Lieber Ludwig - Dr. Ghassan Al-Halabi - E-Book

Lieber Ludwig E-Book

Dr. Ghassan Al-Halabi

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Beschreibung

„Das wunderbarste Geschenk zum 250. Geburtstag des großen musikalischen Genies“ „Sehr beeindruckend: eine Hymne à Ludwig!“ Kathrin Haarstick – Weltklassik am Klavier Eine außergewöhnliche Idee: Seit über 20 Jahren schreibt der Beethovenverehrer, Dr. Ghassan Al-Halabi, Briefe an seinen Freund Ludwig. Darin erzählt er ihm zum Beispiel, wie seine Musik auf den Zuhörer wirkt und wie seine Botschaften uns erreichen und unser Leben verändern. Ebenso erzählt er ihm einiges von dem, was nach ihm in dieser Welt geschah, und viel über ihn selbst als musikalischer Tondichter, auch aus der Sicht anderer Musiker, Denker, Schriftsteller und Philosophen. Außerdem erinnert er ihn an Anekdoten aus seiner Zeit und wie er mit seinen Herausforderungen umging. In einem anderen Brief erklärt er ihm seine Schwerhörigkeit aus heutiger medizinischer Sicht. In manchen Passagen nimmt er tiefgründig Bezug auf seine sowie auf unsere Psyche. Dabei wird immer wieder deutlich, wie sehr Beethoven uns als Vorbild dienen kann, denn trotz all seiner Probleme und Schicksalsschläge hat er weitergekämpft und das Unerträgliche ertragen, um uns solche wunderbaren musikalischen Werke zu schenken und unser Leben mit Freude und Glück zu bereichern. Seine Musik ist einmalig. Sie drückt genau das aus, was man mit Worten nicht auszudrücken vermag. Sie ist Esprit wie keine andere Kunst.

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Lieber Ludwig - Eine Hommage an Beethoven

1. Auflage, erschienen 3-2020

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Dr. Ghassan Al-Halabi

Layout: Romeon Verlag

ISBN: (E-Book) 978-3-96229-889-0

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Kaarst

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Dr. Ghassan Al-Halabi

Lieber Ludwig

Eine Hommage an Beethoven

Für LudwigZum 250. Geburtstag

Vorwort

Es schmeichelt mir sehr, dass ich das Vorwort für dieses Buch schreiben darf! Nun bin ich ja kein Musikwissenschaftler, aber Ghassan Al-Halabi und ich teilen die große Verehrung und den außerordentlichen Respekt sowie eine tiefe Liebe für – Beethoven!

Für das Jahr 2020, in dem der große Meister seinen 250. Geburtstag feiert, haben wir beide zusammen das Programm für die 13 Klavierkonzerte im Rysumer Fuhrmannshof – und damit die Programme für die über 400 Konzerte von Weltklassik am Klavier in Deutschland ausgewählt. Dabei unterstützt er sogar die Pianisten – in ihrem Namen möchte ich mich dafür besonders herzlich bedanken.

Nun liegen sie vor, seine großen und kenntnisreichen Liebesbriefe an seinen Ludwig. Diese sind sehr persönliche und tiefsinnige Liebesbriefe, die uns zum Nachdenken anregen und zeigen, wie sehr und wie bereichernd Ludwig van Beethoven ihn bisher durch sein Leben begleitet hat, denn er beschreibt seine Gefühle bei dieser Musik. Danke, dass er uns daran Anteil nehmen lässt.

Ich wünsche allen Lesern viele erhellende Momente – und uns allen weiterhin die wirklich unendlichen Freuden, die Ludwig van Beethoven uns immer wieder schenkt!

Kathrin Haarstick

Weltklassik am Klavier

Prolog

Über ein Genie zu schreiben, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten und anspruchsvollsten Aufgaben, die man sich vorstellen kann. Und wenn Beethoven im Mittelpunkt steht, wird eine solche Aufgabe nicht einfacher, denn hierzu existieren unzählige Schriften und Bücher, die sich mit ihm und seinen Werken auseinandersetzen.

Trotzdem ist dieses Buch etwas Neues, etwas Außergewöhnliches, vielleicht sogar etwas Ungewöhnliches, das mit den anderen nicht zu vergleichen ist. Hier wird die Tatsache außer Acht gelassen, dass Beethoven 1827 starb. Wie kann man jemanden für tot erklären, der uns nachhaltig mit so großartiger Musik beglückt?

Er ist allgegenwärtig. Er schwebt über uns, in diesem Universum, in dem sich seine Werke so wunderbar entfalten. Er ist so lebendig wie kaum ein anderer. Er schaut uns an und liest die Briefe, die ich ihm seit Jahren schreibe. Er lebt und hört mir zu!

Es geht mir darum, als Vertreter der späteren Generationen, als Musikliebhaber und Beethovenverehrer Briefe an meinen Freund Ludwig zu schreiben. Darin erzähle ich ihm zum Beispiel, wie seine Musik auf den Zuhörer wirkt und wie seine Botschaften uns erreichen. Durch seine phänomenalen Werke gelingt es ihm, unser Leben zu verändern und tief in unsere Seele einzudringen. Ebenso verrate ich ihm einiges von dem, was nach ihm in dieser Welt geschah, und ich erzähle ihm viel über ihn selbst als musikalischer Poet und Tondichter, auch aus der Sicht anderer Musiker, Denker, Schriftsteller und Philosophen. Außerdem erinnere ich ihn an Anekdoten aus seiner Zeit und wie er mit seinen Herausforderungen umging. In einem anderen Brief erkläre ich ihm seine Schwerhörigkeit aus heutiger medizinischer Sicht. In manchen Passagen nehme ich tiefgründig Bezug auf seine sowie auf unsere Psyche. Dabei wird immer wieder deutlich, wie sehr er uns als Vorbild dienen kann, denn trotz all seiner Probleme und Schicksalsschläge hat er weitergekämpft und das Unerträgliche ertragen, um uns solche wunderbaren musikalischen Werke zu schenken und unser Leben mit Freude und Glück zu bereichern. Seine Musik ist einmalig. Sie drückt genau das aus, was man mit Worten nicht auszudrücken vermag. Sie ist Esprit wie keine andere Kunst.

Im Folgenden möchte ich noch ein paar Worte über die Hintergründe und die Entstehung dieses Buches äußern.

Meine Empfindung könnte nicht zutreffender als mit Nietzsches Worten beschrieben werden: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Ein Leben ohne Musik ist für mich ebenfalls unvorstellbar. Seitdem ich denken kann, hat die Tonkunst mir regelmäßig Gesellschaft geleistet. In verschiedenen Lebenssituationen – beim Lernen, in meiner Freizeit, unterwegs oder auch bei der Arbeit – hat die Musik mich begleitet, wie eine innig geliebte Lebensgefährtin. Sie war und ist verantwortlich für unendliche angenehme Stunden voller Wohlbehagen und entzückender Momente. Allein durch ihre Anwesenheit bereitet sie mir immens viel Freude und Vergnügen bei allem, was ich tue.

Insbesondere die klassische Musik spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben, vor allem die Werke von Ludwig van Beethoven. Dieses große Genie, dieser außergewöhnliche Musiker hat mein Leben geprägt und bereichert. Seine Töne haben eine unbeschreibliche Wirkung auf mich, die einen heilenden und regenerierenden Effekt impliziert. Wenn ich mich unwohl fühle, brauche ich nur eines – seine Musik.

Um sich in einen Rauschzustand zu versetzen, greifen einige Menschen zum Alkohol oder zu anderen Drogen. Stattdessen setze ich mein Gehör ein und genieße irgendein Werk aus seinem glänzenden Repertoire. Nach kurzer Zeit fühle ich mich wie neugeboren, und das alles ohne jegliche Kosten und ohne Nebenwirkungen. Deshalb gebe ich gerne zu, „süchtig“ zu sein, und zwar nach seiner Musik.

Meine Dankbarkeit für Beethoven vermag ich mit bloßen Worten kaum zu beschreiben. So entstand mein Bedürfnis, diese Briefe zu schreiben. Somit kann dieses Buch als Ausdruck meiner Verbundenheit betrachtet werden: eine Hommage à Beethoven. Es soll ein Geschenk zu seinem 250. Geburtstag sein, wenngleich ich das im Vergleich zu dem, was ich von ihm bekommen habe, als unzureichend betrachte.

Wenn ich über ihn und über seine Tonkunst schreibe, dann möchte ich mich auf die Gefühle und Botschaften konzentrieren, die er uns durch seine Töne vermittelt. Auch wenn das Buch wissenschaftlich fundiert und gut recherchiert ist, ist es nicht ausschließlich für Experten und Kenner konzipiert, sondern ebenfalls für den einfachen Musikliebhaber gedacht. Vielmehr ist es sogar für den neugierigen und interessierten Laien verfasst, der seinen Horizont erweitern möchte und im Rahmen einer Entdeckungsreise bereit ist, sich in der Faszination dieser erhabenen Musikwelt zu verlieren.

Es ist nicht meine Intention, die Leserschaft mit biografischen Fakten und sachlichen Informationen über Beethoven zu bombardieren. Es geht mir hauptsächlich darum, dem Leser seine Lebendigkeit, seine Gefühle und seine Gedanken näherzubringen und ihn seine Präsenz spüren zu lassen. Vielmehr soll der empfängliche Leser die Möglichkeit haben, Inspirationen zu erhalten, die sein persönliches Leben bereichern.

Mein Wunsch ist, dass Beethoven und seine Werke dem interessierten Leser genauso viel geben, wie es bei mir der Fall war. Denn ich bin „nur“ ein einfacher Hörer, der durch einen glücklichen Zufall auf ihn aufmerksam geworden ist und seine Ohren so weit trainiert hat, dass er dabei den höchsten Hörgenuss verspürt. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder irgendwann in der Lage sein wird, dieses Stadium zu erreichen, in dem man mittels dieser wunderbaren Musik diese materielle Welt für eine Weile verlässt, um zwischen Himmel und Erde zu schweben. Wenn die Offenbarung meiner Beziehung zu Beethoven in diesem Buch auch nur das Leben eines einzigen Menschen bereichert, dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt.

In diesem Buch wurde bewusst die Anrede in der 2. Person („Du-Form“, gewollt kleingeschrieben) gewählt, weil sie ein hohes Maß an Nähe und Vertrautheit bedeutet. Fachbegriffe wurden weitestgehend erläutert, damit der Leser einen besseren Einblick in die Hintergründe und Zusammenhänge erhält. Nun wünsche ich allen viel Freude sowie zahlreiche glückliche Momente beim Lesen.

Emden, im Januar 2020

Dr. Ghassan Al-Halabi

Emden, 25.01.1998

Lieber Ludwig,

mein erster Brief an dich ist schon längst überfällig. Vielleicht liegt es daran, dass ich so lange gewartet habe, bis ich den Brief in der deutschen Sprache, deiner Muttersprache, verfassen konnte. Wahrscheinlich habe ich mich aber geirrt, bitte verzeih! Ist denn die deutsche Sprache oder überhaupt irgendeine irdische Sprache wirklich das Richtige, um mit dir zu kommunizieren? Nein, das glaube ich nicht – ich denke, deine richtige Ausdrucksweise ist etwas ganz anderes, etwas Erhabenes: Deine richtige Sprache ist das, was man durch Noten und Töne formuliert und nicht mit Buchstaben und Worte fassen kann. In dieser Hinsicht muss ich leider passen, denn ich bin kein Komponist und auch kein Musiker! Deshalb sehe ich mich gezwungen, diese für dich vermutlich eher gewöhnlichere Art von Verständigung zu wählen. Deine Sprache ist das Höchste, was man zum Ausdruck anwenden kann: „Die Musik ist die höhere Offenbarung als jede andere Kunst“, wie du es einmal erklärt hast.

Lieber Ludwig,

spätestens jetzt bist du wohl am Grübeln und Nachdenken: Wer ist das eigentlich, der mir nun schreibt? Kennen wir uns überhaupt? Das sind durchaus berechtigte Fragen und ich bin dir eine Antwort schuldig: Ja, lieber Ludwig, wir kennen uns. Sehr gut sogar! Nun überlegst du vielleicht und kommst zu dem Schluss, dass wir uns nie begegnet sind. Wie können wir uns denn kennen, ohne uns jemals getroffen zu haben?

Ich möchte versuchen, dir alles zu erklären:

Ich kenne dich schon sehr lange, und zwar seit meiner Grundschulzeit in Damaskus – durch einen engagierten Musiklehrer bin ich auf dich aufmerksam gemacht worden, und das war der Anfang einer intensiven Beziehung zu dir. Seitdem hast du mich ständig begleitet und bis heute mein Leben geprägt. Dazu später mehr.

Und du kennst mich auch. Du kennst mich insofern, dass du mir, durch deine Musik, verschlüsselte Botschaften gesandt hast, um mir vieles mitzuteilen. Du wusstest ganz genau, dass es in der Zukunft Menschen geben wird, die das verstehen, was du wirklich sagen wolltest. Ich bin sozusagen ein Symbol für die späteren Generationen und Vertreter der Musikliebhaber, die dich und deine Musik verehren und über alles lieben.

Kannst du dich an deine Äußerung erinnern, dass deine Musik nicht für deine Zeitgenossen, sondern eher für die späteren Generationen gedacht war? Du hättest deine Kompositionen an die künftigen Musikfreunde gerichtet, die vieles besser verstehen würden. Mein Musiklehrer hat uns damals von solchen Aussagen erzählt. Ob deine Worte wirklich so gefallen sind oder nicht, ist nicht von Belang, aber zutreffend ist es auf jeden Fall. Wenn wir über deine Zeitgenossen reden, dann erinnerst du dich bestimmt sehr gut daran, dass du, mehr als andere Musiker, sehr viele Gönner und Verehrer gehabt hast. Dennoch gab es leider wie immer auch Neider und Missgünstige. Es gab die sogenannten Kritiker, die über deine Werke einige negative Kommentare getätigt haben, die beim besten Willen schlicht unbegreiflich sind. Zum Trost kann ich dir sagen, Kulturbanausen gibt es immer und zu allen Zeiten. Es sind Menschen mit unzulänglichen, flachen Ansichten, bei denen ein tiefgründiges Kunstverständnis fehlt, und einige von ihnen haben damals versucht, deine großartigen Werke zu degradieren. Solche Typen haben das Negative gesucht, eher erfunden, in der Hoffnung, sich als kompetente Kunstkritiker zu behaupten. Kulturbarbaren und Nichtskönner versuchen in der Regel, durch negative Aussagen als anspruchsvolle Kenner dazustehen – sie handeln nach dem Motto: Ich mache den anderen schlecht, dann bin ich ein bisschen gut.

Um dich aufzuheitern, lieber Ludwig, kann ich dir nur sagen, dass sowohl die echten Künstler und Könner als auch die größten Denker, Schriftsteller und Philosophen in der Weltgeschichte den äußersten Respekt für dich empfinden und deinen Werken die höchste Wertschätzung zukommen lassen. Einer der größten Komponisten, Dirigenten und Pianisten des 20. Jahrhunderts, Leonhard Bernstein*, hat einmal Folgendes über dich geäußert: „Wir haben von Beethoven ein gottähnliches Bild …“ – und damit ist er der vollen Überzeugung, dass alles, was du erschaffen hast, die absolute Perfektion erreichte, sodass kein anderer Mensch etwas daran verbessern könnte und kein anderer Musiker irgendein Werk von dir besser komponiert hätte.

Weißt du noch, als was dein Lehrer Haydn** dich bezeichnet hat? Als du sein Schüler gewesen warst, hat er dich achtungsvoll als Großmogul tituliert (1). Wollte er damit sagen, dass du einer der größten Herrscher der Weltgeschichte oder vielleicht auch einer der fünftgrößten bekannten Diamanten der Welt wärest?

„Zusammengefasster, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen“, schrieb Goethe nach seiner Begegnung mit dir. (2)

Durch dein Genie hat die Symphonie so eine Höhe erreicht, die für andere Komponisten unerreichbar erscheint. Und das war dafür verantwortlich, dass einer der größten Komponisten nach dir, Johannes Brahms*, etliche Jahre und mehrere Anläufe gebraucht hatte, um seine erste Symphonie zu schreiben und zu veröffentlichen. Jahrelang traute er sich nicht zu, so ein großes Musikstück zu verfassen, und als man ihn nach dem Grund fragte, erklärte er sinngemäß Folgendes: „Jedes Mal, wenn ich auf die Idee komme, eine Symphonie zu komponieren, habe ich das Gefühl, ein Riese schaut mir über die Schultern.“

Ins „Titanische“ spielen deine Charakterisierungen oft, so selbst bei Brahms: „Das schöne edle Pathos, das Großartige in Empfindung und Phantasie, das Gewaltige, auch wohl gewaltsame im Ausdruck …“ (3)

* Leonard „Lenny“ Bernstein (geb. als Louis Bernstein am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts; gest. am 14. Oktober 1990 in New York City, New York) war ein US-amerikanischer Komponist, Dirigent und Pianist.

** Franz Joseph Haydn (geb. am 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; gest. am 31. Mai 1809 in Wien) war ein österreichischer Komponist der Wiener Klassik. Haydns 1797 uraufgeführte Vertonung des Gedichts Gott! erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!, das Kaiserlied, wurde zu den Österreichischen Kaiserhymnen und mit anderem Text später die deutsche Nationalhymne. Im Juli 1792 traf er Ludwig van Beethoven in der Godesberger Redoute bei Bonn. Der 21 Jahre alte Beethoven spielte Haydn vor; beide verabredeten, dass er eine zweite Studienreise nach Wien unternehmen solle, um Meisterschüler Haydns zu werden.

* Johannes Brahms (geb. am 7. Mai 1833 in Hamburg; gest. am 3. April 1897 in Wien) war ein deutscher Komponist, Pianist und Dirigent. Seine Kompositionen werden vorwiegend der Hochromantik zugeordnet; durch die Einbeziehung barocker und klassischer Formen gehen sie aber über diese hinaus. Brahms gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte.

Emden, 26.01.1998

Lieber Ludwig,

man hat dich als Napoleon der Musik, als Magier der Töne und als Hohepriester im Tempel der Natur beschrieben.

Du bist ein musikalischer Poet, kein Tonsetzer, sondern ein Tondichter: Du bist ein schöpferischer Verfasser der musikalischen Kunstwerke.

Deine Symphonien sind Werke von zeitgeschichtlicher Relevanz und Aktualität, über die bis heute noch diskutiert wird wie über einen Roman von Dostojewski oder ein Drama von Shakespeare!

Ich bin davon überzeugt, dass in deinen Werken viel mehr gesagt wird als in tausend Bildern, Gedichten oder Kunstwerken jeglicher Art. Du hast mehr zum Ausdruck gebracht, als alle anderen vortragen und in Worte fassen können.

Du hast vieles in der Welt verändert und deine Musik hat die Vollendung und die vollkommene Meisterhaftigkeit erreicht. Deine Musik ist absolut, deshalb weil sie das ausspricht, was man mit Worten nicht formulieren kann. Sie ist reiner Geist wie keine andere Kunst. Auch wenn ich nicht alles mit Vokabeln erklären kann, verstehe ich, was du mir sagen willst, und dafür bin ich sehr dankbar. Das macht mich sehr glücklich und gleichzeitig auch sehr stolz.

Emden, 28.01.1998

Lieber Ludwig,

du fragst dich nun, warum ein Mensch einem anderen schreibt, der schon vor langer Zeit gestorben ist? In dieser Hinsicht muss ich dich leider korrigieren. Du bist nicht tot! „Nicht verloren habt ihr ihn, ihr habt ihn gewonnen.“ Diese Worte wurden an deinem Grab gesprochen. Dein Körper lebt zwar nicht mehr, aber du bist unsterblich – du bist so lebendig wie kein anderer, und das bleibt so, solange Menschen Ohren haben, die zuhören und in der Lage sind, zu spüren und zu begreifen, was sie hören. Das habe ich dir schon einmal geschrieben, vielleicht erinnerst du dich daran: Das war im Sommer 1977 auf der ersten Seite meiner Doktorarbeit, die ich deiner Seele gewidmet habe. Die Widmung schrieb ich auf Arabisch, weil die deutsche Sprache damals für mich noch fremd war, aber den Sinn hast du bestimmt verstanden. Ich übersetze dir diese Widmung heute:

Widmung meiner Doktorarbeit zum Abschluss des Medizinstudiums

Dem Menschen, dessen Körper 1827 begraben wurde, der selbst aber nicht starb;

dem immerwährenden Menschen, der unvergänglich und unvergesslich bleibt, solange es Ohren gibt, die intensiv hören können, und solange es einen Geist gibt, der Außerordentliches versteht;

dem grandiosen Musiker, der einmal sagte: „Das Schicksal ist stark und mächtig, aber der Mensch kann auch unglaublich stark sein“;

dem hervorragenden Genie, dessen Anwesenheit mich mit vollem Respekt und Demut erfüllt;

der Seele des imponierenden und außergewöhnlichen Künstlers Ludwig van Beethoven

anlässlich seines 150. Todestages

widme ich diese bescheidene Doktorarbeit.

Originaltext auf folgender Seite:

Emden, 18.03.1998

Lieber Ludwig,

unter dem Titel Meine unsterbliche Geliebte erschien vor einigen Jahren ein Film über dich. In einer Szene sollst du die Musik so beschrieben haben: „Die Musik ist eine Art Hypnose – sie versetzt den Hörer in die Lage, das Gleiche zu fühlen, was der Komponist gefühlt hat.“ In diesem Sinne hat der russische Schriftsteller Tolstoi* in seiner Erzählung „Die Kreutzersonate“, die 1891 veröffentlicht wurde, Folgendes ausgedrückt: „Die Musik zwingt mich, mich selbst, meine wahre Lage zu vergessen; sie bringt mich in eine andere, mir freundliche Lage; unter der Einwirkung der Musik erscheint es mir, als fühle ich etwas, was ich eigentlich gar nicht fühle, als verstünde ich, was ich nicht verstehe, als könnte ich, was ich nicht kann. Ich erkläre mir das dadurch, dass die Musik ähnlich wirkt wie Gähnen oder Lachen: ich bin gar nicht schläfrig, aber ich gähne, weil ich andere gähnen sehe; es gibt nichts zum Lachen, aber ich lache, weil ich andere lachen höre. Die Musik versetzt mich mit einem Mal, unmittelbar, in jene Seelenverfassung, in der sich der Tondichter befand. Meine Seele verschmilzt mit der seinen und mit ihm zusammen gerate ich aus einem Zustand in einen anderen: warum ich das aber tue, weiß ich nicht.“ (4)

Diese These kann ich, aus eigener Erfahrung, sehr gut nachempfinden, bestätigen und unterstreichen.

Ich erzähle dir, was mir eines Tages geschah: An einem Tag wie jedem anderen und ohne irgendwelche besondere Vorkommnisse fühlte ich mich nach getaner Arbeit ganz wohl und begann den Feierabend zu genießen. Wie üblich wollte ich eines deiner Werke erleben, und ich sage bewusst, nicht hören, sondern erleben – denn hören beschränkt sich auf einen Sinn und ein Organ. Für mich bedeutet Musik, insbesondere deine Musik, ein Erlebnis mit allen Sinnen. Und so habe ich eines deiner letzten Werke gewählt, das Streichquartett in B-Dur, und es mit voller Konzentration aufmerksam verfolgt. Als ich bei der Cavatina gelandet war, fühlte ich mich ergriffen – mir kamen auf einmal die Tränen. Ich war an diesem Tag in bester Laune und mir fehlte nichts. Solche Gefühlsausbrüche habe ich häufig bei deiner Musik erfahren, nur dieser Fall war etwas Außergewöhnliches, denn Monate später habe ich vielmehr über deine Beziehung zu diesem Stück gelesen, was mich nachdenklich gemacht und mich an diesen Abend erinnert hat. Es stand Folgendes in der Beschreibung dieses Stückes: „Der fünfte Satz ist die bekannte Cavatina. Dieser Satz gehört mit seinem unruhigen Mittelteil zu Beethovens schönsten Kompositionen. Wenn der Komponist von Zeit zu Zeit das Manuskript durchblätterte, wurde er immer wieder so ergriffen, dass ihm Tränen die Wangen herabliefen.“ (5)

* Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, deutsch häufig auch Leo Tolstoi (geb. am 9. September 1828, gest. am 20. November 1910), war ein weltbekannter russischer Schriftsteller. Seine Hauptwerke „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ sind Klassiker des realistischen Romans.

Emden, 15.06.1998

Lieber Ludwig,

ein berühmter Schweizer Psychiater namens Carl Gustav Jung* sagte einmal: „Der Mensch, der mehr weiß als die anderen, wird einsam.“ (6) Mit geringfügiger Anpassung trifft das auch auf dich zu: Der Mensch, der mehr kann als die anderen, wird einsam! Daran hat sich bis heute nichts geändert und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Das Ziel des Lebens hast du erreicht, und das ist die Selbstentwicklung und völlige Entfaltung bis zur Individualisierung. Du hast es geschafft, frei und unabhängig zu sein. Eine Zugehörigkeit zu irgendwelchen Vereinen oder Klubs war für dich irrelevant. Ein authentischer Mensch, und das bist du, gehört zu keiner Nation, zu keiner Rasse. Er ist einfach ein Teil dieser Existenz. Warum sollte man zu so kleinen trivialen Gruppierungen gehören, wenn man zum ganzen Universum gehören kann? Und es ist ein enormer Unterschied, wenn man zum ganzen Universum gehört oder zu einem Teil der Erdfläche. Die Globalisierung bringt die Menschen näher zueinander und befreit sie, während die engstirnige Separatisten und Nationalisten sich selbst und die anderen einschränken, begrenzen und beeinträchtigen.

Wenn du zum Ganzen gehörst, macht dich das frei, denn das Ganze ist unendlich; es kennt keine Grenzen und keine Einengung. Das Ganze kann dir niemals zum Gefängnis werden. Wenn alle Menschen diesen Punkt begreifen und danach leben, werden sie glücklicher, weil sie dadurch harmonisch und friedlich miteinander leben können.

* Carl Gustav Jung (geb. am 26. Juli 1875 in Kesswil, Schweiz; gest. am 6. Juni 1961 in Küsnacht/Kanton Zürich), meist kurz C. G. Jung, war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie.

München, 24.11.1998

Lieber Ludwig,

irgendwann in den letzten 30 Jahren hat sich die absolute Liebe zu deinem 5. Klavierkonzert* in mein Herz geschlichen, und je öfter ich dieses Konzert höre, desto glanzvoller und entzückender finde ich es. Es gehört heute zu den meistaufgeführten Klavierkonzerten weltweit und erfreut sich größter Beliebtheit.

Es ist erstaunlich, wie deine Musik den einfachen Menschen, den einfachen Zuhörer wie mich sich innerlich herrlich und prächtig fühlen lässt, auch wenn alles in der Außenwelt düster und glanzlos erscheint. Dieses Konzert bereitet mir seit Jahrzehnten immer und immer wieder das höchste Hörvergnügen, das sich bislang auf Kassetten, LPs und CDs beschränkt hat. Dieses Konzert live zu erleben war für mich wie ein Traum, der in Erfüllung ging, als ich vor einigen Monaten gelesen habe, dass dieses Konzert am heutigen Datum in München gespielt wird. Sofort habe ich Karten bestellt, meine Praxis für zwei Tage geschlossen und bin heute nach München gefahren. Das war eine der längsten Reisen, die ich in Kauf genommen habe (über 800 km), um eines deiner Werke zu erleben. Ist das kein Beweis für die Liebe zu dir und zu deiner Musik?

Die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta standen auf dem Programm, der Solist ist ein bedeutender rumänischer Pianist namens Radu Lupu, der mit sechs Jahren sein Klavierstudium begann.

Mit deinem 5. und letzten Klavierkonzert ist es dir gelungen, ein grandioses Werk zu schaffen, in dem deine in dir selbst ruhende Kraft und glänzende Selbstsicherheit strahlen. Nur Feuer, Glanz und Brillanz werden reflektiert. Es ist nirgendwo ein Hauch von Leid oder Unbehagen zu spüren oder herauszuhören. Ein Wunder, wenn man die widrigen Umstände bedenkt während der Zeit, in der das Konzert entstanden ist – eine ungeheuer schwierige Zeit, in der du erhebliche Belastungen ertragen musstest, sowohl physischer als auch seelischer Natur.

Es waren beträchtliche Qualen, die dich belastet haben und die du aufgrund deiner zunehmenden Taubheit erleiden musstest – was für eine grausame Ironie des Schicksals, dass so ein musikalisches Genie wie du sein Gehör verliert! Aber in diesem Werk ist nichts davon zu merken. Ist das eine Art Heilung oder Selbsttherapie, die du kreiert hast? Oder ist das eine Flucht in eine ideale Welt, die du zum Überleben brauchtest und von dir selbst erschaffen wurde?

Ich bin mit Sicherheit nicht der Einzige, der sich fragt: Wie kann jemand, der fast total taub ist, solche wunderschönen Musikstücke komponieren? Es ist einfach unglaublich!

1809 überrollten Napoleons Armeen die österreichischen Verteidigungslinien und belagerten Wien. Das wirkte sich in zweierlei Hinsicht auf deine Arbeit aus. Zum einen war deine wirtschaftliche Existenz unsicher geworden, weil Erzherzog Rudolf die Stadt verlassen hatte und als Geldgeber nicht mehr zur Verfügung stand. Zum anderen nahmen die Kriegswirren unmittelbar Einfluss auf deinen Schaffensprozess. Die Menschen mussten vieles aushalten und bittere Not leiden, und inmitten dieses Elends schloss dein früherer Lehrer Joseph Haydn für immer die Augen.

Inmitten dieser widerlichen Umstände konntest du etwas Außerordentliches schaffen. Das ist so erstaunlich, aber auch so bezeichnend für dich und für deinen Selbstbehauptungswillen, und vor allem für deinen unversehrten Freiheitsglauben. Die Komposition dieses kernigen S-Dur-Konzertes inmitten äußerer und innerlicher Bedrückungen ist einfach einmalig und unvergleichlich. In den englischsprachigen Ländern wird dieses Konzert üblicherweise als „Emperor Concerto“ bezeichnet und das trifft einen wesentlichen Kern: die fröhliche und heitere Haltung, die kraftvolle und maskuline Geste und die muntere und sonnig strahlende Tonsprache.

All diese Eigenschaften geben dem Werk den Charakter eines Kaisers. Die beiden brillanten Solopassagen gleich am Anfang lassen bei mir die Vorstellung von einem sieggewohnten Kämpfer entstehen, der in die Arena springt. Sogar das sanft eintretende Seitenthema wird später mit einem pathetischen Feldherrnmantel umkleidet. Die schnelle Vorwärtsbewegung des Kopfsatzes, der im gesteigerten Rhythmus fortgesetzt wird, kommt mir vor wie eine unmittelbare Reaktion auf die Begegnung mit dem Kriegerischen, das so bedrückend in der Luft lag. Du hast, wie immer, eine Lösung entdeckt, du hast ein Ventil gefunden, um diesen Druck zu entschärfen.

Das kämpferische Auftrumpfen deines Werkes und der instrumentale Glanz der Eroica-Tonart manifestieren zweifellos deine freiheitliche antinapoleonische Auffassung. Du hast bereits erklärt, wie du diesen Franzosen verachtest, seitdem er sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte und zum Despoten geworden ist. Hast du deswegen 1813 mit der Schlachtensymphonie Opus 91 Wellingtons Sieg über Napoleon gerne gefeiert? Ganz konsequent verkündigst du hier den Vorrang der musikalischen Idee und ihrer Entfaltung. Bei aller virtuosen Ausführung hat sich das Klavier dieser Idee unterzuordnen. Damit hast du die Grundform des (symphonischen) Konzerts glorreich etabliert. Und das war für viele Musiker nach dir zur Norm geworden.

Der Mittelsatz, Adagio un poco mosso, trifft das Tiefste in meinem Herzen, ist einfach vorzüglich und atemberaubend und versetzt mich in meditative Stimmung. Jede Taste, jeder Klang und jede Pause – deine Musik berührt wieder mal das Herz und bezaubert den Verstand und so spielst du wieder mit den Saiten unserer Herzen wie kein anderer. Kann irgendetwas so ruhig und wundersam sein? Speziell, leise, stark, komplex, sanft, so unerträglich schön, aber auch unerträglich traurig – eine Mischung von Unschuld und Freude, Traurigkeit und Tragik sowie Würde und Großzügigkeit. Dieses Adagio ist wirklich eines der wohltuendsten und erhabensten Musikstücke, die ich je gehört habe und mich dabei so entspannt gefühlt habe. „Entspannen“ ist wahrscheinlich kein passender Begriff dafür; „Versöhnen“ trifft es wohl eher – deine Musik versöhnt mich mit mir selbst und mit der Menschheit.

Den Übergang ins strahlende Finale vollziehst du so einfach, aber so genial – das Klavier versinkt leise und sanft beim Ankündigen des Hauptthemas vom dritten Satz und damit hast du das harmonische Sprungbrett für den vitalen Rhythmus des Schlusssatzes hergestellt. Die Freude an rhythmischen Zuspitzungen, eine sorglose, energische und passionierte Darbietung des Pianisten, aber auch ein melodisch besinnliches Element im Seitenthema beherrschen gemeinsam dieses Finale, das in seiner stolzen Lebensfreude das Konzert ideal abrundet. Ich genieße einfach jede Aufführung dieses Konzertes. Dein 5. Klavierkonzert ist, war und bleibt ein klassisches Meisterwerk.

Was bist du doch für ein Poet, lieber Ludwig! Ich spüre, wie jeder Ton direkt von deinem Herzen kommt. Mitten im Konzert frage ich mich, ob ich schon im Paradies oder noch auf dieser Erde bin, meistens fühle ich mich irgendwo dazwischen und schwebe zwischen Himmel und Erde.

Manchmal frage ich mich: Wie kann man nicht zu Tränen gerührt sein, wenn man dieses Stück hört? Tränen, die nicht aus Schmerzen fließen, sondern Tränen, welche die leidende Seele mit unendlicher und bedingungsloser Liebe beruhigen und besänftigen, die einen mit solcher Schönheit und Hingabe und mit einer so liebevollen Kraft umarmen, dass man sich selbst vergisst.

* Das 5. Klavierkonzert op. 73 in Es-Dur ist Ludwig van Beethovens letztes Klavierkonzert. Das Konzert entstand von Dezember 1808 bis April 1809 und ist Erzherzog Rudolph gewidmet. Die Uraufführung erfolgte am 13. Januar 1811 in einem halb öffentlichen Konzert im Wiener Palais des Fürsten Joseph Lobkowitz mit dem Erzherzog als Solist. Am 28. November 1811 folgte im Leipziger Gewandhaus eine Aufführung mit dem Pianisten Friedrich Schneider. Zur ersten öffentlichen Aufführung kam es in Wien erst am 11. Februar 1812.

Hannover, 14.05.1999

Lieber Ludwig,

heute ist ein besonderer Tag für mich. Vor einigen Monaten bin ich auf ein interessantes Konzert aufmerksam geworden: Im Kuppelsaal der Stadthalle Hannover geben die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Claudio Abbado* ein Konzert, bei dem deine 5. und deine 6. Symphonie ein absolutes Highlight darstellen. Mit seinen preisgekrönten Einspielungen deiner symphonischen Werke hat sich Abbado als Meister seines Faches erwiesen. Diese Chance, ihn mit den Berlinern zu erleben, wollte ich auf keinen Fall versäumen. Und so habe ich sofort zugegriffen und Karten bestellt und mir wieder einen Traum erfüllt.

Lieber Ludwig,

deine Fünfte ist wohl die populärste Symphonie unter deinen Werken und vielleicht sogar die populärste in der Musikgeschichte überhaupt. Es gibt kaum jemanden auf der Erde, der das prägnante Anfangsmotiv (ta-ta-ta-taa) nicht kennt. Sie ist außerdem ein Werk, das sowohl die Kenner als auch diejenigen, die sonst kaum eine Beziehung zur klassischen Musik haben, immer wieder in ihren Bann zieht.

Beim Hören deiner Fünften fand ich mich heute vertieft und fast verloren in einer Flut von angestauten Emotionen, dabei verspürte ich eine Mischung von unterschiedlichen Gefühlen: entsetzliches Leiden, himmelschreiende Wut, Zerrissenheit und Angst vor dem Resignieren, aber auch Kampfbereitschaft, Widerstandsfähigkeit und Resistenz, und am erfreulichen Ende kommt der Sieg, gefolgt von der Erlösung.

Im ersten Satz merke ich, wie du, als Mensch, unter Schicksalsschlägen leidest und trotzdem versuchst, Widerstand zu leisten; dennoch: Jedes Mal, wenn du ein wenig Kraft sammelst, um aufzustehen, droht ein weiterer Schicksalsschlag dich auf den Boden zu werfen und zu vernichten.

Im zweiten Satz kehrt die Ruhe zurück, ein wenig Stille zum Nachdenken, die vielleicht hilft, die Verzweiflung zu verarbeiten, aber auch Kräfte zu sammeln und Energie zu tanken, um bereit zu sein für den nächsten zu erwartenden Kampf.

Nun kann ich im dritten Satz deine Lebendigkeit wahrnehmen: Deine nie versiegende Kampfbereitschaft und deine Entschlossenheit sind endlich wieder präsent. Du gibst niemals auf, nein, nicht du – du findest immer eine Lösung! In dem ruhigen Teil dieses Satzes merke ich, wie du innehältst und dein Selbstvertrauen wieder gewinnst und wie sich dein Selbstwertgefühl entwickelt und steigert. Jetzt bist du total entschlossen, weiterzukämpfen, auch wenn das Schicksal wieder zuschlägt und versucht, dich erneut zu besiegen. Du kapitulierst nicht, du kämpfst immer weiter und stehst wieder auf – du bist nicht derjenige, der sich ergibt; eher wird irgendein anderer resignieren, vielleicht sogar das Schicksal selbst.

Im letzten Satz kommst du kraftvoller, selbstbewusster und kampflustig – du zeigst, dass du noch da bist und man dich nicht so einfach bezwingen und unterwerfen kann. Du bietest dem Schicksal deine Stirn und stehst wieder triumphierend auf. Nach diesen angespannten Gefühlen kommt die Befreiung: Eine Art Siegeshymne wird angedeutet, und ganz am Ende wird die dunkle Stimmung endlich durch wunderbare Erheiterung und glänzende Erlösung verdrängt. Dein glorreicher Sieg, den du errungen hast, strahlt nun bis zum Himmel und ist so klar wie das Tageslicht.

Ich begreife durchaus die Fröhlichkeit, die du dabei fühlst: Kurz vor dem Schluss sehe ich die Luftsprünge und den Tanz, der die Leidenschaft und Bewegung der Freude manifestiert.

Man hat an deiner Fünften wie an keiner anderen Symphonie herumgedeutet. Thomas Beecham* nannte sie „das zersplitterte Stück der Klassik“. Er wäre dafür gewesen, sie für ein paar Generationen ruhen zu lassen, damit sie später „gereinigt und geadelt“ und „vor allem ohne den grausamen Ballast der Romantik“ dem Bewusstsein der Menschheit „ohne Skrupel und Voreingenommenheit wiedergegeben werden konnte“ (7).

Es mag einer noch so viel Schicksalhaftes, Bedrohliches, Triebhaftes oder Archaisches in der Fünften erkennen – was man dem Werk als das Wichtigste entnehmen kann, ist die Tatsache, dass du damit, lieber Ludwig, deine Lebendigkeit und psychische Widerstandskraft enorm gesteigert hast.

In dieser Symphonie hast du nicht nur Probleme dargelegt, sondern vielmehr die Befreiung gezaubert, und ich bewundere es, wie du deine Überzeugung verdeutlichst, dass immer eine Lösung existiert und der Mensch sich nicht als wehrloses Opfer seines Schicksals betrachten soll. Du präsentierst hier einen Appell an die Menschheit: Das Leben sollte nicht mit Klagen und Jammern verbracht werden – stattdessen sollte sich der Mensch erheben und selbst die volle Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen.

* Claudio Abbado (geb. 26. Juni 1933 in Mailand; gest. 20. Januar 2014 in Bologna) war ein italienischer Dirigent. Er war ständiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker (ab 1971) sowie Chefdirigent der Mailänder Scala (ab 1971) des Londoner Symphonieorchesters (1979–1986), der Wiener Staatsoper (1986–1991) und der Berliner Philharmoniker (1989–2002).

* Sir Thomas Beecham (geb. 29. April 1879 in St. Helens, damals Lancashire; gest. 8. März 1961 in London) war ein britischer Dirigent, der mehrere britische Symphonieorchester gründete. Zu diesen Gründungen zählen unter anderem das New Symphony Orchestra (1906), das London Philharmonic Orchestra (1932) und das Royal Philharmonic Orchestra (1947).

15.05.1999

Lieber Ludwig,

auf der ganzen Welt herrschen so viele heterogene Sprachen, ohne welche die Menschen nicht in der Lage sind, sich zu verständigen. Durch diese unterschiedlichen Kommunikationsmittel werden die Erdbewohner untereinander gespalten und voneinander getrennt. Interessanterweise verstehen alle Menschen eine einzige universelle Sprache: die Musik, und deine an erster Stelle. Deine Töne kommen auf unserem Planeten sehr gut an, und zwar bei allen, insbesondere bei deinen Musikliebhabern. Deine Werke erreichen die Menschen überall und haben eine außerordentliche Wirkung. Deine Musik berührt mich und versetzt mich, wie viele andere bestimmt auch, in Trance. Das ist nicht verrückt oder sentimental. Das sind die Tiefe und Intensität der Botschaft, die du darin sendest und die uns in diesen behaglichen Zustand versetzen.

Wie ich dir gestern geschrieben habe, hast du mit deiner 5. Symphonie eine solche Botschaft an die Menschheit gesendet! Deine Fünfte habe ich mehr als tausendmal gehört und jedes Mal beeindruckt und berührt sie mich aufs Neue zutiefst.

Die Emotionen in der klassischen Musik sind einfach unübertroffen darin, was du denkst und was du in deiner Musik sagst, da schwingt unser Planet Erde mit deinem Herzen und mit deiner Seele.

Ohne deine 5. Symphonie wäre die Welt der klassischen Musik ärmer gewesen. Hoffentlich kehren wir eines Tages zu dieser Musik als Standard zurück und arrangieren sie wie früher, um unser Leben zu bereichern und glücklicher zu gestalten, und dabei sollten wir daran denken, dass es keinen Kummer gibt, der von dir und deiner Musik nicht geheilt werden könnte.

Eine enorme Anzahl von Besprechungen und Kommentaren entstand zu deiner Zeit. Als eine der bedeutendsten und eindrücklichsten Rezensionen gilt die, welche E. T. A. Hoffmann* im Jahr 1810 für die Allgemeine Musikalische Zeitung verfasste: „Tief im Gemüthe trägt Beethoven die Romantik der Musik, die er mit hoher Genialität und Besonnenheit in seinen Werken ausspricht. Lebhafter hat Rec. dies nie gefühlt, als bey der vorliegenden Symphonie, die in einem bis zum Ende fortsteigenden Climax jene Romantik Beethovens mehr, als irgend ein anderes seiner Werke entfaltet, und den Zuhörer unwiderstehlich fortreisst in das wundervolle Geisterreich des Unendlichen.“ (8)

Deine 5. Symphonie erhielt immer mehr Bewunderung, die Komponisten der Romantik wie Berlioz und Schumann erkannten dich als einen Wegbereiter ihrer eigenen Musiksprache. So schrieb Berlioz**: „Unbestritten die berühmteste von allen und auch nach unserer Ansicht die erste, worin Beethoven seiner weiten Phantasie freien Lauf gelassen hat, ohne eine fremde Idee zur Führung oder als Stütze zu nehmen.“ (9)

* Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (geb. 24. Januar 1776 in Königsberg/Ostpreußen; gest. 25. Juni 1822 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller der Romantik. Außerdem wirkte er als Jurist, Komponist, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist.

** Louis Hector Berlioz (geb. 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André; gest. 8. März 1869 in Paris) war ein französischer Komponist und Musikkritiker.

16.05.1999

Lieber Ludwig,

hast du wirklich zu deiner 5. Symphonie oder eher zum Anfangsmotiv, das inzwischen als das bekannteste Widerstandsexemplar der Musikgeschichte gilt, bestimmte Bemerkungen geäußert? Du solltest zum Beispiel Folgendes kommentiert haben: „So pocht das Schicksal an die Pforte.“ Absolute Beweise für den Ursprung dieses Zitats konnten die Historiker bislang nicht finden, aber ehrlich gesagt, solche Anmerkungen passen irgendwie gut zu dir! Wolltest du damit auf die erbärmlichen Kriegsumstände unter den vorrückenden Soldaten Napoleons hinweisen oder war das eher die Manifestation deines Eigenschicksals und deines Kampfes mit der zunehmenden Taubheit?

Ungeachtet deiner Verzweiflung und deiner unüberwindlichen Rückschläge hast du in diesem Werk deine Kampfbereitschaft und deinen Widerstand deutlich unter Beweis gestellt. Als Rebell gegenüber alten, musikalischen und gesellschaftlichen Konventionen musstest du das schreckliche Schicksal aushalten. Du hast unter miserablen Umständen entsetzlich gelitten: zunehmende Ertaubung, grauenhafte politische Entwicklung in Europa und unerfüllte Liebe. Aber so einfach resignieren wolltest du nicht: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen“, hast du deinem Freund Wegeler geschrieben, um später klarzustellen, dass du trotz deiner Verzweiflung nicht aufgeben kannst: „Hätte ich nicht irgendwo gelesen, der Mensch dürfe nicht freiwillig scheiden von seinem Leben, solange er noch eine gute Tat verrichten kann.“ Mit der guten Tat hast du deine Musik und deine Kunst gemeint, und das war deine Rettung, deine Heilung, oder besser gesagt, deine Selbstheilung, denn du hast dich selbst therapiert und die Lösung für deine Schwierigkeiten gefunden. Du hast gelitten und gekämpft, du hast dich für uns starkgemacht. Du hast der Menschheit mit deiner Musik das Edelste erbracht, trotzdem die Menschen zu deinen Zeiten dir jeglichen Beistand versagt hatten, wie Robert Schumann* einmal beklagte. Franz Liszt** verklärte die Künstler, vor allem dich, zu Auserwählten: „Diese gottgesalbten, niedergeschmetterten, in Fesseln geschmiedeten Menschen, die dem Himmel die heilige Flamme geraubt haben“, und damit vergleicht er dich mit Prometheus, der gegen die Götter (das Schicksal) rebelliert und den Menschen das Feuer übergeben hat. Jahrzehntelang bist du als Held, als Prometheus betrachtet und als internationales Genie gefeiert worden. Dennoch kam bedauerlicherweise eine schreckliche Zeit, als dieses Bild grässlich missbraucht und deine Universalität eingegrenzt und zur nationalistischen Trivialität reduziert wurde. Und das geschah absolut gegen deine humanistischen Prinzipien.

Stell dir vor, ein rassistischer Musikwissenschaftler zelebrierte deine 5. Symphonie als „Symphonie der nationalen Erhebung“, als Abbild vom „Existenzkampf eines Volkes, das einen Führer sucht und endlich findet“. Du würdest dich sicherlich über diese belanglose und unerhörte Entwürdigung und Herabsetzung deiner Werke ärgern, denn du hast deine Musik für alle Menschen dieser Welt komponiert. Aber ich kann dich beruhigen, denn diese beschämende, schwarze Epoche der deutschen Geschichte ist zum Glück vorüber. Das Einzige, was für ewig bleibt, sind deine Kunst und deine Musik. Vor allem deine 5. Symphonie, die solche Eigenschaften wie Wut, Spannung, Auseinandersetzung, Vitalität und letztendlich Triumph so hervorragend reflektiert wie kein anderes Werk in der Musikgeschichte.

Ich kann nicht oft genug betonen, wie sehr ich das bewundere, dass du – trotz all deiner Schicksalsschläge und zunehmender Taubheit – anmutige, graziöse und lebensbejahende Werke komponiert hast.

Eine der brillantesten Eigenschaften deiner Musik ist ihre unendliche Vielfalt. Sie reicht vom Himmlischen bis zum bewusst Banalen. Deine geniale Kunst ist so abwechslungsreich und kühn – und sie erinnert an die Werke der größten Schriftsteller und Dichter der Weltgeschichte. Die unermessliche Ebene, die du erreicht hast, hat dich nicht dahin geführt, dass du die Bodenhaftung verlierst. Im Herzen bist du ein bescheidener Mensch geblieben, und je mehr wir dich in dieser Weise betrachten, als einen von uns, desto genialer und göttlicher wirst du.

* Robert Schumann (geb. 8. Juni 1810 in Zwickau, Königreich Sachsen; gest. 29. Juli 1856 in Endenich, Rheinprovinz, heute Ortsteil von Bonn) war ein deutscher Komponist, Musikkritiker und Dirigent. Er wird heute zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik gezählt. In der ersten Phase seines Schaffens komponierte er vor allem Klaviermusik. 1840, im Jahr seiner Eheschließung mit der Pianistin Clara Wieck, schrieb er knapp 150 Lieder. In den folgenden Jahren entwickelte sich sein Werk zu großer Vielfalt: Er komponierte von da an auch Orchestermusik (darunter vier Sinfonien), konzertante Werke, Kammermusik, Chormusik und eine Oper.

** Franz Liszt (geb. 22. Oktober 1811 in Raiding/Doborján, Königreich Ungarn, Kaisertum Österreich; gest. 31. Juli 1886 in Bayreuth) war ein ungarischer Komponist, Pianist, Dirigent, Theaterleiter, Musiklehrer und Schriftsteller mit deutscher Muttersprache. Liszt war einer der prominentesten und einflussreichsten Klaviervirtuosen und mit einem Œuvre von über 1300 Werken und Bearbeitungen zugleich einer der produktivsten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Zwar ist ein großer Teil seines Gesamtwerkes der Klavierliteratur zuzuordnen, allerdings gab Liszt mit der Entwicklung der symphonischen Dichtung auch in der orchestralen Musik deutliche Impulse. Sein Konzept der Programmmusik und die Verwendung neuartiger harmonischer und formaler Mittel machten ihn – neben Richard Wagner – zum bekanntesten Protagonisten der Neudeutschen Schule. Er war Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Musikvereins. 1859 wurde er als Ritter von Liszt in den österreichischen erblichen Ritterstand erhoben. Im Alter von 54 Jahren empfing er in Rom die niederen Weihen und den Titel Abbé.

Emden, 18.08.1999

Lieber Ludwig,

du darfst stolz auf dein Geburtsland sein!

Wie jeder Deutsche darfst du auf dein Land stolz sein. Das Land, das solche Musiker wie dich und zahlreiche Denker, Philosophen, Dichter und Wissenschaftler hervorgebracht hat, ist herzgewinnend und liebenswürdig. Ein Land zu lieben ist jedoch alles anderes, als ein fanatischer Nationalist zu sein, und das hat Albert Camus* sehr schön geschildert, als er sagte: „Ich liebe mein Land zu sehr, um ein Nationalist zu sein.“

Und du bist das beste Beispiel dafür, wie ein großartiger Deutscher sein mag: Ein wunderbarer Mensch, der jede Landesgrenze sprengt und sich nur als Mensch sieht, ein ehrenhafter Erdenbürger, der über jeder Schranke und jeder Restriktion steht. Dich auf ein einziges Land zu limitieren, wäre nicht gerechtfertigt – denn dir gehört die ganze Welt und das ganze Universum. Du bist überall zu Hause, alle Länder schätzen und ehren dich. In dieser Hinsicht hast du in deiner neunten Symphonie eine bedeutungsvolle Botschaft an die Menschheit übermittelt: „Alle Menschen sind Brüder“.

Leider gab es in einer gewissen Zeitperiode bestimmte schreckliche Umstände, die bis heute nachwirken und die Menschen hierzulande einschüchtern und sehr vorsichtig machen, sodass sie es nicht wagen, diesen Stolz, diesen natürlichen Stolz auszusprechen oder auf irgendeine Art und Weise auszudrücken. Trotz alledem darfst du ein stolzer Deutscher sein, weil du mit diesen grauenhaften Gegebenheiten nichts zu tun hast. Und wie ich dich kenne, hättest du sicherlich mit aller Kraft dagegen gekämpft und dich auf die richtige, humane Seite gestellt. Nun bist du wahrscheinlich total verwirrt und möchtest genauer wissen, wovon ich rede. Keine Sorge, ich werde dir alles ausführlich und näher erklären:

Deutschland, dein Heimatland, hat, wie viele andere Staaten dieser Erde, eine dunkle Seite in der Geschichte. Eine grausame und fürchterliche Zeit hat dazu beigetragen, ein schlechtes Licht auf dieses wunderbare Land zu werfen. Und du, lieber Ludwig, als gerechter Verfechter und Kämpfer für die Schwachen und Unterdrückten, kannst dir kaum vorstellen, was in dieser Region einmal passierte. Auch wenn das unglaublich für dich erscheint, gab es tatsächlich eine Epoche hierzulande, in der einige Leute furchtbare und grausame Taten begangen haben. Das geschah unter der Führung eines Psychopathen, der nur eine Fähigkeit hatte: die Fähigkeit der perfiden Rhetorik. Er nutzte die wirtschaftliche Notlage der Bürger aus und unterzog das Volk einer Gehirnwäsche; auch wenn du jetzt denkst, dass diese Maßnahme tagtäglich immer wieder eingesetzt wird, die Folgen damals, in dieser ekelhaften Zeit, waren gravierend, denn dadurch entstand eine Wahnvorstellung bei vielen Landsleuten (ich vermeide es, sie als Menschen zu bezeichnen, um den Rest der Menschheit nicht zu beleidigen). Diese Wahnvorstellung wurde in vielen schwachen Köpfen als glaubhafte Realität eingesetzt, um sie zu überzeugen, dass eine bestimmte Rasse, in diesem Fall die arische Rasse, die beste und überlegenste Rasse sei, und zwar auf der ganzen Erde, und deshalb solle diese Rasse die Weltherrschaft übernehmen und alle anderen unterdrücken.

Aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion wurden die Menschen selektiert. Dass ein Mensch nur anders und kein reiner Arier war, reichte aus, um ihn zu diskriminieren, zu quälen und zu eliminieren. Diese abscheuliche und irrsinnige Vorstellung blieb nicht nur als krankhafte Theorie in den Köpfen, sondern wurde gewalttätig durchgesetzt. Dadurch sind Millionen von Menschen liquidiert, gefoltert und in Massen umgebracht worden – grausamer als du es dir je vorstellen kannst. Glücklicherweise wurde das Böse besiegt und das Ende dieses schwierigen Zeitalters erreicht. Seit 1945 ist dieses Tief vorbei. Das war ein Grund, dass viele deutsche Bürger sich schämten, ein Deutscher zu sein. Aber nun gibt es keinen Grund mehr, sich zu schämen, denn die meisten Menschen hierzulande haben sich total zum Positiven verändert.

Nach der Beendigung dieser, äußerst unmenschlichen und brutalen Phase hat dein Land aus der Geschichte gelernt und uneingeschränkte Reue gezeigt. Deutschland hat aus den ehemaligen Feinden Freunde gemacht, verhält sich äußerst loyal und gerecht gegenüber den Kriegsopfern und lässt vor allem Gedenkstätten entstehen, die für sich sprechen, um der ganzen Welt zu zeigen, was vorher geschah. Es wurde und wird niemals versucht, die Taten zu leugnen oder zu beschönigen, und das ist einmalig in der Welthistorie: Diese Reue und dieses Verhalten sind ein außerordentlicher Beweis und eine Mahnung, dass diese früheren bestialischen und brutalen Taten nicht in Vergessenheit geraten werden und sich niemals wiederholen dürfen.

Wenn man die Geschichte einmal sachlich und neutral betrachtet, wird man feststellen, dass andere Länder auch grausame Taten begangen und Kriege durchgeführt haben; einige tun das heute noch. Das soll jedoch auf keinen Fall ein Vergleich sein, um aufzuzeigen, wer grausamer und schlimmer ist; auch soll hierbei mitnichten das Deutschland der Nazizeit in Schutz genommen werden! Nein! Auch nur einen einzigen Menschen zu töten, ist eine große und inakzeptable Schande, unabhängig davon, an welchem Ort auf dieser Welt solche Grausamkeiten stattfinden. Es geht um die Feststellung, dass einige Länder fast die Hälfte der Erde kolonialisiert sowie Millionen von Menschen gefoltert und ermordet haben. In anderen Breitengraden wurden die Ureinwohner sogar ausgerottet.

Das Merkwürdige dabei ist, dass viele solche Länder keinerlei Reue signalisieren, ganz im Gegenteil. Und genau das ist der Punkt: Diese Länder haben so raffiniert gehandelt und es immer wieder geschafft, ihre Bürger und andere Menschen in der Welt davon zu überzeugen, dass sie nur Heldentaten begangen und nur die Bösen beseitigt haben – und das alles wird unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit und der Demokratie vorgenommen. Dabei ist die Heuchelei in Bezug auf die Beseitigung des Bösen und über das Bekämpfen des Terrors unermesslich groß. In solchen Ländern wird die Maske nicht abgelegt, um das wahre Gesicht zu zeigen. Nein, dort wird man vergeblich nach Gedenkstätten suchen, die auf die grausame Vergangenheit hinweisen oder darüber aufklären. Der Grund ist ganz einfach, sie wollen nicht damit aufhören! Sie werden so weitermachen, denn sie sind ja die Guten und die anderen sind die Verbrecher und die Bösen. Das Erstaunliche dabei ist, dass die meisten Menschen daran glauben, was ihnen in den Medien (dem modernsten Gehirnwäscheapparat unserer Zeit) vorgegaukelt wird. Sie gehen davon aus, dass alles, was ihnen erzählt wird, die komplette Wahrheit widerspiegelt und mit absoluter Sicherheit stimmt. Und das ist das Gefährliche an der Sache!

Was sich damals in Deutschland abspielte, zeigt, dass die größte Bedrohung der Menschen der Mensch selbst ist. Weder Hungersnot noch Naturkatastrophen, weder Krankheit noch Armut, sondern der Mensch ist des Menschen größte Gefahr. C. G. Jung (einer der einflussreichsten Begründer der modernen Psychologie) hat einmal erläutert, wie gefährlich der Mensch sei, und zwar deshalb, weil es keinen ausreichenden Schutz gegen psychische Epidemien gibt, welche weit verheerender wirken als die größten Naturkatastrophen. Jene finstere Epoche in Deutschland kann in der Tat als eine solche Epidemie bezeichnet werden.

Abgesehen von einigen primitiven Gruppierungen hat sich das Land glücklicherweise weitgehend von diesem Irrsinn befreit und ergreift sämtliche prophylaktischen Maßnahmen, um eine Wiederholung – und sei es auch nur im Ansatz – zu verhindern. Und so findest du heute in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes den wunderbarsten und großartigsten Satz in der Weltgeschichte, der uns beiden aus der Seele spricht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Das ist so grandios und verehrungswürdig! Jedes Mal, wenn ich diesen Satz lese, bin ich erneut zutiefst berührt.

* Albert Camus (geb. 7. November 1913 in Mondovi, Französisch-Nordafrika, heute Dréan, Algerien; gest. 4. Januar 1960 nahe Villeblevin, Frankreich) war ein französischer Schriftsteller und Philosoph. 1957 erhielt er für sein publizistisches Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur. Camus gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Berlin, 03.09.1999

Lieber Ludwig,

gestern war mein Konzerterlebnis unübertroffen: In der Berliner Philharmonie habe ich eine Jahrhundertbegabung, die wunderbare Starviolinistin Anne-Sophie Mutter*, live miterlebt und bewundert. Wenn du sie kennengelernt hättest, wäre sie in deinen Augen möglicherweise auch so hochrangig wie der zu deiner Zeit berühmte Geiger und geniale Virtuose Franz Clement**. Kannst du dich an die Uraufführung deines Violinkonzertes erinnern und wie Clement, ohne über ausreichend Probezeit verfügt zu haben, diese anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour meisterte?

Als 6-Jährige war Anne-Sophie Mutter bereits erfolgreich gewesen und gewann den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Aufgrund ihres außerordentlichen Talents wurde sie daraufhin vom Schulunterricht befreit, konnte sich ganz ihrer musikalischen Ausbildung widmen und wurde von den renommiertesten Lehrern betreut und begleitet. Ein berühmter Dirigent (H. v. Karajan)* hat sie unter „die zwei oder drei besten Geiger der Welt“ eingeordnet. Wie sie mit ihrem ständigen Begleiter, eine Stradivari aus dem Jahr 1710, spielt, versetzt das Publikum in Entzückung und Begeisterung. Während des Konzertes wurde mir mit einem Mal bewusst, was das Wort atemberaubend bedeutet. Als sie die ersten Töne spielte, habe ich aufgehört zu atmen – sie hat mich schlichtweg in einen atemberaubenden Zustand versetzt.

In deinem Violinkonzert enthält der erste Satz ungewöhnlich verschiedene Themen. Bis auf eines sind sie sehr gesanglich. Im Verlauf des Satzes werden sie häufig von Instrumenten aus dem Orchester gespielt, während der Solist gewissermaßen begleitet. Das Gegengewicht zu den gesanglichen Themen bildet das pochende Paukenmotiv aus dem ersten Takt, das immer wieder an entscheidenden Stellen auftaucht, nicht nur vonseiten der gesamten Orchester, sondern auch vonseiten des Solisten. Das Paukenmotiv gewinnt eine gewisse Bedeutung, die von der Stimmung abhängt, in der ich mich gerade befinde. Es erscheint mir als der wesentliche Motor des Geschehens oder auch als Hintergrund, wie der Herzschlag, den man normalerweise nicht bewusst wahrnimmt. Dabei spielen die lyrischen Seiten und das schnelle oder langsame Tempo bei der Aufführung eine besondere Rolle. Anne-Sophie Mutter hat das mittlere Maß gefunden und für jeden Geschmack eine besondere Erfahrung dargeboten. Einen besonderen Genuss verspürte ich beim Verfolgen des Paukenmotivs und wie dieses, unterschiedlich hervorgehoben und beleuchtet, immer wieder auftritt. Durch den Glanz ihrer reichlichen Möglichkeiten hat A.-S. Mutter gezeigt, wie die Solovioline sich voll entfalten kann und in enger Verbindung mit dem Orchester steht, das nicht nur begleitet, sondern voll am Geschehen beteiligt wird. Dabei merke ich, wie ich innerlich vibriere und mir die Tränen herabfließen.

Das besondere Verhältnis zwischen Solist und Orchester demonstrierte sie auch im zweiten Satz, dem lyrischen, der mich an eine zärtliche Romanze erinnert. Mit einem einfachen Kunstgriff hast du das Thema und die ersten Variationen eng aneinander gekettet und dadurch verschmelzen Ende und Anfang ineinander: Ich hörte den Themenschwerpunkt zugleich als Anfang und als Fortsetzung. Nach einem majestätischen Tutti* leitet die Kadenz** des Solisten unmittelbar in das Finale über. Die Violine führt auch das beschwingte Rondo-Thema vor, und im Wechsel von Solo und Tutti entfaltet sich ein freudiges und manchmal stürmisches Musizieren. Das Solo, und das hat A.-S. Mutter so hervorragend präsentiert, erhält reichlich Spielraum zu virtuoser Selbstentfaltung. Der rhythmische Impuls verselbstständigt sich zu einem pochenden Motiv und spiegelt damit den Beginn in der Pauke. Nach der Kadenz tritt das Allegro-Thema beherrschend hervor und prägt die gesamte Coda und führt in dieser gelösten Stimmung zum froh bewegten Abschluss. Auch hier zeigt dieser wunderbare Wechsel von Solo und Tutti, wie du das konzertante Prinzip souverän beherrschst.

Insgesamt reflektiert dein Violinkonzert die ideale Verbindung zwischen Konzertant, Symphonie und Virtuosität. Wie sehr du damals das konzertante Schaffen betontest, wird daraus ersichtlich, dass du vom Violinkonzert eine Bearbeitung für Klavier und Orchester angefertigt hast, und diese war dein Hochzeitsgeschenk an das Ehepaar Stefan und Julie van Breuning. Ein schöneres Geschenk kann man sich im Leben kaum vorstellen. (Siehe Coda*)

* Anne-Sophie Mutter (geb. 29. Juni 1963 in Rheinfelden [Baden]) ist eine deutsche Geigerin. Bereits mit fünf Jahren wünschte sie sich Geigenunterricht. Als sie schon nach einem halben Jahr einen Wettbewerb gewann, stand ihr Berufswunsch fest. Sie wurde von der Schulpflicht entbunden und erhielt neben Klavier- und Geigenunterricht bei Erna Honigberger privaten Schulunterricht. Sie war mehrmals erste Preisträgerin im Wettbewerb „Jugend musiziert“, das erste Mal „mit besonderer Auszeichnung“ 1970. Die Fachwelt wurde auf die 13-Jährige aufmerksam, als sie 1977 bei den Salzburger Pfingstkonzerten mit Mozarts G-Dur-Konzert unter Herbert von Karajan debütierte. Anschließende Konzerte und Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan in den 1980er-Jahren verhalfen ihr zu internationaler Bekanntheit.

** Franz Joseph Clement (geb. 18. November 1780 in Wien; gest. 3. November 1842 ebenda) war ein österreichischer Violinist, Pianist, Dirigent und Komponist.

* Herbert von Karajan (geb. 5. April 1908 in Salzburg; gest. 16. Juli 1989 in Anif, Salzburg; geboren als Heribert Ritter von Karajan, in Österreich ab 1919 amtlich Heribert Karajan) war ein österreichischer Dirigent. Als solcher zählt er zu den bekanntesten und bedeutendsten Interpreten klassischer Musik des 20. Jahrhunderts. Karajan arbeitete mit vielen angesehenen Symphonieorchestern, wirkte an bedeutenden Opernhäusern und veröffentlichte zahlreiche Einspielungen klassischer Musik.

* Tutti (ital. ‚alle‘) ist ein Begriff aus der Musik, insbesondere bei Ensemblemusiken. Die Spielanweisung tutti in den Noten der einzelnen Spieler oder in einer Partitur besagt, dass nach einem vorherigen Solo oder einer Divisi-Stelle wieder alle Spieler zusammen musizieren sollen. Als Tutti bezeichnet man auch allgemein voll orchestrierte Passagen eines Musikstücks.

** Kadenz: Akkordfolge als Abschluss oder Gliederung eines Musikstücks. Auch improvisierte oder [vom Komponisten] ausgeschriebene solistische Ausschmückung eines Themas am Schluss [einzelner Sätze] eines Konzerts, die dem Künstler bzw. der Künstlerin die Möglichkeit bietet, ihr virtuoses Können zu zeigen.

* Als Koda oder Coda (italienisch für Schwanz) wird der angehängte, ausklingende Teil einer musikalischen Bedeutungseinheit bezeichnet. Dies kann ein Phrasenteil (Notation) sein, aber in größeren Formkategorien kann dem Codateil auch eine ganze thematische Episode zugeschrieben werden, Charakterzüge des ganzen Werks aufgreifen und zusammenfassen. Ein im Sonatenhauptsatz ebenfalls als Coda (bzw. Coda-Abschnitt) bezeichneter Formteil (der also vollständige Phrasengestalten enthalten kann) folgt mitunter dem Schluss-Zeitpunkt des Reprisenteils, grundsätzlich entweder anstelle des Reprisenteils oder (meist) als deren Ausweitung bei der Wiederholung des Durchführung-Reprise-Abschnitts. Ludwig van Beethoven räumte der Coda (in diesem letzteren Sinne) mitunter einen Stellenwert ein, wie er zuvor allein dem Reprisenteil zukam.

Emden, 05/06.01.2000

Lieber Ludwig,

1990 feierte die Welt deinen 220. Geburtstag und aus diesem Anlass organisierte der Fernsehsender (arte) unter dem Titel „Unsterblicher Beethoven“ ein spezielles Programm über dich. In den letzten Tagen hatte ich Zeit, die Aufzeichnungen dieser Übertragung in Ruhe anzuschauen, und nun möchte ich dir verraten, wie die Organisatoren in dieser Sendung dich betrachten: Du wirst als Gigant der Musik in der Weltgeschichte angesehen, du bist ein universell anerkanntes Genie, und für viele bist du der Größte aller Komponisten und die heroische Kraft der Moderne.

Deine Musik lockt den Zuhörer aller Altersgruppen, und weil du so viele Musikfreunde anziehst, hat dieser Sender ein Beethovenmarathon veranstaltet: 36 Stunden lang wurden deine wunderbaren Werke dargestellt, genauso wurden Filme über dich und dein Leben als einen genialen Humanisten ausgestrahlt. Sehr spannend war die Darstellung deiner revolutionären Musik, die als Triumph einer entfesselten Freiheit begriffen wird, in einem Film mit dem Titel Eroica. Faszinierend und gleichzeitig zutreffend finde ich, wie man dich in dieser Show als „everybody’s Darling“ bezeichnet!

Du hast damals nicht geahnt, dass du jahrzehnte-, ja sogar jahrhundertelang die ganze Welt beschäftigen würdest, auch mit Kleinigkeiten, die du zu deiner Zeit als Bagatellen bezeichnet hast! Ein Beispiel dafür ist das kleine Stück „Für Elise“, vermutlich das bekannteste Musikstück der Musikgeschichte überhaupt. Nach über zwei Jahrhunderten hören die Leute sehr gerne diese Melodie, die die Menschen überall auf der Welt fesselt und ihnen als Ohrwurm im Ohr bleibt, die jeden in einen entzückten Zustand bringt. Immer wieder komme ich auf dieses zeitlose Stück zurück, das mich in eine andere Welt entführt und mir das Atmen erleichtert. Das ist so eine unglaubliche Musik! Sie berührt mein Herz und meine Seele.

Wie viel Leidenschaft und Hingabe muss man haben, um Musik zu komponieren, während man selbst nicht in der Lage ist, seine Arbeit anzuhören und zu genießen? So viel Liebe und Zärtlichkeit hast du darin gesteckt, und ich hätte gerne gewusst, wer diese Elise wirklich war. Die Musikforscher weltweit haben vergeblich versucht, eine klare Antwort auf diese Frage zu finden – es wird spekuliert, dass eine der folgenden Damen deine Elise war: Therese Malfatti, Elisabeth Röckel, Juliane Katharine Elisabet Barensfeld oder Elise Schachner. Doch letztendlich ist es egal, wer sie war, denn das bleibt dein Geheimnis, eines von vielen, die uns weiter beschäftigen. Du hast sicherlich deine Gründe, warum du den richtigen Namen nicht offenbaren wolltest. Vielleicht um eure Beziehung vor der unberechenbaren Reaktion der verständnislosen Gesellschaft zu schützen; möglicherweise hattest du keine Gelegenheit, deine Liebeserklärung mittels Wörtern zu formulieren; oder du wolltest ganz einfach diese schlichte Artikulierung nicht anwenden, weil du in der Lage warst, als Tondichter die erhabene Sprache zu wählen: die Musik, die deine Liebe und deine Gefühle auf herrliche Art so intensiv und so tief vermittelt und ins Herz und in die Seele deiner Geliebten einzudringen vermag. Diese schöne Melodie hat man als Grundlage einer neuen Modulation für ein schönes Lied auf Französisch arrangiert und das klingt so herrlich, vor allem wie deine Töne mit dem Streicher im Hintergrund erklingen. Und noch viel mehr wurde „Für Elise“ in der Popmusik bearbeitet und mehrfach auch als Filmmusik verwendet. Es ist hochinteressant, wie diese Melodie völlig abgewandelt und in die Welt der Moderne projiziert wird, um uns zu sagen: Diese Musik gehört zur modernen Welt, auch nach mehr als 200 Jahren. Man kann von deiner Musik und von deiner Kunst nie genug haben, denn deine Werke sind nicht „steif “ und „unnahbar“, sie sind dem Menschen so nah, sie berühren ihn.

Im Jahr 1956 hat der amerikanische Sänger Chuck Berry den Titel „Roll Over Beethoven“ komponiert und daraus ist ein Evergreen geworden. Anders als es der Titel dieses Musikstücks vermuten lassen könnte, fordert dieser nicht symbolhaft zu einem Überrollen deiner Musikkultur auf. Es ist vielmehr die Aufforderung, dich „herüberzuschlagen“ auf die Seite und in die Sphäre der Popmusik. Berry berief dich als den Heros der Wiener Klassik via Rocksong zu seinesgleichen. Gleichzeitig schlug damit die Geburtsstunde des Rock ’n’ Roll und bei den konservativen Anhängern klassischer Musik in den Vereinigten Staaten war die Entrüstung über diese im Aufkommen begriffene – angeblich lärmende – „Unmusik“ groß. Es war gewagt, als der farbige Rockmusiker dir als Idol „weißer“ Musikkultur in übertragenem Sinne die Du-Freundschaft anbot. Der Musikpublizist und Hochschullehrer Lutz Lesle* schrieb: „Diese demonstrative Geste, die dem elitären Gehabe der oberen Gesellschaftsschicht in den USA eins auswischen wollte, hat in der Folge Schule gemacht. Die Beatles haben den Song aufgegriffen, mit ihnen manche anderen Musiker der ‚Szene‘: Und so entstand allmählich ein Kapitel Wirkungsgeschichte Beethovens innerhalb der Popmusik. Das bildungsbürgerliche Entweder/Oder, ‚Beethoven oder Rock‘, versuchten die Rockmusiker als ideologisches Vorurteil zu entlarven. Sie propagierten ‚Rock mit Beethoven‘.“

Im Nachhinein haben viele Gruppen und Sänger verschiedene Versionen dieses Titels dargeboten, und die beste von ihnen, finde ich, ist die von der Gruppe (Electric Light Orchestra), als der Song mit dem Anfangsmotiv deiner Fünften losgeht.

Aus Anlass deines 200. Geburtstags arrangierte der argentinische Orchesterchef Waldo de los Ríos die Ode an die Freude aus der 9. Sinfonie und engagierte Miguel Ríos als Sänger. A Song of Joy