitglied bei uns. Kennst du ihn?«

»Nein, nein, ich kenne ihn nicht. Kommt er immer donnerstagsabends?«

»Ja, bisher schon, aber warum fragst du?«

Martha errötet leicht. »Oh, nur so, er erinnert mich an jemanden, aber mir ist nicht klar an wen. Eventuell fällt es mir noch ein. Danke für die Auskunft, bis morgen, Markus.«

»Okay, bis morgen, wünsche dir eine baldige Besserung.«

Martha und Wilma verlassen das Studio. Kaum draußen angelangt, bricht es aus Wilma heraus: »Martha, was ist los? Warum hast du Markus mit Fragen über den jungen Mann bombardiert? Kennst du ihn? Wer ist er? Hast du ihn schon einmal getroffen?«

Martha lächelt tiefgründig. »Wilmachen