Liebesbriefjahre - Audrey & Jeremy Roloff - E-Book

Liebesbriefjahre E-Book

Audrey & Jeremy Roloff

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Beschreibung

Schon bevor du deinem künftigen Lebenspartner begegnest, kann deine eigene, einzigartige Liebesgeschichte Gestalt annehmen. Egal, ob du Single bist, gerade jemanden kennenlernst oder in einer langjährigen festen Beziehung bist: Dieses Buch ist für dich. Hier erzählen Jeremy und Audrey Roloff ihre Liebesgeschichte. Es ist eine schöne Geschichte, aber längst keine perfekte. Bis zum "Ja"-Wort war es immer wieder auch ein schwieriger Weg, geprägt von emotionalen Wellenbädern, gesundheitlichen Problemen und großen Entfernungen. Beide erzählen von ihren persönlichen Kämpfen, Erfahrungen, Widerständen. Sie geben praktische Tipps und ermutigen dazu, gezielt an der Partnerschaft zu arbeiten. Dieses Buch ist eine wunderbare Ermutigung, für die Liebe zu kämpfen, sie zu hegen und zu pflegen und zu voller Blüte zu bringen: zu einer erfüllenden, glücklichen Partnerschaft.

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Für Ember Jean,mögest du ein Licht in dieser Welt sein.Wir lieben dich,Mom und Dad

INHALT

Pflichtlektüre: Unser erster Brief

Wie alles begann

Geduldig erobern

Keine Insel

Jede Mauer muss fallen

Eine kreative Liebe

Schluss gemacht

Es geht weiter

Das Prinzip des Teilens

Der Kampf um Enthaltsamkeit

Der Antrag

Vorbereitung auf das Versprechen

Unser Verhaltenskodex bei Konflikten

Der Weg zum Einssein

Die Liebe schützen

Der große Tag

Der Brief geht weiter

Bildteil

Pflichtlektüre: Unser erster Brief

AUDREY

Es war ein Sommer wie im Märchen: Wir wanderten über Zuggleise, fuhren auf der Ladefläche unserer Pick-ups durchs Gelände, schlichen durch Eisenbahntunnel, sprangen von Brücken, pflückten Beeren, spielten „Auf der Flucht“, kletterten auf riesige Heuballen, erkundeten alte Scheunen, spielten Mundharmonika und sahen uns Filme im Autokino an. Die Zeit gehörte uns. Fast jeden Abend saßen wir am Lagerfeuer. Unsere Kleidung roch ständig nach dem Rauch von Kiefernholz und wir verzichteten gerne auf Schlaf, um zusammen sein zu können. Auch wenn wir einfach schweigend nebeneinandersaßen und warteten, bis das Rattern des Zuges zwischen den sanften Hügeln von Helvetia, Oregon, zu hören war. Es war, wie es in einem Lied heißt, „der Sommer, in dem meine Seele neue Wege einschlug“1. Es war der Sommer, in dem die Zeit keine Rolle spielte und ein Abenteuer das andere jagte. Es war der Sommer, in dem ich mir endlich erlaubte, mich in den Farmersjungen zu verlieben, der sich seit zwei Jahren geduldig um mich bemühte. Es war ein traumhafter Sommer, in dem wir uns immer mehr ineinander verliebten.

Aber als es auf den September zuging, näherte sich das Ende unseres perfekten Sommers. Im Herbst würden wir unterschiedliche Wege einschlagen. Ich würde zum Vorbereitungstraining für die nächste Crosslaufsaison (Querfeldeinlauf) am Oregon State College in Corvallis zurückkehren, und Jeremy wechselte vom Portland Community College ans Brooks Institute für Film und Fotografie in Santa Barbara, Kalifornien. Den ganzen Sommer über hatten wir bewusst verdrängt, dass unsere Beziehung bald durch eine Entfernung von 1500 km erschwert werden würde. Daneben war die 15-minütige Autofahrt vom Vorstadthaus meiner Eltern zu der Farm von Jeremys Familie ein Klacks. Wir wussten beide, dass dieser Sommer zu Ende gehen würde, aber wir waren nicht sicher, ob dies das Ende einer Sommerliebe oder den Anfang einer lebenslangen Liebesgeschichte bedeuten würde.

In den Wochen vor Jeremys Umzug wuchs bei uns beiden der Druck. Ein klärendes Gespräch war unausweichlich. Wir mussten uns entscheiden, wie unsere Beziehung weitergehen sollte. Welche Erwartungen hatten wir an unsere Beziehung, bevor wir ans College gingen? Wollten wir uns auf eine Fernbeziehung einlassen? Oder würden wir einfach auf einen traumhaften Sommer anstoßen und dann getrennte Wege gehen?

Als ich nach einem weiteren Abend am Lagerfeuer zu Hause war, bekam ich von Jeremy folgende Textnachricht: Auj, wir müssen darüber reden, wie es weitergehen soll.

Ich wusste, was er meinte. Ja, das müssen wir.

Morgen. Ich hole dich um fünf ab. Dann fahren wir zur Eisenbahnbrücke und reden und fahren erst wieder nach Hause, wenn wir darüber gesprochen haben, wie es zwischen uns weitergeht.

Mit Schmetterlingen im Bauch tippte ich in mein Handy: Klingt nach einem guten Plan.

An diesem Abend kritzelte ich meine ungefilterten Gedanken nervös in mein Tagebuch. Den ganzen Sommer hatte ich um Klarheit gebetet. Ein Gespräch, wie es zwischen uns weitergehen sollte, war unausweichlich. Für mich ging es um viel mehr als nur darum, ob Jeremy und ich offiziell ein Paar werden würden.

Zwei Jahre zuvor hatte ich mir vorgenommen, keine feste Beziehung mit einem Jungen anzufangen, wenn ich mir nicht vorstellen konnte, ihn eines Tages zu heiraten. Deshalb hatte ich das Gefühl, ich würde für den Rest meines Lebens Ja zu Jeremy sagen, sobald ich eine Beziehung mit ihm begann.

Rückblickend erkenne ich, dass ich mich damit viel zu sehr unter Druck gesetzt hatte. Wie soll man herausfinden, ob ein Mann als Ehepartner infrage kommen könnte, wenn man jedem von Vorneherein eine Absage erteilt und keinen an sich heranlässt? Ich musste einfach bereit sein, ein paar unangenehme Dates zu erleben, um irgendwann den Richtigen zu finden.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, analysierte ich jeden möglichen Ausgang unseres Gesprächs: Würde er mich bitten, trotz der weiten Entfernung seine Freundin zu sein? Oder würden wir vor einer solchen Verpflichtung zurückschrecken und uns darauf einigen, einfach abzuwarten, was passiert? Uns beiden war bewusst, welche Konsequenzen dieses Gespräch haben könnte. Deshalb hatten wir das Gefühl, die Stunden bis dahin würden nie vergehen. Im Gegensatz zu unserem Sommer, in dem Zeit keine Rolle gespielt hatte, war Zeit plötzlich sehr wichtig geworden: um 17 Uhr war unser Gespräch geplant und schon sehr bald würde das Datum, zu dem wir zum Studium weggehen würden, folgen.

Ich hörte Blue Moons klappernde Motorengeräusche, schon lange bevor Jeremy in unsere Straße einbog. Blue Moon war Jeremys rostiger, verbeulter, hellblauer VW-Bus. Jedes Mal, wenn ich Blue Moon – oder irgendein anderes von Jeremys alten Autos – vor unserem Haus vorfahren hörte, schlug mein Herz höher, und meine Hände begannen zu zittern.

Obwohl ich ihn schon aus einem Kilometer Entfernung kommen hörte, wartete ich in meinem Zimmer, bis er den Motor abgestellt hatte und zur Haustür kam. Im Gegensatz zu den meisten Jungen, mit denen ich ausgegangen bin, blieb Jeremy nie in seinem Auto sitzen und schrieb eine WhatsApp: Ich bin da. Er kam immer an die Tür und klopfte. Als ich an diesem Tag die Tür öffnete, hätte ich schwören können, dass er über Nacht noch attraktiver geworden war. Das erhöhte meine Nervosität und meinen Herzschlag noch mehr. Wir begrüßten uns mit geröteten Wangen und einem verliebten Lächeln. Jeremy führte mich zu seinem Auto und hielt mir die Tür auf.

Er schlug vor: „Hey, wir sollten versuchen, unsere Schuhe auf dieses Drahtseil zu werfen, bevor wir reden. Ich habe sie mitgebracht!“

Jeremy und ich hatten beschlossen, dass wir unserem wunderschönen Sommer ein besonderes Denkmal setzen wollten. Wir wollten etwas Unkonventionelles machen und hatten die Idee, zwei alte Schuhe zusammenzubinden – einen Schuh von ihm und einen von mir – und sie auf ein Drahtseil unter unserer geliebten Eisenbahnbrücke zu werfen. Diese Brücke ist eine der längsten Holzeisenbahnbrücken in Nordamerika. Sie war in diesem Sommer „unser besonderer Ort“ gewesen. Wir hofften vermutlich beide, dass diese Schuhe eine ewige Erinnerung an den Anfang unserer lebenslangen Liebesgeschichte würden.

„Oh, ja!“, antwortete ich. „Es freut mich, dass du das nicht vergessen hast!“ Diese alberne Aktion beruhigte meine Nerven. Jetzt hatten wir noch etwas anderes vor als nur „das Gespräch“.

Wir waren so nervös, dass die zwölf-minütige Fahrt zur Brücke fast schweigend verlief. Als wir ankamen, stellte Jeremy Blue Moon gleich oberhalb der Brücke am Straßenrand ab. Er öffnete mir die Beifahrertür und wir bereiteten unsere Schuhe für unsere geplante Mission vor. Wir banden die Schnürsenkel fest zusammen und schrieben auf einen von Jeremys Schuhen „Jer und Auj, Sommer 2011“. Dann gingen wir den halben Kilometer bis zu der Stelle, an der die Brücke die Straße überquert. Hier hatten wir den perfekten Platz ausfindig gemacht, um unsere Schuhe über das Drahtseil zu werfen, und hofften, dass man sie dort nicht leicht entdecken und entfernen könnte.

Dieses Drahtseil verlief in ungefähr 20 Metern Höhe relativ nah unter den Eisenbahnschienen. Als wir darunter standen, hatte ich keine allzu große Hoffnung, dass wir unseren Plan erfolgreich in die Tat umsetzen könnten. Doch im Gegensatz zu mir schaute Jeremy mit großem Selbstvertrauen zu dem Drahtseil hinauf. Er zog sofort seine Sandalen aus und begann die Holzkonstruktion der Brücke hinaufzuklettern, wobei seine Füße ganz schwarz wurden. Als er einen Balken mit einem guten Wurfwinkel erreichte, schleuderte er die Schuhe in Richtung Drahtseil. Ein Schuh prallte von einem der Balken ab und beide flogen wieder auf den heißen Asphalt zurück.

Ich holte sie schnell und versuchte sie Jeremy hinaufzuwerfen, aber ich zielte sehr schlecht. Jeremy musste nach unten klettern und dann noch einmal neu hinaufklettern.

Dieses Mal schloss er die Augen und betete halb im Scherz: „Herr, hilf mir!“, bevor er die Schuhe warf.

Bei seinem zweiten Versuch landeten die Schnürsenkel perfekt über dem Drahtseil und die Schuhe wickelten sich mehrmals darum. Er hat es geschafft!, dachte ich beeindruckt. Ich habe schon immer auf besondere Zeichen in meinem Leben geachtet, und diese Schuhe waren für mich eindeutig ein Zeichen.

Jeremy kletterte wieder nach unten und wir schauten voll Stolz zu unseren Schuhen hinauf. Insgeheim hofften wir beide, dass dies ein dauerhaftes Symbol für einen Anfang und nicht für ein Ende unserer Beziehung wäre.

Wir gingen durch das hohe Gras, das die Brückenkonstruktion umgab, zurück und stiegen einen Hang hinauf, bis wir oben auf den Gleisen ankamen. Dort setzten wir uns auf die von der Sonne aufgewärmten Schienen. Jeremy schlug vor, dass wir unser Gespräch mit einem Gebet beginnen sollten. Wir beugten also beide unseren Kopf und er betete für uns. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was er gesagt hat, aber ich weiß noch genau, dass er dafür gebetet hat, dass in unserer Beziehung der Wille des Herrn geschehen möge.

Als wir Amen sagten und die Köpfe wieder hoben, war mir gleichzeitig heiß und kalt. Mein Gesicht glühte. Trotzdem zitterte ich vor Nervosität. Ich bin normalerweise sehr entscheidungsfreudig. Zum Beispiel bin ich bei der Auswahl meiner Kleidung immer sehr flott, und im Restaurant weiß ich stets als Erste, was ich bestellen will. Aber bei der Frage, ob ich mich auf eine Beziehung einlassen wollte, wurde mir heiß und kalt. Ich wusste, dass eine Beziehung mit Jeremy drei Jahre Fernbeziehung bedeuten würde, und ich hatte Angst, dass die große Entfernung zu einer Belastung werden könnte.

Meine Zweifel ließen mir keine Ruhe. Ich hatte Angst, dass die Entfernung unsere Liebesgeschichte ruinieren könnte. Würden wir nicht auf Dauer eine bessere Chance haben, wenn wir nur Freunde blieben, bis wir wieder in derselben Stadt wohnen könnten? Ich mochte Jeremy. Ich konnte ihn mir gut als Ehemann vorstellen, und ich begann mir eine Zukunft mit ihm auszumalen, aber vielleicht war das Timing schlecht? Ich hatte noch am Morgen in mein Tagebuch geschrieben und darüber gebetet, wie ich meine Bedenken formulieren könnte, aber in diesem Moment konnte ich mich an nichts davon erinnern. Zu meiner Erleichterung begann Jeremy dann das Gespräch.

Zuerst ließ er unseren wunderbaren Sommer Revue passieren. Wir strahlten beide glücklich, als wir unsere vielen gemeinsamen Erlebnisse im Geiste noch einmal durchlebten. Dann folgte eine Pause.

Mit ernster Miene schaute mir Jeremy in die Augen und sagte: „Ich weiß, dass wir beide gesagt haben, dass wir uns nie auf eine Fernbeziehung einlassen würden. Aber wenn wir es nicht wenigstens versuchen, werde ich mich wohl immer fragen, was hätte sein können. Dieser Sommer soll nicht einfach eine angenehme Erinnerung an das Mädchen, das ich früher einmal kannte, sein. Audrey, wenn ich nach Santa Barbara gehe, will ich sagen können, dass du zu mir gehörst. Willst du meine Freundin sein?“

„Ja!“, antwortete ich aus ganzem Herzen. Während er sprach, erfüllte mich ein überwältigender Friede. Alle Sorgen und Unsicherheiten, die ich in Bezug auf Fernbeziehungen gehabt hatte, waren wie weggeblasen. Wir saßen einen Moment schweigend da und waren uns bewusst, dass dies der Höhepunkt von zwei Jahren war, in denen Jeremy sich mit viel Geduld um mich bemüht hatte. Obwohl wir es damals nicht wussten, war es der Anfang eines ganzen gemeinsamen Lebens, in dem wir uns mit Geduld umeinander bemühen wollen.

Adrenalin schoss durch unsere Adern, als wir uns an den Händen hielten und auf der inzwischen von Sternen beleuchteten Wiese den Hang hinabstiegen. Als wir unterhalb der Brücke an der Straße ankamen, blieb Jeremy stehen und schlug vor, einen Moment den Nachthimmel zu genießen. Wir legten uns auf den Asphalt und schauten zum Himmel hinauf. In dieser Nacht war Vollmond. Dieser Augenblick brannte sich für immer in unser Gedächtnis ein, weil eine riesige Sternschnuppe über den Himmel zog.

Wir waren endlich offiziell ein Paar, aber wir hatten nur noch zehn Tage, bis Jeremy nach Santa Barbara aufbrechen musste. In diesen zehn Tagen genossen wir jede gemeinsame Minute und beendeten jeden Abend mit einem Lagerfeuer. Wir hielten uns an den Händen, gaben uns unseren ersten Kuss und sprachen aus, was wir schon lange übereinander dachten, was wir dem anderen aber nie gesagt hatten.

Als wir an Jeremys letztem Abend am Lagerfeuer saßen, versprachen wir uns, uns Briefe zu schreiben. Ja, Briefe! Richtig mit Füller und Tinte auf Papier geschrieben, das zusammengefaltet in einen Briefumschlag gesteckt und mit einer Briefmarke beklebt wird. Wir wollten mehr, als uns nur Textnachrichten zu schicken und am Abend zu telefonieren. Wir hatten den tiefen Wunsch, Begeisterung und Kreativität in unsere Kommunikation zu bringen. Wir wollten schriftlich festhalten, wie sehr unsere Liebe wuchs. Briefe erschienen uns dafür perfekt zu sein.

Am 25. August 2011 brach Jeremy nach Santa Barbara auf. Ich fuhr vorher zur Farm seiner Eltern, um Blue Moon nachzublicken, wenn er randvoll mit seinen Sachen beladen die lange Schotterauffahrt der Roloff Farm hinabrollen und eine Staubwolke hinter sich herziehen würde. Vor diesem ersten Abschied, der sehr lange dauerte, gab mir Jeremy meinen ersten Brief. Er war mit Wachs versiegelt und steckte in einem alten, braunen Umschlag. Ich kam mir vor wie ein Filmstar bei den Dreharbeiten eines Liebesfilms in den 50er-Jahren. Er bat mich, ihn erst zu lesen, wenn er fort war, und ihm an seine neue Adresse in Santa Barbara zu schreiben. Er wollte etwas haben, auf das er sich freuen konnte. Seinen ersten Brief in der Hand zu halten gab mir Zuversicht, dass wir es schaffen würden.

In den letzten Augenblicken vor unserem Abschied tobten in uns beiden viele widersprüchliche Gefühle: Unsicherheit und Zuversicht. Nervosität und Frieden. Traurigkeit und gespannte Aufregung. In einem Punkt waren wir uns absolut einig: Die Liebe würde uns nicht einfach zufallen. Wir mussten etwas dafür tun. Wir waren fest entschlossen, unsere eigene, von Gott inspirierte Liebesgeschichte zu schreiben. Jeremys erster Brief war der Anfang unserer Liebesbriefjahre.

Liebe Audrey,

jetzt geht es los. Was für ein erstaunliches Gefühl! Ich bin ziemlich aufgeregt. Ich freue mich auf das nächste Kapitel unseres gemeinsamen Lebens, denn Gott ist bei uns. Ich werde für dich und für uns beten.

Bitte schreibe mir unbedingt, was du denkst. Ich will wissen, was du denkst. Denn dann geht es mir besser. Ich habe so lange nicht gewusst, was du wirklich denkst.

Wie immer gibt es so vieles, das ich dir sagen möchte, aber meine Gedanken sind im Moment ein wenig durcheinander. Das macht jedoch nichts. Wir können uns noch sehr viel schreiben. Und wir können skypen!

Ich möchte noch einmal betonen, wie wichtig es ist, dass wir in diesem Prozess offen sind. In den letzten zwei Jahren haben wir vieles für uns behalten. Das war wahrscheinlich auch besser so, aber es könnte sich auch zur Gewohnheit entwickelt haben. Jetzt sind wir ein Paar. Die Regeln haben sich geändert. Wenn dich etwas stört, dann sag es mir, bitte.

Wir hatten in diesem Sommer so viel Spaß, Auj. Es war unbeschreiblich schön, dich besser kennenzulernen. Irgendwann werden wir unsere Notizen und Gedanken zusammentragen und ein Theaterstück oder ein Buch daraus machen!

Dieser Brief fällt kurz aus, denn ich habe keine Zeit (du wirst gleich hier sein). Wenn du irgendwann etwas, das ich schreibe, nicht lesen kannst oder nicht verstehst, dann schicke mir eine Textnachricht oder wir klären es über Skype.

Du bist schön.

Wie alles begann

JEREMY

Zwei Jahre zuvor hätte ich mir die Gelegenheit, Audrey kennenzulernen, beinahe entgehen lassen. In den Winterferien meines ersten Jahres am College bekam ich von meinem alten Freund Mitch eine Textnachricht: Jer, es gibt da ein Mädchen, das du unbedingt kennenlernen musst. Hast du am Samstag Zeit?

Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht ganz von einer Beziehung erholt, die nach drei Jahren gescheitert war. Es war nicht das erste Mal, dass ein Freund versuchte, mich zu verkuppeln. Ich hatte keine Lust, also antwortete ich: Hey, Mitch. Schön, von dir zu hören. Nein, ich habe keine Zeit. Tut mir leid!

Zu dieser Zeit befand sich Little People, Big World, eine Reality-Fernsehserie über meine Familie, die damals schon seit fünf Jahren ausgestrahlt wurde, auf dem Höhepunkt. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass mich Leute einluden, weil mich ihre Freunde und Freunde von ihren Freunden kennenlernen wollten. Ich war mir nie ganz sicher, mit welcher Motivation ich eingeladen wurde, und nahm solche Einladungen deshalb nur selten an. Aber Mitch war ein guter Freund, den ich schon lange kannte und dem ich vertraute, und er ließ nicht locker.

Widerstrebend stimmte ich einem Blind Date mit einem Mädchen zu, das Audrey hieß. Warum ich zugesagt habe? Ich weiß es nicht. In den folgenden Tagen suchte ich auf jeden Fall nach Ausreden, um aus der Sache wieder herauszukommen. Ich überlegte bis zur letzten Minute. Bevor ich jedoch absagen konnte, schickte mir Mitch die Adresse von Audreys Familie. In zwei Stunden wollten wir uns treffen. Es war zu spät, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen.

An diesem Abend probierte ich fünf verschiedene Outfits an, bevor ich in OhSo, meinen kleinen, orangefarbenen BMW 2002 Baujahr 1971, stieg und im Nieselregen losfuhr. Obwohl ich mich nur widerwillig darauf einließ, war es irgendwie spannend, sich mit einem Mädchen zu treffen, von dem man nichts weiß. Ich wollte einen guten Eindruck machen. Ich kam zehn Minuten zu früh an und stellte mein Auto gegenüber von Audreys Elternhaus am Straßenrand ab. Der Rasen vor dem Haus war perfekt gemäht. Ein hoher, gemauerter Bogen umrahmte die Haustür, die mit Weihnachtsdeko geschmückt war. Ein weißer Kater saß oben an einem Fenster und blickte auf mich herab, als wollte er mich warnen, dass ich mich auf etwas gefasst machen müsste. Alles wirkte viel zu sauber.

Meine Güte, sie ist wahrscheinlich eine Einserschülerin, dachte ich. Langweilig. Unsicher. Anstrengend. Meine Vorsicht wuchs.

Ich war noch nie zuvor zu einem Blind Date gegangen. Ehrlich gesagt, fand ich es richtig peinlich. Ich war nicht verzweifelt. Ich tat dies nur wegen meines Freundes, der nicht lockergelassen hatte, denn ich war überzeugt, dass es zwischen uns bestimmt nicht funken würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit irgendeinem Vorstadtmädchen das große Los ziehen würde, war gleich null.

Ich ging zur Haustür, klopfte und wartete. Keine Antwort, kein Geräusch, keine Bewegung, nichts. Ich hob die Hand, um noch einmal zu klopfen, als – tara! – die Tür mit einem Schwung aufgerissen wurde. Meine Hand hing noch in der Luft. Vor mir stand ein Mädchen mit eng sitzender Jogginghose und Sport-BH. Ihre zierliche Figur war schweißgebadet und mit Matsch bespritzt.

Welches Mädchen öffnet in dieser Aufmachung einem völlig Fremden die Haustür?

Sie war schlank und hübsch und schaute mich mit einem breiten Lächeln an. Ich vermutete, dass sie mit Kelcey gerechnet hatte. Kelcey war Mitchs Freundin und gleichzeitig eine von Audreys besten Freundinnen. Sie wollte an diesem Abend auch dabei sein.

„Hi“, sagte ich, „bist du Audrey?“ Irgendwie hoffte ich, dieses chaotische Mädchen wäre Audreys Schwester oder so.

„Ja, hallo!“, antwortete sie. „Du bist Jeremy. Freut mich, dich kennenzulernen. Tut mir leid, ich bin ein wenig zu spät dran. Kelcey und Mitch sind noch nicht da. Aber komm bitte rein.“ Die Worte kamen fast genauso schnell aus ihrem Mund, wie sie wahrscheinlich kurz zuvor gelaufen war.

„Kein Problem. Ich weiß, dass ich ein bisschen zu früh dran bin.“

Ich hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als sie sich auch schon umdrehte, die Treppe hinaufstürmte und mir zurief: „Ich bin in ein paar Minuten fertig. Warte in der Küche und …“

Mehr hörte ich nicht, da sie um eine Ecke bog und verschwand. Ich stand immer noch im Türrahmen. Also betrat ich das Haus, zog meine Schuhe aus und stellte sie sauber neben die anderen unter die Bank in der Garderobe. Ich fand die Küche und setzte mich. Das ist wirklich seltsam.

Während ich mich im Haus umschaute, kam ich zu dem Schluss, dass die Familie ganz normal zu sein schien. Das Haus war sauber und aufgeräumt; Sporttrophäen säumten die Regale; Karten mit Bibelversen hingen am Kühlschrank; und ein Tablett mit selbst gemachten Marmeladen stand auf der Arbeitsplatte. Okay, vielleicht wird der Abend doch nicht so schlimm.

Ein paar Minuten später klopfte es zu meiner Erleichterung an der Tür. Bevor ich aufstehen konnte, hörte ich, wie die Tür auf- und wieder zuging und jemand seine Schuhe auszog. Eine Sekunde später kam Kelcey um die Ecke. Ich hatte schon von Kelcey gehört, sie aber noch nicht persönlich getroffen. Mitch und Kelcey waren bereits eine Weile miteinander befreundet und beide waren mit Audrey zur Highschool gegangen. Kelcey gehörte zu Audreys besten Freunden, einem Kreis enger Freunde, den ich später unter dem Namen God Squad (Gottes Truppe) kennenlernte.

Mitch tauchte einige Minuten später auf und setzte sich zu uns an den Küchentisch. Während wir über die Pläne für den Abend sprachen, bekam ich den Eindruck, dass Mitch und Kelcey höhere Erwartungen hatten als ich. Geplant war, dass wir im Macaroni Grill essen gehen und uns angeregt unterhalten würden. Danach wollten wir zum Eröffnungsgottesdienst eines neuen Gebäudes von Solid Rock in der Innenstadt von Portland gehen. Solid Rock war die Gemeinde, die sie alle besuchten. Ich war hin und wieder auch schon einmal dort gewesen, aber ich befand mich gerade in einer Phase geistlicher Selbstzufriedenheit und las weder regelmäßig in der Bibel, noch engagierte ich mich in einer christlichen Gemeinde.

Schließlich kam Audrey die Treppe herab. Ich betrachtete sie interessiert, als sie zu uns in die Küche kam. Ihr schönes rotes Haar fiel in Wellen über ihre geblümte Rüschenbluse. Sie trug schwarze Leggings, die ihre sportlichen Beine betonten, und schwarze, geschnürte Stiefel. Auf ihren Lippen glänzte ein großzügig aufgetragener roter Lippenstift. Okay, sie sieht heiß aus.

Schließlich stiegen wir alle in Audreys roten Mazda und fuhren zum Essen. Als die Bedienung kam, um unsere Getränkebestellung entgegenzunehmen, blickte Audrey beiläufig von ihrer Speisekarte auf und sagte: „Ich nehme ein Glas Milch.“

Milch? Wer ist dieses Mädchen? Wer bestellt in einem Restaurant Milch? Und das auch noch bei einem Blind Date!

Beim Essen unterhielten wir uns über die verschiedensten Themen. Ich fand Audrey gleichzeitig verblüffend und reizvoll. Ihre Gedanken, Interessen und ihr Benehmen passten in kein Schema. Ich konnte sie nicht durchschauen. Sie war anders als alle Mädchen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Diese Neugier beruhte auf Gegenseitigkeit. Später erzählte sie mir, dass sie das Gefühl gehabt hatte, die männliche Version von sich selbst gefunden zu haben. Sie fand, dass ich genauso spleenig war wie sie und dass wir viele gemeinsame Interessen hatten.

Von Mitch angeregt, stellten wir fest, dass wir sogar den gleichen Lieblingsfilm hatten: Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers. Es gab keine Schublade, in die ich dieses Mädchen hätte stecken können. Little People, Big World erwähnte sie mit keiner Silbe. Die Reality-Serie war normalerweise das Erste – und manchmal das Einzige –, worüber Leute, die ich zum ersten Mal traf, mit mir sprechen wollten. Allein das überraschte mich schon und machte mich neugierig.

Nach dem Essen fuhren wir zum Gottesdienst, wo ich den Rest der God Squad kennenlernte. Als ich mich erkundigte, wie sie ausgerechnet auf diesen Namen gekommen waren, erklärten sie mir, dass ein Junge in der Schule sie scherzhaft so genannt hätte. Irgendwie waren sie dann bei diesem Namen geblieben.

Der Gottesdienst lief wie üblich ab – beten, singen, Predigt hören, noch einmal beten –, aber gleichzeitig verspürte ich in dem Raum sehr viel Energie. Alle waren begeistert, dass sie die Eröffnung dieses neuen Gebäudes feiern konnten. Doch ich war in Gedanken mehr bei diesem ungewöhnlichen Mädchen. Und gleichzeitig war ich ein wenig befangen, weil ich wusste, dass ihre besten Freundinnen genauso wie Mitch und Kelcey ständig in unsere Richtung blickten. Sie waren neugierig und wollten sehen, ob Audrey und ich uns gut verstanden.

Nach dem Gottesdienst fuhren wir zu Audrey zurück und verabschiedeten uns voneinander. An diesem Abend hatte es nicht zwischen uns gefunkt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass der Abend gut gewesen war.

Ich war neugierig, wer dieses Mädchen war. Sie machte, was sie wollte, und ließ sich nichts vorschreiben. Das gefiel mir. Ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstbewusstsein waren erfrischend. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es sollte so sein, dass wir uns kennengelernt hatten. Auch wenn ich sie nicht ganz durchschauen konnte, hatte es verblüffende Augenblicke gegeben, in denen ich mich tief mit ihr verbunden fühlte und mich nach mehr sehnte.

Wer ist dieses Mädchen?

Ich beschloss nicht lockerzulassen und wollte mehr über sie erfahren. Nach diesem Blind Date folgte eine lange Zeit, in der ich mich mit viel Geduld um Audrey Mirabella Botti bemühte.

Geduldig erobern

AUDREY

Ich musste immer wieder an den Jungen in der hautengen Jeans denken, der Taylor Swift liebt, alte Autos fährt und auf einer Farm lebt. Seit unserem Blind Date im Macaroni Grill waren einige Monate vergangen. Obwohl ich nicht zu einer ernsten Beziehung bereit war, war ich definitiv neugierig und wollte mehr über diesen Jungen erfahren.

Jedes Mal, wenn ich in den nächsten Monaten an den Wochenenden vom College zu Hause war, trafen Jeremy und ich uns in der Gemeinde. Manchmal trafen wir uns mit meinen Freunden und fuhren gemeinsam zum Gottesdienst. Manchmal ging er nach der Gemeindeveranstaltung noch mit uns essen. In der Zeit, in der ich am College war, schickte mir Jeremy hin und wieder eine Nachricht mit einem Link zu einem Film, Podcast oder Lied, aber wir hatten kein zweites Date und unternahmen nichts zu zweit allein. Als ich zu den Sommerferien nach Hause kam und es warm genug war, um den Abend im Freien zu verbringen, lud er mich zum ersten Mal auf die Farm ein.

Ich fuhr auf der Helvetia Road auf das Schild mit der Aufschrift Roloff Farm zu. Diese Farm hatteKultcharakter. An dem Schild bog ich auf die geschotterte Zufahrt ein und fuhr zum schwach beleuchteten Sicherheitstor weiter. Ich warf einen Blick auf mein Smartphone und las noch einmal die Zahlenkombination, die mir Jeremy geschickt hatte. Nachdem ich einige Tasten gedrückt hatte, meldete sich Jeremys Stimme über die knisternde Sprechanlage.

„Auj?“

„Ja, ich bin hier!“

„Zugang gewährt“, verkündete eine Computerstimme und das Tor ging auf. Ich hatte das Gefühl, dass ich in diesem Moment Jeremy irgendwie Zugang zu meinem Herzen gewährte.

Ich fuhr durch einen Tunnel aus Bäumen weiter. Die Straße führte zu einem riesigen Bauernhaus. Als ich dort vorfuhr, kletterte gerade eine große Gruppe Jungs und Mädels auf die Ladefläche eines riesigen Pick-ups und raste davon. Ich atmete in der Komfortzone meines Autos einige Male tief durch, bevor ich ausstieg. Jeremy stand im Hof und bedeutete mir, mit ihm in einen kleineren Geländewagen zu steigen.

„Spring aufs Maultier“, sagte er. „Wir fahren zum Lagerfeuerplatz.“

Maultier? Ich wusste, dass er den Geländewagen meinen musste, aber ich kam mir irgendwie dumm vor, weil ich den Farmjargon nicht besser beherrschte. Also stieg ich mit aufs Maultier, und wir sausten an Ställen, landwirtschaftlichen Maschinen, Tieren und Gebäuden, die ich in der Dunkelheit nicht richtig erkennen konnte, vorbei.

Wir kamen an der Lagerfeuerstelle an. Hier erklärte uns Zach, Jeremys Zwillingsbruder, die Regeln. Wer die Serie Little People, Big World nicht kennt, käme nie auf die Idee, dass Zach Jeremys Zwillingsbruder ist. Sie sind in ihrem Aussehen und in ihrem Verhalten völlig verschieden.

Wir hatten vor, Auf der Flucht zu spielen, aber es war ganz anders als die Version dieses Spiels, die ich mit meinen Freunden in der Vorstadt spielte. Für uns Vorstadtkinder war Auf der Flucht im Grunde ein riesiges Fangenspiel, bei dem die Fänger Polizisten sind und Auto fahren. Normalerweise bestimmten wir vier Polizeiautos, in denen jeweils mehrere Leute saßen. Alle anderen waren auf der Flucht. Ziel der Flüchtigen war es, vom Startpunkt (normalerweise einem Schulparkplatz) zum Ziel (normalerweise ein anderer Schulparkplatz) zu laufen, ohne von den Polizisten erwischt zu werden. Manchmal musste man dazu durch die Straßen und Parks der Umgebung laufen, um nicht entdeckt zu werden. Um einen Flüchtigen offiziell zu fangen, mussten die Polizisten das Auto anhalten, aussteigen und ihn verhaften. Flüchtige, die von den Polizisten erwischt wurden, verwandelten sich ebenfalls in Polizisten und mussten helfen, die anderen Flüchtigen zu fangen. Der Erste, der das Ziel erreichte, ohne erwischt zu werden, war Sieger.

Ich war auf mein Können bei diesem Spiel stolz. Selbst wenn ich entdeckt wurde, konnte ich vor den Polizisten immer schnell weglaufen. Aber ich erfuhr, dass auf einer Farm völlig andere Spielregeln galten. Wenn man auf 140 000 Quadratmetern aufwächst, braucht man bei diesem Spiel nicht durch fremde Gärten und Wohnblöcke zu laufen. Statt in Polizeiautos fuhr Zach auf seinem Maultier herum, während wir anderen auf der Flucht waren und von einem Ende der Farm zum anderen und dann wieder zurückliefen. Statt auszusteigen und uns zu fangen, musste Zach nur unsere Namen rufen. Das bedeutete, dass Geschicklichkeit wichtiger war als Geschwindigkeit.

Während Zach die Regeln erklärte, schwand meine Zuversicht immer mehr. Offenbar sollten wir alle von der Lagerfeuerstelle zur Kürbisscheune laufen, die ein Ruhehaus war, und dann wieder zurück zur Lagerfeuerstelle. Leider hatte ich keine blasse Ahnung, wo die Kürbisscheune war.

Bevor ich irgendwelche Fragen stellen konnte, begann Zach schon mit dem Countdown, und alle rannten los. Ich folgte Jeremy in den dunklen Wald und verlor sofort jedes Orientierungsgefühl. Ungefähr eine Minute später hörten wir, dass das Maultier näher kam. Jeremy und sein Freund Mueller kletterten schnell über einen Zaun. Ich brauchte viel länger als die beiden, um den Zaun zu überwinden. Als ich auf der anderen Seite stand, waren die Jungs längst fort, und ich musste mich allein auf der Roloff Farm zurechtfinden.

Die Roloff Farm ist keine gewöhnliche Farm. Ich kam mir vor, als liefe ich durch eine ländliche Version von Disneyland. Mein Weg führte vorbei an einem Fort, über einen Hügel mit Schafen, Ziegen und Kühen, vorbei an einer Nachbildung der Arche Noah, durch eine Miniaturausgabe einer Cowboystadt, vorbei an einem Piratenschiff und einem riesigen Baumhaus, dann vorbei an einer Burg und einer Sportarena und weiter über Felder mit Gras, Beeren und Blumen. Selbst in der Dunkelheit fand ich das alles einfach zum Verlieben.

Eine Weile fragte ich mich, ob ich die Kürbisscheune vor Tagesanbruch finden würde, aber irgendwann konnte ich in der Dunkelheit tatsächlich Kürbisse, ein paar Schilder für Führungen und ein Labyrinth aus Holzzäunen entdecken, die vermutlich den Besucherandrang für das Kürbisgeschäft in die richtigen Bahnen lenken sollten. Als ich endlich das Ruhehaus – die Scheune – erreichte, gratulierten mir Jeremy und Mueller.

„Auj, du hast es geschafft! Wir laufen die High Road hinauf. Komm mit!“

Sobald Zachs Maultier den Roloff Mountain überquerte und hinter Stall Drei abtauchte, sprinteten wir durch die Kürbisarena und dann einen steilen Hügel hinauf, der, wie ich vermutete, zum Rand des Grundstücks führte. Obwohl ich schwer keuchte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Der Reiz dieses Geländes und die Faszination dieses Farmjungen fingen bereits an, mein Herz zu erobern.

Wir kamen unentdeckt und unbeschadet an der Lagerfeuerstelle an. Wir hatten gewonnen! Kurz darauf kamen auch die anderen Flüchtigen. Sie waren jedoch alle entdeckt worden und hatten sich dadurch in Polizisten verwandelt. Wir lachten, erzählten, wie wir entkommen oder erwischt worden waren, und verbrachten eine gemütliche Zeit am Lagerfeuer. Als alle anderen nach Hause fuhren, blieb ich noch eine Weile, und aus Minuten wurden Stunden.

Jeremy und ich schauten ins Lagerfeuer und unterhielten uns. Gelegentlich sahen wir uns über die Flammen hinweg an. Ich fragte ihn nach den vielen ungewöhnlichen Gebäuden, die ich auf der Flucht gesehen hatte, und er klärte mich über die Entstehung der Farm und die Geschichte hinter den einzelnen Bauwerken auf.

„Hat von diesen Dingen schon etwas gestanden, als deine Eltern die Farm kauften?“, fragte ich. „Wie kamen deine Eltern auf die Idee, diesen riesigen Spielplatz anzulegen?“

Bei dieser Frage begannen Jeremys Augen zu leuchten. Er richtete sich auf und erzählte mir die Geschichte: „Mein Vater wurde als Kind mehrmals an den Beinen operiert. Während er im Krankenhaus lag, träumte er von Abenteuern mit Cowboys, Indianern, Rittern und Piraten. Als er und meine Mutter die Farm kauften, konnte er dann diese Kindheitsträume verwirklichen. Zach, Molly, Jacob und ich konnten als Kinder in einer kleinen Cowboystadt Cowboy und Indianer spielen, wir konnten in der Burg Ritter spielen, auf dem Piratenschiff turnen und in unserem Baumhaus schlafen.“

Während er das erzählte, lächelte er. Ich sah ihm an, wie sehr er diese Farm liebte.

„Wow, das ist ja Wahnsinn!“, sagte ich und konnte es nicht erwarten, den Rest der Geschichte zu hören.

Die Kindheit, die Jeremy beschrieb, war der Traum eines jeden Kindes. Seine Eltern, die beide kleinwüchsig sind, kauften die Farm, als seine Mutter mit Jeremy und seinem Zwillingsbruder schwanger war. Damals war es nur ein weitläufiges, großes Grundstück auf dem Land, aber Jeremys Vater hatte eine Vision, was eines Tages darauf entstehen sollte.

Während Jeremys Kindheit bauten seine Eltern nicht nur den riesigen Spielplatz und die Touristenattraktionen, die jetzt als Roloff Farm bekannt sind. Sie renovierten auch das alte Bauernhaus und begannen mit dem Kürbisgeschäft. Dass sie als Kleinwüchsige eine riesige Farm aufbauten und managten und dabei gleichzeitig vier Kinder großzogen, erregte irgendwann die Aufmerksamkeit eines Fernsehsenders. Ich hatte angenommen, dass die Fernsehserie dazu beigetragen hatte, all das aufzubauen, was es auf der Farm gab, aber genau das Gegenteil war der Fall: Alles auf der Farm hatte dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit des Fernsehsenders zu erregen.

„Es ist einfach ein zauberhafter Ort“, sagte Jeremy mit unüberhörbarer Dankbarkeit in der Stimme. „Die Farm war für mich wirklich immer wie ein dritter Elternteil. Ich habe von ihr so viel gelernt und bin durch sie zu dem Menschen geworden, der ich heute bin.“

Ich wollte unbedingt mehr hören: über die Farm und über den Jungen, auf den sie eine so große Wirkung hatte. Das war der erste von vielen Abenden in jenem Sommer, die wir miteinander am Lagerfeuer verbrachten. Trotzdem war ich nicht auf der Suche nach einer ernsten Beziehung. Ich hatte andere Prioritäten. Mich zu verlieben war nicht geplant. Ich sehnte mich nicht besonders danach, mit einem Jungen zusammen zu sein oder die Aufmerksamkeit von Jungen zu erregen. Ich war auch ohne Jungen um mich herum zufrieden, und ich war auf meine Unabhängigkeit stolz. Vielleicht ein wenig zu stolz.

Ich fand es gut, dass mein Beziehungsstatus kein Indikator dafür war, ob ich glücklich war oder mich wohlfühlte. Aber je mehr Zeit ich mit Jeremy verbrachte, umso mehr begann ich, mich zu fragen, ob daraus jemals mehr als eine Freundschaft werden könnte. Ich weiß noch, dass ich dachte: Falls sich daraus jemals mehr entwickelt, können wir eine erstaunliche Geschichte erzählen!

JEREMY

Ich wusste von Anfang an, dass Audrey ein besonderes Mädchen war, das ich erobern wollte und mit dem ich hoffentlich eine Liebesgeschichte beginnen könnte. Sie schien über die Früchte des Geistes zu verfügen, die der Apostel Paulus in Galater 5 beschreibt: Liebe, Freude und Frieden; Geduld, Freundlichkeit und Güte; Treue, Nachsicht und Selbstbeherrschung. Aber ich wusste auch, dass ich mich anstrengen musste, wenn ich sie erobern wollte. Wenn ich eine Chance haben wollte, dieses Mädchen für mich zu gewinnen, musste ich mich zu einem Mann entwickeln, der ihrer würdig war. In dieser Zeit war ich irgendwie faul, und ich hatte aus den Augen verloren, wer ich werden wollte. Dass ich Audrey kennenlernte, machte mir bewusst, dass ich an mir arbeiten musste.

Ich staubte meine Bibel ab und setzte mich mit Aussagen über den Menschen, der ich werden wollte, auseinander: ein Mann mit Disziplin, Selbstbeherrschung und Führungsqualitäten, der sich um eine tiefere Beziehung zu Jesus bemüht. Vor Audrey war ich nie einer Person begegnet, die mir allein durch die Art, wie sie lebte, einen Spiegel vorhielt. Das Licht in ihrem Leben zeigte mir nicht nur, wer ich war, sondern auch, wer ich sein wollte. Sie inspirierte mich, ein besserer Mensch werden zu wollen. Mein Ehrgeiz war geweckt.

Der Himmel war klar und das Wetter war warm. Der Frühling hatte Einzug gehalten, und unsere Clique fand, dass es ein guter Abend war, um zur Lichtung hinauszufahren und ein Lagerfeuer zu machen. Die Lichtung lag auf einem Hügel, auf dem die Bäume zum Teil gefällt waren. Die Ostseite dieses Hügels mit Blick auf Portland ist schön und erlaubt einen atemberaubenden Blick auf die Stelle, wo sich der Willamette River um die Sauvie-Insel schlängelt.

Ich wollte Audrey einen schönen Abend bereiten, weshalb ich sie anrief und fragte, ob sie mitkommen wolle. „Ich will dir etwas zeigen. Kommst du heute Abend zu uns auf die Farm?“

Sie fragte nur: „Um wie viel Uhr?“

Mir gefiel ihre unkomplizierte Art, sich auf Neues einzulassen, und ihre Bereitschaft, sich überraschen zu lassen.

Als sie auf der Farm ankam, saßen wir anderen schon alle auf dem Pick-up. Zach saß am Steuer; Roth und Scott saßen auf dem Vordersitz; Dan und Jake saßen auf dem Rücksitz; und Mueller und ich saßen auf der Ladefläche. Farmregel Nummer 37 lautet: „Lass dir nie eine Gelegenheit entgehen, auf der Ladefläche eines Pick-ups mitzufahren.“ Also sprang Audrey hinten auf die Ladefläche und ich rief Zach zu: „Es kann losgehen!“

Der Pick-up war mit allem beladen, was man für einen guten Abend braucht: Brennholz, Decken und eine volle Kühlbox. Wir nahmen auch eine Gitarre mit, da wir hofften, Roth, unser Musiker, würde uns ein paar Lieder vorspielen. Als wir auf der Lichtung ankamen, gingen wir den Pfad hinauf zu der Stelle, an der sich der Weg gabelt. Der typische Wanderer entscheidet sich immer, an der Gabelung geradeaus zu gehen, aber wir bogen nach rechts ab. Dieser Weg führte zu einer versteckten Stelle, die wir im letzten Sommer entdeckt hatten.

Schon nach wenigen Minuten brannte das Feuer, waren die Decken ausgebreitet und irgendwann ging die Sonne unter. Wir unterhielten uns bis tief in die Nacht. Mueller erzählte von seiner letzten Freundin; Roth erzählte Geschichten von seinen Kunden im Haushaltswarengeschäft in der Stadt; Zach regte sich über ein Fußballspiel auf; und wir zogen ihn wegen seiner Unmengen an Mountain Dew-Dosen auf, die er in sich reinkippte. Der Abend war fröhlich und wir fühlten uns jung und frei.

Irgendwann ging ich ungefähr 30 Meter den Hang hinab, um zu pinkeln. Als ich zurückging, kam mir Audrey entgegen. Mein Herz schlug höher, als ich sie erblickte, und ich wurde plötzlich nervös. Mit ihr ganz allein zu sein versetzte mir einen regelrechten Stromstoß.

„Hey, wie gefällt dir der Abend?“, fragte ich sie. Etwas Besseres fiel mir spontan nicht ein.

„Er gefällt mir gut“, sagte sie, „aber ich muss auch auf die Toilette!“

Ich begann, ihr zu erklären, dass es hier keine Toilette gab, aber sie fiel mir schnell ins Wort. Offenbar hatte sie es eilig.