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Band 5 hat unsere Herzen gebrochen, Band 6 setzt sie wieder zusammen - das berührende Finale der Winter-Dreams-Reihe von New-Adult-Star Ayla Dade. Mit Charakterkarte in limitierter Auflage!
Sie wünschte, sie könnte ihn aus ihrem Leben streichen.
Doch das Herz vergisst nie.
Die leidenschaftliche Eiskunstläuferin Paisley steht vor der größten Herausforderung ihres Lebens: Sie will olympisches Gold gewinnen – und dabei den Schmerz der Trennung von ihrer großen Liebe Knox überwinden. Am liebsten würde sie nie wieder ein Wort mit ihm wechseln, doch das Schicksal hat andere Pläne. Denn um ihren Traum von der Gründung eines Sportinternats nach ihrer Karriere zu verwirklichen, muss sie ausgerechnet mit ihm zusammenarbeiten. Trotz des wachsenden Drucks und ihres unerträglichen Liebeskummers nimmt Paisley Knox‘ Hilfe an, wohl wissend, dass sich ihr gebrochenes Herz noch immer nach ihm sehnt. Und während sie tagsüber auf eine goldene Zukunft hinarbeitet, hält sie nachts nur eine einzige Frage wach: Wird sie Knox jemals wieder vertrauen können?
Die Winter-Dreams-Reihe im Überblick:
1. Like Snow We Fall
2. Like Fire We Burn
3. Like Ice We Break
4. Like Shadows We Hide
5. Like Feathers We Fly
6. Like Hearts We Heal
Und danach? Lust auf noch mehr Glamour, Leidenschaft und Intrigen?
Die Sky-Circus-Reihe:
1. A Million Stars Above
2. A Thousand Flames Below
Enthaltene Tropes: Sports Romance, Forced Proximity, Love Triangle, Slow Burn
Spice-Level: 3 von 5
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 713
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ayla Dade zählt zu den Stars im New-Adult-Genre. Die Seiten ihrer New-Adult-Romane füllt sie mit großen Gefühlen an zauberhaften Schauplätzen. In ihrer Frozen-Hearts-Reihe nahm sie ihre Leser*innen mit in ein Luxushotel nach St. Moritz, in »Whispers« auf den Campus von Harvard und mit ihrer Sky-Circus-Reihe gewährte sie einen Einblick in das glamouröse Showbusiness der Zirkuswelt. Ihre Winter-Dreams-Reihe war ein überwältigender Erfolg: Die Bände standen wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Im sechsten und letzten Band kehrt die Autorin zurück zum Anfang. In »Like Hearts We Heal« kämpft das Traumpaar Paisley und Knox aus Band 1 um seine Liebe.
Die Winter-Dreams-Reihe:
Like Snow We Fall
Like Fire We Burn
Like Ice We Break
Like Shadows We Hide
Like Feathers We Fly
Die Frozen-Hearts-Reihe:
Blackwell Palace. Risking it all
Blackwell Palace. Wanting it all
Blackwell Palace. Feeling it all
Whispers. Die Wahrheit wird dich zerstören
Die Sky-Circus-Reihe:
A Million Stars Above
A Thousand Flames Below
www.penguin-verlag.de
AYLA DADE
Roman
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Copyright © 2025 by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Lektorat: Steffi Korda, Hamburg
Illustrationen: Christin Neumann
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, unter Verwendung von Motiven von bürosüd
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-33358-4V002
www.penguin-verlag.de
To those who grow flowers in the saddest part of their hearts.
Ein Teil von meinem Herzen – Jonathan Zelter
Figureskating, Neusiedlersee – SOHN
Last First Kiss – One Direction
Herzfeind – Montez
No Risk No Heartbreak – Sharaktah
Allein da – Samira & Jazeek
Revolving Door – Tate McRae
Jealous – Labrinth
Let It Go – James Bay
That’s So True – Gracie Abrams
Bruises – Lewis Capaldi
Carry You Home – Alex Warren
Burning Down – Alex Warren, Joe Jonas
Too Sweet – Hozier
Geisterstadt – Montez
3 Worte – ELEHA, Montez
Weinst du – Montez
Fuck, I’m lonely – Lauv, Anne-Marie
I Like Me Better – Lauv
Was du Liebe nennst – Bausa
Little Things – One Direction
Love Is Gone, Acoustic – SLANDER, Dylan Matthew
Control – Zoe Wees
Too Good At Goodbyes – Sam Smith
Little Do You Know – Alex & Sierra
I Love You – Alex & Sierra
Secret Love Song – Little Mix, Jason Derulo
Reflection – Christina Aguilera
Some Days – Brent Morgan
Don’t Give Up On Me – Andy Grammer
Where Do Broken Hearts Go – One Direction
Forever and Ever and Always – Ryan Mack
Scared To Start – Michael Marcagi
You Were Good To Me – Jeremy Zucker, Chelsea Cutler
Always, Acoustic – Francois Klark
High Hopes – Kodaline
Quite Miss Home – James Arthur
Safe, Acoustic – Nico Santos
You Let Me Walk Alone – Michael Schulter
You Said You’d Grow Old With Me – Michael Schulte
I miss you, I’m sorry – Gracie Abrams
Favourite Ex – Maisie Peters
Sad Song – We The Kings, Elena Coats
Complicated – Olivia O’ Brien
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell belastende Inhalte.
Deshalb findet sich hier eine Contentwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für die gesamte Handlung.
Wir wünschen allen das bestmögliche Leseerlebnis.
Ayla Dade und der Penguin Verlag
Die Sache mit uns, das war:
wispernde Sätze über Träume
und das Leben,
draußen alles dunkel, alles still,
nichts zu hören außer unsere Herzen,
die von Liebe sprachen.
Die Sache mit uns, das war:
lachende Momente, du und ich, und
der Augenblick,
essen aus dem Drive In,
Straßenlaternen hinter den
Autofenstern,
zwischen uns der Song, den wir
so liebten.
Die Sache mit uns, das war:
prickelnde Nerven bei jedem
Atemzug, der mein
Ohr streifte,
Gänsehaut, Oktoberabende,
der Duft von fallenden Blättern.
Die Sache mit uns, das war:
alles.
Und dann kam sie, und alles
war nichts.
Ayla Dade
Kufen auf Eis. Ein hartes Geräusch. Dieses dumpfe Ritsch und Ratsch. Wie kann ich etwas so lieben, das eigentlich dafür gemacht ist, eine brutal harte Naturgewalt aufzuschlitzen? Ich erkenne ein Muster.
Meine Kufen sind mein Exfreund. Das Eis ist mein Herz. Und dieser genickbrechende, schweißtreibende Prozess eine Naturgewalt. Wieso bin ich nie vorher auf den Gedanken gekommen, dass ich eine Masochistin bin? War doch klar. Wenn ich mit fünf Jahren derartig Gefallen daran finde, mit messerähnlichen Dingern Spiralen ins Eis zu ritzen, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich das Gleiche meinem Herzen antun würde.
Ich hätte es wissen müssen. Jetzt sitze ich in der Scheiße. Nur mit dem Unterschied, dass diese Abwärtsspirale in meiner Seele nicht einfach mit der Eisaufbereitungsmaschine geglättet werden kann.
»Paisley!«, brüllt meine Trainerin Polina durch die Halle der iSkate. Ich schwöre, diese Frau jagt mir auch fünf Jahre nach meiner Ankunft in Aspen mehr Angst ein als unser Stadtverwalter William, wenn er einen aufgeplatzten Pickel hat und jeden davon überzeugen will, das Sekret wäre heilend wie Muttermilch und eine wahre Plasma-Bombe für trockene Haut. »Wenn ich einen Eiertanz sehen will, gehe ich auf eine Hühnerfarm mit einem schwanzgeilen Hahn, verdammt!«
»Hat sie gerade wirklich schwanzgeiler Hahn gesagt?«, raunt meine beste Freundin Gwen mir zu, als sie aufschließt und mit gedrosseltem Tempo neben mir fährt.
»Theoretisch gesehen«, mischt sich Erin ein, Paarläufer der iSkate, einer der renommiertesten Vereine für Eiskunstlauf in Amerika, und fester Freund seines Partners Levi, »steht der Gute dann nicht auf Hühnchen.«
Ich kichere, zucke aber im nächsten Moment zusammen, als Polinas Stimme erneut durch die Halle tönt. »Paisley!«
»Sorry«, knirsche ich den anderen zu und beschleunige, »muss weitermachen, bevor ich gerupft und gebraten auf ihrem Teller lande.«
Levi grinst und fährt rückwärts vor Erin weiter. Sein schwarzes Haar klebt ihm vom Schweiß im Gesicht. »Das wäre schade bei deinem Engelshaar. Wen soll Zac dann noch anhimmeln?«
Ich verdrehe die Augen. Zac ist seit ein paar Jahren Gastläufer an der iSkate und die anderen, vor allem Oscar, Levi und Gwen, sind der Meinung, er steht auf mich. »William wäre mein größeres Problem«, entgegne ich laut, während ich mich entferne, und füge über die Schulter rufend hinzu: »Sein Pickel-Plasma fördert auch das Haarwachstum, schon vergessen?«
Gwen tut, als würde sie sich den Finger in den Hals schieben und kotzen, was jedoch in einen spitzen Schrei übergeht, weil ihr Freund und Eispartner Oscar von hinten angerast kommt, sie umfasst und herumwirbelt.
Mit einem Grinsen gleite ich weiter über das Eis – doch es erlischt, als mein Blick auf Polina fällt. Todernst steht sie hinter der Bande, das rostbraune, schulterlange Haar hängt streng zu beiden Seiten ihres Gesichts hinab, und als ich näher komme, fällt mir auf, dass sie ihren Pelzmantel abgelegt hat. Das ist so etwas wie ein Statement. Wirklich. Sie trägt diesen Kunstbären sonst immer. Ich bin mir sicher, sie schläft auch darin. Wahrscheinlich steigt sie damit sogar in die Badewanne.
Aber jetzt nicht. Nein, jetzt blitzt mir der offizielle Trainingsanzug des Olympiateams entgegen. Als wollte sie mir in Erinnerung rufen, dass es nur noch knapp zwei Monate bis zu den Olympischen Spielen in Aspen sind und ich die allerwichtigste Sprungkombi meiner Kür immer noch nicht draufhabe.
»Wo bist du mit deinen Gedanken?«, zischt Polina, als ich die Kufen an der Bande stoppe und ihr die Flasche aus der Hand nehme, die sie mir entgegenhält. »Wir haben keine Zeit mehr für Tagträumerei, Paisley. Sag mir, was ist dein Ziel?«
»Ahimpja«, nuschle ich, während ich an der Flasche nuckle.
»Was?«
Ich setze die Flasche ab und wiederhole: »Olympia.«
»Olympia, weiter?«
»Gold.«
Polina nickt knapp, nimmt mir die Flasche wieder ab und deutet aufs Eis. »Dann streng dich an und zeig mir auch, dass es das ist, was du willst. Sonst kannst du froh sein, wenn es überhaupt für Bronze reicht.«
Ich lasse den Kopf hängen und nicke.
Polina seufzt. »Hör zu, ich weiß, du kannst das, Paisley. Sonst hätte ich dir für diese Dreifachkombi niemals mein Go gegeben. Ich meine, Jesus, offensichtlich sind wir beide wahnsinnig. Axel, Toeloop, Rittberger, zwei davon als dreifacher? Meine Trainerin hätte mir den Arsch versohlt, hätte ich das damals auch nur als Scherz in den Mund genommen.« Sie macht eine kurze Pause und überlegt. »Sie würde mir heute noch den Arsch versohlen dafür, dass ich dich das machen lasse, würde sie nicht verschrumpelt im Grab darauf warten, dass ich ihr Gesellschaft leiste, damit sie mir dann mit ihrem Gehstock eine überziehen kann.«
»Polina«, murmle ich, halb amüsiert, halb verstört, »wenn du noch einmal Arsch sagst, weiß ich nicht, ob ich dich noch ernst nehmen kann.«
Meine Trainerin verengt die Augen, woraufhin meine Belustigung innerhalb von Millisekunden zu Eis gefriert. »Los jetzt«, zischt sie.
Nickend stoße ich mich von der Bande ab. »Irgendeine Anweisung?«
Ihr schmaler Mundwinkel zuckt. »Fall nicht auf den Arsch.«
Vermutlich würde ich lachen, wenn nicht so viel Wahrheit in diesem kleinen Wort stecken würde. Eine verflucht schicksalhafte Wahrheit.
Wenn ich falle, wenn ich es nicht endlich hinkriege, diese Kombi zu springen, bin ich buchstäblich am Arsch. Ich wünschte, mein Körper würde das genauso kapieren wie mein Kopf. Dass er endlich funktionieren und das tun muss, was ich von ihm verlange. Aber ganz ehrlich? Dieses Arschloch ist genauso verräterisch wie mein Herz, das seit einem Jahr dabei ist zu ertrinken. Ich schreie dieses Ding an, ich flehe auf Knien, es soll sich endlich zusammenreißen und aus dieser Flut an Gefühlen aussteigen. Es ist ganz einfach, wirklich, nur so ein winziger Schritt. Aber mein Herz lacht einfach, es lacht mich aus, und während es mich auslacht, kriegt es was in die Fresse und krepiert schon wieder. Und das alles nur, weil es nicht auf mich hören und sich von etwas runterdrücken lassen will, das es nicht loslassen kann. Etwas, das schwerer ist als die Dreifachkombi. Gewaltiger als der Buttermilk Mountain. Und einnehmender als der Blick in grüne Augen, grasgrün wie eine Wiese, von der du weißt, sie wird dich zerstören, jede Sekunde kommt das Erdbeben, ka-bumm, aber du bleibst trotzdem, weil ihr erinnert euch an die Herztrittkufen, masochistisch, hahaha.
So ist das mit mir. So ist das seit Knox. Äußerlich lache ich. Innerlich blute ich.
HAHAHA in Rot.
Ich atme tief durch und fokussiere mich. Bis auf das Ratschen der Kufen blende ich alle Hintergrundgeräusche aus. In meinen Ohren rauscht das Blut. Meine Finger zittern leicht, als ich während eines Showelements elegant die Hände hebe. Das ist keine Nervosität vor dem Sprung. Es ist weit davon entfernt. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Ich weiß es, weil es mich immer überfällt, wenn ich Knox irgendwo in dieser Kleinstadt begegne und so tue, als würde er nicht existieren.
Nein, das hier ist die pure Aufladung. Eine Energie, die mich fast zerreißt, so sehr will ich, dass es funktioniert.
Dreifacher Axel. Zweifacher Toeloop. Dreifacher Rittberger.
Mein Herz pocht in der gleichen Abfolge. Bum-Bum-Bum.
Subtil streiche ich meine Handschuhe glatt, als würde das irgendetwas daran ändern, dass ich gleich entweder den Himmel küsse – oder auf die Fresse fliege. Das sind die einzigen Optionen bei dieser Kombi.
Perfektion oder Vollkatastrophe.
Hör zu, ich weiß, dass du das kannst, höre ich Polinas Stimme dumpf in meinem Kopf widerhallen. Das ist, wofür du dein ganzes Leben lang so hart gearbeitet hast. Lass es dir von ihm nicht kaputtmachen, klar?
Kaputtmachen. So, wie er mein Herz kaputtgemacht hat.
Kaputtkaputtkaputt. Völlig dysfunktional.
Rasch schüttle ich den Kopf, um das Bild dieser unnatürlich grünen Augen loszuwerden. Ich setze an, drücke mich nach vorn, und meine Kufen schneiden tief ins Eis, während ich schneller werde.
Ich kann das. Mein Körper ist eine Maschine. Eine perfekt eingestellte Abfolge von Muskeln, Knochen und Willenskraft, die ich erschaffen habe.
Ich habe dafür gearbeitet, hart gearbeitet, also habe ich mir das verdient.
Vor meinem Gesicht erscheinen Kältewölkchen. Im Augenwinkel registriere ich, dass Everett mir immer wieder verstohlene Blicke von der anderen Hallenseite zuwirft, wo er seine Kür perfektioniert.
Seine Olympia-Kür.
Ja, richtig. William Pickel-Plasma Giffords Enkelsohn hat den Platz meiner damaligen Konkurrentin Harper an der iSkate übernommen. In Peking letztes Jahr hat er bei den Männern den ersten Platz belegt. Zwar habe ich die Halle bei der Kür von Kaya, meiner damaligen besten Freundin, gemieden, aber natürlich ist nicht an mir vorbeigegangen, dass sie das höchste Treppchen bei den Frauen erreicht hat – damit bin ich nur auf dem zweiten Platz gelandet. Mit ein paar anderen amerikanischen Läufern und Läuferinnen konnten wir insgesamt dreizehn Quotenplätze im Einzellauf für die USA holen, und weil Zac anschließend bei der Nebelhorn Trophy in Boston auf dem dritten Platz gelandet ist, stehen wir nun bei vierzehn.
Vierzehn Chancen auf Olympia, und eine von ihnen bin hoffentlich ich.
Die finale Entscheidung wird nächsten Monat im Januar nach den US Nationals von der nationalen Eiskunstlauf-Föderation getroffen. Ich bin mir so sicher, dass Everett für die Männer dabei ist! Und ich? Keine Ahnung.
Als ich vor zwei Jahren den Brief bekommen habe, dass ich in das Olympia-Vorbereitungsprogramm aufgenommen und für die WM nominiert wurde, war ich mir so sicher, dass ich fahre. Ich bin in der iSkate zusammengebrochen. Ich weiß noch, wie ich mich wie ein Baby an Polina geklammert habe, weil ich mir so sicher war, es wäre meine Eintrittskarte zu den Spielen. Wenn ich damals gewusst hätte, wie hart der Weg werden würde, hätte ich eher wegen der kommenden Trainingsstunden geheult.
Inzwischen ist mir klar, dass es alles andere als leicht wird. Zwar würden wir nie gegeneinander antreten, aber trotzdem vergleiche ich mich mit Everett. Und, verdammt, er ist gut. Pickel-Plasma-Junior-Junior ist eine verfluchte Eiskunst-Urzeit-Granatenbombe-Endlevel-Niveau.
Der Punkt rückt näher. Der Punkt, an dem ich abspringen muss. Mein Fuß drückt hinunter. Das Geräusch von knirschendem Eis, als würde es mich warnen wollen, den Mist schon wieder zu machen.
Abstoß. Rotation. Fliegen.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Der dreifache Axel ist fehlerfrei. Ich hatte fünf Jahre, um ihn zu perfektionieren, und bin immer noch eine der wenigen Frauen, die ihn beherrschen. Federnd lande ich wie eine grazile Ballerina, während das Adrenalin durch meinen Körper sickert wie eine Droge. Wie eine … Fuck, wie eine … eine …
Kurz und heftig kneife ich die Augen zusammen. Ich darf nicht innehalten. Nicht denken. Ich habe keine Zeit für Traumata und falsche Richtungen. Es gibt nur ein einziges Ziel, und das liegt direkt vor mir.
Gold.
Der nächste Sprung kommt sofort. Ich wirble herum, mein Fuß sticht ins Eis. Der doppelte Toeloop. Ich verlagere das Gewicht, die zweite Drehung wird einwandfrei, aber bei der dritten merke ich es.
Es reicht nicht. Der Winkel ist falsch, der Schwung zu gering.
Fuck. Fuck. Fuck.
Ich sehe es kommen. Noch bevor ich auf dem Eis aufschlage, spüre ich es. Meine Kufe gerät ins Rutschen und greift nicht. Ich kippe nach vorn, und mein Körper verliert die Kontrolle.
Wie mein Kopf. Wie mein Herz.
Schmerz.
Heftig knalle ich aufs Eis. Hüfte. Ellbogen. In meinem Schädel rauscht das Blut, aber vielleicht ist es auch ein Gewitter, das seinen Zorn in mir entladen will. Bescheuerter Zeus. Ich glaube, er ist misogyn, weil er es immer auf mich abgesehen hat, dieser Wicht.
»Verdammt!«, brülle ich und schlage mit beiden Händen auf das harte und erbarmungslose Eis unter mir, das anscheinend keine Gnade kennt.
Während ich liegen bleibe, hallt meine Stimme noch einige Sekunden durch die große Halle und klingt dabei wie ein Echo aus einer anderen Welt. Voller Wut, Ungeduld und Frust, der sich an mir labt und Stück für Stück von innen auffrisst. So höre ich mich seit einem Jahr an, seitdem Knox mich verlassen hat, weil er uns nicht mehr fühlen konnte. Weil er der Meinung war, der Sport wäre mir wichtiger als er. Weil er meinte, ich wäre nicht mehr die Paisley, in die er sich verliebt hat, und ich würde mich verlieren, würde zu jemandem werden, der ihm wieder und wieder wehtut, und das könnte er nicht mehr.
Ich dachte, es würde nur ein paar Monate dauern, bis ich die Trennung verarbeitet habe. So stand es in dem Ratgeber. Auch wenn wir sechs Jahre zusammen waren. Ein paar Wochen Unverständnis, dann Wut, dann Schmerz, dann Rache, dann Gleichgültigkeit.
Aber jetzt, nach einem ganzen Jahr, stecke ich immer noch in Phase drei fest. Ich habe dem Autor eine E-Mail geschrieben, dass er sich geirrt haben muss, und als er antwortete, in besonders schweren Fällen könnten die Phasen länger dauern, manchmal sogar Jahrzehnte, mit dem Anhang, er wünsche mir viel Glück mit meinem Seelenheil, habe ich eine Ein-Stern-Rezension geschrieben. Für eine Sekunde habe ich mich bombastisch gefühlt. Ich war richtig Hardcore.
Dann habe ich die Rezension wieder gelöscht.
Die Kälte vom Eis beißt sich durch die Kleidung und dringt bis auf meine Haut. Ich schließe die Augen und versuche, meinen Herzschlag zu zählen. Vier, sechs, acht. Eins, drei, fünf. Ein völliges Chaos.
Danke, Zeus, du Idiot. Scheinbar bist du auf seiner Seite. Merk ich mir.
Ich kann meinen Puls nicht beruhigen. Der Frust brennt in mir heißer als das Feuer in meinem Brustkorb. »Das ist doch Bullshit, Pais«, zische ich leise, während ich an die Hallendecke starre. »Richtiger, richtiger Bullshit. Der Typ ist nur irgendein Kerl. Das hier ist dein Leben.«
Langsam richte ich mich auf. Mein ganzer Körper schreit, dass ich es lassen soll. Aber ich kann nicht und, bei Gott, würde es niemals.
»Noch mal«, rufe ich Polina zu, die grimmig nickend das Kürlied beendet, während ich zurück zur Startposition laufe. Meine Knie zittern und mein Atem geht schwer. Aber ich werde springen. Noch mal. Bis ich es schaffe. Bis ich über mich selbst hinausgewachsen bin. So, wie ich es immer schon getan habe. Ich darf nur nicht aufgeben. Niemals aufgeben. Aufstehen. Krönchen richten. Steine beiseite kicken. Bäume entwurzeln. Weiter.
Wer weitergeht, kommt an. Irgendwann.
Noch mal. Noch mal. Noch mal.
»Bereit?«, ruft Polina.
»Bereit!«, rufe ich zurück, schiebe ein Bein hinter das andere, gehe in eine gebeugte Ballerinapose und senke den Kopf.
»Bruises« von Lewis Capaldi beginnt. Den Song habe nicht ich ausgewählt. So masochistisch bin ich nun auch wieder nicht.
Ich fahre los, und es schmerzt. Wie immer.
Nach fünf weiteren gescheiterten Versuchen schleppe ich mich auf müden Beinen in die Cafeteria. Gwen schlurft auf mit Salamandern in Schlafanzügen bedruckten Socken neben mir her und ächzt bei jedem Schritt die Treppe hoch. »Ich finde, wir sollten Schmerzensgeld erhalten«, murmelt sie. »Wie wäre das? Gibt es eine rechtliche Grundlage dafür, mit der wir uns reich klagen können?«
»Nein«, antwortet Oscar, bevor er hinzufügt: »Und das muss aufhören, Babe. Vorgestern wolltest du einen Anwalt anrufen, um zu fragen, ob du Schmerzensgeld bekommen kannst, wenn du Kopfschmerzen von deinen Haargummis bekommst.«
»Sie sind zu straff!«
»Der Olympiadruck steigt dir zu Kopf.«
Auf dem ersten Treppenabsatz kriegt er ihr gefährlichstes Side Eye zu spüren. »Darf ich dich daran erinnern, dass wir in Peking nicht unter die Top 5 gekommen sind und in Boston nur den dritten Platz geholt haben?«
»Vergiss das endlich.«
»Kann ich nicht, weil ich diese verdammte Spirale versaut habe.«
»Bullshit. Du hast dich nur für eine Millisekunde mit der Kufe abgestützt, um den Halt nicht zu verlieren.«
»Ja. Und diese Millisekunde war millimal das millibeschissenste in der Geschichte aller Millisekunden.«
»Du treibst mich in den Wahnsinn.«
»Ich treibe dich in den Wahnsinn?« Süß klimpert Gwen mit ihren langen Wimpern. »Wie niedlich. Und ich dachte schon, es hätte dich abgeschreckt, mich im Schlaf sabbern zu sehen.«
»Er hat dich erwischt?«, frage ich schockiert.
»Leider ja«, seufzt sie, als wir oben ankommen und unseren Lieblingstisch an der Galerie ansteuern, von der aus wir auf die Eisfläche sehen können. »Hab seine ganze Brust vollgesabbert. Auf sein Fluffy-Tattoo.«
»Fluffy?«, frage ich.
»Dieser Hund von Harry Potter«, entgegnet Gwen und setzt sich.
Oscar bleibt neben dem Tisch stehen. »Und weißt du, was sie gesagt hat?«
»Nein, was?«
Er umfasst Gwens Nacken und sieht mit einem zuckersüßen Psycholächeln auf sie hinab. »Kriegt der Hund endlich mal was zu trinken.«
Ich kichere.
»Ja, was?«, kontert Gwen und hebt die Arme. »Der hat drei Köpfe, verdammt. Der braucht das.«
»Ich schwitze«, entgegnet Oscar. »Das reicht, Cheesecake.« Mit seinem verstrubbelten Haar, den dichten Wimpern und dem markanten Kiefer blickt er auf uns hinab. »Was wollt ihr essen?«
»Avo-Toast und Pumpkin Spice«, sagen Gwen und ich gleichzeitig.
Er grinst und verdreht die Augen. »Wieso frage ich eigentlich noch?« Dann trottet er zur Theke, hinter der Hannah, unsere Servicekraft, die Bestellungen entgegennimmt.
Einen Moment sehe ich aufs Eis hinunter, auf dem Erin und Levi immer noch die Todesspirale perfektionieren, als Gwen ihre Ellbogen über den Tisch schiebt und sich vorbeugt. »Alsooo …«
»Ja?«
»Er starrt dich an«, flüstert sie.
»Was?« Ich runzle die Stirn. »Wer?«
»Sieh jetzt nicht hin«, murmelt sie, »auf sechs Uhr.«
Ich drehe den Kopf und entdecke Ernie, den fünfundachtzigjährigen Hausmeister, der gerade mit Pümpel und Ganzkörperanzug ins Klo trottet.
»Siehst du?«, flüstert Gwen. »Der steht einfach so hart auf dich.«
Entsetzt starre ich sie an. »Wie bitte?«
»Glaubst du, das wäre was für dich? Einfach mal Spaß haben und vergessen? Du weißt schon, schnelle Welle rein-raus, okay, danke, bye?«
Mir klappt die Kinnlade runter. »Gwen, ist das dein …«
»Ich weiß, du bist noch nicht so weit. Aber vielleicht wirst du dich besser fühlen. Vielleicht brauchst du einfach wieder einen Orgasmus, Pais, und Knox’ Cousine Tabeetha meinte, sie hatte was mit ihm und es war gut.«
»Scheiße, Gwen, hör auf, mir wird schlecht.«
»Nein, wirklich.« Holy. Gwen ist richtig into it. Da ist dieser aufregende Glanz in ihren Augen, und ich frage mich, ob sie wieder zu viele von diesen Age-Gap-Romanen gelesen hat. »Sie meinte, er konnte es so richtig krass mit dem Mund, und …«
»Gwen, Stopp!« Jetzt halte ich mir die Hände auf die Ohren und schüttle heftig den Kopf. »Ich will nicht wissen, was fünfundachtzigjährige Männer mit ihrem Mund können!«
Gwen wirkt verwirrt. »Fünfundachtzig?«
»Ja, Gwen, er ist fünfundachtzig, und selbst wenn er zum Sex-Gott des Jahres auserkoren werden sollte, würde ich nicht mit Ernie in die Kiste steigen, verflucht, was ist bloß los mit dir?«
»Ernie?!« Ihre Lippen teilen sich irritiert. »Jesus, Pais, wer redet denn hier von Ernie?«
»Du!«, zische ich. »Du sagst, er starrt mich an, auf sechs Uhr, und da ist er, in Ganzkörperkondom und mit Saugglocke, in ganzer Pracht und latscht ins Klo.«
Sie starrt mich noch einen weiteren Moment ratlos an, dann fängt sie laut an zu lachen. So stark, dass sie sich in den Sitz zurücklehnt, den Kopf in den Nacken wirft und Lachtränen aus ihren Augenwinkeln wischt.
»Das ist nicht lustig«, zische ich jedoch wenig überzeugend, weil meine Mundwinkel zucken wie ein Augenlid auf Pollen.
zuckzuckzuckzuckzuck.
Himmel, nein. Ich sollte besser nicht an zuckende Glieder denken. Nicht, wenn es um Ernie geht. Hilfe. Jetzt werde ich nie wieder glücklich.
»Mann, Pais«, sagt Gwen, als sie sich wieder einigermaßen eingekriegt hat, »nicht das sechs Uhr. Ich meinte das andere sechs Uhr.« Ihr Kopf zuckt wie ein kaputter Roboter immer wieder nach rechts.
Ich verenge die Augen. »Das ist neun, Gwen. Neun Uhr.«
»Ja, ist doch egal. Fast dasselbe.«
»Es ist nicht dasselbe. Das eine ist eine Sechs, das andere …«
»Beides hat ein Ei und einen krummen Schwengel, nur dass die Neun hängt und die Sechs steht.« Anzüglich wackelt sie mit den Brauen. »So wie sein bestes Stück neulich, als …«
»Pscht!« Panisch werfe ich mich halb über den Tisch und drücke Gwen den Mund zu, bevor die ganze Cafeteria mitbekommt, was letzte Woche passiert ist. Mein Gesicht wird heiß, als ich mich daran erinnere, wie es an der Tür von der Umkleidekabine klopfte und ich dachte, es sei Gwen, die mich wie immer antreiben wollte, schneller zu machen, um mich mitzunehmen. Also habe ich nur in Unterhose die Tür geöffnet, oben ohne, aber vor mir stand nicht Gwen, sondern ein zur Salzsäule erstarrter Zac. Na ja, er war nicht ganz eine Salzsäule. In seinem merkwürdigen, hautengen Nylon-Anzug, den er immer zum Trainieren trägt, konnte ich nämlich sehr genau miterleben, wie seine Neun zu einer festen, harten Sechs wurde. Er hat irgendetwas gestammelt von wegen, er wollte nicht stören, nur schauen, ob noch jemand da wäre, weil das Wasser in den Jungskabinen nicht funktioniere, und ist schluckend und mit hochroten Wangen wieder abgehauen. Zugegeben, irgendwie war das süß, und wenn mein Herz nicht wie ein zermatschter, blutiger Klumpen unbrauchbar vor sich hin vegetieren würde, hätte ich vielleicht darüber nachgedacht, mit ihm auszugehen.
»Haba äh haa hich häkych aah.«
»Was?«
Lachend reißt Gwen meine Hand von ihrem Mund und beugt sich verschwörerisch vor. »Aber er starrt dich wirklich an.«
»Mir egal.«
»Pais«, jammert sie. »Ich kann mir das nicht mehr ansehen. Es schmerzt. Seit einem Jahr bist du völlig am Ende. Meinst du nicht, es würde helfen, wenn du wenigstens auf ein Date gehst und dich ablenkst?«
Gott sei Dank muss ich nicht antworten, weil in diesem Moment Oscar mit den Tabletts kommt. Er stellt das Essen auf den Tisch und sieht mit verkniffenen Augen von Gwen zu mir und zurück. »Okay, was habe ich verpasst?«
Bevor ich Gwen abhalten kann, sagt sie: »Er geiert sie wieder an, Os.«
»Wer?«
»Auf sechs Uhr.«
»Gwen!«, rufe ich.
Zu spät. Oscar sieht zur Seite und wirkt genauso verstört wie ich vorhin, als der Hausmeister aus den Toiletten geschlurft kommt. Entgeistert wirbelt er den Kopf herum und formt ein stummes Ernie?! mit den Lippen.
»Ah, Mist, nein.« Wieder der kaputte Roboter. »Da. Zac.«
Ich verschlucke mich an meiner Pumpkin Spice, als besagter Zac in diesem Moment seinen Protein-Shake von Hannah entgegennimmt und in unsere Richtung kommt.
»Hey«, sagt er.
»Äh, hi, Zac«, entgegne ich, den Blick starr in meinen Milchschaum gerichtet, als könnte mich der Zimtgeruch irgendwie retten.
»Kann ich mich zu euch setzen?«
»Aber natürlich«, säuselt Gwen ein bisschen zu euphorisch, zieht einen freien Stuhl zurück und deutet mit breitem Grinsen auf das Polster. »Wenn ich bitten darf? Ihr Thron.«
»Danke«, lacht er und lässt sich ausgerechnet direkt neben mich plumpsen. Er nimmt einen Schluck Proteinshake und sieht mich an. »Also, Pais, nervös?«
Mein Kopf zuckt hoch. »Was?«
Er grinst. »Wegen der Nationals.«
»Oh. Äh, ja. Ein bisschen.« Unauffällig werfe ich Gwen einen mahnenden Blick zu, weil sie uns angafft wie eine gierige Hyäne, die seit einer Woche kein Fressen mehr gesehen hat. »Und du?«
»Nope.«
»Wieso nicht?« Ich runzle die Stirn. »Es sind die Nationals, die allerletzte Chance, einen Quotenplatz zu bekommen oder deine ISU-Werte aufzubessern, und du bist nicht mal ein klitzekleines bisschen nervös?«
Er lacht. In einem anderen Leben hätte ich das niedlich gefunden. »Nein, weil längst klar ist, dass sie mich nicht wählen. Dich schon.«
»W-was?«
»Du wirst für Amerika laufen«, sagt Zac, dieses Mal mit fester Stimme. »Jeder weiß das. Sie wollen dich. Du bist die Beste, Pais. Ich habe keine Chance. Peking verkackt, Boston irgendwie auch. Meine Verletzung letztes Jahr hat mich zu weit zurückgeworfen. Was soll’s? Ich hab’s akzeptiert.«
Mit großen Augen starre ich ihn an. »Sie vergeben doch mehrere Plätze. Wir haben schon vierzehn Quotenplätze gesammelt und du warst immer einer der Besten, Zac.«
»Ja, richtig, war.« Bei dem Wort schaudert er kaum merklich, dann seufzt er. »Wenn die iSkate mehrere Plätze im Einzellauf bekommt, dann sicher für dich und Everett, nicht für mich. Aber ist egal. Ich freue mich für dich.«
Gwen lehnt sich zurück, schiebt die Unterlippe vor und presst sich eine Hand auf die Brust, als wolle sie so was sagen wie O Gott, ist das süß, verdammt. Meine Augen schicken ihr die zweite Mahnung über den Tisch. Bei der dritten, und das weiß sie, gehe ich nicht mehr mit ihr zu Williams Twilight-Filmnacht in seinem Vintage-Kino.
Sie reißt sich sofort zusammen. Gwen schwärmt seit einem Monat davon, mit mir Taylor Lautners Body ansabbern zu können. Sie meint, es wäre ihr egal, dass sie dann eine Leinwand ableckt, sie stellt sich einfach vor, die raue Textur wäre seine harte Werwolfhaut. Es wäre für sie ein Weltuntergang, wenn ich nicht mitkomme. Schlimmer noch als die Absage des Anwalts, dass er keine Klage wegen ihrer Zopfgummis einreichen wird.
»Ja, na ja, mal gucken«, murmle ich und nehme mir Messer und Gabel, um meinen Toast zu schneiden und etwas zu tun zu haben. »Wäre schön, wenn ich es schaffe, aber sonst halt das nächste Mal.«
»Sie werden dich wählen«, sagen Zac, Oscar und Gwen unisono, und ich kann mir ein klitzekleines Lächeln nicht verkneifen.
Der Qualifikationsprozess hat vor über zwei Jahren begonnen. Ich habe mich durch Turniere und Ranglisten gekämpft, genau wie Gwen, Oscar, Levi, Erin, Zac und Everett. Kurz nach der Trennung von Knox kam die Weltmeisterschaft, aber ich konnte nichts davon richtig fühlen, weil mein Herz zertrümmert war. Es war so unfair. Ich war meinem Lebenstraum einen Schritt nähergekommen, nur noch eine einzige Hürde bis zum Ziel, und ich konnte es nicht feiern oder fühlen oder in Knox’ Armen heulen, weil er mich nicht nur kurz vorher verlassen, sondern auch durch ein internationales Topmodel ersetzt hat.
Das heißt nicht, dass ich mich in Schutz nehmen will. Ich war sicher nicht unschuldig, habe den Sport oft vor ihn gestellt. Ich habe jede freie Minute in meinen Schlittschuhen verbracht und ihn vernachlässigt, und als er endgültig wissen wollte, ob ich es für ihn ändern kann, und ich meinte, es ginge nicht, nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel, da war mir irgendwie klar, dass er gehen würde.
Es hat mich aufgefressen. Zerstückelt. Und, ja, ich bin genauso schuld an dieser Trennung. Und ja, er hat jedes Recht der Welt, jemand Neues zu daten. Aber, Scheiße, das macht es nicht weniger schmerzhaft. Es macht nur, dass ich mich nicht nur aufgefressen, sondern immer noch wie ausgekotzt fühle. Dieses Dasein muss ich akzeptieren, und das ist räudig.
Stockend atme ich die Luft aus, von der ich gar nicht gemerkt habe, sie angehalten zu haben. »Jetzt sind es nur noch zwei Monate, und es gibt noch nichts.«
»Zwei Monate und sieben Tage«, korrigiert Zac. »Am siebten Februar ist die Eröffnung in Denver.«
»Das wird das nervenaufreibendste Weihnachten, das ich je hatte«, jammere ich. »Und das keksloseste. Und …«
»Apropos Weihnachten, Pais.« Gwen piekt mir mit ihrer Gabel in den Arm. »Sind wir in einem Team beim Schneeskulpturenwettbewerb?«
»Geht nicht«, kommt Oscar mir zuvor.
Gwen verdreht die Augen. »Os, wirklich, ich liebe dich, aber ich kann nicht mit dir antreten. Du bist der stärkste Mann der Welt und kannst mich durch die Luft schleudern und wieder auffangen, ja wirklich, du bist Superman, aber du verkackst jedes Mal bei Extreme Activity, weil du nicht mal einen Baum zeichnen kannst.«
»Hey, ich kann zeichnen«, protestiert er und sieht dann mich an. »Paisley, sag ihr, dass ich zeichnen kann.«
Gwen hebt die Augenbrauen. Oscar schaut wie ein bettelnder Welpe.
Lachend knicke ich ein. »Sorry, Os, aber das war ein wütender Toaster mit Tentakeln und kein Baum.«
»Ha!«, jubelt Gwen.
Frustriert wirft er die Arme in die Luft. »Wie auch immer, ihr könnt trotzdem kein Team sein.«
»Warum nicht?«, frage ich.
Oscar öffnet den Mund, aber Zac kommt ihm zuvor. »Weil William auslost. Bei der nächsten Stadtversammlung.«
Ich stöhne auf. »O Gott, nein. Was, wenn ich mit Vaughn machen muss?«
Vaughn ist unser Straßenmusiker, steht drauf, gruselige Theaterinszenierungen mit unserer esoterischen Tanzlehrerin Spirit Susan zu machen, vergöttert jedes creepy Gedicht von Edgar Allan Poe und ist einfach … seltsam.
»Dann gewinnst du wenigstens«, sagt Gwen. »Vaughn gewinnt immer. Weil er so verrückte Ideen hat. Letztes Jahr hat er einen Zombie-Pinguin gebaut, der seine eigenen Augen isst. Erinnerst du dich?«
»Lebhaft«, murmle ich.
»Auch das wird nichts«, sagt Zac wieder.
»Hä?«, fragt Oscar.
»Es wird kein Skulpturenwettbewerb mehr, sondern das Schlittenrennen.«
»Was?«, spuckt Gwen aus.
»Lest ihr seine Rundschreiben nicht?«, fragt Zac.
»Nein«, sagen wir wie aus einem Munde.
»Tja, er hat es gewechselt. Und er lost aus.«
»Yes, Baby.« Oscar reckt eine Faust in die Höhe. »Ich liebe die Schlittenrennen.«
Wir unterhalten uns noch eine Weile über die nächste Stadtversammlung und darüber, ob William uns bestrafen wird, weil wir uns noch nicht für die Weihnachtsdeko-Aktion eingetragen haben, als Zac mich plötzlich anstupst.
»Die Eishockeyjungs schmeißen heute eine Party, mit Karaoke und so, hast du Lust?«
Mit offenem Mund starre ich ihn an. »Was?«
»Ob du mit mir hingehen willst.«
Gwen klatscht in die Hände. »Ohhh, Karaoke, yes! Wir gehen auch hin.«
Überrascht sieht Oscar sie an. »Gehen wir?«
»Jaaaa, Os, gehen wir.« Sehr unauffällig stupst sie ihn immer wieder mit dem Ellbogen in die Seite. »Du hast zugesagt. Erinnerst du dich?«
»Nein. Wann?«
»Gestern«, zischt sie. »Weil du wolltest, dass ich das mit den Haargummis lasse, da hast du mir das versprochen, und deshalb gehen wir, okay?«
»Kann mich nicht dran erinnern. Aber du lässt das mit der Klage?«
»Nur, bis wir bei der Party waren, danach hänge ich mich natürlich wieder voll rein.«
»Tut mir leid, Zac«, sage ich mit einem leisen Lächeln in seine Richtung, »Bolton hat mich auch schon gefragt.«
Zac und Gwen grunzen zeitgleich. Was mich nicht überrascht. Bolton ist alles andere als beliebt in Aspen. Er ist der zwielichtige Sohn der Waylands und großer Bruder von Cindy, einer jüngeren Eiskunstläuferin an der iSkate. Im Gegensatz zu ihr ist er jedoch bekannt dafür, Drogen zu verticken, hauptsächlich an Promis, die hier Urlaub machen. Eine ganze Zeit lang wohnte er außerhalb, aber seit einer Weile ist er wieder hier. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die in ihm eine missverstandene, gebrochene Seele sieht. Nur weigere ich mich, etwas Schlechtes über ihn zu sagen, nachdem er und Cindy mir im vergangenen Jahr so oft zugehört haben.
»Wenn ich gehen würde«, füge ich hinzu, »was ich nicht tue, müsste ich wahrscheinlich ihm …«
Meine Absage wird unterbrochen, als der große Fernseher an der Wand, auf dem grundsätzlich immer der Sportsender ESPN läuft, mir plötzlich meinen Exfreund in die Fresse klatscht. Mein letzter Ton rutscht aus und geht in irgendeine höhere Oktave, und ich schwöre, gleich bin ich diejenige, die auf Fluffys drei Köpfe sabbert.
»Verdammte Kufenscheiße!«, flucht Gwen, als sie meinem Blick folgt. »Was will Knox bitte neben Stephen Smith bei First Take?«
First Take ist eine beliebte Talkshow, in der Sportthemen kontrovers diskutiert werden. Knox hat sich das andauernd angeschaut. Und jetzt hockt er einfach da auf diesem Sessel, in einem weißen Hemd, das so eng an seinem muskelbepackten Oberkörper liegt, dass jeder Knopf spannt, und mit seiner wilden Rebellenfrisur, die es auf mich abgesehen hat, so wie sie mein Herz jedes Mal attackiert, wenn ich ihn sehe. Er sitzt da und ist so gottverdammt heiß, dass ich innerlich verglühe und nicht weiß, ob das hier ein Fiebertraum oder real ist.
Es schmerzt, ihn anzusehen. Irgendwo tief in mir blutet mein Herz und ich kriege Bauchschmerzen, weil es so wehtut, jemanden zu lieben, der einem nicht gehört. Und wenn er dann auch noch im Fernsehen ist, von wo aus ihn die ganze Welt nun anschmachten kann, wird der Schmerz gleich doppelt so schlimm.
Knox ist bei First Take auf ESPN.
Was. Zur. Hölle?!
Eine Weile reden sie über seinen damaligen Dopingskandal. Wie sehr er das bereut. Was es in ihm ausgelöst hat. Warum er schließlich die Kraft hatte, aufzuhören – »O wow, der Idiot könnte ruhig mal erwähnen, dass ihm ein gewisser blonder Engel dabei geholfen hat«, schnaubt Gwen – und übers Doping in Sportlerkreisen generell. Was er darüber aus psychologischer Sicht sagen kann, jetzt, wo er renommierter Star- und Sportlerpsychologe ist.
Das Ganze löst in mir keine guten Gefühle aus. Gwen hat recht. Ich war diejenige, die ihm damals klargemacht hat, dass die Sache mit dem Doping das Allerletzte ist. Aber ich war auch diejenige, die vor gut einem Jahr kurz davor war, genau dasselbe zu tun, was schließlich zu unserer endgültigen Trennung geführt hat.
Es war so dumm von mir. So unüberlegt. Erst recht wegen dem, was vor einigen Jahren bei mir los war, und wovon ich Knox nicht wirklich alles erzählt habe. Wovon ich niemandem erzählt habe.
Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her.
»Geht nur um mental health im Sport«, murmelt Zac, der angepisst in seinen Shaker glotzt. »Aber wie groß die ihn immer noch machen, ist absurd. Als hätte er nicht längst mit dem Snowboarden aufgehört.«
»Na ja«, sagt Os, die Augen immer noch auf den Fernseher gerichtet, »er ist eine Legende. Hat immer noch sieben Millionen Follower auf Instagram. Die Welt vergöttert ihn, und ganz aufgehört hat er ja nie.«
»Ist aber nur noch sein Hobby«, mault Zac.
Ich sage nichts, bin zu sehr damit beschäftigt, meinen Körper davon abzuhalten, entweder zu heulen oder zu kotzen. Ich kann Knox kaum ansehen, weil es so wehtut, aber ich kann ihn auch nicht nicht ansehen, weil er so schön ist.
Jesus, ist er schön. Sein braunes Haar und diese übernatürlich großen hellgrünen Augen. Die Art, wie sich jedes Mal sein Muttermal unter dem Auge verzieht, wenn er schief grinst. Himmel. Ich will meine Hand ausstrecken, damit er seine Wange reinlegen kann. Wie früher. Ich will, dass er mich wieder so ansieht, als wäre ich alles für ihn.
»… rücken die Olympischen Spiele näher«, sagt Smith im Fernseher und gewinnt meine Aufmerksamkeit. Sobald es um Olympia geht, bin ich wach. Es wäre mein Weckruf, sollte man mich hypnotisieren. Ein geflüstertes Olympia und ich erhebe mich wie eine Mumie aus ihrem Sarkophag.
»Du kommst aus Aspen, Knox, wo dieses Jahr die Eiskunst-, Snowboard- und Skidisziplinen stattfinden. Haben sie deshalb eine besondere Bedeutung für dich?«
»Ja, ich, äh …« Er stockt. Kurz blickt er ins Leere und befeuchtet seine Unterlippe mit der Zungenspitze. Dann fasst er sich mit der Hand in den Nacken, fährt über seine Schulter zurück und lässt sie anschließend auf den Oberschenkel fallen.
»Er denkt an dich«, wispert Gwen, ihr Blick glasig auf den Fernseher gerichtet. »Sie haben eine besondere Bedeutung für ihn wegen dir.«
»Schwachsinn«, kontert Zac. Autsch. »Sonst hätte er nicht mit ihr Schluss gemacht, wenn sie und ihre Ziele ihm so wichtig gewesen wären, oder?«
»Zac«, knurrt Oscar mit Blick zu mir. »Halt den Mund.«
»Schon gut«, flüstere ich, denn er hat recht.
Mit trockener Kehle beobachte ich jede Geste meines Exfreundes, weil ich es mir sonst nie erlauben darf. Jetzt schon. Er weiß nicht, dass ich ihm zusehe, und das macht es um einiges leichter.
Knox räuspert sich und setzt sich aufrechter, als würde er seine Gedanken abschütteln, die ihn bis hierhin gelähmt haben. »Absolut. Aspen ist großartig. Meine Heimat, Familie, Freunde …«
»Er lässt dich einfach aus«, knurrt Gwen. »Dieser Hund.«
»Wieso sollte er mich erwähnen?«, piepse ich, weil ich kaum noch Stimme habe. »Wir waren einmal, Gwen. Das ist …«
»Vorbei«, bestätigt Zac mit einem kräftigen Nicken. »Genau.«
»Zac«, mahnt Oscar wieder.
Der Moderator beugt sich vor. »Und ein weiterer Grund macht es für dich zu etwas, das du nie vergessen wirst, nicht wahr, Knox?«
Ein leises, raues Lachen, das mir den Magen verknotet. »Ja.«
»Erzähl uns davon«, ermutigt ihn Stephen.
O, Scheiße. Er wird doch nicht …?
»Fuck«, bestätigt Gwen meine Gedanken. »Redet der jetzt echt von dir?«
»Aber dann würde er doch nicht so breit grinsen«, murmelt Zac.
»Zac, Scheiße, Mann, bei aller Liebe, halt die Fresse«, sagt Oscar.
Doch wieder hat er recht. Knox würde nicht grinsen, bevor er über mich redet. Das war einmal. Längst vergessene Zeiten und ein Hagelsturm an bitteren Meteoriten, die unsere immergrünen Wiesen explodieren und zu Asche haben werden lassen. Dabei sind auch seine Augen draufgegangen. Seine Augen, die nur für mich bestimmt waren. Jetzt sehen die überallhin, nur nicht zu mir. Ich bin mit den Meteoriten gestorben.
»Stimmt, Stephen«, bestätigt Knox. »Und zwar darf ich heute zum ersten Mal offiziell verkünden, dass ich für einige Zeit eine berufliche Pause einlege und mich wieder dem Snowboarden widmen werde.«
Uns allen sackt die Kinnlade bis zum Bauchnabel.
»WAS?!«, ruft Gwen.
Zac lässt den Shaker sinken. »Das ist nicht sein Ernst, oder?«
Ich kann nichts sagen. Mein ganzer Sabber ist weg. Sie gehört jetzt Fluffy. Wenn ich rede, würden meine Wangen einreißen wie beim Joker, und ich will nicht, dass der Kerl noch mehr von mir kaputtmacht.
»Und«, fügt Knox hinzu und sieht jetzt direkt in die Kamera, direkt zu mir, als wären seine Augen wieder für mich bestimmt, als wäre der Meteorit nie passiert, als wäre ich nicht längst Asche zwischen seinen Fingern, »bei den Olympischen Spielen werde ich mein erstes Comeback in einer Unterhaltungsshow präsentieren.«
Ich glaube, ich bin betrunken. Hannah hat meine Pumpkin Spice gepanscht. Bestimmt mit Whiskey. Hartes Zeug auf jeden Fall, denn ich schwanke innerlich. Ich bin richtig besoffen, und Knox kümmert es nicht, der glotzt mich nur an, hallo Süße, na, wie gehts, da drüben, mit meinen Augen auf deinem Körper und meinem Comeback in deinem Kopf, hehe?
Gut gehts mir, sage ich im Stillen, richtig gut, du und dein Oberschenkel und dein Muttermal und dein schiefes Lächeln und deine Rebellenhaare sind mir voll egal, das sage ich ganz oft, ja, und dann lasse ich meinen Pumpkin Spice fallen und erschrecke mich nicht mal, so gut gehts mir.
»Wisst ihr, was?« Mein Lächeln schmerzt. »Ich geh’ doch zur Party.«
»Nice.« Zac grinst. »Vielleicht sehen wir uns …«
»Warte kurz«, unterbreche ich ihn, als mein Handy vibriert. Es ist Ruth, Arias Mom und Williams Partnerin. Sie führt das Bed and Breakfast im Zentrum mit dem besten Frühstück der Welt. Seit der Trennung von Knox wohne ich in Arias altem Zimmer. Sie ist eine gemeinsame Freundin und mit Wyatt zusammen, Knox’ bestem Freund. Gwens und Oscars sengende Blicke geflissentlich ignorierend, nehme ich den Anruf an. »Hey, Ruth. Alles in Ordnung?«
»Guten Morgen, Liebes. Nein, leider nicht.« Ihr anschließendes schweres Seufzen sagt mir, dass jetzt etwas kommt, was mir gar nicht gefallen wird. »Du weißt doch, der Marder, den Aria immer in den Wänden vermutet hat?«
»Ja. Stitch. Was ist mit ihm?«
Sie zögert. »Ihn gibt es wirklich. Und es ist leider etwas Furchtbares passiert.«
Nach Luft schnappend, presse ich mir eine Hand auf die Brust. »O mein Gott, ist er tot?«
»Was? Nein. Um Gottes willen.« Ruth gibt ein Hüsteln von sich, das stark nach einem Leider klingt.
»Was?«, frage ich.
Wieder seufzt sie. »Stitch hat zwei Eigenschaften, Süße. Entweder ist er still oder …«
»… zerstörerisch«, vollende ich ihren Satz.
»Ja. Nun, dieses Mal war es leider Letzteres.«
Mein Blick ruht auf Erin, der Levi auf der Eisbahn gerade herumwirbelt, während mir ein ungutes Gefühl in die Glieder kriecht. »Was soll das bedeuten?«
Schweigen tritt ein, unterbrochen nur von Gwen und Oscars geraunter Unterhaltung hinter mir und »Last Christmas« aus dem Radio.
»Ruth?«
»Was habe ich dir gesagt, mein Liebling?«, höre ich William im Hintergrund bellen. »Pflaster müssen schnell abgerissen werden, erst recht, wenn Wunden eitern und …«
»Ach, Jesus Maria, na schön«, brummt Ruth. »Paisley, Liebes, du musst leider ausziehen.«
Ein Angelhaken zerrt an meinem Magen. »W-was?«
»Es tut mir so leid. Die Sache ist … Stitch existiert wirklich. Ich wollte dein Bett frisch beziehen, und da habe ich es gesehen.«
»Was gesehen?«
»Ein dickes fettes Loch, direkt neben deinem Kopfkissen. Dieses Biest hat sich durch Dämmung und Isolierung gebissen, und als William nachgesehen hat, ist er fast explodiert vor Schock. Der Arme. Sein Gesicht sah aus wie von Violet in Charlie und die Schokoladenfabrik, als sie zu einer Blaubeere mutiert.«
Ich halte den Atem an. »Was hat Stitch angerichtet?«
»Die Frage ist wohl eher … was hat er nicht angerichtet? Wasserleitungen angeknabbert, versteckte Nester gebaut, Stromkabel durchgebissen. Es ist eine Katastrophe. Hinter den Wänden schimmelt alles und es ist ein Wunder, dass mir die Bude noch nicht abgefackelt ist.«
»Vergiss das Ammoniak nicht, Ruth«, ruft William. »Vergiss nicht, wie dieses Monster mir beinahe meine salbeireine Lunge verpestet hätte!«
»Wovon spricht er?«, krächze ich.
Ruth gibt ein schweres Seufzen von sich. »Stitch hat überall, na ja …«
»Hingepisst!«, bellt Will. »Nenne es beim Namen, Ruth, er hat seinen Urin und Marderkot überall verteilt, als wäre dieses Haus sein persönlicher Scheißverein!«
»William!«, ruft Ruth schockiert.
»Nein, ich entschuldige mich nicht für meine Wortwahl. Ich bin am Ende. Lieber Gott, meine Lunge, meine wundervolle heilige Lunge …«
»Wie auch immer«, seufzt Ruth, »durch das Loch stinkt es nun bestialisch. Wir hatten den Kammerjäger da (»Und er war unfähig, verdammt unfähig, Ruth, ich habe dir gesagt, lass mich dieses Monster mit meinen eigenen Händen fangen!«), aber er meinte, der Geruch wird ewig im Zimmer stecken. Ganz abgesehen von der Schimmel- und Brandgefahr.« Sie macht eine verhängnisvolle Pause, schwer genug, dass sie meine ganze Welt ins Rütteln bringt. »Das Zimmer muss kernsaniert werden, Liebes, und das wird dauern.«
Ihre Worte treten mir erbarmungslos in den Magen. Im Grunde genommen hat sie mir gerade buchstäblich den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich habe keine Ahnung, wo ich jetzt hin soll. »Das … das ist … ich meine, ich …«
»Ich weiß, Süße«, unterbricht sie mein Gestotter in todtraurigem Ton, »ich weiß. Aber ich kümmere mich darum. Ich habe schon Alternativen abtelefoniert, und Jack sagt, du kannst jederzeit ins Gästehaus ziehen.«
»Nein«, sage ich sofort. Ihre Worte rufen eine Welle von Gefrierbrand hervor, der sich eiskalt und tödlich über meine Haut zieht. Jack ist Knox’ Vater, und ganz egal, wie sehr ich ihn mag, ich kann unter keinen Umständen neben meinem Ex wohnen. »Nein, auf keinen Fall. Ruth, ich kann nicht …«
»Er wird sich bei dir melden und … O verflucht, William, geh da nicht hoch, du sollst … Lass Stitch in Frieden, solange er noch dort sein kann!«
»Nein!«
»William, komm da runter!«
»Nein!«
»Lass …«
»Solange ich lebe, wird Hannibal seine Exkremente nicht weiterhin in diesem Haus verteilen!«
»Er heißt Stitch, William, Stitch, du meine Güte, lass ihn da oben doch in die Wände pissen, die werden eh rausgerissen und … Was willst du mit der Machete, verdammt?«
»Ruth?«, sage ich.
»Oh, Liebling, es tut mir so leid, ich muss auflegen, bevor William zum Axtmörder wird.«
»Aber Ruth, was soll ich …«
Die Leitung wird gekappt. Frustriert lasse ich das Handy sinken und quetsche es so fest in meiner Hand, dass mir die Kanten schmerzhaft in die Fläche drücken. So ein verfluchter Mist.
»Pais?«, sagt Gwen zaghaft. »Alles okay?«
Ich beiße mir auf die Unterlippe und starre zu Boden. Nichts ist okay. Mich überkommt das Gefühl, als würde jemand seine eisigen Hände an meine Kehle legen und zudrücken. Ich kann nicht ins Gästehaus der Winterbottoms ziehen. Nie im Leben. Es würde bedeuten, dass ich Knox mit Sicherheit jeden Tag über den Weg liefe. Die beiden Häuser sind nur mit einer Zwischentür voneinander getrennt. Das ist, als wäre er mein Mitbewohner. Und wer will schon Wand an Wand mit seinem Exfreund leben? Wahrscheinlich wäre ich außerdem dazu verdammt, Islas ständiges Gekicher neben mir zu haben, und ich, masochistisch wie ich bin, würde meine Abende mit einem traurigen Salat und einem Ohr an der Wand verbringen.
Nein, das geht nicht. Auf keinen Fall.
Aber was bleiben mir sonst für Alternativen?
»Pais?«, wiederholt Gwen, woraufhin ich langsam den Kopf hebe.
Blinzelnd sehe ich sie an. »Kann ich dein Zimmer haben?«
»Was?«
»Stitch hat Arias Wände zerstört.«
»Was?«, sagen nun Oscar und Gwen wie aus einem Munde.
»Wer ist Stitch?«, fragt Zac.
»Er hat überall hingepisst«, sage ich.
»Wer?«
»Und William jagt ihn mit der Machete.«
»Erzähl keinen Scheiß«, murmelt Oscar.
»Der arme Stitch«, jammert Gwen.
»Von wem redet ihr?«, fragt Zac.
»Ein Marder«, antworte ich, den Blick jedoch auf Gwen gerichtet. »Du wohnst doch praktisch bei Os, oder nicht?«
Sie zieht die Unterlippe ein. »Ja, schon, aber …« Als ich fragend die Brauen hebe, knickt sie ein. »Ich habe mein Zimmer umgebaut. Es gehört jetzt Bing Crosby und seinem Bruder.«
Meine Augen weiten sich. »Was?«
»Er hat aufgehört, Moms Kaninchen zu hassen. Sie lieben sich jetzt, hängen ständig aufeinander und brauchten mehr Platz.«
Oscar verzieht das Gesicht. »Da lebt jetzt ein Urwald, Pais. Ich schwöre dir, geh da niemals rein. Sie hat sogar so Grillenzirpen und Tropengeräusche eingestellt und alles ist voll mit Erde, Pflanzen und gruseligen Karnickelstatuen mit Titten, von denen Gwen glaubt, sie würden Bings Penisaktivitäten fördern, weil sie ihm keine Frau gönnt.«
Entsetzt starre ich sie an. »Ihr verarscht mich, oder?«
Gwen verzieht das Gesicht. »Nein.« Dann dreht sie sich mit wütendem Gesichtsausdruck zu Oscar um, die Hände fest auf die Stuhllehnen gestemmt. »Und ich gönne ihm keine Frau, weil Bing Crosby sie zerfleischen würde. Dieser Mann liebt nur mich, wir leben in einer monogamen Beziehung, klar?«
»Und was bin dann ich? Verkaufst du dem Tier deinen Freund auch als eine Penisstatue?«
Sie schnaubt. »Ich möchte nicht darüber reden.«
Oscar neckt sie weiterhin, aber ich schweife ab, als mein Handy in meiner Hand vibriert und mein Herz für einen kurzen Moment stehen bleibt.
Jack:Hey Pais, Ruth hat angerufen. Der arme Stitch. Klang so, als würde William sich eine richtige Schlacht mit ihm liefern. Jedenfalls ist das Gästehaus frei. Du kannst kommen und bleiben, solange du willst. Hoffe, dir geht’s ansonsten gut.
Ja, Jack. Natürlich. Mir geht es fantastisch, seitdem dein Sohn mir das Herz verstümmelt hat. Mir geht es einfach grandios. Ganz ehrlich, ich glaube, ich bin sogar high vor Glück.
HAHAHA in Rot.
»Wir müssen wieder runter, Pais«, murmelt Gwen plötzlich dicht an meinem Ohr, und ich zucke zusammen, als sie meinen Ellbogen fasst. »Sorry, dass ich nicht helfen kann. Ich meine, ich würde, und wenn du willst, kannst du ein Zelt in Bing Crosbys Dschungel aufschlagen. Ich schwöre, er ist brav, nur manchmal knabbert er Zehen an, wenn sie zu käsig riechen.«
Resigniert seufze ich, gefolgt von einem klitzekleinen Lächeln, das mir jede Kraft raubt. »Schon gut, Gwenny. Aber danke.«
»Du könntest auch zu uns«, schlägt Oscar vor. »Meine Eltern haben Gästezimmer und es wäre kein Problem.«
Gwen nickt enthusiastisch, aber ich schüttle den Kopf. Es wäre mir extrem unangenehm, den beiden jeden Tag beim Turteln zuzusehen und den Addingtons zur Last zu fallen. Ich weiß, dass sie es abstreiten würden und ich jederzeit willkommen wäre, aber ich fühle mich immer, als wäre ich aufdringlich. Als würden die Leute mir das aus Höflichkeit nicht sagen wollen, aber eigentlich nerve ich, eigentlich bin ich ein Störfaktor, eigentlich bin ich überall, wo ich den Raum betrete, ein kleines bisschen zu viel. »Danke, das ist lieb. Ich versuch’s erst mal anders, mal schauen.«
Gwen erwidert mein Lächeln mit einem traurigen Zug. »Also hast du eine Alternative?«
Kurz schließe ich die Augen und atme tiefe durch, ehe ich mein selbstzerstörerisches Schicksal akzeptiere. »Ja, schätze schon.«
Beruhigend tätschelt sie mir den Arm. »Das ist gut. O Mann. Der Wohnungsmarkt in Aspen ist beschissen.« Sie grunzt. »Beschissen und teuer.«
»Kannst du laut sagen«, murmle ich, gehe ihr hinterher und füge leise hinzu: »Man muss einen beschissen hohen Preis zahlen.«
Als ich mir an diesem Morgen mein Snowboard geschnappt habe und auf den Aspen Mountain gestapft bin, wusste ich noch nicht, dass ich am Arsch bin. Also, ich war sowieso am Arsch, seit einem Jahr, aber so richtig, richtig übel würde es erst ab heute Abend werden.
Das war mir nicht klar. Hätte ich es gewusst, wäre ich vielleicht abgehauen. Mein Herz ist in einem so jämmerlichen Zustand, dass ich überzeugt bin, es nicht zu überleben.
In den letzten Stunden habe ich mich so dermaßen verausgabt, dass ich unter meiner Montur schwitze wie in der Sauna. Aber genau das brauchte ich. Dieses Gefühl, noch am Leben zu sein. Mein hinter der Brust wummerndes Herz endlich wieder zu spüren. Verdammt, ich dachte, ich hätte mich unter Kontrolle, aber kein bisschen. Es ist, als hätte ich verlernt, mich zu konzentrieren. Bei der Arbeit bin ich abwesend, alles um mich herum passiert, ohne dass ich es richtig miterlebe, und jedes Mal, wenn ich Paisley begegne, muss ich krampfhaft wegsehen, weil ich sonst kotzen müsste. Nicht, weil ich sie verabscheue oder die Beziehung mit ihr bereue, sondern weil es so wehtut, dass mein Körper es einfach nicht aushält. Es ist wie Migräne. Der Schmerz ist einfach zu groß.
Ich musste einsehen, dass ich eine Auszeit brauche. So einen Zustand kann ich meinen Patientinnen und Patienten einfach nicht antun. Und das Einzige, das mir den Kopf leer bläst, war schon immer das Snowboarden.
Fuck, ich hasse es, dass Pais diese Macht über mich hat. Immer noch. Ich hasse, dass ich sie nicht einfach vergessen und so weitermachen kann wie früher. Aber ich kenne ihre beruflichen Visionen. Ich weiß, was sie und die anderen planen, und irgendein desillusionierter Teil in mir will sich einen lebenslangen Platz neben ihr sichern – und dafür brauche ich das Snowboard.
Angepisst lehne ich mein Board an die Wand in der Garage, ziehe meine Boots ab und schäle mich aus meinem Anzug, als mein Handy vibriert. Als ich sehe, dass Isla geschrieben hat, sackt mir mein wie irre pumpendes Herz irgendwo in die Kniekehlen.
Bin am Flughafen. Boarding geht los.Wann ist die Party?
Keine Ahnung. Irgendwann später bei Pax.Soll ich dich abholen?
Ja
Wann?
Schreibe dir dann Waren heute Paparazzi in der Nähe?
Ja, ein paar
OkayBis später
Guten Flug
Frustriert schiebe ich mein Handy in die Jogginghose und stoße die Zwischentür zum Wohnzimmer auf. Unsere Haushälterin hat den Kamin entzündet, und ein warmer Mantel legt sich auf meine Haut, als ich reingehe. Holzscheite knacken, während draußen dicke Schneeflocken gegen das Panoramafenster wirbeln. Dahinter ragt der gewaltige Aspen Mountain als beeindruckende Naturkulisse in den Himmel.
Mein Vater sitzt auf einem Chesterfieldsessel, in der einen Hand sein Handy, auf dem er mit dem Daumen eine schnelle einseitige Nachricht tippt, in der anderen die Kaffeetasse, die Paisley ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hat. Sie hat sie selbst bemalt, eine Eiskunstläuferin während einer Pirouette mit dem Gesicht meiner Mutter. Ich habe auch eine – mit Paisleys Gesicht.
»Hi, Dad.«
Er blickt auf. »Oh, Knox. Eben lief dein Interview.« Mit einem vagen Nicken deutet er auf den riesigen Fernseher. »Wo warst du?«
»Auf der Piste. Kann ich das essen?«, frage ich und deute auf eine Süßkartoffel-Kürbis-Bowl auf der Anrichte.
Mein Vater wirft mir einen kurzen Blick zu und nickt. »Im Kühlschrank ist Mousse au Chocolat von Kate. Sie will unbedingt, dass du sie probierst, weil sie ein neues Rezept ausprobiert hat und meinte, du wärst ihr bester Geschmacksexperte.«
»Weil ich vertrauenswürdig bin«, entgegne ich zufrieden grinsend und gehe mit meiner Schale zurück ins Wohnzimmer.
»Weil du zuckersüchtig bist«, erwidert Dad.
Ich mache einen Schmollmund. »Daaad.« Mit meiner freien Hand ziehe ich meinen Hoodie über den Bauchnabel. »Diese Muskeln glauben dir kein Wort.«
Er verdreht die Augen. »Immer willst du dich ausziehen. Ständig rennst du halb nackt durch dieses Haus. Was ist nur mit dir?«
»Sei doch glücklich, dass ich deine Gene so überaus stolz präsentiere.« Grinsend schiebe ich mir einen Löffel in den Mund. »Die ganze Welt soll sehen, was für hervorragende Arbeit du geleistet hast.«
»Das wird niemand glauben, wenn sie sehen, wie dir Kürbis aus dem Mund hängt, während du redest.«
»Ich liebe dich auch, Dad.«
Er legt sein Handy beiseite und nimmt grinsend einen Schluck Kaffee. »Es gibt übrigens eine passende Immobilie.«
Abrupt setze ich mich auf. »Was? Wo?«
»Zwischen Snowmass und dem Ajax.« Ajax ist das Slangwort für den Aspen Mountain. Dad setzt sein geheimnisvolles Gesicht auf, wie immer, wenn ich an seinen Lippen klebe und mehr erfahren will. Dieser Wicht nutzt meine Aufmerksamkeit schamlos aus. »Was perfekt wäre, weil ihr mit der Highland Bowl eine der steilsten und anspruchsvollsten Abfahrten in Nordamerika hättet, gleichzeitig aber auch eine Vielzahl von Pisten für Anfänger bis Profi im West Buttermilk.«
»Ja«, murmle ich und nicke geistesabwesend, »das wäre perfekt. Owl Creek Road?«
Dad schüttelt den Kopf. Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort und spannt mich auf die Folter. Als er genüsslich an seinem Kaffee schlürft, hat er meine Geduld genug strapaziert.
»Dad«, belle ich, und er grinst.
»Woody Creek.«
»Woody Creek?«, wiederhole ich ungläubig. »Scheiße, weißt du, wie abgeschieden das ist?«
»Aber genau das ist doch perfekt!« Seine Antwort kommt so schnell, dass ihm klar gewesen sein muss, wie ich reagiere. »Dieser ruhige, mystische Vibe. Unnahbar für andere. Exklusivität. Und direkten Zugang zu Ajax und Snowmass.«
»Ja, und für Serienkiller«, gebe ich gepresst zurück.
»Wie immer sehr melodramatisch, Knox«, erwidert er mit rollenden Augen, stellt seinen Kaffee beiseite und erhebt sich. »Schau es dir mal an, okay?« Er zieht einen Schlüsselbund aus seiner Jeans und wirft ihn neben mich aufs Sofa.
Als renommierter Immobilienmogul hat Dad exklusiven Zugang zu den besten Angeboten und ist mir eine riesige Hilfe in meinem bereits erwähnten Plan, mich lebenslang in Paisleys Leben einzunisten.
»Nimm Wyatt, Oscar und die anderen mit und seht euch um. Das Gebäude ist perfekt. War ein ehemaliges Kurschloss, hat große Innenräume, Festhallen, Ball- und Speisesäle. Eine Halle könnte ohne Probleme zu einem riesigen Stadion umgebaut werden.«
»Warte«, sage ich, schnappe mir die Schlüssel und stehe auf, wobei ich die Bowl gleichgültig aufs Sofa schiebe. Dad verzieht das Gesicht, als Süßkartoffel auf den Bezug fällt. »Meinst du das alte Schloss Silversnow, das aussieht wie das Grand Budapest Hotel?«
Dad nickt zufrieden.
Fuck. Das ist Paisleys Schloss. Also, zumindest ist es ihre absolute Traumimmobilie. Sie träumt seit Jahren von diesem alten Ding.
Als ich sehe, wie Dads glückliches Lächeln zu einem verwirrten Ausdruck wird, je länger er meinen schockierten Blick sieht, schüttle ich die Gedanken ab. »Ich meine das, wo du mich und Wy damals erwischt hast, wie …«
»… ihr zwei sechzehnjährige Scheißer euch die Birne zugekifft habt, ja.«
»Das war witzig«, grinse ich, halte dann aber inne. »Es war witzig, oder? Ich kann mich kaum erinnern. Wir haben wettkugeln über den Boden gemacht, glaube ich.«
Dad hebt die Augenbrauen und steht aus seinem Sessel auf. »Ihr seid wie zwei lachende Wraps durch eure Kotze gerollt und habt mir die Innenausstattung meines Escalades ruiniert.«
»Ah, jaah«, entgegne ich und kratze mich am Kopf, »ich erinnere mich.« Dann deute ich mit verengten Augen tadelnd auf meinen Vater. »Du Lümmel hast uns beide am Kragen in die kalte Dusche geworfen.«
»Ich Lümmel habe dafür gesorgt, dass ihr am nächsten Morgen bei der Sponsorenparty nicht nach Erbrochenem gerochen habt.«
»Wofür wir dir auf ewig dankbar sind, Jack«, ruft eine fröhliche Stimme, die gerade zur Tür reinschneit.
Heilige Mutter, warum noch mal hielt ich es für eine gute Idee, jemandem wie Wyatt Lopez den Code zu unserem Haus zu verraten? Ach ja, weil dieser Spinner von bestem Freund mich seit zwei Jahrzehnten aus jeder Scheiße rettet.
Seine breite Statur stapft ins Wohnzimmer, gefolgt von einer wesentlich zierlicheren, weiblichen Ausgabe von ihm mit einer noch winzigeren Babyausgabe auf dem Arm.
Wyatt wirft sich aufs Sofa. »Warte«, sagt er, schnappt sich meine Bowl und schaufelt sich den Rest rein, »worum gehts? Gebt mir alles, wodurch ich mich wieder jung fühle.«
»Du bist sechsundzwanzig«, entgegnet seine Schwester Camila trocken. »Das ist jung.«
»Nicht, wenn man ein Baby hat. Dann fühlt man sich wie fünfundvierzig, dauerhaft verkatert und rennt nur noch in vollgespuckten Shirts rum. Also«, sagt er mit einem flehenden Gesichtsausdruck, »worüber redet ihr?«
»Über dich und Knox als bekiffte Wraps«, entgegnet Dad, bevor er sich zu dem Baby auf Camilas Arm herunterbeugt und ihm auf die Nase tippt. »Wenn du sechzehn bist, musst du genau dasselbe machen wie Daddy, damit er weiß, wie das ist, okay, kleiner Phoenix?«
»Hey«, protestiert Wy mit vollem Mund, »sag meinem Sohn nicht, er soll werden wie ich, Jack! Bist du irre? Aria bringt mich um, wenn das passiert.«
