Lillian - Straße der Sünde - Christopher Crane - E-Book

Lillian - Straße der Sünde E-Book

Christopher Crane

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Beschreibung

Gefallene Engel haben Schreckliches mit Lillian vor: Sie benutzen sie, um aus ihrer tausendjährigen Gefangenschaft zu entkommen. Ihr Ziel? Die Rückkehr auf die Erde. Die Auswirkungen? Gigantische Bastardmonster. Lillian muss eine Reihe von Höllenqualen durchleiden. Ihr zur Seite steht Frank, die Liebe ihres Lebens. Er hält bedingungslos zu ihr und hofft auf ein baldiges Ende des Albtraums. Werden die Engel triumphieren? Kann Frank Lillians Leiden Einhalt gebieten, oder werden aus zwei Liebhabern am Ende doch noch bittere Feinde?Liebe, Tod, Blutrunst und Leidenschaft: Lillian – Die Straße der Sünde

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Seitenzahl: 574

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über den Autor

Danke

 

 

Christopher Crane

____________________________

Lillian

- Straße der Sünde -

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2016 Christopher Crane

Covergestaltung: Natalia Novakovic

Korrektorat: Claudia Heinen

Probeleser: Christine, Jan & Tom

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

 

Kontakt:

[email protected]

0

 

 

Nach Tausenden von Jahren bot sich den Engeln Gadreel und Ophis die Möglichkeit zur Flucht aus dem Himmel. Einst hatten sie das ihnen oblegte Vertrauen missbraucht. Ihre Gier und Lust nach den Menschenfrauen hatte die große Sintflut herbeigeführt und nahezu alles Leben auf der Erde ausgelöscht.

Unruhig pendelte Ophis durch die enge Zelle und rieb sich die schmerzenden Handgelenke. Hinter ihm fiel Gadreel zu Boden, der sich gerade von seinen Fesseln befreit hatte. Nicht, weil ihnen erst jetzt in den Sinn gekommen war, zu flüchten, sondern weil sich erst jetzt die passende Gelegenheit aufzeigte.

Ihren Ketten wussten sie sich zu entledigen, aber aus dem Kerker, der zweiten Himmelsebene, gab es ohne Hilfe kein Entkommen. Hin und wieder war es ihnen gelungen, einen Blick Richtung Erde zu richten. Sie hielten Ausschau nach dem richtigen Menschen, ihrer Gelegenheit. Und jetzt hatten sie ihn gefunden. Ihre Flucht würde sich äußerst schwierig gestalten und Hilfe von außen erfordern. Daher war es ein großer Vorteil, dass sie denjenigen kannten, der ihren Kerker erbaut hatte. Und er war gewillt, ihnen zu helfen, für einen Preis.

„Glaubst du, wir können ihm trauen?“, fragte Ophis.

„Das spielt überhaupt keine Rolle. Momentan ist er genauso gefangen wie wir. Unsere Ziele sind unterschiedlich, aber unsere Verlangen sind dieselben“, erklärte Gadreel. „Er hat sich bereits vor langer Zeit bereit erklärt, uns zu helfen. Als er die Schlösser anbrachte, die uns heute binden.“

„Und wie genau stellst du dir das vor? Wir sitzen ganz oben, gefangen. Und er sitzt ganz unten, gefangen.“

„Wir werden ihm eine Nachricht zukommen lassen.“

„Und wie?“

„Es gibt mehrere Wege. Der sicherste führt über den Tod direkt zu unserem Helfer. Ein Mensch ist bereits gestorben und überbringt die Botschaft. Alles, was unser Helfer braucht, um auf der Erde wieder in Erscheinung zu treten, ist der richtige Name. Ein einziges, kleines Wort: Lillian. Und den hat er ihm bereits genannt.

Wir haben lange auf jemanden wie sie gewartet. Wenn sie weiß, wie ihr geschieht, wird es schon zu spät sein.“

1

 

 

Messerscharfe Klauen schlängelten sich um Teds Wirbelsäule, bohrten sich durch seine Lunge und umschlangen sein Herz. Mühelos hob ihn die Kreatur von hinten in die Luft. Er spuckte Blut. Zitternd erhoben sich seine Hände. Seine Muskeln verkrampften sich. Die Qualen waren unerträglich. Sein angsterfüllter Blick versuchte, dem Schmerz durch die Nacht zu entkommen. Die Hand in seinem Körper drehte sich um dreißig Grad und schloss ihre Faust mit dem Druck einer Schrottpresse. Dabei geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Seine Wirbelsäule knackte und brach entzwei und sein Herz ergoss Blut über seine Organe, als es zerplatzte wie ein Wasserballon.

Ted war tot.

Die Hand wurde aus seinem Rücken gezogen. Vorsichtig legte die Kreatur ihn der Länge nach auf den Boden. Ted war ganz in Schwarz gekleidet. Das war auch der Grund, warum ihn die Kreatur ausgewählt hatte. Pfleglich zog sie ihn aus und faltete die Kleidung fein säuberlich zusammen. Nachdem sie ihn nackt bis auf die Haut entkleidet hatte, rollte sie ihn auf den Bauch. Sie setzte eine Klaue an seinem Schädel an und stieß zu, bis sie Knochen spürte. Der spitze Knochen schnitt ihm den Rücken entlang bis zum After. Ein schneller Hieb über Teds Rücken teilte seine Haut in zwei Lappen. Weniger elegant klappte die Kreatur die blutige Wunde auf und schälte ihm die Haut vom Körper. Teds Innereien wurden freigelegt und mit einem schmatzenden Geräusch trennte sich Haut von Fleisch und Muskeln. Eine Lache aus Blut sammelte sich am Bordstein und verschwand im Gullie.

Stolz bestaunte die Kreatur die Haut samt Haaren, die wie ein edler Anzug von ihrer Hand baumelte. Alles verlief nach Plan. Jetzt würde sie in das Kostüm schlüpfen und Teds Kleidung wieder anlegen.

Dann konnte sie sich endlich frei unter den Menschen bewegen.

Dann konnte sie endlich das tun, wofür ihr Meister sie auf die Oberfläche geschickt hatte.

 

2

 

 

„Ach wissen Sie was, den nehme ich so. Lassen Sie die blauen Rosen ruhig mit drin“, sagte die dürre Frau und schritt zur Kasse. Sie zückte ihren Geldbeutel, griff im vorderen Fach nach der Kreditkarte und klatschte sie auf die Theke. Frank nahm den Strauß aus dem Wasser und verpackte ihn in transparentes Papier. Müde tippte er den Rechnungsbetrag in die Kasse ein.

„21.00“, sagte er aus Gewohnheit, während er bereits nach der Karte griff. Er zog sie durch das Lesegerät und wartete auf den Beleg.

FIEP. Zahlung erfolgt.

Er zog die Karte aus dem Schubfach und reichte sie der Kundin. „Danke. Einen schönen Tag noch.“

Ohne einen Kommentar unterschrieb sie, er händigte den Beleg aus, sie schnappte sich den Strauß und flüchtete Richtung Ausgang.

Träge kam Frank hinter der Theke hervor und ließ seinen Blick durch den Laden kreisen. Er konnte keine Kundschaft mehr sehen und die Dunkelheit vor dem Laden sagte ihm, dass es endlich Zeit war, aufzuräumen und abzusperren. Wie immer, wenn ihm bewusst wurde, dass für heute Schluss war, begann der Schmerz, in seinen Beinen einzusetzen. Obwohl er das frühe Aufstehen, das Einkaufen auf dem Großmarkt und die lange Arbeitstage inzwischen gewöhnt sein sollte, kroch ihm doch bei jedem Feierabend ein dumpfer Schmerz die Waden empor. Vielleicht war es ein Zeichen, dass er sich endlich aufraffen und etwas verändern sollte. Der Weg seines Körpers, ihm mitzuteilen: Hey, wir hatten eigentlich nicht vor, unser restliches Dasein als Aushilfeflorist zu verbringen, oder?

Und er hatte recht.

Nach dem Biologiestudium wollte Frank eigentlich in die Forschung, um seinen eigenen Ideen nachzujagen. Doch daraus wurde nichts. Denn wie sich herausstellte, kostete Forschung eine Menge Geld. Und niemand investierte Unsummen in einen jungen Studenten mit ein paar verrückten Ideen. Ganz egal, ob sie das Potenzial hatten, irgendwann die Welt zu verändern. Und erst recht nicht, wenn sich der besagte Student schon bei diversen Vorstellungspräsentationen bis aufs Kleinste blamiert hatte. Aber für heute hatte er sein Soll erfüllt. Jetzt hieß es zusammenfegen, abschließen und dann ab nach Hause zu seiner Frau.

Angesichts des Feierabendschmerzes erledigte er die Aufräumarbeiten eher oberflächlich. Aber das störte ihn wenig, es war nun mal ein Blumenladen und es machte nichts, wenn hier und da mal ein Blättchen oder eine Blume auf dem Boden lag. Nur nass durfte es nicht sein, darauf hatte man ihn immer wieder hingewiesen. Melly, die Besitzerin des Ladens, war bereits einmal verklagt worden, weil ältere Kundschaft in ihrem Laden ausgerutscht war. Seit Frank im Laden arbeitete, war niemand mehr ausgerutscht, denn es war sein Vorgänger gewesen, der diversen Senioren neue Hüften und ihm seine Anstellung verschafft hatte.

Er beseitigte alle Wasserpfützen mit einem Mob und kehrte das Grünzeug zusammen, das sich dort angesammelt hatte, wo den ganzen Tag über Blumensträuße gebunden wurden.

Das soll es für heute gewesen sein.

Frank schlappte zum Hinterzimmer, schnappte seine Tasche und den Ladenschlüssel vom Tisch und lief Richtung Ausgang. DING DONG machte die Ladenglocke, als er ins Freie schritt.

Auch wenn er eigentlich gerne in dem kleinen Blumenladen arbeitete, so langsam ging es ihm auf die Nerven. Die ewige Routine, das Ein und Aus der Stammkundschaft und das mickrige Gehalt am Monatsende. Und all das für lange Tage mit schmerzenden Waden.

Er blieb einen Moment vor dem Gebäude stehen, stemmte die Arme in die Seite und stellte sich vor, wie das alte Fachwerkhaus wohl aussähe, wenn es in Flammen stünde. Wenn heute alles niederbrannte, könnte er morgen frei machen.

Hinter ihm brauste ein dicker Mann auf einem Mofa vorbei. Der Motor vollbrachte unter Volllast Höchstleistungen und spuckte die Abgase unter Maximallautstärke auf die Straße. Der Gestank riss Frank aus seinen pyromanischen Fantasien. Er machte sich auf den Heimweg. Die Altbauwohnung lag kaum mehr als fünf Fußminuten vom Laden entfernt. Hier hatte er schon zu Studentenzeiten gewohnt. Nach seiner Hochzeit hatte Frank sich eigentlich umziehen sehen, aber es scheiterte am Einfachsten: Geld. Er schlenderte die Straße hinab und bog an der Kreuzung nach links ab. Das Mofa mit dem dicken Mann zuckelte so langsam vor Frank die Straße hinunter, dass er das Gefährt mühelos hätte überholen können. Er schaute dem dicken Mann hinterher und überlegte, ob ihn zu Hause bereits die neue Ausgabe von Blumenliebe erwartete. Diesen Monat würde das Magazin einen seiner Artikel veröffentlichen. Immer mal wieder schaffte er es, einen Artikel zu verkaufen und damit die angeschlagenen Finanzen aufzustocken. Der neuste Artikel war erst vor einer Woche fertig geworden. Es ging um genetisch veränderte Blumensamen, die den gesamten Blumenmarkt verändern könnten. Der Verlag erhoffte sich Verkaufszahlen und Frank erhoffte sich neugierige Kollegen oder vielleicht einen investitionsbereiten Geschäftsmann. Die entsprechenden Samen hatte er bereits entwickelt, doch der dazugehörige Dünger benötigte teure Zutaten. Allein das Patent für den Dünger hatte ihn sein kleines Auto gekostet. Doch er war überzeugt, dass sich die Desinvestition noch bezahlt machen würde.

Die Straße machte im Dunkeln einen Knick und zweigte nach rechts ab. Frank lief weiter geradeaus, vorbei an Steaming Sallys Kaffeekneipe, die wie immer einen betörenden Bohnenduft verströmte. Während seiner Studentenzeit hatten er und seine große Liebe ganze Nächte in Sallys Café verbracht. Zum Lernen, Schwatzen oder einfach nur, um ungestört etwas zu fummeln. Oftmals alles zusammen und in genau dieser Reihenfolge. Später hatte Sally den Kaffee für ihre Hochzeit geliefert.

Das Einzige, was Sallys Café von Franks Zuhause trennte, war ein kleiner Park. Die verwilderte Fläche lag direkt dazwischen und war gleichzeitig der Grund für die billige Miete, die das junge Paar jeden Monat bezahlte. Der Park war nicht das Einzige, das mit den Jahrzehnten an Glanz verloren hatte. Die Häuser darum herum schienen sich am Verfall des Parks angesteckt zu haben. Die sich selbst überlassene Grünfläche bot einen erbärmlichen Anblick: Der Rasen war diesen Sommer wieder verbrannt. Der Spielplatz war eine Todesfalle aus morschen Geräten und umgefallene Bäume machten den Park zu einem Labyrinth. Vorsichtig kletterte Frank über mehrere heruntergefallene Äste und achtete darauf, sich nicht im Efeu zu verheddern, das wild über den gesamten Boden kroch.

Am Parkausgang blickte er noch schnell nach links und rechts und huschte über die Straße Richtung Haustür. Gerade als er nach der Türklinke griff, donnerte ein Lkw hinter ihm vorbei und erschütterte die gesamte Fassade des Altbaus. Hastig verzog sich Frank ins Innere. Der Lichtkegel des 16-Tonners erhellte für einen Moment das karg beleuchtete Erdgeschoss und gab die vollen Ausmaße des kläglichen Zustands preis, in dem sich das alte Gebäude befand. Dicke Risse in den Wänden zogen sich bis in den obersten Stock. Im Winter pfiff der Wind durch das ganze Haus und heulte gespenstisch durch das Treppenhaus. Dort hatte man bei jedem Schritt auf der alten Holztreppe das Gefühl, das Gemäuer bettele um den baldigen Abriss. Die Treppenhausbeleuchtung war stellenweise ausgefallen. Gewartet oder gar repariert wurde hier gar nichts, denn die Verantwortung über das Gebäude hatte man vor wenigen Monaten mit dem Tod des Hausmeisters den Bewohnern überlassen. Folglich blieb es zwischen Stockwerk eins und drei dunkel.

Frank wollte nur noch einen kurzen Blick in den Briefkasten werfen und es sich dann mit seiner Liebsten gemütlich machen. Müde steckte er den Briefkastenschlüssel in das Schloss und drehte ihn um.

Keine Rechnungen, bitte keine Rechnungen, hoffte Frank und entnahm einen Stapel Post. Eifrig durchsuchte er den kleinen Papierberg und verschaffte sich dabei mit seinem Smartphone Licht.

Werbung, noch mehr Werbung. Rechnungen ...

Frank seufzte entrüstet. Noch mehr unbezahlte Forderungen, denen sie nicht nachkommen konnten. Er blätterte weiter und fand etwas, das in ihm gute Laune aufkommen ließ.

Die monatliche Ausgabe von Blumenliebe! Hey, das war ja immerhin etwas.

Er schlug die Zeitschrift auf. Zwei Briefe fielen ihm entgegen und landeten unbeachtet auf dem Boden. Er überflog das Inhaltsverzeichnis nach seinem Artikel und blätterte rasch zu Seite 25. Da war er, sein Artikel! Mit sich und der Welt zufrieden grapschte er die beiden Briefe vom Boden, nahm sie zusammen mit der Werbung unter den Arm und huschte alle vierundachtzig knarzenden Stufen hinauf in seine Wohnung, um die großartige Nachricht zu überbringen.

Die Veröffentlichung war genau das, was er jetzt brauchte. Sie gab ihm neue Energie und spornte ihn an, wie es nur eine gute Nachricht konnte, auf die man schon zu lange gewartet hatte. Ein neuer Artikel bedeutete Geld, und zumindest für einen Moment fühlte er sich von der Fachwelt ernst genommen.

Oben angekommen blieb er vor einer nur allzu vertrauten Haustür stehen. Er steckte die Post in seine Jackentasche und blickte an sich hinab. Er trug dieselben Klamotten wie immer. Frank hielt nicht viel von Mode und wollte schon gar nicht jeden Morgen Zeit damit verschwenden, darüber nachzugrübeln, was er anziehen sollte. Er besaß genau drei Outfits und heute trug er seine normale Arbeitskleidung: Schwarze Schuhe mit einer blauen Jeans, einem Hemd, über das ein Pulli gestreift war, und weil ihm danach war, eine Fliege, die ihm das Gefühl gab, wie ein echter Wissenschaftler auszusehen. Ungewöhnlich für einen jungen Menschen seines Schlages, aber dafür umso gepflegter.

Er rückte seine Fliege zurecht und klopfte dreimal laut gegen die Holztür.

Im Inneren der Wohnung war ein Quietschen zu hören. Ein Stuhl wurde zurückgeschoben und jemand stand auf. Das dumpfe Trampeln von Füßen in Socken war zu hören. Jemand kam näher und blieb dann stehen. Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein blinzelndes stahlblaues Auge schaute zu Frank auf.

„Ja?“, fragte das stahlblaue Auge.

Frank drückte die Tür nach innen auf. Die Frau im Inneren leistete keinerlei Widerstand und machte sogar noch einen Schritt zurück, um es ihm leichter zu machen. Frank machte einen Schritt nach vorne und stand direkt im Türrahmen.

Die Frau war ein wenig kleiner als er und alles an ihr strahlte eine Gemütlichkeit aus, die Frank gerne mit einem Geborgenheitsgefühl verband. Sie trug ein paar graue Jogginghoses und ein rotes Tanktop. Und mit ihrer blonden Bobfrisur sah sie richtig süß aus.

„Ich hab dir was mitgebracht, Lilly.“

„Oh, was ist es denn? Wird es mir gefallen?“, antwortete sie mit übertrieben gespielter Neugier.

Er machte noch einen Schritt auf sie zu und stand nun direkt vor ihr.

„Es ist wichtig, dass du es sofort bekommst“, säuselte Frank und legte einen Arm um ihre Hüfte.

Sie rollte mit den Augen und Frank küsste sie auf den Mund. Dann hob er sie von den Füßen hoch. Seine Hände wanderten hinab zu ihrem Po und fanden Halt.

„Huch“, entfuhr es ihr kichernd, als sie in die Höhe schwebte.

„Jetzt hab ich dich.“

„Das hast du“, sagte sie und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Wo warst du so lange?“

„Ich war alleine im Laden, Melly wollte heute früher weg. Sie hatte ein Date.“

„Ein Date?“

„Ein Date!“

„Na, dann wünsche ich Melly viel Glück, denn meinen Franky kann sie nicht haben.“

Diesmal küsste sie ihn und tastete dabei mit ihrer Zunge nach seiner.

„Ich ...“, setzte Frank an.

„Bin noch nicht fertig“, würgte sie ihn ab und setzte den Zungenkuss fort. Nach einer Minute gab sie sich zufrieden.

„Nun?“ sagte sie und schmatzte mit ihren Lippen. „Was willst du so Dringendes loswerden?“.

„Wäre es dir recht, wenn wir das Geknutschte auf das Sofa verlegen?“

„Standortwechsel genehmigt. Ab zum Sofa.“

Voller Vorfreude streifte Frank seine Schuhe von den Füßen und lief schwankend mit Lillian in den Armen hinüber zu ihrem durchgesessenen Sofa.

„Soll ich dich absetzen?“

„Nö, ich will bleiben, wo ich bin.“

Mit Lillian auf seinem Schoß ließ sich Frank in das alte, aber bequeme Sofa fallen. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und lehnte sich zurück.

„Erzähl mir was Tolles, ich hab den ganzen Tag diese blöden Holzhütten entworfen. Heute Hütten, gestern ein Parkhaus. So habe ich mir das als Architektin nicht vorgestellt. Ich will ein Zuhause entwerfen und nicht immer diesen Krempel. Mir ist so langweilig, wenn du noch später nach Hause gekommen wärst, würde ich jetzt schlafend auf meinem Zeichen-Tablet hängen.“ Sie seufzte und er spürte ihren warmen Atem in seinem Gesicht.

Sie war sein Ein und Alles. In einer Welt, in der seine Karriere als Biologe stagnierte und er in einem Blumenladen versauerte, war Lillian für jeden Funken Glück verantwortlich, der täglich in ihm aufkam. Und dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch für Lillian hätten die Dinge inzwischen besser stehen sollen, aber immerhin hatte sie Frank.

Und Frank hatte Lillian.

„Lilly, schau her.“

„Was denn?“, fragte sie, ohne aufzuschauen.

„Mein Artikel, sie haben ihn veröffentlicht. Ungekürzt, soweit ich das beurteilen kann.“ Eine ordentliche Prise Stolz lag in seiner Stimme, als er die Zeitschrift aus seiner Jackentasche zog.

„Tatsächlich?“, sagte sie und hob ihren Kopf. „Lass mal sehen. Die Chamäleon-Blumen von Frank Wilkee“, las sie vor. „Bravo. Das ist schon dein dritter Artikel, so langsam kann ich dich schon fast ernst nehmen“, sagte Lillian liebevoll, stieg von seinem Schoß und setzte sich neben ihn.

Nichts konnte den neugierigen Wissenschaftler in Frank jetzt noch aufhalten. „Stell dir nur vor, Blumen, die in allen Farben blühen und dabei ihre Kelchfarbe verändern, abhängig von Wetter, Wind und Sonnenschein. Vielleicht kann ich heute Abend schon anfangen, mithilfe des Artikels neue Kontakte zu knüpfen. Die Veröffentlichung ist wie eine Legitimation meiner Arbeit. Aber zuerst ...“, sagte er, stand auf und stellte sich direkt hinter Lillian.

„Essen wir zwei etwas.“

Wie auf Autopilot drehte Lillian den Kopf nach hinten und ließ sich von Frank auf den Mund küssen. Dabei ging sie die Post durch.

„Hm, Hm“, machte sie und unterbrach damit den leidenschaftlichen Kuss.

„Ja?“, fragte Frank. „Gibt es einen Wunsch, der deine süßen Lippen in Anspruch nimmt? Wenn ja, raus damit!“, sagte er und küsste sie sanft.

„Du hast einen Brief von einem Anwalt bekommen ...“

Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, Frank rechtlich an den Kragen zu gehen. Wie viele große Forscher war auch Frank in der Lage, mit seinen Entdeckungen großen Konzernen die Kundschaft wegzunehmen. Und damit den Umsatz zu schmälern. Auch wenn die Entdeckung noch so groß war, für jeden, der vorhatte viel Geld zu verdienen, gab es jemanden, der drohte, genau dieses Geld einzubüßen.

Vorsichtig öffnete er den Brief und fuhr mit einem hastigen Blick die Zeilen entlang.

„Mach dir keine Gedanken“, ermutigte ihn Lillian. „Selbst wenn man dich für schuldig befindet und in den Knast steckt. Ich komm dich besuchen. Vielleicht darf ich ja sogar deine Zelle entwerfen. Dann bekommst du ein extra großes Fenster zum Rausgucken. Ich werde uns mal ein paar Toastbrote machen. Diese Architektin braucht jetzt was zu futtern“, verkündete Lillian, fuhr sich durch die Haare und tappte gähnend Richtung Küche davon.

Frank überflog den Brief und seufzte erleichtert auf.

„Entwarnung!“, rief er. „Es ist weder eine Vorladung noch ein Inkassobüro noch sonst irgendwer, der unser Geld oder Seelenwohl pfänden will.“

„Um was geht es denn dann?“, schallte es aus der Küche.

„Es scheint, jemand ist gestorben. Jedenfalls kann ich das hier so rauslesen. Hör dir das mal an.“

Er begann vorzulesen.

Sehr geehrter Herr Wilkee,

bitte entschuldigen Sie das unsanfte Eindringen in Ihr Heim in Form dieses Briefes. Es ist weder meine Absicht, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, noch, Sie mit verlogener Werbepost zu belästigen.

Mein Name ist Rudolpho Santiago Mendoza Ramirez Handuselá. Ich war und bin der Rechtsanwalt Ihrer Großmutter.

Leider muss ich Ihnen hiermit mitteilen, dass Ihre ehrenwerte Großmutter, Sarah Wasserstein-Wilkee, am 30. September ihren letzten Atemzug nahm und aufgrund eines Herzversagens mit schmerzverzerrtem Gesicht über die Reling eines Kreuzfahrtschiffs kippte, woraufhin sie im Wasser ertrank. Da ich in Verbindung mit der Küstenwache und dem Kapitän keine sterblichen Überreste ausfindig machen konnte, habe ich beschlossen, sie ab heute, dem 12. Mai, für tot erklären zu lassen.

Hiermit tritt der Wille von Frau Sarah Wasserstein-Wilkee in Kraft. Da ihr Ehemann (und räudiger Schuft) Basil Wasserstein-Wilkee nach wie vor nicht ausfindig zu machen ist, sind Sie der alleinige Erbe.

Die Beerdigung findet am 19. Mai in Shuus statt. Aus oben beschriebenem Anlass wird es keinen offenen Sarg geben (dafür aber ein offenes Büfett und Bar).

Im Rahmen ihrer Beerdigungszeremonie werde ich ihren Willen verlesen, so wie sie es gewünscht hat.

Um Ihre Anwesenheit wird gebeten.

In ehrfürchtigem Mitleid verbleibt

Rudolpho Santiago Mendoza Ramirez Handuselá

 

Lillian hatte inzwischen bei Frank auf dem Sofa Platz genommen und kicherte vor sich hin.

„Wer schreibt denn bitte so einen Brief?“, fragte sie lächelnd.

„Der spanische Anwalt meiner verstorbenen Oma. Bei dem Mann zerfließen Taktgefühl und Humor zu einem merkwürdigen Gemisch.“

„Also Leute gibt es ... gehen wir da hin?“

„Natürlich. Schon allein weil ich dann eine Möglichkeit habe, meinen Opa wiederzusehen. Und außerdem interessiert mich, was es so zu erben gibt.“

„Ach, du bist unmöglich“, sagte Lillian und zog Frank eins mit dem Sofakissen über.

„Das verstehst du nicht. Das ist meine Oma. Die war schon steinalt, als ich noch jung war. Es ist mir ein Rätsel, wie es die Frau bis ins nächste Jahrtausend geschafft hat. Sie muss jetzt ...“, er überlegte kurz, „ja, ich glaube, dieses Jahr wäre sie 105 geworden. Und dann bei einer Kreuzfahrt so einen Abgang hinzulegen, das hat doch was, oder?“

Lillian verkniff sich weitere Kommentare und widmete sich ganz ihrem Honigtoastbrot. Auch Frank nahm sich eins vom Teller.

„Also wenn es etwas zu erben gibt, hätte ich gerne ein Haus“, sagte Lillian mit vollem Mund. „Ein Haus oder etwas Geld. Mir stinkt diese Stadt so langsam. Seitdem wir beide mit dem Studium fertig sind, existieren wir hier orientierungslos vor uns hin. Der letzte Fortschritt war unsere Hochzeit.“

„Was soll das denn heißen?“, sagte Frank kauend.

„Das soll heißen, du erhoffst dir seit Ewigkeiten den Durchbruch für deine Pflanzensamen, und ich entwerfe Schrott, weil keine angesehene Architektenfirma gerade einstellt. Und wir leben immer noch in deiner Studentenwohnung“, fügte sie hinzu.

In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Hundegebell von draußen.

„Und dann das. Es ist zehn Uhr abends und wie jeden Abend kläfft dieser dreibeinige Mist-Hund jetzt für eine geschlagene Stunde. Und um drei Uhr mittags kommt dann das Vieh von unserem direkten Nachbar und bellt für zehn Minuten. Und um siebzehn Uhr legt der Pitbull eine Etage unter uns los. Ich hasse Hunde, wirklich. Ich wünschte, die würden alle an ihren Tennisbällen ersticken. Du kriegst das ja alles nicht so oft mit, wenn du außer Haus bist.“

„Na komm, so schlimm ist es doch auch nicht, oder?“

„Doch. Ist es. Wie soll ich in Ruhe zeichnen und du an deinen Blumensamen arbeiten, wenn wir in einem Hundezwinger leben? Wie viele Samen hast du schon zerdrückt, weil dich das Hundegebell hat hochschrecken lassen?“

„Vielleicht ein Dutzend ...“

„Und ich hab bestimmt schon ein halbes Dutzend Geräteschuppen mit Zickzackdächern entworfen, weil mich diese vierbeinigen Alarmanlagen aus der Ruhe bringen. Das kann doch auf Dauer nicht so weitergehen.“

Lillian verspeiste den letzten Bissen ihres Honigbrotes und legte sich auf Franks Brust. Er streichelte sie liebevoll am Kopf.

„Hatte deine Oma nicht vielleicht ein schnuckeliges kleines Haus, das sie uns hinterlassen könnte?“

„Um ehrlich zu sein, ja.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich. Klein ist es jedenfalls, aber ob es schnuckelig ist, wird sich noch zeigen. Ich hab sie bestimmt seit zwei Jahrzehnten nicht mehr besucht.“

„Warum denn das?“, fragte Lillian und schaute zu ihm auf.

„Na weil sie einfach immer unterwegs war. Mein Opa war mehr so der gemütliche Typ, war gern zu Hause und hat sich mit einem Modellschiff beschäftigt. Meine Oma ist noch mit siebzig aus Flugzeugen gesprungen und hat rund um die Welt neue Erfahrungen gesammelt.“

„Wo ist dein Opa eigentlich?“

„Wenn ich das nur wüsste. Aber was ihm an neugieriger Abenteuerlust fehlt, macht er mit seinem irrsinnigen Geschwätz wieder wett. Fantastisch sag ich dir. Irgendjemand sollte den ganzen Stuss mal aufschreiben ...“

Lillian verzichtete auf eine Nachfrage und studierte lieber den Brief des Anwalts.

„Die Beerdigung ist schon übermorgen“, sagte sie und senkte den Brief. „Wir fahren auf jeden Fall mal hin. Eigentlich könnten wir genauso gut alles zusammenpacken und abhauen. Wir haben nichts zu verlieren außer eine Rechnungsadresse, und das könnte sogar von Vorteil sein, meinst du nicht?“

„Aber die Blumensamen ...“

„... können auch mal einen Tag warten.“

Franks Gesichtsausdruck schaffte es nicht annähernd, seine überforderte Gefühlslage darzustellen. Hier wurde eine wichtige und alles verändernde Entscheidung in wenigen Sätzen getroffen.

„Fahren wir jetzt wirklich dort hin?“, fragte er stutzig.

„Natürlich fahren wir hin. Wir haben gerade unsere Zukunftspläne mit der Post bekommen. Keiner von uns hat einen vernünftigen Job und wir haben praktisch kein Geld mehr. Wir haben nicht mal mehr genug, um Umzugskartons zu kaufen, geschweige denn, um einen Lkw zu mieten. Das bisschen Geld auf unserem Konto reicht wahrscheinlich grad so für die Tankfüllung nach Shuus. Dort kriegen wir bei der Beerdigung erst mal was zu futtern. Und überhaupt, was kann schon passieren?“

Kleine Momente wie diese erinnerten Frank daran, wie sehr er Lillian liebte. Es waren ihr Wagemut und ihre Furchtlosigkeit, die die beiden überhaupt erst zusammen gebracht hatte. Immerhin war sie eine Architektin und er ein Biologiestudent. Ihre Hobbys und Interessen waren ebenso verschieden wie ihre Persönlichkeiten. Lillian trank Tee, Frank bevorzugte Kaffee. Er blieb lieber zu Hause, sie streckte lieber den Kopf vor die Tür und lief einfach mal der Nase nach drauflos.

Lillian blickte ihm in die Augen und wartete gebannt auf eine Entscheidung.

„Und?“, fragte sie neugierig und verzog die Nase. „Wie sieht’s aus?“

„Einverstanden.“

„Ehrlich?“

„Ja, wir hauen ab. Auf Nimmerwiedersehen Großstadt. Viel haben wir wirklich nicht zu verlieren, außer uns. Und ich bin mir sicher, dass du mir noch eine ganze Weile erhalten bleibst.“

Lillian ließ ihn bei einem langen Kuss spüren, dass sie auf keinen Fall vorhatte, ihn alsbald zu verlassen.

Jedenfalls nicht aus freien Stücken.

 

Am nächsten Morgen fuhr gerade ein Lieferwagen vor, als Lillian hastig die letzten Kisten einräumte. Frank verpackte den Inhalt des Badezimmers. Der Umzug war in vollem Gange.

Bevor sie zu Bett gegangen waren, hatte Lillian mit einer Freundin gesprochen und sie gebeten, ihnen beim Umzug zu helfen. Frank rief Tim an. Die beiden waren zusammen im Heim aufgewachsen. Tim tat alles für Frank, und Frank tat alles für Tim. Eigentlich wollte Frank nur um seine Hilfe bitten, wenn es darum ging, ihren ganzen Plunder aus der Wohnung zu schleppen. Aber Tim hatte es sich nicht nehmen lassen und auch das passende Umzugsgefährt aufgetrieben. Es sollte sogar ein Geschenk sein.

„Frank“, rief Lillian aus dem Wohnzimmer.

Er reagierte nicht.

„Frank“, sagte Lillian und lief Richtung Badezimmer. „Lass es uns noch mal durchgehen: Wir lassen das alte Sofa hier, die durchgelegene Matratze, die hässlichen Regale, Teppiche und der kaputte Fernseher. Die Küche gehört sowieso dem Vermieter und der Schreibtisch den Holzmaden. Hab ich irgendwas vergessen?“

„Ich glaube, das war alles. Kleider, Elektronik und ein bisschen Krimskrams. Das nehmen wir mit. Ist Tim schon da?“

„Keine Ahnung, ich hab niemanden gehört. Ich kann ja mal kurz nachschauen.“

Lillian lief zu einem der großen Wohnzimmerfenster und öffnete es. Dann beugte sie sich hinaus, um nach unten zu sehen.

„Da steht ein Lieferwagen vor der Haustür. Aber ich kann Tim nirgends sehen“, murmelte sie zu sich selbst. Lillian kniff die Augen zusammen. Vielleicht war er ja irgendwo da unten und sie konnte ihn nur nicht sehen. Auf dem Gehweg gegenüber stand ein Mann in Tims Alter, der sich gegen die Wand lehnte und in eine Zeitung starrte.

Ist das Tim?, überlegte Lillian.

Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug eine Sonnenbrille.

„Hey, Tim“, schrie Lillian aus dem Fenster.

Der Mann in Schwarz blickte zu ihr empor und grinste hämisch.

Mist, das ist er nicht, dachte sie sich und erschrak sofort, als zwei kalte Hände nach ihren Schultern griffen.

„Guten Morgen, Blondie“, sagte Tim, der sie von hinten gepackt hatte.

Lillian drehte sich rum. „Guten Morgen, du Spinner.“

Sie umarmte ihn freundschaftlich und küsste ihn auf die Wange.

„Huch“, sagte Tim, „da ist jemand aber gut gelaunt.“

„Natürlich. Ich darf doch umziehen“, sagte sie und flitzte an ihm vorbei.

„Hab ich gehört. Wo ist denn unsere schlechtere Hälfte?“

Lillian griff nach der nächstbesten Zeitschrift und klopfte Tim hart gegen den Kopf.

„Autsch, Vorsicht, Lady. Mein Kopf ist mein Kapital.“

„Oh Blödsinn, Tim. Wenn dein Kopf dein Kapital wäre, würdest du jetzt umziehen und ich dir einen Lieferwagen vor die Tür stellen“, schimpfte sie mit erhobener Zeitschrift, „deine bessere Hälfte ist im Badezimmer. Die Liebe meines Lebens auch.“

Tim drehte den Kopf zur Seite und starrte ihr in die Augen. Als Antwort verpasste sie ihm noch eine mit der Zeitung, küsste ihn auf die andere Wange und machte sich daran, ihr Zeichen-Tablet in eine Kiste zu verstauen.

Plötzlich klopfte es an der Tür.

„Komm ruhig rein, wer immer du bist“, schrie Tim der Tür entgegen. „Was auch immer du uns antun willst. Ich bin dir gewachsen, hab ich recht, Lillian?“, spottete Tim und grinste in ihre Richtung.

Lillian schüttelte den Kopf und machte eine abweisende Geste. Die Tür wurde aufgestoßen und eine Frau betrat die Wohnung.

„Lillian? Frank?“, fragte sie und klackerte auf ihren hohen Absätzen ins Wohnzimmer. Doch den Ersten, den sie erblickte, war keiner von beiden.

„Yuck, Tim. Pfui. Was machst du denn hier?“, fragte Bea angewidert.

„Bea, na du? Geht es dir gut?“, setzte Tim an und ging mit offenen Armen auf sie zu.

„Bleib weg von mir!“, sagte sie und schob ihn zur Seite, um zu Lillian zu kommen.

„Lilly, meine Liebe. Endlich! Ich dachte schon, ihr zwei würdet auf ewig in dieser Wohnung versauern. Gott sei Dank ist diese alte Frau gestorben und hat euch damit eine Chance verschafft.“

Beim letzten Satz war Frank gerade ins Wohnzimmer gekommen.

„Ja, sind wir nicht alle froh, dass meine Oma endlich tot ist“, sagte er entrüstet und verschränkte die Arme.

So manch andere wäre jetzt vielleicht rot geworden, aber nicht Bea. Sie behielt ihre gesunde Hautfarbe.

„Du weißt, so hab ich das nicht gemeint. Niemand erbt gerne, aber jeder ist doch froh, wenn es etwas zu erben gibt. Habe ich recht?“

Sie bekam keine Antwort und wertete die Reaktion schlichtweg als Zustimmung.

„Na also, ich kannte deine Oma zwar nicht, aber sie war bestimmt lieb und nett und ... deine Oma. Und jetzt ist sie nicht mehr da, aber wir sind noch da und können endlich aufatmen, dass es mit euch beiden wieder vorangeht und ihr endlich zu dem Erfolg gelangt, den wir alle seit Jahren von euch erwarten.“

Nach diesem langen Geständnis musste sie tief Luft holen. Bea nahm auf dem Sofa Platz. Sie kickte ihre Heels von den Füßen und schlug die Hände im Schoß zusammen.

„Also, seid ihr so weit. Ist alles verpackt?“

Tim ließ sich neben ihr auf das Sofa fallen und musterte sie. Ihre schulterlangen Haare waren zerzaust und ihr Make-up verriet, dass sie geweint hatte. Selbst ihre Strumpfhose war an einer Stelle gerissen.

„Bea, du hast aber schon mal besser ausgesehen.“

Wütend blickte sie ihm in die Augen.

„Möglich.“

„Bea, wenn ich dich jetzt fragen würde, wo du gestern gewesen bist. Und wenn ich vermuten würde, dass du den Abend mit jemandem verbracht hast, der sich als deiner unwürdig erwiesen hat. Würde ich dann richtig liegen?“

„Eventuell“, zischte Bea zwischen ihren Zähnen hervor.

„Arme Bea. So viel Kohle und niemand, der dich haben will.“

Diesmal schwieg Bea. Lillian setzte sich auf die freie Seite neben sie und nahm sie in den Arm.

„Ich hab dich lieb, Bea“, sagte sie und kuschelte sich an sie.

„Danke, Lilly, aber solange du nicht bereit bist, Frank zu verlassen, um mit mir durchzubrennen, wird aus uns wohl nichts werden.“

„Wer weiß, ich bin gerade dabei, all meine Sachen in einen Lieferwagen zu laden. Wenn du schneller bist als Frank, hast du vielleicht Glück.“

„Okay“, sagte Frank und würgte die Albernheiten ab. „Genug. Platz da, ich komme.“ Er legte sich geradewegs auf den Schoß der drei, sodass er Lillian in die Augen blicken konnte.

„Jetzt, da unsere Möbelpacker da sind, können wir loslegen. Was meinst du?“

Lillian nickte und küsste ihn schnell. Er warf Bea einen Blick zu, der ihr versichern sollte, dass Lillian bei ihm bleiben würde.

„Sehr gut. Und wenn die alte Jungfer und Tim fertig sind, machen wir uns gleich auf den Weg.“

„Alte Jungfer, pah. Ich wäre beleidigt, wenn es nicht wahr wäre. Ich bin 36 Jahre alt und wenn ich nicht bald jemanden finde, muss Tim als Notlösung herhalten. Und zwar nur, weil du weniger Batterien verbrauchst als mein gegenwärtiger Lebenspartner.“

„Großartige Unterhaltung“, würgte Tim hervor und schluckte, „aber sind wir nicht alle heute hier zusammengekommen, um schwere Kisten ein endloses Treppenhaus hinunterzuschleppen?“

„Richtig“, stimmte Frank von Lillians Schoß zu.

„Na dann los, Jungs“, sagte Lillian, „ihr könnt die Kisten schleppen und wir zwei packen die restlichen Sachen ein.“

„Wieso müssen wir die schweren Sachen schleppen und ihr nur verpacken?“, Frank begann zu flüstern und wusste doch ganz genau, dass ihn jeder hören konnte. „Ich hab eine Idee. Warum lassen wir nicht Tim und Bea das schwere Zeug ins Auto schleppen und verpacken weiterhin was noch da ist. Und wenn uns die Sachen ausgehen, tun wir einfach so, bis sie fertig sind?“

„Weil wir unsere Freunde nicht ausnutzen“, erklärte Lillian im gleichen Flüsterton, „und weil ihr Jungs die Drecksarbeit machen könnt, während ich Bea tröste. Sie hatte nämlich offensichtlich eine furchtbare Nacht.“

Bea und Lillian nutzten die Situation für ein schamloses High-five. Frank lachte, und Tim schüttelte den Kopf.

„Es gibt ein Wort für solche Verschwörungen“, protestierte Tim, „es fällt mir zwar gerade nicht ein, aber es gibt definitiv eins.“

„Komm, Tim“, sagte Frank und stand auf, „wir legen mal los.“

„Und wenn ich aber keine Lust habe?“

Bea hob einen ihrer Schuhe vom Boden auf und zielte mit dem spitzen Absatz auf seinen Schritt.

„Wirklich?“, fragte Tim und schüttelte den Kopf. „Na gut, ich geh ja schon.“ Er kapitulierte. Frank und Tim schnappten sich je eine Kiste und machten sich auf den Weg ins Treppenhaus. Frank hatte die Wohnung schon verlassen, als sich Tim nochmals umdrehte.

„Weißt du, Bea, es ist deine liebenswerte Art, die Männer so an dich bindet.“

Sie feuerte einen Schuh in seine Richtung, den Tim mit der Umzugskiste abwehrte. Tim glotzte dem Schuh hinterher, der klumpig zu Boden ging.

„Da fragt man sich doch, ob du überhaupt irgendwo ins Ziel kommst. Oder ob bei dir einfach alles daneben geht.“

Wütend griff sie nach ihrem zweiten Schuh und donnerte ihn mit voller Wucht genau auf Tims Kopf.

„Bea, nicht!“, rief Lillian, doch es war bereits zu spät.

Der Schuh flog in kreisenden Bewegungen auf Tim zu und hätte ihm wahrscheinlich sein Nasenbein zerschmettert, hätte Frank ihn nicht mit einem knappen „Komm jetzt, du Trottel“ in den Flur gezogen. Der Absatz des Schuhs blieb im maroden Putz hängen und baumelte unglücklich hin und her.

Tim und Frank trugen mühsam Kiste um Kiste hinunter und verstauten die Habe im Lieferwagen, der sich als Sprinter entpuppte. Auch wenn es kein Sofa und keinen Herd zu schleppen galt, stand den beiden am Ende der Schweiß auf der Stirn. Jetzt standen sie draußen, lehnten gegen den Transporter und gönnten sich eine schwer verdiente Verschnaufpause.

„Jetzt erklärt mir aber mal“, fragte Tim, „was genau hast du geerbt?“

„Was genau hat der Brief nicht erwähnt. Aber es geht um den Nachlass meiner Großmutter aus Shuus. Ein kleiner Ort mitten im Nirgendwo. Es ist recht schön dort draußen, sehr abgelegen. Soweit ich weiß, ist Shuus eine ehemalige Schmugglerstadt, die erst spät offiziell bekannt wurde.“

„Und jetzt haut ihr zwei einfach so ab, von heute auf morgen? Habt ihr euch schon mal ausgemalt, dass das alles nach hinten losgehen könnte?“

Franks Antwort ließ ein paar Sekunden auf sich warten.

„Zugegeben, lange gezögert haben wir nicht. Wozu auch? Die ganzen ausstehenden Rechnungen, unsere mickrigen Jobs und die schlechten Aussichten. Was hält uns schon noch hier? Entweder es ändert sich jetzt etwas, und zwar schlagartig, oder wir beide werden zuerst mit unserem Arbeitsleben und dann miteinander todunglücklich. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, bei der er sich gebraucht und geschätzt fühlt, findest du nicht?“

„Der Mensch braucht seinen besten Freund in greifbarer Nähe, du treulose Tomate“, legte Tim Widerspruch ein.

„Na komm“, sagte Frank grinsend, „du bist doch ein großer Junge mit einem eigenen Auto. Shuus ist zwar recht weit von hier entfernt, sieben Stunden, wenn mich mein Navigationssystem nicht anlügt, aber das bedeutet ja nicht, dass es damit zwischen uns beiden gelaufen ist, oder?“

„Ich will wissen, dass du gut angekommen bist“, sagte Tim in beschützerischem Ton. „Und besuchen will ich dich auch alsbald, verstanden?“

Frank antwortete ihm mit einem Grinsen.

„Komm, wir gehen wieder nach oben. Bevor die zwei Mädels feststellen, dass sie ohne uns doch viel besser dran sind“, sagte Frank und klopfte Tim auf die Schulter.

Auf dem Weg nach oben kreisten Franks Gedanken um die bevorstehende Veränderung und all ihre Folgen. Eigentlich war der Umzug das Beste, was jetzt kommen konnte. Er war nicht etwa bereit, umzuziehen, weil er sich davon eine Besserung für sich erhoffte, sondern für Lillian. In vielerlei Hinsicht war sie ihm überlegen. Sie war intelligenter und anpassungsfähiger als er. Schon seit dem Anbeginn ihrer Beziehung war er davon überzeugt, dass seine stärkste Eigenschaft darin bestand, ihr zu folgen, anstatt sich querzustellen. Tief in sich glaubte er, dass er sie gehen lassen könnte, wenn er ihrem eigenen Glück im Weg stünde. Aber woher er wissen sollte, wann dieser Punkt erreicht war, wusste er auch nicht. Eigentlich sollte er sich keine solchen Sorgen machen.

Eigentlich.

Bea schien ihre vorübergehende Lebenskrise inzwischen überwunden zu haben. Lillian hatte bereits ihre kurze Lederjacke angezogen und noch eine Tasche mit Kleinkram neben sich bereitgestellt. Die Wohnung war ausgeräumt und alles war so weit abreisebereit. Auf die übliche Kiste Bier mit Imbiss mussten die Umzugshelfer leider verzichten. Bea war todmüde und Tim musste zurück zur Arbeit.

Wenig später saßen Lillian und Frank auch schon in ihrem Umzugswagen. Sie hatten sich von ihren Freunden verabschiedet, ein baldiges Wiedersehen versprochen und wollten jetzt endlich los.

„Ready, willing Lilly?“, fragte Frank, der am Steuer saß.

„Ready, friendly Franky!“

Frank ließ den Motor an und trat aufs Gas. Die beiden kehrten ihrem alten Leben für immer den Rücken.

3

 

 

Der rostbraune Sprinter glitt um die Kurven wie ein Boot auf hoher See, das ins Unbekannte hinaussteuerte. Gerade hatten sie die Straße verlassen, in der sie die letzten fünf Jahre zusammengelebt hatten. Jetzt bogen sie auf die Hauptstraße und folgten ihr bis zum Ortsausgang. Ihre ehemalige Universität lag direkt neben der Auffahrt zur Schnellstraße, die sie nach Shuus bringen würde.

Frank hatte anfangs Schwierigkeiten gehabt, das lange Gefährt richtig in die Kurven zu steuern. Er befürchtete, das lange Heck würde ihm ausbrechen und beim Auslenken gegen den Bordstein stoßen. Daher fuhr er langsam und vorsichtig, und erst als sie in die Auffahrt Richtung Schnellstraße abbogen, gab er richtig Gas. Vorbei an der Universität und hinaus aus der Großstadt. Über 700 Kilometer trennten sie jetzt von Shuus.

Die Fahrt würde angenehm werden,

ging es ihm durch den Kopf und damit begannen seinen Gedanken abzudriften. Es war eine Ewigkeit her, seitdem er das letzte Mal Shuus besucht hatte. Soviel Frank wusste, gab es auch in Shuus einen Blumenladen. Sollte sich das Erbe auf ein paar wertlose Stricknadeln und eine Ansammlung von verstörten Katzen belaufen, könnte er immer noch im örtlichen Blumengeschäft anheuern und Lilly könnte weiterhin ihre Holzhütten entwerfen. Das lief alles online ab. Er ließ die Vorstellung für einen Moment so stehen und wurde dann von einem Schütteln überzogen. Nein, so durfte er die Sache erst gar nicht angehen.

Das Radio sorgte für Unterhaltung und die Stunden zogen an den beiden vorbei. An einem Rastplatz warf Frank einen Blick auf das Navigationssystem. Fast die Hälfte der Strecke lag hinter ihnen. Er und Lillian wechselten die Plätze. Den Rest des Weges würde sie fahren, und Frank war froh, sich ein klein wenig ausruhen zu können.

 

Zu allererst verstellte Lillian den Sitz. Frank war wesentlich größer als sie und daher rutschte sie ein wenig nach vorne. Auch der Spiegel entsprach nicht ihren Vorstellungen und erst, nachdem sie den Sitz hochgepumpt hatte, wendete sie sich Frank zu.

„Jetzt brauch ich noch genau zwei Dinge“, erklärte sie, „einen Kuss und gute Musik. Kannst du mir da helfen?“

Frank lehnte sich rüber und küsste sie. Währenddessen schaltete seine freie Hand das Radio auf einen Oldiesender. Aus den Lautsprechern sang eine sanfte Männerstimme im flotten Takt über das Böse im Guten. Lillian startete den Wagen und lenkte ihn zurück auf die linke Fahrbahn. Es konnte weitergehen.

Der Rest des Weges verlief wie ein Wunder ohne Stau oder andere Verkehrsstörungen. Die Straße führte geradeaus und Lillian folgte ihr in aller Gemütlichkeit. Kleine Ortschaften und Wälder zogen an ihnen vorbei und Frank entspannte sich. Er hatte den Kopf nach hinten gelegt und seine Schuhe ausgezogen. Lediglich seine Zehen zuckten zum Rhythmus des aktuellen Songs.

Lillian drehte das Radio leiser.

„Frank, sag mal, wie ist es so in Shuus?“, fragte sie neugierig.

„Es ist ein schöner kleiner Ort, der sehr abgelegen ist. Shuus liegt im Tal und viel Aufregung herrscht dort nicht gerade. Es gibt genau einen Supermarkt und eine Einfahrt in den Ort.“

„Glaubst du, dein Opa taucht noch auf?“

„Er wird bestimmt bei der Beerdigung anwesend sein, wenn er noch am Leben ist. Wer ist schon nicht bei der Beerdigung der eigenen Ehefrau anwesend? Wenn ich tot wäre, würdest du doch sicher auch zur Beerdigung gehen, oder?“

„Ja, aber du stirbst noch lange nicht, klar?“

„Ich hab es nicht vor.“

Der Sprinter schoss an einem Straßenschild vorbei, das Shuus ankündigte.

„Shuus ist nur noch 3 km entfernt“, sagte Frank. „Warum machen wir uns nicht ein aktuelles Bild? Vor Ort meine ich.“

Lillian nickte zustimmend. „Und anschließend fahren wir direkt zur Beerdigung.“

Lillian warf einen raschen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett.

„Ob die Beerdigung wohl schon begonnen hat? Aber was sind schon ein paar Minuten. Wir setzen uns einfach in die hinterste Reihe und hören zu.“

Sie steuerte den Sprinter auf die Ausfahrt zu und bog, wie es schien, auf einen Feldweg ein. Der Verkehr war nicht wie gewohnt durch einen Mittelstreifen getrennt und zur Rechten hatte man die Straße behelfsmäßig mit Kies auf zwei Spuren erweitert. Zu allem Überfluss war die Straße von Bäumen umzingelt, die Lillian vor jeder Kurve die Sicht raubten. Momentan gab es keinen Gegenverkehr und Lillian hoffte, dass das auch so bleiben würde. Die kleine Straße schlängelte sich einen Kilometer dahin und endete vor einem Tunnel. Am Eingang befand sich eine Ampel, die ausgeschaltet war und nichts anzeigte.

„Wofür ist denn die Ampel gedacht?“, fragte Lillian und fuhr in den Tunnel.

„Wahrscheinlich als Signal, damit zwei Fahrzeuge nicht den Tunnel verstopfen. Aber da du jetzt eh schon daran vorbeigefahren bist, mein kleiner Rennfahrer, ist es wohl sowieso egal.“

„Ganz richtig!“, stimmte ihm Lillian zu.

Lillian ging etwas vom Gas und schaltete die Scheinwerfer ein. Der Tunnel war genauso minimalistisch angelegt wie zuvor die Straße. Die Innenwände waren nicht aus Beton, sondern aus Holz. Lange gebogene Balken stützten die Decke. Eine Beleuchtung gab es nicht. Der Sprinter passte gerade so durch den Tunnel, wenige Zentimeter mehr und er wäre stecken geblieben.

Lillian verzog die Augen zu Schlitzen, um sich auf den Lichtkegel der Scheinwerfer zu konzentrieren. Anstatt einer elektrischen Lampe, die alle fünf Meter Licht spendete, wartete die Straße lieber mit zahlreichen Kurven auf. Ganz zum Leid von Lillian, die die Geschwindigkeit inzwischen auf 30 Stundenkilometer gedrosselt hatte. Es ging zweihundert Meter geradeaus, dann abwärts und schließlich mehrere Meter steil um eine Rechtskurve. Dann eine Linkskurve. Plötzlich ging es dermaßen steil bergauf, dass der Motor Mühe hatte, mit der Steigung fertigzuwerden. Lillian schaltete einen Gang herunter und gab wieder Gas. Der Motor freute sich über neue Zugkraft und schoss mit einem Aufbrummen die Anhöhe hinauf. Jetzt war es Frank, der die Augen zusammenkniff und sich nach vorne lehnte.

„Lilly ...“, sagte er.

Er könnte schwören, ein Motorenbrummen zu hören. Leise und dumpf, aber da war irgendetwas.

Der Wagen hatte die Anhöhe jetzt fast erklommen. Der Lichtkegel schoss bereits darüber hinaus und neigte sich abwärts.

„VORSICHT“, schrie er.

In ihrem Lichtkegel tauchte ein kleiner Lkw auf, der, ohne die Absicht anzuhalten, auf sie zukam. Lillian trat das Bremspedal durch und kam zum Stehen. Der Lkw donnerte weiter auf sie zu.

„Was macht der denn?“, fragte Lillian hastig und hämmerte auf die Hupe.

„Hey, du Verrückter“, rief sie und hupte ein letztes Mal.

Der Lkw kam wenige Meter vor dem Sprinter zum Stehen.

„Und jetzt?“

Die Straße war zu eng, damit die beiden großen Fahrzeuge aneinander vorbeimanövrieren könnten.

Der Fahrer des Lkws stieg aus und kam auf den Sprinter zugelaufen.

„Lilly, was hat der vor?“, fragte Frank ängstlich und zupfte nervös an seiner Fliege.

„Wir werden es wohl gleich erfahren.“

Selbstsicher ließ Lillian das Fenster herunter und hängte lässig den Ellenbogen raus. Der Lkw-Fahrer, ein älterer Mann Ende sechzig mit runzligem Gesicht und einer Zigarette im Mundwinkel, blieb vor dem offenen Fenster stehen.

„Das ist wohl gerade noch mal gut gegangen, was?“, fragte Lillian.

„Ja“, sagte der Mann, „ihr solltet umkehren.“

„Warum sollen wir umkehren?“, fragte Lillian misstrauisch.

„Ihr habt keine Chance. Ihr braucht es erst gar nicht zu versuchen. Aber niemand hört auf mich, niemand will mir glauben. Am Ende geht es euch doch allen gleich. Ihr wünscht euch, dass ihr nie hierhergekommen wärt.“

Lillian neigte sich zu Frank hinüber und flüsterte:

„Mit dem ist es nicht weit her.“

„Denkst du, ich kann dich nicht hören, nur weil du flüsterst?“, sagte der Mann mit lauter Stimme.

„Ehrlich gesagt hatte ich das gehofft. Aber da Sie alles mitbekommen haben, tut es mir sogar aufrichtig leid.“

Sie neigte sich wieder zu Frank.

„Tut es nicht. Was machen wir, damit der kurz zurücksetzt? Wir sind so gut wie da. Ich werde bestimmt nicht die ganzen Kurven rückwärts zurück aus dem Tunnel fahren.“

„Ich lebe seit 45 Jahren in Shuus und habe noch nie zurücksetzen müssen. Habt ihr die Ampel am Tunneleingang nicht gesehen? Es gibt eine Ampel, damit zwei Fahrzeuge nicht den Tunnel verstopfen.“

„Ach ja, die Ampel“, flüsterte Frank, „erinnerst du dich? Am Eingang des Tunnels. Damit zwei Fahrzeuge nicht den Tunnel verstopfen.“

„Genau. Die Ampel“, stimmte ihm der alte Mann zu.

„Okay. Einverstanden. Meine Schuld“, sagte Lillian und gestikulierte wild mit den Händen. „Ich hätte an der Ampel kurz anhalten sollen. Es tut mir leid.“

„Dein Leid nützt mir nichts. Ich habe es eilig. Ich muss dringend zur Ampel vor dem Tunnel, die Batterien sind leer und müssen getauscht werden. Wenn jetzt zwei Fahrzeuge kommen, verstopfen sie den Tunnel.“

„Aber ... das bedeutet doch, dass wir so oder so aufeinander festsitzen würden?“, sagte Lillian fassungslos.

„Nicht, wenn sie die Ampel abgewartet hätten, junge Dame“, erklärte der Mann.

Frank hatte beschlossen, Lillian ein wenig zu necken.

„Mensch, Lilly, hätten wir doch bloß die Ampel abgewartet. Dann wäre jetzt alles gut.“

„Ja, alles wäre gut, wenn Sie die Ampel abgewartet hätten, junge Dame.“

Frank warf ihr ein Augenbrauenzucken zu und musste es sich verkneifen, laut loszulachen.

„Also gut, Jungs“, sagte Lillian, „wie kommen wir hier wieder raus. Wie ist dein Name?“, fragte sie den Mann.

„Phil, junge Dame. Und ich muss die Ampel reparieren. Wenn die Ampel nicht funktioniert, ist es vielleicht möglich, dass zwei Fahrzeuge den Tunnel verstopfen. Und wenn eines der beiden Fahrzeuge den zwei Gästen gehört, kommen sie zu spät zur Beerdigung ihres Angehörigen. Sofern sie sich in einem der beiden Fahrzeuge befinden, die den Tunnel verstopfen könnten.“

„Aha!“, rief Lillian, die ein Schlupfloch in seiner Logik erkannt hatte.

„Phil, es ist dein Glückstag“, sagte sie, „wir sind die zwei Gäste.“

„Wunderbar!“, sagte Phil und lächelte, dass ihm die Kippe bis ans rechte Ohrläppchen rutschte. Langsam drehten sich die rostigen Zahnräder in seinem Schädel und er sagte: „Oh nein. Dann sitzen Sie ja jetzt hier wegen mir fest.“ Sein Lächeln verschwand und seine Zigarette rutschte samt Mundwinkel zu einem bedauernden Gesichtsausdruck herab. „Die Beerdigungszeremonie beginnt bald. Warten Sie. Ich setze zurück. Am Ende der Anhöhe ist eine Bucht genau für solche Fälle.“

„Phil, das wäre doch wunderbar. Mehr kann ich mir gar nicht wünschen“, sagte Lillian und kaute auf einem imaginären Kaugummi.

Phil nickte zustimmend und schlappte zurück zu seinem Lkw. Er startete den Motor und rollte rückwärts die Anhöhe hinunter, wo er in der Parkbucht verschwand.

„Danke, Phil“, sagte Lillian und hupte noch zwei Mal, während sie an ihm vorbeifuhr.

„Die Zeremonie soll bald beginnen. Wir müssen uns beeilen!“, erklärte Frank hastig.

„Immer mit der Ruhe“, meinte Lillian, „jetzt schauen wir uns erst mal Shuus an. Da ist es ja auch schon.“

Der Sprinter schoss aus dem Tunnel. Ein Schild kurz hinter dem Ausgang begrüßte Lillian und Frank mit freundlichen Worten:

WILLKOMMEN IN SHUUS

HEIMAT DER GEMÜTLICHKEIT

„Danke schön“, sagte Lillian und trat aufs Gas. „Jetzt bin ich aber mal gespannt, was du uns zu bieten hast, Heimat der Gemütlichkeit.“

4

 

 

In der Kirche von Shuus waren inzwischen die letzten ortsansässigen Trauergäste eingetroffen. Pfarrer Glenn Clark befand sich im Gespräch mit einer älteren Dame und hörte ihr aufmerksam zu. Sophie, die den örtlichen Blumenladen betrieb, hatte für die Zeremonie Blumen gestiftet und kontrollierte den Kranz neben dem Sarg. Weiße Tulpen mit schwarzen Rosen in grünen Gestecken. Immer mal wieder musste sie kurz innehalten, um sich eine Träne aus den Augen zu wischen. Vorne neben dem Sarg stand ein großes Bild von Sarah, auf dem sie mit Rucksack an einem Gebirgshang in die Kamera lächelte. Das Bild strahlte genau die Art von Lebensfreude aus, für die Sarah bei ihren Freunden bekannt war. Und jetzt war sie mit einem Mal aus der Welt verschwunden, für immer.

Vor der Kirche blickte ein kleiner Mann in einem leicht verschwitzten Anzug nervös auf seine Armbanduhr. Dann ging er in die Kirche und steuerte geradewegs auf den Pfarrer zu. Leise wisperte er ihm etwas zu, klopfte ihm auf die Schulter und verließ die Kirche wieder, um noch ein wenig zu warten. Glenn legte der Frau, die auf ihn einredete, die Hand auf die Schulter und wies sie mit einer Bewegung an, sich in der Menge einen Sitzplatz zu suchen. Langsam wackelte sie schluchzend davon und setzte sich. Der Pfarrer schritt die Stufen zum Pult empor und nahm seine gewohnte Position ein.

„Liebe Gemeinde, Señor Handuselá hat mich informiert, dass unsere beiden Gäste noch nicht eingetroffen sind. Ich möchte Sie um einen Augenblick Ihrer Geduld bitten. Ich bin mir sicher, unsere Gäste werden bald hier sein. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

Ein alter Mann mit einer dicken Brille, die in den 70er der letzte Schrei gewesen sein musste, rümpfte die Nase und sprach aus, was so einige dachten. „Das kann doch nicht wahr sein ... machen diese zwei Erbschleicher etwa eine Spazierfahrt?“

 

Lillian steuerte den Sprinter langsam durch Shuus, damit sie auch nichts verpassten. Als die Straße einen Schlenker nach rechts machte, kamen sie an einer kleinen Apotheke vorbei. Sie blickten links aus dem Fenster und sahen ein großes Feld, auf dem zwei Kühe, ein paar Hühner und ein Schwein hin und her liefen. Irgendjemand hatte all die Tiere auf ein und dieselbe Weide gestellt. Am Ende der Weide befand sich ein alter Bauernhof mit einem fast schon Herrenhaus ähnlichen Wohngebäude. Es gab keine Silos und auch keinen matschigen Vorhof oder einen Traktor. Die Einfahrt war fein säuberlich mit Kies ausgebettet und der Weg vor dem Haus geteert. Eine alte Limousine ruhte vor dem Gebäude. Lillian lenkte den Wagen links die Straßen entlang. Langsam nährten sie sich dem Ortsinneren. Auf einem Schild las Frank: „Sophie und Sarahs Blumenladen - Sträuße für jeden Anlass.“

„Mensch, es hat sich echt eine Menge getan, seitdem ich das letzte Mal hier war. Irgendwo hier muss auch noch die alte Tischlerei meines Opas sein. Er hat in Handarbeit alles hergestellt, was du dir nur vorstellen kannst: Tische, Stühle und sogar ganze Häuserfassaden oder Kinderspielzeug. Er war wirklich geschickt mit seinen Händen.“

Und wie er so erzählte, öffnete sich eine Tür zu Erinnerungen, die Frank schon lange nicht mehr angetastet hatte. „Er hat mir jedes Jahr ein Spielzeug geschenkt. Eins zu Weihnachten und eins an meinem Geburtstag. Da waren echt die tollsten Sachen dabei, nicht nur Autos oder Figuren. Einmal hat er mir einen ganzen Kran gebaut, der sogar funktioniert hat. Er war wirklich begabt. Ich würde zu gern wissen, was aus ihm geworden ist.“

„Lass uns mal hier rechts abbiegen, es sieht so aus, als ob wir sonst in ein Wohngebiet kommen.“

Lillian setzte den Blinker und bog rechts ab. Ihr war aufgefallen, dass ihnen bisher noch kein einziges Auto entgegengekommen war.

„Wahrscheinlich sind alle bereits auf der Beerdigung“, schlussfolgerte sie. Der Sprinter rollte die Straße entlang und passierte ein kleines Kino, dessen Werbeparole die nächsten Attraktionen ankündigte:

DEMNÄCHST

Ghostbusters

&

Ghostbusters II

„Das lob ich mir“, sagte Frank, „hier laufen noch die wirklich guten Filme.“

„Das Kino wird bestimmt von einem Filmliebhaber betrieben. Wer zahlt denn noch Geld, um Jahrzehnte alte Filme zu sehen?“

„Lilly ...“, setzte Frank an und stockte vor Begeisterung.

„Was denn?“

„Da hinten ist ein Asiate. Wir können lecker essen gehen und später Ghostbusters auf der großen Leinwand anschauen. An einem Abend.“ Frank starrte mit einer kindischen Begeisterung auf das Restaurant, das zwischen dem Kino und einer Bank aufragte. Hinter dem roten Schriftzug, der „Suchoong’s“ buchstabierte, war noch der Name des Vorbesitzers zu erkennen.

„Spencers finest“, las Lillian vor. „Scheint wohl nicht immer ein Asiate gewesen zu sein.“

„Bis das Schicksal eingegriffen hat und diesen Irrtum korrigierte. Was meinst du? Heute Abend Ghostbusters und gebratenen Reis?“

Lillian nickte. „Weißt du was, Frank, ich glaube, uns wird es hier gut gehen. Vielleicht hatte deine Oma einen Anteil an dem Blumenladen, und vielleicht hat sie ihn dir sogar vermacht.“

„Möglich“, sagte Frank, „es wäre eine tolle Sache, so einen Laden nach meinen Vorstellungen zu gestalten.“

„Jetzt müssen wir erst mal zur Beerdigung. Mensch, schau dir das an.“ Lillian hielt den Wagen an und kam vor einer Abbiegung zum Stehen. Vor ihnen stand eine Gärtnerei.

„Die ist ja riesig“, beobachtete Frank.

Sechs lange Gewächshäuser lagen direkt nebeneinander. Im Inneren waren bunte Blumen und Grünzeug zu erkennen. Eine automatische Sprinkleranlage goss gerade in einem der Gewächshäuser die Blumen, während an einem anderen das Sonnendach aufging.

Frank war beeindruckt. „Scheint voll automatisiert zu sein. So was ist ganz schön kostspielig. Würde mich nicht wundern, wenn hier für den Großmarkt angebaut wird. Jedes einzelne dieser Gewächshäuser muss über hundert Meter lang sein. Beeindruckend.“

Frank starrte wie gefesselt auf die vorbeiziehende Gärtnerei, während Lillian schon wieder etwas Neues entdeckt hatte.

„Siehst du das auch? Ist das eine goldene Statue?“, sagte sie und bog nach links Richtung Stadtzentrum ab. Ein großer Kreisverkehr führte um einen prunkvollen Brunnen herum. Das Stadtzentrum an sich war eher mau, es bestand aus dem Rathaus und einer goldenen Statue, die die Stadtverwaltung um mehrere Meter überragte. Lillian hielt vor der Statue an, zog den Schlüssel ab und stieg aus. Frank folgte ihr.

„Devin McShuus“, las sie von einer Plakette unterhalb der Statue ab. „Der Gründer unserer schönen Stadt. Schmuggler, Philosoph und zu hundert Prozent selbstlos.“

„Ich erinnere mich“, sagte Frank, „er soll mit dem Schmuggeln von Schnaps und Tabak so viel Geld verdient haben, dass er Shuus gegründet hat. Er ernannte sich zum ersten Bürgermeister und hat nie auch nur einen Tag in seinem Leben als solcher gearbeitet.“

Sie drehten sich um. Am Rathaus selber hing ein Schild mit der Aufschrift „Nie eröffnet und permanent geschlossen. Bei politischen Fragen treffen Sie bitte selber die richtige Entscheidung. Danke - Devin McShuus.“

Das gesamte Gebäude war aus Beton und machte den Eindruck, als hätte man es aus einem riesigen Förmchen gegossen.

„Wie verrückt“, sagte Lillian.

„Oh, warte erst mal, bis du die ersten Einwohner kennenlernst.“

„Jetzt sollten wir uns aber wirklich auf den Weg machen. Man wartet bestimmt schon auf uns.“

„Och, lass sie doch noch ein klein bisschen länger warten“, sagte Frank und nahm Lillian in den Arm.

„Willst du mit mir alleine sein oder deine Oma beerdigen? Du hast die Wahl“, sagte Lillian und lächelte ihn an.

Frank überlegte. „Kann ich nicht beides haben? Wir können die Leute ruhig noch ein wenig warten lassen. Wie viele können in der Kirche schon auf uns warten. Der Ort ist winzig.“

Lillian lockte ihn mit dem Zeigefinger hinter sich her, öffnete die Schiebetür des Sprinters und verschwand ins Innere. Schnell zog sie ihre eng sitzende Jeans nach unten.

„Kann ich dir helfen?“, fragte Frank und schon flogen ihm ihre Kleider entgegen. Lillian streckte ihren Kopf aus der Schiebetür hervor und bedeckte ihre Brüste mit ihren Händen.

„Wenn du Glück hast, darfst du mir helfen, sonst mach ich hier ohne dich weiter“, sagte sie und verschwand kichernd ins Innere.

Frank stieg in den Sprinter und wollte seine Hose ausziehen.

„Das kannst du dir sparen.“

„Kann ich das?“

„Kannst du.“

„Na gut“, sagte er und ließ seinen Hosenbund verschlossen.

Lillian hatte es sich so gut es ging gemütlich gemacht. Frank begann sie zu küssen. Sein Mund wanderte von ihren Lippen hinunter zu ihrem Hals und über ihre Brüste. Sanft biss er in ihren rechten Nippel und umfasste ihre Brust. Lillian schob Franks Kopf immer weiter nach unten.

Und während Frank seine Lillian oral befriedigte, warteten in der Kirche über hundert Menschen auf deren Ankunft.

 

Der spanische Anwalt wurde allmählich nervös. Er hatte noch weitere Termine und war es nicht gewohnt, dass man ihn warten ließ. Also schritt er zurück in die Kirche und diesmal würde er nicht wieder herauskommen, um zu warten. Er hastete durch die Gänge zu Pfarrer Glenn und ließ ihn wissen, dass es Zeit war, zu beginnen.

„Na gut“, sagte Glenn, „so langsam werden mir die Schäfchen sowieso unruhig. Setzen Sie sich, Rudolpho, ich werde mit der Zeremonie beginnen.“

Der Anwalt nickte und nahm in der ersten Reihe Platz. Glenn hob beschwörend die Hände und lenkte die Aufmerksamkeit der Menge auf sich. Der alte Mann mit der aus der Mode gekommenen Brille meldete sich wieder zu Wort. „Na endlich. Bringen wir es hinter uns. Bevor ich hier auch noch sterbe. Los geht’s!“

Pfarrer Glenn setzte an und begann mit seiner Ansprache.

„Willkommen, meine Lieben, zu einem eher tragischen Anlass. Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um von Sarah Wasserstein-Wilkee Abschied zu nehmen. Ehefrau von Basil Wasserstein-Wilkee, geliebte Großmutter, Betreiberin unseres Blumenladens und gute Freundin von uns allen.“ Er blickte kurz auf und hielt Ausschau nach den zwei jungen Menschen, dessen Anwesenheit so dringend erwartet wurde. Sie wären in der vergreisten Menge deutlich aufgefallen, aber sein Blick wurde nicht fündig. „Auch wenn wir sie aufgrund ihrer vielen Weltreisen in den letzten Jahren nur selten gesehen haben, werden wir sie jetzt, da der Herr sie zu sich genommen hat, noch viel mehr vermissen. Ihr Lächeln wird uns fehlen ebenso wie ihre zahlreichen Postkarten, die sie an uns alle verschickte. Aber auch ihre kleinen Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann werden uns fehlen.“

Hier und da kam es zu Gelächter in der Menge.