Lindner und die Tageslosung - Jürgen Seibold - E-Book

Lindner und die Tageslosung E-Book

Jürgen Seibold

4,9

  • Herausgeber: Silberburg
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Eine tote Frau im Kurpark von Bad Boll: Mit ausgebreiteten Armen liegt sie auf dem Rücken, aus der geöffneten Halsschlagader ist das Blut in eine akkurat ausgehobene kleine Grube neben ihrem Hals geflossen. Auf ihre Stirn ist ein Zettel mit einem Bibelspruch getackert: die aktuelle Tageslosung aus einem Abreißkalender der militanten pietistischen Splittergruppe "Die Zinzendorferinnen". Der erfahrene Ermittler Wolfgang Roeder von der Kripo Göppingen leitet die sofort eingerichtete Sonderkommission. Da tritt das LKA auf den Plan: Stefan Lindner soll übernehmen und nach Gemeinsamkeiten mit anderen Fällen suchen. Denn die tote Frau im Boller Kurpark ist wohl nicht das erste Opfer des unbekannten Mörders. Lindner hat zwar wenig Lust, schon wieder mit seinem früheren Kollegen Roeder um Kompetenzen zu streiten, aber der skurrile Fall reizt ihn - und auch die Zusammenarbeit mit Kommissarin Maria Treidler, der er beim letzten Fall recht nahe gekommen war. Nebenbei muss er sich noch um seine Mutter Ruth kümmern, die an einer unangenehmen Diagnose kaut.

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Seitenzahl: 320

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Beliebtheit




Jürgen Seibold

Lindner unddie Tageslosung

Ein Baden-Württemberg-Krimi

Jürgen Seibold, 1960 geboren und mit Frau und Kindern im Rems-Murr-Kreis zu Hause, ist gelernter Journalist und arbeitet als Buchautor. Beim Silberburg-Verlag hat er bisher Kriminal- und Unterhaltungsromane sowie die Reportagensammlung »Baden-Württemberg scharf« veröffentlicht.

1. Auflage 2013

© 2013 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.Umschlaggestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.Coverfoto: © Flory – iStockphoto.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1570-3E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1571-0Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1245-0

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Mittwoch, 13. März

Stefan Lindner hatte die Hände gefaltet und den Kopf gesenkt. Der Friedhof war voller Leute, der Sarg war von üppigen Kränzen und Blumengebinden umgeben, und auf ein Zeichen des Pfarrers hin verebbte das Gemurmel. Wenig später war nur noch der Wind zu hören, der durch die Bäume strich und unangenehm kalt durch die schwarzen Mäntel und Jacken drang.

Die Boller Mädle hatten für die Begräbnisfeier darum gebeten, anstelle des Kirchenchors den musikalischen Rahmen bestreiten zu dürfen. Nun mühten sie sich redlich mit »So nimm denn meine Hände«. Nur die 87-jährige Henrike Hausmann hatte wohl während der letzten Besprechung auf dem Friedhofsparkplatz ein Likörchen zu viel erwischt und krähte mit roten Wangen, schwerer Zunge und brüchiger Stimme neben der bekannten Melodie her.

Lindner gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, ab und zu räusperte er sich, und unauffällig musterte er die Trauergemeinde. Die meisten sahen starr zum Sarg hin, und wenn er doch einmal einen Blick auffing, stellte er darin die übliche Mischung aus Trauer, Neugier und dem Gefühl fest, irgendwie peinlich berührt zu sein.

Ein paar Meter von der dicht beieinanderstehenden Trauergemeinde entfernt standen zwei Frauen, eine jüngere und eine ältere, beide tiefschwarz gekleidet und mit einem so traurigen Blick, als hätten sie von allen Anwesenden persönlich den schwersten Verlust zu erleiden. Lindner kannte die ältere, und er wusste, dass sie sozusagen beruflich hier waren. Die Frau ließ ihren Blick halbwegs unauffällig über die anderen schweifen und hob die schmale linke Hand, die in einem schwarzen Handschuh steckte, um sich leise zu räuspern. Als sie Lindner sah und bemerkte, dass er sie aufmerksam beobachtete, erstarrte sie mitten in der Bewegung, dann beugte sie sich zu ihrer Begleiterin, tuschelte ihr etwas zu, und gleich darauf verabschiedeten sich die beiden Frauen mit einem knappen Nicken von Lindner und sahen zu, dass sie das Ausgangstor erreichten.

Die Boller Mädle waren mit einem herzzerreißenden »... und ewiglich« ans Ende ihrer ersten Darbietung gekommen, und der Pfarrer bog sich das Headset zurecht, um mit seiner Ansprache zu beginnen. Lindner senkte wieder den Blick, aber er fand keine Ruhe. Er musterte die Schuhe der Umstehenden und registrierte die daraufgesprenkelten Schmutzflecken, er blieb mit dem Blick an aufgescheuerten Hosensäumen oder an Laufmaschen in schwarzen Strumpfhosen hängen. Er verlagerte sein Gewicht vom linken auf das rechte Bein und rief sich innerlich zur Ordnung. Schließlich fixierte er den schwarzen Stoff, auf den der Sarg gebettet war, und folgte seinen ganz leicht im Wind schaukelnden Falten nach unten. Dort lugten die vier Räder des Transportkarrens hervor, der den Sargträgern ihre Arbeit erleichterte. Es waren Fahrradräder mit blitzblank polierten Speichen, und die Seiten der Reifen trugen in knalligem Gelb die Aufschrift »x-treme long-life power«.

Ein Schluchzen in seiner Nähe lenkte ihn ab; er atmete ein paar Mal tief ein und aus, schloss die Augen und heftete seinen Blick sodann auf das Blumenbouquet in der Mitte des Sargdeckels. Jetzt trat der Pfarrer einige Schritte zurück, und die Boller Mädle wappneten sich für den nächsten Choral.

... drei Wochen zuvor ...

Mittwoch, 20. Februar

»Herrgottsakramentnommolezefixaberau!«

Ruth Lindner schleuderte den Hammer auf die Ladefläche ihres Traktors und besah sich ihren linken Daumen. Der Schlag war kräftig gewesen wie gewohnt und hatte gesessen, wenn auch leider nicht auf dem Kopf des Nagels. Das vordere Fingerglied begann schon anzuschwellen, die Farbe wurde tiefrot, und am Rand des Fingernagels lief erstes Blut durch einen Riss in der Haut. Schon jetzt glaubte sie ein Pochen zu spüren.

Ein paar Mal atmete sie scharf ein und aus, dann wandte sie sich brummelnd um, wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und stapfte aufs Haus zu. Offenbar musste die Arbeit erst einmal liegenbleiben. Es war zwar erst kurz vor acht, aber die Notwendigkeit für eine medizinische Behandlung mit Obstler war eindeutig. Die linke Hand leicht erhoben, um das Pochen etwas zu mildern, stellte sie mit der rechten Glas und Schnapsflasche auf dem Küchentisch bereit. Sie schenkte ein und merkte, dass sie dabei leicht zitterte. Erst trank sie das Gläschen aus, um inwendig gegen eine mögliche Entzündung vorzubeugen, dann füllte sie das Glas erneut und steckte den Daumen in die klare Flüssigkeit, um die Wunde zu desinfizieren. Gegen den stechenden Schmerz, den sie dabei fühlte, wappnete sie sich mit einem Schluck direkt aus der Flasche, dann wartete sie ein paar Minuten.

Schließlich zog sie den aufgeweichten Daumen aus dem Obstler, stellte das Glas mit der trüb gewordenen Flüssigkeit neben die Küchenkräuter und deckte es mit einer Untertasse ab. Die Brühe mochte nicht mehr sehr appetitlich aussehen, zum Desinfizieren sollte sie aber auch mittags noch taugen. Damit ging sie wieder hinaus, räumte Hammer, Holzbrettchen und Nägel beiseite, weil sie zum Hämmern nun wirklich keine Lust mehr hatte, und tuckerte kurz darauf mit ihrem Traktor zum Hof hinaus.

Das laute Fluchen und das anschließende Gerumpel in der Küche waren nicht zu überhören, und Stefan Lindner überlegte einen Moment lang, ob er aufstehen und unten nach seiner Mutter sehen sollte. Aber dann rückte Maria Treidler schlaftrunken etwas näher an ihn heran, und schon war er völlig überzeugt davon, dass seine Mutter auch gut alleine klarkam.

Als es gegen halb zwölf wieder in der Küche klapperte, schwang er sich dann doch aus dem Bett, schlüpfte in seinen Morgenmantel und schlurfte die Treppe hinunter. Auf dem Herd wurde ein Topf Wasser erhitzt, daneben brutzelten einige Scheiben Schweinehals in einer großen schmiedeeisernen Pfanne. Ruth Lindner beobachtete alles vom Esstisch aus, kaute auf einem Stück Brot herum und hielt ihren Daumen ins Schnapsglas.

»Hast du dir wehgetan?«

Lindner setzte sich neben seine Mutter und linste auf das Gläschen mit dem Daumen drin.

»Scho, ond zwar saumäßig, aber’s wird afanga besser.«

Vor ihr stand ein zweites Schnapsglas, in dem nur noch der Boden nass war. Die Flasche stand daneben, auf das sehr provisorisch wirkende Etikett hatte jemand von Hand »Rösler, Obstler, 2003« gekritzelt.

»Was ist passiert?«

»Ha, i han mir mit dem Scheißhammer uff dr Dauma gschlaga – so was Saubleeds isch mir scho lang nemme bassiert!«

Eine leichte Obstlerfahne und die etwas schleppende Aussprache verrieten Lindner, dass seine Mutter den verletzten Daumen auch noch gründlich von innen behandelt hatte.

»Kann ich mal sehen?«

Er griff nach ihrer linken Hand, hob sie vorsichtig an und besah sich eingehend den geschwollenen Finger, von dem der Schnaps wieder zurück ins Glas tropfte.

»Pfui Teufel«, entfuhr es ihm. »Was ist das denn für eine Brühe, in der du deinen Daumen einweichst?«

»Des isch dem Eugen sei beschder Obschtler, ond der schmeckt net bloß, der hilft au!«

Lindner erinnerte sich mit Schaudern an das anzügliche Lächeln von Apfelzüchter Eugen Rösler, als der ihm von seiner innigen Freundschaft zu seiner Mutter erzählt hatte. Er wusste immer noch nicht wirklich, wie eng die beiden miteinander waren – und er wollte es auch gar nicht so genau wissen.

»Sieht aber grauslig aus, das Zeug.«

»Ha freilich, do han i ja scho heit Morga mein kranka Dauma nei – drenka kasch des Zeugs em Glas jetzt nemme, aber zom Neidonka ond Desinfiziera isch’s no pfennichguat.«

Sie lachte rau und zog sich mit der rechten Hand die Flasche heran.

»Mach besser mal langsam mit dem Schnaps und geh lieber zu Thomas. Soll ich ihn für dich anrufen?«

Dr. Thomas Bruch war Allgemeinmediziner und hatte seine Praxis in Bad Boll nicht weit entfernt vom Lindnerschen Bauernhof – oft genug war Stefan Lindner den kurzen Weg zu seinem einstigen Schulkameraden schon zu Fuß gegangen. Seine Mutter dagegen hatte die Räume seit deren Umbau vor etwa fünfzehn Jahren noch kein einziges Mal betreten.

»Awa! I zom Arzt? Goht’s no?«

Ruth Lindner schnaubte, entwand ihrem Sohn die Schnapsflasche und schenkte sich nach. Der stand kopfschüttelnd auf.

»Dann mach ich mal mit dem Essen weiter, was?«

»O verheb’s, Bua, i han so an Honger, do dät i’s net aushalta, wenn du mir’s Floisch versausch! Dir brennt ja sogar ’s Nudelwasser a!«

Sie lachte rau und wischte sich den Mund mit dem Handrücken trocken. Der Daumen verschwand wieder im anderen Glas.

»Darf wenigstens ich helfen?«

Maria kam in die Küche, stellte sich an den Herd und verschaffte sich einen Überblick über den Stand der Vorbereitungen. Ruth Lindner ließ sie gewähren und beobachtete Lindners Freundin aufmerksam, und als sie zwei Zwiebeln klein gehackt und mit einem kleinen scharfen Gemüsemesser den grünen Keim aus zwei Knoblauchzehen entfernt hatte, schlich sich ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht der alten Frau.

»Do siehsch mol«, raunte sie ihrem Sohn grinsend zu, »dei Maria hot’s druff. Die kann i en mei Küche lassa. Hosch guat gmacht, Bua!«

»Das hab ich gehört«, rief Maria vom Herd her und lachte dazu. »Und danke dafür!«

Keine halbe Stunde später saßen die drei vor vollen Tellern und ließen sich Schweinehals mit Soße und breiten Nudeln schmecken. Maria hatte noch einen Salat dazu gemacht, aber Ruth Lindner winkte nur ab.

»Des isch z’ gsond für mi! Ond erscht geschtern han i was Gsonds ghet – Sauerkraut gilt doch, oder? Aber lad meim Bua ruhig no a bissle meh uff dr Teller, net dass er glei wieder irgendoine von seine erfondene Krankheita daherbrengt.«

Die beiden Frauen lachten, und Lindner ließ sich die kleine Salatschüssel vollladen und brummte missmutig dazu, was das Gelächter der anderen aber nur noch lauter werden ließ.

»Mensch, Bua«, brachte Ruth Lindner schließlich irgendwann unter Freudentränen hervor, »du bisch mir vielleicht a Bähmulle! Von mir hosch des ganz gwieß net.«

Dorothea Wichern sah sich um, bevor sie in die Knie ging. Der ausgelegte Jutesack schützte sie leidlich vor dem kalten und schmutzigen Beton des Stallbodens, und von den Kühen her wehte immer wieder etwas warme Luft.

Sie schloss die Augen und genoss es, wie der Stallgeruch die alten Erinnerungen wieder lebendig werden ließ. An die Jugend hier in Jebenhausen, an das ruhige Dahinfließen des Alltags und die verlässlichen Zeiten des vom Hof und den religiösen Zusammenkünften bestimmten Tages-, Wochen- und Jahreslaufs. An ihre Eltern, die stets hart arbeiteten und sie streng erzogen, und an Conrad, ihren Mann, der wie sie aus einer fest im Glauben stehenden Familie stammte und viel zu früh gestorben war.

Ein ungewöhnliches Geräusch draußen vor der Tür ließ sie aufschrecken und brachte sie zurück in die Gegenwart. Sie spähte durch die kleinen Fenster, die zum Hof hinausgingen, aber nichts war zu sehen. Ein Kalb glotzte sie mit großen Augen an, die meisten Kühe aber waren an den Anblick gewohnt und schenkten der knienden Frau keine Aufmerksamkeit.

Allmählich beruhigte sich ihr Atem, wahrscheinlich hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet. Sie schloss die Augen wieder, faltete die Hände und begann ihr Gebet zu murmeln, um Kraft für die nächsten Stunden zu sammeln. Ihre eigene Stimme und die Geräusche der fressenden Tiere betteten sie ein, und ein Lächeln legte sich auf ihr faltiges Gesicht.

Durch eines der Stallfenster wurde sie aufmerksam beobachtet, und nach einer Weile schlich eine Gestalt in eng anliegender schwarzer Kleidung vorsichtig rückwärts davon, um nicht noch ein auffälliges Geräusch zu verursachen.

Donnerstag, 21. Februar

»Was hab ich dir gesagt, Mutter?«

Lindner hatte ihren Daumen kaum angefasst, als Ruth Lindner auch schon zurückzuckte und das Gesicht zu einer Grimasse verzog.

»Das pocht, oder? Und es tut höllisch weh, stimmt’s?«

Sie nickte zweimal und presste die Lippen zusammen. Er drehte ihre Hand ganz vorsichtig, damit er die Innenseite des Unterarms sehen konnte.

»Und das sind in meinen Augen ganz eindeutig rote Streifen – du hast eine Blutvergiftung, Mutter!«

Er nickte zu dem Schnapsglas und der Flasche auf dem Esstisch hin.

»Mit deinem tollen Obstler kommst du da nicht weiter!«

»Aber ...«

»Nix aber – du hast eine Blutvergiftung, dafür brauche ich nicht mal mein Medizinlexikon. Du gehst jetzt sofort mit mir zum Thomas, und der verarztet dich, wie sich das gehört!«

»I muss aber ...«

»Du musst jetzt sonst gar nichts! Zieh dich an und komm. Ich geh mit, damit du mir auf dem Weg zur Praxis nicht noch ausbüchst!«

»Ha, jetzat mach bloß halblang – du bisch doch net mei Vaddr!«

»Zieh dich an, bitte!«

Damit huschte er in den Flur hinaus, um sich und seiner Mutter eine Jacke zu holen. Ruth Lindner stand seufzend auf, schnappte sich mit der linken Hand die Schnapsflasche und schlurfte zur Küchenzeile hinüber.

»Welche Jacke willst du denn anziehen?«, rief Lindner von der Garderobe herüber.

»Mei Wolljack, die hängt aber no em Schlofzemmerschrank!«

Ein knitzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihren Sohn ins Schlafzimmer gehen hörte. Nun würde er etwas länger brauchen, und er musste sie ja auch nicht bei allem beobachten: Sie schraubte die Flasche auf und nahm einen kräftigen Schluck, dann nahm sie sich eine halbe Knoblauchzehe und ein kleines Stück Zwiebel aus dem Kühlschrank, schob sich beides in den Mund, kaute ein wenig und spuckte die Reste anschließend in den Eimer mit dem Biomüll. Dann hielt sie sich die Hand vor den Mund, atmete aus, schnupperte und schüttelte sich – na ja, zumindest von dem Obstler war nun nichts mehr zu riechen.

In der Praxis von Dr. Thomas Bruch breiteten sich dafür die strengen Aromen von Zwiebel und Knoblauch umso besser aus. Doch der Arzt störte sich daran nicht besonders: Er war zu verblüfft, Stefan Lindners Mutter zum ersten Mal zur Behandlung vor sich zu haben – und er konzentrierte sich darauf, ihren arg geschwollenen Daumen gründlich zu versorgen, ohne ihr dabei allzu sehr weh zu tun. Ruth Lindner allerdings stellte sich als nicht besonders wehleidig heraus – und anders als ihr Sohn, der ständig Symptome der unterschiedlichsten Krankheiten an sich zu entdecken glaubte, hielt sie sich für kerngesund.

Bruch war sich da nicht ganz so sicher. Zwar machte Ruth Lindner einen sehr rüstigen Eindruck, und ihre Akte, die er noch von seinem Vater übernommen hatte, musste seit bald zwanzig Jahren ohne neuen Eintrag auskommen – aber von der drohenden Blutvergiftung durch den verletzten Daumen abgesehen machte sie einen etwas abwesenden Eindruck. Und wenn er sie schon mal dahatte, wollte er auch gleich mit einigen Laboruntersuchungen sichergehen, dass sie auch wirklich in der guten Verfassung war, die sie sich zuschrieb.

Das Blut war schnell abgenommen, auch die Urinprobe war kein Problem, doch als er mit ihr zur Besprechung der Untersuchungsergebnisse einen Termin für den nächsten Montag verabreden wollte, wurde sie störrisch. Sie bruddelte irgendetwas von »an Haufa Gschäft« und »koi Zeit«, und es dauerte eine Weile, bis er und Lindner sie zu dem Folgetermin überredet hatten.

Wie sie beim Hinausgehen den stützenden Arm ihres Sohnes ablehnte, dabei aber ein klein wenig unsicher auf den Beinen schien, sah Thomas Bruch ihr nachdenklich hinterher. Er war gespannt, was das Labor finden würde.

Montag, 25. Februar

Die Sonne tauchte das Zimmer in ein angenehmes Licht, und Lindner hauchte Maria, die auf dem Bettrand saß, einen Kuss auf den nackten Rücken. Ihre Haut war weich und warm, und sie leuchtete geradezu unter den Sonnenstrahlen. Lindner strich mit dem Zeigefinger langsam ihre Wirbelsäule hinauf und wickelte sich eine ihre wild auseinanderstrebenden Locken um den Finger.

»Sag mal, Stefan«, sagte sie plötzlich, und Lindner war ein wenig enttäuscht, dass sie so gar nicht auf seine vorsichtige Annäherung reagierte, »magst du denn nicht mal dein ... äh ... Kinderzimmer neu einrichten?«

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn gespannt an.

»Ich ...«

Er hatte nie im Leben daran gedacht, sich um so etwas zu kümmern. Tapeten interessierten ihn nicht besonders, und die Micky-Maus-Hefte und die alten Möbel seines Jugendzimmers hatten ihn in den vergangenen Jahren nicht gestört, warum sollte er sie also austauschen?

Marias Blick allerdings ließ ihn darüber noch einmal neu nachdenken. Vom Ergebnis war er selbst überrascht.

»Ja, doch ... ich ... Klar, könnte ich mal machen. Wenn’s dir nicht gefällt?«

»Ist schon süß«, tröstete sie ihn und gab ihm einen Kuss. »Aber irgendwie ist es auch etwas seltsam, wenn ich bei meinem 40-jährigen Freund übernachte, und der schläft noch in seinem Jugendzimmer, als wäre demnächst Konfirmation.«

Sie kicherte, und Lindner, der das eigentlich gar nicht lustig fand, grinste bemüht.

»Stell dir doch mal vor: hier überall eine schön helle Tapete ...« Sie beschrieb mit ihrer Hand einen Kreis, doch Lindners Augen folgten ihrer Bewegung nicht, sondern blieben wohlwollend auf ihre Brust gerichtet. »Und dort drüben ein kleines Sofa, auf den Boden vielleicht ein großer flauschiger Teppich, zum Räkeln und ... na ja, du weißt schon.«

Sie lachte, und ihre Stimme klang etwas heiser dabei. Lindner war längst überzeugt von ihrem Vorschlag, und mit beiden Händen zog er sie langsam an ihren Schultern zurück ins Bett.

Da klingelte ihr Handy.

»Mist!«, schimpfte sie, aber sie ging ran. »Treidler?«

Dann sagte sie eine Zeitlang nichts mehr, und ihr Gesichtsausdruck machte Lindner klar, dass die gemütliche Morgenzeit vorüber war.

»Gut, bin gleich da.«

Sie schlüpfte in ihre Kleider, pustete Lindner im Hinausgehen noch einen Handkuss zu, und weg war sie.

»Soll ich wirklich nicht mitkommen?«

Halb machte sich Stefan Lindner Sorgen um den Gesundheitszustand seiner Mutter und wollte sie zur Arztpraxis begleiten, und halb befürchtete er, sie würde im letzten Moment doch noch kneifen und ihren Besprechungstermin mit Bruch sausen lassen.

»Ha, jetzat schbenn de bloß aus, Jonger! I gang do na, musch dr koine Sorga macha – aber i gang uff jeden Fall ohne Kendermädle zom Arzt!«

Damit stapfte sie auch schon zur Küche hinaus, und kurz darauf tuckerte ihr Traktor vom Hof und bog schließlich, wie Lindner sicherheitshalber vom Fenster aus beobachtete, in die Beethovenstraße ein, wo Bruch seine Praxis hatte.

Lindner sah zur Uhr. Höchste Zeit, dass er Maria anrief und fragte, warum sie heute früh so schnell hatte losmüssen.

»Treidler?«

Sie klang etwas gehetzt und atmete schwer. Im Hintergrund waren Stimmen zu hören, sie schien irgendwo draußen zu sein.

»Ich bin’s, Maria. Was war denn vorhin so eilig?«

»Wir haben einen neuen Fall. Ich erzähl’s dir heute Abend. Den Tag über komm ich hier sicher nicht weg. Sagen wir um acht? Magst du uns was kochen?«

»Lieber nicht«, knurrte Lindner. »Meine Mutter traut mir ja nicht mal zu, Nudelwasser vernünftig heiß zu machen – hast du das schon wieder vergessen?«

»Dann hol uns was vom Italiener, ja? Ich kann jetzt wirklich nicht mehr reden. Ich muss, okay?«

Eine Männerstimme rief nach Maria, es klang nach Roeder, ihrem Vorgesetzten bei der Kripo Göppingen.

»Gut, dann bis später. Der große Boss ruft, lass den Miesepeter mal lieber nicht warten.«

»Dank dir, tschüs!«

Ihr vertraulicher Ton zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, das ihn noch wärmte, als er schon mit einer Tasse Kaffee in der Küche saß und in der Zeitung blätterte.

Ruth Lindner saß nicht lange im Wartezimmer, aber die paar Minuten hatten schon genügt, sie zum Nervenbündel zu machen. Sie war es nicht gewöhnt, zum Arzt zu gehen, und entsprechend aufgeregt sah sie dem Besprechungstermin entgegen. Die ausliegenden Zeitschriften interessierten sie nicht: Königinnen, Popstars und andere Prominente kümmerten sie nicht besonders, abgesehen von ihren Lieblingssängern Roland Kaiser und Roger Whittaker, aber über die stand nichts in den bunten Blättern auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes. Und das Boller Amtsblatt, das in seiner schlichten Gestaltung dazwischen etwas verloren wirkte, hatte sie schon gelesen.

Endlich schwang die Tür auf, und Lisa Rummele, die Arzthelferin von Bruch, rief sie auf. Sie hatte Lisa schon als Kind gekannt, als die kleine Göre mit ihren wippenden blonden Zöpfen und ihrem losen Mundwerk ihre verkniffenen Onkels und Tanten in den Wahnsinn getrieben hatte. Die weitverzweigte Familie Rummele war mit ihrem nervtötend zur Schau getragenen evangelischen Erweckungseifer sogar in Bad Boll unangenehm aufgefallen.

Im Behandlungszimmer erhob sich Bruch von seinem Sessel und kam auf sie zu. Er lächelte sie an, aber ihn schienen zugleich auch Sorgen umzutreiben, und sofort versteifte sich Ruth Lindner und strich ihren Rock mehrfach fahrig glatt, bevor sie sich endlich auf den Stuhl setzte, den der Arzt ihr anbot.

»So, Frau Lindner«, begann Bruch umständlich und blätterte in den Unterlagen vor ihm auf dem Tisch. »Ich habe Ihnen ja am Donnerstag Blut abgenommen, und wir haben das zusammen mit der Urinprobe ins Labor geschickt. Hier habe ich die Ergebnisse.«

Das alles war ja klar, und an einem guten Tag hätte ihm Ruth Lindner auch längst unwirsch das Wort abgeschnitten – aber heute war kein guter Tag für sie, das ahnte sie längst. Und dann versuchte Bruch, ihr den Befund möglichst schonend beizubringen.

Lindner machte sich erst gar keine Mühe, seine Überraschung zu überspielen: Hans-Dieter Kortz war am anderen Ende der Leitung. Lindner hatte seine Polizeilaufbahn zusammen mit Wolfgang Roeder in der Göppinger Kripo begonnen und war später zu einem der besten Ermittler der Kripo Stuttgart geworden. Kortz hatte ihn von dort für das LKA abgeworben, doch als während Lindners abschließender Schulung ein Kripokollege wenige Tage vor seiner Pensionierung im Dienst ums Leben gekommen war, hatte das Lindner aus der Bahn geworfen – und seither versuchte er in seinem Heimatort Bad Boll, wieder auf die Beine zu kommen.

Er wurde währenddessen als LKA-Beamter geführt und war nur vorübergehend außer Dienst gestellt. Obendrein hatte er inzwischen schon einmal wieder mitermittelt, wenn auch nur als Gast der Göppinger Soko: Da war es um den Mord an dem Landesbeamten gegangen, der nahe Eckwälden tot auf einer Streuobstwiese gelegen hatte. Das hatte ihn eine Zeitlang von den diversen Symptomen abgelenkt, die er immer wieder an sich festzustellen glaubte – und seiner Kollegin Maria Treidler war er durch eben diese Ermittlungen nähergekommen.

So ganz erholt fühlte sich Lindner trotzdem noch nicht. Ohnehin hatte er im Lauf des Tages noch bei seinem Schulfreund Thomas Bruch vorbeigehen wollen: Er spürte ein leichtes Stechen im linken großen Zeh, und sein Medizinlexikon ordnete dieses Symptom ganz unterschiedlichen, darunter auch sehr schwerwiegenden Erkrankungen zu. Doch der große Zeh war schnell vergessen: Kortz bat ihn, in den Kurpark zu kommen und ihn dort zu treffen.

»Ich stehe hier an so einem ... äh ... ziemlich kunstvollen Brunnen, irgendwelche Klötze, die übereinandergelegt sind oder so«, sagte Kortz noch, bevor er auflegte.

Den Brunnen kannte Lindner, und das Kurhaus, vor dem er aufgebaut war, lag keinen Kilometer entfernt. Deshalb zerrte er, als der Wagen nicht ansprang, sein altes Fahrrad aus der Rumpelecke der alten Scheuer, pumpte die platten Reifen auf und strampelte mit dem verstaubten Vehikel los. Als ihm der Kollege mit einem breiten Grinsen entgegensah, wünschte er sich, wenigstens den alten Fuchsschwanz vom Lenker entfernt zu haben, aber dafür war es jetzt zu spät.

»Schick«, spottete Kortz, ließ den Fuchsschwanz kurz durch seine Finger gleiten und wischte sich gleich darauf die Hand an der Hose ab.

»Ja, schon gut«, brummte Lindner. »Sie dürfen gerne mal eine Runde drehen, wenn Sie mögen.«

»Dazu fehlt uns leider die Zeit. Stellen Sie das Ding doch bitte dort neben den Streifenwagen, da kommt es nicht weg, wobei ... ob das jemand ...?«

Er musterte das schwarz und knallorange lackierte Geländefahrrad noch einmal, sah die Kiss- und Bon-Jovi-Aufkleber und das angerostete Blechschild mit der Aufschrift »Born to be wild«, das vorn an den Lenker geschraubt war. Lindner folgte seinem Blick, presste die Lippen zusammen und hoffte, dass er nicht rot wurde. Kortz grinste noch etwas breiter – und Lindners Gesicht nahm eine noch dunklere Färbung an.

Nun wandte er sich lieber ab, atmete ein paar Mal ein und aus und ließ seinen Blick über die ebene Wiese des Kurparks schweifen, die von einigen Bäumen links und rechts begrenzt wurde und sich bis zu einem Wandelgang mit weißen Mauerbögen und roten Dachziegeln erstreckte, der in der Mitte von einem hübschen kleinen Kuppelbau dominiert wurde.

Die Wiese bildete vor dem geschotterten Vorplatz des Kuppelbaus einen rund einen Meter hohen Hang, auf dem dort hinaufführenden Kiesweg und drumherum knieten einige Gestalten in weißen Ganzkörperanzügen. Wenn die Spurensicherung hier zu tun hatte, war im Kurpark ein Verbrechen geschehen – vermutlich hatte er hier den Grund dafür vor sich, dass Maria vorhin am Telefon so kurz angebunden gewesen war und erst am Abend wieder Zeit für ihn haben würde.

»Was ist hier los?«, fragte er schließlich.

»Dort drüben liegt eine Tote, sie wurde heute früh von einem Spaziergänger gefunden. Ermordet, heute Nacht, irgendwann zwischen null und drei Uhr, soweit wir bisher wissen.«

Lindner verzog das Gesicht.

»Und was mach ich hier? Wir können gerne darüber reden, dass ich bald meinen Dienst bei Ihnen aufnehme, vielleicht in zwei, drei Wochen, mal sehen – dazu wollte ich Sie ohnehin demnächst anrufen. Aber ein Mord im Kurpark? Das ist doch eher eine Sache für die Göppinger Kripo, und die setzt meistens meinen alten Kollegen Roeder auf solche Fälle an. Wir sind ... nun ja ... ich will’s mal so ausdrücken: Wir sind nicht mehr die besten Freunde, seit ich von Göppingen weggegangen bin.«

»Ich weiß.«

»Und dass ich an den Ermittlungen zu dem Toten auf der Obstwiese mitgearbeitet habe, wird er kaum als Hilfe, sondern eher als Einmischung empfunden haben. Vielleicht verstehen Sie deshalb, dass ich nur ungern ...«

»Darauf werde ich keine Rücksicht nehmen können, tut mir leid. Aber Sie werden Herrn Roeder auch nicht ins Handwerk pfuschen – im Gegenteil: Wir binden ihn in die Ermittlungen ein, er wird Ihnen zuarbeiten.«

Lindner seufzte. Das klang nach Ärger.

»Das Einzige, das mich jetzt interessiert, ist etwas anderes«, fuhr Kortz ungerührt fort. »Fühlen Sie sich wieder gesund genug, um einen etwas speziellen Fall zu übernehmen? Sie hätten vor allem die Aufgabe, sich einen Überblick zu verschaffen, die gesamte Situation einzuschätzen und sich einen Reim auf die einzelnen Puzzlestücke zu machen. Für die eigentliche Tagesarbeit sind weiterhin die Sonderkommissionen zuständig.«

»Das müsste schon gehen, aber ...«

Erst jetzt erfasste Lindner ganz, was Kortz gerade gesagt hatte.

»Was meinen Sie mit ›die Sonderkommissionen‹? Wer ermittelt denn noch alles in diesem Mordfall?«

»Nur die Göppinger Kollegen. Aber die Tote ist möglicherweise nicht das erste Opfer des Täters.«

»Und das heißt?«

»Erzähl ich Ihnen nachher, jetzt sehen wir uns die Tote erst einmal an. Die Spurensicherung scheint schon recht weit zu sein. Herr Roeder hat mir vorhin am Telefon gesagt, dass der Bestatter schon bereitsteht, um die Leiche innerhalb der nächsten halben Stunde in die Rechtsmedizin zu bringen.«

Damit wandte er sich ab und ging mit großen Schritten quer über die Wiese auf den kleinen Hang vor der Wandelhalle zu. Sie hielten sich immer zwischen zwei rotweißen Trassierbändern, die dort gespannt waren und den freigegebenen Weg zur Leiche markierten. Lindner musste sich sputen, um Kortz auf den Fersen zu bleiben.

Überall waren Schilder in den Boden gesteckt, und die Kriminaltechniker in ihren weißen Anzügen fotografierten und packten die unterschiedlichsten Gegenstände in durchsichtige Plastiktüten. Lindner beneidete die Kollegen nicht. Das meiste, das auf diese Weise an Tat- oder Fundorten eingesammelt wurde, stellte sich später als belanglos heraus, aber jeder noch so kleinen Spur musste akribisch nachgegangen werden. Und so sicherten die Kollegen Kiesel, die möglicherweise Blutspritzer aufwiesen, oder suchten die Wiese und den Weg nach verwertbaren Fußspuren oder anderen Hinweisen ab.

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Roeder stand etwas abseits, er unterhielt sich mit Maria Treidler und zwei weiteren Kollegen von der Göppinger Kripo, aber als er Kortz heranrauschen sah mit Lindner im Schlepptau, verschlug es ihm mitten im Satz für einen Moment die Sprache, und seine Mundwinkel gingen wie auf Kommando nach unten.

»Sag mal, Stefan«, rief er ihm entgegen, ohne dem anderen Mann Beachtung zu schenken, »wird das allmählich zur Gewohnheit, dass du ständig an unseren Tatorten herumlungerst?«

Kortz trat neben ihn, sah ihn missbilligend an, streckte ihm die Hand entgegen und erntete von Roeder einen fragenden Blick.

»Kortz, LKA, wir haben telefoniert.«

Roeder schluckte kurz, räusperte sich, dann nahm er die Hand des anderen. Um Maria Treidlers Mund spielte ein leichtes Grinsen, Lindner sah sie an und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

»Äh ... und Stefan? Ich meine: Kollege Lindner? Wir haben in Göppingen genügend gute Leute, und ich möchte gerne mit meinem eingespielten Team arbeiten.«

»Das sollen Sie ja auch, wir sind froh, dass wir Sie und Ihre Leute hier vor Ort haben.«

Roeder entspannte sich ein wenig.

»Und es kann keine Rede davon sein«, sprach Kortz einfach weiter, »dass Kriminalhauptkommissar Lindner zu Ihrer Ermittlungsgruppe stoßen soll.«

Nun gönnte sich Roeder einen triumphierenden Seitenblick auf Lindner.

»Im Gegenteil wird es so sein, dass Sie Herrn Lindner berichten. Seine Handy- und seine Festnetznummer werden Sie noch haben, nehme ich an? Sie hatten ja zuletzt schon einmal zusammengearbeitet, sehr erfolgreich, wie ich hörte.«

Roeder erstarrte, seine Kiefern mahlten, und sein Tonfall wurde eisig.

»Wie meinen Sie das: Ich soll ihm berichten? Sie sind nicht mein Vorgesetzter, Herr Kortz. Die Kripo Göppingen ermittelt hier in einem Mordfall, und ich habe weder Zeit noch Lust, Lindner auf dem Laufenden zu halten, nur weil er außer Dienst ist und er, weil ihm langweilig ist, gerne erfahren möchte, was hier in Bad Boll so passiert.«

Die Umstehenden versteiften sich ein wenig, es war ihnen anzumerken, dass ihnen das Gegockel ihres Chefs peinlich war – und sie warteten gespannt darauf, dass nun der LKA-Mann auf seine Kompetenzen pochen und Roeder lautstark abkanzeln würde. Kortz griff in seine Jackentasche, zog eine Visitenkarte hervor und hielt sie Roeder hin.

»Sie sind da nicht ganz vollständig informiert, Herr Kollege«, sagte er in ruhigem Ton. »Herr Lindner ist sehr wohl wieder im Dienst, und er wird für uns eine Reihe von Mordfällen leitend betreuen, zwischen denen wir einen Zusammenhang vermuten.«

Roeder sah fragend zwischen Kortz und Lindner hin und her, dann griff er mechanisch nach der Visitenkarte und las die Aufschrift. Dem Dienstrang nach zu urteilen hatte er sich für einen Machtkampf offensichtlich den Falschen ausgesucht.

»Niemand will Ihnen Ihr Schäufelchen oder womöglich den ganzen Sandkasten streitig machen, Herr Roeder«, setzte Kortz noch hinzu. Ein wenig leiser war er jetzt geworden, und seine Stimme hatte eine leichte Schärfe angenommen. »Aber Sie werden kooperieren, Sie werden Herrn Lindner berichten, und Sie werden Ihre Arbeit so professionell verrichten, wie das hoffentlich auch sonst Ihre Art ist. Dazu zähle ich auch und ganz besonders alles, was die Kommunikation mit Kollege Lindner betrifft.«

Roeders Augen verengten sich zu Schlitzen, seine Lippen waren aufeinandergepresst.

»Wir haben uns verstanden?«, hakte Kortz nach.

Roeder nickte und funkelte Lindner wütend an, sagte aber kein Wort.

Kortz musterte Roeder noch einen Moment lang, dann nickte er ebenfalls knapp, wandte sich Lindner zu, legte ihm eine Hand auf den Rücken und schob ihn mit einer leutseligen Geste auf Roeder zu.

»Am besten beginnen Sie gleich jetzt mit Ihrer Zusammenarbeit. Ich bleibe noch kurz hier und habe nachher noch unter vier Augen mit Herrn Lindner zu reden. Aber fürs Erste, Herr Roeder, würde ich Sie bitten, uns in groben Zügen den Fall zu schildern.«

Allzu viel wusste Roeder noch nicht, die Arbeit begann ja auch erst. Die Ermittlungsgruppe würde sich am frühen Nachmittag zur ersten Besprechung treffen, die teilnehmenden Kollegen waren informiert, und die Beamten für den Innendienst richteten sich gerade im Soko-Raum ein.

Der Rechtsmediziner erhob sich und gab den Kriminaltechnikern ein Zeichen, dass er hier fertig war. Roeder bat ihn zu sich und stellte die Männer einander vor. Robert DeLaJaune war ein hagerer Mann Mitte vierzig, dessen volles Haar von ein paar grauen Strähnen durchzogen war. Er hatte ein markantes Gesicht, trug einen Dreitagebart, und seine wachen, blauen Augen schienen ständig seine Umgebung zu scannen – um die Mundwinkel allerdings spielte ein genervter Zug, der auf Überdruss und wahrscheinlich auch auf Arroganz schließen ließ.

»Das wurde alles sehr fachgerecht gemacht«, sagte er mit einer seltsam schnarrenden Stimme. »Die Halsschlagader wurde sauber geöffnet, der Schnitt sitzt ganz ordentlich.«

»Lässt das auf einen Arzt als Täter schließen?«, fragte Lindner sofort, dann sah er zu Kortz hin, ob der ihm vielleicht übelnahm, dass er das Gespräch auf diese Weise gleich an sich gerissen hatte – aber sein Vorgesetzter zeigte keine Reaktion, sondern erwartete gespannt die Antwort des Rechtsmediziners.

»Nein, so weit würde ich nicht gehen. Obwohl: ein Zahni vielleicht?«

Er lachte glucksend. Auf die fragenden Blicke der drei anderen hin verstummte er schnell wieder und räusperte sich.

»Kleiner Scherz meinerseits. Nein, das war kein Arzt, auch kein Zahn- oder Tierarzt. Aber immerhin jemand, der sich gut genug über die Lage der Halsschlagader informiert hat, dass er nicht wie wild suchend am Hals herumschnippeln musste.«

Kortz machte sich Notizen.

»Geöffnet wurde die Schlagader mit einem scharfen Messer, und der Täter hat den Kopf etwas zur Seite gedreht, hin zu einem Loch in der Wiese, und sich auch sonst offenbar Mühe gegeben, dass das Blut möglichst komplett in dieser kleinen Grube landete.«

Roland Schopf, der Leiter der Kriminaltechnik der Göppinger Polizei, war zu ihnen getreten und deutete nun auf ein Loch, das neben dem Hals der Toten in die Wiese gegraben war.

»Das Loch wurde mit einem Spaten ausgehoben, recht saubere Arbeit und groß genug für etwa fünf bis sechs Liter Flüssigkeit. Das Loch ist jetzt etwa halb voll.«

»Mit dem Blut der Toten?«

»Na ja«, brummte DeLaJaune, »getestet wird natürlich noch, aber ich habe daran keinen Zweifel – vom Hals der Toten ist auf jeden Fall tatsächlich Blut in die kleine Grube gelaufen. Und es sieht ganz so aus, als hätte der Täter die Halsschlagader abgedeckt, vielleicht mit einer Plastiktüte oder etwas in der Art, damit kein Blut nach oben spritzt und alles, wie gesagt, sauber nach unten abläuft.«

»Kann ich da schon hin?«, fragte Lindner und deutete auf eine Stelle zu Füßen der Leiche. Schopf nickte, und Lindner ging die paar Schritte.

Die Frau wirkte sehr bleich, wächsern, wie sie da vor ihm lag, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Arme weit ausgebreitet, die Beine leicht verschränkt, so dass der rechte Knöchel auf dem linken lag. Neben dem Hals war die Grube zu sehen, ein schwarz verkrustetes Rinnsal verlief von der Ader hinunter bis in die dunkle Flüssigkeit, die das Loch zu einem Teil füllte.

Die Tote trug dunkle Kleidung: einen bequemen, längeren dunkelgrauen Rock, und unter ihrer schwarzen, zugeknöpften Wolljacke war eine einfache graue Bluse zu sehen, hochgeschlossen und mit langen, ebenfalls vollständig zugeknöpften Ärmeln. Ihre schwarz gefärbten Haare waren mit metallenen Haarklammern und einem dunkelbraunen Kamm hochgesteckt, entlang des streng gezogenen Seitenscheitels war zu sehen, dass sich ihre natürliche Haarfarbe längst in ein fahles Grau gewandelt hatte.

Auf ihrer Stirn war ein Zettel befestigt. Lindner beugte sich etwas vor. Der Zettel war aufgetackert, die Metallklammer wirkte etwas verbogen. Auf dem Blatt stand ein Bibelzitat. »Gehe hin zu der Herde«, las Lindner, »und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat. 1. Mose 27, 9.« Er war zwar nicht gerade bibelfest, aber so ähnlich sahen die Blätter in dem Losungskalender aus, den seine Mutter in der Küche hängen hatte.

Die Leiche war so platziert, dass der Unterkörper auf die ebene Fläche der Kurparkwiese gebettet war. Im Bereich der Hüfte begann der kleine Hang hinauf zur Wandelhalle, und der ansteigende Untergrund ließ den Oberkörper ein wenig aufgerichtet erscheinen, wie auf einer bequem eingestellten Ruheliege.

Die Frau sah friedlich aus, irgendwie auch feierlich. Die Augen waren geschlossen, und ihr faltiges und mit einem leichten Flaum bedecktes Gesicht wirkte entspannt – bis auf die heruntergezogenen Mundwinkel und die tiefen Kerben, die sich daneben eingegraben hatten. Verhärmt wirkte sie, in den vergangenen Jahren hatte sie wohl nicht gerade ein fröhliches oder ausschweifendes Leben geführt.

»Der Täter hat sich übrigens nicht an ihr vergangen«, merkte DeLaJaune noch an.

»Na, wenigstens das nicht«, seufzte Lindner. »Wann ist sie denn gestorben, soweit Sie das jetzt schon sagen können?«

»Halb zwei«, kam es wie aus der Pistole geschossen.

Lindner sah DeLaJaune fragend an, weil der sich bereits auf einen genauen Zeitpunkt festlegte. Der Rechtsmediziner grinste, als er merkte, dass ihm sein kleiner Scherz gelungen war.

»Plus minus eine Stunde«, fügte er hinzu. »Genauer wird’s nach der Obduktion.«

»Da haben wir ja einen schönen Spaßvogel an der Backe«, brummte Lindner, als er nach ein paar weiteren Gesprächen neben Kortz zurück zum Brunnen vor dem Kurhaus ging.

»Es lohnt sich aber, ihn zu ertragen«, antwortete Kortz. »Er ist menschlich ein ziemlicher Kotzbrocken, und seine schlechten Witze sind legendär, aber seinen Job versteht er. Wenn DeLaJaune sich nicht ständig diese Frauengeschichten leisten würde, hätte er sicher schon eine steile Karriere gemacht.«

»Was haben denn Frauengeschichten mit seiner Karriere als Rechtsmediziner zu tun? Er wird dafür ja wohl keine beruflichen Termine verpassen, oder?«

»Das nicht, aber er hat ein ... nun ja ... nicht sehr glückliches Händchen in der Wahl seiner Freundinnen. Mit einer Kollegin, einer sehr hübschen übrigens, hat er sich schon eingelassen, außerdem weiß ich noch von zwei Oberärztinnen und einer Abteilungsleiterin in der Krankenhausverwaltung.«

»Na ja, wenn er das alles im Griff hat ...«

»Sagen wir es mal so: Er ist nicht allzu rücksichtsvoll, wenn er Schluss macht mit den Damen – und noch übler verhält er sich nur, wenn er selbst abserviert wird, wie von der Kollegin in der Rechtsmedizin.«

Lindner dachte an Maria Treidler, und er war heilfroh, dass er neuerdings selbst ein erfreuliches und klar geregeltes Liebesleben hatte.

»Aber, wie gesagt: Als Rechtsmediziner ist DeLaJaune ein Ass.«

»Gut«, sagte Lindner, »und eigentlich interessiert mich sonst nichts an ihm.«

Sie hatten den Streifenwagen erreicht, neben den Lindner sein Fahrrad gestellt hatte. Drei uniformierte Beamte standen dort beisammen, einer hielt das Rad mit spitzen Fingern und schimpfte vor sich hin, die beiden anderen standen dabei und musterten das Rad ebenfalls.

»Kann ich Ihnen helfen?«, sagte Lindner und trat zu dem Grüppchen.

Der Beamte am Fahrrad sah ihn überrascht an. Lindner kannte ihn ebenso wenig wie seinen Nebenmann – der Dritte in der Runde war ihm allerdings sehr vertraut: Fritz Aichele, der Leiter des Polizeipostens Bad Boll und einer seiner Binokelpartner im Gasthof Hirschen. Aichele, der etwas hinter seinen Kollegen stand, sah Lindner an, deutete zu dem Fahrrad hin, formte mit den Lippen lautlos die Frage »Deins?«, und als Lindner kurz nickte, legte sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht.

»Da werde ich wohl keine Hilfe brauchen«, schnappte der Beamte, der das Rad noch immer hielt. »Irgendein Halbstarker hat seinen alten Göppel vor meinen Streifenwagen gestellt, und dann ist der Ständer abgebrochen und das blöde Ding ist gegen die Motorhaube gekippt.«

»Oh«, machte Lindner und bückte sich nach dem abgefallenen Ständer, »das tut mir leid. Ist denn was kaputt? Am Wagen, meine ich.«