Lindner und das Apfelmännle - Jürgen Seibold - E-Book

Lindner und das Apfelmännle E-Book

Jürgen Seibold

4,6

Beschreibung

Jürgen Seibold legt seinen achten Krimi im Silberburg-Verlag vor: Geheimnisvolle Symbole und ungewöhnliche Tatwaffen sorgen für Spannung. Schauplatz ist diesmal das beschauliche Bad Boll am Fuß der Schwäbischen Alb. Auf einer Streuobstwiese im Bad Boller Ortsteil Eckwälden wird ein Toter gefunden, um ihn herum sind Mostäpfel auf dem Boden verstreut. Alles deutet darauf hin, dass er mit den Äpfeln 'gesteinigt' wurde. Ein Fall für Lindner? Der vom Dienst freigestellte LKA-Kommissar zählte jahrelang zu den besten Ermittlern. Doch der tragische Tod eines Kollegen hat ihn aus der Bahn geworfen - und in seinen Heimatort Bad Boll verschlagen. Zuerst sträubt sich Lindner zu ermitteln, denn Mordsachen sind ihm mittlerweile ein Graus. Und auch die zuständige Göppinger Kripo ist nicht gerade begeistert, dass der ehemalige Kollege auch noch mitmischt. Doch dann wird in der Wohnung des Opfers ein Männchen aus Äpfeln entdeckt - genauso eines, wie es zuletzt auch bei Lindner und vier anderen Boller Bürger morgens auf der Türschwelle stand.

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Jürgen SeiboldLindner und das Apfelmännle

Jürgen Seibold

Lindner und das Apfelmännle

Ein Alb-Krimi

Jürgen Seibold, 1960 geboren und mit Frau und Kindern im Rems-Murr-Kreis zu Hause, ist gelernter Journalist und arbeitet als Buchautor. Beim Silberburg-Verlag hat er bisher Kriminal- und Unterhaltungsromane sowie Sachbücher und einen historischen Roman veröffentlicht.

3. Auflage 2015

© 2011/2016 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.Umschlaggestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.Coverfoto: © Ekely – iStockphoto.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1710-3E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1711-0Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1157-6

Besuchen Sie uns im Internetund entdecken Sie die Vielfalt unseres Verlagsprogramms:www.silberburg.de

Inhalt

Über den Autor

Mittwoch, 21. September

Donnerstag, 22. September

Freitag, 23. September

Samstag, 24. September

Sonntag, 25. September

Montag, 26. September

Dienstag, 27. September

Mittwoch, 28. September

Donnerstag, 29. September

Freitag, 30. September

Samstag, 1. Oktober

Sonntag, 2. Oktober

Donnerstag, 22. September

Montag, 3. Oktober

Freitag, 7. Oktober

Dank

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Mittwoch, 21. September

Der Güterzug rollte wieder durch seine Träume, ratterte über die Gleise und nahm seine sterbende Fracht mit hinaus in die Nacht.

Stefan Lindner wälzte sich ein paar Mal hin und her, blieb dann verkrampft auf dem Rücken liegen, hielt unbewusst den Atem an und schreckte nach einigen Sekunden hoch. Er hustete, sah sich verwirrt um und begriff erst allmählich, wo er sich befand. Vor dem Fenster schwankte ein Ast im Wind, und es war kein Zug zu hören, natürlich nicht. Draußen prasselte der Regen auf den Hof herunter und wurde von einzelnen Windböen ab und zu gegen die Fensterscheibe gedrückt.

Lindner knipste die Nachttischlampe an und nahm sein Buch zur Hand. Der Thriller war nicht schlecht, aber irgendwie war ihm im Moment nicht so sehr nach Spannung. Ächzend wuchtete er sich aus dem Bett, schlurfte zum Regal hinüber und zog sich einen Comic heraus. Das zerlesene und etwas vergilbte Heft war jetzt genau das Richtige. Er kuschelte sich wieder in sein Bettzeug, blätterte ein wenig in der Bildergeschichte, und schon glitt ihm das Heft aus der Hand und landete mit einem leisen Klatschen auf dem Boden vor dem Bett.

Die Nachttischlampe erhellte weiterhin das Zimmer. Die Tapete mit den hellen Flecken, an denen früher Poster hingen. Den Kleiderschrank, den Schreibtisch, die Kiste mit den Indianersachen in der Ecke, den tragbaren Kassettenrekorder und die Dampfmaschine auf dem halbhohen Regal neben der Tür. Hier hatte Lindner seine Kindheit und Jugend verbracht, und hier wohnte er nun wieder, seit er vorübergehend außer Dienst gestellt worden war.

Psychische Probleme infolge des Todes eines Kollegen, hatte der Arzt attestiert. Doch daran dachte Lindner im Moment nicht. Er dachte gar nichts, er schnarchte lautstark und völlig entspannt. Für den Rest der Nacht würde er Ruhe haben vor ratternden Güterzügen. Immerhin.

* * *

Die Luft in dem kleinen Büro begann schon gegen halb zehn stickig zu werden, aber für den heutigen Vormittag hatten sich die beiden Beamten darauf geeinigt, dass die Fenster geschlossen blieben. Hansgeorg Heiderich war zwar der ältere und ranghöhere der beiden, aber sein Kollege Ralf Stegmüller konnte sehr unangenehm werden, wenn er mal wieder die Symptome einer vermeintlichen Allergie in sich aufsteigen fühlte – und daran war jedes Mal die hereinströmende frische Luft mit all ihren bösen Pollen und sonstigen quälenden Bestandteilen schuld.

Das Telefon klingelte, und Heiderich nahm – den Blick noch auf den Entwurf seines Schreibens gerichtet – ganz in Gedanken den Hörer auf.

»Regierungspräsidium, Heiderich«, meldete er sich mechanisch, doch kurz darauf versteifte er sich ein wenig und fischte mit der rechten Hand einen Bleistift aus dem Schreibtischboy vor sich.

»Ja«, brummte er nach einer Weile und begann einen Notizzettel mit Kreisen und Dreiecken vollzukritzeln.

Stegmüller fing den Blick seines Kollegen auf, aber der rollte nur genervt mit den Augen, zuckte kurz mit den Schultern und lächelte matt.

»Ja, ich weiß«, sagte er dann wieder, und er schien sehr bemüht darum, seine Fassung zu wahren.

Stegmüller beugte sich wieder über seine Akten und kümmerte sich nicht weiter um den Kollegen – bis der plötzlich aufsprang und ein lautes »Nein!« in den Hörer bellte. Stegmüller zuckte zusammen und sah erschrocken auf. Heiderich stand nun verkrampft neben seinem Stuhl, fixierte den Wandkalender und presste die Lippen fest aufeinander. Fast eine Minute stand er so da, dann setzte er sich wieder und holte tief Luft.

»Das ist mir scheißegal!«, brüllte er ins Telefon. »Und jetzt will ich meine Ruhe haben!«

Damit knallte Heiderich den Hörer auf den Apparat, drehte sich auf dem Schreibtischstuhl halb zur Seite und starrte zum Fenster hinaus. Stegmüller wartete auf eine Erklärung, aber der Kollege blieb still und unbeweglich sitzen.

»Alles in Ordnung, Herr Heiderich?«

Keine Antwort. Stegmüller beugte sich wieder ein paar Minuten über seine Akten, beobachtete den Kollegen zwischendurch immer wieder. Schließlich schob er die Unterlagen seufzend von sich und lehnte sich in seinem Stuhl zurück – in dieser Atmosphäre konnte er keinen klaren Gedanken fassen.

»Geht es Ihnen gut, Herr Heiderich?«

»Ja, ja«, murmelte der.

Stegmüller dachte fieberhaft darüber nach, wie er den Kollegen wieder aufmuntern könnte. Dann fiel es ihm ein.

»Sollen wir die Fenster aufmachen?«

Langsam drehte sich Heiderich auf dem Bürostuhl und sah Stegmüller fragend an. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, und kurz darauf lachte er schallend auf. Stegmüller sah ihn verblüfft an.

»Danke, Herr Stegmüller, ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen, aber …«

Er lachte noch einmal leise, schüttelte den Kopf und zog sich wieder näher an den Schreibtisch heran.

»Wir lassen die Fenster zu, ganz genau so, wie wir es heute früh besprochen haben. Aber wie gesagt: danke, Herr Stegmüller.«

Damit machte sich Heiderich wieder an die Arbeit. Stegmüller sah ihn an – halb beruhigt, weil sich der Kollege offenbar wieder gefangen hatte, halb enttäuscht, weil er schon gerne den Grund für den ungewohnten Ausbruch erfahren hätte. Nach einigen Minuten sah Heiderich auf und bemerkte, dass Stegmüllers Blick noch immer auf ihm ruhte.

»Ist noch was, Herr Stegmüller?«

»Nein, es ist nur … Was war denn los gerade? Am Telefon, meine ich?«

Über Heiderichs Gesicht huschte ganz kurz ein Schatten, dann schüttelte er bedauernd den Kopf.

»Glauben Sie mir, Herr Stegmüller, das wollen Sie nicht wissen.«

* * *

Stefan Lindner schälte sich aus dem Laken, schwang die Beine über die Bettkante, gähnte herzhaft und räkelte sich ausgiebig. Mit seinen Füßen fand er nach einigem Hin und Her die Pantoffeln und schlüpfte hinein, dann streifte sein Blick die Zimmereinrichtung, und wieder einmal nahm er sich vor, sein Jugendzimmer endlich einmal passend zu einem 39-jährigen Erwachsenen umzugestalten.

Der Radiowecker gab ein leises Klacken von sich, als das weiße Blättchen vom Räderwerk nach vorne geklappt wurde: Es war drei nach zehn – und ein Wunder, dass dieser alte Wecker aus der Zeit vor der digitalen Anzeige bis heute unverdrossen seinen Dienst verrichtete. Das Gehäuse war mit alten Donald- und Micky-Stickern beklebt. Zwei der drei Neffen Donalds schienen ihn von dem angerissenen Bildchen seitlich am Wecker höhnisch anzugrinsen – dort hatte er einen ersten kläglichen Versuch gestartet, den Wecker von seinen Aufklebern zu befreien, die aber längst nicht mehr vollständig abgingen.

Lindner seufzte: Es würde nicht einfach werden, sein Zimmer von allem Kindlichen zu befreien. Zweimal schon hatte er versucht, den Radiowecker in den Müll zu werfen – und beide Male hatte ihn seine Mutter aus der Tonne gefischt, ihn mit Spülmittel gereinigt und zurück auf den Nachttisch gestellt. Eigentlich hätte er das wissen können, schließlich warf man nichts weg, was noch irgendwie funktionierte. Und weil er nicht ständig Spülmittelgeruch in der Nase haben wollte, wenn er einschlief, hatte er sich inzwischen mit dem Wecker arrangiert.

Er stand auf, nahm sich eine neue Unterhose und neue Socken aus dem Schrank, schlüpfte in die Jeans vom Vortag, schnupperte schließlich kurz an Hemd und Shirt, die er gestern getragen hatte, und zog sie noch einmal an.

Unten in der Küche roch es nach gekochten Kartoffeln, der Topf stand noch auf dem Herd. Lindner schaltete die Kaffeemaschine an und schlurfte, während sie zu röcheln begann, zum Küchentisch hinüber. Ein Kanten Schwarzbrot und ein paar Scheiben lagen in ein großes Geschirrtuch eingeschlagen auf dem Tisch, daneben war für eine Person gedeckt. Unter der großen Tasse, aus der er seinen Kaffee morgens am liebsten trank, klemmte ein Zettel.

»I holl Äpfl, kommsch um 12 essa. Was hoschd heit?«

Kein Name war darunter geschrieben, aber das Wort »heit« war unterstrichen. Lindner verzog kurz das Gesicht. Natürlich war der Zettel von seiner Mutter, und sie hatte es nicht so mit der Rechtschreibung, weder in Hochdeutsch noch im Dialekt – aber vor allem ihr bissiger Humor machte ihm zu schaffen.

»Was hoschd heit?«

Was konnte er dafür, dass er ständig krank war, Schmerzen hatte und völlig eindeutige Symptome von Krankheiten, die sein ignoranter Hausarzt einfach nicht erkennen wollte? Mediziner nahmen ihre Patienten vermutlich nie ernst, wenn sie mit ihnen zusammen zur Schule gegangen waren.

Ruth Lindner dagegen ging nur zum Arzt, wenn sie unbedingt musste, und in den vergangenen zwanzig Jahren hatte sie kein einziges Mal gemusst. Schmerzen gingen vorüber, notfalls trank sie einen kräftigen Obstler, und dann mussten ja auch immer irgendwelche Bäume geschnitten, Wiesen gemäht oder wie jetzt im Herbst Äpfel aufgelesen werden. Die Praxis von Dr. Thomas Bruch, der vor fünfzehn Jahren die Räume seines Vaters gründlich hatte renovieren lassen, hatte sie jedenfalls noch kein einziges Mal betreten.

Mit ihren einundsiebzig Jahren war sie rüstig und tatkräftig wie eh und je. Sie sah nicht mehr so gut und schlief längst getrennt von ihren Zähnen, aber unermüdlich kraxelte sie auf ihren alten Traktor, wirbelte in der Küche und im Keller – und machte sich zwischendurch gern über ihren Sohn lustig.

»Was hoschd heit?«

Empört schüttelte Lindner noch einmal den Kopf. Er zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Korb mit Brennholz, der neben dem Backofen stand, schenkte sich die Tasse voll und horchte in sich hinein. In kleinen Schlucken trank er den Kaffee, ließ ihn die Kehle hinunterrinnen und betastete dabei seinen Hals. Er befühlte ihn während des Schluckens und danach, dann war er sich sicher: Diese harte Stelle war gestern noch nicht da gewesen.

»Warum immer ich?«, ging es ihm durch den Kopf, als er zurück in sein Zimmer ging und das Medizinbuch aus dessen Versteck hinter dem Schrank holte. Es wies einige Flecken auf, die von den bisherigen Versuchen seiner Mutter herrührten, das Nachschlagewerk im Müll verschwinden zu lassen, aber bisher hatte er das Buch noch immer rechtzeitig vermisst und dann auch irgendwo gefunden. Kein Wunder, er blätterte fast täglich darin.

Diesmal wusste er schon, welche Stelle er nachlesen wollte, und keine zwei Minuten später klemmte er sich das Buch unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Thomas Bruch.

* * *

Das nächste Telefonat Hansgeorg Heiderichs verlief wesentlich entspannter. Er senkte immer wieder die Stimme, und schließlich ging sein Tischnachbar Stegmüller aus dem Zimmer, um sich einen Tee aufzubrühen. Es war nicht zu überhören, dass es sich um ein privates Gespräch handelte.

Stegmüller begegnete auf dem Flur einigen Kollegen, die mit Akten oder einer Kaffeetasse unterwegs waren. In der kleinen Küchenecke startete er den Wasserkocher, aber dummerweise hatte er seinen Teebeutel im Schreibtisch vergessen. Also schaltete er den Kocher wieder aus und stellte sich ans Fenster.

Zehn Minuten gab er sich, dann ging er wieder zurück ins Zimmer. Heiderich hatte inzwischen wieder aufgelegt und beugte sich über einige Akten. Er studierte sie aufmerksam, aber das selige Lächeln in seinem Gesicht hatte sicherlich mehr mit dem Telefonat von eben zu tun.

Schade eigentlich, dachte Stegmüller, dass sie sich nichts Privates erzählten. Er selbst erlebte nicht viel Spannendes, dem Kollegen schien es in dieser Hinsicht derzeit deutlich besser zu gehen.

* * *

Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich ein wenig, und Lisa Rummele steckte ihren Kopf durch den Spalt.

»Herr Doktor?«

»Hm?«

Thomas Bruch stand am Fenster, naschte einen Schokoriegel und sah sich unwillig um. Es waren die ersten freien Minuten des Tages, da hätte der nächste Patient auch gut noch kurz warten können.

»Er ist wieder da.«

Bruch drehte sich langsam um.

»Hat er sein Buch dabei?«

Die Assistentin nickte, lächelte dabei und zuckte mit den Schultern. Das sah bei ihr sehr hübsch aus, aber Lisa war eindeutig zu jung, um privat etwas mit ihrem Chef anzufangen. Kurz lächelte Bruch zurück, fast ein wenig bedauernd, dann ließ er sich seufzend auf seinen Stuhl sinken.

»Na, dann führen Sie unseren Todkranken doch bitte herein, Lisa.«

Die schlanke Blondine verschwand und kam einen Moment später zurück, hielt die Tür auf und wies Stefan Lindner den Weg zu ihrem Chef – unnötigerweise, da er sich hier längst bestens auskannte.

»Na, Stefan«, sagte Bruch und versuchte gar nicht erst, sich seinen zynischen Unterton zu verkneifen, »hast es wohl gerade noch mit letzter Kraft hierher zu uns geschafft, was?«

»Mach du nur deine Späße«, schnaubte Lindner, setzte sich seinem Schulfreund gegenüber auf den Stuhl und blätterte in seinem Nachschlagewerk. Schließlich hatte er die gesuchte Stelle gefunden und legte das Buch aufgeschlagen vor Bruch auf den Tisch.

Bruch sah kurz hin und grinste.

»Hast du das alles, oder nur eine dieser Krankheiten?«

»Thomas, jetzt reiß dich mal zusammen. Du bist mein Hausarzt, aber du nimmst mich nicht ernst.«

»Stimmt.«

»Aber hier am Hals …«

Lindner stand auf, ging um den Tisch herum und legte seine Fingerspitzen an eine Stelle an seinem Hals.

»Fühl du mal.«

»Warum sollte ich? Sag mir doch gleich, woran du leidest.«

»Ich? Du bist hier der Arzt, oder?«

»Das ist richtig, aber das scheint dich sonst ja auch nicht zu interessieren. Wenn ich dir sage, dass du pumperlgesund bist, möchtest du es ja ohnehin nicht hören.«

»Aber ich bin ja auch nicht gesund!«

»Gesünder als ich und Lisa und wahrscheinlich die allermeisten hier im Ort auf jeden Fall.«

»Ach, was weißt du schon!«

»Sag ich doch, Stefan: Was weiß ich schon? Also: Was hast du denn heute?«

»Hier steht alles drin«, sagte Lindner und deutete auf einen Absatz des aufgeschlagenen Buches.

Bruch las den Text, und ein spöttisches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Tragisch, Stefan, wirklich tragisch.«

»Na also«, sagte Lindner triumphierend und setzte sich wieder auf den Stuhl. »Und was machen wir jetzt?«

»Eigentlich müsste ich als Erstes den alten Wehrle anrufen.«

Lindner stutzte kurz.

»Den Bestatter?«

»Klar.«

»Ha ha! Sehr witzig!«

»Ja, willst du jetzt krank sein oder nicht? Du solltest dich mal entscheiden.«

»Ich will doch nicht krank sein – aber ich bin halt krank, was soll ich machen?«

»Du bist kerngesund«, sagte Bruch und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. »Glaub mir das doch endlich.«

»Das sagst du immer«, maulte Lindner.

»Natürlich, weil es immer stimmt.«

»Aber ich …«

»Lass dein Buch mal eine Weile bei mir liegen und surf nicht immer zu diesen Gesundheitsratgebern – du wirst sehen: Das ist für dich die reinste Wunderheilung.«

»Warum nimmst du mich eigentlich nicht ernst?«

Bruch sah seinen Schulfreund an und legte ein nachsichtiges Lächeln auf.

»Schau, Stefan: Wenn du all diese Krankheiten gehabt hättest, mit denen du mir hier schon gekommen bist – allein mal deine ›Leiden‹ aus den vergangenen zwei Wochen: Das würde zum Sterben für die Hälfte unserer Kurgäste reichen, ganz ehrlich. Und du? Du sitzt hier noch quietschfidel vor mir und hast genug Muße und Kraft, dir aus diesem blöden Schinken alle ein, zwei Tage eine neue schlimme Krankheit herauszulesen.«

Lindner wollte schon protestieren, aber Bruch hob abwehrend die Hände.

»Lass stecken, Stefan. Jetzt schleppst du deine kranken Knochen wieder nach Hause, lässt dir von deiner Mutter erklären, wie man ohne Jammern durch den Tag kommt – und heute Abend sehen wir uns beim Binokel.«

Lindner sah Bruch frustriert an.

»Raus mit dir«, lachte Bruch. »Sonst verschreib ich dir drei Wochen Bettruhe und sag deiner Mutter, sie soll dich ordentlich aufpäppeln.«

Lindner schluckte. Er konnte das warme Bier und den Rotwein mit rohem Ei und viel Zucker fast schon auf der Zunge schmecken und schüttelte sich.

»Das wagst du nicht!«, knurrte er dann.

»Wollen wir wetten?«

»Aber …«

»Jetzt lass gut sein, Stefan. Geh nach Hause, schaff was oder schaff nichts – aber gestorben wird erst nach dem Binokel, sonst trinken wir heute den ganzen Abend lang auf deinen Deckel.«

»Blödmann«, brummte Lindner noch, dann schnappte er sein Buch und trollte sich.

Lisa Rummele sah ihn hinausschlurfen, und aus dem Zimmer ihres Chefs war halblautes Lachen zu hören.

* * *

Hansgeorg Heiderich lächelte schon versonnen, als er noch die Serpentinen durch Aichelberg hinauffuhr. Er kurvte durch den Ort und trat, als er endlich die kleine Straße hinüber zum Nachbarort Eckwälden erreicht hatte, das Gaspedal durch. Der Wagen rumpelte über die brüchigen Betonplatten der Fahrbahn, das Licht zitterte auf und ab, in der Abenddämmerung huschten Obstwiesen links und rechts vorbei, und schließlich fuhr er zwischen einem großen Lagerplatz und einer alten Scheune unter zwei Baumkronen durch, die über ihm ein grünes Tor bildeten.

Er wurde langsamer, hielt neben der dichten Hecke am Ortseingang und wartete auf das übliche Zeichen. Als wenig später hinter einem der Fenster links vor ihm das Licht anging und die Gardine wackelte, legte er wieder den Gang ein und fuhr weiter. Langsam überquerte er die Dorfstraße und die Brücke über den Teufelsklingenbach, dann hatte er die kleine Haltebucht erreicht, an der sie sich immer trafen.

Zwanzig Minuten vergingen, bis er sie im Rückspiegel vom Ort her kommen sah. Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Schnell stieg er aus und sah sich kurz nach allen Seiten um, aber es war niemand sonst in der Nähe.

Sie kam strahlend auf ihn zu, umarmte ihn, gab ihm einen Kuss, sah ihn noch einmal lächelnd an, dann machten sie sich auf den Weg. Um diese Uhrzeit waren keine Jogger mehr unterwegs, vor denen sie sich sonst in Acht nehmen mussten. Auch fleißige Stücklesbesitzer saßen sicher schon daheim und vesperten. Und selbst die Bremsen, die sie an schwülen Sommertagen schon böse verzwiebelt hatten, waren so spät im Jahr kein Problem mehr.

Der asphaltierte Weg ging in einen geschotterten über, und allmählich wurde die Grasspur in der Mitte immer breiter. Sie passierten plaudernd und lachend eine Bank, Zäune und einen Jägerstand. Und dann, kurz vor dem Waldrand, blieb sie stehen, sah ihn stumm an und zog ihn schließlich zu einem mannshohen Holzstapel, hinter dem sie sich auf die Wiese sinken ließen.

* * *

»Jetzat«, brummte Hans Zumhofer, den sie alle nur Hannes nannten. Er lümmelte auf seinem Stuhl und nickte Stefan Lindner zu, der als Zweiter an ihren üblichen Tisch im »Gasthaus zum Hirschen« kam.

Die beiden hatten wenig später schon ihr erstes Bier geleert, als die Runde komplett wurde: Heinrich »Heiner« Brodbeck und Thomas Bruch ließen sich auf ihre Stühle fallen. Hannes zog eine Schachtel mit Binokelkarten zu sich her, die schon auf dem Tisch bereitlag, Lindner holte Stift und Block vom Tresen.

Chiara Aichele brachte vier Bier, huschte wieder zum Tresen zurück, und Bruch und Lindner sahen der hübschen Wirtin versonnen nach. Als sie wieder zu ihren beiden Tischnachbarn blickten, bemerkten sie, dass sich Hannes und Heiner verschwörerisch angrinsten.

»Können wir mal anfangen?«, fragte Heiner schließlich und prostete den anderen dreien zu.

Lindner räusperte sich, Bruch lächelte verlegen – dann nahmen sie ihre Karten auf.

»Mensch, Hannes«, maulte Lindner. »Geht das schon wieder los?«

»So gute Karten?«, grinste Heiner hämisch und sah genießerisch auf sein Blatt.

»Ja, wie immer, wenn Hannes gibt.«

»Jetzat!«, protestierte Hannes, aber eigentlich war er vollauf damit ausgelastet, in seinem Blatt die zueinander passenden Karten zu sortieren.

Donnerstag, 22. September

Heiderich hatte früher Feierabend gemacht, doch auf der Strecke von Stuttgart nach Bad Boll war trotzdem so viel Verkehr, dass er länger brauchte als gehofft. Dennoch musste er sich nicht beeilen, denn er hatte sich bei Johanna nicht angekündigt. Sie rechnete erst wieder heute am frühen Abend mit ihm – aber er wollte sie überraschen.

Deshalb nahm er diesmal auch die Hauptstraße, fuhr von Norden her nach Eckwälden hinein und ließ seinen Wagen direkt vor ihrem Haus in der Dorfstraße ausrollen. Kurz blieb er noch sitzen und sah sich unschlüssig um, aber dann fasste er sich ein Herz, stieg aus und klingelte.

Eine kurze Melodie aus tiefen Tönen schlug im Flur direkt hinter der Haustür an und wiederholte sich kurz darauf irgendwo im ersten Stock. Heiderich lächelte. Er hatte diesen Klingelton bisher noch nie gehört. Schließlich war er ja auch noch nie hier im Haus gewesen.

Die Haustür schwang auf, Johanna stand ihm gegenüber und – starrte ihn überrascht an.

»Hallo, Johanna«, sagte er und lächelte sie an.

Doch Johanna Tiedtmaier wirkte nicht erfreut, sondern nur erschrocken. Sie schaute kurz nach links und rechts, dann packte sie Heiderich am Ärmel und zog ihn schnell ins Haus. Hinter ihm fiel die Tür schwer ins Schloss, und er war sich schon nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, sie zu überraschen.

Sie bugsierte ihn durch den Flur, schob ihn die Küche und zog die Zimmertür hinter sich zu.

»Was machst du hier?«

Heiderich versuchte noch einmal ein Lächeln, aber sie sah ihn so entgeistert an, mit einem Blick, in den sich ein Anflug von Panik mischte, dass ihm die Mundwinkel nach unten glitten.

»Ich dachte, du freust dich vielleicht.«

Johanna sah ihn an, als sei er nicht ganz bei Trost, dann schüttelte sie traurig den Kopf.

»Wir haben eine Vereinbarung, und du hast dich nicht dran gehalten. Warum soll ich mich darüber freuen?«

Heiderich ging einen Schritt auf sie zu, um sie zu umarmen, aber Johanna sah ihn so abweisend an, dass ihn gleich wieder der Mut verließ.

»Darf ich mich wenigstens setzen?«

»Meinetwegen.«

Er zog sich einen Stuhl heran.

»Was ist denn so schlimm daran, wenn ich mich nicht mehr heimlich zu dir schleichen will? Wenn ich will, dass alle wissen: Wir beide sind zusammen.«

Johanna setzte sich nun ebenfalls.

»Wir sind doch zusammen, oder?«

»Ja, sind wir«, sagte Johanna. »Natürlich sind wir zusammen, aber …«

»Aber?«

»Ich habe dir gesagt, dass das zunächst niemand wissen soll.«

Sie sah ihn nun fast trotzig an.

»Das hab ich dir gesagt, oder? Das hast du von Anfang an gewusst!«

Er nickte.

»Also: Warum bist du dann jetzt hier?«

»Ich … Ich will nicht mehr so weitermachen. Ich habe die Heimlichkeiten satt, und ich sehe auch keinen Grund, warum du dich nicht zu mir bekennen solltest.«

Johanna sank ein wenig in sich zusammen.

»Mein Gott, Johanna, ich mag mir kaum selbst zuhören. ›Dich zu mir bekennen‹ – hörst du nicht selbst, dass wir uns benehmen wie im 19. Jahrhundert? Wir treffen uns heimlich, ich warte unten im Wagen, bis du mir von oben dein Zeichen gibst. Dann fahre ich raus zum Ortsrand, und du schleichst dich hinterher – was soll das denn?«

»Du hast es von Anfang an gewusst!«

»Ja, hab ich – ich habe gewusst, dass du es so haben willst. Aber ich weiß nicht, warum. Du hast erzählt, dass dein Vater vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Du hast erzählt, dass du dich um deinen kleinen Bruder kümmern musst, und dass er so kurz nach dem Tod deines Vaters mit weiteren Veränderungen in seinem Umfeld nicht gut zurechtkommen würde. Aber das ist doch alles kein Grund, warum es ein Geheimnis bleiben soll, dass wir beide zusammen sind!«

Johanna schwieg.

»Und das alles geht nun schon seit Monaten, Johanna. Das muss doch mal ein Ende haben. Irgendwann muss dein Bruder doch auch mal wieder mit etwas Neuem klarkommen können. Er ist doch kein Kind mehr!«

»In gewisser Weise schon, das weißt du.«

»Ja, das hast du mir erzählt. Aber du kannst ihn nicht sein Leben lang in Watte packen. Wie willst du ihm denn erklären, wenn du mich ihm mal vorstellst, dass wir schon lange Zeit zusammen sind?«

Johanna zuckte mit den Schultern.

»Mensch, Johanna, und was ist, wenn wir mal zusammenziehen?«

Sie sah ihn erschrocken an.

»Ich habe einen guten Job in Stuttgart, ich habe eine schöne Wohnung in Esslingen – und wenn du magst, suchen wir uns ein schönes Häuschen, am Geld würde es nicht scheitern. Ich verdiene nicht schlecht, habe jahrelang gespart …«

»Ich kann hier nicht weg, Hans!«

»Natürlich kannst du! Dein Bruder ist tagsüber doch ohnehin schon in diesem Heim, kann er dort denn nicht ganz wohnen?«

Johanna wurde bleich.

»Oder wir kaufen uns ein etwas größeres Haus, eins mit Einliegerwohnung – und suchen für deinen Bruder eine Einrichtung wie das Heim hier im Dorf, wo er dann auch wieder tagsüber betreut werden kann.«

»Nein, ich …«

»Johanna! Du kannst nicht dein ganzes Leben nur für deinen Bruder da sein! Du musst auch mal an dich selbst denken!«

Johanna schüttelte den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Und an mich.«

Sie stützte ihre Arme auf den Tisch, vergrub ihr Gesicht in den Händen, und bald war leises Schluchzen zu hören. Heiderich saß ein paar Minuten still da, dann versuchte er es noch einmal.

»Johanna, bitte …«

Keine Reaktion.

»Johanna, du und ich, das ist etwas ganz Besonderes, das sollten wir nicht …«

Er seufzte, machte eine Pause, und schließlich stand er auf, ging um den Tisch herum und legte Johanna sanft beide Hände auf die Schultern. Ihr Körper bebte, das Schluchzen wurde allmählich lauter.

»Johanna, ich lass dir doch alle Zeit der Welt, aber …«

Ihr Körper versteifte sich, das Schluchzen brach ab. Dann schnellte sie hoch, und Heiderich konnte gerade noch einen Schritt nach hinten machen, um nicht von ihr angerempelt zu werden.

»Du lässt mir Zeit?«

Sie stand vor ihm: mit verheulten Augen, aber wütend.

»Du setzt mir das Messer auf die Brust, Hans! Du willst, dass ich mit dir nach Stuttgart oder Esslingen ziehe, wahrscheinlich lieber heute als morgen. Du willst, dass ich meinen Bruder verrate, dem ich nach Vaters Tod geschworen habe, immer für ihn da zu sein!«

»Aber, ich habe dir doch vorgeschlagen, dass wir ihn mit …«

»Halt die Klappe, Hans!«, fuhr sie ihm über den Mund. »Du suchst doch nur einen Weg, wie du ihn möglichst elegant loswerden kannst, ohne dich dafür schuldig zu fühlen, ohne dafür schlecht angesehen zu werden!«

»Aber das stimmt doch nicht, ich …«

»Du! Du! Du! Immer nur du! Merkst du eigentlich überhaupt noch, dass es für dich immer nur um dich geht?«

Nun war er sprachlos. Da hatte sie ihn aber gründlich missverstanden.

»Wie es in mir aussieht … interessiert dich das überhaupt?«, fuhr sie fort. »Oder reicht es dir, dass wir ein paar Mal die Woche zum Waldrand gehen und dort …«

Sie hatte sich in Rage geredet, war laut geworden, und nun schlug sie sich erschrocken die Hand vor den Mund. Heiderich war sich nicht sicher: Machte sie das, weil sie doch nicht alles so hatte sagen wollen – oder war es, weil sie fürchtete, dass ihr Bruder sie so hörte?

»O, mein Gott!«, stammelte sie dann, viel leiser. »Ronnie ist doch hier …«

Das war zu viel für Heiderich. Hatte sie also alles so gemeint? Und es ihm eigentlich bisher nur nicht direkt ins Gesicht sagen wollen? Hatte er sich wirklich so sehr in ihr getäuscht?

Heiderich spürte, wie er rot wurde vor Scham und wie ihm die Augen feucht wurden. Er atmete tief ein und tief aus, dann wandte er sich abrupt von Johanna ab und marschierte zum Haus hinaus. Er stieg in sein Auto, fuhr mit leicht durchdrehenden Reifen davon und bog viel zu schnell in das kleine Sträßchen nach Aichelberg ab, auf dem er sonst immer hergekommen war.

Im Rückspiegel sah er, wie das Fenster, hinter dem ihm Johanna sonst immer das Zeichen gab, geöffnet wurde und wie sie ihm hinterhersah. Noch bevor er Aichelberg erreicht hatte, klingelte sein Handy. Er nahm es hoch, sah Johannas Nummer auf dem Display und warf es wieder zurück auf den Beifahrersitz.

Erst als er bei Neuhausen die A8 wieder verlassen hatte, bog er auf einen Parkplatz ein und tippte sich zur Mailbox durch. Er hörte sich Johannas Nachricht an, die ihn – immer wieder von Schluchzen unterbrochen – um ein Treffen am Abend bat. Am üblichen Platz, zur üblichen Zeit wollte sie ihm noch einmal alles erklären, und natürlich habe sie alles nicht so gemeint, wie sie es gesagt habe.

Heiderich brauchte fast eine halbe Stunde, bis er sich traute, Johannas Nummer zu wählen. Er räusperte sich ein paar Mal, sie sollte nicht hören, wie zittrig seine Stimme nach dem Streit vorhin noch immer war.

Doch er kam ohnehin nicht zu Wort, Johanna legte los wie die Feuerwehr: »Hans, bitte, komm heute Abend, ich flehe dich an – es wird alles wieder in Ordnung kommen. Bitte, komm!«

»Ja, natürlich komm ich. Ich steh dann wieder am alten Platz, und du gibst mir durchs Fenster ein Zeichen, ja? Alles wie bisher. Ich hab dir doch gesagt: Ich lass dir alle Zeit der Welt.«

»Gut, Hans, dann also bis heute Abend.«

Sie ließ eine kurze Pause, ein leises Schniefen war zu hören.

»Eigentlich bis nachher«, sagte sie dann noch. Es klang fast, als lächle sie dabei. »Bist du schon weit gefahren?«

»Ich bin fast in Esslingen. Aber ich bin rechtzeitig wieder bei dir, kein Problem. Bis nachher also.«

Dann legte sie auf.

Heiderich war erleichtert. Er sah auf die Uhr: Er hatte noch Zeit genug, zu duschen und sich umzuziehen. Als er bald darauf seine Wohnung betrat, klingelte sein Handy erneut. Er zog das Telefon aus der Tasche: Eine SMS war eingegangen. Auf dem Weg zum Bad rief er die Nachricht auf, sie war von Johanna: »Kannst du schon früher kommen? 18.30 Uhr? Vermisse dich, J«

Er war kurz irritiert, weil er von Johanna noch nie eine SMS bekommen hatte, aber die Nummer war ihre, und er tippte die Antwort sofort.

»Bin 18.30 Uhr da, freu mich!!!!!«

Als er sie abgeschickt hatte, fürchtete er zwar, die vielen Ausrufezeichen könnten zu euphorisch wirken – aber eigentlich war das gleichgültig: Er war ja wirklich heilfroh, dass sie sich nachher wieder treffen würden. Und alles klang danach, als würden sie sich wieder versöhnen.

Er pfiff einen aktuellen Hit, fröhlich und grottenfalsch, und schleuderte seine Kleider nach und nach auf einen Haufen im Flur. Es tat gut, mal nicht ordentlich zu sein. Er war beschwingt, fühlte sich leicht und sah seine rosige Zukunft mit Johanna schon bildhaft vor sich. Nur musste er sich jetzt etwas beeilen, wenn er pünktlich wieder in Eckwälden sein wollte.

* * *

»Hallo, Ronnie.«

Johanna wirkte unsicher, als ihr im Wohnzimmer ihr Bruder begegnete. Er saß auf der Couch und sah von seinem Buch auf. Neben ihm auf dem Polster lagen seine Kopfhörer, der CD-Spieler lief, aber die Lautsprecherboxen waren abgeschaltet. Ronnie musterte sie aufmerksam, aber sie konnte seine Miene nicht recht deuten. Hatte er mit angehört, wie sie und Hans vorhin in der Küche gestritten hatten? Hatte er überhaupt mitbekommen, dass Hans da gewesen war?

»Sag mal, Ronnie, hast du mein Handy gesehen?«

»Nö, wieso?«

»Ich hab das vorhin in der Küche auf dem Tisch liegen lassen, und als ich wieder aus dem Bad kam, war es weg.«

»Hast du wahrscheinlich verschlampert«, brummte Ronnie, vertiefte sich wieder in sein Buch und streifte sich die Kopfhörer über. »Wär ja nicht das erste Mal.«

Den letzten Satz hatte er etwas lauter gesprochen, vermutlich wummerten ihm die Bässe seiner aktuellen Lieblings-CD schon die Ohren voll.

Johanna sah sich kurz im Wohnzimmer um, streifte durch Flur, Bad und schließlich Küche, aber das Handy blieb verschwunden.

»Komisch«, dachte sie. »Ich dachte, ich hätte es auf dem Küchentisch liegen lassen.«

Dann zuckte sie mit den Schultern: Ronnie hat ja recht, ich verlege es immer wieder einmal, genauso wie meine Schlüssel oder meine Handtasche. Außerdem war mit Hans auch alles Nötige besprochen. Sie ging ins Schlafzimmer und begann, sich für den Abend frische Kleider aus dem Schrank zu holen.

* * *

Das Telefon drückte gegen seinen Schnauzbart, und die Enden der Barthaare kitzelten ihn leicht am Kinn, aber das störte ihn im Moment kein bisschen.

»Es geht los«, sagte er, ohne sich mit Namen zu melden. »Wir haben noch eine Dreiviertelstunde.«

»Alles klar«, antwortete der Mann am anderen Ende. »Liegt schon alles bereit, ich bring’s gleich raus und komm danach bei dir vorbei.«

»Gibst du den anderen Bescheid?«

»Natürlich, die Telefonkette haben wir ja verabredet, ich ruf gleich an.«

Das Gespräch wurde beendet, und der Mann mit dem Schnauzer legte das Mobilteil in die Ladeschale. Etwas mulmig war ihm zumute. Zum einen wusste er nicht, wie sehr auf die anderen in einer solchen Situation Verlass war – und zum anderen würde es nur klappen, wenn sie den Mann schnell überrumpelten und er so nah am Ortsrand nicht mehr laut genug um Hilfe rufen konnte. Und schließlich …

»Was muss, das muss«, murmelte er dann und riss sich aus seinen Gedanken. Jetzt war nicht die Zeit für Unsicherheiten und Grübeleien, jetzt war die Zeit zum Handeln.

Er nahm sich eine grobe Arbeitsjacke vom Haken, schlüpfte in seine Gummistiefel, stapfte durch den Hinterausgang auf den Hof und setzte sich in der Scheune auf einen Strohballen, um auf die anderen zu warten.

* * *

Das Warten fiel ihm diesmal besonders schwer. Der Tag war nicht sehr angenehm verlaufen, und dem heutigen Treffen am Waldrand fieberte Heiderich noch mehr entgegen als sonst. Der Streit war ihm an die Nieren gegangen, und nun sollte wieder alles gut werden – er würde ihr auch alle Freiheit geben, die sie brauchte. Er hatte es schon mehrfach zu ihr gesagt, irgendwann musste sie ihm doch glauben.

Es war sicher ein Fehler gewesen, gleich nach Feierabend zu ihr rauszufahren und einfach an ihrer Tür zu klingeln. Er hatte damit den Heimlichkeiten ein Ende bereiten wollen – aber er hatte unterschätzt, wie wichtig es Johanna war, ihre Beziehung noch nicht öffentlich zu machen. Nun aber würden sie sich wieder versöhnen – warum sonst hätte sie ihn kurz nach dem Streit auf dem Handy anrufen sollen? Warum sonst hätte sie ihn per SMS gleich danach sogar noch früher nach Eckwälden bitten sollen? Und warum sonst hätte sie vor fünfzehn, zwanzig Minuten mit dem üblichen Zeichen hinter dem geschlossenen Fenster reagieren sollen, als er mit seinem Wagen von Aichelberg kommend wieder unter ihrem Fenster gewartet hatte?

Nun stand der Wagen wie gewohnt in der Haltebucht, und immer wieder ging sein Blick zum Rückspiegel – aber sie kam nicht. Er stieg aus, ging ein Stück hin und ein Stück her, dann setzte er sich wieder in den Wagen und zog die Tür zu.

Wo sie nur blieb?

Dann, endlich, bemerkte er eine Bewegung. Jemand kam näher. Aber es war nicht Johanna.

Freitag, 23. September

»Heute bist du aber früh dran«, sagte Thomas Bruch und rieb sich die Schläfen. Sie hatten gestern schon wieder gekartelt, und es war später geworden, als ihm in seinem Alter guttat.