Linke Heimatliebe - Thomas Ebermann - E-Book

Linke Heimatliebe E-Book

Thomas Ebermann

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Beschreibung

Heimat boomt. Ihre Allgegenwart markiert das Grundrauschen der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung. Kein Begriff siedelt so nahe an der Volksgemeinschaft wie dieser. Er gehört den Rechten und ist ohnehin nur Statthalter in einer Zeit, in der „Blut und Boden“ so ohne weiteres nicht mehr propagiert werden können. Was Negation verdient, wird von jenen „Linken“, die notorisch noch den letzten Dreck nicht den Rechten überlassen wollen, dem alternativen Gebrauch zugeführt. So alternativ ist der oft aber nicht: Die Verwechslung des Menschen mit nicht umpflanzbaren Bäumen; die unentrinnbare Prägung durch Herkunft; die Liebe zu Gebietskörperschaft, Brauchtum und Eckkneipe; der Kampf gegen die Fremden und das Fremde; die Abscheu vor dem Zersetzenden; all das findet sich auch im “linken“ Heimatdiskurs. Dieses Buch seziert seine aktuellen Ausformungen und seine affirmativen Autoritäten – etwa Ernst Bloch, Kurt Tucholsky, Johannes R. Becher oder den vorgeblichen Erneuerer des Heimatfilms, Edgar Reitz. Der Autor zügelt dabei seinen Hass auf die „Gemütlichkeit“ keineswegs.

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Thomas Ebermann

LinkeHeimatliebe

Eine Entwurzelung

konkret texte 75

KVVkonkret, Hamburg 2019

Titelmotiv: Alamy Stock Photo

Lektorat: Hermann L. Gremliza

Gestaltung & Satz: Niki Bong

e-book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-930786-89-3

Inhalt

Vorwort

Von Thorsten Mense

Besetztes Gebiet: die linke Heimat

Heimatliebe oder: die Juchzpflicht

Heimat Österreich

Heimatkunde: der Fall Türcke

Bei Filbinger daheim: ästhetisch und kommunikativ

60 Stunden judenfrei: der Fall Edgar Reitz

Landser gegen Irredenta: der Fall Oskar Negt

Zweierlei Heimat: der Fall konkret

Heimat, Volk, Elite: der Fall Georg Seeßlen

Geprägt durch Ostwestfalen: der Fall Sundermeier

Heimat zutiefst menschlich: der Fall Eisenberg

Heimat statt Kosmos: der Fall Guillaume Paoli

Ausländer raus: die Fälle Hofbauer und Stegemann

Heimatsprache: noch mal Paoli

Ein Splitter zur Sprache

Ein Kessel Braunes: der Fall DDR

Ich kann auch anders: der Fall Tucholsky

Heimat als Hoffnung: der Fall Bloch

Faschistoider Vormarsch

Thomas Ebermann in konkret 3 & 4/17

Heimatfreunde dulden keine Nestbeschmutzung

Reaktionen in der Tageszeitung »Neues Deutschland« zu einem Beitrag von Thorsten Mense

Literatur

Dank

Vorwort

Von Thorsten Mense

Es gehört zu den undankbaren Seiten der Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, dass sie bisweilen von den gesellschaftlichen Entwicklungen überholt wird. Als Thomas Ebermann und ich im Winter 2017 beschlossen, das Thema »Heimat« zu bearbeiten, hielten wir uns für überaus schlau und vorausschauend. Wir hatten beide den Eindruck, dass Heimat sich gerade anschickte, die Nachfolge von Nation und Leitkultur anzutreten, und dass da – noch versteckt – im Inneren der Gesellschaft etwas Bedrohliches entstehe, was man in kritischer Absicht an die Oberfläche befördern müsse. Das identitäre Bedürfnis, auf rechter wie auf linker Seite, was sich sonst vor allem in der Verklärung und Anrufung von Volk und Nation ausdrückte und was bei uns beiden seit Langem einen Schwerpunkt in unserer Kritik eingenommen hatte, war dabei, eine neue Ausdrucksform zu finden, so schien es uns. Dabei sahen wir jedoch nur das Offensichtliche, kurz darauf wurde in Deutschland ein eigenes Ministerium für Heimat eingerichtet. Von nun an wurden wir mit Material überschwemmt.

Die Absurdität, Beliebigkeit und das Ausmaß der neu und wieder entdeckten Heimatliebe ließ uns oft mit Staunen zurück. Heimat ist »der Duft der Bratwurst«, aber auch »der Mond, der den Wanderer in der Nacht begleitet«, aber vor allem anderen »ein gutes Gefühl«, durften wir lernen. »Heimat braucht Klimaschutz«, erklärt uns Greenpeace, »Umweltschutz ist Heimatschutz« die NPD, und Kaufland möchte, dass wir im Supermarkt »Heimat neu entdecken«. Seitenlange Feuilletondebatten, stundenlange Radiofeatures und Fotowettbewerbe begleiteten unsere Arbeit. Der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel verlangte Ende 2017 im »Spiegel«, dass die SPD sich statt mit Umverteilung mit Identität und Heimat beschäftigen solle. Kurz zuvor hatte es Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit geschafft, das Wort »Heimat« in 30 Minuten ganze 19 Mal zu verwenden. Heimat wurde zum politischen Kampfbegriff schlechthin. Man verteidigt sie und die jeweils spezifische Vorstellung von ihr mit Büchern, Debattenbeiträgen, Ministerien, Demonstrationen oder Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Die publizistische wie politische Heimattümelei wird von einer (pop)kulturellen Mobilmachung begleitet, von deren Ausmaß ein Blick in die Bestsellerlisten oder die ausverkauften Stadien bei Konzerten des »Volks-Rock’n’Rollers« Gabalier nur eine Ahnung vermitteln kann.

Heimat boomt, und es scheint kein Entrinnen zu geben. Noch mehr aber als dieser Wahn in Politik, Kultur, den Medien und der Werbung erstaunt die laute Absenz von Kritik. Alle streiten und debattieren, was Heimat ausmache, wie sie kulturell und politisch zu deuten und bestimmen sei, aber kaum jemand stellt das Konzept an sich, das »Gefühl« und die darin steckende Sehnsucht nach natürlicher Zugehörigkeit infrage. So sind sich trotz aller oberflächlichen Differenzen in der sogenannten Heimatdebatte in einem Punkt alle Beteiligten einig: Heimatlosigkeit ist ein existenzieller Mangel oder gar eine psychische Störung. Während es aus – wenn auch oft kleinen – linken Kreisen stets (auch) radikale und unversöhnliche Kritik an Formen regressiver Kollektivität und natürlicher Vergemeinschaftung gab, und selbst das linke und grüne liberale BürgerInnentum zumindest vorsichtig mit Begriffen wie Volk und Nation umging, scheint im Fall der Heimat aller Verstand außer Kraft gesetzt. Jeder und jede will sie haben, lieben, vermissen, verteidigen und tief im Herzen tragen. Umfragen zufolge verbinden über 90 Prozent der Deutschen mit Heimat etwas Positives. Wo bleibt der Argwohn, die Skepsis, die Negation, wenn alle das Gleiche wollen und vor allem fühlen? Das Blühen der Heimatwiesen blendet offenbar selbst den kritischen Geist.

Zugleich tun dabei fast alle Beteiligten so, als ob ihnen die Heimat schon immer eine Herzensangelegenheit gewesen sei. Was eine glatte Lüge ist, denn bis vor wenigen Jahren spielte das Wort in der Politik kaum eine Rolle. Wann das begann, lässt sich recht einfach bestimmen: Nämlich als in Österreich »die soziale Heimatpartei« FPÖ sich anschickte, ihren Platz auf der Regierungsbank wieder einzunehmen, und sich in Deutschland abzeichnete, dass die AfD, die »einzig wahre Heimatpartei« (A. Gauland), ernstzunehmende Chancen auf politische Einflussnahme im Bund hat. Heimat entspringt dem Diskurs der Rechten.

Sie fahren damit Kampagnen, widmen ihr lange Programmpassagen, produzieren hashtags und T-Shirts. Die rassistische Mörderbande Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ging aus dem »Thüringer Heimatschutz« hervor, und die Cottbusser RassistInnen, die gegen Geflüchtete und für Grenzschließung demonstrieren, nennen sich »Zukunft Heimat«. Die AfD will »der Heimat eine Zukunft geben«, und das heißt, wie auf ihren Wahlplakaten zu sehen ist: »konsequent abschieben« und Nato-Stacheldraht um Deutschland. Bei Rechten und Neonazis ist Heimat und ethnische Homogenität identisch, die »national befreite Zone« letztinstanzlich heimatliches Ideal. Noch vor wenigen Jahren wähnte sich dieses politische Milieu in Opposition zum Mainstream: »Heimatliebe ist kein Verbrechen«, fühlte sich die »Identitäre Bewegung« genötigt zu betonen. Heute müssen sich die FaschistInnen mit den Grünen streiten, wessen Liebe zu Deutschland größer und wahrer ist. »Wir lieben dieses Land! Es ist unsere Heimat! Für diese Heimat werden wir kämpfen!« Dieser Schlachtruf stammt nicht von den Identitären, sondern von der grünen Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Dass Heimat der Kampfbegriff der Nazis ist, ist den andern peinlich: Sie wollen ihre Heimat retten, vorm angeblichen Missbrauch schützen, aus dem braunen Sumpf ziehen. Man kennt das von den Debatten über die Nation. Und doch verblüffen Eifer und Vehemenz, mit denen darum »gekämpft« wird. Heimat sei ebenso wie Identität und Leitkultur zu einer »Geisel« der Rechten geworden, man müsse sie befreien, fordert die stellvertretende Chefredakteurin des »Spiegel«, der sich für »liberal, im Zweifelsfall links« hält. Präsident Steinmeier hatte zum Tag der Deutschen Einheit gesagt: »Diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ›Wir gegen Die‹, als Blödsinn von Blut und Boden.« Einer der Ersten, die ihm beipflichteten, war der damalige Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Er lobte, »dass der Bundespräsident den Heimatbegriff positiv setzt und nicht denen überlässt, die unsere Republik schlechtreden und unser Land spalten«. Und auch Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow lässt sich die Heimat »von keinem Nazi wegnehmen« und erteilt jeder kritischen Reflexion darüber vorab eine Absage: »Da bin ich stur«.

Aber wie immer wenn rechte Begriffe und Konzepte den Rechten nicht »überlassen« werden sollen, übernimmt man sie, lässt sie harmlos erscheinen und hilft auf diese Weise den Inhalten, die die gleichen geblieben sind, bei ihrer Verbreitung. Wenn denn gar die Inbeschlagnahme von Heimat, Volk und Vaterland zur »Kampfansage an rechts« (Peter Zudeick) umgedeutet wird, braucht man sich nicht mehr wundern, wenn ein großer Teil des völkischen Milieus in Deutschland wirklich nicht verstehen kann, warum es »in die rechte Ecke gestellt« wird.

Von der »Zeit«, die diskutiert, ob man Menschen in Seenot ertrinken lassen soll, über den CSU-Landeschef Alexander Dobrindt, der rechtsstaatliche Hilfe für Geflohene als »Anti-Abschiebe-Industrie« verunglimpft, bis zur AfD im Bundestag, immerhin Oppositionsführerin, die mit NS-Vokabular (»Volksgemeinschaft«) hantiert: Am öffentlichen Diskurs kann man sehen, was bereits wieder verhandelbar geworden ist. Ihren Anfang hatte die Ausweitung des Sag- und Machbaren schon 2006 beim Fußball-Partypatriotismus des »Sommermärchens« genommen, als alle ermutigt wurden, endlich wieder stolz auf sich und ihr Deutschland zu sein. Es war diese Wiedergutwerdung der Deutschen, die dem völkischen Nationalismus seine Chance gab. Gut zehn Jahre später zieht mit der AfD eine völkische Partei unter dem Motto »Mut zu Deutschland« in den Bundestag ein. »Heimat bewahren« war ein anderer ihrer Slogans. Nun gibt es dafür ein Ministerium und alle überbieten sich in ihrer Heimatliebe. Vor zehn Jahren noch veranstalteten die Grünen eine Konferenz mit dem Titel: »Heimat – Wir suchen noch«. Vor einem Jahr hatten sie die ihre gefunden: »Des Glückes Unterpfand«, so lautete das Motto, mit dem die grünen Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck 2018 auf politische Sommertour gingen. Statt sich Gedanken zu machen, wie eine zukünftige Gesellschaft der Vielen aussehen könnte, graben sie in Kampfliedern vergangener Zeiten nach der deutschen Identität.

Der Boom der Heimat ist das Grundrauschen der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung. In ihm zeigt sich nicht nur die Übernahme rechter Begriffe in den öffentlichen Diskurs, sondern ebenso ein weit verbreitetes reaktionäres Bedürfnis nach natürlicher Zugehörigkeit, Authentizität und Ursprünglichkeit. Seit Jahren erleben die Verkaufszahlen von Trachtenmode einen rasanten Anstieg, die auflagenstärkste Publikumszeitschrift (neben den Fernsehmagazinen) ist das Blumen-und-Boden-Lifestyle-Magazin »Landlust«, und überall sprießen, satt budgetiert vom Staat, Heimatfestivals und -Projekte aus dem Boden.

Aufgabe der Kritik ist es, die gesellschaftlichen Ursachen hierfür herauszuarbeiten. Heimat ist die falsche Antwort auf die falschen Verhältnisse. Dabei ist die Entfremdung, der Kontrollverlust und die soziale Desintegration, aus dem sich dieses Bedürfnis speist, eine reale Erfahrung. Wer sich aber in die Heimat flüchtet, will die Welt nicht ändern, sondern die Menschen mit den Verhältnissen versöhnen. Eine Flucht, die nur nach hinten gehen kann.

Die Heimatdebatte überdeckt die materiellen Ursachen der Entfremdung und geht einher mit einer Entpolitisierung gesellschaftlicher Probleme. Plötzlich ist alles Heimat: der Ausbau des Breitbandnetzes, der Nahverkehr, bezahlbarer Wohnraum, ausreichende Rente, der Schutz der Natur. Als bloße soziale Forderungen scheinen diese kaum noch Berechtigung zu besitzen. Und wenn die Mieten weiter steigen, und die Renten weiter sinken, und der Bus immer noch nicht ins Dorf fährt, sind eben die Leute verantwortlich, die hier fremd sind und denen an unserer Heimat nichts liegt. Aus dem Gerede über die »globalistische Klasse« und die »wurzellose« Elite lugt bereits das antisemitische Ressentiment hervor. Und bis in die Linkspartei wird der Konkurrenzkampf zwischen Autochthonen und Zugewanderten beschworen.

Heimatminister Horst Seehofer machte in der »Frankfurter Allgemeinen« deutlich, worum es bei der Debatte eigentlich geht: Nation und Leitkultur seien mittlerweile zu »streitbelastet«. Heimat ist die Modernisierung ethnisch-kultureller Gemeinschaftsvorstellung, eine Neuauflage der bekannten Debatten um Volk, Nation und Identität. Und somit eine Einstimmung auf kommende Zumutungen und Unmenschlichkeiten. Vieles, was gerade im Namen der Heimat verhandelt wird, ist uns aus den alten Debatten geläufig. Aber eines ist neu: Alle machen mit. Aus allen Mündern schallt es »Heimat schützen! Heimat bewahren! Wir kämpfen für die Heimat!« – man könnte meinen, wir befänden uns bereits im Krieg. Es ist kein Zufall, dass die Heimatdebatte 2015 mit der Ankunft der ersten Geflüchteten begann. Jedoch nicht, um gemeinsam mit den – in ihrer Gesamtzahl im Übrigen vernachlässigbaren Anzahl – Neuankömmlingen eine Vorstellung von Gesellschaft – und eben nicht Gemeinschaft – zu entwickeln, die der postmigrantischen Realität entspricht. Sondern man will die Reihen an der Heimatfront schließen. Die Deutschen sind wieder einmal auf der Suche nach sich selbst. Eine Suche, die jene, die möglicherweise nicht zum »Wir« gehören dürfen, mit großer Sorge betrachten sollten.

Viele Linke wollen das reaktionäre und gewalttätige Potenzial von Hei-mat nicht erkennen und werden daher kaum verhindern können, dass die regressive Gemeinschaftsvorstellung hier Wurzeln schlägt. Als Medico International, Kritnet und das Institut für Solidarische Moderne im Sommer 2018 versuchten, mit einer Petition unter dem Titel »Solidarität statt Heimat« die Reste der sogenannten Zivilgesellschaft gegen die immer offener zu Tage tretende Barbarei in der Flüchtlingspolitik zu mobilisieren, wurden sie von den eigenen GenossInnen gerügt: Es müsse »Solidarität und Heimat« heißen – dabei ist es gerade dieses »und«, was den Spruch in jede Pegida-Kundgebung integriert. Auch der Autor dieser Zeilen bekam den linken Heimatschutz zu spüren, als er in der Tageszeitung »Neues Deutschland« unter der Überschrift »Ein brutales Gefühl« einen kritischen Heimat-Artikel veröffentlichte. Viele Linke wollen sich nicht nur von den Rechten die Heimat nicht wegnehmen lassen, sondern noch viel weniger von anderen Linken, die Bedenken anmelden angesichts dieser autoritären Formierung einer neuen deutschen Identität.

Stattdessen forderte und veröffentlichte der vermeintlich kritische Theoretiker Christoph Türcke schon Mitte der 2000er Jahre »eine Rehabilitierung« der Idee, Sarah Wagenknecht behauptet, Heimat sei »kein rechter Begriff«, und Dieter Dehm wiederum, ein besonders schönes Querfront-Exemplar der Linkspartei, fragte Ende 2018 im »Neuen Deutschland«: »Haben denn nicht alle Menschen ihre Ansprüche auf von Freihandelsterror verschonte Heimaten, mit regionalen Kreisläufen, sozial gesichert und ohne Krieg?«. Wer so etwas schreibt, weiß zugleich, dass es außerhalb der eigenen Scholle »Freihandelsterror« und Krieg geben muss, nur so kann die eigene Heimat davon verschont bleiben. Roberto J. De Lapuente forderte ein paar Monate zuvor »progressive Heimatgefühle« ein. Und wie De Lapuente hält es auch Bodo Ramelow für einen schweren Fehler, dass die Linke mit Heimat nichts anfangen könne. Er hingegen sei stolz, dass er das Brauchtum in Thüringen so stark gefördert habe wie kein Landeschef zuvor.

Werfen wir einen kurzen Blick nach Thüringen, wo Ramelow seit 2014 im Amt ist (oder – demnächst – war?): Das Wirtschaftswachstum ist stabil, die Exporte ins Ausland steigen, ebenso die Löhne, und die Arbeitslosigkeit ist mit fünf Prozent auf den niedrigsten Wert seit der Wende gefallen. Ebenso niedrig ist mit 4,7 Prozent der Anteil nicht-deutscher Menschen im Freistaat. Für viele ThüringerInnen, denen es der Statistik nach doch eigentlich ganz gut geht, ist das aber immer noch zu viel. Über die Hälfte von ihnen, nämlich 58 Prozent, halten die Bundesrepublik für »in gefährlichem Maß überfremdet«, wie der »Thüringen Monitor« der Universität Jena zeigt, der im November 2018 veröffentlicht wurde. 49 Prozent sind der Meinung, dass MigrantInnen nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen. Vier Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 36 Prozent.

Nun, die Leipziger Autoritarismus-Studie zeigt für den gesamten Osten Deutschlands ähnliche Ergebnisse. Doch es fällt auf, dass die Zustimmung in Thüringen zu den verschiedenen Aspekten der »Ausländerfeindlichkeit« nochmal fünf bis zehn Prozent größer ist als im ostdeutschen Durchschnitt, während es dem Land zugleich wirtschaftlich in den meisten Bereichen besser geht als den Nachbarländern. Seit dem Amtsantritt der – damals bundesweit ersten – rot-rot-grünen Landesregierung im Jahr 2014 sind fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen im Freistaat stetig und massiv angestiegen, in manchen Bereichen gar um ein Drittel. Warum? Auch darauf bietet die zitierte Studie Antworten: 96 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen ihre Heimat »wichtig« oder »sehr wichtig« sei, womit die ThüringerInnen noch über dem Bundestrend liegen. Je stärker die Heimatliebe, desto größer das Ressentiment gegen MigrantInnen, so das Fazit der Untersuchung.

Ramelow will diesen Zusammenhang nicht sehen: »Wenn jemand seine Heimat als Schutzraum sieht, soll er diesen Schutzraum haben«, hatte er bereits zuvor in einem Interview erklärt. Ein gefährliches Versprechen, denn wovor jene ihre Heimat geschützt sehen wollen, zeigt die Studie unmissverständlich. »Heimat als Schutzraum« und »Thüringer Heimatschutz« liegen näher beieinander, als Ramelow lieb sein kann.

Natürlich verfolgen die zivilgesellschaftlichen und linken Versuche, Heimat und die Sehnsucht nach ihr für eigene Anliegen in Anschlag zu bringen, andere Ziele als der völkische Mob in Cottbus, Chemnitz oder Köthen. Nicht jeder Mensch, der nach Heimat ruft, meint damit »Ausländer raus!«. Daher bedürfen jene Versuche zwar einer differenzierten, aber eben in der Kritik doch ebenso unnachgiebigen Auseinandersetzung. Hier ist dem Autor Michael Scharang uneingeschränkt recht zu geben: »Das alte Gejammer von der heimatlosen Linken ist jämmerlich. Eine Linke, die eine Heimat hat, ist keine.« Damit knüpft er an den bekannten Satz von Jean Améry an: »Links ist da, wo keine Heimat ist.«

Diese so simple wie zugleich politisch existenzielle Feststellung haben mittlerweile viele, die sich auf der progressiven Seite der Gesellschaft wähnen, hinter sich gelassen und berufen sich stattdessen auf Blochs »Utopie vom Umbau der Welt in Heimat« und Tucholskys »stille Liebe« zur deutschen Heimat, die beide hier im Buch ausführlich behandelt werden. Einzelne mögen das noch aus der Sorge heraus tun, dass vielleicht ja Heimat die Lokomotive der Geschichte sei und man nicht am Gleis zurückgelassen werden möchte. Bei näherer Betrachtung, wie sie im Folgenden vorgenommen wird, wird jedoch deutlich, dass sich auch in der linken Heimatliebe in den meisten Fällen ein reaktionäres Bedürfnis versteckt, nämlich das nach der Reinwaschung der Deutschen von ihrer historischen Schuld. Und – das muss man vielen Linken dann doch zugestehen – ist ein Bedürfnis, was nicht erst mit der Rechtsentwicklung entstanden ist. Wie Thomas Ebermann hier zeigen wird, gibt es eine linke Tradition der Liebe zur Heimat, und das heißt hier auch immer: der Liebe zu Deutschland. Die ist aber nur möglich, wenn zugleich das destruktive Wesen deutscher Gemeinschaftsvorstellungen und vor allen Dingen die Zeit des Nationalsozialismus und der Holocaust nicht als untrennbarer Bestandteil der deutschen Heimat angesehen wird. Leider sind unter den linken HeimatfreundInnen auch so manche anzutreffen, deren Reflexion und kritischen Blick auf die Gesellschaft man an anderen Stellen zu schätzen weiß.

Auf jene berufen sich auch die, die es für richtig und wichtig halten, sich mit einem weiteren aufgeklärten, bunten, irgendwie fortschrittlichen Heimatbegriff an der aktuellen Debatte zu beteiligen. Aber wenn die hinter der Gewalt stehende Gemeinschaftsvorstellung nicht an sich kritisiert und abgelehnt wird, sondern nur eine bestimmte Auslegung von ihr, wird man nicht in der Lage sein, der kommenden Gewalt etwas entgegenzusetzen. Dies gilt umso mehr in Zeiten wie diesen, wo das gesellschaftliche Klima keinen Zweifel aufkommen lässt, wie die Mehrheiten verteilt sind. Die Erfahrung lehrt: Die vielfältigen historischen Versuche, »Nation« progressiv zu besetzen, und solche Versuche lassen sich bis hin für das Konzept der Volksgemeinschaft nachweisen, hat weder die Rechten geschwächt noch je ihre Gewalt eindämmen können. Sie haben bloß den wenigen Stimmen, die sich gegen die regressive Sehnsucht nach natürlicher Zugehörigkeit und Vergemeinschaftung stellten, das Leben schwer gemacht und ihre marginale Position zementiert.

Bei der Heimatdebatte geht es nicht darum, wie »Wir« zusammenleben wollen, sondern wer hier leben darf und welchen Sitten und Ritualen er oder sie sich dafür unterwerfen muss. Diese sind nicht verhandelbar, sondern Teil der Heimat, angeblich verwurzelt im Boden, auf dem man sich bewegt: »Weil es schon immer so war«. Jedem Wunsch nach Veränderung, jedem Willen zur Emanzipation, ja schon der kritischen Reflexion an sich wird hiermit eine Absage erteilt. Heimat ist im Kern eine völkische Idee, denn sie verwechselt Menschen mit Bäumen und spricht ihnen einen natürlichen und angestammten Platz in der Welt zu. Aber wer Menschen verwurzelt, entmündigt sie und ordnet sie der Natur und dem Kollektiv unter, macht sie zu SklavInnen der Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit.

Der Einwand, dass Heimat »nur« ein Gefühl sei, wie er allerorts zu hören und zu lesen ist, verstärkt den Verdacht der in ihr schlummernden Brutalität. Denn wenn nur ein von der Mehrheit geteiltes Gefühl bestimmt, was Heimat ausmacht, gibt es keine Instanz, auf die sich die Minderheit berufen könnte, die von jener Bestimmung unterdrückt oder ausgeschlossen wird. Heimat bedeutet Tyrannei der Mehrheit, »Lynchjustiz« und damit »prinzipiell Erlaubnis zum Mord«, wie es Klaus Theweleit formuliert hat. Heimat verträgt keine Differenz, die zugleich jede Gesellschaft prägt, und wenn man diese Differenz auslöschen will, muss man die Menschen auslöschen oder zumindest stumm machen, die für diese Differenz sorgen. Sie ist bereits der Schlachtruf, mit dem Nicht-Weiße in Chemnitz durch die Straßen gejagt werden, und ebenso die Legitimation des Staates, Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken zu lassen.

Das »Recht auf Heimat« – abgesehen davon, dass die Vertriebenenverbände darunter bis heute den völkischen Anspruch auf die »deutschen Ostgebiete« verstehen – verweigert zwangsläufig anderen jenes Recht. Nicht zuletzt denjenigen, denen aufgrund von Kriegen, Klimawandel und Kapitalismus das Privileg vergönnt ist, an einem sicheren und ruhigen Ort zu leben. Heimat kann als Wert nur Bedeutung haben in einer Welt, in der zugleich Millionen Menschen auf der Flucht sind. Und jene sind eben nicht nur aus ihrer Heimat geflohen, sondern ebenso oft vor ihrer Heimat, nämlich einer spezifischen Vorstellung davon, in der sie und ihre Angehörigen keinen Platz hatten. »Ein Heimatloser hat keine Heimat, aber ein Exilant glaubt, eine zu haben. Er hat nicht mit denjenigen gerechnet, die in der sogenannten Heimat geblieben sind«, erinnerte sich Georg Kreisler an seine Flucht vor den Nazis. Das Idyll der Heimat vernichtet die Erinnerung an ihre Opfer. Diese Idylle ist nicht nur eine falsche, sie ist auch gefährlich. Denn die Liebe zur Heimat, die so unschuldig und friedlich daherkommt, trägt den Hass auf alles, was die vermeintliche Idylle stört – das Fremde, Störenfriede, NestbeschmutzerInnen, Differenz, aber auch schon Veränderung und damit jegliche Form von Emanzipation –, bereits in sich. Auch das werden wir in der »Linken Heimatliebe« wiederfinden.

Eine fortschrittliche Antwort läge in der Betonung der Differenz, des Mensch-Werdens durch Ablösung und Widerspruch, der »in der Heimatlosigkeit gewonnenen Freiheit« (Vilém Flusser). Nicht dafür einzutreten, dass alle eine Heimat haben, sondern dass sie niemand mehr braucht, weil die Verhältnisse vernünftig eingerichtet sind. Heimatlosigkeit ist daher kein Mangel, sie ist ein kosmopolitischer Gegenentwurf zur intellektuellen wie emotionalen Einsperrung auf der Heimatscholle. Die »Entgrenzung aller Lebensverhältnisse«, ein Zuviel an Freiheit, die Heimatminister Seehofer für die Unsicherheit und Überforderung verantwortlich macht, ist Utopie. Sie meint nicht nur das Ende der Grenzen, sondern auch das der Sach- und Arbeitszwänge, sie ist die Antwort auf den Mief der Provinz ebenso wie auf Rollenbilder und traditionelle Familienstrukturen, auf die Kontrolle und Selbstverleugnung in der repressiven Gesellschaft. Entgrenzt ist ein kosmopolitisches Bewusstsein, das Freiheit als Ziel und nicht als Bedrohung betrachtet. Heimat hingegen ist – wie Franz Dobler es mal so schön ausgedrückt hat – bloß da, wo man sich aufhängt.

Besetztes Gebiet: die linke Heimat

Überall lese ich seit Monaten, man müsse die Heimat, um sie nicht den Rechten zu überlassen, von links besetzen. Meist ist schon den ersten Sätzen der Begründung abzulesen, was Besetzung meint. Wenn etwa die Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel »Linke Heimat« verlangt, den Rechten müsse »die Deutungshoheit abgerungen werden«, weil »blutleere Begriffe wie der Verfassungspatriotismus nicht in der Lage« seien, »die menschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Stolz, Selbstachtung, Ehre, Halt und Sicherheit zu befriedigen« und die »emotionale Bindung« zu schaffen, die »der Begriff Heimat« verspreche – ist schon fast alles beisammen, was das rechte Repertoire an Begriffen vorhält.