Verlag: Carlsen Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Light & Darkness - Laura Kneidl

Die Existenz von Vampiren, Feen und anderen Paranormalen ist längst kein Geheimnis mehr. Doch ist es ihnen verboten, sich ohne die Begleitung des ihnen zugeteilten Delegierten in der Öffentlichkeit zu bewegen. Ausgerechnet bei der warmherzigen Light versagt jedoch das raffinierte Auswahlsystem: Ihr erster Paranormaler ist der rebellische und entgegen aller Regeln männliche Dämon Dante. Und schon bald muss sie sich fragen, ob sie ihn vor der Menschheit oder sich selbst vor ihm schützen muss…

Meinungen über das E-Book Light & Darkness - Laura Kneidl

E-Book-Leseprobe Light & Darkness - Laura Kneidl

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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2013 Text © Laura Kneidl, 2013 Lektorat: Pia Cailleau Redaktion: Esther Bertling Umschlagbild: shutterstock.com / © Galina Shpak (Ranken) / © Aleshyn_Andrei (Mädchen) / © ollyy (Junge) Umschlaggestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund

Für Yvonne.

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen – doch es wachsen

01. Kapitel

»Vom Staat benannte Bürger, sogenannte Delegierte, verpflichten sich aus freiem Willen, den ihnen zugewiesenen paranormalen Bürgern Schutz und Sicherheit zu gewähren. Delegierte sammeln ihre erste Praxiserfahrung mit Vollendung des 17. Lebensjahres.« (Buch der Delegation, Artikel 2)

22. November 2047

»Beeil dich«, zischte Kane. Light drückte seine kalte Hand und gemeinsam rannten sie durch den menschenleeren Schulkorridor. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Sie liefen durch den Gang, der zu ihrem Klassenzimmer führte. Light keuchte, sie hatte bereits Seitenstechen. Kane verlangsamte seine Geschwindigkeit, als sie sich dem Raum näherten, und ließ ihre Hand los.

»Alles in Ordnung?«

Augenblicklich verflüchtigte sich die Gänsehaut auf ihrem Arm und Wärme kroch in ihre Fingerspitzen.

»Alles bestens«, presste sie schwer atmend hervor und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. »Unglaublich, der letzte Schultag vor meiner Delegation und ich komme zu spät.«

»Jeder kommt mal zu spät«, erwiderte Kane mit einem Lächeln. Angedeutete Grübchen formten sich auf seinen Wangen. »Es ist nicht unsere Schuld. Wer konnte denn ahnen, dass Jude krank wird?«

»Delegat Roland wird es egal sein, dass wir uns heute Morgen noch um meinen hustenden Bruder kümmern mussten«, seufzte Light. Sie blieb vor der verschlossenen Tür stehen. »Er wird uns nachsitzen lassen. Ich komme zu spät und sie vergeben mein Wesen an jemand anderen.«

»Blödsinn.« Kane rollte mit den Augen. »Erstens bist du Rolands Lieblingsschülerin, zweitens lebt er für die Delegation. Er würde nicht zulassen, dass du deine verpasst. Und drittens wurde dieses Wesen für dich ausgewählt und für niemand anderen sonst.«

In diesem Moment wurde die Tür zum Klassenzimmer aufgestoßen. Vor ihnen stand Anna, Lights beste Freundin, die Hände in die Hüfte gestemmt.

»Wo wart ihr?«

Eine kleine Falte bildete sich auf ihrer blassen, mit Sommersprossen übersäten Stirn. Rotes Haar fiel ihr über die Schultern und wellte sich bis zur Taille. Obwohl Winter war, trug sie ein ärmelloses Shirt.

»Jude ist krank«, erwiderte Kane, als wäre das Erklärung genug.

Anna nickte. »Ihr habt Glück. Roland ist noch in einer Besprechung. Ich wollte euch gerade anrufen.« Sie schob ihr Handy zurück in die Hosentasche. Zum Leidwesen der Schüler hatte man den Handyempfang im ganzen Schulgebäude eingedämmt. Man konnte keine Nachrichten versenden oder empfangen. Es sei denn, man wusste von dem Empfang in der Mädchentoilette bei gekipptem Fenster.

»Siehst du«, sagte Kane selbstgefällig, während sie Anna ins Klassenzimmer folgten. »Kein Nachsitzen. Du verpasst deine Delegation nicht.«

Anna klatschte begeistert in die Hände. »Ich kann es gar nicht erwarten, dein zukünftiges Wesen kennenzulernen.« Dann wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. »Aber was wirst du anziehen?«

Light legte den Rucksack auf ihren Tisch und ließ sich in den Stuhl sinken. Kane machte es sich neben ihr gemütlich. Anna, die eine Reihe vor ihnen saß, beugte sich erwartungsvoll nach hinten. Ihre glänzenden Augen flehten Light regelrecht an, ihr die Auswahl des Kleides zu überlassen.

»Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht«, log Light. In Wirklichkeit hatte sie den gestrigen Abend damit verbracht, sich für das grüne Cocktailkleid zu entscheiden. »Du kannst mir helfen. Komm einfach nach der Schule vorbei.«

»Danke! Du bist die Beste.« Über den Tisch hinweg umarmte Anna sie. »Was glaubst du, was für ein Wesen du bekommst? Ich hoffe auf eine Vampirin. Die meisten von ihnen haben einen guten Modegeschmack und ein volles Bankkonto.«

Kane, der selbst ein Vampir war, zischte verächtlich. »Danke für das Kompliment, aber nicht alle haben ein volles Bankkonto. Jedenfalls kann ich mir Light nicht mit einer Vampirin vorstellen. Ich tippe auf eine Nephilim.«

»Wieso eine Nephilim?« Light zog die Unterlagen aus ihrer Tasche und stellte sie auf den Boden.

»Du bist freundlich, gutherzig, offen und hast ein enormes Pflichtbewusstsein. Du bist klein und zierlich. Was würde besser zu dir passen als ein Engelswesen?«, erklärte Kane mit sanfter Stimme.

»Da ist was dran«, stimmte Anna zu und holte einen Lutscher aus ihrer Tasche. Sie wickelte das rosarote Papier ab und stopfte es zu dem Handy in die Hosentasche. »Hoffentlich ist es keine Werwölfin, das wäre unpraktisch.«

Panisch nickte Light. Seit ihrem siebten Lebensjahr litt sie an einer starken Hundehaarallergie, und was wäre sie für eine Delegierte, wenn sie gegen ihr eigenes Wesen allergisch wäre?

»Der Rat weiß, dass Light eine Allergie hat. Sie bekommt keinen Werwolf.« Zur Beruhigung tätschelte Kane ihre Hand. »Mach dir keine Sorgen. Sie haben deine Daten und suchen das perfekte Wesen für dich aus. Ich wette um zehn Dollar, dass es eine ganz entzückende Nephilim sein wird.«

»Die Wette gilt.« Anna reckte Kane die Hand entgegen. »Zehn Dollar, dass es keine Nephilim ist, sondern eine Vampirin.« Kane zögerte nicht und schlug mit seinen kalten Fingern in Annas Handfläche.

»Was, wenn es weder eine Nephilim noch eine Vampirin ist?«, erkundigte sich Light. In ihrem Kopf keimte noch immer die Horrorvision einer Werwölfin.

»Dann werden Kane und ich für einen Schultag die Klamotten tauschen«, schlug Anna vor.

Kane prustete los. »Wie bitte? Das geht nicht! Wie soll ich denn in deine Hosen passen?«

Anna schnalzte mit der Zunge. »Na gut, dann gehst du in Badehose und ich im Bikini. Einen Schultag lang.«

»In Ordnung, aber ich darf mir die Badehose aussuchen.«

»Natürlich«, kicherte Anna und versteckte den Lutscher unter der Schulbank, denn im selben Augenblick flog die Tür auf und Delegat Roland betrat das Klassenzimmer.

Wie verabredet war Anna um 15 Uhr zu Light gekommen. Sie hatte ihren halben Kleiderschrank mitgebracht und zwang Light dazu, jedes einzelne Kleid anzuprobieren. Es spielte keine Rolle, dass Light knapp zehn Zentimeter kleiner war als sie, denn mit ihren Stecknadeln ließ Anna den überschüssigen Stoff auf geradezu magische Weise verschwinden. Unter Annas Anweisungen fühlte sich Light wie eine lebendige Anziehpuppe.

Gerade als sie in einem schwarzen Mini steckte, klopfte es an der Tür. Mit den Händen presste sie das Kleid an ihren Körper, denn der Stoff hing lose um ihre Hüften. Anna steckte eine letzte Nadel in den Stoff, um das Problem zu beheben, als sich die Tür öffnete.

»Habt ihr euch entschieden?«, fragte Kane, halb im Zimmer, halb im Flur. Seine breiten Schultern wurden von einem schwarzen Sakko bedeckt, darunter trug er ein weißes Hemd. Light hätte gerne ihren älteren Bruder Jude bei ihrer Delegation dabeigehabt, doch wie vermutet war ihr Bruder immer noch zu krank, um an der Feier teilzunehmen.

»Noch nicht«, antwortete Anna.

Ein Lächeln umspielte Kanes Lippen. »Light, du siehst fantastisch aus.« Er betrachtete ihre nackten Füße – wobei sich ihre Zehen in den flauschigen Teppich gruben –, dann ihre langen Beine und schließlich glitt sein Blick über ihren Oberkörper bis zu ihrer ausgeprägten Schlüsselbeinpartie und zurück zu ihrem noch ungeschminkten Gesicht.

»Danke.« Eine zarte Röte färbte ihre Wangen. Schüchtern blickte sie zu Boden, während ihre Zehenspitzen weiterhin die Teppichfransen erkundeten.

Kane räusperte sich. »Ich wollte dir ausrichten, dass dein Dad in dreißig Minuten fahren möchte. Ihr solltet bis dahin fertig sein. Er ist so nervös, mich würde es nicht wundern, wenn er ohne dich abhaut.«

Light nickte. Wie nervös ihr Dad auch war, er konnte unmöglich nervöser sein als sie. Bereits jetzt waren ihre Hände schweißnass und zitterten so stark, dass sie die Kleider, die sie anprobierte, nicht selbstständig zuknöpfen konnte. Mit jedem Ticken der Wanduhr rückte ihre Delegation näher, und sie war dankbar dafür, dass Anna bei ihr war, um ihr zu helfen, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Seit ihrem zehnten Lebensjahr schulte man sie darauf, eine gute Delegierte zu werden, wie ihr Bruder Jude einer war und wie ihre Eltern es bereits gewesen waren, bevor ihr Bruder auf die Welt kam.

»Langsam ist es wirklich eindeutig, dass er in dich verschossen ist«, riss Anna sie aus ihren Gedanken, kaum dass Kane verschwunden war.

»Versuch nicht, mich abzulenken. Ich möchte nicht über Kane reden.« Light streifte sich den schwarzen Mini vom Körper. Die Zeit wurde zu knapp, um Kleider anzuprobieren, die sie nicht tragen konnte oder nicht tragen wollte. Und es war auch nicht genügend Zeit da, um über Kane zu reden, geschweige denn über seine Gefühle nachzudenken. Kanes Gefühle, ein Thema, das Light am liebsten verdrängte. Er war Judes Wesen, er war ihr wie ein Bruder. Seine immer offensichtlicheren Gefühle für sie fühlten sich falsch an. Light bückte sich, um das Kleid aufzuheben. »Welches soll ich anziehen?«, fragte sie Anna ein letztes Mal.

Ihre Freundin rümpfte die Nase, als könnte sie das passende Kleid riechen. »Nimm das grüne Cocktailkleid. Es betont deine Figur. Du wirst fantastisch aussehen.«

Und damit kehrte Light zu ihrer ersten Wahl zurück.

Im Laufe des Abends steigerte sich Lights Nervosität bis ins Unermessliche. Sie kaute auf ihren Nägeln und ihre Finger zupften unruhig am Saum ihres Kleides. Im Wohnzimmer warteten ihre Eltern, Jude und Kane auf sie. Die Anspannung war zum Greifen nahe und die Sehnsucht nach dem Ereignis des heutigen Abends schwängerte die Luft.

Alle lächelten verkrampft, nur Jude wirkte gelassen. Er lag unter einer dicken Decke begraben auf der Couch. Sein braunes Haar stand wirr in alle Richtungen ab und seine Nase war gerötet. Auf dem Tisch stand eine Kanne Tee, die den süßlichen Duft von Kräutern verströmte.

»Ich kann nicht glauben, dass ich deine Delegation verpasse«, beschwerte sich Jude. Er nippte an seiner Tasse und hustete. Es war ein röchelndes Geräusch, das ihn bis ins Mark erschütterte. Kane nahm ihm die Tasse aus der Hand und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich habe eine Kamera dabei. Du wirst keine Sekunde verpassen.« Ein brüderliches Lächeln umspielte seine Lippen. Kane war in vielerlei Hinsicht das ideale Wesen für Jude. Sie waren die besten Freunde und ergänzten sich so perfekt, als wäre Jude geboren worden, um Kanes Delegierter zu sein.

Aus diesem Grund mochte Light Kane. Er war nicht nur Judes Wesen, er war Teil der Familie. Dennoch fühlte sie sich in seiner Gegenwart unwohl. Sie konnte mit ihm nicht mehr reden wie früher, denn zwischen ihnen hatte sich etwas verändert. Es hatte vor ein paar Wochen begonnen. Zuerst war es nur Kanes Lächeln, das jedes Mal breiter wurde, wenn er sie sah, doch dann begann auch seine Haltung sich zu wandeln. Seine Schultern strafften sich und seine Brust schien jedes Mal anzuschwellen, wenn er sie sah. Zuerst hatte Light es für ein Spiel gehalten, einen Scherz, um sie zu verunsichern. Doch inzwischen dauerte dieses Spiel bereits zu lange an.

Light verdrängte diesen Gedanken, denn sie wollte sich diesen Abend nicht verderben. Immerhin war es ihre erste Delegation und hoffentlich auch ihre letzte. Seit sie ein Kind war, träumte sie davon, ihr Leben mit ein und demselben Paranormalen zu verbringen. Sie konnte es auch kaum mehr erwarten, endlich eine vollwertige Delegierte zu werden, auch wenn es bis dahin noch ein paar Jahre und Examen hin waren. Sie würde zwischen Menschen und Wesen vermitteln und sie den gegenseitigen Respekt lehren. Ihr paranormales Wesen würde durch sie Teil der menschlichen Gesellschaft sein und gemeinsam würden sie Schritt für Schritt die Kluft zwischen den Rassen schließen.

»Viel Glück«, hatte Anna gesagt, kurz bevor sie gegangen war. Doch die Delegation hatte nichts mit Glück zu tun. Seit Jahren bereitete Light sich auf dieses Leben vor. Jedes Jahr musste sie psychologische Tests über sich ergehen lassen und Fragebögen ausfüllen, die sich mit ihrer Persönlichkeit befassten. Mit Hilfe der Ergebnisse suchte ein speziell programmiertes System das perfekte Wesen für sie aus.

»Light, bist du so weit?«, fragte ihre Mum. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das ihre schmale Figur betonte. Ihre Rundungen waren ebenso unscheinbar wie die von Light. Dad schien das jedoch nicht zu stören. Er legte seiner Frau einen Arm um die nicht vorhandene Hüfte und lächelte stolz. »Mein kleines Mädchen bekommt ihr Wesen«, seufzte er. »Ich erinnere mich noch daran –«

»Ryan«, unterbrach ihre Mum. »Wir alle kennen die Geschichte von dir und Simon.« Light hatte Simon nur einmal getroffen. Er lebte inzwischen in Europa und war das Wesen ihres Dads gewesen, bevor Jude auf die Welt kam. Damals hatten er und ihre Mum sich dazu entschlossen, das Delegiertenamt niederzulegen und sich ganz auf ihr Neugeborenes zu konzentrieren.

»Ach, Silvia, ich werde bei solchen Ereignissen immer nostalgisch.« Dad ließ seinen Arm sinken und fuhr sich durch das braune Haar. »Besser, ich fahr schon mal das Auto vor«, verkündete er und zog seinen Mantel über. Es war bereits dunkel und kalte Novemberluft strömte in das Wohnzimmer, als er durch die Tür verschwand.

Lights Hände begannen stärker zu zittern. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und schlang sie um ihren Körper. Ihre Mum gab Jude ein paar letzte mütterliche Anweisungen und drückte ihm zum Abschied einen Kuss auf die Stirn, ehe sie ihrem Mann in die Kälte folgte.

»Ich filme alles und wir schauen es uns heute Abend gemeinsam an«, versprach Kane und klopfte Jude etwas zu fest auf die Schulter, so dass dieser zusammensackte. »Nicht wahr, Light?«

Sie zwang sich zu einem Lächeln und glaubte zu spüren, wie selbst ihre Mundwinkel vor Aufregung zitterten. »Wenn du möchtest, spiele ich dir meine Delegation später im Wohnzimmer vor.«

Jude grinste breit. »Das wäre nett, aber ich will dich nicht davon abhalten, dein Wesen besser kennenzulernen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wie Dad anhöre: Als ich Kane das erste Mal traf, haben wir die ganze Nacht geredet.«

»Du hast geredet«, warf Kane ein. »Über eine komische Zeichentrickserie, die ich nicht kannte.«

Jude ignorierte ihn. »Wir haben uns unter der Bettdecke versteckt, damit uns die Krankenschwestern nicht hören konnten. Am nächsten Morgen war ich so müde, dass ich bis zum Abendessen durchgeschlafen habe.« Light konnte sich noch gut an die Zeit erinnern. Damals fand sie es komisch, dass ein erwachsener Mann mit ihrem Bruder in einem Bett saß und sich benahm, als wäre er zwölf. Aber Kane war genau das, was Jude gebraucht hatte, um wieder gesund zu werden.

»Wir sollten besser gehen«, sagte Kane mit einem Blick auf die Uhr. Er hielt Light seine Hand entgegen. Sie zögerte und dachte an die Kälte, die von ihr Besitz ergreifen würde, sobald ihre Finger sich berührten. Seine Haut war immer kalt, denn kein Tropfen warmes Blut floss durch seine Adern.

»Was ist? Kommst du?« Kane sah sie an, eine Augenbraue leicht in die Höhe gezogen.

»Tut mir leid«, sagte sie mit unruhiger Stimme und ergriff seine Hand. Eine Gänsehaut überzog ihren Arm und kroch ihr bis in den Nacken. Sie schluckte hart in ihrer Bemühung, sich die Kälte nicht anmerken zu lassen. Kane drückte ihre Hand und zog sie aus der Haustür zum Wagen, der mit röhrendem Motor auf sie wartete.

Das Kapitol von Ferrymore Village spiegelte die Stadt perfekt wider. Es war ein elegantes Gebäude mit weißer Fassade und Sonnenkollektoren auf den schwarzen Dachziegeln. Die Größe war für die rund 200.000 Einwohner starke Stadt ansehnlich, aber nicht anmaßend.

Der Parkplatz war hoffnungslos überfüllt. Ein Zustand, der sich jeden Monat wiederholte – am Tag der Delegation.

Ihr Dad ergatterte einen Parkplatz direkt vor dem Haupteingang. Dennoch fror Light auf dem kurzen Weg bis zum Eingang. Ihre Knie zitterten und ihre Zähne schlugen aufeinander. Kanes Jacke lag über ihren Schultern, aber nicht einmal diese konnte die winterlichen Temperaturen von ihr fernhalten. Im Kapitol wiederum herrschte eine vor Aufregung brütende Hitze. Light schloss ihre Augen, um die warme Luft zu genießen, die ihren betäubten Körper einhüllte.

»Mr und Mrs Adam«, begrüßte eine freundliche Stimme ihre Eltern und Light öffnete die Augen. Vor ihr stand eine hochgewachsene Frau mittleren Alters. Ihre hellbraunen Haare trug sie zu einem Zopf gebunden, und ihr dunkelblaues Kleid war elegant, aber zurückhaltend.

»Guten Abend, Mrs Elisa«, grüßte ihre Mum. »Wie geht es Ihnen?«

»Mir geht es gut, danke der Nachfrage«, erwiderte sie mit einem breiten Lächeln und winkte den Jungen heran, der für die Garderobe verantwortlich war. »Ist bei Ihnen zu Hause schon alles vorbereitet?«

Ihr Dad nickte und ließ sich von dem Jungen die Jacke abnehmen. »Wir haben ein wunderbares Zimmer direkt neben dem von Light eingerichtet«, sagte er voller Stolz. »Es ist in einem hellen Cremeton gestrichen und das gemeinsame Badezimmer verbindet die Räume miteinander.« Light konnte dem nur zustimmen. Es war ein heller und freundlicher Raum. Die Wände waren vielleicht noch etwas kahl, doch das würde sich bald ändern.

»Fantastisch.« Zufrieden beobachtete Mrs Elisa, wie der Junge ihre Jacken und Mäntel davontrug. Sie klatschte überschwänglich in die Hände, als hätte sie zu viel Kaffee getrunken, und deutete auf eine große Flügeltür. »Ich bringe Sie zu Ihren Plätzen.«

Der Saal, in dem die Delegation stattfand, war schlicht und elegant wie das Kapitol selbst. Künstlich erzeugtes Kerzenlicht beleuchtete den Raum, der zu zwei Dritteln mit runden Tischen bestückt war, an denen je fünf Stühle standen. Ein Stuhl für den Delegierten, drei Stühle für die Angehörigen und ein Stuhl für das Wesen, das sich im Laufe des Abends dazugesellen würde.

Den runden Tischen gegenüber stand eine lange Tafel, das Herzstück des heutigen Abends. Dort hatten sich die Wesen eingefunden. Einige von ihnen wirkten entspannt und redeten mit ihrem Tischnachbarn. Sie deuteten auf die Menschen, als würden sie darum wetten, welcher Delegierte zu ihnen gehörte. Sie lachten und seufzten hingerissen, wenn ihnen ein Anzug, ein Kleid oder eine Frisur gefiel. Andere Wesen wiederum waren still und in sich gekehrt.

»Hier sind wir.« Mrs Elisa führte sie zu einem Tisch in der zweiten Reihe. Es war ein guter Platz, von dem aus man den ganzen Saal überblicken konnte.

Während Light sich setzte, spürte sie die Blicke der Wesen auf sich ruhen. Kane, der ihre Hand nicht eine Minute lang losgelassen hatte, nahm links von ihr Platz. Ihre Eltern setzten sich ihr gegenüber. Der rechte Stuhl neben ihr blieb für ihr Wesen frei. Bei dem Gedanken, dass er in weniger als einer Stunde nicht mehr leer sein würde, krampfte sich Lights Magen zusammen. Ihr Blick zuckte zu dem langen Tisch, ohne dass sie Gesichter erkennen konnte. Sie wollte die Wesen nicht anstarren wie all die anderen. Unruhig begann sie damit, die Speisekarte zu studieren, die vor ihr auf dem Tisch lag.

»Das braunhaarige Mädchen sieht nett aus«, hörte Light ihre Mum flüstern.

»Allerdings«, stimmte Kane zu. »Vielleicht ist sie eine Waldelfe.«

»Oder das Mädchen mit … dem … pinken«, stotterte ihr Dad und verstummte. »Sieh dir den an.« Der abwertende Klang in seiner Stimme machte Light neugierig, doch sie wollte keinem der Wesen das Gefühl geben, ein Objekt zu sein wie ein Stück Kleidung im Schaufenster. Sie begann die Karte erneut zu lesen: »Vorspeise: Suppe mit –«

»Er starrt Light an«, hörte sie ihre Mum sagen.

»Schwachsinn«, zischte ihr Dad. »Der starrt einfach in den Raum. Seine Augen sind total leer.«

»Er sieht aus, als wäre er auf Drogen«, mischte sich Kane ein. Mit dem Daumen streichelte er sanft über Lights Handrücken.

»Seid nicht so unhöflich«, tadelte Light. »Er kann euch vielleicht hören.«

»Möglich«, sagte ihre Mum an Kane gewandt, als hätte sie ihre Tochter nicht gehört. »Gott sei Dank bin ich nicht die Mutter des armen Jungen, der diesen Kerl dort abbekommt.«

Light presste die Lippen zusammen. »Hauptspeise 1: Entenbrustfilet mit –«, las sie weiter.

Der Drang, den Kopf zu heben, um die Wesen zu beobachten, war groß.

»Willst du sie dir nicht ansehen?« Kanes Lippen waren unerwartet nah an ihrem Ohr.

»Nein.« Light schüttelte den Kopf. »Was ist, wenn ich ein Wesen sofort sympathisch finde und sich rausstellt, dass es nicht mein Wesen ist? Ich wäre enttäuscht und das möchte ich nicht sein.«

»Verstehe«, sagte Kane leicht amüsiert, bevor ihn das Rauschen eines Mikrofons unterbrach. Man hörte ein Räuspern und einen tiefen Atemzug. Die Leute verstummten, bis nur noch leises Tuscheln zu hören war. Letzte Stühle wurden zurechtgerückt.

»Herzlich willkommen zur elften Delegation in diesem Jahr.«

02. Kapitel

»Der Delegierte und der ihm zugeteilte paranormale Bürger gehören ausnahmslos demselben Geschlecht an.« (Buch der Delegation, Artikel 9)

Das einzige Geräusch, das im Saal zu hören war, war die Stimme des Bürgermeisters. »Meine Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre, heute Abend vielen jungen Delegierten ihren ersten paranormalen Bürger zuzuteilen«, sagte er stolz. »Aber auch einige erfahrene Delegierte werden von heute an ihr Leben mit einem neuen Paranormalen teilen, der sie vor neue Herausforderungen stellen wird.« Einige Leute lachten und klatschten begeistert in die Hände.

»Vor über dreißig Jahren erfuhr die Menschheit von der Existenz anderer Rassen«, fuhr der Bürgermeister fort und ignorierte dabei, dass kaum einer ihn ansah. »Es war ein Zufall, ein von den Medien erzeugter Hype um die Vampire, der diese entlarvt hat. Es folgten Proteste. Hinrichtungen wurden gefordert. Doch es waren die anderen Geschöpfe, die sich für die Vampire starkmachten und sich selbst als nicht menschlich offenbarten.« Viele kannten die Fakten der Ansprache auswendig und waren zu sehr damit beschäftigt, den Wesen zuzuzwinkern oder sie anzulächeln. »Gemeinsam mit den Ranghöchsten ihrer Rassen arbeiteten wir das System der Delegierten aus. Seither ist das Zusammenleben von Menschen und Paranormalen ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Dafür sollten wir dankbar sein.« Ausschweifend erzählte er von der Bereicherung, die die Wesen für die Menschheit darstellten, und dankte ihnen für die neuesten Entwicklungen im Bereich der Industrie und Medizin. Neue Medikamente aus Vampirspeichel, Nixen- und Feenblut kamen auf den Markt und heilten Krankheiten wie Alzheimer oder stoppten das Wachstum von Tumoren.

Obwohl Light es nicht wollte, streifte ihr Blick abermals den Tisch der Wesen. Sie erkannte eine Vielzahl von Persönlichkeiten, wobei vor allem die blauhäutige Venetus-Nixe ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre dünnen Lippen formten ein Lächeln, und ihre Hand, deren Finger mit Häuten verbunden waren, winkte Light zu. Schüchtern erwiderte sie die Geste, während der Bürgermeister von der Historie ihrer Gesellschaft zu der neuesten Errungenschaft ihrer Stadt wechselte: der Kolonie.

»Diese Kolonie ist eine Auffangstation für Wesen, deren Scheu vor den Menschen unverändert ist. Es erfüllt mich mit Scham, wenn ich daran denke, was unsere Vorfahren den Paranormalen bis Ende des 19. Jahrhunderts angetan haben. Man denke nur an die Hexenverbrennungen. Dabei hätte man die unglaublichen Fähigkeiten der Paranormalen schon viel eher nutzen können.« Eine Anekdote zur Sol-Air folgte, der innovativsten Erfindung der Magier, eine Schwebebahn, die mit magisch erzeugter Solarenergie betrieben wurde. Allmählich füllte ungeduldiges Räuspern den Saal, und Füße schabten erwartungsvoll über das Parkett, als der Bürgermeister endlich mit verheißungsvoller Stimme verkündigte: »Und nun der Moment, auf den Sie alle gewartet haben, wir beginnen mit der Delegation. Im Anschluss werden Sie das erste gemeinsame Mahl mit Ihrem neuen Familienmitglied einnehmen.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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