Linksträger - Tim Boltz - E-Book

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Tim Boltz

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Beschreibung

Eine Hochzeit, zwei schwangere Frauen und drei Dutzend Gurken aus Apolda: die Zutaten für das perfekte Chaos.

Kaum hat Robert seiner schwangeren Freundin Jana zur Verlobung einen Zwiebelring an den Finger gesteckt, lernt er auch schon die Abgründe weiblicher Hormonschübe kennen. Damit nicht genug, muss Robert nun auch noch die Hochzeit von Janas verhasster Cousine Nora und deren Traumprinzen Falco verhindern. Die Lösung: Er will Nora beweisen, dass Falco schwul ist! Aber wie? Robert erinnert sich an einen Spruch aus seiner Jugend: „Links ist cool und rechts ist schwul.“ Doch bezog sich das nur auf Ringe im Ohr oder auch auf sensible Körperteile? Und wie zur Hölle soll er das überprüfen ...?!

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Buch

Kaum hat Robert seiner schwangeren Freundin Jana den Verlobungsring an den Finger gesteckt, lernt er auch schon die Abgründe weiblicher Hormonschübe in Form von Heißhungerattacken und lustigen Stimmungsschwankungen inklusive Heulattacken im Ton einer Luftschutzsirene kennen. Damit nicht genug, muss Robert nun auch noch die Hochzeit von Janas verhasster Cousine Nora verhindern. Schon als kleines Kind wurde Nora bevorzugt, immer bekam sie alles, und Jana musste in die Röhre gucken. Nun will Jana endlich mal die Erste sein. Aber wie soll Robert das Traumpaar Nora und Falco auseinanderbringen? Da kommt Robert eine Idee: Was würde Nora wohl sagen, wenn er beweisen könnte, dass Falco schwul ist?

Trotz erhöhter Fettnäpfchengefahr zieht Robert wieder einmal alle Register! Er predigt in der Kirche, verabreicht halluzinogene Pilze und schreckt weder vor Cockerspaniel Honecker noch vor dem unvermeidlichen Junggesellenabschied im Thüringer Wald zurück. Als all dies nicht zum Erfolg führt, bleibt ihm nur noch sein letzter Joker: eine gemeinsame Bobfahrt mit Falco im Oberhofer Eiskanal in hautengen Rennanzügen mit wenig Stoff, viel Körperkontakt und der Frage, wer vorn sitzt …

Informationen zu Tim Boltz sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

Tim Boltz

______________________

Linksträger

Roman

1. Auflage

Originalausgabe Juli 2013

Copyright © 2013 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: © FinePic®, München

Redaktion: Gerhard Seidl

BH · Herstellung: Str

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-10020-9

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

»Hier ist ein bös’ Nest und lärmig, und ich bin aus aller Stimmung. Kinder und Hunde, alles lärmt durcheinander … Hier will das Drama gar nicht fort …«

(Johann Wolfgang von Goethe über Apolda)

Inhalt

Prolog

TEIL 1 Alles eine Karmafrage

1 … und noch was Saures

2 Limousine oder Transporter?

3 Ein Yak im Wartezimmer

4 Schnipp

5 Der Hormon-Dämon

6 You got mail

7 Kampfhundlache

8 Topp, die Wette gilt

TEIL 2 Wie man sich bettet,so liebt man(n)

9 Der Führer und das Chamäleon

10 Der Playmobilmann

11 Jamaika im Bahnhofsviertel

12 Pizza Kabul

13 Rentner-Märtyrer

14 Ken Blümel und die Kokosachseln

15 Sitz, Horst!

16 Schwanz-Gurke

17 Herr, steh mir bei!

18 Julias Hilfe

19 Tief im Sonnengeflecht

20 Ein katholischer Stornoschlüssel

21 What a mess

TEIL 3 Im Land, wo Schwänze und Gurken wachsen

22 Das Paris des Ostens

23 Filinchen

24 Krieg der Sterne in Pfiffelbach

25 Schworzwälder Körsch, Zup und Joachim Hasler

26 Die Luzie geht ab

27 Atomarer Erstschlag in Niederroßla

28 Stalingrad im Rosenbeet

29 Verblendung

30 Um des lieben Friedens willen

31 Kartoffelschnaps à la Karlo

32 Jungpionier Robert

TEIL 4 Der Ballermann des Ostens

33 Schwänze on tour

34 Zimmer mit Aussicht

35 Nutella-Wellness

36 Prost, Mahlzeit!

37 Neue Freunde

38 Fire and Ice

39 Eine neue Leber ist wie ein neues Leben

40 Es gibt ihn wirklich, Reinhold!

41 Achtundfünfzig Sekunden

42 Die Mutter

43 Die Mutter II – aus der Sicht von Gertrud Gurke

44 Ich lach mich tot

45 Eine Rede

46 Hose runter!

47 The winner is …

Epilog

Danksagung

Prolog

Spreewaldgewürzgurken, vier Ed-von-Schleck-Eis und zwei Päckchen Toffifee. Meine Freundin Jana hat mich soeben mit einem satten Ellbogenhieb aus dem Schlaf gerissen und mir eine Einkaufswunschliste in die Hand gedrückt mit dem liebevollen Hinweis: »Hier, ich brauch das jetzt.«

Ich verstehe zunächst nur Bahnhof und überlege, ob dies vielleicht lediglich ein skurriler Bestandteil meines Traums ist, der mir gerade noch eine abstruse Bahnfahrt zwischen Indien und Offenbach in Begleitung von Sonya Kraus, Bart Simpson und meiner Mutter suggerierte. Verschlafen setze ich mich im Bett auf, reibe meine müden Augen und gähne.

»Was? Was ist denn los?« Abwechselnd schaue ich zu meiner Freundin und dem Zettel in meiner Hand. »Ist was mit dem Baby? Ist irgendwas passiert?«

»Ja.«

»Wirklich?« Schon sitze ich aufrecht im Bett und mustere Jana, die mit ihrem Zeigefinger auf ihren Schwangerschaftsbauch deutet. »Scheiße, was ist denn?«

»Wir haben Hunger.«

»Was?«

»Wir haben Hunger.«

»Mensch, Jana, jag mir doch nicht so einen Schrecken ein. Ich dachte schon, es sei was Wichtiges.« Ich lasse mich zurück in das Kissen sinken und drücke ihr die Einkaufsliste wieder in die Hand. Doch nur eine Millisekunde später werde ich durch einen spitzen Finger, der sich unsanft zwischen meine Rippen bohrt, wieder schmerzvoll in die Senkrechte katapultiert. »Aua. Sag mal, bist du übergeschnappt?«

»Nein, ich bin nicht übergeschnappt. Aber falls es dir noch nicht aufgefallen ist, es ist etwas Wichtiges.« Der Zettel wird mir mit deutlichem Nachdruck und einem weiteren Hinweis erneut übergeben. »Ich bin schwanger. Und wenn diese Diskussion noch fünf Minuten länger dauert, bin ich nicht nur schwanger und hungrig, sondern dazu auch noch sauer und angepisst. Und glaube mir, das ist keine allzu gute Kombination für dich.«

»Na, wenn du Hunger hast, dann … dann mach dir doch ein Brot.« Die Einkaufsliste wandert wieder an die Adressatin zurück, und ich drehe mich zur Seite. »Schließlich kann ich doch wohl nichts dafür, dass du mitten in der Nacht gleichzeitig hungrig und schwanger bist.«

»Zumindest zu einem dieser beiden Dinge hast du sehr wohl einen erheblichen Anteil beigetragen, Robert. Also trägst du eine Teilschuld und übernimmst gefälligst wenigstens den Fahrdienst.«

Es ist nicht das erste Mal, dass ich ungefragt zum Fahrdienst für Janas Fressattacken eingeteilt werde, aber es ist der erste Einsatz, der mich mitten in der Nacht ereilt. In mir regt sich zarter Widerstand, und ich wende mich zu ihr um.

»Mensch, Jana … Wir müssen um neun Uhr schon bei dieser Esoterik-Tussi sein. Lass mich doch bitte einfach schlafen. Ich besorge dir morgen früh so viel Toffifee, wie du willst, okay?«

»Das ist keine Esoterik-Tussi, das ist eine staatlich anerkannte Schwangerschaftsberaterin, die auf gesamtheitlicher Basis des tibetischen Chakrensystems arbeitet.«

»Ach, und das klingt jetzt gar nicht nach Esoterik?«

»Ist doch auch völlig egal, ich möchte nämlich nicht über diese Frau diskutieren, sondern was essen. Und zwar genau jetzt.« Janas bockiges Verhalten ähnelt immer mehr einer Fünfjährigen, der man die Lieblingspuppe geklaut hat. »Jetzt, jetzt, jetzt.«

Ihre keifende Stimme lässt meinen Traumland-Expresszug nun endgültig irgendwo zwischen Indien und Offenbach samt der illustren Besatzung aus dem Gleisbett hüpfen. Damit ist auch die letzte Hoffnung auf Schlaf zerstört. Ich lese die Liste noch mal genauer durch und schüttele voll Unverständnis den Kopf.

»Du willst also dieses ganze Zeug auf der Liste jetzt essen?«

»Jetzt, jetzt, jetzt«, hallt es mir im Stakkatorhythmus entgegen.

»Spreewaldgewürzgurken, Ed-von-Schleck-Eis und ein Päckchen Toffifee?«

»Zwei Päckchen, lies richtig.«

»Jana, echt … das ist doch …«

Noch bevor ich den Satz beende, tritt die Fünfjährige in Jana nun gänzlich hervor und funkelt mich mit den Augen einer wahnsinnig gewordenen Vorschülerin an.

»Robert Süßemilch, falls du es immer noch nicht verstanden hast …« Jana deutet mit beiden Händen vielsagend auf ihren Achtmonatsbauch. »Wir haben Hunger. Dein Kind und ich.«

»Ich denke nicht, dass unser Kind unbedingt gerade in diesem Augenblick darauf pocht, Toffifee essen zu wollen«, erwidere ich. »Ein Salamibrot aus der Küche tut es doch vielleicht auch. Das Kind kann das sowieso noch nicht unterscheiden.«

»Rede nicht so einen Blödsinn über Dinge, von denen du keine Ahnung hast, und besorg mir das Zeug einfach.«

Das fluchende Kind, das hier zähnefletschend vor mir im Bett sitzt, erinnert mich zunehmend an das kleine Mädchen aus Der Exorzist. Genau, die Kleine, die dem Pfarrer zur Begrüßung erst mal ordentlich ins Gesicht kotzt. Das lässt mich wachsam sein, und ich weiche erschrocken zurück auf meine Bettseite. Schnell überdenke ich meine Chancen, einen Exorzismus durchzuführen. Immerhin könnte mir die Teufelsaustreibung bereits mit einem Glas Gurken, vier Milcheis und zwei Päckchen Toffifee gelingen. Eine vergleichbar überschaubare Aufgabe.

Na dann. Was bleibt mir auch schon anderes übrig? Besessen und schwanger ist eine unschlagbare Kombination.

Verschlafen reibe ich mir erneut die Augen und schaue zum Wecker, der mir signalisiert, dass die Geschäfte längst von ihren Ladenschlusszeiten Gebrauch gemacht haben, und starte einen letzten Versuch: »Jana, es ist kurz vor zwei Uhr nachts. Wo soll ich denn um diese Uhrzeit Spreewaldgewürzgurken herbekommen?«

Doch die vom Schwangerschaftsteufel Besessene kennt kein Erbarmen: »Das ist mir fuck egal, Robert. Und wenn du nach Berlin fahren musst, um die Scheißdinger mit deinen eigenen Händen aus dem Spreewaldboden zu buddeln. Besorg mir jetzt die Scheißgurken – oder ich lass mich scheiden.«

»Scheiden? Aber wir sind doch nicht mal verheiratet.«

»Robert!«

Oh, jetzt geht es wieder los. Jana hat binnen Sekundenbruchteilen das Dämonengesicht gegen eine weinerliche Miene getauscht. Die kenne ich zwar bereits, aber das macht es auch nicht viel besser. Das Weinerlich-Gesicht kann nämlich in einem nahtlos fließenden Übergang in einen monumentalen Weinkrampf übergehen. Dieses Phänomen setzte ungefähr in der achten Schwangerschaftswoche ein und hat sich seither umgekehrt zum Geburtstermin entwickelt. Je geringer die Zeit bis zur Niederkunft, desto gewaltiger die Detonation der Weinkrämpfe. Sie kommen schubweise, aber mit der zerstörerischen Kraft einer V2-Rakete. Ich muss umgehend den Rückzug meiner Truppen einleiten. Dann doch lieber eine nächtliche Fahrt ins Berliner Umland zur Gurkenernte unternehmen.

»Okay, ganz ruhig, Jana. Ich meinte ja nur, dass ich …«

»… es ist schließlich auch dein Kind, Robert. Du kannst mir nicht einfach erst meine Figur versauen und mich dann einfach so sitzen lassen … allein und hungernd.«

O Gott, es ist schlimmer, als ich dachte. Sie schreckt ja heute vor gar nichts zurück. Janas zitternde Mundwinkel verziehen sich zu einem dünnen Sichelmond, und ihr Gesicht springt zwischen der Miene eines Kleinkinds und dem eisigen Lächeln von Batmans Widersacher Joker hin und her. Der sichere Hinweis, dass in den nächsten Sekunden die Tränenschleusen geöffnet werden und der Countdown zum Abschuss der V2-Rakete gestartet wird. Jetzt gilt es, Schadensbegrenzung zu betreiben. Und dies lässt nur eine Möglichkeit zu: die uneingeschränkte und komplette Kapitulation meinerseits.

10, 9 …

»Alles klar, Jana, kein Problem.«

»Scheiße, kein Problem, du liebst mich nicht mehr. Du findest mich fett und hässlich.«

… 8, 7 …

»Was? Was redest du da für einen Blödsinn?«

»Siehst du, du findest sogar, dass ich blöd bin.«

… 6, 5 …

»Nein, nein, so war das nicht gemeint.« Noch in meine Schlafsachen gekleidet hüpfe ich aus dem Bett und zieh mir meine Jeans über. »Siehst du, ich bin schon aufgestanden. Und die Hose habe ich auch schon an. Ich fahr sofort los.«

»Wirklich?«

Fließender Übergang Teil drei. Hier geht’s ja zu wie bei einer Schizophrenen. Binnen Sekundenbruchteilen wandelt sich ihr Gesichtsausdruck nun zu dem einer unschuldigen Hello-Kitty-Figur. Zumindest wurde der Countdown der Rakete erfolgreich gestoppt. Und dennoch fließen Tränen. Hä, warum das denn jetzt?

»Schatz, das ist so lieb von dir.« Jana winkt mich zu sich und drückt ihren Kopf weinend an meinen Bauch. »Du bist ein toller Mann. Danke.«

Diese emotionalen Schübe soll jemand verstehen. Egal, Hauptsache, Hello Kitty bleibt mir für die nächsten Stunden erhalten.

»Kein Problem, Schatz. Ist doch gar keine große Sache, ich wollte sowieso noch mal ’ne Runde raus.«

Janas letzter Schluchzer verebbt, und ihr Kopf schießt katapultartig von meinem Bauch direkt vor mein Gesicht.

»Warum?«

»Wie, warum?«

Zack, Hello Kitty ist tot, dafür ist Joker wieder da.

»Warum du sowieso noch mal rauswolltest? Wolltest du abhauen? Ist dir das jetzt schon zu viel? Weißt du, ich kann das Kind auch alleine großziehen …«

4, 3 …

Meine Güte, das ist ja schlimmer als bei Columbo. Hier wird einem wirklich jedes Wort im Munde umgedreht.

»Nein, nein, da hast du mich falsch verstanden.«

»Ach, jetzt verstehe ich doch auch noch falsch. Bin ich also wieder mal an allem schuld?!«

… 2, 1…

Es wird eng.

»Nein. Ich wollte nur frische Luft schnappen. Einfach nur so, aber das war eine blöde Idee. Vergiss es.«

»Ehrlich?«

… ready for take off …

»Ehrlich.«

»Okay.«

Aus dem Kopfkissen höre ich Mission Control zu mir sprechen: Der Countdown wurde erfolgreich unterbrochen.

Das war knapp.

»Alles wieder gut?«

»Ja.« Jana atmet einige Male tief durch, dann wendet sie sich wieder mir zu. »Kannst du auch noch was mit Minze mitbringen.«

»Mit Minze. Natürlich … Minze ist toll, kein Problem.«

Ich ziehe mir rasch noch einen Pullover über und verbiete mir jeden weiteren Kommentar, jede zusätzliche Regung, und sei es auch nur, die Augen zu verdrehen. Jana steht noch auf der Abschussrampe und könnte jeden Moment wieder die Triebwerke zünden. Auf meinem Weg durch den dunklen Flur stoße ich mir einmal schmerzhaft den Zeh und fluche zweimal still. Mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen hüpfe ich auf einem Bein weiter bis zur Holzschale neben der Haustür, in der sich die Autoschlüssel befinden. Anschließend ziehe ich die Tür hinter mir ins Schloss, schlüpfe in meine Sportschuhe und stecke mir kopfschüttelnd den Gurken-Eis-Toffifee-und-irgendwas-mit-Minze-Einkaufszettel in die Hosentasche.

Dann überlege ich, wie lange man um diese Uhrzeit wohl braucht, um von Frankfurt in den Spreewald zu fahren …

TEIL 1 Alles eine Karmafrage

1 … und noch was Saures

Zu dieser späten Stunde fällt mir nur eine Möglichkeit ein, wie und wo ich Janas Gelüste befriedigen kann: meine ehemalige Arbeitsstelle, eine Tankstelle in einem Industriegebiet am mit Abstand hässlichsten Ende der Stadtperipherie Frankfurts. Hier habe ich eine ganze Weile während meiner Unizeit gejobbt. Schließlich habe ich mein BWL-Studium für meine Verhältnisse dann doch ganz gut zu Ende gebracht und bin nun in einem mittelständischen Unternehmen für Sanitärprodukte tätig. Ach ja, und Vater werde ich auch sehr bald. Und da Jana kurz vor ihrer Schwangerschaft noch eine fette Beförderung von ihrem Chef bekommen hat, können wir uns nun eine schicke Hundert-Quadratmeter-Wohnung im Frankfurter Nordend leisten. Das Leben läuft also gerade echt fantastisch. Okay, Jana hat sich seit Beginn der Schwangerschaft hormonbedingt etwas verändert. So sind ihre apokalyptischen Schübe und ihre Essenswünsche nach Süßem oder Saurem schon etwas nervig. Und auch meine Libido ist deutlich reduziert. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wenn ich mich meinem ungeborenen Kind mittels meines Penis nähere. In der Schwangerschaft muss man als Mann einfach zwischen dem Chauffeur- und Eunuchenmodus hin- und herswitchen können. Man muss sich anpassen. Mutieren. Nicht umsonst war schon früher bei Captain Future meine Lieblingsfigur Otto: der Gummimensch, der sich in alles verwandeln konnte, was er wollte. Ja, Vater werden ist nicht Brause lutschen. Es ist vielmehr eine knallharte Ausbildung zur folgsamen, paramilitärischen Befehlsmaschine. Man wird eingezogen, ob man will oder nicht. Schon die Musterung ist reine Schikane, denn das Ergebnis steht lange vorher fest: Voll einsatzfähig!

Und schon steht man im Dienst der schwangeren Fremdenlegion unter der Befehlsgewalt einer gebärfreudigen Frau im Endstadium. Man darf nichts hinterfragen, muss einfach nur funktionieren. Am besten stumm. Denn auch Jana verwandelt sich ab und zu. Aber nicht in witzige Comicfiguren der Achtzigerjahre. Nein! Sie mutiert zu einer Art zentralafrikanischem Warlord, der alles vernichtet, was sich ihm in den Weg stellt. Da muss man auf der Hut sein. Ein falscher Schritt, eine falsche Äußerung – und die Hölle bricht los.

Ich bin auf der Hut.

Immer und überall.

»Nimm Jana noch ’ne Tüte Saures mit«, empfiehlt mir Silke, meine ehemalige Kollegin, selbst dreifache Mutter und somit Trägerin des Purple Heart der Gebärenden. Sie hat sich nicht den Hauch darüber gewundert, als ich vor fünf Minuten zur Schiebetür reinkam und ihr von meinem nächtlichen Auftrag berichtet habe. Silke kann nichts erschüttern, was mit Schwangerschaft zu tun hat. Sie hat ja, wie gesagt, selbst drei Kerben in ihrem Colt. Wenn sie also einen Tipp zum Besänftigen des Warlords hat, sollte man genau zuhören.

»Was Saures?« Schnell überprüfe ich den Einkaufszettel. »Nein, das hat Jana nicht aufgeschrieben.«

Commander in Chief Silke spitzt nur wissend die Lippen und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Glaub mir. Nimm ihr eine Tüte mit, sonst stehst du in einer halben Stunde wieder hier. Die ganzen sauren Sachen und Gummibärchen sind sogar gerade im Angebot. Ein Euro die Tüte.«

Ich atme tief durch, suche im Regal etwas mit Minze und lege After Eight zu einer Tüte Saure Bohnen und Toffifee auf den Thekenbereich vor der Kasse.

»Warum ist das so?«

»Na ja, weil der Chef meint, dass ein Euro ein guter Preis ist und die Kundschaft daher vielleicht gleich mehrere Tüten von dem Zeug mitnimmt.«

»Nein, das meine ich nicht. Ich meine, warum das bei euch Frauen in der Schwangerschaft so ist.«

»Das hat mit den Bienchen zu tun, weißt du, Robert.«

»Haha.« Ich lache aufgesetzt. »Echt witzig. Aber ich meine das ernst. Wie kann es sein, dass ihr innerhalb von Sekunden von der Killerbestie zum verletzlichen Bambi mutiert und euch dazu ständig noch so eine Scheiße reinschiebt.«

Silke lacht und zuckt mit den Schultern. »Das sind halt die Hormone. Unser ganzer Körper stellt sich um, schließlich müssen wir für zwei essen.«

»Ja, und nicht zu vergessen, dass ihr auch für zwei meckern und nerven müsst.«

»Oje, ist es so schlimm?«

Ich geh zum Kühlschrank rüber. Anstelle einer Antwort öffne ich eine Ein-Liter-Dose Faxe-Bier und kippe mir das Dänen-Gemisch in den Rachen. Dazu fingere ich vier Ed von Schleck aus der Eistruhe.

»Ich weiß manchmal gar nicht, was ich machen soll. In einem Moment ist sie ganz normal, und im nächsten ist sie so dünnhäutig wie Jackos Nase.«

»Das wird sich legen. Gib ihr etwas Zeit.«

»Hoffentlich …« Ich nicke zustimmend und nehme einen weiteren großen Schluck. Dann checke ich erneut meine Liste.

»Sag mal, es gibt nicht zufällig Gurken hier, oder?«

»Doch. Dort hinten neben den Konserven. Direkt hinter dir. Haben wir ganz neu im Programm.«

Tatsächlich. Man hat wohl auf die nächtlichen Fahrten von werdenden Vätern reagiert. Direkt neben den Ravioli mit Fleischeinlage und der Odenwälder Hochzeitssuppe lauern die grünen Monster in ihrer Kräuter-Rotzmischung. Lecker sieht anders aus. Ich prüfe sicherheitshalber das Verfallsdatum, was sich jedoch als ausreichend herausstellt.

»KNAX-Gewürzgurken von Hengstenberg mit Qualitäts-Garantie«, lese ich laut. »Sind zwar keine Spreewaldgurken, klingt aber schwangerengerecht, oder?«

»Auf jeden Fall«, bestätigt Silke.

Zufrieden mit meiner Trefferquote trage ich meine Funde zur Kasse und arbeite weiter am Entleeren der Bierdose.

»Ich dachte immer, dass das ein Märchen ist: Schwangerschaft und Gurken.«

Doch Silke raubt mir auch diese Illusion. Stattdessen gewährt sie mir einen Ausblick auf weitere lukullische Genüsse.

»Warte erst mal ab, bis die Chips-mit-Senf-und-Nutella-Zeit beginnt.«

»Du lieber Himmel. Ernsthaft?«

Silke nickt, während sie alles in einer Plastiktüte verstaut.

Ich erspare mir weitere Fragen und wünsche ihr noch eine stressfreie Nachtschicht. Als ich schon fast aus der Tankstelle bin, drehe ich mich noch einmal um. »Sag mal, warum wollen Frauen eigentlich unbedingt Kinder bekommen und großziehen, wenn sie doch noch nicht einmal Überraschungseier zusammenbauen können?«

»Was?«

»Ist doch so. Die meisten schaffen es ja nicht einmal, selbstständig eine Happy-Hippo-Figur aus dem Ei zu befreien. Aber Kinder kriegen wollen sie alle.«

Silke schüttelt den Kopf.

»Dafür kenne ich keinen Mann, der es schafft, unfallfrei mit seinem Teil durch einen dreißig Zentimeter breiten Klodeckel zu pinkeln, ohne alles vollzusauen. Und trotzdem meint jeder von euch Typen, dass er der Einzige ist, der immer unfallfrei trifft.«

»Blödsinn.«

»Von wegen. Ihr trefft nicht mal diese dreißig Zentimeter und denkt trotzdem, in unserer kleinen Vagina die allergrößten Helden zu sein. Ihr führt euch doch wie Robin Hood in unserem kleinen Sherwood Forrest da unten auf. Dabei sind die meisten eher vom Format Little John.« Silke lacht über ihren eigenen Vergleich laut auf und winkt belustigt in meine Richtung.

Auf ihre Ausführungen gehe ich daher gar nicht mehr ein, proste ihr stattdessen mit dem Faxe zu und gehe meiner Wege. Robin Hood! Dass ich nicht lache. Der musste bestimmt nie nachts raus, um Toffifee und irgendwas mit Minze von der Tanke zu holen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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